Zwei Fälle für Nero Wolfe: Es klingelte an der Tür/ Zu viele Köche

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In 33 Kriminalromanen und 41 Kurzgeschichten ermittelt der Bonvivant Nero Wolfe für horrendes Honorar als Privatdetektiv. Vorwiegend sind es Mordfälle, deren Aufklärung Nero Wolfe betreibt. Sein mehrstöckiges „Old Brownstone“ mit der Orchideenzucht auf dem Dach verlässt er dazu nur äußerst selten, den Kontakt zur Welt außerhalb seines Hauses gewährenleisten hauptsächlich neben seinem wichtigsten Mitarbeiter Archie Goodwin, die Klienten und der Leiter des New Yorker Morddezernats, Inspector Cramer. Beruf und Privatleben spielen sich im  Old Brownstone ab, dort lebt und arbeitet neben Wolfe und dem „Mädchen-für -alles“-Goodwin auch deren Koch Fritz Brenner, der für ausreichendes und feines Essen sorgt. Außer seinen Fällen, den Orchideen und dem guten Essen liebt Wolfe Bier, Literatur ein schickes Auto. Frauen und Aushäusigkeit mag er nicht.

Rex Stout hat die Romane und Erzählungen zwischen 1934 und seinem Tod im Jahre 1975 geschrieben. Sie beinhalten eine Vielzahl von Statements und Kommentaren zur damaligen Politik und Verhalten der Gesellschaft – z.B. Rassentrennung und Rassenhass ( in ZU VIELE KÖCHE, im Original: Too Many Cooks von 1938) – sowie Kritik an der Führung des FBI durch Edward Hoover und die Arbeitweise der Agenten des Federal Bureau of Investigation ( in ES KLINGELTE AN DER TÜR, im Original The Doorbell Rang von 1965). Erzählt werden die Geschichten von Archie Goodwin, der nicht nur die Finanzen von Wolfe regelt, sondern auch alle Aufgaben vom Adjutant bis zum Diener für seinen Boss ausübt.

Bei Klett-Cotta sind kürzlich zwei Bände der Nero-Wolfe-Reihe erschienen. Ein dritter wird im April folgen: DER ROTE STIER (The Red Bull von 1938). Über 40 Jahre nach den ursprünglichen deutschsprachigen Ausgaben lässt der Verlag den schwergewichtigen Privatermittler wieder auferstehen. In welchem Umfang das geschieht, ist mir nicht bekannt, zumal die neu übersetzten Bände nicht in der chronologischer Reihenfolge erscheinen.

IMG_7535ES KLINGELTE AN DER TÜR ist jetzt als erster Band  erschienen, es ist der 28. der Reihe. Eine ältere Dame aus reichem Haus, Rachel Bruner, erscheint bei Nero Wolfe. Sie fühlt sich von Agenten des FBI beschattet und bittet den Ermittler, dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr vom Geheimdienst belästigt und verfolgt wird. Der Grund für die Observierung scheint damit zusammenzuhängen, dass sie 10.000 Exemplare eines Buches, das sich kritisch mit der Arbeit des FBI auseinandersetzt, an Freunde sowie hochrangige Politiker, bedeutende Geschäftsleute und andere Spitzen der Gesellschaft verschenkt hat.

Wolfe lehnt es zunächst ab, den Fall zu übernehmen, weil er keine Möglichkeit sieht, gegen Egdar Hoover und dessen zig tausendköpfigen Geheimdienst erfolgreich zu sein. Das Angebot von 100.000 $ kann er dann aber letztlich doch nicht ausschlagen, als er daran denkt, wie viel Zeit er damit hätte, um Orchideen zu züchten und sein Leben zu genießen. Dass er und seine Helfer dabei ebenfalls ins Visier des FBI gerät, kalkuliert er dabei ein, denn – das wissen Wolfe und Goodwin – „die können alles“. ALLES war im Jahre 1965 zwar weit davon entfernt, was heute möglich ist, aber die Mittel des FBI waren auch damals umfangreich und schier unerschöpflich.

Wolfe denkt, schickt Archie Goodwin in das eine oder andere Haus, spricht mit seiner Klientin, deren Familie und ihrer Sekretärin, holt sich Informationen bei einem Zeitungsmann und Inspector Cramer – und stößt auf einen Mord an einem investigativen Journalisten. Wolfe widersetzt sich dem Druck der Geheimdienstler, schlägt ihnen ein Schnippchen und zeigt damit, dass dem FBI doch nicht die Fähigkeiten eines Nero Wolfes zur Verfügung stehen.

Der Fall wird geklärt, Mrs. Bruner kann sich wieder ohne die Kletten vom FBI bewegen. Zum Schluss klingelt es an Wolfes Tür und Archie merkt an: „Na, also. Der ganz große Fisch.“ Dem Leser wird suggeriert: J. Edgar Hoover, Direktor des FBI und dessen Vorgängerorganisation, fast 50 Jahre lang, Manipulator, Dossier-Sammler und Kommunistenhasser, ungeliebt, doch nie aus seinem Amt gefeuert. Wolfe hatte dem großen Fisch und dem FBI mächtig zugesetzt, aber einen Deal mit ihm sollte es nicht geben. Die Tür vom Brownhouse bleibt geschlossen.

Das Verhältnis, das Rex Stout zum FBI und dessen Direktor hatte, war nicht ungetrübt. Dazu hat in späten Jahren des Krimi-Schreibens insbesondere dieses Buch beigetragen. In einem interessanten Nachwort beschreibt Jürgen Kaube die Beziehung.

Wenn auch ES KLINGELTE AN DER TÜR die Dynamik des körperlichen Handels fehlt – Koloss Wolfe bewegt sich mit seinen 140 kg nicht so quirlig wie es heute oftmals der Fall bei den jungen Draufgängern ist – so zeichnet diesen Roman jedoch die Dynamik des Denkens von Nero Wolfe aus. Ohne die Ablenkung durch die Hektik in den Straßen und Institutionen New Yorks kann sich der Boss konzentriert seiner Arbeit widmen . Und findet immer noch genügend Zeit für Orchideen, Bier, Literatur und exzellentes Essen. Ein herrlicher Krimi aus einer längst vergangenen Zeit.

IMG_7534ZU VIELE KÖCHE ist bereits 1938 als 5. Band der Nero-Wolfe-Reihe erschienen, der zweite Roman der Klett-Cotta Sammlung. Die Handlung ist ungewöhnlich, weil Nero Wolfe sein Haus verlässt, um mit dem Nachtzug in Begleitung von Archie Goodwin nach West Virginia zu fahren. Die Zugfahrt gefällt Wolfe überhaupt nicht, aber er unterzieht sich der Tortur, um zu einem Treffen der Les Quize Maîtres zu fahren, zu dem er von einem befreundeten Mitglied eingeladen wurde. Die Meisterköche dieser Vereinigung aus der ganzen Welt treffen sich alle fünf Jahre, tagen, speisen und wählen wenn nötig neue Mitglieder. Neid und Missgunst zwischen den Stars ist nicht ausgeschlossen, und einer von Ihnen wird von allen gehasst. Es ist Phillip Laszio, der dem einen Kollegen die Frau, einem anderen einen begabten Jungkoch ausgespannt hat und was das Schlimmste ist, er hat seinen Kollegen auch Rezepte geklaut, die er schlecht umsetzt. So kommt es, dass die meisten der Maîtres ihm den Tod wünschen. Es ist für den Leser keine Überraschung, als er tot, mit dem Messer im Rücken bei einer besonderen Verkostungssession aufgefunden wird.

Nun hatte Nero Wolfe auf seiner qualvollen Zugfahrt einen der anwesenden Meisterköche getroffen, der Laszio ebenfalls den Tod wünschte, weil dieser ihm das Rezept für die saucisse minuit gestiebitzt hatte. Wolfe hatte diese Kostbarkeit vor vielen Jahren bei seinem Mitfahrer genossen. Aber so sehr der Privatermittler auch den Meisterkoch während der Fahrt bat, das Rezept war so geheim, dass Wolfe es trotz aller Beteuerungen, es nicht weiter zu geben, nicht bekam.

Laszio ist also tot, verdächtigt und festgenommen wird zunächst der Erfinder des Originalrezepts. Nichts liegt natürlich näher, als Wolfe zu bitten, den Fall zu klären. Die Mitgereiste Tochter des Verhafteten ist von der Unschuld ihres Vaters überzeugt, Wolfe ebenfalls. Doch dieser weigert sich zunächst zu ermitteln. Er hat Bedenken, dass er den wahren Täter schnell finden kann und befürchtet, seine Rückreise zu verpassen.

Aber wie es so ist, er lässt sich breitschlagen. In der weitläufigen Anlage des Nobelhotel gibt es neben den Meisterköchen allerdings jede Menge anderer Gäste und Angestellte. Und da Wolfe bald ausschließen kann, dass einer der Meisterköche der Mörder ist, ist die Suche nach dem Motiv recht schwierig.

Doch der geniale Detektiv findet den Weg zu ihm im Gegensatz zu den ermittelnden Behördenvertretern. Denn Wolfe gelingt es, das Vertrauen der farbigen Angestellten zu gewinnen und ihr Verhalten zu verstehen, das geprägt ist von ihren schlechten Erfahrungen im Umgang mit den Weißen. So sieht es damals aus: „Herrenrasse auf der einen Seite, Neger auf der anderen.“ Da hält man auf Seiten der Geknechteten, der Nichtgeachteten den Mund, auch wenn man etwas gesehen hat. Rassentrennung und Rassenhass wird hier so differenziert beschrieben, dass die Handlung um den Mord und dessen Aufklärung zeitweise in den Hintergrund gedrängt wird.

Tobias Gohlis hat dieses Phänomen in einem Nachwort ausführlich beschrieben und analysiert, dabei auf die Intention Stouts hingewiesen. So erhält der Roman mit den Befindlichkeiten Wolfes und den Allüren der Maîtres durch die Schilderung der Schwarz-Weiß-Gegensätzen und -Ressentiments in der damaligen Gesellschaft eine Wendung vom Krimi zum gesellschaftspolitischen Statement von Rex Stout.

Und als Leser empfinde ich dabei: 80 Jahre danach hat sich die Welt noch gar nicht so sehr verändert. Die Maîtres sind nach wie vor abgehoben, Gegensätze von Schwarz und Weiß – egal wie man „Schwarz“ heute definiert – bestehen weiterhin.

Lesenswert inklusive Nachwort. Ach übrigens: Das Rezept für die saucisse minuit gelangte dann doch in die Hände von Nero Wolfe, als Honorar.

— O —

Es klingelte an der Tür: neue Übersetzung von Conny Lösch

Zu viele Köche: neue Übersetzung von Simone Salitter und Gunter Blank

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Eine Antwort zu Zwei Fälle für Nero Wolfe: Es klingelte an der Tür/ Zu viele Köche

  1. seestern12 schreibt:

    Hallo Philipp,
    ich wusste gar nicht, dass ein weiterer Band erschienen ist. Vielen Dank für
    den Tipp.
    Liebe Grüße,
    Petra

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