Man sollte es umbenennen: GRAVESEND in Loser’s City

IMG_7560In William Boyles Kriminalroman GRAVESEND gibt es keine Winner. Es sind arme Schweine, die in diesem kleinen Stadtteil innerhalb Brooklyns agieren. Selbst der große Pate krepiert durch ein paar Kugeln. Das wahre Leben in Gravesend spielt sich allerdings einige Stufen darunter ab. In der Familie von Ray Boy Calabrese und der seines Opfers Duncan. Ray Boy hatte vor sechzehn Jahren mit seinen Kumpel den schwulen Jungen Duncan verprügelt und in den Tod gehetzt.

Jetzt ist er wieder frei. Zur Freude seines Neffen Eugene, der alles in seinem Leben hasst außer Onkel Ray Boy, den er anhimmelt. Zur Freude auch von Duncans nichtsnutzigem Bruder Conway, der den Tod von Duncan rächen und deshalb Ray Boy töten will.

Doch Ray Boy ist nicht mehr der starke Typ, der er war oder den er damals gemimt hat. Er will nur eins, sterben. So scheint er zufrieden zu sein, als Conway mit einer Pistole bei ihm auftaucht, um ihn zu erschießen. Aber Conway schafft es nicht, am Abzug zu ziehen. Ray Boy bittet und bettelt getötet zu werden, Conway versagt. Er ist nicht nur ein Feigling, er ist zudem so dumm, dass er sein Opfer entkommen lässt. Ray Boy zieht es wieder zurück zur Familie, in der nun Neffe Eugene erkennt, dass seinem Idol alles Kriminell-Heldenhafte verlorengegangen ist.

Und so leben sie alle kurze Zeit weiter in ihren verrottenden Häusern und zerbrochenen Familien. Conway mit dem kranken Vater, der den Tod seines anderen Sohnes nicht verkraftet hat. Ray Boy und Eugene sowieso am Rande der Gesellschaft. Und auch im Umfeld nur keifende Mütter, unverstandene Töchter, übelste Kneipen, nicht die geringste Lebensfreude. Nicht ein einziger Lichtblick, kein Happy End in Sicht. Und so geht die Geschichte auch aus: ein paar Tote mehr in und um Gravesend, eine Lose-Lose-Situation für jeden der Player.

Es ist eine düstere Story, die William Boyle erzählt, ein Noir, der an Tristesse kaum überboten werden kann. Ein Rächer, der nicht rächen kann, weil er zu schwach ist, und der zu Rächende, der darum bettelt, erschossen zu werden, und das Projektmanagement dazu übernimmt, trister geht es nicht.

Eine großartige, bewegende Beschreibung von der Hoffnungslosigkeit der Charaktere und deren Zerbrechen.

— O —

William Boyle, Gravesend, übersetzt von Andrea Stumpf, herausgegeben von Wolfgang Franßen, Polar Verlag (2018), ISBN 978-3-945133-55-2

Originaltitel: Gravesend (USA, 2013)

— O —

Andere Meinungen:

Der Blog der Schurken

Alexander Roth in der Waiblinger Kreiszeitung und anderen Blättern des ZVW

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