„Der Lack von früher hat sich davon gemacht“: SIMONE BUCHHOLZ – RIVER CLYDE

Der zehnte Band plus Prequel der Riley-Reihe ist der Deckel auf den Pott der vorhergehenden Romane um und mit der ungewöhnlichen Hamburger Staatsanwältin. Und wie das so ist mit dem Deckel, ohne Topf ist er wertlos.

Heißt: Der vom Verlag als letzter Band der Reihe annoncierte ist ein Abschied von Chastity Riley, die Trennung von ihren Freunden und der Abschied ihrer Freunde von ihr. Außerdem von ihrem verehrten Chef Faller – und der ist tot.

Bedeutet: Es macht wenig Sinn, den Sinn von River Clyde kapieren zu wollen, wenn Chas‘ Geschichte aus den vorherigen Bänden nicht bekannt ist.

Hilft nur eins: Lies, was zuvor passierte, wenn nicht alles, so zumindest das Prequel Schweinheim und die Bände ab Nr.6, Blaue Nacht.

Danach weißt du, warum sich Chas von St.Pauli, den Freunden der Blauen Nacht und ihren Kollegen nach Glasgow absetzt und dort eine Bleibe sucht.

Dann verstehst du, weshalb Klatsche und Carla, Inceman, Stepanovic und Calabretta, jeder auf seine Art, Chas als Freundin, Saufkumpanin, Kollegin, Popp-Partnerin vermissen. Du kapierst, wieso der Tod von Faller ein so herber Verlust für Chastity ist.

Aber: „Der Lack von früher hat sich davon gemacht“.

Es ist nichts mehr, wie es war vor Hotel Cartagena (Band Nr.9)

Also: Chas ist in Glasgow, kann das Haus ihrer Großmutter erben, trifft auf Tom, den ehemaligen Lover der Grandma, zahlreiche Pubs mit jeder Menge schaumloser Pints und Whisky, Geister der Vergangenheit. Stepanovic und Calabretta observieren Hamburger Immobilieninvestmentarschlöcher, die zuvor ganze Straßenzüge abfackeln ließen, oder treffen sich mit den andern aus der alten Garde in der Blauen Nacht.

Endzeitstimmung hier und am River Clyde, macht keinem in der Story so richtig Spaß.

Fazit: Das Vergnügen hat der Riley-kundige Leser.

– – – O – – –

Simone Buchholz: RIVER CLYDE, erschienen bei Suhrkamp (2021)

– – – O – – –

In der Besprechung erwähnte Bände der Riley-Reihe mit Link zur jeweiligen Besprechung:

Prequel: Schweinheim Special Chapter (als Kindle Ausgabe für umme) sowie

Band 6: Blaue Nacht

Band 7: Beton Rouge

Band 8: Mexikoring

Band 9: Hotel Cartagena

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Eine Leiche zum Sonnenaufgang: LOUISE PENNY – BEI SONNENAUFGANG

Nach einer Party bei Clara Morrow, die damit die Eröffnung der Einzelausstellung ihrer Gemälde in Montreals berühmten Musée d’art contemporain in ihrem Haus in Three Pines feierte, wird am Morgen danach eine Frauenleiche im Garten gefunden. Neben den wichtigsten Leuten aus dem kleinen Kaff im Québecer Land, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist, waren viele Teilnehmer der Vernissage beim kostenlosen Essen und Trinken dabei: Künstler, Galeristen, Kunsthändler, Kritiker – darunter wohl auch die Tote, die ehemalige Kunstkritikerin Lillian Dyson, einst berüchtigt für vernichtende Kritiken, übelste Verrisse, wegen denen Maler und Malerinnen an sich und ihrer Kunst zumeist so verzweifelten, dass sie nie wieder Pinsel und Farbe in die Hand nahmen. Auch Clara hatte zu Beginn ihrer Karriere eine fürchterliche Abfuhr von Lillian Dyson erhalten – zu einer Zeit, als die beiden noch engste Freundinnen waren. Clara fand damals einen anderen Weg für ihre Malerei, der jetzt zu diesem unglaublichen Erfolg führte.

Wie üblich, wenn in dieser Gegend ein Mord verübt wird, ist es die Aufgabe von Chief Inspector der Sûreté du Québec, Armand Gamache, und dessen Team, dieses Kapitalverbrechen aufzuklären. Viele der anwesenden Partygäste und auch Clara Morrow, so Gamaches erste Feststellung, könnten ein Motiv für den Mord haben. Einige der Anwesenden der Party, auf der Lillian Dyson aber offenbar gar nicht aufgetaucht ist, könnten durch einen Verriss der Kritikerin irgendwann einmal beleidigt worden sein. Das Zitat aus einer dieser Kritiken ist vielen in der Kunstszene noch in Erinnerung:

Er ist ein Naturtalent. Er bringt Kunst hervor, als wär’s ein Stoffwechselprodukt.“

Immer wieder taucht es auf in den Gesprächen, die Gamache und seine Kollegen führen. Und immer wieder wird gerätselt, wem diese Kritik galt.

Dabei lernt der Chief Inspector die Kunstszene mit ihren Hauptakteueren kennen: Galeristen und Kunsthändler auf der Jagd nach Künstlern, mit denen sie eigenes Ansehen und Reichtum steigern können, immer in der Angst lebend, ein Genie nicht zu erkennen. Künstlerinnen und Künstler, mit gewaltigen Ego und Ehrgeiz. Sie wollen Ruhm, wollen Anerkennung. Das ist ihr Problem, nicht das Talent sondern das Ego. Mittendrin Lillian Dyson als Kritikerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, andere zu vernichten.

Neben dieser Welt der malenden Zunft und ihrer möglichen Profiteure führen die Ermittlungen zu den Anonymen Alkoholiker, deren Mitglied Lilian Dyson seit einiger Zeit war, zu sonderbaren Konstellationen zwischen einzelnen Mitglieder, von denen Gamasche erfährt, wie das Verhältnis von Betroffenen zu ihren Paten ist und wer sich im Kreis der AA aufhält.

So verlagern sich die Recherche-Arbeiten von Three Pines nach Québec und Montreal, wobei auch deutlich wird, dass nur jemand, der den Weg in das kleine Dorf kennt – oder jemanden kennt, der ihn kennt – den Mord verübt haben kann,, außer Dorfbewohnern wir Clara natürlich. Das schränkt jedoch den Täterkreis nicht wesentlich ein, zumal nicht feststeht, was Lillian Dyson in bei der Party wollte.

Und so beschäftigt sich der Chief Inspector mit der Frage, ob aus einem schlechten Menschen wie der Kritikerin ein guter werden kann, oder anders: kann sich ein Mensch ändern? Kann sich jemand, der sich über das Unglück anderer freut, der dieses Unglück sogar selbst herbeigeführt hat, ändern und die Opfer ehrlich um Entschuldigung bitten? Mit dieser schwierigen Frage muss sich das Ermittlerteam beschäftigen.

Zudem muss es in der Vergangenheit graben, nach dem Künstler, der Kunst hervorbrachte, als wär’s ein Stoffwechselprodukt (vulgo: Scheiße), oder dessen Talent mit einem ähnlichen Verriss zerstört wurde.

Letztlich kann Gamache Three Pines zufrieden verlassen. Frieden kehrt in die Abgeschiedenheit der Wälder wieder ein – bis zum nächsten Mord, bei dem der Chief Inspector der Sûreté du Québec erneut auf die alten Bekannten Gabri und Oliver, Clara und Peter, Myrna und die Dichterin Ruth, treffen wird. Kurzzeitig wird die Welt in Three Pines wieder in Ordnung sein, aber der nächste Mord geschieht dort bestimmt!

Louise Pennys Setting mit Three Pines und deren inzwischen von vielen Leserinnen und Lesern liebgewonnenen Bewohnern spielt in diesem siebten Fall für Gamache nur eine untergeordnete Rolle. Die Intrigen in der Kunstszene und die Beziehungen innerhalb der Anonymen Alkoholiker sowie die Frage, ob oder wieweit sich ein Mensch ändern kann, bestimmen den Inhalt. So wird „Bei Sonnenaufgang“ nicht das Lokalkolorit bedient, ein Thema, über das inzwischen ausgiebig in der Reihe der Gamache-Fälle erzählt wurde. Diese Öffnung tut der Serie gut und erhält sie lesenswert.

– – – O – – –

Louise Penny: Bei Sonnenaufgang. Der siebte Fall für Gamache

Übersetzung: Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, erschienen im Kampa Verlag (2021)

Originaltitel: A Trick of the Light (USA, 2011)

– – – O – – –

Bereits auf KrimiLese besprochen:

Das Dorf in den roten Wäldern. Der 1. Fall für Gamache

Lange Schatten. Der 4. Fall für Gamache

Wenn die Blätter sich rot färben. Der 5. Fall für Gamache

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Stephan R. Meier: 44 TAGE – Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war

Ein Thriller, hart an der Realität der 44 Tage von der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977 bis zum Auffinden seiner Leiche am 19. Oktober des Jahres

Mein persönliches Vorwort: Wer die Tage nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer miterlebt hat, wird die Aufregung im Land, die Ohnmacht den Entführern gegenüber und die allgemeine Anspannung überall nicht vergessen. Besonders ein Erlebnis hat sich mir ins Hirn gebrannt:

Feierabendverkehr in Karlsruhe, Mitte September 1977. Ich halte in der rechten Spur vor einer roten Ampel an einer Ausfallstraße nach Ettlingen.

Auf der linken Spur nähert sich ein Konvoi. Zuerst zwei Polizeimotorräder, dann drei schwarze Limousinen, am Ende nochmals zwei Motorräder mit Polizisten. Die Kolonne hält an, gleichzeitig stellen sich die Polizisten über ihre Motorräder, Maschinenpistolen vor der Brust, öffnen sich die Türen von Limousine 1 und 3, schwarz gekleidete Insassen stellen sich an die Türen, ebenfalls mit MP-Uzzis vor der Brust. Ich lege die Hände sichtbar auf das Lenkrad, Blick gerade aus, rühre mich nicht – aus Angst, dass eine Bewegung von mir falsch von den Uzzi-Trägern verstanden werden könnte. Bei Grün springen sie wieder in die Autos, auf ihre Krads. Die kleine Kolonne mit Generalbundesanwalt Rebmann saust los. Ich wische mir den Angstschweiß von der Stirn. Angespannt war die Situation in der Republik und auch bei mir.

Stephan R. Meyer, Sohn des damals amtierenden Leiters des Bundesamtes für Verfassungsschutz, hat die 44 Tage von der Entführung bis zum Auffinden der Leiche Schleyers in einem Thriller dargestellt, in einer fiktiven Story, in der die Namen einiger Personen, die in jenen Tagen agierten, geändert wurden, die involvierter Politiker wie Bundeskanzler Schmidt, Innenminister Maihofer, BND-Chef Herold, Helmut Kohl und Herbert Wehner jedoch nicht. Vieles, was auf Seiten der Politik, von Verfassungsschutz und Polizei geschah, kommt der Realität vermutlich sehr nahe, ebenso die Einschätzung der RAF, besonders ihrer führenden und zu der Zeit in Stammheim einsitzenden Köpfe.

Neben ausführlichen Recherchen bezieht sich Meier in diesem fiktionalen Werk auf das, was er über diesen Zeitraum von seinem Vater erfahren hat. Robert Manthey nennt ihn Meier hier und er ist der Hauptakteur in diesem dramatischen Geschehen.

Unterschiedliche Auffassungen einschließlich Kompetenzgerangel und Machtkämpfe, unerschütterlicher Glauben in die Fähigkeit von Computern bei der Suche nach Wohnungen, in denen Schleyer versteckt sein könnte, sowie Inkompetenz einzelner Stellen, erschweren Vorgehen und Ermittlungen, die möglicherweise dazu geführt hätten, dass die Geschichte anders ausgegangen wäre. „Belege“ dafür liefert der Autor in einem 20-seitigen Nachwort, in dem auch auf die Geschichte und die Taten der RAF noch einmal eingegangen wird.

Weitgehend fiktiv, aber auch vorstellbar sind die Sequenzen über die Helfer, die bei der Entführung für Logistik und Kontakte zu den Medien gesorgt haben, und das internationale Netzwerk, dessen sie sich bedienten.

Zusammengenommen weckt dieser Thriller Erinnerungen an die Zeit der Endphase des harten RAF-Kerns und ihres Terrors. Stellt dar, wie Politik, BND, Verfassungsschutz und Polizei aufgestellt waren, beschreibt die starken Seiten aber auch besonders die damaligen Schwachstellen sowie das Zusammenspiel mit den Medien. Letztlich führte diese Gemengelage zum Tod Hanns Martin Schleyers. Ein hoher Preis, der – so Meyer im Nachwort – dazu geführt hat, „dass es keinen einzigen ehemaligen RAF-Terroristen gibt, der nicht für jede seiner Mahlzeiten, … , für jede Minute Heizung im Winter und für jede Kugel Eis im Sommer auf genau die rechtsstaatliche Hilfe angewiesen ist, die er einst mordend und brandschatzend abschaffen wollte.“

Als „Thriller“ gemarkt, gibt das Buch einen realistischen Einblick in die Lage der Nation in den 44 Tagen. Einer Zeit der Aufregung, Empörung, Ohnmacht und Ängsten.

– – – O – – –

Stephan R. Meier: 44 TAGE – Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war, erschienen 2021 im Penguin Verlag

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MORD IM KLOSTER EBERBACH von Susanne Kronenberg

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Am Vorabend zum Drehbeginn eines Dokudramas im Kloster Eberbach gibt der berühmte Regisseur Ecki Winterstein ein üppiges Buffet für Cast, Crew und einige Freunde. Es herrscht reger Betrieb an diesem Abend im ehemaligen Zisterzienserkloster: Die jährliche Aufführung von „Im Namen der Rose“ zieht viele Besucher zum Originalschauplatz des Drehorts. 1985 mit Sean Connery in der Hauptrolle und vielen männlichen Komparsen aus der Gegend – den Darstellern der Mönche – verfilmt, ist die Vorführung seit Jahren Kult.

Neben Ecki Winterstein und allen, die in den nächsten Tage vor und hinter der Kamera agieren werden, machen sich auch Norma Tann, Privatdetektivin aus dem benachbarten Wiesbaden, und ihr Ex-Schwiegervater als Gäste des Regisseurs auf den Weg in die ehemalige Klosterkirche, um am kultigen Event teilzunehmen.

Doch schon kurz nach Ende der Vorstellung ist es vorbei mit der einzigartigen Atmosphäre, die die Anwesenden zurück ins Mittelalter versetzt. Hilferufe schallen durch die alte Abtei, ein Toter liegt in der Klostergasse, offensichtlich ermordet, Hektik bricht aus.

Gut, dass Norma Tann vor Ort ist. Sie organisiert die Sicherung des Tatortes, veranlasst, dass die Polizei gerufen wird, und informiert ihre alten Spezis von der Mordkommission im Wiesbadener Polizeipräsidium. Und während recherchiert wird, wer der Tote ist und wer der Mörder, interessiert es Ecki Winterstein nur, ob er mit den Dreharbeiten pünktlich beginnen kann, bei denen er gewöhnlich seine Akteure zu Höchstleistungen quält. Gedreht werden soll ein Fernsehfilm über die Ära des Klosters im 19. Jahrhundert, in dem es in Teilen zur ersten psychiatrischen Klinik der Gegend, „Irrenhaus Eberbach“ genannt, umfunktioniert wurde. Grundlage für den Film ist ein Buch von Normas Ex-Schwiegervater.

Nach dem unnatürlichen Todesfall engagiert der oftmals cholerisch auftretende Winterstein die Privatdetektiven unter einem fadenscheinigen Vorwand, vor allem aber aus Angst um sein eigenes Leben. Norma soll für die Sicherheit am Set sorgen. Schaulustige fernhalten, für Ruhe sorgen, Cast und Crew Sicherheit vermitteln, Ängste nehmen, denn man weiß ja nie, was als Nächstes passieren kann. Für die clevere Ex-Polizistin eine gute Gelegenheit, dicht am Tatort und dem möglichen Mörder die ein oder andere Ermittlung schlapphutmäßig durchzuführen.

Dabei erfährt sie so einiges. Über das Zerwürfnis des getöteten Winzers aus der Nähe des Klosters mit seinem Nachbarn. Für die Polizei stehen damit Täter und Motiv fest. Norma, clever wie sie ist, hält aber dennoch Augen und Ohren offen und erkennt, dass sich die Polizei die Angelegenheit zu einfach macht. Damals – 1985, während der Dreharbeiten zum Filmklassiker – verschwand eine junge Frau, Mutter eines Knaben. Sie wurde Tage später völlig verwirrt in der Nähe aufgefunden, mit Brandmalen übersät. Sie ist nie wieder zur Normalität zurückgekommen, hat nie wieder ein Wort gesprochen, endete in einem Pflegeheim, in dem sie vor einigen Monaten starb. Was damals geschah wurde nie aufgeklärt – bis jetzt nicht.

Aber es gibt Personen, die sich erinnern an jene Tage als Sean Connery den William von Baskerville in den Kulissen des Klosters Eberbach spielte. Und diese Personen führen Norma zum Motiv und einem Mörder, der ein echter Gegenspieler von William von Baskerville hätte sein können.

Susanne Kronenberg kehrt mit diesem 9. Fall der „Norma Tann-Reihe“ nach einem Ausflug ihrer sympathischen Privatermittlerin nach Weimar (Tod am Bauhaus) in die Rheingau-Taunus-Region zurück. Nun ist Kloster Eberbach nicht nur legendär als Drehort für „Im Namen der Rose“ sondern berühmt als ehemaliges Zisterzienserkloster, hochgeschätzt als Weingut und der Namensgeber für den Kabinett-Wein und der Sage nach der Bezeichnung „Spätlese“. Neben einem Kriminalroman, der die Arbeit an einem Filmset mit den unterschiedlichen Charakteren von Schauspielerinnen und Schauspielern zeigt – von mimosenhaft über dienstbeflissen bis arrogant und glockelhaft –, der Hektik um die Dreharbeiten, den Druck des Regisseurs auf seine Mitwirkenden und den dabei herrschenden Spannungen erzählt, ist das Besondere die Verknüpfung der Story mit dem Kloster Eberbach und dessen Geschichte. Kleine Schnipsel aus dieser Historie fügt Susanne Kronenberg geschickt und als interessante Information in die Handlung ein, so auch die damaligen „Heilmethoden“ der Anstalt mit dem Hohlen Rad.

Das Hohle Rad, ein Hilfsmittel in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, „den Zerstreuten anhaltend auf sich selbst zurückzurufen, den Vertieften aus seiner Traumwelt in die wirkliche zu ziehen“. Abb. sh. Wikipedia

Es waren und sind nicht nur liebliche, weinselige, magische und fromme Momente, die hier im Kloster erlebt wurden und in der Gegenwart des Romans genossen werden.

Eine gelungene Symbiose von Kriminalfall, der Geschichte des Klosters Eberbach, dem Film „Im Namen der Rose“ und einem neuen Dreh am alten Ort.

– – – O – – –

Susanne Kronenberg: Mord im Kloster Eberbach, Gmeiner Verlag (2021)

Dies ist der neunte Fall der Norma Tann-Reihe

Vorhergehende Fälle, auf KrimiLese besprochen:

Band 5: Totengruft

Band 7: Rosentot

Band 8: Tod am Bauhaus

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Ein schauderhafter Kameradenmord im 19. Jahrhundert unter den Aspekten der historischen Kriminologie – von Manfred Teufel

Mit diesem ausführlichen Titel in der Diktion eines wissenschaftlichen Werkes werden wir eingeladen zu einer „bewegenden Reise in die Kriminologie der Vergangenheit, woraus auch Lehren für heute gezogen werden können“.

Jedoch ist es mehr eine überwiegend wissenschaftliche, anspruchsvolle Ausführung über die Betrachtung eines Kriminalfalles vergangener Zeit unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Aspekte und deren Erarbeitung durch die bei der Aufdeckung des Verbrechens und am Strafprozess Beteiligten. Manfred Teufel, durch Fachpublikationen bekannt, ehemaliger Herausgeber des Taschenbuchs für Kriminalisten, hat mit diesem Buch kein unterhaltsames Werk für den Krimifan geschrieben. Als kriminologischer Laie bedarf es mitunter große Mühe, den Inhalt zu verstehen, um ihn würdigen zu können. Wer aber diesen Aufwand betreiben möchte, dem offenbart sich ein umfassender Einblick den Ablauf von Ermittlungen und einem Strafprozess vor mehr als 150 Jahren. Zum Verständnis dieser komplexen Chronologie beschreibt Teufel zunächst, was unter Kriminologie zu verstehen ist, grenzt diese Wissenschaft vom Begriff der Kriminalistik ab. Damit kann der Leser dann eintauchen in den Fall, einem Mord an einem italienischen Wanderarbeiter.

Aus heutiger Sicht eine Geschichte aus einer anderen Welt – ohne die heutigen Analysenmethoden und Aufklärungsmöglichkeiten.

Eine interessante Lektüre in dessen Zentrum ein realer Kriminalfall steht, der aber vor allem beschreibt, wie langwierig der Weg vom Bekanntwerden eines Verbrechens bis zur Urteilsfindung sein kann.

Für mich mehr ein Seminar über historische Kriminologie, das den Besuch lohnt, als eine bewegende Reise in die Kriminologie der Vergangenheit.

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Manfred Teufel: Ein schauderhafter Kameradenmord im 19. Jahrhundert unter den Aspekten der historischen Kriminologie, erschienen im Verrai Verlag (2020)

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Vergebung hat ihre Grenzen. ATTICA LOCKE: HEAVEN, MY HOME

Zeit der Handlung: 2016, nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA

Ort der Handlung: Marion County (Texas), dessen Verwaltungssitz Jefferson, Lake Caddo mit Hopetown, eine Gemeinde befreiter Sklaven

In abendlicher Dunkelheit ist Levi King verschwunden, Sohn eines Bosses der Arischen Bruderschaft Texas (ABT). Levi wohnt mit Mutter, deren Lover und Schwester in einem Trailerpark im Hopetown, der Vater sitzt seit etlichen Jahren und noch für lange Zeit im Knast. Zoff zwischen den Nachfolgern der befreiten Sklaven, denen das Land gehört, auf dem weißer Mob sich mit Trailern eingerichtet hat, ist an der Tagesordnung. Und die Besatzer erwarten nach der Wahl Trumps noch mehr Rechte und das weitere Aufblühen der ABT.

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In dieser Situation wird der Texas Ranger Darren Mathews nach Hopetown geschickt, vordergründig um das vermisste Kind zu finden. Seinen Vorgesetzten geht es aber mehr darum, dass der Ranger Beweise findet, um der ATB vor Trumps Inauguration zu zerschlagen. Nicht leicht für Darren, der afroamerikanischer Herkunft ist. Zudem hängt noch eine alte Sache an ihm, bekannt aus dem Vorgänger-Band Bluebird, Bluebird, eine Geschichte, bei der er immer noch nicht reingewaschen ist von dem Verdacht zu wissen, wer einen Bruder der ATB umgebracht hat. Und mit seiner Ehe steht es auch nicht zum Besten.

In Hopetown erlebt Darren eine verworrene Situation. Die Mutter fleht ihn an, Levi zu finden,. Ein Großteil der Weißen vor Ort gehen davon aus, dass der Junge tot ist, hat auch schon den vermeintlichen Mörder gefunden: ein Schwarzer namens Page, der den Jungen als Letzter gesehen hat. Der Sheriff vor Ort kommt zu keinem anderen Ergebnis. Könnte ja auch so sein, da der neunjährige Levi den alten Page mehrmals rassistisch beleidigt hat. Als das FBI sich auch noch einmischt und Greg, einen alten Kumpel von Darren, mit der Klärung des Falles beauftragt, gehen die Ermittlungen zur Verärgerung des Rangers ebenfalls in diese Richtung. Dabei verfolgt der der FBI-Mann ganz eigene Interessen: Kann er Page den Mord an Levi nachweisen, einen Hassmord eines Schwarzen an einem weißen Kind, kann das in diesen Zeiten, in denen sich Trump an die Spitze des Staates setzt und das Justizministerium entsprechend umpolt, der Karriere förderlich sein.

Für Darren ist es schwierig, klar zu denken – und Jim Beam hält ihn auch zeitweise davon ab. Eigenartiges Verhalten von Levis Großmutter, der heimlichen Herrscherin in Jefferson, aber auch vom alten Page und dessen Sippe verunsichern ihn. Als sich dann noch der Vater des Vermissten aus dem Gefängnis einschaltet und Darren sprechen will, wird die Geschichte für den Ranger noch verworrener. Alles scheint zusammenzuhängen. Und immer wieder sind es zwei Fälle – den des vermissten Levi und seinen eigenen-, die er lösen muss in einem Gemenge von historischer Entwicklung, Rassismus, Misstrauen, Hass und Verrat. Das schon lang andauernde Gegeneinander von Weiß auf der einen, Schwarz und First Nations auf der anderen Seite – und kein Ende ist in Sicht.

Attica Locke hat diese Verhältnisse aus der Perspektive nach der Trump-Wahl beeindruckend dargestellt. Ein lautes „Weiter so“ dazu von mir in dreierlei Hinsicht:

An Attica Locke gerichtet, dass sie diese Thematik weiter so in ihren Romanen behandeln möge,

an die weißen Trumpianern bis zu der ABT in sarkastischem Ton,

an die Schwarzen, „die versöhnlichsten Menschen der Welt“, wobei wir wissen „Vergebung hat ihre Grenzen“.

– – – O – – –

Attica Locke: Heaven, My Home, übersetzt von Susanna Mende, herausgegeben von Wolfgang Franßen, erschienen im Polar Verlag (2020), Originaltitel: Heaven, My Home (USA, 2019)

– – – O – – –

  1. Band mit Texas Ranger Darren Mathews: Bluebird Bluebird
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Jürgen Heimbach: Vorboten

Ein Krimi, der gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg erzählt, in dem bereits die Vorboten auf die Ära des Nationalsozialismus in Deutschland zu erkennen sind.

Der Lehrersohn Wieland Göth kehrt aus dem 1.Weltkrieg zurück nach Rombelsheim, einem kleinen – fiktiven – Dorf irgendwo in Rheinhessen. Im Dorf herrscht Unverständnis über die Rückkehr, da Göth nie so recht Teil der Dorfgemeinschaft war. Man misstraut ihm, hält ihn für einen Spitzel der französischen Besatzer. Dabei ist der Außenseiter nur zu einem besonderen Zweck zurückgekommen. Er ist wieder da, um einen Mann zu töten.

Die Dörfler haben indes nur ein Ziel: sich von den Besatzern und deren „Negersoldaten“ zu befreien und somit Deutschland wieder erblühen zu lassen. Angeleitet werden sie vom Grafen, einem Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft. In nächtlichen Aktionen und geheimen Treffen werden Vorbereitungen getroffen, während öffentlich der Hass gegen Besatzer und Nicht-Deutsche inklusive der jüdischen Bevölkerung verbreitet wird. So wird ein Russe, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, gesucht, der Wieland Göths Schwester ermordet haben soll. Die Leiche der jungen Frau wurde nicht gefunden, der Russe jedoch zum Mörder gestempelt, auf Plakaten wird eine Belohnung zur Ergreifung des mutmaßlichen Mörders ausgelobt.

In diesem „Mikrokosmos“ von Rombelsheim mit seinen wenigen Hundert Bewohnern ist zu erkennen, worauf sich das Reich nach der Niederlage im Krieg vorbereitet. Nationales Gedankengut wird genährt durch den Hass auf alles Fremdländische, gleich ob alte Kriegsgegner, Juden oder andere. Dazu kommt der Schmach, den Friedensvertrag von Versailles ertragen zu müssen. Hunger und Armut durch Arbeitslosigkeit kommen hinzu. Das alles in der Hoffnung auf die Verbesseung der Lebensverhältnisse. Da trifft es sich gut, dass der Graf den Rombelsheimer Arbeit gibt. Seine Ideen für ein neues freies, nationales Deutschland werden so gern von der Bevölkerung aufgenommen. Dass die Rombelsheimer nur Werkzeug des Grafen sind erkennen sie nicht. Und nach Grafens Wunsch soll Wieland dieses Unternehmen unterstützen. Doch der Heimkehrer hat andere Pläne.

Die Beschreibung des dörflichen Lebens in der Provinz nach dem Krieg, in der das Leben dort nur langsam wieder in Gang kommt, nachdem viele männliche Bewohner gefallen oder schwer verletzt und traumatisiert heimgekehrt sind, vermittelt im Kleinen einen Eindruck, wie es damals der ländlichen Bevölkerung ergangen ist.

Die Sichtweise auf das „Große und Ganze“ wird dagegen vom Grafen und dessen Berater beigesteuert, in der die diversen Interessen unterschiedlicher Gruppierungen und Verbände dargestellt werden, die bereits die Gefahr erkennen lassen, in welche Richtung sich politische und gesellschaftliche Kräfte zunächst aus einem Nationalismus hin zum 3.Reich entwickeln. Die Vorboten der großen Katastrophe die zu Nationalsozialismus Holocaust und 2.Weltkrieg führten. So tritt in diesem als Kriminalroman bezeichnetem Buch der Kriminalfall in den Hintergrund.

Die Entwicklung der Vorboten – wie es zum 2.Weltkrieg kam – ist das eigentliche Thema von Jürgen Heimbachs neuestem Roman. Er behandelt damit ein Thema, was bei vielen meiner Zeitgenossen – der Nachkriegsgeneration – in der Schule nicht oder nur in geringem Umfang behandelt wurde. Ich erinnere mich, dass in meiner Gymnasialzeit in den 60ern zwar mehrmals die griechische und römische Geschichte im Unterricht ausführlich behandelt wurden. Das Geschehen der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts floss in den Geschichtsunterricht meiner Erinnerung nach dagegen nur kurz und oberflächlich ein. Nun ist es ja nicht so, dass bei mir nicht inzwischen das Wissen über jene Zeit gewachsen ist, dennoch ist dieses Buch Anlass, die Lücke zu füllen. Es würde mich freuen, wenn es Jürgen Heimbach gelingt, auch vielen anderen Lesern den Anstoß dazu zu geben.

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Jürgen Heimbach: Vorboten, erschienen im Unions-Verlag (2021), mit einem 10seitigen Nachwort des Autors über die historischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe.

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Weitere Besprechungen von Romane Jürgen Heimbachs, veröffentlicht auf dieser Seite:

Heimbach, Jürgen – Die Rote Hand (2019), ausgezeichnet mit dem Glauser-Preis 2020 als „Bester Kriminalroman des Jahres“

Heimbach, Jürgen – Offene Wunden (2016). Dieser Roman ist der letzte Teil eine Trilogie um den Kommissar Paul Koch im Mainz der Zeit nach dem 2.Weltkrieg. Unter Trümmern und Alte Feinde sind die ersten beiden Bände

Mehr über den Autor und seine Bücher auf https://www.juergen-heimbach.de/

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Henrik Siebold: Inspektor Takeda und die stille Schuld


Schon im Prolog wird offensichtlich: Ein Mensch mordet, nicht Lisa, der neuartige humanoide Roboter im feinen Seniorenheim. Bis aber Claudia Harms von der Hamburger Mordkommission und Inspektor Takeda, Austauschpolizist aus Japan, die Frage nach Täter und Motiv beantworten können, gibt es haufenweise Vermutungen, Unterstellungen und Missverständnisse.

Als die beiden nachts zu einem Brand im der noblen Residenz gerufen werden, bei dem acht Bewohner sterben, muss zunächst geklärt werden, ob es sich um Brandstiftung handelt. Ja, das Feuer wurde gelegt, Zeugen für das nächtliche Ereignis gibt es nicht.

Nachdem es zunächst nach eitel Sonnenschein in der Anlage aussieht, wird den Ermittlern bald klar, dass es etliche Personen im Umfeld der Senioren gibt, die schon darüber nachgedacht haben, zum Brandbeschleuniger zu greifen und die Hütte abzufackeln. Mehr und mehr gerät dabei die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ins Blickfeld und somit auch Lisa, ein japanischer Pflegeroboter, ausgestattet mit einer großen Menge künstlicher Intelligenz, äußerst lernbereit, mit Potenzial, die Pflegekräfte zu entlasten oder gar zu ersetzen. Brandstiftung aus Frust oder mit dem Ziel Lisa zu zerstören, oder kommt Lisa durch bewusste Manipulation oder Fehlsteuerung selbst als Täter infrage? Dabei befindet sich Lisa erst in der Erprobungsphase für den deutschen Markt.

Ein Joint Venture zwischen dem japanischen Hersteller und dessen deutschem Partner ist dabei, den Roboter auf die speziellen deutschen Verhältnisse anzupassen. So zu konditionieren, dass Lisa durch Beobachten der Pflegekräfte mit Hilfe der KI ihre Fähigkeiten selbst verbessern kann. Das alles müssen Harms und Takeda zunächst erkennen und verstehen, ein japanischer Entwickler des Pflegeroboters unterstützt sie dabei. Allerdings bleiben Fragen, wozu der Roboter tatsächlich fähig ist, unbeantwortet.

Als an anderen Orten, an denen ebenfalls eine Lisa arbeitet, ebenfalls Feuer ausbricht und Tote zu beklagen sind, wird die Aufgabe der Ermittler nicht einfacher. Doch schließlich werden Zusammenhänge erkannt, und, wie es sich für einen braven Whodunit gehört, der Fall gelöst.

Neben den sozialen Aspekten – Arbeitsbelastung des Pflegepersonals und teilweiser Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch eine Maschine – sind der Einsatz von Robotern und die Möglichkeiten, sie mit künstlicher Intelligenz auszustatten das zentrale Thema dieses Buches. Sogar der Aspekt, inwieweit ein Roboter soziale Kontakte ersetzen und „menscheln“ kann, wird hier diskutiert. Garniert wird die Story durch eine Beziehungskrise des Ermittlerpaars, das sich in vorhergehenden Bänden der Takeda-Reihe recht nahe gekommen ist (Merke: Liebe am Arbeitsplatz geht meist schief). Der eigentliche Skandal, um den es jedoch geht, wird schließlich überraschend aus der Geschichte hervorgezaubert. Wenn dann noch die Sicht der Japaner auf die deutsche Lebensweise augenzwinkernd vom Japankenner Henrik Siebold einfließt, ergibt dieser Krimi eine nette Unterhaltung mit einem interessanten Touch Science Fiction.

Ob nun Lisa in der Zukunft oder Alexa in der Gegenwart, wir müssen uns auf die KI einstellen, denn

Was gestern Science Fiction war, ist heute Realität.

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Henrik Siebold: Inspektor Takeda und die stille Schuld, Aufbau Verlag (2021)

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Florian Schwiecker/Michael Tsokos: Die 7. Zeugin

Sonntagmorgen beim Bäcker. Ein Radfahrer kommt an. Schlägt einen scheinbar zufällig vor dem Laden stehenden Polizisten nieder, entwendet ihm die Waffe, geht in den Laden, erschießt einen Kunden, zwei weitere schießt er an, wartet, dass der Polizist wieder zu sich kommt, lässt sich ohne Gegenwehr von diesem festnehmen.

Nikloas Nölting, Vater einer kleinen Tochter und unauffälliger Sachgebietsleiter für Stadtentwicklung in Nauen, ist der Mörder, wird ins Gefängnis gebracht.

Die Frau des Mörders bittet den Strafverteidiger Rocco Eberhardt, ihren Mann zu verteidigen.

Gegenüber seinem Verteidiger schweigt Nölting, ebenso vor Gericht. Ein Motiv für die Tat ist nicht ersichtlich, sie erscheint sinnlos. „Der Killer-Beamte“ titelt die Boulevard-Presse.

Erberhardt fragt sich im Stillen: Was ist dein Geheimnis? Warum hast du das getan? Ob du es mir verrätst oder nicht, ich werde es herausbekommen. Und der clevere Rechtsanwalt findet es zusammen mit dem Rechtsmediziner Jarmer heraus. Doch zunächst werden die Zeugen vor Gericht befragt. Der erste, der zweite, bis zum sechsten. Dann tritt die 7. Zeugin auf, deren Aussage Anlass für die Wende im Prozess wird. Aufbauend auf dieser Befragung und dem Ergebnis plädiert Rocco Eberhardt dafür, seinen Klienten zu bestrafen – aber wie? Ein interessantes Urteil wird gefällt.

Das Autorenduo Florian Schwiecker und Michael Tsokos gibt hier nicht nur einen Einblick in die Psyche des Täters sowie möglichen Manipulationen bei der Stadtentwicklung. Viel bedeutender sind die Kenntnisse der beiden über die Strafprozessordnung bei solch einem Kapitalverbrechen, die sie ihren Lesern vermitteln. Dazu gehört als Höhepunkt das, was in der Rechtssprechung als Rechtsfolgelösung bezeichnet wird.

Dieser, als Justiz-Krimi bezeichnete Kriminalroman bietet alles, was das Herz eines Krimifans erfreut: Spannung durch die Suche nach dem Motiv inklusive kleinen Sidesteps ins Milieu von Clankriminalität, die Psychokomponente des Täters sowie den Ablauf des Prozesses mit den Antipoden des aufstrebenden Strafverteidigers auf der einen und dem Karriere geilen Oberstaatsanwalt auf der anderen Seite. Mögen die beiden Letztgenannten bekannte Klischees bedienen, so ist es aus eigener Erfahrung als ehemaliger Schöffe vor einem vergleichbaren Gericht durchaus möglich, auf Charaktere dieser Art zu treffen.

Schwiecker und Tsokos liefern mit Die 7. Zeugin ein interessantes, mehrschichtiges Werk, das den Untertitel Justiz-Krimi zu Recht trägt.

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Florian Schwiecker, Michael Tsokos: Die 7. Zeugin, erschienen 2021 im Knaur Verlag

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Du sollst keinen Rauch in eine Schlangenhöhle blasen. TAYLOR BROWN: MAYBELLINE

50er Jahre, letztes Jahrhundert, Rory Docherty ist aus dem Koreakrieg heimgekehrt. Ein Bein hat er dort gelassen.

Zurück in den Appalachen im Staate N.C. „arbeitet“ er als Runner für einen Bootlegger, liefert schwarzgebrannten Whisky mit seinem dafür flott gemachten 40er Ford vom Berg mit den vielen versteckten Destillen in die Bordelle, Bars, Spelunken und an andere Kunden im Tal. Rory fährt für Eustache, der über ein Imperium illegaler Destillen und deren Betreiber herrscht, wohnt bei seiner Großmutter, einer Ex-Hure und Wunderheilerin.

Ein hartes Leben für den Kriegsveteranen, immer auf der Flucht vor Bundesagenten, ständig im Clinch mit Konkurrenten Eustaches und deren Clans. Sie wollen Rory ans Leder, mit allen Tricks und Mitteln. Gut, dass in Rorys Holzbein eine Pistole versteckt ist.

Er hat genug Probleme: Seine Mutter ist nach einem grausamen Erlebnis in der Klapse, sie spricht nicht mehr seit dem Tag. Verliebt sich im Tal in die Tochter eines seltsamen Predigers. Granny May ist gegen die Beziehung, sie hält nichts von Kirche und Gott, hat aber noch einen anderen Grund, und der rührt von dem Ereignis, das für den Zustand von Rorys Mutter verantwortlich ist. Doch statt sie diesen ihrem Enkel zu offenbaren, sammelt sie Kräuter und Wurzeln, mixt daraus Tees, Salben und andere Wundermittel, verhökert sie heute an die Frauen, deren Männer sie einst im Bett hatte.

Fernab jeglicher Idylle menschlicher Zufriedenheit aber doch in einer scheinbar beschaulichen Landschaft am Fuße des Howl Mountain lebt dieses ungleiche Paar: Granny May, die alles, was dort für sie zu erleben war, erlebt hat. Enkel Rory geprägt vom Einsatz in Korea, mit Holzbein gehandicapt, im Schritt nur noch Fetzen. Auf der Suche nach Anerkennung, Glück und einer Erklärung für das Schicksal seiner Mutter, Rachegedanken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht dazugehören zu den Bürgern in der Stadt, den Holzfällern, den Arbeiterinnen in den Textilfabriken im Tal. Es bleibt der Platz am Howl Mountain, wo Granny den Enkel vor der Wahrheit aus der Vergangenheit schützen will.

Taylor Brown erzählt die Geschichte zunächst mit der Langsamkeit einer brennenden Zündschnur in Slow Motion. Und das ist auch gut so, um das Leben von Granny Maybelline und Rory als Runner mit „abben“ Bein in seinem 40er Ford-Coupé zu verstehen. Die Welt in den Appalachen zu erfühlen, in denen Menschen von regierungsfinanzierten Banden aus ihren Häusern in den Tälern vertrieben wurden, um diese zu fluten. Doch dann beginnt die Flamme die Zündschnur in Echtzeit zu fressen und es knallt dort, wo es nicht zu erwarten ist.

Ein Roman, geprägt von Charakteren wie Rory und Granny May, dem sehr speziellen 40er Ford, von Howl Mountain und dessen Herrscher, den Menschen der Straße, die „End-of-the-Road“ heißt, illegal gebranntem Whisky, Erlebnissen aus dem Koreakrieg und einem Leben, abgekapselt vom Rest der Welt. Große Bandbreite, auf das Ende fokussiert.

Hartes Leben dort, ein Leseerlebnis hier.

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Taylor Brown: Maybelline, übersetzt von Susanna Mende, herausgegeben von Jürgen Ruckh, mit einem Nachwort von Kirsten Reimers. Deutsche Erstausgabe: Polar Verlag (2021). Originaltitel: Gods of Howl Mountain (2018)

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