Michael Tsokos: Die Zeichen des Todes

20171022_114731Michael Tsokos schreibt in diesem Buch nicht nur über Fälle – von Leichen und deren „Vorleben“, die bei ihm und Kollegen zur Obduktion gelandet sind – sondern berichtet auch über Hintergründe, wie es zu den Todesfällen gekommen ist, was im Leben der Toten oder der Täter falsch gelaufen ist. Nicht immer sind es Todesfälle, mit denen sich Rechtsmediziner beschäftigen.

Es kann auch eine Verletzung sein, die begutachtet werden muss wie im Falle des damaligen Boxweltmeisters Jürgen Brähmer, der angeblich einer Frau bei einem Schlag mit der flachen Hand die Nase gebrochen haben soll. Ein ominöser Fall, mit glücklicherweise guten Ausgang für den Boxer. Ebenso wie dieser Schlag und der Rummel um den bekannten Boxer beim Prozess und drum herum, erzählt Tsokos von anderen Fällen, die im öffentlichen Interesse standen.

So vom Tod des kleinen Volkan, der von Kampfhunden in grausamer Weise zu Tode gebissen wurde. Der Rechtsmediziner klärte durch Obduktion der Hunde, wer hauptsächlich Anteil an den tödlichen Bissen hatte. Tsokos verweist aber auch darauf, dass dieses Unglück möglicherweise verhindert worden wäre, wären die Behörden konsequent gegen die Hundehalter vorgegangen oder hätte es schärfere Gesetze gegeben, die das Halten von derartigen Kampfmaschinen stärker regelt oder gewissen Personen sogar verbietet.

Auch dem Suizid des Liedermachers und begnadeten Texters Kurt Demmler während dessen U-Haft ist ein Kapitel gewidmet. Hierin und in einem weiteren Kapitel über Selbsttötung erfahren die Leser einiges über Motive, die zu einem Suizid führen. Bei Demmler wird angenommen, dass dies in Zusammenhang mit den Taten stehen, die ihm zur Last gelegt werden: sexueller Missbrauch von Kindern über einen längeren Zeitraum. Dabei stellt Tsokos die Frage, wieso so lange Demmlers kriminelle Neigung, die schon lange bekannt war, nicht früher strafrechtlich verfolgt wurde. Ähnlich – und auch das spricht der Autor an – verhielt es sich beim BBC-Moderator Jimmy Savile, der über Jahrzehnte in einem noch größerem Umfang im Vergleich zu Kurt Demmler Kinder missbrauchte. Sogar als Schirmherr eines Krankenhauses verging er sich sexuell an minderjährigen Patientinnen. Savile starb, der Skandal wurde erst nach seinem Tode öffentlich.

In insgesamt zwölf Kapiteln erfahren wir also Skandalöses, Hochkriminelles aber auch Tragisches. Und diese Tragik bezieht sich sowohl auf die Opfer, aber auch ein „Täter“ kann ungewollt in eine tragische Situation gelangen. Dass dabei ärztlicher Rat dazu führen kann, dass jemand stirbt, kann passieren. Dass ein Zahnarzt durch seine naive oder überhebliche Vorgehensweise bei einer Selbstverstümmelung und versuchtem Versicherungsbetrug sich selbst und seine Existenz zerstört, mutet dagegen schon fast amüsant an.

So hat jeder der zwölf Fälle einen besonderen Reiz. Und Michael Tsokos ist ein Plauderer, dem man gern folgt.

Im Nachwort schreibt Tsokos: „Das vermeintlich Böse, das sich klar definieren läßt, ist nicht das wahre Böse, und nichts ist unmöglich, nur weil es unwahrscheinlich ist.“ Diesen Satz versucht Michael Tsokos mit seinem Buch zu beweisen. Es ist ihm gelungen.

— O —

Michale Tsokos: Die Zeichen des Todes – Neue Fälle von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner, 2017 als Hardcover bei DROEMER erschienen

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Andreas Pflüger: Niemals

20171022_114831Der Bushidō sagt:“Um sich zu rächen, muss man wissen an wem und warum.“

Beim Debakel in Rom zehn Jahre zuvor und zu einer Zeit, als Jenny Aaron noch nicht blind war, hatte die Polizistin der recht geheimen Sondereinheit gesehen, wie der Körper des Mannes, den sie beschützen sollte, von einer Salve zerhackt wurde. Dies ist der erste blutige Zwischenfall in diesem Buch, weitere folgen. Und an dieser Stelle sei bemerkt: Niemals ist einer der blutigsten Thriller des Jahres.

Dieses Buch ist kein netter, kleiner, cosy Whodunit, sondern ein Thriller mit rasanten und brutalen Szenen, die innerhalb einer Lesezeit von etwa 12 Stunden am Leser vorbeiziehen und im Hirn einen Action-Thriller wie einen Film ablaufen lassen.

Hauptdarstellerin ist Aaron, bekannt aus Pflügers Endgültig.

Seit fünf Jahren ist Aaron blind. Was damals in Barcelona geschah, wird in Endgültig beschrieben, ebenso ihr unbändiges Streben, das Handicap Blindsein so gut wie möglich zu eliminieren, die Hilfe ihres Vaters bei diesen Anstrengungen, den Mut, den er ihr gab. Inzwischen ist der Vater gestorben und Aaron nicht mehr Mitglied der Abteilung.

Heute – und mit diesem „Heute“ geht es bei Niemals nach dem Rückblick auf das Rom-Debakel weiter – segelt Aaron ein paar Tage mit ihrem pensionierten Chef vor der schwedischen Küste hart am Wind, verbringt einige Tage bei ihm und dessen Frau. Weiß nicht recht, was sie will. Hat die Chance, einen Teil ihrer Sehkraft wieder zurückzubekommen.

Aber ein Brief ändert alles. Er kommt von Holm, dem Widersacher, dem sie die Blindheit zu verdanken hat. Der große Antipode aus Endgültig vererbt ihr zwei Milliarden Dollar, deponiert auf dem Konto einer Bank in Marrakesch. Geld aus kriminellen Geschäften. Nach Rücksprache mit ihrem ehemaligen Kollegen Pawlik beschließt sie, nach Marrakesch zu fliegen, zu recherchieren, was es mit dem Geld auf sich hat, aus welchen Quellen es stammt. Nur als Mitglied der alten Abteilung erscheint es möglich, diesen Job zu erledigen. Und so wird Aaron wieder in diese Abteilung aufgenommen, die Spezialaufträge erledigt, die so delikat sind, dass weder ein Geheimdienst noch das BKA sie erledigt. Hauptsächlich Aufträge, bei denen die nationale Sicherheit in Gefahr ist, und bei Beträgen dieser Größenordnung, gehen die Spezialisten gar von einer internationalen Bedrohung aus.

Nächste Station für Aaron und Pawlik ist Marrakesch. Mit Tarnnamen steigen sie im La Mamounia ab, dem einzigen Angenehmen, das sie in Marokko kurz genießen. In der Bank erfahren sie mehr über die Herkunft des „Erbes“ und finden in einem Schließfach des Instituts ein aufschlussreiches Dokument, in dem die Rede davon ist, dass Aarons Vater nicht eines natürlichen Todes gestorben sondern gemordet worden ist. War Aaron bisher daran interessiert, das Geheimnis um Holms kriminelle Tätigkeiten der letzten Jahre aufzudecken und ihn zur Strecke zu bringen, setzt jetzt bei ihr das Verlangen ein, sich am Mörder ihres Vaters zu rächen. Das „Warum“ des Rächens ist somit schon einmal geklärt, und so begibt sie sich mit Pawlik, einer wichtigen Zeugin und deren Sohn auf eine Art Schnitzeljagd, die von Marrakesch zunächst in die Umgebung, dann quer durch Marokko fast bis zur Grenze nach Algerien führt, schließlich nach Deutschland. Auf diesem Trip werden mehrmals die Magazine diverser Schusswaffen leer geballert. Wäre dies ein Film, hätte der Requisiteur und Maskenbildner eine riesige Menge Blut heranzuschaffen. Der Höhepunkt des Blutvergießens erlebt der Leser schließlich in Deutschland in einem üppigen Showdown, bei dem Aaron schließlich erfährt, an wem sie sich rächen muss – wenn sie es wirklich will. Und sie wäre nicht sie selbst, würde sie es nicht wollen.

Es heißt allerdings „Sich zu rächen heißt, zwei Gräber auszuheben“ . Doch dieser Satz kann Aaron nicht abschrecken, denn der Bushidō sagt: „Rache ist das höchste Gericht“ und dieses höchste Gericht soll dafür sorgen, dass der Mord am Vater durch Vernichtung des Verantwortlichen gesühnt wird.

Neben allem Geballer und Verbluten erzählt Andreas Pflüger hier die Geschichte von Jenny Aaron weiter, die mit Endgültig begonnen hat und mit Niemals sicherlich nicht zu Ende ist. Es ist eine Story vom Kampf gegen ihr Handicap, gegen Gegner, die sie nicht sieht, Dank ihrer Fähigkeiten, sie zu orten, dennoch besiegt. Niemals ist zwischendurch aber auch ein Thriller mit leiseren Tönen, wenn sich Aaron daran erinnert, wie ihr Verhältnis zum Vater war, wie sie von ihm gefordert und in Richtung ihres Berufes gefördert wurde, die Tochter unterstützt hat, ihre Blindheit durch Schulung anderer Fähigkeiten zu kompensieren.

Niemals ist aber auch ein Buch über Rache und die Frage, ob das Erlebte Rache rechtfertigt. Und so ist dieser Thriller mit Action geladen wie ein James-Bond-Film, ebenso ist er geprägt von Aarons Wirken und Reflektieren. Schließlich will der Leser wissen, wie Niemals endet, wie befürchtet oder wie erhofft. Dieses Zusammenspiel begeistert.

— O —

Andreas Pflüger: Niemals, erschienen 2017 als Hardcover bei Suhrkamp als Folgeband von Endgültig, dem ersten Teil dieser bisher kleinen Reihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron

— O —

Andere Stimmen zum Buch von

Hauke Harder auf dem Blog Leseschatz

Werner Fuld im Culturmag

Interviews mit Andreas Pflüger von

Marcus Müntefering in SPON

Alf Mayer im Culturmag

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Marcie Rendon: Am roten Fluss

IMG_7350-002Tagsüber fährt die neunzehnjährige indianische Landarbeiterin Cash auf den Farmen um Fargo, North Dakota, Getreidekipper und Rübenlaster. Abends und nachts erspielt sie sich am Pooltisch ein Bier nach dem anderen, zockt die Männer ab, erweist sich als äußerst trinkfest.

Diese Routine wird im Sommer 1970 unterbrochen, als auf einem abgeernteten Weizenfeld ein ermordeter Landarbeiter gefunden wird – wie Cash ein Indiander. Zwar finden sich bei dem Toten keine Papiere, aber Cash erkennt, dass er aus der Red Lake-Reservation stammt, der Tod Leid über seine Familie bringen wird. Cash lässt Arbeit Arbeit sein, hockt sich in ihren Ranchero Truck und düst gen Norden, um die Familie zu suchen, ihr beizustehen, denn sie ahnt, was den Kindern passieren wird, wenn sie keinen Vater mehr haben:

Ein Schicksal, das Cash erfahren und durchlitten hat. Vater verschwunden, Mutter zumeist an der Flasche. Grund genug die Kinder in Pflegefamilien zu stecken. Pflegefamilien, die ihre Pfleglinge mies behandelt und zur Arbeit gezwungen haben. Die aufmüpfige Cash hat sich das nicht immer gefallen lassen und wurde so vom Amt von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, Nachkommen skandinavischer Einwanderer, weitergereicht. Mit elf Jahren wurde sie bereits zu schwerer Landarbeit gezwungen, mit sechszehn hatte sie das Glück, unter die Fittiche von Sheriff Wheaton zu gelangen, der für sie bürgte, ihr eine kleine Wohnung besorgte und Cash in ein eigenständiges Leben führte.

Marcie Rendon stellt das Schicksal der jungen Landarbeiterin in den Vordergrund ihres Romans, basierend auf dem, wie im 19. Jahrhundert bis 1934 die Vereinigten Staaten von Amerika mit indianischen Kindern umgegangen sind. In „Anmerkungen der Autorin“ am Ende des Buches beschreibt Marcie Rendon, dass die Kinder zu der Zeit systematisch aus ihren Familien herausgerissen und in Internatsschulen gesteckt (wurden).Dort wuchsen sie auf wie Kriegsgefangene, wurden bestraft, wenn sie ihre Muttersprache sprachen, wurden bestraft, wenn sie mit ihren Geschwistern redeten…..115 Jahre erlebten Kinder nicht mit, wie Eltern Kinder großziehen…..Dann wurden sie heimgeschickt in die neu geschaffenen Reservationssysteme, wo es bis in die späten 1960er Jahre gängige Praxis der für County oder Staat tätigen Sozialarbeiter war, Indianerkinder einfach zu verschleppen und in weißen Pflege- und Adoptivfamilien auszusetzen.

Dieses System hat Cash geprägt und man ist beim Lesen erstaunt, wieviel Empathie die junge Indianerin bewahrt hat. Nur ist ihre Empathie am Red Lake nicht willkommen.  Letztlich wird der Mord mit Cashs Hilfe und ihrem mutigen Einsatz aufgeklärt.

Haften bleibt ein winziger Abschnitt US-amerikanischer Geschichte.

In Erinnerung bleibt Cash, die ihren Weg durch die raue Welt der Landarbeiter auf den Felder und in Kneipen sucht, realistisch ist, auch wenn sie Countrsongs dichtet, die wohl nie veröffentlicht werden, mit Texten wie „Sonnensattes Weizenland, warm strahlt gottes Gunst herab, heilt mein Herz so sanft“. „gottes“ kleingeschrieben! Cash mochte das Wort Gott nicht. Schrieb es deshalb innerlich in Kleinbuchstaben. Was hatte er je für sie getan? Das ist Cash, laut Klappentext lakonisch und illusionslos, mit einem leisen, rebellischen Humor.

Stimmt! – Ein faszinierend erzählter Roman.

— O —

Am roten Fluss (Originaltitel: Murder on the Red River“) ist Marcie Rendons erster Roman. In deutscher Übersetzung von Laudan & Szelinski erschienen 2017 als Ariadne-Taschenbuch im Argument Verlag, als eBook bei Culturbooks-

Marcie Rendon ist Stammesangehörige der Anisshinabe White Earth Nation arbeitet als Dichterin, Stückeschreiberin und Performancekünstlerin, kuratiert indigene Künstler/innenforschung, macht noch vieles mehr.

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Wenn das „Schwein im Wald“ zur „Leiche im Keller“ wird ——– Link zu einem Porträt des Jo Nesbø-Übersetzers Günther Frauenlob

IMG_7356Sämtliche Nesbø-Krimis der Harry-Hole-Reihe, der Blood-on-Snow-Reihe, sowie die Stand-alone-Thriller „Headhunter“ und „Der Sohn“ wurden von Günther Frauenlob aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt.

„chilli – Das Freiburger Stadtmagazin“ hat über den Übersetzer, dessen Vorgehensweise bei der Arbeit und die Feinheiten der Übersetzungen berichtet. Der Artikel ist zwar schon einige Jahre alt – er wurde nach dem Erscheinen des neunten Harry-Hole-Bands „Die Larve“ im Jahr 2012 veröffentlicht, hat jedoch nichts an Aktualität verloren. Falsche Fährten, unvorhersehbare Wendungen und die vielen Details führen uns als Leser oftmals in falsche Richtungen, verwirren zunächst. Für Übersetzer keine leichte Aufgabe, aber sie gelingt Günther Frauenlob.

Dazu „liest Frauenlob die Nesbø-Bücher erst einmal gewissenhaft durch. Denn aufgrund der vielen Details muss er zunächst herausfinden, ob der Autor nur eine Fährte legt, die ins Nichts führt, oder ob er den gesponnenen Faden später wieder aufnimmt. Deshalb sei es essentiell wichtig, den Schluss der Geschichte zu kennen“. Zudem muss er Bilder und Stimmungen passend wiedergeben und dann wird aus dem „Schwein im Wald“ in der Übersetzung die „Leiche im Keller“.

Hier der Link zum Artikel: Leiden & Hoffen mit Harry Hole – Der Wahl-Waldkircher Günther Frauenlob ist Nesbø-Übersetzer

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Guten Appetit! — Jo Nesbø: Durst

20170912_142653Für Freunde ungewöhnlicher Mordmethoden bietet Jo Nesbø im 11. Fall für Harry Hole wiederum ein ausgefallenes Werkzeug und führt dabei die Leser in die Welt des Vampirismus. Der Leopoldsapfel aus Leopard bekommt im neuen Roman einen würdigen Nachfolger.

Und wieder ist es Harry Hole, der sich mit diesem Instrument, mit der Anwendung und dessen Benutzer auseinander setzen muss. Dabei war Nesbøs Held Harry nach seinem Koma für einige Jahre verschwunden. Inzwischen ist der Spezialist für Serienkiller ein beliebter und anerkannter Dozent an der Osloer Polizeihochschule geworden, doch als in Norwegens Hauptstadt eine neue ungewöhnliche Mordserie beginnt, wird Hole zur Unterstützung seiner Nachfolgerin Katrine Bratt und des alten Teams zurückgerufen.

Der Auftrag lautet: „Fang den Täter!“ Und dieser Aufgabe widmet er sich in bekannter Weise, allerdings nicht freiwillig. Vielmehr wird er von seinem ehemaligen Chef Mikael Bellmann dazu in erpresserischer Weise gezwungen.

Der Mörder geht raffiniert von. Er akquiriert seine Opfer mittels einer Dating-App und geht bis hin zur Liquidierung raffiniert und im Finale mit einem ungewöhnlichen Werkzeug vor, der die Ermittler zu der alten, über 1000 Jahre alten japanischen Methode des Zähneschwärzens, dem Ohaguro, führt. Schnell wird jedoch klar, dass die Eisenspuren an den Wunden der Opfer nicht nur von dem eisenhaltigen Zahnschwärzungsmittel stammen können. Ein Werkstück aus Eisen muss zum Einsatz gekommen sein, als der Täter Kehle und Halsschlagader der Frauen wie ein wildes Tier aufgerissen hat. Eigenartig ist dabei, dass bei der blutigen Methode nur wenig Blut am Tatort zu finden ist.

Vampirismus ist die Erklärung, die Hole und Katrine Bratt dazu einfällt. Und während Harry Hole immer klarer wird, dass der Mörder – wenn es denn wirklich ein Vampirist -, ein „alter Bekannter“ ist, der ihm bisher entwischte, erhält das Team die Unterstützung von Hallstein Smith einem Psychologe und Spezialisten für Vampirismus. Smith hat jahrelang das Phänomen erforscht. Seine Ergebnisse werden jedoch von der Fachwelt nicht anerkannt, seine Arbeit von den Kollegen als Unsinn abqualifiziert. Mit dem Wissen von Smith über die Psyche beißender, bluttrinkender Individuen und Holes Verbissenheit, den alten und neuen Fall endlich zum Abschluss zu bringen, nähern sie sich dem Täter – und der Täter nähert sich ihnen.

Der Fall scheint geklärt. Doch dann – und es wäre kein echter Nesbø-Thriller, wenn es nicht so käme – ergibt sich eine weitere Perspektive, eine Wendung durch ein Motiv hinter dem Motiv, ein Plot-Twist, von dem der Leser im Nachhinein meint, es bereits erkannt zu haben. Harry Hole stellt die Falle und lässt sie zuschnappen, schnappt selbst zu. So kommt es, dass unser Held zum elften Mal auf dramatische Weise sein Leben rettet, nach all den Gefahren, denen er sich aussetzt. Bei allen Widrigkeiten, mit denen er im Laufe der Ermittlungen zu kämpfen hat, sei es das Verhalten seines ehemaligen Chefs, der aus Karrieregründen Harry zu manipulieren versucht. Zudem muss sich Hole Sorgen um die Gesundheit seiner Frau und die Ausbildung seines Sohns machen.

Aber all das gerät fast in den Hintergrund durch das, was sich hinter der Mordserie und besonders hinter dem Schlagwort Vampirismus verbirgt.

Dieser Thriller beinhaltet zugleich eine ausführliche Lektion zum Thema Vampirismus. Der Leser erfährt weitaus mehr als Wikipedia zu diesem Thema zu bieten hat.

Die Tat als solche war wichtiger als die Wahl der Opfer. Über das Renfield Syndrom, über das, was Täter wie John George Haigh als „Vampir von London“ oder Peter Kürten – der Vampir von Düsseldorf – antrieb so zu morden, wie sie es taten, darüber hat Jo Nesbø recherchiert und diese Ergebnisse in Durst in beeindruckender Weise einfließen lassen.

Und speziell: Nach allem…. (,Herr Nesbø) …… , was Sie mir über die Morde gesagt haben, ist das Verhalten dieses Vampiristen eher durch Paraphilien wie Nekrophilie und Sadismus als durch Mythomanie oder den Glauben geprägt, selbst ein außerirdisches Wesen zu sein.

Dieser Thriller ist ein „echter Nesbø“, ein packender Harry Hole. Und wenn er auch als blutiger Reißer daher kommt, ist es letztlich nicht ein bluttriefendes Werk, denn das Blut wird getrunken, um zu genießen.

— O —

Originaltitel: Tørst (2017, Norwegen), deutsch 2017 , Übersetzung Günther Frauenlob

— O —

Ein Interview mit Jo Nesbø zu diesem Buch ist nachzulesen auf dem Literaturblog Günter Keil

— O —

Die Harry-Hole-Reihe

  • 1997: Der Fledermausmann (Flaggermusmannen)
  • 1998: Kakerlaken (Kakerlakkene)
  • 2000: Rotkehlchen (Rødstrupe)
  • 2002: Die Fährte (Sorgenfri)
  • 2003: Das fünfte Zeichen (Marekors)
  • 2005: Der Erlöser (Frelseren)
  • 2007: Schneemann (Snømannen)
  • 2009: Leopard (Panserhjerte)
  • 2011: Die Larve (Gjenferd)
  • 2013: Koma (Politi)
  • 2017: Durst (Tørst)

 

Blood-on-Snow-Reihe

 

Stand-Alone-Thriller

 

 

 

 

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Zownir & Anfuso: Pommerenke

20171022_1147551959 – Ein heißer, lang anhaltender Sommer in dem unser Dorfteich, zugleich Feuerlöschteich, austrocknete, ist das einzige Ereignis des Jahres, an das ich mich – damals 13 Jahre alt – erinnern kann. Für mich ein bedeutender Vorfall in dem kleinen niedersächsischen Dorf. Wer aber über den ausgetrockneten Dorfteich hinwegblickte und Zeitungen las, der sah:

1959 – Innerhalb weniger Monate mordet, vergewaltigt, verletzt und raubt Heinrich Pommerenke in Karlsruhe und im Schwarzwald, versetzt damit die Gegend in Angst und Schrecken, bis er im Juni des Jahres festgenommen wird. Er gesteht 4 Morde, 7 Mordversuche, 2 vollendete und 25 versuchte Vergewaltigungen sowie Raubüberfälle, Einbrüche, einfache Diebstähle und andere Straftaten – insgesamt 65. Eine unfassbar grausame, in ihrer Dimension gigantische und spektakuläre Serie von Ereignissen.

Im Oktober 1960 wird er zu sechsmal lebenslangem Zuchthaus plus 15 Jahren Gefängnis verurteilt und gilt lange Zeit als der am längsten einsitzende Strafgefangene in Deutschland. Nach mehr als 48 Jahren Haft stirbt Pommerenke 2008 im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg.

2017 erscheint bei CULTURBOOKS ein True-Crime-Roman von Nico Anfuso und Miron Zownir mit dem Titel POMMERENKE.

Dieser Roman handelt nicht nur von Heinrich Pommerenke, sondern gleichgewichtig von Billie, einer jungen Journalistin. Etwa 40 Jahre nach Pommernekes Verurteilung plant Billie, ein Buch über den Mann zu schreiben, über dessen Verbrechen in allen Zeitungen zu lesen war.

Billie hat bereits zahlreiche Gespräche mit Heinrich – nur so nennt sie ihn in diesem Roman – in der JVA Bruchsal geführt, mit Zeitzeugen und Opfern geredet, Zeitungsberichte über Heinrich, dessen Verbrechen und die vergeblichen Versuche, die Strafe zur Bewährung auszusetzen, studiert.

Nun ist sie – so beginnt das Buch – mit ihrem Mann Branco auf der Reise in die Flitterwochen Richtung Venedig. Die Flitterwochen enden jedoch bereits auf der Anreise abrupt, da Branco plötzlich einen Job als Kameramann in New York antreten muss. Billie fliegt zurück nach Berlin in ihre neue Wohnung, ein Loft in Nachbarschaft zu verfallenen Gebäuden.

Dort vertieft sie sich in ihr Skript. Heinrich ergreift dabei Besitz von ihr. Billie wird von der Person des Verbrechers gefesselt. In längeren Sequenzen erfahren wir von der Entwicklung des Mannes, der 1939 in der Nähe von Rostock geboren wurde, mit Mutter und Schwester zunächst nach Kriegsende in die Schweiz zog, bei Großeltern in Mecklenburg aufwuchs und ein unstetes Leben führte, das ihn schließlich 1959 zu dem gefürchteten Verbrecher werden ließ.

Die übelsten dieser Verbrechen hat Billie in ihrem Skript beschrieben und so erlebt der Leser den True-Crime-Part, erkenntlich an einer speziellen Schrift. Diese unterscheidet sich von etwas kleineren Schrift der fiktiven, aber wohl doch mit der Person der Autorin Nico Anfuso verknüpften Geschichte Billies.

So ist zu erkennen, wie Billie immer mehr von der Person Heinrichs fasziniert und gleichzeitig abgestoßen wird, wie sie in eine mentale Abhängigkeit zu dem alternden Monster gerät, in Wahnvorstellungen und Albträumen getrieben wird. Dagegen sieht sich der Verbrecher, von Gott für die Gewaltverbrechen geleitet und inzwischen geläutert, als Opfer. Der Weg, den Pommerenke gegangen ist erscheint ihm demnach, zumindest nach der „Initialzündung“, die zum ersten Mord in Karlsruhe führt, von Gott gegeben. Den Leser macht es fassungslos.

Es ist schwer zu verstehen, was die Verbrechen und das Ego des Heinrich Pommernekes mit jemanden macht, der sich derart mit ihm beschäftigt und mit ihm Gespräche geführt hat. Verständlich ist aber, dass eine solche Beschäftigung zu Reaktionen führen kann, wie sie von Zownir & Anfuso hier so ergreifend schildern. Als kleiner Lichtblick für Billie und damit dem Aufatmen des Lesers bleibt die Aussicht auf einen Neustart mit Branco in die Flitterwochen.

Es benötigt die Kenntnis von Fachleuten, Billies Psychose und das auslösende Ereignis zu beschreiben und zu deuten. Anne Kuhlmeyer ist eine solche Fachfrau, die sich in ihrer Rezension mit dem Buch und den Persönlichkeiten von Pommerenke und Billie auf ihre Weise in „Verrückt? Oder nicht?“ auseinandersetzt.

— O —

Zownir & Anfuso: Pommerenke, erschienen 2017 im Verlag CULTURBOOKS, als Hardcover mit Lesebändchen und eBook

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Krimi trifft Pantomime

IMG_7343Großartige Vorstellung auf hohem Niveau. Eine gelungene Symbiose aus gelesenem Krimi und Pantomime. Gut ausbalanciert zwischen Peter Jackob und Corina Ramona. Wobei die Pantomime in ihrer wörtlichen Übersetzung, „alles nachahmend“, in einigen Momenten scheinbar umgekehrt wurde und es durch geschickte Regie so erschien, dass Peter Jackob auf die Darstellung von Corina Ramona reagierte – zum Vergnügen der Zuschauer/-hörer. Mit zwei Schack-Bekker-Kurzkrimis und einer Zugabe eines „Ein-Minuten-Krimis“ war dies ein rundum gelungener Abend. Nächste Vorstellungen sh.: http://der-gespielte-krimi.de/

 

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