Martin Schüllers 111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt

20181008_174939-1Dies ist ein Buch für erfolglose Krimiautoren. Bei der Lektüre können sie sich selbst bemitleiden. Sie haben alles richtig gemacht, Lektor und Agent (so es diese gegeben hat), Verlag und Buchhandel den Erfolg verhindert. Leser haben vom Buch kaum erfahren und wenn, dann urteilen sie mit weniger als fünf Sternen. Blogger posten nicht mal eine Rezi.

Dieses Buch ist ein Buch für Krimileser, die endlich verstehen, warum Nesbø und Co erfolgreich Krimis schreiben und das arme Hascherl, das einem Verlag Geld zahlen muss, damit sein Werk erscheint, nicht.

Dies ist ein Buch eines Krimiautors, den ich zwar nicht kenne, der nach zehn veröffentlichten Kriminalromanen bei einem rennomierten Verlag offenbar dessen Vertrauen genießt, dass mit diesem Buch Geld zu verdienen ist.

Ich vertraue dem erfolgreichen Autor, dass er als Insider gute Tipps und Tricks verrät. Ich bin übrigens ein Krimileser, der nie einen Krimi schreiben wird, weil…..

…… Plot ausarbeiten, Spannungsbogen entwickeln, Recherchen betreiben, Termin einhalten und 107 weitere Tipps und Tricks berücksichtigen, damit aus einer Idee ein guter Krimi wird, das ist zuviel Anstrengung für mich. (Frei nach Thomas Alva Edison: (Krimiautor-) Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.) Und eine Garantie, dass bei Berücksichtigung dieser 111 Punkte ein mit diesem Wissen geschriebener Krimi zum Erfolg wird, gibt der Autor nicht.

Auch wird nicht jeder Tipp und Trick wird potenziellen Krimischreiber helfen, so zum Beispiel die Aufzählung der Behörden, die sich mit der Polizei um Recht und Ordnung kümmern. Zudem bieten einige Stichworte nur oberflächliche Information (Alkohol, Warum). Andere Tipps sind nur schwerlich zu verstehen. Sie erfüllen vermutlich den Zweck, potenzielle Krimiautoren abzuschrecken (Ellipse, Redundanz).

Einerseits erweckt der Autor den Eindruck, krampfhaft versucht zu haben, die Zahl „111“  zu erreichen, damit das Werk in die „111-Reihe“ des Verlags passt.

Andererseits erwähnt Martin Schüller im Vorwort, es gebe wohl mehr als 1.111 Tipps und Tricks, einen guten Krimi zu schreiben. Recht hat er!

So vermisse ich Tipps

  • ob und wann ein Prolog den Beginn eines Krimis pimpen sollte
  • zu den falschen Fährten, mit denen Leser in die Irre geführt werden können
  • zur Verwendung von Tschechows Gewehr
  • sowie „last but not least“: zu Danksagungen am Ende des Buches, mit denen nachgewiesen werden kann, dass bei Recherchen kompetente Fachleute die Glaubhaftigkeit von Fakten absichern, oder mit denen sich der Autor bei Verlag und dessen Mitarbeiter*innen angeschleimen möchte.

Die 111 Tipps sind nach Schlagwörtern in alphabetischer Reihenfolge geordnet. Vor dem lexikalischen Teil werden sie in einem Inhaltsverzeichnis  aufgelistet. So muss nicht von „Angst“ bis „Zufall“ alles der Reihe nach gelesen werden sondern nach Belieben und Interesse. Jeder Tipp oder Trick wird auf einer Seite beschrieben, auf der jeweils gegenüberliegenden wird mit einem Foto und meist mit einem erklärenden Satz Bezug auf den Text genommen.

Eine unterhaltsame Lektüre, lehrreich oder amüsant, verprellend oder faszinierend für ….(s.o.)…..

