Spannend wie ein Krimi, basierend auf dem realen Leben des Psychiaters Ludwig Meyer und dessen Reformen: Andreas Kollender – Von allen guten GEISTERN

IMG_6495Der Psychiater Ludwig Meyer hat sein Ziel erreicht. Es ist ihm gelungen, in Hamburg eine Heil- und Irrenanstalt nach seinen Vorstellungen gegen den Widerstand großer Teile der  Kollegen und Hamburger Politiker zu gründen. Eine Anstalt, in der die Irren nicht mehr weggesperrt, ihr Irrsinn nicht mehr durch folterartiges Traktieren ausgetrieben werden sollen. Mit dem zudem eingeführten No-Restraint-Prinzip sollten die Kranken erstmals in Deutschland menschenwürdig betreut und behandelt werden – ohne Zwangswesten. Die verkauft Meyer 1864 auf dem Marktplatz auf dem Heiligengeistfeld bei Hamburg. Neider und Zweifler erkennen Meyers Arbeit nicht an, intrigieren und der Pychiater muss seinen Posten als Leiter der Anstalt aufgeben.

Das ist der Kern der Geschichte, die Andreas Kollender basierend auf dem Leben des fortschrittlichen Irrenarztes Ludwig Meyer erzählt. Fiktion verknüpft mit Ereignissen aus dem Leben des Arztes, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland das Psychiatriewesen gegen erhebliche Widerstände reformierte.

Das ist die Geschichte wie Kollender sie erzählt:

Fast 25 Jahre nach jenem denkwürdigen Tag, an dem er die Zwangsjacken verkaufte und einige Zeit später aus seiner Anstalt vertrieben wurde, kehrt Meyer nach Hamburg in Begleitung einer Patientin zurück, um die Abschiedsvorstellung seiner einstigen Geliebten, der Fanny zu besuchen und sich von ihr zu verabschieden, da die Schauspielerin nach Amerika auswandern will. Er kehrt zunächst in seinem verlassenen Elternhaus ein und erinnert sich an seine Zeit als Jugendlicher, als er erleben mußte, wie seine Mutter seelisch erkrankte, Vater und der behandelnde Arzt nicht anderes wussten, als sie schließlich in einer Irrenanstalt damaliger „Qualität“ wegzusperren. Der junge Ludwig versteht den Umgang des Vaters mit der Krankheit der Mutter nicht und es gelingt ihm, mit Hilfe des Apothekers jener Anstalt, die Mutter noch einmal zu sehen. In einem stinkenden Keller ist sie zusammen mit Hunderten anderer „irren“ Frauen untergebracht, in heute kaum vorstellbaren menschenunwürdigen Verhältnissen. Die Mutter mittendrin, kaum noch zu erkennen. Kurze Zeit später erfährt der Sohn, dass seine Mutter sich das Leben genommen hat. Er findet auch heraus, dass Wärter gegen ein kleines Bestechungsgeld die Frauen nackt interessierten Männern präsentieren, die sich beim Betrachten und Begrabschen der „Irren“ ergötzen dürfen. Auch die Mutter wurde offenbar zur Schau gestellt.

Ludwig Meyer entwickelt einen Hass auf den Anstaltsarzt, die Wärter und die Art, in der mit den Kranken umgegangen wird und beschließt, Medizin zu studieren, um Irrenarzt zu werden, die Bedingungen der Unterbringung zu verbessern und Methoden zur Behandlung einzuführen. Nach erlebnisreichen Studien – der reale Meyer studierte nicht nur, er war auch aktiv bei der Revolution 1848/49 dabei und verbrachte einige Zeit hinter Gittern, Kollender bindet auch diesen Lebensabschnitt in den Roman ein – kommt Ludwig wieder nach Hamburg zurück und beginnt mit der Planung und der Einrichtung der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Neben diesen Aktivitäten kommt das Privatleben des Arztes recht kurz. Die Liebe zu Fanny ist zeitweise intensiv, das Verhältnis der beiden leidet jedoch unter der fast als irre zu bezeichnenden Arbeitswut Meyers mit seinem ständigen Streben, seine Pläne umzusetzen und  die Patienten zu verstehen und zu heilen.

