Ray Celestin: Höllenjazz in New Orleans

IMG_7615Früher war auch nicht alles besser! Jedenfalls nicht im New Orleans des Jahres 1919. The Axeman mordete wie bereits im Vorjahr, indem er nachts seine Opfer – zumeist italienische Lebensmittelhändler – im Schlaf überraschte und mit einer Axt erschlug. Die Mordserie hörte im selben Jahr auf. The Axeman wurde nie geschnappt.

Ray Celestins Roman „Höllenjazz in New Orleans“ basiert auf jener Mordserie und bezieht sich dabei auf das, was damals in „Big Easy“ passierte. In dieser Zeit war die französisch geprägte kreolische Kultur durch den zunehmenden Einfluss der weißen Südstaaten-Amerikaner verbunden mit Rassentrennung und -hass auf dem Rückzug. Italienische Einwanderer schleppten zudem mafiöse Strukturen mit in die Gegend. Aber auch das „neue“ New Orleans, so zeichnet es Celestin, lebt mit der Musik, dem Jazz und den Street Bands.

Wer das Buch aufschlägt, wird zunächst über ein Personenverzeichnis stolpern, das vom Umfang her fast abschreckend wirkt. Weit über 100 Namen sind darin aufgeführt, aber keine Angst: es bleibt beim Lesen übersichtlich. Und wer der Axeman ist, geht aus dem Verzeichnis nicht hervor. Bei der Lektüre stellt sich schnell heraus, dass die Morde auf brutale Art durchgeführt werden, mit einer Axt wird auf den Kopf der Opfer eingeschlagen, in den zerschundenen Schädeln lässt der Täter jeweils eine Tarotkarte zurück, die Tür des Tatorts ist stets von innen verriegelt.

Die Polizei steht hilflos da. Der Mafiaboss ist beunruhigt, weil die Polizei in der italienische Gemeinde herumschnüffelt, Zusammenhänge zwischen Mörder und Opfern sucht, Schutzgelderpressung vermutet. In dieser Situation erhält der Zeitungsreporter John Riley einen Brief vom Axeman, der darin weitere Morde zu einem bestimmten Zeitpunkt ankündigt. Nur die, bei denen zu der Zeit Jazz gespielt wird , will er verschonen. Der Brief wird in der Zeitung abgedruckt und die Panik wächst.

Detective Michael Talbot sucht den Axeman. Sein ehemaliger Chef Luca D’Andrea, der gerade aus Angola, dem berüchtigten Knast in der Nähe von New Orleans entlassen wurde, ebenso. Luca hatte die Interessen der Mafia bei der Polizei vertreten, war durch Michael aufgeflogen. Jetzt sucht er im Auftrag des Mafiabosses ebenfalls den Serienmörder, denn Boss Carlo möchte wieder in Ruhe seinen Geschäften nachgehen. Und dann ist da noch Ida, kleine Angestellte der örtlichen Pinkerton-Detektei, die überzeugt ist, dass sie es ist, die den Axeman finden kann. Ida hat Hilfe vom jungen Louis Armstrong, der am Beginn seiner Musikerkarriere steht, aber noch Zeit hat, Idas Schnüffeleien zu begleiten. Aus diesen drei Perspektiven erleben wir die Suche nach einem, der als Geist betrachtet wird, der offenbar durch Wände gehen kann, denn die Häuser oder Wohnungen der Ermordeten sind stets von innen verschlossen.

Wer ist dieser Axeman? Die Kreolen vermuten, dass es ein Italiener, also ein Weißer, ist – wenn er denn wirklich ein Mensch ist. Für für die Weißen kann es nur ein Kreole oder Neger sein, der zur Tarnung und Ablenkung den Mafiabrauch mit den Tarotkarten nutzt.

Die drei Jäger führen uns durch die verschiedenen Gegenden New Orleans, in die übelsten, ins Rotlichtviertel, in die Sümpfe vor der Stadt. Dabei erfahren wir über das bisherige Leben von Louis Armstrong – das überwiegend historisch korrekt geschildert wird. Auch andere Ereignisse jener Zeit werden – offensichtlich nach guter Recherche – in die Krimihandlung eingebunden. Big Easy wird dabei nicht nur in bunten Farben geschildert, auch von den dunklen Seiten erzählt Ray Celestin. So folgen wir Jägern, die mit unterschiedlichen Interessen hinter Axeman her sind, die sich auf verschiedenen Wegen dem Zielobjekt nähern. Ob sie das Ziel erreichen, oder wer es zuerst erreicht, wird hier nicht verraten. Nur soviel, auch bei Ray Celestin hört die Mordserie in New Orleans im Jahre 1919 auf – aus gutem Grund.

THE TIMES schrieb über diesen Roman: Celestin ist es gelungen, geschichtliche Faktenmit einer cleveren Story um drei besondere Ermittler und ihrer Jagd nach dem Mörder zuverweben.

So ist es!

— O —

Ray Celestin: Höllenjazz in New Orleans, erschienen 2018 im Piper Verlag, Übersetzung von Elvira Willems. Originaltitel The Axeman’s Jazz (2014)

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Klassische Krimihandlung in fantastischem SciFi-Setting: Tom Hillenbrand – Hologrammatica

IMG_7629Klassisch: IT-Expertin verschwindet. Wurde sie entführt oder hat sie sich abgesetzt? Privatermittler erhält den Auftrag, sie zu finden, tappt dabei im Dunkeln auf der Suche nach der „Milchtüte“ und dem Motiv, gegen Ende löst er den Fall.

Fantastisch: In etwa 70 Jahren hat sich nicht nur unsere Umgebung verändert, auch die Welt und insbesondere wir. Das Faszinierendste aber ist, das diese Veränderungen ständig wechseln können. Per Holonet ist es möglich Hausfassaden, Skylines, unsere Kleidung mit unterschiedlichen Texturen zu versehen. Aber das ist nur der unbedeutende Teil, den Tom Hillenbrand beschreibt. Viel aufregender ist, dass Menschen sich für eine bestimmte Zeit in andere menschenähnliche Körper – Gefäße genannt – transferieren, in eine andere Persönlichkeit verwandeln können, zudem besteht die Möglichkeit, das Gehirn durch ein künstliches zu ersetzen.

Dieser Teil, oben als „fantastisch“ bezeichnet, ist lediglich die Basis dessen, was den Leser als SciFi-Setting in diesem Thriller erwartet.

Hillenbrands Vision ist derart abenteuerlich, das sie alles, was darum als Vermissung der IT-Expertin zu lesen ist, zunächst in den Hintergrund treten lässt. Aber zum Schluss erscheint sie wieder, die vermisste Person, in einer Form, die der Art der Geschichte gerecht wird.

Der Ermittler, Galahad Singh, leistet gute Arbeit. Er ist noch größtenteils jemand, den wir heute noch als Mensch bezeichnen. Er sieht die Welt mit unseren Augen und so können wir aus seiner Perspektive vieles erkennen und verstehen, was sich verändert hat, aber nicht alles. Es gibt Rätsel, die auf Ereignisse in den 40er Jahren dieses Jahrhunderts zurückgehen, sich aus heutiger Sicht also in rund 25 Jahren ereignen werden. Ein Zeitraum, den ein großer Teil der derzeitigen Bevölkerung vermutlich noch erleben werden. Und danach?

Schauen wir, was bis dahin – nennen wir es 2084 – passiert. Den Weg hat Tom Hillenbrand vorgezeichnet. In den 50ern des 20. Jahrhunderts war die Orwellsche Vision von 1984 kaum vorstellbar. In wesentlichen Teilen haben wir jenes Szenarium hinter uns gelassen oder leben nahezu unbeschwert darin. Hillenbrands 2084 scheint fern, aber mit den darin beschriebenen Möglichkeiten werde ich es zu dem Zeitpunkt bewerten können.

Es ist durchaus empfehlenswert, sich nicht nur mit dem Verschwinden der IT-Expertin zu beschäftigen, sondern auch mit dem Leben im Zeitalter von Hologrammatica.

— O —

Tom Hillenbrand: Hologrammatica, erschienen 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

— O —

Im Blog BUCH-HALTUNG schreibt Marius über Hologrammatica u.a.:  Am stärksten ist Hologrammatica immer dann, wenn der Autor unsere gesellschaftlichen Konventionen weiterentwickelt und damit Reflektionspotential bietet: welchen Sinn hat beispielsweise eine Orientierung an Geschlechtern und Äußerlichkeiten, wenn man sich sein Äußeres einfach selber aussuchen kann und nach Lust und Laune seinen Verstand in einen beliebigen Körper pressen kann? 

— O —

Mit „Drohnenland“ hat Tom Hillenbrand einen weiteren Roman geschrieben, der in der Zukunft spielt. Er handelt von einer Welt, in der Drohnen observieren und registrieren. Eine totale Überwachung von Kühlschrankinhalten bis hin zur Manipulation durch Drohnen ermittelter Erkenntnisse über kriminelle Machenschaften.

— O —

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Düster wie das Cover: Michaela Kastel – So dunkel der Wald

IMG_7625Der Titel auf dem Cover: Kaum lesbar, so düster. Der Thriller so gruselig, so grausamen Inhalts, oftmals eklig. Selten hat mich ein Plot so gefesselt, zugleich im ersten Teil abgestoßen. Es ist zunächst die Geschichte von „Paps“ dem Monster, das kleine Kinder in ein abgelegenes Haus im Wald entführt, nachts misshandelt und falls nötig bestraft, indem die Opfer in eine schachtartige Höhle gebracht werden. In der Dunkelheit wird der Wille gebrochen, macht Gefangenen dunkler, manche krepieren auch darin.

Die zwanzigjährige Ronja, wurde von ihm vor zehn Jahren in den Wald verschleppt, Yannick schon ein paar Jahre zuvor. Die beiden haben die Torturen überlebt. Das Interesse, sie zu missbrauchen, ist bei „Paps“erloschen. Er bedient sich Jüngerer, wobei der Missbrauch gar nicht explizit beschrieben wird. Allein der Gedanke erzeugt beim Leser Hass und Ekel.

Ronja ist in diesem Thriller die Erzählerin, die von dem düsteren Leben berichtet. Davon, wie sie die Kleinen bemuttert und versorgt, wie das Leben in Furcht läuft. Ein Fluchtversuch scheitert, aber er verändert die Situation. Das Monster, das den Versuch noch vereitelt hat, überlebt das Ereignis nicht.

Die Freiheit bringt den Älteren und den Jüngeren jedoch nichts. An Yannick scheitern Ronjas Überlegungen, zur Zivilisation zurückzukehren. Zu groß ist dessen Angst, für die Taten „Paps“ mitverantwortlich gemacht zu werden, unüberwindbar die Furcht, sich nicht mehr außerhalb des Waldes integrieren zu können. Normal ist für Yannick, wie er heute lebt. Diese „Normalität“ will er zum Wohle aller mit Gewalt bewahren.

Verkehrte Welt, aus der Ronja mit den Kindern ausbrechen möchte.

In der Welt außerhalb des Waldes ist inzwischen eine Suche nach den Vermissten gestartet, aber auch der kann sich Yannick auf seine Art, die immer mehr mit den Grausamkeiten durchsetzt ist, wie sie „Paps“ angewandt hatte.

Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn verschwindet dabei mit zunehmender Lesedauer.

Es gibt Romane, die sind mehr als nur Worte und Gefühle und Handwerk. Sie sind etwas, das man als Autorin gar nicht so richtig erklären kann.“ Das schreibt Michaela Kastel in einer Danksagung am Ende des Buches. Den Thriller mit dem üblichen Rezensionssprech zu beschreiben, fällt mir schwer. Nicht der Worte sondern der Gefühle wegen, die konträrer nicht sein können. Das Ende versöhnt ein ganz klein wenig, die Düsternis aber überwiegt.

So dunkel der Wald“, für den Leser ein Experiment, wie viel Dunkel er ohne Hoffnung auf Licht ertragen kann – oder will.

— O —

Michaela Kastel: So dunkel der Wald,

Emons Verlag 2018, ISBN 978-3-7408-0293-6

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Frisch auf den Tisch – Februar 2018

IMG_7610Mit TIEFENSCHARF von Roland Spranger ist im Polar Verlag erstmals ein Kriminalroman eines deutschen Autors erschienen. Mit dem Drogendealer Max und dem Video-Journalisten Sascha „tauchen wir tief in unsere Realität ein, die geprägt von stiller, offener Gewalt und Wut ist“. Meine Realität sieht zwar anders aus, die Neugierde auf das Buch ist dennoch geweckt.

 

 

IMG_7625„Ronja und Jannik führen ein Leben ohne Zukunft, seit sie als Kinder von einem gewissenlosen Entführer tief in den Wald verschleppt wurden“. Der Ausweg scheint ihnen verwehrt zu sein.

Der Thriller, der so düster zu sein scheint wie das Cover, erscheint am 15. März im Emons Verlag.

 

 

IMG_7616Mit Raphaël Cofiants Kriminalroman „Unbescholtene Bürger“ stellt der Verlag Litradukt den Roman eines weiteren Autors aus der Karibik vor. Mord aus Eifersucht, ein blutiges Ritual oder eine politische Intrige, so kennen wir bereits die Romane aus dem Haiti des Gary Victors. Handlungsort dieses Romans ist Martinique und laut Klappentext „ein spannendes Sittengemälde der französischen Antillen voll kreolischer Fabulierfreude und Humor“.

 

IMG_7618Haben wir nicht gerade den erzwungenen Rücktritt des Präsidenten Jacob Zuma erlebt? Korruptionsskandale haben seine Amtszeit geprägt. Mike Nicols KORRUPT geht es um Menschenhandel und um Korruption – kein Wunder bei dem Titel. Mit eingebunden ist die Familie des Präsidenten der Republik. In ersten Rezensionen wird beschrieben, dass aus der Beschreibung des Handelns Zuma klar zu erkennen ist. Die Agentin Vicki Kahn kennen Leser von BAD COPS bereits. Dort arbeitete sie als Anwältin. Korrupt ist der zweite Teil einer dreiteiligen Spionage-Thriller-Serie. Und Vickis Spezi Fish ist ebenfalls dabei. (Erschienen bei btb im Februar 2018.)

IMG_7627Von korrupten Verhältnissen der Gegenwart zu dystopischen Zuständen in Italien. DER AUFRECHTE MANN bewegt sich in zerstörten Städten mit marodierenden Banden. Die Landesgrenzen sind geschlossen. Ein Szenario, wie es Davide Longo von seinem Heimatland in naher Zukunft zeichnet. Der ehemalige Uniprofessor Leonardo will nicht akzeptieren, was um ihn herum passiert. Auch er wird Teil des nahenden Untergangs. Aber es gibt anscheinend einen Ausweg. (Erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag)

 

IMG_7615Nach Dystopie zurück ins jazzige New Orleans des Jahres 1919. Dort mordet der „Axeman“. Ein Serienmörder, der immer schneller mordet, dem der Detective Talbot hinterher rennt. Die Mafia wirkt mit, Louis Amstrong hat einen Part. Eine illustre Gesellschaft im Umfeld des „Axeman“, der sich per Brief an eine Zeitung wendet, darin den nächsten Mord androht, und nur die verschonen will, die den Jazz lieben. Erster Roman von Ray Celestin, basierend auf historischen Fakten. HÖLLENJAZZ in New Orleans wurde mit dem John-Creasey-New-Blood-Dagger-Award der Crime Writer’s Association ausgezeichnet. (Piper Verlag)

IMG_7612Eric Amblers „Die Maskedes Dimitrios“ gehört zu den Klassikern im Genre Kriminalromane und ist jetzt neu bei Atlantik im Hoffmann und Campe Verlag erschienen. Bekannt ist der Roman bei uns hauptsächlich durch die schwarz-gelbe Ausgabe des Diogenes Verlags. Angaben zum Inhalt und zu Amblers Art zu schreiben verzichte ich hier, verweise lediglich darauf, dass der Verlag inzwischen mehr als die Hälfte von Amblers Romanen neu veröffentlicht hat.

 

IMG_7614Ein Frachtpilot als Autor eines Thrillers, in dem ein Frachtpilot der Protagonist ist. Riskante Aufträge führt er aus für den deutschen Geheimdienst – der Frachtpilot im Thriller. Ein schier unglaulicher Plot um somalische Terroristen , den Plan eines Massenmords, Verquickungen des BND. Im Klappentext recht reißerisch dargestellt. Matthias Soeder hat den Thriller HERZSCHLAG DER GEWALT als Selfpublisher veröffentlicht. Mit Skepsis werde ich mich ans Lesen machen.

 

Und gerade heute eingetroffen:

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BERLIN NOIR, herausgegeben von Thomas Wörtche, erschienen im Verlag CULTURBOOKS. Eine Reise durch Berlin mit Metropolenstress, Cops & Ganstern und Großstadtleben – das sind die drei Abschnitte, in die die Originalgeschichten von 13 bekannten und weniger bekannten Krimiautorinnen und – autoren eingeteilt sind. Und bereits die erste dieser Stories, DORA von Zoë Beck, fasziniert mich, weil sie eine Situation schildert, die so fern der Normalität zu sein scheint und mit einem so klaren Auftrag endet.

 

 

 

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Susann Brennero: Der Vampir vom Niederrhein – Peter Kürten

IMG_7608In diesem biografischen Kriminalroman werden die Verbrechen und insbesondere die Jagd nach dem Serienmörder Peter Kürten erzählt. Eine Serie von Morden, versuchten Morden und damit verbundenem sexuellem Missbrauch, überwiegend an kleinen Mädchen und jungen Frauen, ereignete sich 1929/1930 in Düsseldorf. Diese Vorfälle lösten in der Bevölkerung Hysterie aus, unter großem Einsatz der Polizei wurde der Mörder gesucht, Bürgerwehren patrouillierten nachts, um die Bürger zu schützen und den Verbrecher zu fangen.

Der fiktive Egon Kron ist der Hauptakteur in dieser Darstellung. Als Nachbar der Famile, deren kleine Tochter am 9. Februar 1929 mit einer – wie sich später herausstellte – Kaiserschere mit zahlreichen Stichen ermordet und zudem missbraucht wurde, beschäftigt ihn dieser Mord sehr und er verspricht der Familie, den Mörder zu finden. Kron ist Reporter einer Tageszeitung und wird von seinem Chef von anderen Aufgaben freigestellt, um eine Art des investigativen Journalismus zu betreiben und über seine Ermittlungen in der Zeitung zu berichten. Eine sensationsheischende Berichterstattung soll dazu dienen, die Auflage der Zeitung zu erhöhen.

Kron vermutet Zusammenhänge mit einem Mord, der bereits 1913 in der Gegend passierte, aber sowohl er als auch die Polizei kommen zunächst mit ihren Ermittlungen nicht voran. Tausende Hinweise gehen von der Bevölkerung ein, die Düsseldorfer Polizei erhält mehrmals Unterstützung von Kriminalkommissaren aus Berlin. Vielen falschen Fährten wird nachgegangen, ein Unschuldiger für die Taten verurteilt. Doch weiter geht es mit dem Morden. Noch spektakulärer wird die Mordserie, als Stiche am Hals der Opfer gefunden werden und der unbekannte Täter in Krons Berichten als Vampir bezeichnet wird. Wie sich später herausstellt, hat der Täter tatsächlich nicht nur sexuelle Begierden befriedigt, sondern tatsächlich auch Blut seiner Opfer getrunken.

Mit einigen Verweisen auf das Zeitgeschehen – Arbeitslosigkeit, Weltwirtschaftskrise, Ausweitung der NSDAP – erzählt Susann Brennero die Geschichte der Irrungen und Wirrungen bei dem Versuch, den Serienkiller zu fassen, berichtet von dessen Taten und schließlich der Festnahme, die nach dem Prozess mit dem Köpfen von Peter Kürten endet. Knapp wird in Form eines Interviews durch Kron im Gefängnis auf die Motive Kürtens eingegangen.

Wer sich als Leser jedoch erhofft, über die Psyche dieses Vampiristen – der Begriff Vampir gehört in die Welt der Mythologie – oder das Phänomen „Renfield Syndrom“ ausführliche informiert zu werden, wird enttäuscht werden. Ein solcher Diskurs zum Thema Vampirismus ist bei Jo Nesbøs in „Durst“ zu lesen und Paul Collins hat in „Der Mord des Jahrhunderts – Der Fall Guldensuppe“  gezeigt, wieviel ausführlicher und durch Quellen belegt, wahre Verbrechen beschrieben werden können. Auch der Einfluss der Berichterstattung mit sensationellen Neuigkeiten auf die Erhöhung der Auflage von Boulevardblättern und die Erfolge der Yellow Press wurde von Collins dort in höchst interessanter Weise geschildert.

Dies scheint jedoch nicht die Intention von Susann Brennero gewesen zu sein. „Der Vampir vom Niederrhein- Peter Kürten“ ist ganz einfach eine Geschichte von der Brutalität eines Serienmörders, Hysterie und Hype im Düsseldorf von rund 90 Jahren, locker erzählt mit ein klein bisschen Nebenhandlungen um den Reporter Kron und dessen Freundin, einem aufstrebenden Filmstar namens Marlene.

— O —

Susann Brennero, Der Vampir vom Niederrhein – Peter Kürten,

Biografischer Kriminalroman

Erschienen 2016 im Gmeiner-Verlag, ISBN 9783839219379

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Man sollte es umbenennen: GRAVESEND in Loser’s City

IMG_7560In William Boyles Kriminalroman GRAVESEND gibt es keine Winner. Es sind arme Schweine, die in diesem kleinen Stadtteil innerhalb Brooklyns agieren. Selbst der große Pate krepiert durch ein paar Kugeln. Das wahre Leben in Gravesend spielt sich allerdings einige Stufen darunter ab. In der Familie von Ray Boy Calabrese und der seines Opfers Duncan. Ray Boy hatte vor sechzehn Jahren mit seinen Kumpel den schwulen Jungen Duncan verprügelt und in den Tod gehetzt.

Jetzt ist er wieder frei. Zur Freude seines Neffen Eugene, der alles in seinem Leben hasst außer Onkel Ray Boy, den er anhimmelt. Zur Freude auch von Duncans nichtsnutzigem Bruder Conway, der den Tod von Duncan rächen und deshalb Ray Boy töten will.

Doch Ray Boy ist nicht mehr der starke Typ, der er war oder den er damals gemimt hat. Er will nur eins, sterben. So scheint er zufrieden zu sein, als Conway mit einer Pistole bei ihm auftaucht, um ihn zu erschießen. Aber Conway schafft es nicht, am Abzug zu ziehen. Ray Boy bittet und bettelt getötet zu werden, Conway versagt. Er ist nicht nur ein Feigling, er ist zudem so dumm, dass er sein Opfer entkommen lässt. Ray Boy zieht es wieder zurück zur Familie, in der nun Neffe Eugene erkennt, dass seinem Idol alles Kriminell-Heldenhafte verlorengegangen ist.

Und so leben sie alle kurze Zeit weiter in ihren verrottenden Häusern und zerbrochenen Familien. Conway mit dem kranken Vater, der den Tod seines anderen Sohnes nicht verkraftet hat. Ray Boy und Eugene sowieso am Rande der Gesellschaft. Und auch im Umfeld nur keifende Mütter, unverstandene Töchter, übelste Kneipen, nicht die geringste Lebensfreude. Nicht ein einziger Lichtblick, kein Happy End in Sicht. Und so geht die Geschichte auch aus: ein paar Tote mehr in und um Gravesend, eine Lose-Lose-Situation für jeden der Player.

Es ist eine düstere Story, die William Boyle erzählt, ein Noir, der an Tristesse kaum überboten werden kann. Ein Rächer, der nicht rächen kann, weil er zu schwach ist, und der zu Rächende, der darum bettelt, erschossen zu werden, und das Projektmanagement dazu übernimmt, trister geht es nicht.

Eine großartige, bewegende Beschreibung von der Hoffnungslosigkeit der Charaktere und deren Zerbrechen.

— O —

William Boyle, Gravesend, übersetzt von Andrea Stumpf, herausgegeben von Wolfgang Franßen, Polar Verlag (2018), ISBN 978-3-945133-55-2

Originaltitel: Gravesend (USA, 2013)

— O —

Andere Meinungen:

Der Blog der Schurken

Alexander Roth in der Waiblinger Kreiszeitung und anderen Blättern des ZVW

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Zwei Fälle für Nero Wolfe: Es klingelte an der Tür/ Zu viele Köche

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In 33 Kriminalromanen und 41 Kurzgeschichten ermittelt der Bonvivant Nero Wolfe für horrendes Honorar als Privatdetektiv. Vorwiegend sind es Mordfälle, deren Aufklärung Nero Wolfe betreibt. Sein mehrstöckiges „Old Brownstone“ mit der Orchideenzucht auf dem Dach verlässt er dazu nur äußerst selten, den Kontakt zur Welt außerhalb seines Hauses gewährenleisten hauptsächlich neben seinem wichtigsten Mitarbeiter Archie Goodwin, die Klienten und der Leiter des New Yorker Morddezernats, Inspector Cramer. Beruf und Privatleben spielen sich im  Old Brownstone ab, dort lebt und arbeitet neben Wolfe und dem „Mädchen-für -alles“-Goodwin auch deren Koch Fritz Brenner, der für ausreichendes und feines Essen sorgt. Außer seinen Fällen, den Orchideen und dem guten Essen liebt Wolfe Bier, Literatur ein schickes Auto. Frauen und Aushäusigkeit mag er nicht.

Rex Stout hat die Romane und Erzählungen zwischen 1934 und seinem Tod im Jahre 1975 geschrieben. Sie beinhalten eine Vielzahl von Statements und Kommentaren zur damaligen Politik und Verhalten der Gesellschaft – z.B. Rassentrennung und Rassenhass ( in ZU VIELE KÖCHE, im Original: Too Many Cooks von 1938) – sowie Kritik an der Führung des FBI durch Edward Hoover und die Arbeitweise der Agenten des Federal Bureau of Investigation ( in ES KLINGELTE AN DER TÜR, im Original The Doorbell Rang von 1965). Erzählt werden die Geschichten von Archie Goodwin, der nicht nur die Finanzen von Wolfe regelt, sondern auch alle Aufgaben vom Adjutant bis zum Diener für seinen Boss ausübt.

Bei Klett-Cotta sind kürzlich zwei Bände der Nero-Wolfe-Reihe erschienen. Ein dritter wird im April folgen: DER ROTE STIER (The Red Bull von 1938). Über 40 Jahre nach den ursprünglichen deutschsprachigen Ausgaben lässt der Verlag den schwergewichtigen Privatermittler wieder auferstehen. In welchem Umfang das geschieht, ist mir nicht bekannt, zumal die neu übersetzten Bände nicht in der chronologischer Reihenfolge erscheinen.

IMG_7535ES KLINGELTE AN DER TÜR ist jetzt als erster Band  erschienen, es ist der 28. der Reihe. Eine ältere Dame aus reichem Haus, Rachel Bruner, erscheint bei Nero Wolfe. Sie fühlt sich von Agenten des FBI beschattet und bittet den Ermittler, dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr vom Geheimdienst belästigt und verfolgt wird. Der Grund für die Observierung scheint damit zusammenzuhängen, dass sie 10.000 Exemplare eines Buches, das sich kritisch mit der Arbeit des FBI auseinandersetzt, an Freunde sowie hochrangige Politiker, bedeutende Geschäftsleute und andere Spitzen der Gesellschaft verschenkt hat.

Wolfe lehnt es zunächst ab, den Fall zu übernehmen, weil er keine Möglichkeit sieht, gegen Egdar Hoover und dessen zig tausendköpfigen Geheimdienst erfolgreich zu sein. Das Angebot von 100.000 $ kann er dann aber letztlich doch nicht ausschlagen, als er daran denkt, wie viel Zeit er damit hätte, um Orchideen zu züchten und sein Leben zu genießen. Dass er und seine Helfer dabei ebenfalls ins Visier des FBI gerät, kalkuliert er dabei ein, denn – das wissen Wolfe und Goodwin – „die können alles“. ALLES war im Jahre 1965 zwar weit davon entfernt, was heute möglich ist, aber die Mittel des FBI waren auch damals umfangreich und schier unerschöpflich.

Wolfe denkt, schickt Archie Goodwin in das eine oder andere Haus, spricht mit seiner Klientin, deren Familie und ihrer Sekretärin, holt sich Informationen bei einem Zeitungsmann und Inspector Cramer – und stößt auf einen Mord an einem investigativen Journalisten. Wolfe widersetzt sich dem Druck der Geheimdienstler, schlägt ihnen ein Schnippchen und zeigt damit, dass dem FBI doch nicht die Fähigkeiten eines Nero Wolfes zur Verfügung stehen.

Der Fall wird geklärt, Mrs. Bruner kann sich wieder ohne die Kletten vom FBI bewegen. Zum Schluss klingelt es an Wolfes Tür und Archie merkt an: „Na, also. Der ganz große Fisch.“ Dem Leser wird suggeriert: J. Edgar Hoover, Direktor des FBI und dessen Vorgängerorganisation, fast 50 Jahre lang, Manipulator, Dossier-Sammler und Kommunistenhasser, ungeliebt, doch nie aus seinem Amt gefeuert. Wolfe hatte dem großen Fisch und dem FBI mächtig zugesetzt, aber einen Deal mit ihm sollte es nicht geben. Die Tür vom Brownhouse bleibt geschlossen.

Das Verhältnis, das Rex Stout zum FBI und dessen Direktor hatte, war nicht ungetrübt. Dazu hat in späten Jahren des Krimi-Schreibens insbesondere dieses Buch beigetragen. In einem interessanten Nachwort beschreibt Jürgen Kaube die Beziehung.

Wenn auch ES KLINGELTE AN DER TÜR die Dynamik des körperlichen Handels fehlt – Koloss Wolfe bewegt sich mit seinen 140 kg nicht so quirlig wie es heute oftmals der Fall bei den jungen Draufgängern ist – so zeichnet diesen Roman jedoch die Dynamik des Denkens von Nero Wolfe aus. Ohne die Ablenkung durch die Hektik in den Straßen und Institutionen New Yorks kann sich der Boss konzentriert seiner Arbeit widmen . Und findet immer noch genügend Zeit für Orchideen, Bier, Literatur und exzellentes Essen. Ein herrlicher Krimi aus einer längst vergangenen Zeit.

IMG_7534ZU VIELE KÖCHE ist bereits 1938 als 5. Band der Nero-Wolfe-Reihe erschienen, der zweite Roman der Klett-Cotta Sammlung. Die Handlung ist ungewöhnlich, weil Nero Wolfe sein Haus verlässt, um mit dem Nachtzug in Begleitung von Archie Goodwin nach West Virginia zu fahren. Die Zugfahrt gefällt Wolfe überhaupt nicht, aber er unterzieht sich der Tortur, um zu einem Treffen der Les Quize Maîtres zu fahren, zu dem er von einem befreundeten Mitglied eingeladen wurde. Die Meisterköche dieser Vereinigung aus der ganzen Welt treffen sich alle fünf Jahre, tagen, speisen und wählen wenn nötig neue Mitglieder. Neid und Missgunst zwischen den Stars ist nicht ausgeschlossen, und einer von Ihnen wird von allen gehasst. Es ist Phillip Laszio, der dem einen Kollegen die Frau, einem anderen einen begabten Jungkoch ausgespannt hat und was das Schlimmste ist, er hat seinen Kollegen auch Rezepte geklaut, die er schlecht umsetzt. So kommt es, dass die meisten der Maîtres ihm den Tod wünschen. Es ist für den Leser keine Überraschung, als er tot, mit dem Messer im Rücken bei einer besonderen Verkostungssession aufgefunden wird.

Nun hatte Nero Wolfe auf seiner qualvollen Zugfahrt einen der anwesenden Meisterköche getroffen, der Laszio ebenfalls den Tod wünschte, weil dieser ihm das Rezept für die saucisse minuit gestiebitzt hatte. Wolfe hatte diese Kostbarkeit vor vielen Jahren bei seinem Mitfahrer genossen. Aber so sehr der Privatermittler auch den Meisterkoch während der Fahrt bat, das Rezept war so geheim, dass Wolfe es trotz aller Beteuerungen, es nicht weiter zu geben, nicht bekam.

Laszio ist also tot, verdächtigt und festgenommen wird zunächst der Erfinder des Originalrezepts. Nichts liegt natürlich näher, als Wolfe zu bitten, den Fall zu klären. Die Mitgereiste Tochter des Verhafteten ist von der Unschuld ihres Vaters überzeugt, Wolfe ebenfalls. Doch dieser weigert sich zunächst zu ermitteln. Er hat Bedenken, dass er den wahren Täter schnell finden kann und befürchtet, seine Rückreise zu verpassen.

Aber wie es so ist, er lässt sich breitschlagen. In der weitläufigen Anlage des Nobelhotel gibt es neben den Meisterköchen allerdings jede Menge anderer Gäste und Angestellte. Und da Wolfe bald ausschließen kann, dass einer der Meisterköche der Mörder ist, ist die Suche nach dem Motiv recht schwierig.

Doch der geniale Detektiv findet den Weg zu ihm im Gegensatz zu den ermittelnden Behördenvertretern. Denn Wolfe gelingt es, das Vertrauen der farbigen Angestellten zu gewinnen und ihr Verhalten zu verstehen, das geprägt ist von ihren schlechten Erfahrungen im Umgang mit den Weißen. So sieht es damals aus: „Herrenrasse auf der einen Seite, Neger auf der anderen.“ Da hält man auf Seiten der Geknechteten, der Nichtgeachteten den Mund, auch wenn man etwas gesehen hat. Rassentrennung und Rassenhass wird hier so differenziert beschrieben, dass die Handlung um den Mord und dessen Aufklärung zeitweise in den Hintergrund gedrängt wird.

Tobias Gohlis hat dieses Phänomen in einem Nachwort ausführlich beschrieben und analysiert, dabei auf die Intention Stouts hingewiesen. So erhält der Roman mit den Befindlichkeiten Wolfes und den Allüren der Maîtres durch die Schilderung der Schwarz-Weiß-Gegensätzen und -Ressentiments in der damaligen Gesellschaft eine Wendung vom Krimi zum gesellschaftspolitischen Statement von Rex Stout.

Und als Leser empfinde ich dabei: 80 Jahre danach hat sich die Welt noch gar nicht so sehr verändert. Die Maîtres sind nach wie vor abgehoben, Gegensätze von Schwarz und Weiß – egal wie man „Schwarz“ heute definiert – bestehen weiterhin.

Lesenswert inklusive Nachwort. Ach übrigens: Das Rezept für die saucisse minuit gelangte dann doch in die Hände von Nero Wolfe, als Honorar.

— O —

Es klingelte an der Tür: neue Übersetzung von Conny Lösch

Zu viele Köche: neue Übersetzung von Simone Salitter und Gunter Blank

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