William Boyle: Einsame Zeugin

IMG_9437Das wilde Leben als Barkeeperin und Partygirl liegt hinter Amy. Nun ist sie eine brave Kirchenmaus, bringt – ihre Tattoos unter der schlichten Kleidung verborgen – den Alten und Einsamen ihrer Gemeinde die Kommunion, kümmert sich um sie. Nichts ist mehr so wie es einmal für Amy war, nachdem sie von ihrer Freundin Alessandra verlassen wurde. Ihr unbeschwertes Leben hat sie umgetauscht in ein Leben in Demut, Nächstenliebe aber auch Argwohn.

So merkt sie, das etwas nicht stimmt, als sie Mrs. Epifanio die Kommunion bringen will. Die alte Dame ist in Sorge, weil Vincent, der Sohn ihrer Pflegerin, sich eigenartig benimmt, ohne ihre Zustimmung ihr Schlafzimmer aufsucht und darin unbeobachtet herumschnüffelt und -werkelt. Das erweckt Amys Misstrauen und sie verfolgt Vincent, als er die Wohnung von Mrs. Epifanio verlässt. Während Amy in bester Detektiv-Manier ihr Objekt beschattet, wird Vincent mit einem Messer von einem Kerl erstochen, den sie zunächst nicht erkennt.

Weshalb Amy das Messer nimmt und die Tat verheimlicht, das Geheimnis mit sich herumträgt, bleibt auch für die Leser ein Mysterium. Kurz darauf taucht der Mörder  in Amys Leben auf – er weiß, dass sie Vincent gekannt und den Mord beobachtet hatte – und bietet ihr einen Deal an, den die brave Kirchenmaus annimmt. Damit beginnen einige Wendungen in diesem Fall, die Amy nicht verhindern kann.

Gravesend, ein Teil von Brooklyn, wurde einmal als Teil des „Forgotten New York“ bezeichnet, ein Teil von Big Apple, der nicht im Rampenlicht steht, ebensowenig wie seine Bewohner. Hier im kleinstadtartigen Milieu, wissen die Bewohner schon am Vormittag, was mittags auf den Tisch kommt. Sie wissen, wer gut oder böse ist, ehrlich oder kriminell. Und in diesem Wissen haben sie sich mit ihren Mitmenschen und deren Lebensweisen arrangiert -oder sie träumen wie auch Amy davon, Gravsend zu verlassen. Doch meist fehlen dazu Kraft und Mittel.

Wie in Gravesend erzählt William Boyle auch in Einsame Zeugin von der Tristesse, die in diesem New Yorker Stadtteil herrscht.

Es ist kein spannender Reißer sondern eine Geschichte, bei der man mit zittert und Amy die Daumen drückt, dass sie aus diesem grauen Leben den Absprung zu einem neuen bunteren, glücklicheren Leben findet, auf welche Weise auch immer.

Ein Kriminalroman mit Nachhall, der noch lange zu hören ist. Ein Buch, das am Ende nicht einfach zugeklappt und vergessen wird.

— O —

William Boyle: Einsame Zeugin

Originaltitel: The Lonely Witness (USA 2018)

Deutsche Ausgabe: Polar Verlag (2019), übersetzt von Andrea Stumpf, Herausgeber: Wolfgang Franßen

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Georges Simenon: Maigrets Memoiren

IMG_9454Dies ist keiner der üblichen „Maigret-Kriminalromane“, sondern eine amüsante „Abrechnung“ des Kommissars mit seinem Schöpfer. In Maigrets Memoiren beschreibt der echte Maigret, wie Simenon den wahren Kommissar in einen fiktiven verwandelt hat, zudem erfahren die Leser, was Maigret in seiner Kindheit und Jugend bis zum Kennenlernen seiner späteren Frau, Madame Maigret, erlebt hat.

 

So ergreift – das ist der etwas umformulierte Titel des ersten Kapitels – Maigret zunächst endlich und ungeniert die Gelegenheit, seine Beziehungen zu einem gewissen Simenon zu erläutern, der zu jener Zeit Groschenromane verfasste und sich von einem echten Kommissar für sein Werk inspirieren lassen wollte.

Wie bei Memoiren üblich erzählt Maigret seine Geschichte in Ich-Form. Er drückt darin aus, dass er nicht immer einverstanden ist, was der Schriftsteller aus seiner Person und seinem Handeln gemacht hat, zitiert dabei auch Simenon, der erklärt: „Mir ist durchaus bewußt, dass diese Bücher vor sachlichen Ungenauigkeiten nur so strotzen. Unnütz, sie alle aufzuzählen. Sie sollen aber wissen, dass sie alle gewollt sind…“. Und als wichtigsten Satz dieser und weiterer Treffen, den Simenon „noch oft mit einer nahezu sadistischen Befriedigung wiederholt hat“, hat sich der Held der vielen Romane eingeprägt: „Die Wahrheit wirkt niemals wahr.“

Simenon versteigt sich sogar in Sätze, die den Kommissar sprachlos machen: „Etwas echter zu machen, als es ist, das ist die ganze Kunst. Und genau das habe ich getan, sie echter gemacht.“

An dieser Aussage hat der wahre Kommissar erheblich zu knabbern und es ist kein Wunder, dass er versucht, einiges richtig zu stellen. Die Vereinfachung der Fiktion im Verhältnis zur Realität betrachtet Simenon als Mittel, Leser nicht mit zu vielen Handelnden zu überfordern. Ob ein Kommissar nur an einem Ort oder einer Region ermittelt – so wie im wirklichen Leben – oder in einem Fall durch ein ganzes Land reist – wie im Roman -, mit „solchen formalen Petitessen“, dass so etwas nicht sein kann, sollen die Leser nicht verwirrt werden.

(An dieser Stelle sei eingefügt, dass sich so manche/r angehende oder noch erfolglose Kriminalschriftsteller/in an den Auffassungen Simenons durchaus orientieren sollte.)

Nun denn: Maigret muss sich im wirklichen Leben von seinen Zeitgenossen durch die Brille des Schriftstellers betrachten lassen. Das ist nicht immer einfach für ihn, denn als den Helden, der aus ihm gemacht wurde, empfindet er sich nicht. Auch die Kollegen sind nicht angetan von der Darstellung des Kommissars und dem Unterschied zwischen seiner fiktiven und ihrer Arbeitswelt.

Maigret erzählt aber auch von dem, was nicht bei Simenon zu lesen ist: von seiner Kindheit, der Jugend bis zum Erwachsenwerden und seinem Eintritt in den Polizeidienst. Vom Verlust der Mutter, der Entfremdung vom Vater, dem Aufwachsen bei einer Tante, schließlich dem Kennenlernen jener jungen Frau, die er heiratet.

Gut, dass wir diese Wahrheiten von Maigret erfahren. Amüsant, dass Georges Simenon mit zwinkerndem Auge uns lesen lässt.

Treffend zusammengefasst von Georg Hensel auf der hinteren Umschlagseite des Taschenbuchs: „In Maigrets Memoiren hat sich Simenon zu einer realen Erinnerung seines fiktiven Kommissars Maigret gemacht. Er hat Schöpfer und Geschöpf, Realität und Fiktion vertauscht.“

— O —

Georges Simenon: Maigrets Memoiren (in der Ausgabe der Atlantik Bücher erschienen 2019 im Hoffmann und Campe Verlag, übersetzt von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands)

Originaltitel: Les mémoires de Maigret (Frankreich 1951, 35. Maigret-Roman)

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Georges Simenon: Maigret und der gelbe Hund

IMG_9444Der noch junge aber bereits Pfeife rauchende Kommissar Maigret soll in Rennes, der Hauptstadt der Bretagne die Polizei reorganisieren. Als in Concarneau der Stadt, die berühmt wurde durch ihre Nähe zum alten Künstlerort Pont-Aven mit ihrer Lichtgestalt Paul Gaugin sowie der nicht geringeren Berühmtheit aus der neueren Kriminalliteratur, Jean Luc Bannalecs Kommissar Dupin – der Weinhändler Mostaguen nachts auf dem Weg vom Café de l’Amiral nach Hause angeschossen wird, wird Maigret jedoch in das Fischerstädtchen Concarneau abgeordnet, um das mysteriöse Attentat aufzuklären.

Da sitzt er im Café – selbstverständlich Pfeife rauchend – und versucht, durch Befragung der Kartenspielfreunde des verletzten Weinhändlers etwas über dessen Freunde und möglichen Feinde zu erfahren. Nicht nur zum Kartenspielen trifft sich die Runde, es wird auch kräftig getrunken und gemeinsam ist ihnen, dass sie einen zweifelhaften Ruf im Ort genießen, besonders weil keine junge Frau vor ihnen sicher ist. So hat Emma, Kellnerin im l’Amirals ein Verhältnis zu Doktor Michoux, die beiden anderen, noch unversehrten Kartenspieler sind ebenfalls als Schürzenjäger bekannt. Während Maigret in seinen Ermittlungen sowohl bei Emma als auch bei dem Schürzenjäger-Trio nicht weiterkommt, entdeckt Michoux Strychnin-Kristalle in den Flaschen, aus denen sie ihren Pernod und Calvados trinken. Niemand weiß, wie das Gift in die Flaschen kam. Die Flaschen werden aus dem Verkehr gezogen. Trotzdem stirbt später einer der Runde an einer Strychninvergiftung.

Und stets schleicht ein großer gelber, unbekannter Hund in der Nähe der Opfer herum. Zudem werden riesige Schuhabdrücke im Umkreis der Tatorte entdeckt, die zu einem Landstreicher führen. In der Stadt bricht eine Hysterie aus, die Jagd auf den gelben Hund und den Landstreicher beginnt.

Große Angst, das nächste Opfer zu sein, hat Doktor Michoux, der Maigret von einer Wahrsagerin erzählt, die ihm einst prophezeit hat, dass er sich vor einem „gelben Hund“ in Acht nehmen solle.

Für Leser Rätsel über Rätsel, während Maigret dem Grund für die Verbrechen und somit dem Täter und dessen Finten bereits auf der Spur ist. Eine alte Geschichte wird aufgedeckt und am Ende gibt es für die damals Betrogenen ein Happyend. Maigret sorgt für Gerechtigkeit.

Dies ist kein Krimi der neueren Art*, der die Schönheit der Landschaft des Finistère in hunderten von Blau- Grün- und Rosatönen in schildert, der die Sehnsucht nach Urlaub in diesem Terrain weckt und die Leser ins Schwärmen über die Attraktivität – gleich ob lieblich oder rau, geschichtsträchtig oder kulturell wertvoll – geraten lässt.

Dies ist ein Kriminalroman, der von Menschen handelt, von einfachen und überwiegend ehrlichen, Intriganten und Gewinnlern, der ein breites Spektrum von menschlichen Eigenschaften zeigt. Das ist Georges Simenon sehr gut gelungen. So ist Maigret und der gelbe Hund auch nahezu 90 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch interessant und lesenswert.

— O—

Georges Simenon: Maigret und der gelbe Hund, Originaltitel: Le chien jaune (Frankreich 1931) Die deutsche Erstausgabe erschien 1934 unter dem Titel Maigret und der gelbe Hund.

Diese Besprechung bezieht sich auf die von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz übersetzte Ausgabe des Kampa Verlags (2019)

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* Gemeint sind u.a. auch die Kriminalromane von Jean-Luc Bannalec, die überwiegend im Finistère angesiedelt sind. Im achten Band jener Reihe mit Kommissar Dupin liest dieser Simenons Maigret und der gelbe Hund. Dabei erkennt Dupin eine gewisse Parallele zu dem Fall, den er in Bretonisches Vermächtnis gerade zu lösen hat.

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Chris Brookmyre: Dein Ende

IMG_9368Wer so intensiv Sexismus sowie die Machtposition und die Ausnutzung dieser Stellung von Männern im Krankenhausbetrieb in einem Blog anprangert, hat – auf gut Deutsch gesagt – in der Branche verschissen.

Die Bloggerin mit dem Pseudonym Scalpelgirl, Chirurgin Dr. Diana Jager, hat großes Glück, dass sie nach auffliegen des Pseudonyms, einen Job in einem Provinzkrankenhaus antreten darf, nachdem sie raus ist aus der renommierten Klinik. Ihren Nickname „Bladebitch“ nimmt sie mit, und auch wenn sie nicht mehr als Scalpelgirl bloggt, der Ruf ist ruiniert und wer mit ihr zusammenarbeiten muss, ist – gelinde ausgedrückt – gar nicht glücklich.

Fast jeder, der sie kennt, traut ihr ALLES zu. So kommt es, dass die Chirurgin wegen Mordes auf der Anklagebank sitzt, nachdem ihr Mann nach kurzer Ehe angeblich mit seinem Auto von der Fahrbahn abkommt. Das Auto wird völlig zerstört am Fuße des Abhangs in einem Fluß gefunden, allerdings fehlt von Dr. Jagers Mann, Peter Elphinstone, jede Spur.

Spekulationen und dürftige Indizien führen dazu, dass die Ehefrau verdächtigt wird, ihren Mann umgebracht zu haben. Die Raffinesse, einen solchen Mord durchzuführen und die Leiche verschwinden zu lassen, werden ihr ob ihrer Vergangenheit zugetraut, Motiv und Gelegenheit mit Wonne konstruiert.

Und nicht nur die Polizei ermittelt, sondern auch Jack Parlabane. Im siebten Band der Reihe mit dem investigativen Journalisten, erhält dieser von der Schwester Elphinstones den Auftrag, Diana Jager für den Mord verantwortlich zu machen.

Parlabane zieht los – sonst hat er nichts zu tun, seine erfolgreiche Zeit als Journalist ist längst vorbei – und findet etliche „Beweise“ der Schuld. Zudem gilt die Unschuldsvermutung für die ermittelnden Beamten, der unerfahrenen Polizistin Ali Kazmi und ihrem Kollegen, nicht. ALLES läuft auf die Täterschaft der Witwe hinaus.

Während im Verlaufe des Thrillers Diana Jager erzählt, wie es zu der Ehe mit Peter Elphinstone gekommen ist, der zunächst „Opfer“ des Scalpelgirls war, und wie sich das Verhältnis der beiden nach der Hochzeit bis zu dem Unfall geändert hat, recherchiert Jack Parlabane im beruflichen und privaten Umfeld der Witwe. Dabei ergeben sich unterschiedliche und widersprüchliche Sichtweisen. Doch für Parlabane ist klar: die Karrierefrau hat ihren Gatten getötet. Motiv und Ablauf des „Unfalls“ liefert er selbstverständlich in überzeugender Weise. Doch so wie sich Diana äußert, muss das Verschwinden des Mannes noch eine andere, mysteriöse Variante beinhalten können.

Wem der beiden Protagonisten soll man nun glauben – und glaubt letztlich Parlabane selbst, was er zunächst recherchiert hat.

Wieviel Kongruenz sich am Ende aus der Parlabane-Sicht und der Diana-Vita ergibt und zu welcher Seite das Pendel ausschlägt, ist eine überaus spannende Angelegenheit und von einem weiteren Parameter abhängig, der den Namen Elphinstone trägt.

Alles, was anfangs als eindeutiges Gebilde von Täter und Opfer erschien, wird im Laufe des Thrillers geschickt von Chris Brookmyre zerbrochen und in einer anderen Konstellation wieder zusammengebaut. Herrlich! Ein Ende, von dem anfangs nicht ersichtlich ist, wessen Ende es ist, auf das der Titel hinweist.

— O —

Chris Brookmyre: Dein Ende (Originaltitel: Black Widow, erschienen 2016),

Die deutsche Ausgabe ist in der Übersetzung von Andrea O’Brien 2019 im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen.

Dieser Band ist der siebte von bisher acht Thrillern der Jack-Parlabane-Reihe.

Kenntnisse der vorhergehenden Bände ist zum Verständnis nicht erforderlich.

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Michael Tsokos: Schwimmen Tote immer oben?

IMG_9452Dramaturgische Effekte in Filmen, zuweilen auch übermenschliche Fähigkeiten von Rechtsmedizinern in Krimis sowie Fehler führen zu falschen Annahmen der Zuschauer oder Leser. Der bekannte Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos stellt in diesem Buch 30 Irrtümer in Kapitelüberschriften als These vor, um sie dann zu widerlegen.

Der Titel dieses unterhaltsamen Sachbuchs beinhaltet bereits den ersten Irrtum: die mit Kopf nach oben schwimmende Leiche, deren Darstellung lediglich der Dramaturgie geschuldet ist. Warum Tote im Wasser mit dem Gesicht nach unten im Wasser „schwimmen“, zumeist unter Wasser, beschreibt Tsokos plausibel. Der richtige Sachverhalt ist weitgehend bekannt, zumal viele, in Seen und Bädern Ertrunkene vom Grund des Gewässers geborgen werden müssen. Anderen Irrtümern sind jedoch die meisten von uns erlegen, zum Beispiel, dass Erwürgen eine schnelle und effektive Mordmethode sei. Dank Professor Tsokos weiß ich nun, dass ich mich für eine andere Mordart entscheiden würde, wenn ich denn in die Verlegenheit käme, jemanden umzubringen. Erschießen käme in die engere Wahl. Allerdings irren die Krimifans sich, wenn sie denken, dass Rechtsmediziner Einschuss und Ausschuss einfach zu unterscheiden können und sogar das verwendete Kaliber erkennen können. Die Aufklärung derartiger Irrtümer ist äußerst interessant und zeigt, dass Rechtsmediziner nicht immer die geniale Allzweckwaffe bei der Aufklärung von Tötungsdelikten sind.

Zudem weist der Autor darauf hin, dass in der Rechtsmedizin zahlreiche Personen unterschiedliche Arbeiten verrichten und nicht – wie in Fernsehfilmen und Kriminalromanen vorgegaukelt – zum Beispiel die Mannschaft nur aus Professor Börne und Alberich besteht oder bei Simon Beckett der forensische Anthropologe David Hunter die Morde im Alleingang aufklärt. Wer das glaubt, scheint doch sehr naiv zu sein, trotzdem sind Hinweise darauf ebenso wie die Tatsache, dass Rechtsmediziner keine Universalgenies sind, wert, erwähnt zu werden.

Neben durchschaubaren Tricks der Filmemacher und Krimiautoren, plakativ und mit hohem Wiedererkennungswert vereinfachend Szenarien fern der Realität darzustellen, gibt es auch Dinge und Ereignisse, die nur wenigen bekannt sind. So schreibt Tsokos, dass eine Obduktion vollständig durchgeführt werden muss und nicht mit der Feststellung der Todesursache beendet wird. Ein Irrtum ist auch, dass ein ein verlässliches Phantombild eines mutmaßlich Tatverdächtigen auf der Basis der DNA-Analyse angefertigt werden kann. Und von dem Irrtum in Bezug auf die kataleptische Totenstarre oder den Fakt selbst, hatte ich noch nie gehört oder gelesen.

So lassen sich die Irrtümer, die hier widerlegt werden, in drei Gruppen aufteilen:

  1. Nicht der Realität entsprechende Szenen, die von (Drehbuch-)Autoren bewusst geschrieben werden, sei es um die Dramaturgie zu steigern, Handlungen zu vereinfachen oder liebgewonnene Protagonisten richtig und stets in Szene zu setzen.
  2. Irrtümer, die auf überbrachten Vorurteilen oder auf Unkenntnis beruhen,wobei gewisse Erscheinungen wie die kataleptische Totenstarre auch unter Wissenschaftlern umstritten war.
  3. Fehler, die durch Nachlässigkeit oder Unkenntnis der Berichtenden – seien es Autoren mit Fiktivem oder Journalisten mit Realem – verbreitet werden. Es ist schon übel, wenn die Pistole zum Revolver wird, Faustfeuerwaffen als Handfeuerwaffen bezeichnet werden.

Mit diesem breiten Spektrum hilft Michael Tsokos, dass wir uns beim Lesen oder Ansehen von Krimis, aber auch sonst im Leben „keinen Bären aufbinden“ lassen. Je nach Belieben können die einzelnen Kapitel unabhängig voneinander gelesen werden und so mancher „Aha-Effekt“ wird sich dabei einstellen. Für alle, die an der Arbeit der Rechtsmediziner im Fiktiven und Realen Interesse haben, ist Tsokos‘ neues Buch eine gute Ergänzung des bisherigen Wissensstands seiner Leser.

Als Fazit zitiere ich aus meiner Besprechung von Michael Tsokos‘ „Sind Tote immer leichenblass?“ Michael Tsokos‘ „Sind Tote immer leichenblass?“:

  • Die Arbeit der Rechtsmediziner unterscheidet sich erheblich von den fiktionalen Darstellungen
  • Dramaturgische Effekte und Spannungsbögen erfordern andere Handlungsabläufe als in der Rechtsmedizin ethisch, gesetzlich und praktisch üblich oder vorgeschrieben
  • Rechtsmediziner sind auch ganz normale Menschen – meistens jedenfalls.

— O —

Michael Tsokos: Schwimmen Tote immer oben?, erschienen 2019 im DROEMER VERLAG

 

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„Die Vergangenheit ist nur ein Prolog“: Andreas Pflüger – Geblendet

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Zwei vorhergehende Thriller dieser Triologie (Endgültig und Niemals) sind der Prolog für den diesen letzten Teil, Geblendet.

Die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron bekommt die Möglichkeit, durch eine spezielle Therapie wieder sehend werden zu können. Aber da ist noch die Notwendigkeit, die Abteilung, der sie angehörte, vor dem Untergang zu bewahren. Zu Beginn eines Thrillers kann es nur eine Entscheidung geben – und so lässt der Autor Andreas Pflüger seiner Heldin keine Wahl.

Jenny Aaron trifft dabei auf eine Gegnerin, die ihr in Wahl und Anwendung der Waffen ebenbürtig ist. Am Anfang des Romans lernen wir sie als elfjähriges Mädchen kennen, das von seinem Vater darauf gedrillt wurde zu morden. Der erste Auftrag ist der Mord an Vaters dubiosen Geschäftspartner, der nebenbei pädophile Interesse an Mädchen diesen Alters hat. Und in dem Zusammenhang setzt die Kleine, deren Namen wir erst viel später erfahren werden, das gezackte Keramikmesser mit Erfolg ein.

Was Jenny zunächst zur Abteilung zurückkehren lässt, ist die Verflechtung von Politik und Kriminalität, ein globale Angelegenheit mit Akteuren aus Berliner Regierungskreisen und einem, dem amerikanischen Präsidenten nahestehenden Chef einer Einheit, die nach dem Motto „TU, WAS DU WILLST, soll das Gesetz sein“ handelt. Ereignisse aus der Vergangenheit haben dazu geführt, dass Jenny Aaron und ihre Vertrauten, nach diesem Gesetz zu töten sind, sowie die Abteilung, der sie angehören, zur Bedeutungslosigkeit degradiert werden soll.

Dabei fängt alles so gut für Jenny an. Sie ist mal wieder in den Blue Ridge Mountains bei ihrem Mentor, der sie seit Jahren immer wieder in fernöstlichen Arten der Körperbeherrschung und der Kampfarten schult, vor allem aber ihre Denk- und Handlungsweise aus den Wurzeln des Bushidōs prägt. Und sie hat die Option zu einer Behandlung durch eine außergewöhnliche Therapie, ihre Sehkraft wieder zurück zu erhalten.

Aber aus der Möglichkeit, wieder sehend zu werden, wird nichts. Sei es, dass sie sich der Abteilung verpflichtet fühlt, sei es, dass ein alter Feind wieder auftaucht. Letztlich ist es auch nicht wichtig, was dazu führt, Jenny wieder in den Kampfmodus zu überführen. Wichtig ist, wie sie die Chefin der Abteilung, ihren Vertrauten Pavlik und ihre anderen Mitstreiter im Kampf gegen „den Feind“ durch ihre speziellen Fähigkeiten unterstützen kann. Fähigkeiten, die Jenny Aaron verlieren wird, wenn sie wieder sehen kann.

Als vordergründiger Feind entpuppt sich dabei Malin, die vor vielen Jahren das gezackte Keramikmesser einsetzte, um den Geschäftsfreund des Vaters zu ermorden. Zwar gibt es einige Parallelen im Leben von Malin und Jenny was ihr Verhältnis zu ihren Vätern anbelangt, die eigentliche Verbindung zwischen ihnen, ist aber eine ganz andere. Aus ihr resultiert Malins Hass auf Jenny, der im Verlaufe der Story zu einigen außergewöhnlichen Zusammentreffen von Malin mit Jenny und Pavlik führt und zu einer für die Abteilung verheerenden Katastrophe. Gegen Ende wird Malins Motiv entschlüsselt und von Jenny geklärt, dass ihre Gegnerin nur eine von anderen gelenkte Waffe ist.

Nach einigen Flick Flacks mit Messer, Schusswaffe oder unter Einsatz von Händen, Armen, Füßen und Beinen hat Jenny Aaron mit Abschluss dieser Trilogie nun ausgeturnt und ausgekämpft. Ob sie nun blind bleibt oder nicht – diese Auflösung gibt es zum Schluss.

Was zurück bleibt ist die Erinnerung an viele actionreiche Szenen und die faszinierende Art, wie Jenny mit ihrem Blindsein umgegangen ist. Schon seit einiger Zeit ist im Netz zu lesen, wieviel Unsinn und Falsches Andreas Pflüger über Jennys Umgang mit ihrem Handicap, dass sie zu ihrer Stärke umfunktionierte, geschrieben hat. Aber bitte: Nicht vergessen! Es ist eine Fiktion, wobei Pflüger bei Blinden und medizinischen Fachberatern ausgiebig recherchiert hat und ein nicht unbedeutender Teil – sei es der Umgang mit dem Klicksonar sowie nach Aussage des Autors vieles andere aus der Welt der Blinden – der Realität entspricht. Für einige Sehende und Nicht-Sehende offensichtlich nicht nachzuvollziehen,

Meine Empfehlung ist, die drei Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Etliche Ereignisse in Geblendet beruhen auf Begebenheiten aus den vorhergehenden Thrillern. Spannend ist die gesamte Trilogie, die getragen wird von Jenny Aarons Umgang mit ihrem Handicap und den Lehren des Bushidōs – sowohl des eigentlichen als auch der Weiterentwicklung durch Andreas Pflüger.

— O —

Andreas Pflüger: Geblendet (erschienen 2019 im Suhrkamp Verlag)

Die ersten beiden Teile der Trilogie:

Endgültig (Suhrkamp, 2016)

Niemals (Suhrkamp, 2017)

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Max Annas: Morduntersuchungskommission

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Max Annas widmet diesen Roman Manuel Diogo, einem jungen Vertragsarbeiter aus Mosambik, der zu DDR-Zeiten, 1986, von Neonazis auf eine unvorstellbare Weise ermordet wurde. Nachdem Diogo von seinen Mördern zusammengeschlagen wurde, hatten diese ihn an einen Strick gebunden und aus dem Fenster des fahrenden Zuges gehängt. Leichenteile wurde auf etlichen Kilometern neben den Gleisen gefunden.Weil im System der DDR derartig brutale Taten nach Auffassung ihrer Führer nicht stattfinden konnten, wurde der Vorfall wie circa 800 weitere rassistische Vorfälle gegen ausländische Vertragsarbeiter von den Behörden nicht verfolgt, dieser Fall nie aufgeklärt.

In Morduntersuchungskommission stellt Max Annas einen fiktiven Fall dar, der in seiner Ausführung und der „Bearbeitung“ durch die MUK dem realen sehr nahe kommt. Tenor ist, dass in der DDR bestimmte Morde nicht vorstellbar sind, einmal abgesehen davon, wenn jemand bei totalem Kontrollverlust – aber das war dann ein Einzelfall – ein Verbrechen begeht. Solch ein ungewöhnlicher Fall kann selbst in einem heilen und gut funktionierenden Staat nicht vermieden werden.

Im Roman ist es allerdings so, dass, nachdem die Ermittlung an das Ministerium für Staatssicherheit von der MUK abgetreten wurde, ein Oberleutnant der Morduntersuchungskommission daran interessiert ist, die Wahrheit herauszufinden. Was dabei im Hintergrund läuft, ist vorstellbar: er wird beobachtet. Letztlich erleidet auch Otto, so sein Name, einen Kontrollverlust.

Was will Max Annas mit dieser Geschichte erzählen, von dem wir actionreiche Krimis wie „Die Farm“ und „Die Mauer“ kennen und der mit „Finsterwalde“ ein dystopisches Szenario dargestellt hat, wie es bei bestimmter politischer Entwicklung in vorstellbar ist – eine Fiktion, die niemals Realität werden darf?

Es ist die „Aufarbeitung“ verschwiegener Verbrechen in der DDR, mehr noch allerdings ein Hinweis auf die Funktionsweise des Regimes in Bezug auf „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Ein Ansatz zur „Erinnerungskultur“, die sich ebenso wie die Aufarbeitung der weitaus größeren, zahlreicheren Verbrechen des III. Reichs erst mit jahrzehntelanger Verzögerung spärlich entwickelt.

So trägt Max Annas mit diesem Roman dazu bei, Sichtweise und Handeln eines Staates zu beschreiben, in dem seine Mitglieder nach den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral und Ethik“ stets charakterfest gute Taten für den Sozialismus vollbringen sowie sauber und anständig leben.


Morduntersuchungskommission ist somit ein historischer Roman, basierend auf einem tatsächlichen Ereignis. Somit ein Stück unserer Geschichte. Ein Roman mit einer kriminellen Handlung, ohne Effekt heischende und  Action getriebene Szenen erzählt. 

Danke, Max Annas, für diese Erinnerung.

— O —

Max Annas: Morduntersuchungskommission, erschienen im Rowohlt Verlag, 2019

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