Letztlich scheitert Meyer an seinen eigenen Ansprüchen und den Intrigen von Widersachern außerhalb und innerhalb der Klinik. Eine quasi „unehrenhafte Entlassung“, das fluchtartige Verlassen von Hamburg und Fanny zerstören die Lebensplanung des Psychiaters. Das alles erleben wir in einer Retrospektiven, erzählt zu dem Zeitpunkt, als der Arzt wieder in Hamburg auftaucht und dabei versucht, späte Rache an seinen Feinden von damals zu nehmen.

Ein Vergleich der Vita des Ludwig Meyers des Romans mit der realen wie sie in einfach zugänglichen Quellen zu lesen ist, zeigt, dass nicht nur die Romanfigur ein außergewöhnliches Leben führte, sondern dass Meyer auch im wahren Leben sowohl teilweise Abenteuerliches erlebt, aber besonders Bedeutsames geschaffen hat. Mit diesem Roman schildert Andreas Kollender auf interessante und unterhaltsame Weise nicht nur das Leben eines Reformators der Psychiatrie in Deutschland, sondern auch die verheerenden Zustände bis weit in das 19. Jahrhundert im Umgang mit seelisch Kranken. Meyers Verdienst ist es, die damals noch als Irren bezeichneten Kranken menschenwürdig unterzubringen und deren „Behandlung“, den „Unsinn“ durch Zwang und Strafe auszutreiben, abzuschaffen. Besonders aber, die körperliche , zumeist neurologische Krankheit als Ursache von psychischen Störungen anzuerkennen. Meyer beschäftigte sich als einer der ersten Wissenschaftler mit forensischer Psychiatrie und der Anerkennung der Schuldunfähigkeit psychisch kranker Straftäter. Nach ihm wurde das Institut für forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Georg-August-Universität in Göttingen benannt, deren Rektor er 1884/85 war und an der er den ersten an einer deutschen Irrenanstalt geschaffenen Lehrstuhl für Psychiatrie innehatte.

Kollender hat mit seinen umfangreichen Recherchen zum Leben des Wissenschaftlers und Arztes eine gute Basis für seinen Roman geschaffen, der wie der bereits 2015 erschienene Roman Kolbe* spannend wie ein Kriminalroman ist, dabei durch die historischen Fakten die Gemüter aufwühlt und erzürnt.

Beide Romane sind Werke über dunkle Kapitel in unserer Geschichte und das Bestreben einzelner, Änderungen herbeizuführen.

Ludwig Meyer hat es im realen Leben geschafft. Dafür gebührt ihm posthum Anerkennung.

Ein Dank aber auch an Andreas Kollender, dass er das Leben des Psychiaters auf diese Weise beschrieben und damit dessen Wirken publik gemacht hat.

– – O – –

Andreas Kollender: Von allen guten Geistern, 2017 erschienen bei PENDRAGON

 – – O – –

Zu diesem Buch wurde von PENDRAGON eine Blogtour organisiert. Fünf Blogger*innen haben über den Roman und Autor gebloggt:

Ein Revoluzzer verkauft den Zwang, eine Rezension auf dem Blog Seitengang

Essay zur Rehabilitation des Irrsinns durch proaktive Therapiemethoden auf dem Blog Der Medien- und Buchblog

Ein fiktives Interview mit Dr. Ludwig Meyer auf Die dunklen Felle

Ein Interview mit Andreas Kollender geführt von Silvia auf Leckere Kekse…

Ein Lesetagebuch zum Buch von Katja alias Philly Biblio auf ihrem Blog Wortgestalt

Neben diesen Posts zur Blogtour besonders erwähnenswert die im CULTURMAG erschienene Rezension von Anne Kuhlmeyer Hirn und Herz

 – – O – –

*Fritz Kolbe, Beamter im Auswärtigen Amt in Berlin, der in den letzten Kriegsjahren durch Weitergabe wichtiger Dokumente an den amerikanischen Geheimdienst versuchte, den Krieg mit seinen verheerenden Ereignissen abzukürzen, und nach dem Krieg als Nestbeschmutzer und gar Verräter von alten, inzwischen durch geschickte Manipulationen entnazifizierte Ex-Nazis geächtet wurde.

 

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Gary Victor: Suff und Sühne

Victor_Suff_CoverIn diesem Land, so wie es Gary Victor in seinem dritten Band mit dem ehrlichen, unbestechlichen Inspektor Dieuswalwe Azémar beschreibt, möchte ich nicht leben.

Staat und Polizeiapparat sind desolat, Politiker und Polizisten überwiegend korrupt, Mitglieder der UN-Truppen agieren als militärische Besatzer und stehen Politikern und Polizisten in ihrer kriminellen Energie, die Bevölkerung zu unterdrücken und auszubeuten, in nichts nach.

Da bleibt jemanden wie dem Inspektor nur der Suff, auch wenn er damit Job und Leben riskiert. So leiden wir mit ihm, wenn der Zuckerrohrschnaps Soro seinen Schädel fast platzen lässt. Wir fürchten mit ihm um das Leben seiner Tochter Mireya, sie ist das einzige, was für ihn zählt, wofür er bereit ist, sein Leben zu opfern oder zu ändern.

Nach Schweinezeiten und Soro sind in Suff und Sühne die schweren Zeiten für den Inspektor nicht vorbei, aber mit dem Soro ist – zunächst – Schluss: Azémar ist mal wieder auf Entzug. Das bedeutet, dass er sich entweder im Delirium befindet oder halluziniert, ab und zu Pillen einwerfen muss oder eine Injektion verpasst bekommt. Freiwillig nimmt er die Qualen nicht auf sich. Er war vor die Wahl gestellt, Kur oder Rausschmiss. Rausschmiss bedeutet für ihn Ruin. Ruin bedeutet Verlust der Tochter, für die er nicht mehr sorgen könnte. Deshalb versucht er, trocken zu bleiben. Und dann passiert es:

In sein beschissenes Leben platzt die Tochter eines toten brasilianischen UN-Generals, der angeblich Selbstmord begangen hat. Doch die Tochter bezichtigt Azémar, ihren Vater ermordet zu haben. In einer undurchsichtigen Aktion wird die Brasilianerin bei ihrem Besuch erschossen und der Inspektor weiß – soweit kann er klar denken -, dass ihm neben dem Mord am General auch noch der an dessen Tochter angehängt werden soll.

Dabei könnte er schwören, den General nicht umgebracht zu haben. Aber Fotos, die ihm von der Tochter gezeigt wurden, scheinen das Gegenteil zu beweisen. Gerade rechtzeitig, bevor ihn die Häscher eines unbekannten Auftraggebers kassieren, setzt sich Azémar ab, versucht zu erfahren, was hinter der Beschuldigung und den Fotobeweisen steckt. Es steckt viel dahinter: Entführung eines Unternehmersohns, ein Bandenboss mischt mit. Es ist die Hölle für Dieuswalwe Azémar und er geht durch sie durch. Und so kommt es wie es kommen muss, neben der Beretta wird auch der Soro wieder in den Freundeskreis des Inspektors aufgenommen. Azémars Leben geht weiter, die Schweinezeiten sind für ihn noch längst nicht zu Ende.

Azémar bleibt Azémar genau so wie Gary Victors Haiti Haiti bleibt. Und das ist – bezogen auf diese Fiktion (die fatalerweise der Realität so nahe kommt) auch gut so, denn damit haben wir Hoffnung auf ein weiteres Abenteuer von „Gott sei gelobt“- Dieuswalwe Azémar.

Gary Victor,…..mit seiner unverwechselbaren Handschrift, in der sich beißende Sozialkritik mit schwarzem Humor und einem Zug ins Surrealistische verbindet, vermag er wie kaum ein Autor die Wirklichkeit seines Landes einzufangen.*

Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

– – O – –

litradukt-gary_victor-suff_und_suehne-umschlag_vorderseiteOriginaltitel: Cures et châtiments (Kanada 2013), dt 2017 (Übersetzung: Peter Trier)

eBook-Ausgabe: CulturBooks Verlag,

Deutsche Printausgabe: litradukt

* aus dem Vorwort „Über das Buch“

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

TRUE CRIME: Rotz‘ nicht vor den Kiosk, den du überfallen willst

IMG_6507

Ein fürchterliches Verbrechen geschah kurz vor Weihnachten 2016 in Wiesbaden. Um einen Kiosk auszurauben, erschoss der Täter die Kioskbetreiberin und verletzte deren Mann und ihren Neffen, einen Fußballprofi von Dynamo Dresden, durch weitere Schüsse schwer. Diese Aktion dauerte nur wenige Sekunden. Zuvor hatte der Täter jedoch den Kiosk beobachtet, war vor ihm auf und ab gegangen und hatte, von einem Zeugen beobachtet, auf den Gehweg gespuckt.

Beim Abgleich dieses „Asservats“ mit den DNA-Profilen der DNA-Datenbank gab es einen Treffer. Der 26-Jährige war der Polizei bekannt. Sein DNA-Profil war bereits in der Datenbank abgelegt.

In Kürze beginnt in Wiesbaden der Prozess. Mord und zwei Mordversuche werden den Spucker vorgeworfen.

Merke: s.o.

Das Foto zeigt den Ausschnitt eines Artikels aus dem Wiesbadener Kurier vom 24. April 2017

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Über die manipulative Wirkung geschriebener Worte: Maren Graf – Todschreiber

IMG_6492Maren Graf erzählt in Todschreiber von einem Phänomen, bei dem die Leser*innen dieses Buches sich fragen werden, ob es das überhaupt gibt. Kriminalromane sind Fiktionen und dieses Buch ist ein Kriminalroman und so könnte ein solches Geschehen durchaus als Fiktion zu betrachten sein.

Die Kieler Kommissarin Lena Baumann weiß zunächst nicht so recht, wie sie einordnen soll, was sie bei der Leiche des Mannes findet, der Selbstmord begangen hat. Der Man hatte sich offensichtlich spontan erhängt. Ein Brief ohne Absender mit eigenartigen Text wird in der Nähe des Toten gefunden. Kein Abschiedsbrief, aber ein Brief der wegen der Wortwahl seltsam erscheint. Der Schreiber des Briefes hat sich bei der Wortwahl große Mühe gegeben, das Schreiben auf exquisiten Papier und in gleichmäßiger Schrift mit blauer Tinte verfasst. Als kurze Zeit später eine Frau von der Aussichtsplattform des Kieler Rathauses in den Tod springt, wird wieder ein Blatt Papier gefunden. Wohl auch ein Brief, er ist jedoch unleserlich, weil der Regen die Tinte verwaschen hat.

Lena stellt die Hypothese auf, dass jemand durch Briefe bewirkt, dass Menschen in der Stadt nach Erhalt eines solchen Schriftstück spontan ihr Leben beenden. Ihr Chef und die Kollegen tun diese Überlegung zunächst als Lenas Hirngespinst ab, aber die Kommissarin lässt nicht locker und schließlich finden sie und ihr Team heraus, dass es in der Vergangenheit ähnliche Freitode gegeben hat, bei denen Briefe ein Rolle spielten. Und noch etwas erkennen sie. All diese Menschen waren wegen psychischer Probleme in Behandlung.

Um auf die Spur des Phänomens zu kommen, googelt sich Lena durch die Welt der Hypnose, lässt sich von einem Sprachwissenschaftler die Funktion und Bedeutung bestimmter Schlüsselwörter im Brief erklären, der bei dem Erhängten gefunden wurde, und bemüht Fachleute, die sich mit Forensischer Linguistik auskennen.

Dabei steigt die Spannung, die Dramatik nimmt zu. Falschen Spuren wird nachgegangen, dadurch wird wertvolle Zeit vergeudet, was möglicherweise dazu führt, dass weitere Briefe – wenn denn die Hypothese stimmt – ihren Zweck erfüllen. Schwierig gestalten sich die Ermittlungen auch deshalb, weil kein Motiv erkennbar ist.

Maren Graf hat mit Todschreiber einen ungewöhnlichen Kriminalroman geschrieben, der getrost als Thriller bezeichnet werden kann. Zunächst – auf den ersten 100 Seiten – verläuft die Handlung jedoch recht spannungslos. Mit dem Auftreten des Literaturwissenschaftlers, dem die Kommissarin den Brief vorlegt, ist plötzlich die Dynamik und die Spannung da, die dieses Buch zu einem Thriller macht. Zudem hat die Autorin ein meines Wissens in der Kriminalliteratur unbekanntes Thema aufgegriffen (auf das ich hier wg. Spoilergefahr nicht näher eingehe). Somit erscheint der Todschreiber wie ein Solitär in einem Wald unzähliger und oftmals gleichartiger Bäume.

Was ist Mord? Auch das ist eine Frage, mit der sich Maren Graf in diesem Buch beschäftigt und somit auch uns als Leser*innen.

Das Phänomen als Realität oder Fiktion? Die Erklärungen etlicher Begriffe, gleich, ob Maren Graf sie aus dem www gezogen oder sie von in der Danksagung aufgeführten Fachleuten erhalten hat, laden zu eigenen Recherchen ein und bringen interessante Erkenntnisse.

Dieser Debütroman hat es in sich.

– – O – –

Maren Graf: Todschreiber, erschienen 2017 als Taschenbuch im Gmeiner-Verlag

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

Philip Kerr: Die falsche Neun

IMG_6157Nach den Pleiten, Pech und Pannen für die deutschen Vereine bei den Viertelfinals der europäischen Fußballwettbewerbe wende ich mich einem wirklich bedeutenden Ereignis im europäischen Fußball zu, wie es beschrieben ist im Thriller „Die falsche Neun“ von Philip Kerr.

Kerr hat bereits in den letzten Jahren seinen Protagonisten , Trainer Scott Manson, einige Schweinereien im europäischen Spitzenfußball aufdecken lassen.

In Wintertransfer enthüllte er den Skandal, der zum Tod seines Vorgängers João Zarco führte. In Die Hand Gottes fällt in einem Qualifikationsspiel der Champions League in Griechenland einer seiner besten Spieler tot um. Dazu wird auch noch die Schöne eines Escort-Services, die in Verbindung mit Spielern des Vereins stand, tot aufgefunden. Auch dabei geht es wieder um die selbstsüchtigen Aktionen milliardenschwerer Clubbesitzer, krimineller Funktionäre, sensibler Fußballstars, brutalen, empathielosen Grätschern und Tretern, arroganten Möchtegernstars und skrupellosen Spielervermittlern.

Das ist das Setting Kerrs Thriller in der Welt des internationalen Fußballs.

In Die falsche Neun ist es ebenso. Manson wird von Chinesen gelinkt, die Interesse an ihm, europäischen Spielern und Fußballvereinen aus der alten Welt haben. (Realität: Berlusconi hat seinen Inter Mailand inzwischen an Chinesen verhökert). Nachdem Manson das China-Abenteuer überstanden hat, erklärt er sich bereit, für den FC Barcelona einen verschwundenen Kicker zu suchen, der untergetaucht, entführt oder ermordet wurde. Eine dubiose Angelegenheit. Und da der Verschwundene aus der Karibik stammt und angeblich dort Urlaub macht, fliegt Manson hin, findet den Grund für das Abtauchen heraus – und die Ursache.

Da ist er wieder: der Skandal. Hier ein anderer, aber wieder einer, bei dem es um die Gesundheit der Spieler geht. Um die Rücksichtslosigkeit der Entscheider im Big Business Fußball. Selbstverständlich sind auch die Spieler Teil des gefährlichen Spiels. Sie wollen Stars werden, das Starsein genießen, wohl wissend, welche Risiken sie damit eingehen. Risiken, die zum Tode führen können. Manson laviert sich und den Untergetauchten durch dieses Gestrüpp der unterschiedlichen Interessen – zum Wohle des Spielers. Kerr lässt Manson wie einen weißen Ritter wirken, der aber dennoch Teil des skandalösen Systems ist.

Die falsche Neun“ ist mehr ein Hinweis auf diesen „Sumpf des korrupten Spitzensports“, wie das System im Klappentext genannt wird, als ein Thriller. Auch hier ist zu lesen , was wir als „Klein Fritzchen“ schon immer vermutet haben. Eigentlich wussten wir es ja schon: Spitzenfußball ist ein sehr schmutziges Geschäft, in dem sich einige wenige auf Kosten vieler anderer bereichern.

Wir werden es weiterhin beobachten, aber die Begeisterung an dem Spiel werden wir uns nicht nehmen lassen. Nächstes Jahr wird wieder Champions League geguckt, dazu Fußball WM in Russland – und vermutlich wird Philip Kerr seinen Protagonisten Scott Manson den nächsten Skandal aufdecken lassen.

Same procedure as every year. Fußball, die schönste Nebensache der Welt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, nach dem Thriller vor dem Thriller – und der ist letztlich belanglos, aber nett zu lesen.


Originaltitel: False Nine (UK 2015), dt. 2016 bei Tropon erschienen (Übersetzung: Hannes Meyer und Sabine Jakob)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Cool hingerotzt mit vielen Bimm-Bamm-Sätzen: Simone Buchholz – Blaue Nacht

IMG_6357Ich spreche von Chastity Riley, einer Hamburger Staatsanwältin. Kaltgestellt ist sie. Die Abstellkammer ist ihr Büro. Selbst schuld. Passiert, beim Praktizieren von Political Correctness, wenn man den korrupten Chef überführt. Selbst schuld, einem Gangster schießt man nicht die Kronjuwelen ab. Dafür gibt es keine Rosen, Frau Staatsanwältin!

Dafür gibt es einen neuen Job auf dem Abstellgleis. Völlig deplatziert darf sie als Opferschutzbeauftragte ihr Dasein fristen. Vorgesetzte hoffen, dass sie den Job schmeißt.

Aber das tut Riley nicht. Sie hängt sich rein, kloppt dicke Sprüche. Keine Phrase ist zu platt, keine Redewendung zu abgedroschen. Riley denkt und spricht diese Blasen, die sie Bimm-Bamm-Sätze nennt, hat für jede Lebenslage – privat oder dienstlich – den passenden Spruch. Und das ist gut so.

Privat, das ist Teffen mit Kumpels in der Kiezkneipe „Blaue Nacht“ auf St. Pauli. Wirt der Kaschemme ist Ex-Knacki – hatte einen „Schlüsseldienst“ – und Lover der Frau Staatsanwältin, die sich dort und anderswo mit einigen eigenartigen Vögeln umgibt. Einer davon ist „der Faller“, Ex-Bulle, inzwischen pensioniert aber immer noch – oder wieder – auf der Jagd nach dem Albaner, der ihm vor vielen Jahren das Leben dauerhaft versaut hat. Der Albaner, ein Wolf, der sein eigenes Fleisch leckt, das fremde aber frisst . Ein Kerl, der sich nie in die Flinte pinkeln ließ und heute in der hanseatischen Schickeria der Stadt verkehrt. Der Faller will den Wolf.

Dienstlich läuft es für Riley in Bezug auf Opferschutzbeauftragte, aber nicht einfach. Sie betreut Joe, der sonst keinen Namen hat, quasi nicht existiert. Er wurde von drei Typen übel zugerichtet, liegt mit etlichen kaputten Knochen und lädierten Eingeweiden im Krankenhaus. Zunächst mimt Joe den großen Schweiger. Gegen Zigaretten und ein paar Pullen Bier von seiner Schutzbeauftragten lässt er dann aber doch ein paar Informationen raus.

Demnach soll es ein Riesengeschäft geben. Mit Hamburg als Umschlagplatz für Crystal Meth und dessen Cousin aus der Hölle, wie Krok(odil) auch genannt wird. Irgendwas hat der Albaner damit zu tun, aber offensichtlich ist er nicht ganz konkurrenzlos.

Und so schnüffelt in der einen Ecke der Faller, in der anderen sucht Castity Riley den Durchblick, immer unterstützt von Zigaretten, Alk und zwischendurch gebumst von Klatsche.

Diese Geschichte platzt schnoddrig und unfiltriert in einer Weise aus dem staatsanwältlichen Kopf, dass es Spaß macht, diesem Erzählstil zu folgen. Eingestreut darin immer wieder kurze Abschnitte aus den Lebensläufen vom Albaner, von Joe, von dem Faller, Klatsche und den anderen Typen rund um Riley.

Kriminalfälle um Drogenhandel und Revierkampf mit Auftragskillern und anderen „Nettigkeiten“ in diesem Milieu sind schon häufig Inhalt von Kriminalromanen gewesen. Kein*e Autor*in hat sie aber in diese coole rotzige Sprache gefasst, in dem die Bimm-Bamm-Sätze wie die Faust aufs Auge passen. Und das ist das gewisse Etwas, das diesen Krimi so anziehend macht.

– – O – –

Simone Buchholz: Blaue Nacht, erschienen 2016 in der Reihe SUHRKAMP NOVA im Suhrkamp Taschenbuchverlag

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Antje Fries: Eisfrauen

20170310_214923Als in der Gegend um Worms einige Frauen verschwinden, scheint für die alleinerziehende Mutter und Kriminalkommissarin Anne Mettenheimer und ihre Kollegen klar zu sein: Da ist ein Serienmörder am Werk. Leichen der Frauen tauchen nicht auf. Alles weist darauf hin, dass der Killer, wenn es denn tatsächlich einen gibt, die Frauen über eine Partnerschaftsbörse kennengelernt hat.

Jene Börse im Internet, mit deren Hilfe auch die Kriminalkommissarin ihr Single-Dasein beenden möchte. Wie in nahezu jedem Krimi mit einem Frauen mordenden Serienkiller und einer Kommissarin ergibt sich, dass sich die beiden Antipoden in irgendeiner Weise anziehen, aufeinandertreffen und es zu einer dramatischen Beziehung zwischen diesen beiden kommt. Es gibt wohl weder Leser noch Leserinnen, die etwas anderes erwarten. Und so kommt es auch.

Der Weg zu dem großen Event ist jedoch ein interessanter, wenn es darum geht zu erfahren, mit welchen Hoffnungen und Enttäuschungen die suchende Anne ihn geht. Und auch die andere Seite, die düstere, die dazu führt, Beziehungen zu beenden, kann durchaus Verständnis wecken. Ich wüsste nicht, wie ich mich in derartigen Situationen verhalten würde. Möglicherweise……na ja, ich habe es nicht getan, als ich dazu noch die Mittel hatte, Menschen auf diese Weise vom Leben in den Tod zu befördern und  Leichen so verschwinden zu lassen. Eine Art, die ungewöhnlich ist und die meines Wissens noch nicht zuvor beschrieben wurde.

So gebührt Antje Fries Dank und großes Lob, diese Methode in die Kriminalliteratur eingeführt zu haben. Ob Anne Mettenheimer diesem Verfahren entgehen konnte und über die Online-Kontaktbörse einen neuen Partner fürs Leben gefunden hat, wird hier nicht verraten. Gern verrate ich jedoch, das Eisfrauen ein netter und amüsanter, in einigen Passagen auch düsterer Krimi ist. Und: Es ist ein außergewöhnlich passender Titel!


— O —

Antje Fries: Eisfrauen, erschienen im „Winter 2017“ im Leinpfad Verlag

Eisfrauen ist der sechste Mettenheimer-Krimi von Antje Fries, alle im Leinpfad Verlag erschienen.

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen