Ein Wissenschaftsthriller von Kathrin Lange und Susanne Thiele: PROBE 12

Vorbemerkung:

Als Freund spannender Kriminalliteratur und Naturwissenschaftler habe ich oftmals Probleme mit „Wissenschaftskrimis“. Nicht bei diesem Thriller.

Die Autorinnen, Susanne Thiele (Mikrobiologin und Biochemikerin) und Kathrin Lange (erfolgreiche Romanschriftstellerin) vermeiden mit ihren speziellen Kenntnissen die Schwächen, die derartige Krimis oder Thriller üblicherweise „auszeichnen“: zu wissenschaftslastig ohne große Spannung, oder – alternativ – fernab jeglichen Fachwissens, dilettantisch, zum Teil „fakehaft“, Spannung mehr oder weniger vorhanden, jedoch sind es stets üble Machenschaften der Industrie bzw. deren Vertreter, denen dabei zumeist klischeehaft das Böse angeheftet wird.

Kathrin Lange und Susanne Thiele bilden in diesem Subgenre mit wenigen anderen eine rühmliche Ausnahme.

Zum Buch:

Was kann getan werden, um uns gegen Bakterien zu schützen, die antibiotkaresistent und inzwischen das Leben zahlreicher Menschen gefährden und auch zum Tode führen?

In einem Institut in Tiflis ist Georgy Anasias offenbar der Durchbruch in der Phagen-Forschung gelungen. Doch statt der Welt die neuen Heilsbringer für die mögliche Therapieüberlassen zu können, fühlt sich der Forscher bedroht. Es gelingt ihm noch, die Ergebnisse seiner Arbeit an eine vertrauenswürdige Person zu senden, dann wird er ermordet, und das Forschungsgebäude fliegt in die Luft. Während einige kriminelle Kräfte die Jagd nach den Unterlagen aufnehmen, kämpft Sylvie, Tochter des Foodhunters Tom, um ihr Leben. Sie hat sich einen dieser resistenten Keime von ihrem Vater eingefangen, der nun nach einer alternativen Methode zur Heilung seiner Tochter fahndet, nachdem diese „austherapiert“ ist. Zudem ist eine alte Bekannte Anasias‘ in die Geschichte involviert. Nina war zur Zeit des Mordes in Tiflis und erfuhr dort, dass es gelungen war, Proben und das Laborjournal nach Berlin zu Max Seifert, einem Lobbyisten, zu schicken. Bei ihm lernt Nina bei Nachforschungen den Vater der kranken Sylvie kennen. Doch bevor sie die Superphagen anwenden können, erscheinen die Jäger, die es auf die Ergebnisse abgesehen haben, bereit, jedes Mittel einzusetzen, um in den Besitz der Forschungsergebnisse zu kommen.

Der Hintergrund:

Die Gefahr, die von multiresistenten Keimen ausgeht ist bekannt. Der MRSA, auch Krankenhauskeim genannt, ist der derzeit prominenteste. Nicht so geläufig ist das Wissen über Bakteriophagen, „verschiedene Gruppen von Viren, die auf Bakterien als Wirtszellen spezialisiert sind und sie töten, um sich zu vermehren“. (aus dem Glossar am Ende von Probe 12). In Osteuropa wird die „Phagentherapie“ seit Jahrzehnten bereits angewendet, während in Deutschland und anderswo mit dem Ziel geforscht wird, Phagen als Arzneimittel zuzulassen,

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt dieses Projekt mit 4 Millionen Euro über vier Jahre. (Quelle: https://www.item.fraunhofer.de/de/leuchtturm-projekte/bakteriophagen.html). In meinen Augen ein „Fliegenschiss“, misst man den Betrag an der Bedeutung des Projekts.

Fazit:

Aus Sicht des Naturwissenschaftlers in mir ein Buch, mit dem es dem Autorenduo gelingt, ein aktuelles Thema wissenschaftlich verständlich darzustellen und auch die (gesundheits-)politische Bedeutung angemessen zu beschreiben.

Aus der Perspektive des Krimifans ein spannender Plot, vielschichtig und mit einem Ausgang, der sich lange nicht erahnen lässt.

Eine aktuelle Story mit hohem Unterhaltungswert, geschickt verknüpft mit einer verständlichen Wissensvermittlung, die niemals nervt.

– – – O – – –

Am Schluss des Buches werden in einem kleinen Glossar einige Fachbegriffe erklärt, außerdem geben die Autorinnen noch ein paar Tipps zur Vertiefung in das Thema. In einem Nachwort erläutern sie, in welchem Verhältnis Fiktion und Realität stehen. Eine gute Ergänzung.

– – – O – – –

Kathrin Lange, Susanne Thiele: PROBE 12, erschienen bei Lübbe (2021)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Peter Jackob: HELAU, SCHACK! — Eine Fastnachtsgeschichte mit dem Mainzer Kommissar Schack Bekker

Helau, Schack! – Es lebe Schack!

Liest man diese Fastnachtsgeschichte mit dem Mainzer Kommissar Schack Bekker, erscheint dieser lebensecht und existent. Gehe ich in Mainz spazieren, wird geschaut, ob er nicht irgendwo um die Ecke kommt oder ich ihn in dem einen oder anderen Weinhaus treffe. Peter Jackob schreibt über seinen Helden, als wäre er lebendig.

In den kleinen Geschichten wie den zuvor erschienenen Episoden „Frohes Fest, Schack!“ und „Gutes Neues, Schack!“ kommt das Wesen des Kommissars ausdrucksvoll zum Vorschein: Mit Ecken und Kanten, Herz und Humor.

Zudem hat sich der Held in fünf weiteren Kriminalromanen mit diesem Verhalten in seiner geliebten Heimatstadt bewährt und sich weit über Mainz zum Lesen empfohlen.

Nun aber zum aktuellen „Fall“:

Es ist die Nacht – frühmorgens um Vier – zum Rosenmontag in Mainz und Schack schwankt am Rheinufer Richtung Zuhause. Er hat sich etwas übernommen (sprich: mächtig einen getankt), trifft einen alten Kumpel und macht zusammen mit diesem ein kleines Späßchen, indem sich beide rittlings auf den Schreitenden Tiger setzen, der in Mainz hauptsächlich als Panther bezeichnet wird. Die Fastnachtsstimmung hört jedoch für Schack kurz darauf auf, als er am Ufer seine Kollegen inklusive seiner Lieblingskollegin Erna sieht, die eine frisch aus dem Fluß geborgene Leiche untersuchen. Zu allem Verdruss erkennt Schack, dass es sich um die seinen ungeliebten Ex-Schwiegervater handelt. Er hat hierdurch den Fall mit am Hals, und die Angelegenheit nimmt ihren Lauf. Erna zu unterstützen und dabei einige unangenehme Dinge zu erledigen. So auch seine Ex über den Tod ihres Vaters zu informieren, dem eines unnatürlichen Ablebens, denn sonst würde die Mainzer Mordkommission nicht ermitteln.

Welche Rolle spielte der Ex-Schwiegervater, der als angesehener Anwalt und Vorsitzender der Narrenbruderschaft zur Crème de la Crème der Mainzer Gesellschaft gehörte. Ist er der, für den er gehalten wird, oder jemand, der ganz anders ist? Der Ex-Schwiegersohn hat so seine Zweifel, denkt an den Panther, der nicht ist, was er ist, sondern ein Tiger. Mit solchen Gedanken beschäftigt sich unser Held – und der Schädel brummt.

Das Ergebnis:

Gar nicht so wichtig, denn es ist Rosenmontag. In dieser Fastnachtserzählung steht die Befindlichkeit Schacks zu und an diesen Tagen im Mittelpunkt. Er ist ein Mann der Straßenfastnacht, dem Genießen der Zeit der Verkleidung in Weinhäusern mit Freunden beim Gläschen von Mutters Besten oder anderen Tropfen aus der Umgebung oder einem oder mehr Schäumchen in einer gemütlichen Kneipe, möglichst mit Familienanschluss wie in der Kleinen Stadthalle. Prunksitzungen und das große Trara sind ihm zuwider.

So lieben wir Schack, der auf der Seite des „kleinen Mannes“ bodenständig lebt und seinem Beruf als Mord-Bekker gewissenhaft nachkommt. Egal, welche Knüppel ihm unliebsame Zeitgenossen – besonders wenn sie aus Wiesbaden kommen – zwischen die Beine werfen. Schack weiß sich zu wehren.

Peter Jackob hat mit Schack Bekker einen Charakter geschaffen, wie wir ihn sicherlich unter den Ur-Meenzern finden können. Nicht nur in seiner Heimatstadt hat der Kommissar viele Freunde gefunden, sondern durch die Romane und den Gespielten Krimi ist er wohlbekannt im deutschsprachigen Raum. DER GESPIELTE KRIMI, bei dem der Autor eine Geschichte aus Schacks Leben liest und durch die Pantomimin Corina Ramona untermalt wird.

Lesenswert die Schack Bekker-Romane, hörens- und sehenswert DER GESPIELTE KRIMI.

Zum Schluss ein Foto vom Panther, der ein Tiger ist. Davor – nein, es ist nicht Schack – der Autor, Peter Jackob.

Peter Jackob vor dem Schreitenden Tiger am Rheinufer in Mainz, © A.G.S.

– – – O – – –

Peter Jackob: Helau, Schack!, Erschienen 2021. Zu bekommen in gut sortierten Buchhandlungen in Mainz und in der Region. Wer nicht fündig wird, kann auch direkt beim Autor unter info@peterjackob.de bestellen.

– – – O – – –

Schack Bekker- Romane:

Schack-Bekker-Erzählungen, der Autor nennt diese Reihe „Im Schatten des Doms“:

Zum Schluß noch ein Link zur Besprechung von DER GESPIELTE KRIMI: https://krimilese.wordpress.com/2017/11/03/krimi-trifft-pantomime/

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Garry Disher: Moder

Ein Krimineller ist ein Krimineller ist ein Krimineller – auch wenn sein Handeln durch Intelligenz und Effizienz geprägt ist, ihm so – ob dieses Handelns – Achtung gezollt werden kann. Wyatt ist so ein Typ. Die Tipps für seine Beutezüge kommen von einem Gewährsmann auf verschlungenen Wegen aus dem Knast. Dafür beteiligt ihn Wyatt, der sich auch dadurch auszeichnet, ein Chamäleon zu sein, mit 20 Prozent des Erlöses. Die beiden Safes in denen er sein und das Geld für den Partner und dessen Familie bunkert, ist gut gefüllt.

Der neueste Tipp könnte rund eine Million wert sein. Es ist der Betrag, den der Finanzberater Tremayne vermutlich zur Seite geschafft hat, nachdem er eine Anklage wegen Betrugs an seinen Investoren zu befürchten hat. Bevor er sich mit dem Vermögen absetzt, soll Wyatt es für sich und Kramer angeln.

Dumm nur, dass ihm einerseits ein Ermittler alter Schule namens Muecke auf der Spur der Verbrechen folgt, die Verbindung zu Kramer erkennt, aber den cleveren Wyatt nicht identifizieren kann.

Dumm auch, dass der erfolg- aber skrupelloser Inhaber eines Securityunternehmens, Nick Lazar, von Kramers Deal mit Wyatt erfährt. So sind mindestens zwei Verfolger am Werk, die dem Chamäleon an den Kragen bzw. ans Geld gehen wollen. Aber, wie es sich für ein Chamäleon gehört, entzieht sich das Cleverle durch TTV (Tarnen, Täuschen und Verpissen): wechselt bei jeder Gelegenheit Aussehen, Auto und Aufenthaltsort. Mal hier, mal da, mal als Tourist, mal in Bird-Watching-Ausrüstung gibt er Muecke und auch Lazar immer wieder neue Rätsel auf.

Zu allem Überfluss tauchen dann auch noch andere Interessenten für Tremaynes heimliches Vermögen auf. Was folgt, ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit einigen Katzen, Mäusen und Zwittern aus beiden, die zur gleichen Zeit jagen und gejagt werden.

Ein spannendes Rennen, dieser 10. Band der Wyatt-Reihe, das irgendwo zwischen Atollen im Pazifischen Ozean endet, ferab vom Ausgangspunkt Sydney, „Was die Geschichte von Wyatts Leben war – und auch wieder nicht“ (Letzter Satz).

Eine rasante Story. Ich würde mich freuen, wenn es das mit Wyatts Leben noch nicht war und Garry Disher seinen Helden ein weiteres Mal erfolgreich agieren lässt. Bei Wyatt ist es wie bei einem Kaufhausdieb, der von einem Security-Mann durch die Straßen der Stadt verfolgt wird und dem zugerufen wird: „Lauf, lauf, lauf!“ Man gönnt ihm den Erfolg.

– – – O – – –

Garry Disher: Moder – Erschienen bei Pulp Master (2021), übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller, Originaltitel: Kill Shot ( 2018, Australien)

Veröffentlicht unter Allgemein | 5 Kommentare

Javier Cercas: Terra Alta

Das ist die Geschichte von Melchor Marin, der auf wundersame Weise vom Kriminellen zum Polizisten mutiert. Es ist auch eine vom einem grausamen Mord an einem alten Unternehmerehepaar und zudem die Geschichte einer Rache.

Als der junge Melchor im Knast sitzt, wird seine Mutter, inzwischen eine ältliche Hure, ermordet. Nach seiner Entlassung gelingt es ihm, durch gefälschte Papiere in den Polizeidienst einzutreten. Nach einigen Jahren tötet er beim Einsatz einige islamistische Terroristen und wird zum Schutz vor deren Gesinnungsgenossen von Barcelona in die Provinz nach Terra Alta geschickt.

Dort findet er eine neue Heimat, gründet eine Familie und scheint glücklich zu sein. Nur der ungeklärte Mord an seiner Mutter macht ihm nach wie vor zu schaffen. Er will den Mord aufklären, den Mörder finden, sich letztlich für dessen Tat rächen. Ein Vorhaben, das zum Scheitern verurteilt scheint.

Doch in Terra Alta einer kleinen Verbandsgemeinde in der Provinz Tarragona, in der normalerweise nichts Bedeutendes passiert, was die Polizei fordern könnte, geschieht ein grausames Verbrechen im Haus des reichsten Unternehmers der Gegend. Der uralte Patriarch und Fimeninhaber Adell sowie dessen Frau werden ermordet, nachdem sie aufs Übelste gefoltert wurden. Zudem wird die Haushälterin erschossen aufgefunden.

Adell, ein Wohltäter seinen Mitarbeitern oder ein Despot für jene und besonders seinem Schwiegersohn gegenüber? Ein vielschichtiges Bild ergibt sich bei den Ermittlungen. Melchor versucht, sich dieses Bild zu erstellen, aber alle Ansätze führen ihn und seine Kollegen zu keinem Ergebnis – und so wird die Arbeit an diesem Fall auf Geheiß der Vorgesetzten eingestellt.

Doch genau wie im Fall des Mordes an seiner Mutter Melchor nicht aufgeben will, die Wahrheit zu erfahren, führt er auch seine Ermittlungen zu den Adll-Morden ohne Wissen der Vorgesetzten und entgegen jegliche Order fort

Was dabei herauskommt ist die Geschichte einer Rache.

Mit Olga, seiner Frau, diskutiert Melchor, ob ein falscher Böser ein echter Guter sein kann. Wie es ist, wenn die Polizei bei den Ermittlungen nicht weiter kommt, ob dann Selbstjustiz ein Mittel ist, Gerechtigkeit zu erlangen.

Javier Cercas geht in Terra Alta dieser Frage nach, erzählt dabei die Entwicklung von Melchor Marin vom Kriminellen zum Polizisten, zum nachdenklichen Ermittler mit der Selbstbeauftragung, seine eigene Familiengeschichte und die der Adells aufzuklären.

Spannend geschrieben, aber die Antwort auf die Frage nach der Legitimation für Selbstjustiz bleibt offen. Denn wie ein weiser Mann dem jungen Melchor im Gefängnis sagt: „Die eine Hälfte des Buches liefert der Autor, die andere du“.

So ist der Leser dieses Buches gefordert zu liefern. Und das ist der interessanteste Aspekt der Lektüre.

– – – O – – –

Javier Cercas: Terra Alta, erschienen bei S. Fischer (2021), übersetzt von Susanne Lange. Originaltitel: Terra Alta (Spanien, 2019)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Ein Literaturkrimi: GOETHEHERZ von Bernd Köstering

Ein Literaturkrimi ist nach Aussage des Gmeiner-Verlags ein Krimi, „in dem ein bekanntes Werk der Weltliteratur den jeweiligen Fall auslöst oder auflöst“. Dieses Genre habe Bernd Köstering zusammen mit dem Verlag entwickelt. In Goetheherz ist es das Gedicht „Gefunden“, das am Ende zur Auflösung des Falls beiträgt.

Der Goetheexperte Hendrik Wilmut, Kennern Kösterings Literaturkrimis bereits von vier vorhergehenden Goethe-Krimis (-ruh, -glut, -sturm und -spur) bekannt, erfährt von seinem Freund, KHK Volk, von zwei scheinbar natürlichen Todesfällen in der Umgebung Frankfurts. Richard Volk hat allerdings erhebliche Zweifel ob der Natürlichkeit der Tode. Zudem passiert in Thüringen ein weiterer Fall, mit dem sich Wilmuts alter Kumpel Siggi beschäftigt. Und von da an ist für den Goetheexperten klar: Die Fälle hängen zusammen, da die drei toten Frauen vom Namen her, einen Bezug zu Goethes Leben haben.

Doch zunächst hat es Henrik Wilmut nicht leicht. Seine Vermutungen werden angezweifelt, weswegen er sogar bei einem Treffen mit den Ermittlern die Contenance verliert. Hinzu kommt, dass einige Wochen zuvor auf seine Frau Hanna ein Mordanschlag verübt wurde, aus dem sie nach einer Zeit im Koma wieder erwacht ist und sich in dieser Zeit zu einer Reha im Taunus aufhält.

Mit dem Mord in Thüringen verlagert sich die Handlung des Romans aus dem Hessischen nach Weimar – und damit beginnt neben dem „Literaturkrimi“ ein „Regionalkrimi“ mit der Suche nach einem Serienkiller in und um Weimar, der offensichtlich an nahezu allen bekannten Bauwerken Weimars auftaucht, dessen blutige Spur auf dem Plan der Stadt und umliegender Dörfer verfolgt werden kann.

Motiv und Täter der Mordserie beschäftigt den Goetheexperten, der sich aber nach seinem Ausraster zurücknimmt, Vermutungen für sich behält. Letztlich werden seine Vermutungen durch weitere Morde bestätigt. Die Ermittler glauben gar, dass Wilmut selbst am Ende der Serie ein Opfer sein könnte. So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Seine Vermutungen bestätigen sich, und als er sich dem verordneten Polizeischutz entzieht, bringt sich der Held in die Gefahr, die über die die Ermittler gemutmaßt hatten.

Aber wie das bei erfolgreichen Krimireihen häufig üblich ist: Es gibt Hoffnung auf eine Fortsetzung der Wilmut-Reihe – und dazu bietet Goethes Werk und Leben noch etliche Möglichkeiten.

Für Goethefreunde, die zudem Krimis lieben, aber auch für Krimifreunde mit Interessen an gepflegter Unterhaltung ist Goetheherz eine Story, aus der erkenntlich ist, dass Bernd Köstering tief in das Leben Goethes eingetaucht ist. Wer nicht so sehr mit Goethes Leben vertraut ist, kann etliches über dessen Herzdamen erfahren. Darüber hinaus bemüht sich der Autor die Realität der Polizeiarbeit einzubringen – was ihm auch gelingt – und über Weimar mit Bauhaus-Universität und -Museum, Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek, und Goethes Gartenhaus liest man sowieso immer wieder gern.

Zum Schluss ist noch eine „Infotafel zu Goethes Herzdamen“ angefügt, danach noch Literaturhinweise, die zu einigen Quellen über das Leben der Damen mit dem großen Dichter führen.

Ein gut recherchierter Kriminalroman, in dem durch den Literaturexperten Wilmut Spannung und Ausschnitte aus Goethes Leben geschickt verknüpft werden.

– – – O – – –

Bernd Köstering: Goetheherz, erschienen im Gmeiner Verlag (2021)

– – – O – – –

Hier das Gedicht, das zur Auflösung beiträgt:

Gefunden

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.   Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.   Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?   Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.   Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Franziska Franke: SHERLOCK HOLMES und das Orakel der Runen

Wie und wo hat Sherlock Holmes in der Zeit nach seinem angeblichen Tod an den Schweizer Reichbachfällen bis zu seinem neuerlichen Auftauchen gelebt, was hat er in dieser Zeit bis zu seiner „Wiederauferstehung“ durch Arthur Conan Doyle getrieben?

Einen glaubwürdigen Aufschluss darüber geben die Aufzeichnungen des englischen Buchhändlers David Tristam, die vor einiger Zeit beim Entrümpeln eines Dachbodens in Florenz gefunden wurden.

Im vorliegenden 11. Band dieser Funde stellt Franziska Franke Sherlock Holmes‘ Reise nach Norwegen vor, bei der er das Verschwinden einer Stabkirche aufklären soll. Begleitet wird er von David Tristam, der ihn dabei unterstützt und als Chronist der Ereignisse den Part übernimmt, der bei Arthur Conan Doyle Dr. John H. Watson vorbehalten ist.

So reisen die beiden Engländer – wobei Sherlock Holmes zu jener Zeit unter dem Decknamen Sven Sigerson als Amerikaner mit norwegischen Wurzeln auftritt – per Postschiff zunächst in die alte Hansestadt Bergen, von dort mit ihrem kirchlichen Auftraggeber aus dem Bistum Nidaros mit kleineren Schiffen durch immer kleiner werdende Fjorde in die Provinz Trondheim, in der in einer spärlich besiedelten Gegend die Kirche verschwunden ist.

Mysteriös ist nicht nur das Verschwinden der Holzkirche sondern auch eine darin befindliche, bisher nicht gedeutete Runeninschrift. Weder der Pastor, zu dessen Sprengel die Kirche gehörte, noch ein Dorfschullehrer, der sich recht gut mit der Runenschrift auskennt, können den Inhalt übersetzen, von dem Sherlock annimmt, dass er etwas mit dem Verschwinden der Stabkirche zu tun haben könnte. Auch eine eine beschwerliche Wanderung, noch weiter weg von den kleinen Siedlungen zu einer alten Frau, die sich mit Mystizismen auskennt und mit einem Runenorakel die Seele Sherlocks ergründen will – sehr zum Unwillen des Ermittlers – bringt keine Aufklärung, lediglich einen weiteren Tipp, wer mit dem Verschwinden der Kirche in Verbindung stehen könnte. So taucht der Gedanke auf, Anhänger heidnischer Götter könnten dafür verantwortlich sein.

Sherlock Holmes löst auch diesen Fall, der jedoch im Laufe der Ermittlungen nahezu in den Hintergrund gerät, da der Pfarrer vom Turm seiner Hauptkirche stürzt. Mord oder Suizid, das ist die Frage, ebenso die nach einer möglichen Verknüpfung des ungewöhnlichen Todesfalls mit dem Verschwinden der Kirche. Als dann noch das Archiv der Pfarre in Brand gerät und der Auftraggeber der beiden Ermittler mit einem Kopfschuss tot aufgefunden wird, hat der Chronist David Tristam erhebliche Schwierigkeiten, Erklärungen für irgendeines der Ereignisse zu finden. Sherlock Holmes dagegen läuft zur Hochform auf, verschwindet ein ums andere Mal zu Alleingängen. Und siehe da, dank seiner unermesslichen Intelligenz löst er Knoten um Knoten, dröselt Verzwicktes und Verwobenes auf. Und es ist so oft wie im wahren Leben ….. – aber das sollte in diesem Fall selbst erlesen werden.

Franziska Frankes Sherlock Holmes gibt sich große Mühe, in der Welt recht zurückhaltender und dem Meisterdetektiv gegenüber äußerst skeptischer Bewohner der abgelegenen Gegend, die Hinweise zu erkennen, die dazu führen, die verschiedenen Verbrechen aufzuklären. Ohne Rücksicht auf die Unbequemlichkeiten und Strapazen beim Reisen auf schwankenden Schiffen, ungefederten Karren oder dünnsohligem Schuhwerk auf steinigen Wegen. Der Geist Artur Conan Doyles schwebt über diesem Pastiche, hat die Autorin zu einer interessanten Handlung inspiriert, die dem genialen Helden an Spannung und Erzählweise gerecht wird. Sherlock Holmes wird diese Reise nicht vergessen, wurde er doch mit einem handgefertigten Utensil in norwegischer Tradition von der Frau ausgestattet, die für einige Ereignisse dieser Geschichte mit verantwortlich ist.

Fazit: Ein Sherlock Holmes in guter Verfassung nach seinem scheinbaren Tod an den Reichenbachfällen. Ein Chronist, der zuweilen an den Alleingängen des Meisters und schaukeligen Schiffspassagen verzweifelt. Täter, Opfer und Unbeteiligte mit schwierig zu durchschauendem Charakter. Ein Norwegen, wie es sich zu jener Zeit gezeigt hat, gut recherchiert und belegt von der Autorin. Dazu die Spannung und Vorgehensweise, die ein Sherlockianer von seinem Helden erwartet und für neugierige Krimifans, die zu intensiverer Beschäftigung mit dem Werk Arthur Conan Doyles sowie den Romanen und Geschichten seiner „Pastichecheure“, insbesondere Franziska Franke, führen können.

Franziska Franke: Sherlock Holmes und das Orakel der Runen, erschienen bei KBV (2021)

– – – O – – –

Mehr über Franziska Franke auf der Website der Autorin: https://krimiautorin-franziska-franke.de/

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Ein seltsamer „Maigret“! – – Georges Simenon: Maigret und die Affäre Saint-Fiacre

Während der Frühmesse zu Allerseelen wird in der Kirche von Saint-Fiacre ein Verbrechen geschehen.“.

Das Schreiben war bei der Polizei in der benachbarten Stadt eingegangen, von dort wurde es an die Direktion der Pariser Polizei gesandt, wo es schließlich auf Maigrets Schreibtisch landete.

Eine vage Nachricht, von niemanden ernst genommen. Dennoch entscheidet sich Maigret zu Allerseelen in das genannte Dorf zu fahren und die Geschehnisse bei der Frühmesse zu beobachten.

Ob es die Neugier ist , die den Kommissar dorthin treibt, oder die Verbundenheit zu Saint-Fiacre, wo er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte, der Ort im dem sein Vater Schlossverwalter war, es bleibt ungeklärt.

Zur Frühmesse trifft er auf eine alte Bekannte. Es ist die Gräfin, die er als Kind bewunderte. Nun ist sie in den 60ern, die Schönheit ist verblasst. Und Maigret erlebt, dass die Dame nach der Messe mit ihrem Messbuch in den Händen ihren Betstuhl nicht mehr lebend verlässt.

Kein Blut ist vergossen, keine Wunde zu sehen und der hinzugezogene Arzt erklärt, dass die schwer herzkranke Frau eines natürlichen Tods gestorben sei.

In Kenntnis der Ankündigung eines Verbrechens zweifelt Maigret den Befund an und findet im Messbuch der Toten schließlich ein Indiz, das offensichtlich den Tod verursacht hat. Aber wer hatte es der Gräfin in der Absicht, dass dieses den Tod herbeiführt, dort hinein lanciert? Der junge Liebhaber der Gräfin, der als ihr Privatsekretär Einblicke in das schwindende Vermögen hat und möglicherweise für den Ruin verantwortlich ist? Oder der nichtsnutzige junge Graf, der seine Mutter gerade um 40.000 Franc anbetteln wollte, um einen fälligen Kredit zu tilgen? Dann sind da auch noch der derzeitige Verwalter und dessen Sohn, letzterer ein ehemaliger Geliebter der Toten. Zudem verhält sich der Priester eigenartig.

Maigret stellt fest, dass sich vieles verändert hat, seit er vor vielen Jahren von Saint-Fiacre nach Paris zog, seit ein neuer Verwalter in sein Elternhaus einzog. Immer wieder erinnert sich der Kommissar an seine Kindheit, sein Leben im einfachen Verwalterhaus, das jetzt aufs Feinste herausgeputzt ist, während das Vermögen der Schlossherrin dramatisch geschrumpft ist.

Das Schloss – soviel steht fest – steht vor dem Ruin, aber was ist nun das eigentliche Verbrechen?

Und mit dieser Frage und dem weiteren Verhalten Maigrets beginnt in diesem Roman spätestens jetzt ein seltsamer Ablauf der Handlung: Maigret zieht sich in die passive Rolle des Beobachters zurück und verfolgt aus dieser Perspektive die Entlarvung des Verbrechens.

Für die Aufklärung sorgt der junge Graf der Arzt, Priester, Schlossverwalter und Sohn, den letzten Liebhaber der Gräfin nebst dessen Anwalt zu einem Abendessen einlädt, an dem auch Maigret teilnimmt.

Der junge Graf prophezeit, dass der Mörder Mitternacht nicht mehr erleben werde, und legt einen Revolver auf den Tisch. Während des Essens spricht er über die Motive, die der eine oder andere Gast hatte, die Gräfin zu ermorden – und dann greift eine dieser Personen zum Revolver und schießt ……..

Damit ist das Verbrechen aufgeklärt und der Verbrecher enttarnt, auch wenn er versucht hat, seine Tat einem anderen anzuhängen.

Wie bereits genannt, ein seltsamer und ungewöhnlicher Maigret-Band, weil:

  • Maigret das Verbrechen letztlich nicht aufklärt bzw. es von einer anderen Person aufklären lässt,
  • nicht aufgeklärt wird, von wem das Indiz im Messbuch stammt, das zum Tod der Gräfin geführt hat,
  • Maigret immer wieder in seine Kindheit und Erlebnisse aus jener Zeit abtaucht, der Roman quasi auf zwei zeitlichen Ebenen abläuft, einerseits Parallelen, andererseits die Unterschiede zwischen dem Damals und dem Jetzt aufzeigt,
  • es vermutlich der an Spannung ärmste Fall dieser Reihe ist.

Trotzdem:

  • ein lesenswertes Büchlein, interessant durch die Rolle, die Maigret hierin spielt.

— O —

Georges Simenon: Maigret und die Affäre von Saint-Fiacre, Übersetzung: Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung, erschienen im Kampa Verlag 2021.

Titel der Originalausgabe von 1932: L’affaire Saint-Fiacre, erstmals in deutscher Übersetzung erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (1958)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

Simon Beckett: Die Verlorenen

Mit Jonah Colley von der Londoner Polizei startet Simon Beckett eine neue Thriller-Reihe, nachdem die Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter nach einigen außergewöhnlichen Bänden wie „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ doch immer flacher und vorhersehbarer wurde.

Um es vorweg zu sagen: Simon Beckett kann wieder Thriller.

Der erste Band der neuen Reihe mit dem Mitglied einer bewaffneten Spezialeinheit verfügt über die spannenden Elemente, die wir von den ersten Hunter-Thrillern kennen. Colley ist ein geschundener Charakter, nachdem er seinen Sohn Theo zehn Jahre zuvor verloren hat. Es war Colleys Schuld, dass der Junge vom Spielplatz verschwand. Die Gewissheit, dass sein Sohn um Leben gekommen ist, war einerseits da, andererseits suchte der Vater stets nach dem Mann, der offensichtlich zur gleichen Zeit wie Theo den Spielplatz verließ. Ehe kaputt, Kontakt mit dem besten Freund Gavin abgebrochen, Ablenkung suchend im neuen Job in der Spezialeinheit – das ist die Situation, in der sich Jonah Colley befindet, als Gavin nach dieser langen Zeit Kontakt zu ihm sucht, ihm bei einem Treffen Neuigkeiten nachts an einem verlassenen Kai einer herunter gekommenden Hafengegend mitteilen will.

Dort eingetroffen, findet Colley mehrere Leichen vor, darunter seinen ehemaligen Freund. Er selbst wird übel zugerichtet, allerdings gerettet, da er noch einen Notruf absetzen kann.

Damit beginnt im Thriller ein Spannungsbogen, der geprägt ist vom Chaos, in das Colley gerät. Er wird von Kollegen verhört, gerät in Verdacht, den ehemaligen Freund ermordet zu haben, wird gar verhaftet. Parallel dazu taucht der Mann vom Spielplatz wieder auf, von dem Colley annimmt, dass er für das Verschwinden Theos verantwortlich ist. Und offensichtlich besteht zwischen Gavin und dem Mann eine Verbindung. Richtig turbulent wird die Story, als sich herausstellt, dass Gavin wohl keine reine Weste hat, gar suspendiert wurde.

Colley muss ein weiteres Mal leiden, doch dabei wird klar, was für ein übles Spiel mit ihm getrieben wird. Zum Schluss kauft er sich einen alten Schrottkahn, den er wieder flott machen will und als Behausung umbauen möchte. Von dort wird er dann vermutlich im nächsten Jahr zu einem neuen Thriller der nach ihm benannten neuen Reihe aufbrechen.

Fazit: Spannend mit einigen überraschenden Wendungen und falschen Fährten, aber am Ende doch so wie in der Hunter-Reihe: Das Böse befindet sich im Umfeld des Protagonisten – wobei in dieser Besprechung die Umgebung Colleys nur teilweise angesprochen wird.

– – – O – – –

Simon Beckett: Die Verlorenen, übersetzt von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld, erschienen bei Wunderlich (2021)

Originaltitel: The Lost (GB, 2021)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Eine weitere Sinfonie in Farben und Düften: JEAN-LUC BANNALEC: BRETONISCHE IDYLLE

Zum zehnten Mal brilliert in Bannalecs Bretagne-Krimis die westfranzösische Region mit Hunderten von Farben und deren Nuancen sowie nahezu ebensoviel Düften – in diesem Fall auf der Belle-Île, die laut Inspector Riwal so vielfältig wie ein ganzer Kontinent ist. Der Inselbewohner und Schäfer Patric Provost ist auf dem Festland ermordet worden und so fahren der unter Thalassophobie leidende Kommissar Dupin und sein Team per Schnellboot auf die Insel, um nach Motiv und Mörder des Geizkragens und Kotzbrockens zu suchen.

Während Riwal mit seiner unerschöpflichen bretonischen Erzählkunst die Geschichte der Inselbewohner, die Topographie der Insel und alles, was sie ausstrahlt, seinen Chef nervt, kommt heraus, dass der Tote mit jedem, der mit ihm zu tun hatte Streit hatte oder zumindest in Unfrieden mit ihm gelebt hat.

Keiner wäre zu Lebzeiten Provots betrübt gewesen, wenn dieser Unsympath, von dem so viele abhängig waren, ins Gras gebissen hätte, ein echten Motiv für den Mord fehlt dennoch. Zudem haben alle, die ansatzweise ein Motiv hätten, ein Alibi. Auch ist es für Dupin und Team nicht einfach, sich durch das Beziehungsgeflecht der Inselbewohner, die zumeist in gleichen Vereinen Mitglied sind, aus verschwägerten Familien stammen und auch sonst miteinander verbandelt erscheinen, hindurch zu wuseln.

Letztlich gelingt es dem pfiffigen Kommissar zu erkennen, was gespielt wurde und zum Tod des verhassten Schäfers führte.

So kommen Dupin mit seinen Ermittlern rechtzeitig zur großen Jubiläumsfeier zum Zehnjährigen Dupins in der Bretagne. Eine Abend in Saus und Braus, hauptsächlich von der cleveren Assistentin Nolwenn organisiert, wobei mit „Saus und Braus“ das ausschweifende Essen und Trinken gemeint ist, das in der umfangreichen Menüfolge präzise dokumentiert wird.

Nun denn: Abgesehen von einem spannenden Krimi wird hier ein weiteres Mal kräftig Werbung für einen Teil der Bretagne gemacht, für die Belle-Île. Dabei wird nicht nur die Schönheit der Insel angesprochen, sondern auch deren wechselhafte Geschichte und die ihrer Bewohner. Eine Geschichte, die bewirkt, dass sich die alteingesessenen Acadiens noch immer zusammen stehen.Neben den in dieser Dupin-Reihe üblichen, teils ironischen Anspielungen auf das alles überragende Bretonische und die keltische Vergangenheit enthält der „Regionalpart“ dieses Krimis somit interessante, lesenswerte Passagen.

Zu vermuten ist, dass zur Hauptsaison die Übernachtungsmöglichkeiten der schönen Insel noch schneller ausgeschöpft sein werden. Aber dafür werden die Acadiens auch eine Lösung finden. Platz für ein paar großzügige Hotelanlagen ist vorhanden. Es lebe die Idylle der Belle-Île.

– – – O – – –

Jean-Luc Bannalec: BRETONISCHE IDYLLE – Kommissar Dupins zehnter Fall, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (2021)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , | 6 Kommentare

LOUISE PENNY: UNTER DEM AHORN – Der achte Fall für Gamache

Tief in den Wäldern der kanadischen Provinz Québec liegt das Kloster des Mönchsordens der Gilbertiner. Ein Orden, der bis vor Kurzem als nicht mehr existierend galt. Heimlich hatten sich deren Mönche vor Hunderten von Jahren der Inquisition entzogen, waren als Auswanderer nach Kanada gekommen und sich dort versteckt angesiedelt. Aufmerksam wurde die Welt erst wieder auf sie, als auf einer CD herrlich – sozusagen göttlich – gesungene alte gregorianische Choräle von ihnen auftauchten. Nun wird der Leiter der Mordkommission der Súreté du Québec, Armand Gamache, in das Kloster gerufen, denn dort wurde der Prior und höchst angesehene Chorleiter ermordet unter einem Ahornbaum im Garten des Abts aufgefunden.

Eine typische Looked-Room-Situation. Dennoch gestalten sich die Ermittlungen für Gamache und seinen mitgereisten Inspector Beauvoir als schwierig, denn die Mönche sind an ein Schweigegelübte gebunden und zunächst nicht gerade redselig. Außerdem ist das Verhältnis der Mönche nicht so harmonisch wie ihr Gesang der Choräle. Es gibt zwei Lager: das des Abts und die Anhänger des ermordeten Chorleiters. Das erkennen Gamache und Beauvoir recht schnell, während sie sich dem Tagesablauf und den Regeln des Klosters anpassen. Dass der Mord in irgendeiner Form mit den Chorälen zusammenhängt, merken die Ermittler ebenso. Zahlreiche Gespräche mit den Mönchen und ihrem Abt folgen. Es geht dabei nicht nur um den Mord, sondern auch um Glauben, Moral, Ethik, die Schönheit der gregorianischen Choräle und den herrlichen Stimmen ihrer Sänger, die Geschichte der Gilbertiner und vieles mehr.

Das alles – wie es sich im Kloster gehört – ohne Hektik, zudem ohne besondere Spannung– wie es sich für einen Krimi nicht üblich ist. Mit einem Wort: Beim Lesen stellt sich Langweile ein.

Durch einen Kniff versucht Louise Penny, den für Krimileser üblen Makel abzuwenden: Superintendent Sylvain Francoeur, Gamaches Vorgesetzter erscheint im Kloster. Beide verbindet, dass sie sich nicht leiden können. Zunächst rätselt Gamache, was sein Vorgesetzter mit dem Besuch beabsichtigt. Doch Francoeur will es gar nicht verheimlichen. Er sucht nach Mitteln und Wegen, Gamache aus der Truppe zu werfen, versucht sich dabei Beauvoir zu bedienen, indem er einen alten Fall (Heimliche Fährten) wieder aufrollt, der fürchterlich schief gegangen ist, bei dem vier Agents von Terroristen erschossen und Beauvoir selbst schwer verletzt wurde. Die Leitung der Aktion hatte Gamache. Mit dem üblen, intriganten Spiel Francoeurs kommt die Action und Spannung auf, die in dem roten Faden der Mordermittlungen vermisst wird. Als dann auch noch ein Gesandter aus dem Vatikan auftaucht, gerät die Suche nach dem Mörder des Chorleiters fast gänzlich aus dem Focus des Lesers. Aber wie es so ist, letztlich fügt sich einiges zusammen, Francoeur und sein Part bleibt allerdings ein Fremdkörper in dieser Story, wenn man davon absieht, dass sein Verhalten dazu führt, dass Beauvoir sich offiziell als Liebhaber von Gamaches Tochter outet, aber hinter dieses, für das Pärchen und auch für Gamache erfreuliche Verhältnis, war der clevere Chief Inspector sowieso schon gekommen.

Schließlich wird der Mörder identifiziert, wobei es für aufmerksam Lesende keine Überraschung bedeutet. Und wenn keine weiteren Mönche gestorben sind oder sie stimmlich geeignete Nachfolger finden, werde sie weiter mit dem Segen der katholischen Kirche ihre gregorianischen Choräle im Kloster tief in den Wäldern der Provinz Quebec singen können. Die Inquisition ist für die Gilbertiner Geschichte.

Stimmig ist der Gesang der Mönche, die Story ist es nicht. Sollen es die Zerwürfnisse in unterschiedlichen Organisationen – Kloster, Polizei – sein, in denen üblicherweise Loyalität ein hohes Gut ist, die hier gegenübergestellt werden. Es ist nicht meine Intention, über Interpretationsmöglichkeiten zu spekulieren. Mit Louise Penny verbinde ich Three Pines, ihre Bewohner mit den unterschiedlichen Charakteren, deren Schrulligkeit, dem kleinen Hickhack und Eifersüchteleien untereinander, sowie einen Gamache, der mit Intellekt und Empathie ein Teil davon ist.

Möge Louise Penny zu einem derartigen Setting zurückkehren, dann werde ich ihr gern weiter folgen.

– – – O – – –

Louise Penny: Unter dem Ahorn, DER ACHTE FALL FÜR GAMACHE

Übersetzung: Sepp Leeb, erschienen im Kampa Verlag

Originaltitel: The Beautiful Mystery (USA, 2012)

– – – O – – –

Eine weitere Meinung von Maike Claußnitzer zum Buch auf dem Blog Ardeija: hier

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen