Heißes Pflaster Berlin: JOHANNES GROSCHUPF – BERLIN HEAT

Eigentlich ist Tom ein Multitalent: Vermietet Wohnungen an Touris in Berlin, liefert bei Bedarf auch Gras, Koks, Speed und Zauberpilze. Nur beim Wetten läuft’s nicht so und er hat einen Haufen Schulden beim Chef des Hauses.
Und dann war auch noch Corona, aber das ist jetzt vorbei, fünf Wochen vor der Bundestagswahl. Steigende Chancen, mal wieder an Touristen zu verdienen. Aber egal ob Corona oder nicht, es geht um „Kreditrückführung“ und ein Dilemma, das aus der Forderung danach entsteht. Da kommt die Nachfrage von zwei zwielichtigen Typen nach einer ruhigen Wohnung gerade richtig.

Und wie die Typen so auftreten, ergibt sich eine skurrile Story draus, die Tom zwischen Geldeintreibern, Entführern und Marla, mit der er es zwischendurch mal in der Kabine eines Baukrans treibt, durchlebt. Dann ist da auch noch Toms Vater, ein Mann mit Stasivergangenheit – oder nicht? – und einer alten Wumme, griffbereit.

Ganz so einfach, wie Leser anfangs vermuten können, läuft die Geschichte nicht ab. Sie entwickelt sich dynamisch, aber mit unverhofften Wendungen mit viel Milieu und Meinungen aus der beschriebenen Szene. Oft in strotzenden Klischees erzählt, aber das kommt hier an, weil es die Denke von Tom und den anderen Agierenden sowohl karikiert, als auch immer wieder ein Stück Realität in speziellen Ecken der Gesellschaft zeigt. Ein Widerspruch, den Johannes Groschupf so aufdröselt, dass er zeitweise zum Schmunzeln anregt.

So endet es nach derben Szenen, die Tom letztlich zwingen, vom E39 aufs Fahrrad umzusteigen. Ein Thriller, angenehm abseits von der Mehrzahl dessen, was in diesem Genre angeboten wird, in frisch-frechem Style.

– – – O – – –

Johannes Groschupf: Berlin Heat

Herausgegeben von Thomas Wörtche, erschienen im Suhrkamp Verlag (20121)

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Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Zunächst hatte dieser Fall nichtssagend (auf Maigret) gewirkt. Ein Mann, allem Anschein nach ein braver Kleinbürger, war in einem Hotelzimmer von einem Unbekannten getötet worden. Aber jede neu hinzukommende Information machte die Angelegenheit komplizierter, statt sie zu vereinfachen.

Eine lästige Pflicht für Maigret. Kollegen sind im Urlaub oder mit anderen wichtigen Aufgaben betraut. So bleibt es am dienstältesten Kommissar, der Maigret am Quai des Orfèvres zu diesem Zeitpunkt unglücklicherweise ist, hängen, sich an einem heißen Sommertag nach Saint-Fargeau aufzumachen, um Madame Gallet über den unnatürlichen Tod ihres werten Gatten in einem Hotel in Sancerre an der Loire zu informieren. Total verschwitzt nach einer Bummelzug-Fahrt und einem beschwerlichen Fußmarsch vom Bahnhof zur entfernt liegenden Villa der Gallets kommt er dort an, überbringt der Dame des Hauses die schreckliche Nachricht. Doch Madame Gallet ist nicht sonderlich gerührt, wähnt sie ihren Mann doch in Rouen, wo er seinen Geschäften als Handelsvertreter nachgehen wollte. Zudem hat sie ein Postkarte ihm aus Rouen erhalten, abgeschickt an dem Tag, als der Mord in Sancerre passiert ist.

Ein mysteriöser Fall für Maigret, der bald erkennt, dass Monsieur Gallet ein Doppelleben geführt hat. Zwar wird schnell bekannt, was der Tote während der letzten Jahre in Wirklichkeit getrieben hat, doch das Motiv bleibt dem Kommissar lange Zeit verborgen und somit auch der Mörder.

Aber wer Maigret kennt, weiß, dass dem Kommissar nichts verborgen bleibt. Nach einigen körperlich anstrengenden Klettereien und der genauen Untersuchung des Schusswinkels gelangt Maigret zum Tatort und schließlich zum Täter.

Dieser „Maigret“ ist der erste Band der Reihe, der veröffentlicht wurde, nicht aber der erste von Simenon geschriebene. So erklären sich die unterschiedliche Reihenfolge in Listen zu Simenons 75 Maigret-Romanen und 28 Maigret-Erzählungen. Da jedoch eine strikte chronologische Reihenfolge der „Maigrets“ beim Schreiben nicht erfolgte, ist es müßig über die „richtige“ Reihenfolge zu debattieren. Ich beziehe mich bei den Besprechungen zu den Maigrets auf die Reihenfolge, wie sie in den Ausgaben des Kampa Verlags als Hardcover-Ausgaben und des Hoffmann & Campe Verlags in der Reihe „Atlantik Taschenbuch“ eingeführt wurde. Nach dieser Reihenfolge ist der vorliegende Band die Nr.2 – nach Nr.0 (Maigret im Haus der Unruhe) und Nr.1 (Maigret und Pietr der Lette).

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Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet, erschienen als Maigret – Der zweite Fall im Kampa Verlag, erschienen 2021, Übersetzung von Klausjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Mandlung

Originaltitel: Mousieur Gellet, décédé (1931)

Frühere deutsche Ausgaben sind bei Kiepenheuer & Witsch (1961) und Diogenes (1981) erschienen

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Bisher auf KrimiLese vorgestellte „Maigrets“:

Band 1: Simenon, Georges – Maigret und Pietr der Lette (Frankreich 1931, dt. Erstveröffentlichung 1935, hier: Ausgabe des Kampa Verlags, 2019)

Band 6: Simenon, Georges – Maigret und der gelbe Hund (Frankreich 1931, dt. Erstveröffentlichung 1934, hier: Ausgabe Ausgabe des Kampa Verlags, 2019)

Band 21: Simenon, Georges – Maigret im Haus des Richters (Frankreich 1942, dt. Erstveröffentlichung 1984, hier: Ausgabe der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, 2019)

Band 35: Simenon, Georges – Maigrets Memoiren (Frankreich 1951, dt. Erstveröffentlichung 1963, hier: Ausgabe der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, 2019)

Band 103: Simenon. Georges – Weihnachten bei den Maigrets (Frankreich 1951, dt. Erstveröffentlichung 1962, hier: Ausgabe des Kampa Verlags, 2018)

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Claas Buschmann: Wenn die Toten sprechen

Wenn Michael Tsokos seinem ehemaligen Schüler attestiert „Perfekte Mischung aus Unterhaltung und rechtsmedizinischer Realität – Großartiges Debüt, absolut lesenswert“, braucht eigentlich nichts mehr über Buch und Autor gesagt werden – oder doch?

Claas Buschmann hat in der Rechtsmedizin der Berliner Charité unter Michael Tsokos gearbeitet. Nun schreibt er wie sein Lehrmeister aus reichhaltigem Erfahrungsschatz seiner Arbeit, die – wir wir bereits von Tsokos wissen – sich nicht nur auf das Sezieren von Leichen beschränkt.

Wie Tsokos mit seinen True-Crime- Bänden „Schwimmen Tote immer oben?“ sowie „Sind Tote immer leichenblass?“ ?

Nicht ganz. Zum Unterschied seines Meisters erlaubt Claas Buschmann mehr Einblicke in sein Leben, seine Erfahrungen aus der Zeit als Rettungssanitäter, in das „Drumherum“ um die Leiche aus der persönlichen Sicht des Autors. Dabei erzählt Buschmann von Tatorten, Auffindesituationen und dem Umfeld von Opfer und Täter. Zudem von Erkenntnissen, die daraus gewonnen werden und die Zusammenarbeit mit den Ermittlern der Polizei und anderen Beteiligten. Das geschieht auf eine unterhaltsame Art. Über unspektakuläre, dennoch interessante Fälle wird ebenso unspektakulär berichtet und reflektiert ohne Versuche, die Erlebnisse reißerisch zu vermarkten. Und damit ergeben sich doch wieder Gemeinsamkeiten mit Michael Tsokos.

Durch die verschiedenen Blickwinkel der beiden Kollegen ist dieses Debüt jedoch als eigenständig zu bezeichnen und bereichert die True-Crime-Literatur aus der Sicht von Rechtsmedizinern.

– – – O – – –

Claas Buschmann: Wenn die Toten sprechen, Ullstein Taschenbuch (2021)

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„Der Lack von früher hat sich davon gemacht“: SIMONE BUCHHOLZ – RIVER CLYDE

Der zehnte Band plus Prequel der Riley-Reihe ist der Deckel auf den Pott der vorhergehenden Romane um und mit der ungewöhnlichen Hamburger Staatsanwältin. Und wie das so ist mit dem Deckel, ohne Topf ist er wertlos.

Heißt: Der vom Verlag als letzter Band der Reihe annoncierte ist ein Abschied von Chastity Riley, die Trennung von ihren Freunden und der Abschied ihrer Freunde von ihr. Außerdem von ihrem verehrten Chef Faller – und der ist tot.

Bedeutet: Es macht wenig Sinn, den Sinn von River Clyde kapieren zu wollen, wenn Chas‘ Geschichte aus den vorherigen Bänden nicht bekannt ist.

Hilft nur eins: Lies, was zuvor passierte, wenn nicht alles, so zumindest das Prequel Schweinheim und die Bände ab Nr.6, Blaue Nacht.

Danach weißt du, warum sich Chas von St.Pauli, den Freunden der Blauen Nacht und ihren Kollegen nach Glasgow absetzt und dort eine Bleibe sucht.

Dann verstehst du, weshalb Klatsche und Carla, Inceman, Stepanovic und Calabretta, jeder auf seine Art, Chas als Freundin, Saufkumpanin, Kollegin, Popp-Partnerin vermissen. Du kapierst, wieso der Tod von Faller ein so herber Verlust für Chastity ist.

Aber: „Der Lack von früher hat sich davon gemacht“.

Es ist nichts mehr, wie es war vor Hotel Cartagena (Band Nr.9)

Also: Chas ist in Glasgow, kann das Haus ihrer Großmutter erben, trifft auf Tom, den ehemaligen Lover der Grandma, zahlreiche Pubs mit jeder Menge schaumloser Pints und Whisky, Geister der Vergangenheit. Stepanovic und Calabretta observieren Hamburger Immobilieninvestmentarschlöcher, die zuvor ganze Straßenzüge abfackeln ließen, oder treffen sich mit den andern aus der alten Garde in der Blauen Nacht.

Endzeitstimmung hier und am River Clyde, macht keinem in der Story so richtig Spaß.

Fazit: Das Vergnügen hat der Riley-kundige Leser.

– – – O – – –

Simone Buchholz: RIVER CLYDE, erschienen bei Suhrkamp (2021)

– – – O – – –

In der Besprechung erwähnte Bände der Riley-Reihe mit Link zur jeweiligen Besprechung:

Prequel: Schweinheim Special Chapter (als Kindle Ausgabe für umme) sowie

Band 6: Blaue Nacht

Band 7: Beton Rouge

Band 8: Mexikoring

Band 9: Hotel Cartagena

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Eine Leiche zum Sonnenaufgang: LOUISE PENNY – BEI SONNENAUFGANG

Nach einer Party bei Clara Morrow, die damit die Eröffnung der Einzelausstellung ihrer Gemälde in Montreals berühmten Musée d’art contemporain in ihrem Haus in Three Pines feierte, wird am Morgen danach eine Frauenleiche im Garten gefunden. Neben den wichtigsten Leuten aus dem kleinen Kaff im Québecer Land, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist, waren viele Teilnehmer der Vernissage beim kostenlosen Essen und Trinken dabei: Künstler, Galeristen, Kunsthändler, Kritiker – darunter wohl auch die Tote, die ehemalige Kunstkritikerin Lillian Dyson, einst berüchtigt für vernichtende Kritiken, übelste Verrisse, wegen denen Maler und Malerinnen an sich und ihrer Kunst zumeist so verzweifelten, dass sie nie wieder Pinsel und Farbe in die Hand nahmen. Auch Clara hatte zu Beginn ihrer Karriere eine fürchterliche Abfuhr von Lillian Dyson erhalten – zu einer Zeit, als die beiden noch engste Freundinnen waren. Clara fand damals einen anderen Weg für ihre Malerei, der jetzt zu diesem unglaublichen Erfolg führte.

Wie üblich, wenn in dieser Gegend ein Mord verübt wird, ist es die Aufgabe von Chief Inspector der Sûreté du Québec, Armand Gamache, und dessen Team, dieses Kapitalverbrechen aufzuklären. Viele der anwesenden Partygäste und auch Clara Morrow, so Gamaches erste Feststellung, könnten ein Motiv für den Mord haben. Einige der Anwesenden der Party, auf der Lillian Dyson aber offenbar gar nicht aufgetaucht ist, könnten durch einen Verriss der Kritikerin irgendwann einmal beleidigt worden sein. Das Zitat aus einer dieser Kritiken ist vielen in der Kunstszene noch in Erinnerung:

Er ist ein Naturtalent. Er bringt Kunst hervor, als wär’s ein Stoffwechselprodukt.“

Immer wieder taucht es auf in den Gesprächen, die Gamache und seine Kollegen führen. Und immer wieder wird gerätselt, wem diese Kritik galt.

Dabei lernt der Chief Inspector die Kunstszene mit ihren Hauptakteueren kennen: Galeristen und Kunsthändler auf der Jagd nach Künstlern, mit denen sie eigenes Ansehen und Reichtum steigern können, immer in der Angst lebend, ein Genie nicht zu erkennen. Künstlerinnen und Künstler, mit gewaltigen Ego und Ehrgeiz. Sie wollen Ruhm, wollen Anerkennung. Das ist ihr Problem, nicht das Talent sondern das Ego. Mittendrin Lillian Dyson als Kritikerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, andere zu vernichten.

Neben dieser Welt der malenden Zunft und ihrer möglichen Profiteure führen die Ermittlungen zu den Anonymen Alkoholiker, deren Mitglied Lilian Dyson seit einiger Zeit war, zu sonderbaren Konstellationen zwischen einzelnen Mitglieder, von denen Gamasche erfährt, wie das Verhältnis von Betroffenen zu ihren Paten ist und wer sich im Kreis der AA aufhält.

So verlagern sich die Recherche-Arbeiten von Three Pines nach Québec und Montreal, wobei auch deutlich wird, dass nur jemand, der den Weg in das kleine Dorf kennt – oder jemanden kennt, der ihn kennt – den Mord verübt haben kann,, außer Dorfbewohnern wir Clara natürlich. Das schränkt jedoch den Täterkreis nicht wesentlich ein, zumal nicht feststeht, was Lillian Dyson in bei der Party wollte.

Und so beschäftigt sich der Chief Inspector mit der Frage, ob aus einem schlechten Menschen wie der Kritikerin ein guter werden kann, oder anders: kann sich ein Mensch ändern? Kann sich jemand, der sich über das Unglück anderer freut, der dieses Unglück sogar selbst herbeigeführt hat, ändern und die Opfer ehrlich um Entschuldigung bitten? Mit dieser schwierigen Frage muss sich das Ermittlerteam beschäftigen.

Zudem muss es in der Vergangenheit graben, nach dem Künstler, der Kunst hervorbrachte, als wär’s ein Stoffwechselprodukt (vulgo: Scheiße), oder dessen Talent mit einem ähnlichen Verriss zerstört wurde.

Letztlich kann Gamache Three Pines zufrieden verlassen. Frieden kehrt in die Abgeschiedenheit der Wälder wieder ein – bis zum nächsten Mord, bei dem der Chief Inspector der Sûreté du Québec erneut auf die alten Bekannten Gabri und Oliver, Clara und Peter, Myrna und die Dichterin Ruth, treffen wird. Kurzzeitig wird die Welt in Three Pines wieder in Ordnung sein, aber der nächste Mord geschieht dort bestimmt!

Louise Pennys Setting mit Three Pines und deren inzwischen von vielen Leserinnen und Lesern liebgewonnenen Bewohnern spielt in diesem siebten Fall für Gamache nur eine untergeordnete Rolle. Die Intrigen in der Kunstszene und die Beziehungen innerhalb der Anonymen Alkoholiker sowie die Frage, ob oder wieweit sich ein Mensch ändern kann, bestimmen den Inhalt. So wird „Bei Sonnenaufgang“ nicht das Lokalkolorit bedient, ein Thema, über das inzwischen ausgiebig in der Reihe der Gamache-Fälle erzählt wurde. Diese Öffnung tut der Serie gut und erhält sie lesenswert.

– – – O – – –

Louise Penny: Bei Sonnenaufgang. Der siebte Fall für Gamache

Übersetzung: Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, erschienen im Kampa Verlag (2021)

Originaltitel: A Trick of the Light (USA, 2011)

– – – O – – –

Bereits auf KrimiLese besprochen:

Das Dorf in den roten Wäldern. Der 1. Fall für Gamache

Lange Schatten. Der 4. Fall für Gamache

Wenn die Blätter sich rot färben. Der 5. Fall für Gamache

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Stephan R. Meier: 44 TAGE – Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war

Ein Thriller, hart an der Realität der 44 Tage von der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977 bis zum Auffinden seiner Leiche am 19. Oktober des Jahres

Mein persönliches Vorwort: Wer die Tage nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer miterlebt hat, wird die Aufregung im Land, die Ohnmacht den Entführern gegenüber und die allgemeine Anspannung überall nicht vergessen. Besonders ein Erlebnis hat sich mir ins Hirn gebrannt:

Feierabendverkehr in Karlsruhe, Mitte September 1977. Ich halte in der rechten Spur vor einer roten Ampel an einer Ausfallstraße nach Ettlingen.

Auf der linken Spur nähert sich ein Konvoi. Zuerst zwei Polizeimotorräder, dann drei schwarze Limousinen, am Ende nochmals zwei Motorräder mit Polizisten. Die Kolonne hält an, gleichzeitig stellen sich die Polizisten über ihre Motorräder, Maschinenpistolen vor der Brust, öffnen sich die Türen von Limousine 1 und 3, schwarz gekleidete Insassen stellen sich an die Türen, ebenfalls mit MP-Uzzis vor der Brust. Ich lege die Hände sichtbar auf das Lenkrad, Blick gerade aus, rühre mich nicht – aus Angst, dass eine Bewegung von mir falsch von den Uzzi-Trägern verstanden werden könnte. Bei Grün springen sie wieder in die Autos, auf ihre Krads. Die kleine Kolonne mit Generalbundesanwalt Rebmann saust los. Ich wische mir den Angstschweiß von der Stirn. Angespannt war die Situation in der Republik und auch bei mir.

Stephan R. Meyer, Sohn des damals amtierenden Leiters des Bundesamtes für Verfassungsschutz, hat die 44 Tage von der Entführung bis zum Auffinden der Leiche Schleyers in einem Thriller dargestellt, in einer fiktiven Story, in der die Namen einiger Personen, die in jenen Tagen agierten, geändert wurden, die involvierter Politiker wie Bundeskanzler Schmidt, Innenminister Maihofer, BND-Chef Herold, Helmut Kohl und Herbert Wehner jedoch nicht. Vieles, was auf Seiten der Politik, von Verfassungsschutz und Polizei geschah, kommt der Realität vermutlich sehr nahe, ebenso die Einschätzung der RAF, besonders ihrer führenden und zu der Zeit in Stammheim einsitzenden Köpfe.

Neben ausführlichen Recherchen bezieht sich Meier in diesem fiktionalen Werk auf das, was er über diesen Zeitraum von seinem Vater erfahren hat. Robert Manthey nennt ihn Meier hier und er ist der Hauptakteur in diesem dramatischen Geschehen.

Unterschiedliche Auffassungen einschließlich Kompetenzgerangel und Machtkämpfe, unerschütterlicher Glauben in die Fähigkeit von Computern bei der Suche nach Wohnungen, in denen Schleyer versteckt sein könnte, sowie Inkompetenz einzelner Stellen, erschweren Vorgehen und Ermittlungen, die möglicherweise dazu geführt hätten, dass die Geschichte anders ausgegangen wäre. „Belege“ dafür liefert der Autor in einem 20-seitigen Nachwort, in dem auch auf die Geschichte und die Taten der RAF noch einmal eingegangen wird.

Weitgehend fiktiv, aber auch vorstellbar sind die Sequenzen über die Helfer, die bei der Entführung für Logistik und Kontakte zu den Medien gesorgt haben, und das internationale Netzwerk, dessen sie sich bedienten.

Zusammengenommen weckt dieser Thriller Erinnerungen an die Zeit der Endphase des harten RAF-Kerns und ihres Terrors. Stellt dar, wie Politik, BND, Verfassungsschutz und Polizei aufgestellt waren, beschreibt die starken Seiten aber auch besonders die damaligen Schwachstellen sowie das Zusammenspiel mit den Medien. Letztlich führte diese Gemengelage zum Tod Hanns Martin Schleyers. Ein hoher Preis, der – so Meyer im Nachwort – dazu geführt hat, „dass es keinen einzigen ehemaligen RAF-Terroristen gibt, der nicht für jede seiner Mahlzeiten, … , für jede Minute Heizung im Winter und für jede Kugel Eis im Sommer auf genau die rechtsstaatliche Hilfe angewiesen ist, die er einst mordend und brandschatzend abschaffen wollte.“

Als „Thriller“ gemarkt, gibt das Buch einen realistischen Einblick in die Lage der Nation in den 44 Tagen. Einer Zeit der Aufregung, Empörung, Ohnmacht und Ängsten.

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Stephan R. Meier: 44 TAGE – Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war, erschienen 2021 im Penguin Verlag

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MORD IM KLOSTER EBERBACH von Susanne Kronenberg

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Am Vorabend zum Drehbeginn eines Dokudramas im Kloster Eberbach gibt der berühmte Regisseur Ecki Winterstein ein üppiges Buffet für Cast, Crew und einige Freunde. Es herrscht reger Betrieb an diesem Abend im ehemaligen Zisterzienserkloster: Die jährliche Aufführung von „Im Namen der Rose“ zieht viele Besucher zum Originalschauplatz des Drehorts. 1985 mit Sean Connery in der Hauptrolle und vielen männlichen Komparsen aus der Gegend – den Darstellern der Mönche – verfilmt, ist die Vorführung seit Jahren Kult.

Neben Ecki Winterstein und allen, die in den nächsten Tage vor und hinter der Kamera agieren werden, machen sich auch Norma Tann, Privatdetektivin aus dem benachbarten Wiesbaden, und ihr Ex-Schwiegervater als Gäste des Regisseurs auf den Weg in die ehemalige Klosterkirche, um am kultigen Event teilzunehmen.

Doch schon kurz nach Ende der Vorstellung ist es vorbei mit der einzigartigen Atmosphäre, die die Anwesenden zurück ins Mittelalter versetzt. Hilferufe schallen durch die alte Abtei, ein Toter liegt in der Klostergasse, offensichtlich ermordet, Hektik bricht aus.

Gut, dass Norma Tann vor Ort ist. Sie organisiert die Sicherung des Tatortes, veranlasst, dass die Polizei gerufen wird, und informiert ihre alten Spezis von der Mordkommission im Wiesbadener Polizeipräsidium. Und während recherchiert wird, wer der Tote ist und wer der Mörder, interessiert es Ecki Winterstein nur, ob er mit den Dreharbeiten pünktlich beginnen kann, bei denen er gewöhnlich seine Akteure zu Höchstleistungen quält. Gedreht werden soll ein Fernsehfilm über die Ära des Klosters im 19. Jahrhundert, in dem es in Teilen zur ersten psychiatrischen Klinik der Gegend, „Irrenhaus Eberbach“ genannt, umfunktioniert wurde. Grundlage für den Film ist ein Buch von Normas Ex-Schwiegervater.

Nach dem unnatürlichen Todesfall engagiert der oftmals cholerisch auftretende Winterstein die Privatdetektiven unter einem fadenscheinigen Vorwand, vor allem aber aus Angst um sein eigenes Leben. Norma soll für die Sicherheit am Set sorgen. Schaulustige fernhalten, für Ruhe sorgen, Cast und Crew Sicherheit vermitteln, Ängste nehmen, denn man weiß ja nie, was als Nächstes passieren kann. Für die clevere Ex-Polizistin eine gute Gelegenheit, dicht am Tatort und dem möglichen Mörder die ein oder andere Ermittlung schlapphutmäßig durchzuführen.

Dabei erfährt sie so einiges. Über das Zerwürfnis des getöteten Winzers aus der Nähe des Klosters mit seinem Nachbarn. Für die Polizei stehen damit Täter und Motiv fest. Norma, clever wie sie ist, hält aber dennoch Augen und Ohren offen und erkennt, dass sich die Polizei die Angelegenheit zu einfach macht. Damals – 1985, während der Dreharbeiten zum Filmklassiker – verschwand eine junge Frau, Mutter eines Knaben. Sie wurde Tage später völlig verwirrt in der Nähe aufgefunden, mit Brandmalen übersät. Sie ist nie wieder zur Normalität zurückgekommen, hat nie wieder ein Wort gesprochen, endete in einem Pflegeheim, in dem sie vor einigen Monaten starb. Was damals geschah wurde nie aufgeklärt – bis jetzt nicht.

Aber es gibt Personen, die sich erinnern an jene Tage als Sean Connery den William von Baskerville in den Kulissen des Klosters Eberbach spielte. Und diese Personen führen Norma zum Motiv und einem Mörder, der ein echter Gegenspieler von William von Baskerville hätte sein können.

Susanne Kronenberg kehrt mit diesem 9. Fall der „Norma Tann-Reihe“ nach einem Ausflug ihrer sympathischen Privatermittlerin nach Weimar (Tod am Bauhaus) in die Rheingau-Taunus-Region zurück. Nun ist Kloster Eberbach nicht nur legendär als Drehort für „Im Namen der Rose“ sondern berühmt als ehemaliges Zisterzienserkloster, hochgeschätzt als Weingut und der Namensgeber für den Kabinett-Wein und der Sage nach der Bezeichnung „Spätlese“. Neben einem Kriminalroman, der die Arbeit an einem Filmset mit den unterschiedlichen Charakteren von Schauspielerinnen und Schauspielern zeigt – von mimosenhaft über dienstbeflissen bis arrogant und glockelhaft –, der Hektik um die Dreharbeiten, den Druck des Regisseurs auf seine Mitwirkenden und den dabei herrschenden Spannungen erzählt, ist das Besondere die Verknüpfung der Story mit dem Kloster Eberbach und dessen Geschichte. Kleine Schnipsel aus dieser Historie fügt Susanne Kronenberg geschickt und als interessante Information in die Handlung ein, so auch die damaligen „Heilmethoden“ der Anstalt mit dem Hohlen Rad.

Das Hohle Rad, ein Hilfsmittel in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, „den Zerstreuten anhaltend auf sich selbst zurückzurufen, den Vertieften aus seiner Traumwelt in die wirkliche zu ziehen“. Abb. sh. Wikipedia

Es waren und sind nicht nur liebliche, weinselige, magische und fromme Momente, die hier im Kloster erlebt wurden und in der Gegenwart des Romans genossen werden.

Eine gelungene Symbiose von Kriminalfall, der Geschichte des Klosters Eberbach, dem Film „Im Namen der Rose“ und einem neuen Dreh am alten Ort.

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Susanne Kronenberg: Mord im Kloster Eberbach, Gmeiner Verlag (2021)

Dies ist der neunte Fall der Norma Tann-Reihe

Vorhergehende Fälle, auf KrimiLese besprochen:

Band 5: Totengruft

Band 7: Rosentot

Band 8: Tod am Bauhaus

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Ein schauderhafter Kameradenmord im 19. Jahrhundert unter den Aspekten der historischen Kriminologie – von Manfred Teufel

Mit diesem ausführlichen Titel in der Diktion eines wissenschaftlichen Werkes werden wir eingeladen zu einer „bewegenden Reise in die Kriminologie der Vergangenheit, woraus auch Lehren für heute gezogen werden können“.

Jedoch ist es mehr eine überwiegend wissenschaftliche, anspruchsvolle Ausführung über die Betrachtung eines Kriminalfalles vergangener Zeit unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Aspekte und deren Erarbeitung durch die bei der Aufdeckung des Verbrechens und am Strafprozess Beteiligten. Manfred Teufel, durch Fachpublikationen bekannt, ehemaliger Herausgeber des Taschenbuchs für Kriminalisten, hat mit diesem Buch kein unterhaltsames Werk für den Krimifan geschrieben. Als kriminologischer Laie bedarf es mitunter große Mühe, den Inhalt zu verstehen, um ihn würdigen zu können. Wer aber diesen Aufwand betreiben möchte, dem offenbart sich ein umfassender Einblick den Ablauf von Ermittlungen und einem Strafprozess vor mehr als 150 Jahren. Zum Verständnis dieser komplexen Chronologie beschreibt Teufel zunächst, was unter Kriminologie zu verstehen ist, grenzt diese Wissenschaft vom Begriff der Kriminalistik ab. Damit kann der Leser dann eintauchen in den Fall, einem Mord an einem italienischen Wanderarbeiter.

Aus heutiger Sicht eine Geschichte aus einer anderen Welt – ohne die heutigen Analysenmethoden und Aufklärungsmöglichkeiten.

Eine interessante Lektüre in dessen Zentrum ein realer Kriminalfall steht, der aber vor allem beschreibt, wie langwierig der Weg vom Bekanntwerden eines Verbrechens bis zur Urteilsfindung sein kann.

Für mich mehr ein Seminar über historische Kriminologie, das den Besuch lohnt, als eine bewegende Reise in die Kriminologie der Vergangenheit.

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Manfred Teufel: Ein schauderhafter Kameradenmord im 19. Jahrhundert unter den Aspekten der historischen Kriminologie, erschienen im Verrai Verlag (2020)

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Vergebung hat ihre Grenzen. ATTICA LOCKE: HEAVEN, MY HOME

Zeit der Handlung: 2016, nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA

Ort der Handlung: Marion County (Texas), dessen Verwaltungssitz Jefferson, Lake Caddo mit Hopetown, eine Gemeinde befreiter Sklaven

In abendlicher Dunkelheit ist Levi King verschwunden, Sohn eines Bosses der Arischen Bruderschaft Texas (ABT). Levi wohnt mit Mutter, deren Lover und Schwester in einem Trailerpark im Hopetown, der Vater sitzt seit etlichen Jahren und noch für lange Zeit im Knast. Zoff zwischen den Nachfolgern der befreiten Sklaven, denen das Land gehört, auf dem weißer Mob sich mit Trailern eingerichtet hat, ist an der Tagesordnung. Und die Besatzer erwarten nach der Wahl Trumps noch mehr Rechte und das weitere Aufblühen der ABT.

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In dieser Situation wird der Texas Ranger Darren Mathews nach Hopetown geschickt, vordergründig um das vermisste Kind zu finden. Seinen Vorgesetzten geht es aber mehr darum, dass der Ranger Beweise findet, um der ATB vor Trumps Inauguration zu zerschlagen. Nicht leicht für Darren, der afroamerikanischer Herkunft ist. Zudem hängt noch eine alte Sache an ihm, bekannt aus dem Vorgänger-Band Bluebird, Bluebird, eine Geschichte, bei der er immer noch nicht reingewaschen ist von dem Verdacht zu wissen, wer einen Bruder der ATB umgebracht hat. Und mit seiner Ehe steht es auch nicht zum Besten.

In Hopetown erlebt Darren eine verworrene Situation. Die Mutter fleht ihn an, Levi zu finden,. Ein Großteil der Weißen vor Ort gehen davon aus, dass der Junge tot ist, hat auch schon den vermeintlichen Mörder gefunden: ein Schwarzer namens Page, der den Jungen als Letzter gesehen hat. Der Sheriff vor Ort kommt zu keinem anderen Ergebnis. Könnte ja auch so sein, da der neunjährige Levi den alten Page mehrmals rassistisch beleidigt hat. Als das FBI sich auch noch einmischt und Greg, einen alten Kumpel von Darren, mit der Klärung des Falles beauftragt, gehen die Ermittlungen zur Verärgerung des Rangers ebenfalls in diese Richtung. Dabei verfolgt der der FBI-Mann ganz eigene Interessen: Kann er Page den Mord an Levi nachweisen, einen Hassmord eines Schwarzen an einem weißen Kind, kann das in diesen Zeiten, in denen sich Trump an die Spitze des Staates setzt und das Justizministerium entsprechend umpolt, der Karriere förderlich sein.

Für Darren ist es schwierig, klar zu denken – und Jim Beam hält ihn auch zeitweise davon ab. Eigenartiges Verhalten von Levis Großmutter, der heimlichen Herrscherin in Jefferson, aber auch vom alten Page und dessen Sippe verunsichern ihn. Als sich dann noch der Vater des Vermissten aus dem Gefängnis einschaltet und Darren sprechen will, wird die Geschichte für den Ranger noch verworrener. Alles scheint zusammenzuhängen. Und immer wieder sind es zwei Fälle – den des vermissten Levi und seinen eigenen-, die er lösen muss in einem Gemenge von historischer Entwicklung, Rassismus, Misstrauen, Hass und Verrat. Das schon lang andauernde Gegeneinander von Weiß auf der einen, Schwarz und First Nations auf der anderen Seite – und kein Ende ist in Sicht.

Attica Locke hat diese Verhältnisse aus der Perspektive nach der Trump-Wahl beeindruckend dargestellt. Ein lautes „Weiter so“ dazu von mir in dreierlei Hinsicht:

An Attica Locke gerichtet, dass sie diese Thematik weiter so in ihren Romanen behandeln möge,

an die weißen Trumpianern bis zu der ABT in sarkastischem Ton,

an die Schwarzen, „die versöhnlichsten Menschen der Welt“, wobei wir wissen „Vergebung hat ihre Grenzen“.

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Attica Locke: Heaven, My Home, übersetzt von Susanna Mende, herausgegeben von Wolfgang Franßen, erschienen im Polar Verlag (2020), Originaltitel: Heaven, My Home (USA, 2019)

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  1. Band mit Texas Ranger Darren Mathews: Bluebird Bluebird
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Jürgen Heimbach: Vorboten

Ein Krimi, der gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg erzählt, in dem bereits die Vorboten auf die Ära des Nationalsozialismus in Deutschland zu erkennen sind.

Der Lehrersohn Wieland Göth kehrt aus dem 1.Weltkrieg zurück nach Rombelsheim, einem kleinen – fiktiven – Dorf irgendwo in Rheinhessen. Im Dorf herrscht Unverständnis über die Rückkehr, da Göth nie so recht Teil der Dorfgemeinschaft war. Man misstraut ihm, hält ihn für einen Spitzel der französischen Besatzer. Dabei ist der Außenseiter nur zu einem besonderen Zweck zurückgekommen. Er ist wieder da, um einen Mann zu töten.

Die Dörfler haben indes nur ein Ziel: sich von den Besatzern und deren „Negersoldaten“ zu befreien und somit Deutschland wieder erblühen zu lassen. Angeleitet werden sie vom Grafen, einem Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft. In nächtlichen Aktionen und geheimen Treffen werden Vorbereitungen getroffen, während öffentlich der Hass gegen Besatzer und Nicht-Deutsche inklusive der jüdischen Bevölkerung verbreitet wird. So wird ein Russe, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, gesucht, der Wieland Göths Schwester ermordet haben soll. Die Leiche der jungen Frau wurde nicht gefunden, der Russe jedoch zum Mörder gestempelt, auf Plakaten wird eine Belohnung zur Ergreifung des mutmaßlichen Mörders ausgelobt.

In diesem „Mikrokosmos“ von Rombelsheim mit seinen wenigen Hundert Bewohnern ist zu erkennen, worauf sich das Reich nach der Niederlage im Krieg vorbereitet. Nationales Gedankengut wird genährt durch den Hass auf alles Fremdländische, gleich ob alte Kriegsgegner, Juden oder andere. Dazu kommt der Schmach, den Friedensvertrag von Versailles ertragen zu müssen. Hunger und Armut durch Arbeitslosigkeit kommen hinzu. Das alles in der Hoffnung auf die Verbesseung der Lebensverhältnisse. Da trifft es sich gut, dass der Graf den Rombelsheimer Arbeit gibt. Seine Ideen für ein neues freies, nationales Deutschland werden so gern von der Bevölkerung aufgenommen. Dass die Rombelsheimer nur Werkzeug des Grafen sind erkennen sie nicht. Und nach Grafens Wunsch soll Wieland dieses Unternehmen unterstützen. Doch der Heimkehrer hat andere Pläne.

Die Beschreibung des dörflichen Lebens in der Provinz nach dem Krieg, in der das Leben dort nur langsam wieder in Gang kommt, nachdem viele männliche Bewohner gefallen oder schwer verletzt und traumatisiert heimgekehrt sind, vermittelt im Kleinen einen Eindruck, wie es damals der ländlichen Bevölkerung ergangen ist.

Die Sichtweise auf das „Große und Ganze“ wird dagegen vom Grafen und dessen Berater beigesteuert, in der die diversen Interessen unterschiedlicher Gruppierungen und Verbände dargestellt werden, die bereits die Gefahr erkennen lassen, in welche Richtung sich politische und gesellschaftliche Kräfte zunächst aus einem Nationalismus hin zum 3.Reich entwickeln. Die Vorboten der großen Katastrophe die zu Nationalsozialismus Holocaust und 2.Weltkrieg führten. So tritt in diesem als Kriminalroman bezeichnetem Buch der Kriminalfall in den Hintergrund.

Die Entwicklung der Vorboten – wie es zum 2.Weltkrieg kam – ist das eigentliche Thema von Jürgen Heimbachs neuestem Roman. Er behandelt damit ein Thema, was bei vielen meiner Zeitgenossen – der Nachkriegsgeneration – in der Schule nicht oder nur in geringem Umfang behandelt wurde. Ich erinnere mich, dass in meiner Gymnasialzeit in den 60ern zwar mehrmals die griechische und römische Geschichte im Unterricht ausführlich behandelt wurden. Das Geschehen der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts floss in den Geschichtsunterricht meiner Erinnerung nach dagegen nur kurz und oberflächlich ein. Nun ist es ja nicht so, dass bei mir nicht inzwischen das Wissen über jene Zeit gewachsen ist, dennoch ist dieses Buch Anlass, die Lücke zu füllen. Es würde mich freuen, wenn es Jürgen Heimbach gelingt, auch vielen anderen Lesern den Anstoß dazu zu geben.

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Jürgen Heimbach: Vorboten, erschienen im Unions-Verlag (2021), mit einem 10seitigen Nachwort des Autors über die historischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe.

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Weitere Besprechungen von Romane Jürgen Heimbachs, veröffentlicht auf dieser Seite:

Heimbach, Jürgen – Die Rote Hand (2019), ausgezeichnet mit dem Glauser-Preis 2020 als „Bester Kriminalroman des Jahres“

Heimbach, Jürgen – Offene Wunden (2016). Dieser Roman ist der letzte Teil eine Trilogie um den Kommissar Paul Koch im Mainz der Zeit nach dem 2.Weltkrieg. Unter Trümmern und Alte Feinde sind die ersten beiden Bände

Mehr über den Autor und seine Bücher auf https://www.juergen-heimbach.de/

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