Trouble nach den Troubles: Gestrandet von Anthony J. Quinn

Wenn ein Detective der irischen Garda Síochána tot an einem Seeufer in Nordirland angespült wird, bedeutet das Trouble.

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Jedenfalls dann, wenn ein Inspector der North Irish Police sich der Sache annimmt und dieser den Nordirlandkonflikt hinter sich gelassen hat, nur Ruhe und Ordnung in seinem Territorium durchsetzen möchte.

Aber die Verhältnisse sind nicht so einfach. Inspector Celsius Daly ist zurück im Grenzgebiet, weil er das alter Bauernhaus seiner Eltern dort verscherbeln möchte, nachdem seine Mutter von Paramilitärs ermordet wurde. Ein Mord, der nicht so recht aufgeklärt wurde.

Beim toten, angeschwemmten Detective ist zunächst noch nicht einmal klar, ob es wirklich Mord war. Zudem wirft der Fischer, der den Toten gefunden hat, Daly vor, seinen Bruder, Dalys damaligen Vorgesetzten, in den Selbstmord getrieben zu haben.

Der Niedergang hatte erst später begonnen, nach dem Waffenstillstand.“

Es sind zahlreiche Verflechtungen, die sich ergeben und immer noch auf Auseinandersetzungen während des Nordirlandkonflikts zurückzuführen sind.

Paramilitärs von gestern und ihre Unterstützer sind heute auf andern Geschäftsfeldern aktiv, hauptsächlich im Schmuggel und in der Immobilienbranche.

Der tote Detective war dabei, einige Tätigkeiten der in mafiösen Strukturen Agierenden auf beiden Seiten der Grenze aufzudecken. Das erkennt Celsius Daly recht schnell, gerät jedoch ebenso schnell in das Geflecht der Kriminellen, deren Informanten der einen, Spitzeln der anderen Seite, korrupten Cops hüben wie drüben, eine Polizeiapparat mit Chefs, die Allianzen mit den Bandenbossen bilden, zudem muss er noch einem Phantom nachjagen, dass sich Detective Hunter nennt.

Die Bevölkerung leidet durch Armut und den Betrug der Strippenzieher. Für Letztere gilt:

Wenn der Brexit kommt, ist die Grenze Gold wert.“

Jeder in der Gegend weiß es. Und so kennen alle die Machenschaften des lokalen Schmugglerbosses und Immobilienmoguls, doch keiner, der an den Geschäften partizipieren und/oder überleben möchte, regt sich, hilft, die illegalen Geschäfte zu beenden.

Das ist Dalys Handicap, Er kann es nicht überwinden. Veränderungen sind in dieser Story von Anthony J. Quinn nicht in Sicht. Da kann auch mal ein Detective der einen oder ein Policeofficer der anderen Seite krepieren. Es lebe das tolerierte Verbrechen, es lebe der Trouble. Eine schmutzige Story in düsterer Gegend. Ein Niemandsland ohne sichtbare Exekutive.

Ein Halleluja auf den Brexit, der dort nichts zum Guten kehren, einigen Gewinnlern weiteren Reichtum bringen wird. Für die meisten wird jedoch gelten: Gestrandet.

Gelungene Darstellung des Ist’s mit bitterer Perspektive. Nicht nur ein spannender Krimi, sondern auch ein aktueller Inhalt.

– – O – – –

Anthony J. Quinn: Gestrandet, Originaltitel: Undertow

Erschienen im Polar Verlag (2019), übersetzt von Rudolf Brack, herausgegeben von Wolfgang Franßen

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Stress kurz vor Weihnachten: Peter Jackob – Frohes Fest, Schack!

Wie es häufig so ist vor Weihnachten: Du willst Weihnachten und dem Jahresende ruhig entgegengehen und dann das: Stress pur!

Hier trifft es den Kommissar der Mainzer Mordkommission, Schack Bekker.

IMG_9589Bekker, ein Kerl, der lieber nachts mit einem Glas Rotwein und leckerem Essen vor sich vom Balkon seiner Wohnung auf den Rhein blickt, tagsüber ein Päuschen in der Kleinen Stadthalle macht oder zum Bier eine Gulaschsuppe auf der Terrasse seines Lieblingsimbiss‘, dem Schorsch, löffelt.

Und dann das wenige Tage vor Weihnachten: Als Schack gemäß dem jährlichen Ritual den Vater eines Freundes und Kollegen im Altersheim besuchen und mit ihm gemeinsam ein Fläschen Calvados genießen will, ist der alte Herr verschwunden. Der Kommissar ahnt, dass etwas Unheilvolles passiert sein könnte und macht sich auf die Suche durch die Meenzer Altstadt, über den Weihnachtsmarkt, durch bekannte Gassen und über kleine Plätze. Stundenlang geht die Suche, auf der sich auch Bekkers hochschwangere Lebensgefährtein und Kollegin Erna schließlich beteiligt. Und endlich ……

Es muss nicht immer Mord sein, was in einem Krimi passiert und von Kommissaren oder Schlapphüten aufgeklärt wird. Aber auch in diesem mordlosen Fall stockt dem Leser zeitweise der Atem.

Es sind Geschehnisse, die an jedem anderen Tag des Jahres passieren können, aber wie es nun einmal ist: Das größte Verbrechen richtet sich nicht immer nach der Jahreszeit – oder doch. Es passiert, wenn es dem Kommissar gar nicht in den Kram passt, er andere Gedanke hat. So beginnt diese kleine Geschichte mit einem nachdenklichen Schack, der über den Tod des Vaters und sein Verhältnis zu ihm nachdenkt, sich erinnert an alte Weggefährten, die nach dem Motto „Jeder muss irgendwann den Schirm zumachen“ nicht mehr unter den Lebenden sind. Doch dann zieht er mit zwei Flaschen Calvados los und kurz darauf ändert sich für ihn die Lage (siehe oben).

Und wie die Geschichten zu Weihnachten so ausgehen: Alles wird gut!

Der Freund und Sohn des Alten ruft ihm noch hinterher: „Frohes Fest, Schack!“

Und das wünsche ich dem Kommissar und seiner Erna ebenfalls. Wenn ich ihn dann zu Beginn des neuen Jahres beim Schorsch oder in der Kleinen Stadthalle sehe, oder er den Kinderwagen durch die Augustinergasse schiebt, werde ich ihm zurufen: „Gutes Neues, Schack!“

– – – O – – –

Peter Jackob: Frohes Fest, Schack!

Dieses kleine 64seitige Büchlein ist in Mainzer Buchhandlungen erhältlich oder direkt vom Autor zu beziehen (https://www.peterjackob.de/)

 

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Marina Heib: Die Stille vor dem Sturm

Es beginnt als Groschenroman, mutiert dann zum Abenteuerroman und geht schließlich in einen deftigen Thriller über

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Groschenroman. Es war einmal ein stinkreicher Reeder, der hatte seiner Meinung nach drei nichtsnutzige Söhne. So fangen Märchen an, in diesem Fall aber auch – nach einem düsteren Prolog zur Einführung – die Geschichte. Zusammen mit den hübschesten Gespielinnen forever sollen die Söhne die Luxusyacht des Alten von Gran Canaria zu den Cayman Islands überführen. Dazu nehmen sie noch einen Kumpel mit großer Segelerfahrung samt dessen Tussi mit. Aber als sie ablegen wollen, fehlt der jüngste Spross, allerdings schippert seine Liebste mit. Schon bald gibt es Zoff an Bord, die beiden Brüder, echte Schnösel , streiten sich. Zudem kommt auch noch heraus, mit welcher der Schickis die Männer die jeweils anderen betrogen haben. Da hat wohl fast jede mit jedem gepoppt – bis auf Marie, aber die hat stattdessen ein Trauma. Wenn das kein Stoff für einen Groschenroman ist!

Abenteuerroman. Dann kommt es anders: Brutaler Sturm und bestialische Wellen bringen die Hochseeyacht fast zum Kentern, unterstützt auch noch durch die Dummheit des einen der Brüder. Zwischendurch retten sie noch einen in Seenot geratenen Skipper.

Thriller. Zu diesem Abenteuer gesellt sich schließlich der Thrill. Ein erster Mord an Bord. Es ist die Tussi des erfahrenen Segel-Kumpels. Schnell einigt sich die ursprüngliche Crew, dass der Mörder nur der tätowierte Kerl sein kann, den sie von seiner kenternden Yacht geborgen haben. Nachdem sie sich weitgehend darauf einigen, dass Selbstjustiz nicht das Mittel der Wahl ist, wird ihr Ziel in Richtung Kapverden geändert, um den Mord von der dortigen Polizei aufklären zu lassen. Damit nicht genug, es ereignet sich Mord Nr.2, wobei der des ersten Mordes Verdächtige es beim zweiten Mal nicht gewesen sein kann – oder doch? Darüber gibt es an Bord unterschiedliche Meinungen.

Zudem gibt es Sabotage auf dem Schiff. Sämtliche Elektrik, Kommunikationsmittel und modernen Navigationsmittel werden zerstört. Und das Morden geht weiter, nach Leiche Nr.2 ist nicht Schluss. Weitere Aufzählung der Tötungsdelikte erspare ich mir.

Parallel dazu gibt es zwei Handlungsstränge.

Der Alte, der durch Skrupellosigkeit zu seinem Reichtum gekommen ist, und seinen Söhnen vorwirft, dass sie nicht über diese Charaktereigenschaft verfügen, erhält seinen Erzählstrang. Er macht sich doch ein wenig Sorgen über das Verschwinden seines Jüngsten, der nicht mit an Bord gegangen ist, beauftragt einen Privatdetektiv mit der Suche. Die Yacht kann er nicht mehr erreichen, obwohl sie mit hypermoderer Kommunikationstechnologie ausgestattet ist. Auch das bereitet ihm Unbehagen.

Der jüngste Spross, taucht in kleinen Kapiteln zwischendurch in einer ausweglosen Situation auf.

Das Verknoten der Stränge erfolgt gegen Ende des Romans, indem Mörder und Motive offengelegt werden, vor allem aber das, was als großes Übel über allem steht. Was am Beginn einer unbeschwerten Reise der piekfeinen Schnösel mit ihrem attraktivem Anhang vor purer Erotik nicht zu erkennen war und zu der Zeit noch wie Konglomerat als Ergebnis von Rosamunde Pilcher und Groschenroman-Verlagen aussah, wandelt sich in düsteres Handeln, Misstrauen, Hass und krimineller Energie.

Marina Heib versteht es, das Manöver der Wende von Trivialität zu Thrill unbeschadet zu vollziehen. Dabei war ich mir nicht sicher, ob ihr das Gelingen würde, in einem Wust von maritimen Ausdrücken und sehr spezifischen Segler-Jargon den Überblick über die Handlung zu behalten. Es ist ihr gelungen. „Die Stille vor dem Sturm“ ist nach seglerisch und thrillig aufwendigen Szenen in der Rubrik „Spannender Thriller“ gelandet.

– – – O – – –

Marina Heib: Die Stille vor dem Sturm

Erschienen im Pendragon Verlag, 2019

(Während ich in anderen Büchern die Übersetzer erwähne, versäume ich in diesem Fall nicht, die in der Danksagung genannten Charles Gossmann und Marc Bielefeld zu erwähnen, von der Marina Heib schreibt: „Beides erfahrene Segler, haben sie mich sicher durch all meine inhaltlichen Havarien an Bord dieser Geschichte navigiert und mit ihren profunden Kenntnissen über Boote und Blauwassersegeln das passende Sprachgefühl …. vermittelt“.)

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Darf Maigret das? – Georges Simenon: Weihnachten bei den Maigrets

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Ein trostloser Weihnachtstag steht dem kinderlosen Ehepaar Maigret bevor. Zusammen mit seiner Frau, der Madame Maigret, startet der Kommissar das Ritual des Festtags. Ein „nützliches“ Geschenk vom ihm für sie, eine Pfeife für den Kommissar, das sind die Geschenke – wie jedes Jahr.

Ansonsten: Sonntagsritual, Madame Maigret kocht Kaffee, geht zum Bäcker, holt Croissants.

Aber dann wird die Routine unterbrochen. Vom Haus gegenüber zerrt eine alte Dame eine jüngere in Richtung Maigrets Behausung. Als sie bei Maigret ankommen, berichtet die Ältere von einem eigenartigen Ereignis, von dem ihr Colette, das Pflegekind der jüngeren Frau, erzählt hat: In der Nacht zuvor sei der Weihnachtsmann zu ihr gekommen, hätte ihr eine Puppe geschenkt und sei danach wieder gegangen. Die Geschichte kommt Maigret mysteriös vor. Zudem verhält sich die Pflegemutter eigenartig. Der Kommissar vermutet, dass sie mit ihrem unwirschen Benehmen etwas vertuschen will – so sucht Maigret eine Erklärung was in der Nacht wirklich geschah, was der Grund für das Erscheinen des Weihnachtsmanns war. Er findet den Grund, zeigt damit, dass Colette bei ihrer Pflegemutter nicht gut aufgehoben ist – ob es nun ein Verbrechen war, in das die Pflegemutter verwickelt war oder nicht – und macht Madame Maigret so ein schönes Weihnachtsgeschenk.

Es sei Maigrets Frau gegönnt. Aber durfte Maigret ihr das Kind „schenken“? Lassen wir dem Kommissar die Freiheit seines Handels – ’s ist ja bald Weihnachten.

Die kleine Erzählung berührt, weil sie zugleich schön und traurig ist.

Solche Geschichten – das wissen wir von „Der kleine Lord“ ebenso wie von Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ – wirken in der Vorweihnachtszeit.

– – – O – – –

Georges Simenon, Weihnachten bei den Maigrets, in der Übersetzung von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bahar Avcilar erschienen 2019 im Kampa-Verlag

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Vom Wetterau-Gebabbel zu Ebola-Resistenz, Kindesmissbrauch und Prepper-Gebaren: Uli Aechtner: Die Bach runter

Da geht einiges „die Bach runter“: Eine Leiche die Nidda real, die Welt aus Prepper-Sicht sowieso.

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Mit einer Themenvielfalt zu der noch Schäfer, Schönheitschirurg, Virenforscher, Journalistin, Kriminalkommissar und andere beitragen, flicht Uli Aechtner einen Kriminalroman, dessen Fäden erst zum Ende hin verbindlich verbunden werden. Und das auf eine nicht zu erahnende Weise.

Dabei fängt die Story ganz einfach an: In der Wetterauer Pampa nordöstlich von Frankfurt findet ein Schäfer in den warmen Resten eines Lagerfeuers ein Baby, lebend, offensichtlich afrikanischer Herkunft. Kommissar Christian Bär macht sich auf die Suche nach der Mutter, seine Freundin, die Journalistin Roberta, auf die Suche nach Fakten zu einer attraktiven Story über das Findelkind.

Während Bär der Arbeit nachgeht, lernt er eine Frau kennen, die sehr starkes Interesse an dem Baby zeigt. Bär verknallt sich in sie – weiteres als Spoiler im Klappentext des Buches. Roberta geht andere Wege, recherchiert am Virologischen Institut der Marburger Uni, stößt dabei auf seltsame Zusammenhänge, die sie zu einem jungen Mann führen, der in der Nähe des Fundorts des Babys lebt.

Zahlreiche Verflechtungen dieses Viren-Themas mit den darin agierenden Personen nebst der Erklärung des Zusammenspiels eines bestimmten Typs des Morbus Niemann-Pick sowie Kapitel die lediglich die „be prepared“- Gedanken und Ängste der Prepper beschreiben, führen zunächst nicht in die Richtung der Aufklärung des Falles, zu dem sich zwei weitere Leichen gesellen. Ferner fehlen ausgeprägte „red herrings“, an denen sich die Leser abarbeiten können. Das Ende ist schlüssig, ohne dass zuvor große Spannung aufkommt.

Als Kriminalroman eine solide, unspektakuläre Arbeit, in der die sorgfältigen Recherchen von Uli Aechtner zu den Themen Morbus Niemann-Pick und der Prepperszene ebenso hervorstechen wie die Charakterisierung des Wanderschäfers mit seinem Wetterauer Gebabbel.

– – – O – – –

Uli Aechtner: Die Bach runter

Erschienen 2019 im Emons Verlag

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Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

Ein schöner Titel für eine schmutzige Geschichte

IMG_9382Der Engel hat gebrannt und steckt in einer Fuge über dem schwelenden Brand eines aufgegebenen Kohlebergwerks. Ein Toter Teenager in einer verlassenen Gegend in einer Bergbauregion im westlichen Pennsylvanien. Camino Truly heisst die Tote, stammt aus einer in der Gegend bekannten, berüchtigten und zerstrittenen Familie voller Loser. Camino war die Ausnahme: hübsch, intelligent, wollte raus aus dem Milieu, abhauen, Psychologie studieren.

Ermordet von wem? Das ist die Frage, die sich die örtliche Polizeichefin, Chief Carnahan stellt, eine 50-Jährige Single-Frau, hart im Denken, flapsig im Ausdruck, zuweilen unkonventionell im Umgang mit ihren Mitmenschen und den kriminellen Klienten und deren Angehörige. Zudem gezeichnet durch die Ermordung ihrer Mutter zu einer Zeit, in der Carnahan ein junges Mädchen war. Traumatisiert auch durch ihren Vornamen, den die schönheitsbesessene Mutter ihr gab: Dove, der bekannten Haarshampoo- und Deo-Marke.

Zusammen mit ihrem Kollegen von der Kriminalpolizei, dem State Trooper Nolan, wühlt sie sich durch die verzweigte Truly-Famile, holt hier und da Informationen zusammen, sogar von ihrer eigenen Großmutter und deren Mitbewohnerinnen eines Altenheims.

Für die Trulys steht der Mörder schnell fest. Caminos Freund soll es getan haben. Und wie die Familie so agiert, erscheint Selbstjustiz als probates Mittel, den von ihnen auserkorenen Mörder zu richten. Gut, das es Chief Carnahan gibt, die diesen Plan vereitelt. Nicht, ohne einige Blessuren von ihrem Eingreifen mitzunehmen.

Letztlich findet die Polizeichefin in diesem Gemenge von Streitereien, Inzest und Verwirrungen heraus, wer für den Mord an Camino verantwortlich ist.

Chief Carnahan malt hier ein Soziogramm der Trulys, die eine Familie darstellen, wie sie kaputter nicht sein kann. Perspektivlos leben sie in einer einstmals lebendigen Gegend stolzer Coalminers, nun gibt es nichts mehr, was Wohlstand und Glück verspricht. Die Trulys sind eine Art Totholz, die dahinvegetieren, deren einziger Lebensinhalt scheint zu sein, sich gegenseitig und anderen das Leben schwer zu machen.

Dazu beschreibt Tawni O’Dell das Schicksal von Dove, ihrer Schwester und dem vom Stiefvater misshandelten Bruder, der mit seiner Vergangenheit abschließen will. Eine Geschichte, die gar nicht so weit von denen der Trulys entfernt ist.

O’Dell hat mit den Carnahans und den Trulys markante Charaktere erschaffen, von denen jeder einen großen Rucksack mit alten Erinnerungen und trüben Erlebnissen mit sich herumträgt, die Alpträume hervorrufen. Chief Carnahans Rucksack ist einer der schwersten.

Eine stimmige Story mit begeisterndem Inhalt und Handlung. Bisher einer der besten Kriminalromane des Jahres, die ich gelesen habe.

– – – O – – –

Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen. Originaltitel: Angels Burning (USA, 2016), deutsche Übersetzung von Daisy Dunkel, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag (2019)

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Nur Harry Hole kann Harry Hole toppen — Jo Nesbø: Messer

IMG_9448Hole ist nach dem Tod seiner Frau Rakel am Ende. Das war er vorher zwar auch schon, nachdem Rakel sich von ihm getrennt hatte und er als Dozent aus der Polizeischule geschasst wurde. Jim Beam und Konsorten sind seine besten Freunde, deren Gegenwart sucht er – zugleich sind sie die übelsten Feinde, die ihn fast zerstört haben.

Bei der Polizei hat man ihm noch ein Kämmerlein zugewiesen, in dem er – zum einfachen Ermittler degradiert – Cold Cases lösen soll, doch dann passiert’s: Hole wacht nach einem üblen Besäufnis blutverschmiert auf und er erfährt, dass seine Frau auf grausam blutige Weise ermordet wurde.

Doch Harry wäre nicht Harry, nähme er nicht sogleich die Mörderjagd auf. Illegal, denn seine Vorgesetzten können nicht dulden, dass der in diesem Zustand loszieht und suspendieren ihn. Für unseren Helden steht fest, wer der Mörder ist: Ein alter Bekannter, der Frauenmörder Svein Finne, der mit Hole noch eine Rechnung offen hat. Im Rausch der Ermittlungen ergeben sich dann einige Wendungen, neue Verdächtige geraten Hole ins Visier und schließlich fühlt sich der Ermittler selbst verdächtig.

Harry Hole ein Mörder? Unvorstellbar, jedoch nicht auszuschließen.

Zusammen mit einigen Bildern, so grausam wie noch nie von Nesbø dargestellt – wobei die Harry-Hole-Reihe nun wirklich nichts für empfindsame Gemüter ist – versucht der Autor das Ungewöhnliche der vorhergehenden 11 Fälle durch Ungewöhnlicheres zu toppen. Das endet mit der Aufklärung des Mordes an Rakel und der Art, wie sich Harry Hole dabei verhält.

Ob das nun mit dem erreichten Dutzend Fälle das Ende von Harry Hole und der Reihe ist, bleibt offen, nachdem der kaputte Typ sogar aus dem Koma (10.Fall) zurückgekehrt ist. Zunächst heißt es aber, sich mit dem Messer zu beschäftigen – und das ist für alle Harry-Hole-Jünger Pflichtlektüre. Anfangs stellenweise langatmig, aber durch die ungeahnten Wendungen aufregend.

– – – O – – –

Jo Nesbø: Messer (Originaltitel: Kniv, erschienen 2019 in Norwegen), die deutsche Ausgabe ist im Ullstein Verlag erschienen (2019), Übersetzung: Günther Frauenlob

 

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