Simon Beckett: Die ewigen Toten

P1030775Mit den ersten Seiten beginnt mein Spekulieren, wer denn Mörder oder Mörderin ist. Der mit den verstörenden eisblauen Porzellanaugen? Der junge Mann mit Kapuze, der immer irgendwo auftaucht? Oder der schnöselige arrogante junge Taphonom? Vielleicht auch die alte Krankenschwester, die daheim ihren nicht mehr ansprechbaren Sohn pflegt? Oder doch noch eine andere Person aus dem näheren Umfeld des forensischen Anthropologen Dr. David Hunter?

Beim 6. Fall Hunters ist die Spekulation bereits zur Routine geworden. Neu ist das Setting: Das St. Jude im Norden Londons, ein Lost Place, ein vor Jahren geschlossenes Krankenhaus, eine Ruine, in dem nur noch Drogendealer und ihre Kunden verkehren. Kurz bevor der riesige Krankenhauskomplex abgerissen werden soll, wird auf einem düsteren Dachboden eine mumifizierte weibliche Leiche gefunden. Ein gruseliger Fund mit aufgerissener Bauchdecke, darin das Skelett eines Fötus. Bei der Begehung des Auffindeorts bricht ein Rechtsmediziner durch den morschen Fußboden und stürzt in einen zugemauerten Raum, in dem zwei weitere Leichen liegen. Das ist das Ausgangsszenario, in dem Hunter sich bewegt, der allerdings sich nur mit der Mumie und ihrem Fötus beschäftigen darf, während die beiden anderen Toten einem Taphonom zugeteilt werden. Danach erleben wir Hunter wie er sich seiner Arbeit widmet und Erkenntnisse zu Zeitpunkt des Todes und dessen Art gewinnt.

Es ist der Griff in die forensisch-anthropologische Mottenkiste. Altbekanntes was wir aus True Crime Storys von Michael Tsokos oder Mark Benecke kennen und ebenso aus vorhergehenden Romanen mit unserem Helden – auch die spontane menschliche Selbstentzündung, der Dochteffekt (aus dem 2. David-Hunter-Krimi Kalte Asche), wird noch einmal kurz angesprochen -, wird ein weiteres Mal erzählt.

Doch neben diesen populärwissenschaftlichen Strang erlebt Hunter im Umfeld die Dinge, die die Handlung Lösung vorantreiben. Die Suche nach dem Motiv für die Morde und der Mittel, die dabei eingesetzt wurden, führen unseren Helden auf den richtigen Weg. Dabei wird er mit einem dieser Mittel konfrontiert, gerät – wiederum kein Novum in den Thrillern dieser Reihe – in höchste Gefahr.

Dass seine alte Bedrohung Grace ein weiteres Mal auftaucht, sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Aber da ist ja noch Rachel, seine neue Liebe. Letztere sei Hunter gegönnt, muss er sich am Ende noch mit einem Überlebensschuld-Syndrom herumschlagen.

So möchte man Hunter zurufen „Schuster bleib bei Deinen Leisten“ oder im Klartext „Hunter bleib bei deinen Knochen, Gewebe und den Verwesungsprozessen“. Andererseits wäre das dann keinen Thriller von Simon Beckett wert. Das wäre jedoch schade, denn irgendwann wird es auch im 6. Fall für Dr. David Hunter spannend.

Zudem gibt es einen forensischen und medizinischen Erkenntnisgewinn, denn zuvor kannte ich Begriffe wie Taphonomie und Stasis nicht. Danke Dr. Hunter – oder Simon Beckett – für diese Lektionen.

Trotz aller Nörgelei wie „aus der forensisch-anthropologische Mottenkiste“ etc.: Ich habe diesen Thriller gern gelesen.

— O —

Simon Beckett: Die ewigen Toten, erschienen bei Wunderlich, 2019, Übersetzung: Karen Wiihuhn und Sabine Längsfeld, Originaltitel: The Scent of Death ( UK, 2019)

— O—

Die David-Hunter-Reihe:

  1. Die Chemie des Todes

  2. Kalte Asche

  3. Leichenblässe

  4. Verwesung

  5. Totenfang

  6.  Die ewigen Toten

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Jürgen Heimbach: Die Rote Hand

Im II.Weltkrieg war er Soldat, danach ein Dutzend Jahre in der Fremdenlegion, hauptsächlich in Indochina und Algerien. Körperlich zerschunden, den Kopf voller Traumata ist er in Frankfurt gelandet, versucht als Wachmann auf einem alten Tankstellen- und Garagengelände über die Runden zu kommen. Abwechselung bieten ihm Besuche am Wasserhäuschen, an dem er sein Bier trinkt und sich mit geschmuggelten Zigaretten versorgt sowie der monatliche Besuch bei Gilla im Rotlichtviertel der Stadt. Und wenn er nicht Schulden wegen verlorener Pferdewetten bei einem unbarmherzigen Geldverleiher hätte, könnte Arnolt Streich ein passables Leben führen.

Und mit den Schulden beginnt das Malheur.

Ein paar dubiose Franzosen sind ihm auf der Spur, wollen ihn für ihre Zwecke einspannen, gegen Geld, viel Geld. Schnell merkt Streich, dass die Franzmänner über seine Vergangenheit in der Legion Bescheid wissen. Damals hatte er sich neben anderen Heldentaten besonders durch eine besonders barbarische hervorgetan. Damit hat er sich seinen Nickname verdient: Vier-auf -einen-Streich oder wie die Franzosen ihn nennen Quatre-d’un-Coup. Streich soll herausfinden, in welcher der Garagen ein bestimmtes Auto abgestellt ist.

Es ist das Auto eines Waffenhändlers, der in jener Zeit der FLN für deren Unabhängigkeitskrieg Algeriens Waffen und Munition liefert.

Die dubiosen Franzosen erweisen sich als Mitglieder der Roten Hand, einer Organisation des französischen Geheimdienstes, die die Führer der FLN, deren Waffenlieferanten und andere Unterstützer der algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen ausschalten sollte.

Nach einem Hinweis von Streich gelingt es, in einer der Garagen das Auto des Waffenhändlers inklusive Insassen zu zerbomben. Da bei dieser Aktion einige Dinge für die Attentäter schief laufen, wird Streich weiter von ihnen verfolgt.

Was als „Roman“ auf dem Cover bezeichnet wird, entwickelt sich zu einem knallharten Thriller. Dabei gelingt es Jürgen Heimbach die fiktive Geschichte des Arnolt Streichs inklusive des Anschlags auf den Waffenhändler Mühlbauer mit dem realen Agieren von „La main rouge“ in Deutschland in der Zeit von 1956 bis 1960 zu verknüpfen und ebenso den „Zeitgeist“ in der jungen Bundesrepublik zu beschreiben: Während sich die BRD und Frankreich wieder annähern, besteht seitens der BRD kein Interesse den Aktionen der Roten Hand größere Bedeutung beizumessen oder gar öffentlich gegen sie vorzugehen.

Heimbach hat umfangreich recherchiert und die Ergebnisse sorgfältig in die Handlung eingebunden.

Während Ex-Legionär Streich ein bescheidenes, friedliches Leben in seiner verkommenen Umgebung führt und sich in seiner primitiven Unterkunft bei Edith Piafs „Mon légionnaire“ von seinen traumatischen Erlebnissen in der Legion ablenkt, herrscht draußen der Krieg zur Unabhängigkeit Algeriens und der Terror der Roten Hand, in den Streich hineingezogen wird – mit allen Konsequenzen.

Ein Thriller, der laut Klappentext so ist: filmreif ….. Ein film noir, leiser Jazz, dunkle Straßen – und das Bild von Männern in Trenchcoats mit hochgeschlagenem Kragen.

Eine spannende Story und zudem eine Anregung, sich mit der Zeit der Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens und deren Begleitumständen zu beschäftigen.

In einem mehrseitigen Nachwort beschreibt Jürgen Heimbach ausführlich die Fakten zu Fremdenlegion unter der Beteiligung deutscher Legionäre, FLN, Rote Hand sowie der Umgang in der Bundesrepublik mit den Attentaten des französischen Geheimdienstablegers.

— O —

Jürgen Heimbach: Die Rote Hand, erschienen im Weissbooks Verlag, 2019

PHOTO - Buch und Rote Hand

Copyright ©Robin Schmerer

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Bakkeid, Heine: Triff mich im Paradies

p1030768Hier trifft der oft missbrauchte Spruch zu: „Nichts ist so, wie es zunächst scheint“: Der ehemalige Polizist Thorkild Aske, von einer Menge innerer und äußerer Narben gezeichnet, ein Wrack in psychischer Hinsicht, soll auf Vermittlung seines Psychiaters einer Kriminalautorin bei Recherchen unterstützen. Alternativ hätte er sich in einer Klinik mit Kerzenziehen und ähnlichen sinnvollen Kursen zur Regeneration seines Zustandes beschäftigen müssen.

Doch gleich zu Anfang seiner Mission bei der berühmten Autorin Milla Lind, merkt er, dass Kerzenziehen wohl doch die einfachere Variante seines Lebens gewesen wäre. Sein Vorgänger bei der Rechercheunterstützung wurde ermordet, angeblich durch dessen kranke Frau, und so übernimmt der ehemalige Polizist den Job, bei dem nach dem spurlosen Verschwinden zweier Mädchen aus einem Jugendheim recherchiert werden soll. Milla beabsichtigt, die Geschichte als Basis für ihren nächsten Roman zu nehmen.

Aske erkennt , dass nichts so ist, wie es anfangs erschien. Milla Lind spielt in dieser Angelegenheit eine ganz andere Rolle und ebenso Olivia, das eine der verschwundenen Mädchen. In eingeschobenen kleinen Kapiteln erleben wir Olivia und was in der Zeit, in der sie nicht auffindbar ist, ihr und ihrer Freundin passiert. Aske dagegen verbeißt sich mehr und mehr in den Entführungsfall, wird auf eine falsche Fährte gelockt, kommt dem Entführer und dessen Motiv näher. Dabei steigt die Anzahl seiner Narben. Und dabei hat er mehr Glück als andere, die dem Entführer in die Quere kommen. Sie überleben nicht.

Thorkild Aske wird weitermachen. Vermutlich wird er nicht zum Kerzenziehen verdonnert, sondern sich wieder einem mysteriösen Fall widmen, den es zu lösen gilt. Noch gibt es keine Information zum dritten Thriller der auf fünf Bände angelegten Reihe mit Aske, diesem seltsamen Typ, der wegen eines Tötungsdelikts einige Jahre im Knast verbracht hat.

Heine Bakkeid hat einen zunächst verworrenen Fall auf interessante Weise aufgedröselt und zu einem logischen Ende geführt. Auf Triff mich im Paradies kann man sich getrost einlassen.

— O —

Heine Bakkeid: Triff mich im Paradies, 2019 in der Reihe rowohlt POLARIS erschienen, Übersetzung: Ursel Allenstein und Justus Carl

Originaltitel: Møt meg i paradis (Oslo, 2018)

Zweiter Band einer auf fünf Folgen angelegten Reihe um Thorkild Aske, Band 1: Morgen werde ich dich vermissen

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Harry Bingham – FIONA: Unten im Dunkeln

p1030769Mein Date mit Fiona (Lesen des Romans) ist missglückt. Ihr ständiges Geplapper ist mir auf die Nerven gegangen. Hätte ich sie in einer Bar getroffen, wäre ich nach dem ersten Drink vom Barhocker gerutscht und hätte mich aus dem Staub gemacht. In diesem Fall schloss ich nach etwa einstündigem Lesen das Buch und stellte FIONA zurück ins Regal.

Dabei verheißt der Klappentext Interessantes:

Ein erhängter Ingenieur, ein weiterer Toter zwischen den Klippen. Ein neues, ultraschnelles Atlantikkabel. Könnte man Daten davon vor anderen abzweigen, könnte man jede Börse sprengen. Fiona ermittelt, kommt fast zu Tode, wird vom Fall abgezogen, heuert inkognito als Smutje auf einem Trawler an, kann zwar nicht kochen, aber ein ungeheures Verbrechen verhindern.

Das verspricht Spannung und basiert offensichtlich auf einem brisanten Thema, wenn es denn genügend vertieft wird..

Schade, dass Fionas Geplapper so stört. Ich bin dennoch überzeugt, dass Harry Bingham mit diesem Erzählstil viele Leserinnen und Leser begeistern wird. Wie in den KIRKUS REVIEWS zu lesen stand: „Einmalig wird der Roman durch seine Heldin (mein Kommentar: stimmt), eine der faszinierendsten Frauenfiguren in der Literatur der letzten Jahre (mein Kommentar: das ist eine Sache des Geschmacks)“.

— O —

Harry Bingham: Fiona – Unten im Dunkeln, rororo, 2019, Übersetzung: Kristof Kurz

Originaltitel: This Thing of Darkness

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Gary Victor: Im Namen des Katers

p1030765Wer den haitianischen Inspektor Dieuswalwe Azèmar bereits aus einem der drei zuvor erschienenen Kriminalromane kennt, weiß es: Der Inspektor trinkt literweise aromatisierten Zuckerrohrschnaps namens Soro, holt sich ab und zu mal eine Nutte ins Bett, hat es auch mal mit der Frau des Vorgesetzten getrieben. Ständig steht er kurz vor dem Rauswurf aus dem Polizeidienst. Zwar ist er der beste Polizist des Landes, richtet aber auch Gangster, die in dem korrupten Land von jedem korrumpierbaren Richter freigesprochen würden, vorzugsweise durch Kopfschuss. Nachzuweisen sind ihm die Hinrichtungen nicht so recht. Und deshalb überlebt er im Job.  Abgesehen von einigen Nuancen wie den Verhältnissen in Haiti, mit denen Dieuswalwe Azémar leben muss, würde er sich nicht wesentlich von anderen kaputten Cops der Kriminalliteratur-Szene unterscheiden, wenn da nicht seine Nähe zu den Voodoo-Geistern, den bösen wie den Schutzgeistern, Hexern und Voodoopriestern wäre. Das gibt dem Anhänger des Spiritismus ein Alleinstellungsmerkmal und ich folge ihm gern bei der Lösung seiner mysteriösen oder kurios erscheinenden Fälle.

In Im Namen des Katers arbeitet er anfangs an einem Fall, der aus unserer Sicht wohl „typisch haitianisch“ erscheint. Annähernd 30 Freunde des Zuckerrohrschnapses wurden bisher von einem Serienmörder, dem Katzenfressermörder, erledigt. Die Katzenfresser holten sich den letzten Kick, indem sie den Genuss des Kleren – so heißt das Getränk auf Haiti – mit dem Verzehr von Katzenfleisch noch erhöhen, der unbekannte Mörder mag das offenbar nicht. Zudem wird Dieuswalwe von seinem Chef dazu ermutigt, in privater Mission einer älteren Dame deren verschwundenen schwarzen Kater wieder zurück zu bringen. Der Kater scheint ein ganz besonderes Tier zu sein. In ihm soll der Geist und somit die Kraft und die Unverletzbarkeit von Georges stecken, dem toten Bruders der Besitzerin.

Dass der Inspektor einen von einem Hexer im Arm eingenähten Schutzgeist mit sich herumschleppt, komplettiert das Okkulte in diesem Roman, der häufig dominiert wird von tatsächlichen oder vermeintlichen guten und bösen Geistern.

Mehrmals geht es dabei um Dieuswalwe Azèmars Leben, besonders aber, als er an einem Kleren-Wetttrinken teilnehmen muss, bei dem unser Held als Sieger hervorgeht. Allerdings überlebt eine größere Anzahl der Anwesenden den Wettbewerb nicht – und das liegt nicht am Alkohol. Azémar ist mit an dem Massaker beteiligt, aber es ist nicht der erste und einzige blutige Zwischenfall auf seinem Weg zur Wiederbeschaffung des wertvollen Katers, von dem wir lange Zeit nicht wissen, ob es Georges ist, welches Geheimnis das Katzenvieh mit sich herumträgt.

Inspektor Dieuswalwe Azèmar schlägt sich auch dieses mal wieder wacker durch den Sumpf der Korruption und kriminellen Netzwerke in denen neben den Kriminellen jeglicher Coleur Politiker und hohe Polizeibeamte zu unangemessenem Reichtum kommen, von dem auch die kleineren „legalen Banditen“ – Polizisten und Beamte – ihr Stück abbekommen können. Der Inspektor gehört nicht zu Profiteuren dieser korrupten Gesellschaft. Er streicht am Ende den Finderlohn für Kater Georges ein, ganz legal.

Es ist immer wieder erfrischend, die Abenteuer von Gary Victors Helden zu erleben, die in einer uns so fremden Welt spielen, von Victor klar mit dem ganzen Schmutz der Verhältnisse in Politik und Wirtschaft zu Lasten der Bevölkerung dargestellt.

— O —

Gary Victor: Im Namen des Katers, 2019 erschienen bei Litradukt, Übersetzung aus dem Französischen von Peter Trier,

Originaltitel: Wap konn Georges (2018, Haiti)

— O —

Weitere Romane der „Inspektor Dieuswalwe Azèmar-Reihe“:

Schweinezeiten (2009, dt. 2013)

Soro (2011, dt.2015)

Suff und Sühne (2013, dt. 2017)

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Jock Serong: Fischzug

p1030764Wenn du deine Karriere so richtig verkackt hast, weil du als Verteidiger in einem Gerichtsprozess dem Richter deftig ans Bein gepinkelt hast, als Folge davon für ein paar Tage bei Gericht nicht mehr zugelassen bist und dazu einige Nächte in einer Zelle über dein Benehmen nachdenken sollst, dann scheint dein Ende gekommen zu sein.

(Ich entschuldige mich an dieser Stelle für die Ausdrucksweise, aber als Leser empfinde ich die Eingangsszene dieses Kriminalromans so drastisch, dass Worte wirken müssen.)

Es ist Rechtsanwalt Charlie Jardim, der ausgerastet ist und nun auf der Straße steht, zumal seine Beziehung zu einer erfolgreichen Kollegin gerade in die Brüche geht. Aus dieser miesen Situation wird Charlie unverhofft von einem Staatsanwalt befreit, der ihm einen Job als Assistent der Staatsanwaltschaft anbietet. Dazu soll der junge Anwalt vier Autostunden westlich von Melbourne helfen, ein mysteriöses Verbrechen aufzuklären, bei dem ein Fischerboot auf offener See verbrannte und ebenso der Fischer, getötet durch einen Kopfschuss. Zudem bekommt Charlie die Aufgabe zu klären, ob die Aussage des Bruders des Toten den Tatsachen entspricht, die dieser der Polizei gegenüber gemacht hat.

Nun ist die kleine Küstenstadt im australischen Bundesstaat Victoria, in dem die mutmaßlichen Mörder und Zündler und die Familie des Opfers leben, nicht gerade aufgeschlossen gegenüber Fremden wie Charlie. Misstrauen und Verschwiegenheit der Einwohner von Dauphin prägen das Verhältnis zum Anwalt. Nicht verwunderlich, da die Akteure in diesem Verbrechen durch illegalen Handel mit seltenem Meeresgetier und speziellen Kurierdiensten verbandelt sind.

So hat Patrick, der Bruder des Toten, gar kein Interesse, die Wahrheit zu sagen: Sein Leben in Dauphin ist geprägt durch die Abhängigkeit von Kumpanen und deren Dominanz in der Stadt.

Er stand auf, ging ein paar Schritte vom Feuer weg, drehte sich um und pinkelte auf einen Strandhaferbusch“ ist neben einer Szene, in der Charlie verprügelt wird , nahezu die Action-reichste Angelegenheit dieses Kriminalromans, der von der Zähigkeit Charlies Ermittlungsarbeit, dem Misstrauen der Einheimischen und der Angst Patricks, vor den Folgen einer richtigen Aussage geprägt ist.

Bis zu dem Punkt an dem das Verfahren über den Mord beginnt, ist Fischzug ein düsterer Roman, der in einem scheinbar intakten Kleinstadtmilieu spielt, in das trotz großem Bemühens kaum von außen einzudringen ist. Er zeigt die Verwerfungen in einer solchen Gemeinschaft, deren Mitglieder wenig Gemeinsamkeiten haben, deren Zusammenleben zumeist nur durch fatale Abhängigkeiten geprägt ist. Ein Leben ohne Illusionen mit wenig Perspektiven für die wenig Privilegierten. Ein klare Rollenverteilung, an der die Underdogs kein Interesse an Veränderungen haben, vor Angst, dieses Ungleichgewicht zwischen ihnen und den Platzhirschen könnte sich noch mehr zu ihrem Nachteil verschieben.

Wird im folgenden Mordprozess so ein armer Wicht wie Patrick als Zeuge verhört, gerät er zum Spielball taktischer Spielchen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung und vom armen Wicht zum unzuverlässigen Trottel.

Vielleicht wäre es einfacher, eigene Wege zu beschreiten, um mit diesem Scheiß fertig zu werden. Vielleicht können wir irgendwann mal diesen ganzen Quatsch von Meineid und Schwurgericht und so weiter einfach beiseite lassen“, bemerkt Patrick bereits vor Beginn des Prozesses. Und Charlie denkt darüber danach: „Man muß schon (als Staatsanwalt oder Verteidiger) fanatisch an dieses System glauben, um die Argumentation mit soviel Sorgfalt aufzubauen, ohne dem Hochmut u verfallen, den eigenen Argumenten zu glauben.“

Ein Fischzug, der es in sich hat und für Patrick in einer nicht zu erwartenden Weise ausgeht. Groß gegen Klein in der Provinz des australischen Victorias, Hochmut der Justiz und zwischendrin ein Anwalt, der nicht weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist.  Ein Kriminalroman, der nicht einfach weggelegt und vergessen werden kann.

— O —

Jack Serong: Fischzug (Polar Verlag, 2018, Übersetzung: Robert Brack)

Originaltitel: Quota, 2014 (Australien)

— O —

Jock Serong, Anwalt und Autor, lebt mit seiner Familie an der Südwestküste Victorias, dort wo der Krimi geographisch angesiedelt ist.

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Tom Hillenbrand: Bittere Schokolade

20181031_135703In seiner sechsten Ermittlung taucht der luxemburgische Koch Xavier Kieffer wiederum in die skandalträchtigen und kriminellen Machenschaften im Bereich der Beschaffung von Rohstoffen für unsere Nahrung ein. Ob nun für Gourmets exotische Leckerbissen zu Lasten der Natur beschafft werden oder die Lebensmittelindustire billige Ressourcen schaffen und ausbeuten sowie deren Rohstoffpreise manipulieren will, der ehrliche und aufrichtige Koch kommt immer ins Spiel, wenn dabei im Umfeld ein Mord passiert.

Nachdem in Bittere Schokolade zunächst der Botschafter der Republik Kongo bei seinem Antrittsbesuch in Luxemburg stirbt, nachdem er ein feines Stück mitgebrachter Schokolade verzehrt hat, lernen die Leser dieser Reihe endlich Ketti kennen, Xaviers Jugendliebe aus seiner wilden Zeit in Paris. Sowohl an Ketti als auch an die Zeit mit Drogen und Alkohol erinnert er sich ungern. Doch die Neugier und eine Bitte Kettis bringen ihn dazu, sich mit der exquisiten Schokolade der Patisseurin, deren Schokoladenmanufaktur in Belgien und ihren Geschäftsideen und Engagement zum Anbau und Neuzüchtung von Kakaobäumen in afrikanischen Plantagen und der Verarbeitung der Früchte vor Ort zu beschäftigen. Was als Nebensache für Kieffer beginnt, wird schnell zu einer Hauptsache für ihn, als Ketti auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrem ehemaligen Freund erschossen wird.

Von diesem Augenblick wird es turbulent für unseren Freund, der üblicherweise jeder Hektik aus dem Weg zu gehen versucht. Es entwickelt sich ein Geschehen, an denen der Ermittler in unterschiedlichen Aktionen nahezu den Überblick verliert. Einerseits wird eine große Menge Schokolade an sein Restaurant geliefert, von der er zunächst nicht weiß, von wem sie kommt, zu welchem Zweck sie geliefert wurde und was sie wirklich beinhaltet. Zudem findet er mit seinem Freund Vatanen heraus, dass auf der Plantage, auf der sich Ketti engagierte, nicht alles koscher ist. Folglich reist Kieffer unter schwierigen Bedingungen zu der streng bewachten Plantage. Bei einer heimlichen Inspektion wird Kieffers Reisebegleiter erschossen, der Koch entkommt nur knapp dem Kugelhagel der Wächter. Zurück in Luxemburg erlebt er, dass auch dort die Luft in seiner Nähe recht bleihaltig ist.

So findet er heraus, dass mit Schokolade Geschäfte gemacht werden, die Gold wert sind, aber auch mächtige Interessen eines großen Schweizer Schokoladenherstellers dazu führen, Einfluss auf den Kakaomarkt zu nehmen. Das alles neben dem Stress, den Freundin Valerie, der Erbin des Gabin-Verlags. Ihr Unternehmen, dass über Generationen erfolgreich Restaurantführer erstellt, gedruckt und vertrieben hat, erhält massive Konkurrenz durch moderne Formen der Restaurantbewertung im Internet und treibt auf die Insolvenz zu.

Doch schließlich wird alles gut und Xavier Kieffer kann sich der Hektik entziehen und wieder für seine Freunde und Gäste luxemburger Hausmannskost kochen und die ein oder andere Flasche Wein öffnen, etliche davon mit seinem Freund Vatanen genießen. Auch der Stress mit Valerie scheint beendet zu sein und der Gabin gerettet. Was will man mehr als Leser?

Tom Hillenbrand hat mit Bittere Schokolade wiederum einen „kulinarischen Krimi“ geschrieben, der sich mit den Auswüchsen dessen beschäftigt, was im Vorfeld unserer Nahrungsaufnahme an Machenschaften und knallhart durchgesetzten Geschäftsinteressen von Einzelnen aber insbesondere den riesigen Lebensmittelkonzernen geschieht. Es ist oftmals bei Hillenbrand nicht auseinander zu halten, was Fiktion ist und was bereits in der Realität am Rande der Legalität und im kriminellen Bereich geschieht. Zu fließend sind in diesem Geschäft die Grenzen. Die Fiktion von heute kann zudem morgen Realität sein. Tom Hillenbrands Fantasie beschreibt schon heute, was wir noch gar nicht auf unseren Tellern erkennen oder erahnen. Das ist einerseits ernüchternd, anderseits faszinierend zu lesen.

— o —

Tom Hillenbrand: Bittere Schokolade, 2018 erschienen im Kiepenheuer & Witsch

— o —

Die anderen Fälle, in denen Xavier Kieffer ermittelt:

Teufelsfrucht (2011)

Rotes Gold (2012)

Letzte Ernte (2013)

Tödliche Oliven (2014)Tödliche Oliven (2014)

Gefährliche Empfehlungen (2017)

Tom Hillenbrands dystopische Romane:

Drohnenland (2014)

Hologrammatica (2018)

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