William Boyle: Einsame Zeugin

IMG_9437Das wilde Leben als Barkeeperin und Partygirl liegt hinter Amy. Nun ist sie eine brave Kirchenmaus, bringt – ihre Tattoos unter der schlichten Kleidung verborgen – den Alten und Einsamen ihrer Gemeinde die Kommunion, kümmert sich um sie. Nichts ist mehr so wie es einmal für Amy war, nachdem sie von ihrer Freundin Alessandra verlassen wurde. Ihr unbeschwertes Leben hat sie umgetauscht in ein Leben in Demut, Nächstenliebe aber auch Argwohn.

So merkt sie, das etwas nicht stimmt, als sie Mrs. Epifanio die Kommunion bringen will. Die alte Dame ist in Sorge, weil Vincent, der Sohn ihrer Pflegerin, sich eigenartig benimmt, ohne ihre Zustimmung ihr Schlafzimmer aufsucht und darin unbeobachtet herumschnüffelt und -werkelt. Das erweckt Amys Misstrauen und sie verfolgt Vincent, als er die Wohnung von Mrs. Epifanio verlässt. Während Amy in bester Detektiv-Manier ihr Objekt beschattet, wird Vincent mit einem Messer von einem Kerl erstochen, den sie zunächst nicht erkennt.

Weshalb Amy das Messer nimmt und die Tat verheimlicht, das Geheimnis mit sich herumträgt, bleibt auch für die Leser ein Mysterium. Kurz darauf taucht der Mörder  in Amys Leben auf – er weiß, dass sie Vincent gekannt und den Mord beobachtet hatte – und bietet ihr einen Deal an, den die brave Kirchenmaus annimmt. Damit beginnen einige Wendungen in diesem Fall, die Amy nicht verhindern kann.

Gravesend, ein Teil von Brooklyn, wurde einmal als Teil des „Forgotten New York“ bezeichnet, ein Teil von Big Apple, der nicht im Rampenlicht steht, ebensowenig wie seine Bewohner. Hier im kleinstadtartigen Milieu, wissen die Bewohner schon am Vormittag, was mittags auf den Tisch kommt. Sie wissen, wer gut oder böse ist, ehrlich oder kriminell. Und in diesem Wissen haben sie sich mit ihren Mitmenschen und deren Lebensweisen arrangiert -oder sie träumen wie auch Amy davon, Gravsend zu verlassen. Doch meist fehlen dazu Kraft und Mittel.

Wie in Gravesend erzählt William Boyle auch in Einsame Zeugin von der Tristesse, die in diesem New Yorker Stadtteil herrscht.

Es ist kein spannender Reißer sondern eine Geschichte, bei der man mit zittert und Amy die Daumen drückt, dass sie aus diesem grauen Leben den Absprung zu einem neuen bunteren, glücklicheren Leben findet, auf welche Weise auch immer.

Ein Kriminalroman mit Nachhall, der noch lange zu hören ist. Ein Buch, das am Ende nicht einfach zugeklappt und vergessen wird.

— O —

William Boyle: Einsame Zeugin

Originaltitel: The Lonely Witness (USA 2018)

Deutsche Ausgabe: Polar Verlag (2019), übersetzt von Andrea Stumpf, Herausgeber: Wolfgang Franßen

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