— O —

Erschienen im Emons Verlag, 2018

 

 

 

 

 

 

Advertisements
Veröffentlicht unter Allgemein | 2 Kommentare

Johann Graf Lambsdorff, Björn Frank – Geldgerinnung ( Ein Wirtschaftskrimi)

IMG_7886Was kommt dabei heraus, wenn ein Professor für Volkswirtschaftstheorie und ein Professor für Volkswirtschaftslehre den  „Wirtschaftskrimi“ GELDGERINNUNG schreiben?

Für den Krimifan eine leicht zu beantwortende Frage: Ein passabler Krimi, phasenweise in der Art eines Roadmovies.

Ein weiterer Professor für Volkswirtschaftslehre äußert sich auf dem hinteren Buchdeckel begeistert: „.. dieser neuartige Wirtschaftskrimi spannt einen großen Bogen durch die Dogmengeschichte und zeigt, wie aktuell, relevant und mörderisch unterhaltsam Volkswirtschaftslehre sein kann.“  Und noch ein Professor, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, und die häufig im Fernsehen präsente Professorin und Leiterin der Abteilung Energie,Verkehr, Umwelt am DIW Berlin, Claudia Kempfert, schwärmen auf dem Rückendeckel für diesen Wirtschaftskrimi. Respekt, noch nie habe ich eine solche geballte professorale Kompetenz von volkswirtschaftlicher Bildung erlebt, die einen einzigen Kriminalroman huldigt. Die Laudatio eines Experten für Kriminalliteratur vermisse ich dagegen.

Und so ist meine zweite Frage, die ich nicht beantworten kann, da ich kein VWLer bin: Ist GELDGERINNUNG eine Lektüre zur geistigen Selbstbefriedigung für Volkswirte?

Sorry, liebe Autorenprofs, liebe VWLer – studierte und studierende, die ausführlichen Ausflüge in euren Studien- Forschungs-Arbeitsbereich der verschiedenen Lager und Interessengruppen sind mir zu wissenschaftlich. Wobei ich mich durchaus für die Beschreibung der MONIAC und dem, wie und was mit der Maschine simuliert wird, begeistern kann.

Köstlich sind die Passagen über die Methoden zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen inklusive möglicher Intrigen und Ränkespielen, ausgelöst durch persönliche Animositäten, Konkurrenzdenken und dem Run auf Fördergelder.

Zudem – und da geht es wieder zum „Krimipart“ in diesem Buch – ist es vorstellbar, dass in einem System wie dem Bankensystem, in dem es um Riesensummen Geldes, in Krisenfällen bei der „Rettung“ der Banken um Milliardenbeträge aus öffentlichen Haushalten geht, eine wissenschaftliche Veröffentlichung mit Argumenten zur „Nicht-Rettung“  zu Mord führen kann.

Ob nun der Mord an dem Professor und die Versuche, seinen Doktoranden zu töten, damit in Zusammenhang stehen, wird im Umfeld der Wissenschaftler unter Mithilfe eines dümmlich dargestellten Kommissars geklärt.

Aber es ist ja nicht nur für diesen Kommissar unverständlich, was in den Hirnen der VWLer vor sich geht und ihr Handeln beeinflusst.

Vielleicht hilft es, auf Geldgerinnung: Der Autorenblog nachzulesen, was sich die Professoren Graf Lambsdorff und Frank dabei gedacht haben, das Buch zu schreiben. Schade, dass sie dies nicht auf eine für volkswirtschaftliche Laien verständliche Weise darstellen können.

— O —

Johann Graf Lambsdorff, Björn Frank: Geldgerinnung, UVK Verlagsgesellschaft mbH (2018)

Veröffentlicht unter Rezension | Kommentar hinterlassen

Links von uns ist ein Riss im Himmel – Simone Buchholz: Mexikoring

IMG_8761Staatsanwältin Chastity Riley ist eine starke Frau. In der Domäne von Polizisten und Kriminellen steht sie ….. ihren Mann. (Muss mal so gesagt werden, ist so). Sie säuft, pafft, hat poetische wie taffe Sprüche drauf. Redet Netto-Text ( frei von Geschwafel). Innerhalb der Staatsanwaltschaft ist sie das schwarze Schaf, abgeschoben in ein „Lochbüro“. Aus dem darf sie nur raus, wenn es heißt: „Das, was vorgefallen ist, ist so kaputt, das passt zu Riley.“ Ich kenne Chastity seit „Blaue Nacht“ und  „Beton Rouge“. Total verquere Fälle.

Auch hier.

Einem jungen Mann aus dem Bremer Mhallamiye- Clan wird in Hamburg das Auto abgefackelt, dumm, dass er darin sitzt und die Türen verschlossen sind. Er überlebt den Vorfall nicht. Ein Fall für Riley, denn der unnatürliche Tod eines Clan-Mitglieds gehört nicht zur Lieblingsbeschäftigung von Rileys Kollegen. Die Mitglieder des Clans halten die Schnauze, andererseits gibt’s „auf die Schnauze für alle. Ist natürlich auch ein interessantes Konzept“.

Chastity Riley dominiert mit ihrem Verhalten, ihrer Denke, ihrem Netto-Sprech die Handlung. Die Polizisten, mit denen sie am Tatort, in Bremen und Hamburg aufschlägt, sind meist nur Anhängsel, auch wenn sie das Sagen haben. Chastity prägt die Story und dabei kommt die Geschichte von Nouri, dessen Familie, dem Clan und seinem Verhältnis zu Aliza zu kurz. Schade. Wir erfahren, wie der Clan funktioniert, erleben eine fast Shakespeare’sche Tragödie à la Romeo und Julia, aber über allem schwebt Chastity wie eine Plasiktüte im Wind, verschwindet nie. (Frei nach der Kapitelüberschrift „Vielleicht sind Plastiktüten ja irgendwann die besseren Möwen“). Eine Tragödie auch nach dem Motto „und konnten beisammen nicht kommen…“, Clankinder, keine Königskinder. Aber warum muss es mit dem Tod für den jungen Mhallamiye enden? Übrigens: Manchmal kommst Du mit Ehrlichkeit nicht ans Ziel, ob das nun Mexiko ist oder ein anderes.

Simone Buchholz schreibt mit Mexikoring eine Einführung in das Leben und Wirken des Bremer Mhallamiye-Clans, dem wir in Medienberichten schon häufiger begegnet sind. Sie erweckt den Eindruck, gut recherchiert zu haben, stellt die Verhältnisse sehr plastisch dar. Dabei hat sie das Gleichgewicht zwischen Chastity Riley und deren persönlichen wie beruflichen Umfeld zu Lasten der eigentlichen Geschichte von Nouri und Aliza schlecht austariert. Den Clan der Chastity-Fans wird es nicht stören – und das Lesen dieses Romans bereitet unabhängig von meinem Gemaule gute Unterhaltung. Es ist ein Buch, bei dem „Scherben lutschen“ ein Genuss ist.

— O —

Simone Buchholz: Mexikoring, erschienen 2018 bei Suhrkamp

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Daniel Woodrell: Zum Leben verdammt

P1030700Verdammt viel Blut fließt hier. Nix cosy, sondern harter Tobak. Und am Schluss ein heißer, harter Ritt in eine friedliche Zukunft?

Zeit der Handlung: Der amerikanische Bürgerkrieg

Hauptakteur: Jake Roedel, Kind deutscher Eltern, der als junger Bursche als Freischärler mit seinen Genossen mordend, zündelnd, plündernd, wie er es sieht FÜR DIE GERECHTIGKEIT zur Unterstützung der Konförderierten gegen die Unionstruppen und deren Symphatisanten sowie Freischärler der Gegenseite durch die Lande ziehen.

Hier erzählt Jake seine Geschichte, in der er als Bushwhacker ein würdiger Vertreter der Guerillakrieger auf der Südstaaten-Seite ist. Das gelingt ihm am besten, indem er zeigt, dass er vor Morden an anderen Deutschen nicht zurückschreckt und auch sonst so manche Kugel aus seinem Revolver rauslässt, um die zu töten, die auf der anderen Seite kämpfen oder auch nur als Unterstützer dazu gehören könnten. Zu besonderen Feinden zählen die Jayhawkers, die Freischärler der Yankees. Auch die werden niedergemetzelt.

Jake Roedel hat in seiner Truppe und deren brutalen Handeln Heimat und Lebensinhalt gefunden. Nicht ganz 20 Jahre alt imponiert ihm das Leben als „Rächer der Südstaatler“. Dabei kommt er nicht ohne Blessuren davon. Ein kleiner Finger wird ihm abgeschossen, ein Bein arg lädiert. Sein Weg ist gezeichnet von Leichen der Feinde, aber der Schwund unter seinen Mitkämpfern ist ebenfalls nicht unerheblich.

Was Jake nicht tötet, macht ihn nur härter, er liebt die Freiheit, das Abenteuer, die Anerkennung durch seine Freunde, bildet sich ein, für Gerechtigkeit und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Dabei ist es oftmals ein Leben in Angst vor einem überlegenen Feind, vor Kälte, Schlamm und Hunger im Winter.

So kommt die Erkenntnis: „Jetzt läuft es nur noch auf simplen Mord hinaus an dem, der einem gerade im Wege steht.“ Höhepunkt erreicht dieses Handeln, als ein großer Trupp der Bushwhackers gegen eine friedliche Stadt zieht , sie und die männlichen Bewohner vernichtet, auch kleine Jungs, denn „aus Welpen werden Hunde“. Das stimmt den hartgesottenen Jake nachdenklich. Und da auch etwas ins Spiel kommt, was er bisher noch nicht kannte – eine Frau und das Gefühl, Verantwortung für sie übernehmen zu müssen -, zudem die Unterlegenheit seiner Freischärlertruppe immer sichtbarer wird, erkennt Jake die Sinnlosigkeit seines mörderischen Handelns. Zunächst kann er sich nicht von seinem scheinbar freien Leben und dem sogenannten Kampf für die Gerechtigkeit trennen, doch die Kameraden werden immer weniger, entweder werden sie ausgelöscht von der Gegenseite oder laufen über.

So bleibt Jake nur der harte, heiße Ritt zusammen mit seiner Frau und deren Neugeborenem in Richtung einer besseren Welt. Jake sei sie – Frau und bessere Welt – gegönnt.

Daniel Woodrell erzählt diese brutale Fiktion aus dem Sezessionskrieg mit nachhaltig wirkenden Worten und übermittelt dabei den Irrsinn, der damals geherrscht hat, ob es nun auf Seiten der Konföderierten oder der Union war – inklusive der „General Order No.11“, die im Roman erwähnt wird. Beim Lesen der Gemetzel ist es nicht immer einfach, das Geschriebene zu verarbeiten.  Denken und Handeln der gesetzlosen Truppe von Freischärlern lässt zuweilen Mordgedanken aufkeimen, bringt mich als Leser in Rage. Gut, dass Woodrell durch seine nüchterne Darstellung die Stimmung in mir nicht noch mehr aufgeheizt. Mit dem Ritt in die Zukunft verabschiedet sich der gebeutelte Jake Roedel dann von mir, wobei es kein romantisch-kitschiger westernartiger Ritt in die untergehende Sonne ist, sondern einer in eine ungewisse Zukunft – und das ist gut so.

— O —

Daniel Woodrell: Zum Leben verdammt (Originaltitel: „Woe to live on“, erstmals erschienen 1987, USA)

In neuer deutscher Übersetzung von Peter Torberg 2018 in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind veröffentlicht

— O —

Ebenfalls gelesen und besprochen:

Daniel Woodrell: In Almas Augen

Daniel Woodrell: Tomatenrot

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

Unglaublich, aber nahe der Wahrheit: Dominique Manotti – Kesseltreiben

P1030652Wenn Dominique Manotti in einer Vorbemerkung zu ihrem Wirtschaftsthriller schreibt, dass dieser Roman sehr frei inspiriert sei von der „Alstom-Affäre“ – Alstom, jenem ehemals französischen Energie- und Bahntechnikkonzern, dessen Energietechniksparte nach dubiosen „Fusionsverhandlungen“ von General Electric übernommen wurde – so stimmt das. In Frankreich wird noch heute über die „nationale Niederlage“ bei diesem Deal lamentiert. Dabei sind die Praktiken der Unternehmen bekannt, auch das Gelingen staatlicher Einflussnahme oder die Ohnmacht bei derartigen Versuchen. Frankreich sollte jedoch mit diesem Lamentieren aufhören, da es anderseits etliche Beispiele aus der Pharma- und der Nahrungsmittelindustire gibt, nationale Interessen durchzusetzen, geschützt durch gesetzliche Regelungen oder gestützt von politischer Einflussnahme.

Dominique Manotti zeigt in Kesseltreiben die Gemengelage bei einem solchen „Geschäftsvorgang“ auf, bei dem verschiedenste Interessen vertreten sind und auch mit illegalen Mitteln durchzusetzen versucht werden. In Kesseltreiben wird dabei aus dem banalen Vorgang einer Firmenübernahme nicht nur ein Geschäftsmodell, das durch Korruption zum Erfolg geführt, bei dem auch gegnerisches Personal eingeschleust wird und Verleumdung eine große Rolle spielt. Alles nur Teil des Tagesgeschäfts! Trotzdem interessant für Leser, die bisher wenig Einblick in das Milieu hatten. Noch interessanter wirken jedoch die Bemühungen des jeweiligen Staates, vertreten durch Minister und deren Vasallen sowie durchaus auch durch gewisse Dienste auf der einen Seite, die Übernahme zu blockieren, auf der anderen Seite dafür zu sorgen, dass sie vollzogen wird. Karrieren und Menschen werden dabei zerstört. Manch einer wird zum Profiteur, startet eine unglaubliche Karriere oder schwimmt anschließend in Geld.

Selbst wenn, wie in Kesseltreiben erzählt, eine „Nachrichtendienstliche Abteilung zum Schutze der wirtschaftlichen Sicherheit“ existiert, scheitern deren Ermittler, an naiven unfähigen, falsch informierten, vor Arroganz strotzenden oder korrupten Politikern, denen sie Informationen über Gefährdungspotenziale zuleiten.  So kümmert es niemanden in den Ministerien von Bercy, dass der Manager des französischen Energiekonzerns Orstam bei der Einreise in die USA verhaftet wird. Commandant Noria Ghozali von oben erwähnter „Nachrichtendienstlichen Abteilung zum Schutze…“ staunt, als auch Orstam nichts unternimmt, um ihren Manager juristisch zu unterstützen.

Die Übernahme gelingt, Verleumdungen stellen sich als solche heraus, aber das ist ganz schnell vergessen. Die Profiteure sonnen sich im gestiegenen Ansehen, in höherer Leitungsebene, ein paar Politiker lamentieren, einige Existenzen sind vernichtet.

So funktioniert eine Firmenübernahme auch in der Realität.  Sicher nicht mit allen Mitteln, die hier von Dominique Manotti aufgeführt werden, aber mit einigen Tricks aus der Kiste dubioser Machenschaften und illegaler Methoden.

Dominique Manotti hat diese Werkzeuge wirtschaftlicher (Macht)Übernahme treffend dargestellt. Kesseltreiben ist ein Lehrstück für das Negative bei einem Übernahmeprozess mit allen Mitspielern der beteiligten Mannschaften und deren Hintermännern. Manotti demaskiert die scheinbar smarten Manager, die für Status, Karriere und Geld Moral, Recht und die Verantwortung für ihre Mitarbeiter vergessen. Sie demaskiert ebenso die Politiker, die sich entweder analog zu den smarten Managern verhalten, oftmals ihnen aber unterlegen sind, weil ihre Eitelkeit oder Unfähigkeit sie verblendet, und die nicht sehen, was außerhalb ihrem politischen Mief geschieht. Wer sich von ihnen lediglich im Rahmen seines Handlungsspielraums hat sowieso keine Chance

Kesseltreiben ist ein herrlich unmoralisches Sittengemälde im Umfeld von Politik und Wirtschaft bei der es um Fusionen, Merger, Firmenübernahmen – oder wie auch immer man solche Vorgänge nennen will – , insbesondere im internationalen Geschäft geht.

— O —

Dominique Manotti: Kesseltreiben (Originaltitel: Racket, erschienen in Frankreich, 2018. Deutsche Übersetzung: Iris Konopik, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag, 2018)

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Was wäre, wenn……(Max Annas: Finsterwalde)

…… Deutschland von Nazis einer neuen Generation regiert würde – Zustände ähnlich denen, die zur Zeit des Dritten Reichs herrschten?

P1030650Dieses Szenario beschreibt Max Annas im Roman Finsterwalde. Die Bewohner der brandenburgischen Stadt dieses Namens wurden umgesiedelt, ein unüberwindbarer, streng bewachter Zaun drumherum gezogen und Deutsche afrikanischer Abstammung, alle eingestuft als Illegale, in dieses Abschiebelager interniert. Viele andere, die nicht ins Bild der neuen Regierung passen, sind bereits ausgewiesen, geflüchtet oder in weitere Lager verbracht worden. Ersetzt werden sie durch Bürger anderer Staaten, denen es dort scheinbar schlechter ergangen ist und vor dortigen Regimen ihr Heil in der Einwanderung nach Deutschland suchen, wo sie zunächst eine Aufenthaltserlaubnis zur Probe für ein Jahr und eine elektrische Fußfessel erhalten. Während die Ärztin Marie mit ihren Kindern auf diese Weise nach Finsterwalde deportiert wurde, darf die griechische Kollegin Eleni mit Kindern und Mann nach Deutschland reisen und die Praxis sowie die Wohnung  der afrodeutschen Marie übernehmen.

Max Annas erzählt in zwei Strängen sowohl vom zunächst unorganisierten Leben in Finsterwalde mit unzureichenden Lebensmittelrationen und dem Bemühen Maries und einiger Mitbewohner, sich zu organisieren und zu solidarisieren. Im anderen Strang erleben wir Eleni, wie sie mit Mann Theo und den Kindern in Deutschland eintrifft. Ihre ersten Tage sind geprägt von Desillusionierung und der damit verbundenen Frage, ob es richtig war, in diesen Überwachungsstaat zu gehen, der keinen Deut besser zu sein scheint als das Land, das im Chaos zu versinken droht, das sie gerade verlassen haben.

Theo findet Fotos von Marie und ihren Kindern in der Wohnung, erfährt, dass sie vermutlich nach Finsterwalde deportiert wurden. Er beschließt, Marie und deren Kinder dort aufzusuchen. In Finsterwalde plant Marie mit einigen Bewohnern und ihrem Sohn nach Berlin zu gehen, um dort einige Kinder aus einem verschlossenen Haus zu befreien.

Der Gruppe aus Finsterwalde findet einen Weg aus der Stadt und trifft nach kurzer Zeit Theo, mit dem sie Richtung Berlin gehen. Der gemeinsame Weg durch das flächendeckend überwachte Land ist der wesentliche Teil des Romans. Er zeigt die Macht des Überwachungsstaates ebenso wie die Angst davor. Dennoch gibt es Lücken und Möglichkeiten, zwischen Blaulicht und Springerstiefeln hindurchzuhuschen. Theo und Marie inklusive Anhang nutzen ihn, auch wenn nicht alle am Ziel ankommen.

Finsterwalde beschreibt Verhältnisse, die mit dem Wort „finster“ nicht ausreichend bezeichnet werden können. Das Superlativ von „finster“ – wenn es das geben würde – wäre treffender. Willkür und Brutalität, Verbreiten von Angst und Schrecken sind die Mittel, mit denen der Staat seine Pläne einer „Säuberung“ um seiner selbst Willen durchsetzen will. Der „normale Bürger“ kommt bei Annas nicht mehr vor.  Der Roman erscheint als Versuch, uns als Leser zu sensibilisieren, die Richtung zu erkennen, in die wir nicht gehen dürfen. 

Im blog.wdr.de/nollerliest hat Ulrich Noller Finsterwalde so zusammengefaßt: „„Spekulativer Realismus“ – Romane, die in der näheren Zukunft spielen sind im Moment ein großes Thema auf dem Buchmarkt, insbesondere auch im Krimibereich. Max Annas hält mit seinem spektakulären Entwurf der Gegenwart mit ihren Hass-Debatten auf radikalste Weise den Zerr-Spiegel vor – und er bezieht dabei nicht minder radikal Position. Diese Radikalität samt ihrer dramaturkischen Konsequenzen muss man (wie ich) nicht bis ins letzte Detail teilen, um mit seinem neuen Roman sein so großes wie zwiespältiges „Vergnügen“ haben zu können.“

Finsterwalde ist eine brutale, aber beeindruckende Fiktion.

— O —

Max Annas: Finsterwalde, 2018 erschienen bei Rowohlt

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Auerbach & Auerbach: Tödlicher Bienenstich

IMG_8320

Pippa Bolle ist als Übersetzerin und Haushüterin schon weit in der Welt herumgekommen und wo sie auftaucht, gibt es auch eine Leiche – mindestens eine. Nun ist aber Pippa keine Mörderin, sondern eine Person, die das Vertrauen von Zeugen und Verdächtigen gewinnt und vieles erfährt, was Kommissaren und sonstigen Polizeibeamten verschwiegen wird. Mit hellem Kopf verknüpft sie, was sie hört, sieht und riecht, hilft somit Mörder und andere Kriminelle zu überführen. So lief es ab in der Altmark, Berlin, Österreich, Südfrankreich, in der Nähe von Stratford-upon-Avon und auf der schottischen Halbinsel Kintyre.

In dem siebten Fall für Pippa Bolle reist sie ganz in meine Nähe, in den Rheingau. Ein Imker hat sie gebeten, seiner Zukünftigen Gesellschaft zu leisten, da er vermutet, dass sie in der einsamen Mühle im Wispertaunus während seiner Abwesenheit in Gefahr ist.

Die Gegend mit den idyllischen Forellengewässern liegt in herrlicher Natur, mittendrin das kleine Dorf Lieblich, das den Zenit als Luftkurort längst überschritten hat. Die gut 300 Einwohner des Örtchens streiten nun, ob sie sich mit der Natur weiterhin arrangieren und bescheiden leben oder lieber zu neuem Wohlstand kommen wollen, den ihnen eine dubiose Biotech-Firma verspricht. Nachdem im letzten verbliebenen Gasthaus am Ort die Unterhändlerin der Firma ihre „Wohltaten“ für Ort und Bevölkerung vorgestellt hat, bei der ein großer Teil der Natur um Lieblich herum vernichtet werden würde, passiert es: Der Ortsvorsteher erfriert in jener kalten Winternacht im Schneesturm auf einer Bank auf dem Dorfplatz.

Die Frage nach „Unglück oder hat da einer nachgeholfen?“ kann nicht geklärt werden und die Spekulationen um die Todesursache werden immer noch diskutiert, als Pippa Monate später ihren Job in der Nähe des Dorfes in einer ehemaligen Wassermühle antritt, den sie vom Initiator des Pro-Natur-Forums erhalten hat, der Gruppe, die dafür kämpft, Lieblich und Umgebung so zu erhalten, wie es ist. Es ist die Zeit, in der die Einwohner abstimmen sollen, ob es so beschaulich weitergehen soll mit ihrer Heimat oder ob die Biotech-Firma Wälder rodet, um modifizierte Rieslingsarten zu erforschen, die in höheren Lagen für den bevorstehenden Klimawandel Weine ergeben, wie wir sie vom Rheingau kennen und schätzen. Zusätzlich würden Laboratorien entstehen, Arbeitsplätze geschaffen, Posten vergeben. Eine verlockende Perspektive für die Vertreter der „Neustart-für-Lieblich-Liga“ und ihrer Sympathisanten.

20180619_153208Vieles, das die bevorstehende Entscheidung betrifft, wird am Stammtisch des Gasthofes ausgeklüngelt, aber dort gibt es auch noch andere Interessen, denn während der Zeit, da Lieblich zum Freistaat Flaschenhals gehörte – den gab es hier wirklich von 1919-1923 als Folge des I. Weltkriegs – gelangten Lieblichs Bewohner durch eine Schmugglerbande unter Tacitus Schnapphahn zu Wohlstand. Und irgendwo soll der Schatz der letzten Schnapphahnschen Aktion versteckt sein, nach dem die Stammtischbrüder und nicht nur die auch heute immer noch suchen.

In diesem Szenario, mit Intrigen und gefährlichen Unternehmungen, in der aber auch heimliche Liebe und Schäferstündchen vorkommen, erfährt Pippa von einigen Geheimnisse der Einheimischen und erfährt Ungeheuerlichkeiten und Amüsantes, das zur Aufklärung von unnatürlichem Tod und kriminellen Machenschaften führt.

Daumen hoch für Pippa!

Tödlicher Bienenstich ist eine Geschichte, die aus zwei Elementen besteht: Heiler Natur sowie der Zerrissenheit der Bewohner Lieblichs zwischen Bewahren und der Gier nach größerem Wohlstand.

Fenna Williams, die diesen 7. Fall für Pippa Bolle als Auerbach & Auerbach erstmals ohne ihre Co-Autorin Keller geschrieben hat, kennt sich aus im Wispertal und dem Wispertaunus, der Gegend, in der sie die Plapper fließen lässt und Lieblich platziert hat. Die Eigenheiten der Landschaft, abseits liegende ehemalige Mühlen, das Bienenhaus, die alten Schieferstollen, die kleinen Ortschaften, die Leute, etliche von ihnen immer noch tief verbunden mit der Natur, werden in liebevoller Weise geschildert. Vorstellbar, dass es unterschiedliche Ansichten über Bewahren oder Neuorientierung in der Bevölkerung gibt. Nicht vorstellbar ist für mich jedoch, dass im wahren Leben darüber mit so harten Bandagen gekämpft wird wie im fiktiven Lieblich.

Und ist nicht überall ein wenig Lieblich? Auerbach & Auerbach hat/haben mit diesem siebten Fall für Pippa Bolle einen amüsanten und interessanten „Fall“ geschildert – und stellenweise ist er auch richtig spannend dargestellt.

Ein Sahnehäubchen zum Schluss: Im Epilog erfahren wir, was es mit dem „verlorenen Schatz“ auf sich hat. Und das ist nicht nur eine Überraschung, sondern in der Art auch recht makaber, aber so können sie sein, die Lieblichen.

Und was ich auch sehr schätze ist das Cover von Michael Sowa, Illustrator vieler Bücher u.a. von Axel Hacke. Ein Cover, das zum Buch passt, zum Schmunzeln.

— O —

Wenn ich auf meiner nächsten Wanderung in der Nähe von Lieblich, dem Bienenhaus und der Plappermühle vorbeikomme, werde ich nachschauen, ob alles so bleibt wie es war, als Pippa dort zum Wohle der Lieblichen dort ihre Aufgabe erfüllt hat.

— O —

Hier noch ein paar Impressionen aus der Nähe vom Lieblich, damit ihr Euch das vorstellen könnt:

IMG_8312

IMG_8297

 

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen