Simon Beckett: Die Verlorenen

Mit Jonah Colley von der Londoner Polizei startet Simon Beckett eine neue Thriller-Reihe, nachdem die Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter nach einigen außergewöhnlichen Bänden wie „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ doch immer flacher und vorhersehbarer wurde.

Um es vorweg zu sagen: Simon Beckett kann wieder Thriller.

Der erste Band der neuen Reihe mit dem Mitglied einer bewaffneten Spezialeinheit verfügt über die spannenden Elemente, die wir von den ersten Hunter-Thrillern kennen. Colley ist ein geschundener Charakter, nachdem er seinen Sohn Theo zehn Jahre zuvor verloren hat. Es war Colleys Schuld, dass der Junge vom Spielplatz verschwand. Die Gewissheit, dass sein Sohn um Leben gekommen ist, war einerseits da, andererseits suchte der Vater stets nach dem Mann, der offensichtlich zur gleichen Zeit wie Theo den Spielplatz verließ. Ehe kaputt, Kontakt mit dem besten Freund Gavin abgebrochen, Ablenkung suchend im neuen Job in der Spezialeinheit – das ist die Situation, in der sich Jonah Colley befindet, als Gavin nach dieser langen Zeit Kontakt zu ihm sucht, ihm bei einem Treffen Neuigkeiten nachts an einem verlassenen Kai einer herunter gekommenden Hafengegend mitteilen will.

Dort eingetroffen, findet Colley mehrere Leichen vor, darunter seinen ehemaligen Freund. Er selbst wird übel zugerichtet, allerdings gerettet, da er noch einen Notruf absetzen kann.

Damit beginnt im Thriller ein Spannungsbogen, der geprägt ist vom Chaos, in das Colley gerät. Er wird von Kollegen verhört, gerät in Verdacht, den ehemaligen Freund ermordet zu haben, wird gar verhaftet. Parallel dazu taucht der Mann vom Spielplatz wieder auf, von dem Colley annimmt, dass er für das Verschwinden Theos verantwortlich ist. Und offensichtlich besteht zwischen Gavin und dem Mann eine Verbindung. Richtig turbulent wird die Story, als sich herausstellt, dass Gavin wohl keine reine Weste hat, gar suspendiert wurde.

Colley muss ein weiteres Mal leiden, doch dabei wird klar, was für ein übles Spiel mit ihm getrieben wird. Zum Schluss kauft er sich einen alten Schrottkahn, den er wieder flott machen will und als Behausung umbauen möchte. Von dort wird er dann vermutlich im nächsten Jahr zu einem neuen Thriller der nach ihm benannten neuen Reihe aufbrechen.

Fazit: Spannend mit einigen überraschenden Wendungen und falschen Fährten, aber am Ende doch so wie in der Hunter-Reihe: Das Böse befindet sich im Umfeld des Protagonisten – wobei in dieser Besprechung die Umgebung Colleys nur teilweise angesprochen wird.

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Simon Beckett: Die Verlorenen, übersetzt von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld, erschienen bei Wunderlich (2021)

Originaltitel: The Lost (GB, 2021)

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Eine weitere Sinfonie in Farben und Düften: JEAN-LUC BANNALEC: BRETONISCHE IDYLLE

Zum zehnten Mal brilliert in Bannalecs Bretagne-Krimis die westfranzösische Region mit Hunderten von Farben und deren Nuancen sowie nahezu ebensoviel Düften – in diesem Fall auf der Belle-Île, die laut Inspector Riwal so vielfältig wie ein ganzer Kontinent ist. Der Inselbewohner und Schäfer Patric Provost ist auf dem Festland ermordet worden und so fahren der unter Thalassophobie leidende Kommissar Dupin und sein Team per Schnellboot auf die Insel, um nach Motiv und Mörder des Geizkragens und Kotzbrockens zu suchen.

Während Riwal mit seiner unerschöpflichen bretonischen Erzählkunst die Geschichte der Inselbewohner, die Topographie der Insel und alles, was sie ausstrahlt, seinen Chef nervt, kommt heraus, dass der Tote mit jedem, der mit ihm zu tun hatte Streit hatte oder zumindest in Unfrieden mit ihm gelebt hat.

Keiner wäre zu Lebzeiten Provots betrübt gewesen, wenn dieser Unsympath, von dem so viele abhängig waren, ins Gras gebissen hätte, ein echten Motiv für den Mord fehlt dennoch. Zudem haben alle, die ansatzweise ein Motiv hätten, ein Alibi. Auch ist es für Dupin und Team nicht einfach, sich durch das Beziehungsgeflecht der Inselbewohner, die zumeist in gleichen Vereinen Mitglied sind, aus verschwägerten Familien stammen und auch sonst miteinander verbandelt erscheinen, hindurch zu wuseln.

Letztlich gelingt es dem pfiffigen Kommissar zu erkennen, was gespielt wurde und zum Tod des verhassten Schäfers führte.

So kommen Dupin mit seinen Ermittlern rechtzeitig zur großen Jubiläumsfeier zum Zehnjährigen Dupins in der Bretagne. Eine Abend in Saus und Braus, hauptsächlich von der cleveren Assistentin Nolwenn organisiert, wobei mit „Saus und Braus“ das ausschweifende Essen und Trinken gemeint ist, das in der umfangreichen Menüfolge präzise dokumentiert wird.

Nun denn: Abgesehen von einem spannenden Krimi wird hier ein weiteres Mal kräftig Werbung für einen Teil der Bretagne gemacht, für die Belle-Île. Dabei wird nicht nur die Schönheit der Insel angesprochen, sondern auch deren wechselhafte Geschichte und die ihrer Bewohner. Eine Geschichte, die bewirkt, dass sich die alteingesessenen Acadiens noch immer zusammen stehen.Neben den in dieser Dupin-Reihe üblichen, teils ironischen Anspielungen auf das alles überragende Bretonische und die keltische Vergangenheit enthält der „Regionalpart“ dieses Krimis somit interessante, lesenswerte Passagen.

Zu vermuten ist, dass zur Hauptsaison die Übernachtungsmöglichkeiten der schönen Insel noch schneller ausgeschöpft sein werden. Aber dafür werden die Acadiens auch eine Lösung finden. Platz für ein paar großzügige Hotelanlagen ist vorhanden. Es lebe die Idylle der Belle-Île.

– – – O – – –

Jean-Luc Bannalec: BRETONISCHE IDYLLE – Kommissar Dupins zehnter Fall, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (2021)

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LOUISE PENNY: UNTER DEM AHORN – Der achte Fall für Gamache

Tief in den Wäldern der kanadischen Provinz Québec liegt das Kloster des Mönchsordens der Gilbertiner. Ein Orden, der bis vor Kurzem als nicht mehr existierend galt. Heimlich hatten sich deren Mönche vor Hunderten von Jahren der Inquisition entzogen, waren als Auswanderer nach Kanada gekommen und sich dort versteckt angesiedelt. Aufmerksam wurde die Welt erst wieder auf sie, als auf einer CD herrlich – sozusagen göttlich – gesungene alte gregorianische Choräle von ihnen auftauchten. Nun wird der Leiter der Mordkommission der Súreté du Québec, Armand Gamache, in das Kloster gerufen, denn dort wurde der Prior und höchst angesehene Chorleiter ermordet unter einem Ahornbaum im Garten des Abts aufgefunden.

Eine typische Looked-Room-Situation. Dennoch gestalten sich die Ermittlungen für Gamache und seinen mitgereisten Inspector Beauvoir als schwierig, denn die Mönche sind an ein Schweigegelübte gebunden und zunächst nicht gerade redselig. Außerdem ist das Verhältnis der Mönche nicht so harmonisch wie ihr Gesang der Choräle. Es gibt zwei Lager: das des Abts und die Anhänger des ermordeten Chorleiters. Das erkennen Gamache und Beauvoir recht schnell, während sie sich dem Tagesablauf und den Regeln des Klosters anpassen. Dass der Mord in irgendeiner Form mit den Chorälen zusammenhängt, merken die Ermittler ebenso. Zahlreiche Gespräche mit den Mönchen und ihrem Abt folgen. Es geht dabei nicht nur um den Mord, sondern auch um Glauben, Moral, Ethik, die Schönheit der gregorianischen Choräle und den herrlichen Stimmen ihrer Sänger, die Geschichte der Gilbertiner und vieles mehr.

Das alles – wie es sich im Kloster gehört – ohne Hektik, zudem ohne besondere Spannung– wie es sich für einen Krimi nicht üblich ist. Mit einem Wort: Beim Lesen stellt sich Langweile ein.

Durch einen Kniff versucht Louise Penny, den für Krimileser üblen Makel abzuwenden: Superintendent Sylvain Francoeur, Gamaches Vorgesetzter erscheint im Kloster. Beide verbindet, dass sie sich nicht leiden können. Zunächst rätselt Gamache, was sein Vorgesetzter mit dem Besuch beabsichtigt. Doch Francoeur will es gar nicht verheimlichen. Er sucht nach Mitteln und Wegen, Gamache aus der Truppe zu werfen, versucht sich dabei Beauvoir zu bedienen, indem er einen alten Fall (Heimliche Fährten) wieder aufrollt, der fürchterlich schief gegangen ist, bei dem vier Agents von Terroristen erschossen und Beauvoir selbst schwer verletzt wurde. Die Leitung der Aktion hatte Gamache. Mit dem üblen, intriganten Spiel Francoeurs kommt die Action und Spannung auf, die in dem roten Faden der Mordermittlungen vermisst wird. Als dann auch noch ein Gesandter aus dem Vatikan auftaucht, gerät die Suche nach dem Mörder des Chorleiters fast gänzlich aus dem Focus des Lesers. Aber wie es so ist, letztlich fügt sich einiges zusammen, Francoeur und sein Part bleibt allerdings ein Fremdkörper in dieser Story, wenn man davon absieht, dass sein Verhalten dazu führt, dass Beauvoir sich offiziell als Liebhaber von Gamaches Tochter outet, aber hinter dieses, für das Pärchen und auch für Gamache erfreuliche Verhältnis, war der clevere Chief Inspector sowieso schon gekommen.

Schließlich wird der Mörder identifiziert, wobei es für aufmerksam Lesende keine Überraschung bedeutet. Und wenn keine weiteren Mönche gestorben sind oder sie stimmlich geeignete Nachfolger finden, werde sie weiter mit dem Segen der katholischen Kirche ihre gregorianischen Choräle im Kloster tief in den Wäldern der Provinz Quebec singen können. Die Inquisition ist für die Gilbertiner Geschichte.

Stimmig ist der Gesang der Mönche, die Story ist es nicht. Sollen es die Zerwürfnisse in unterschiedlichen Organisationen – Kloster, Polizei – sein, in denen üblicherweise Loyalität ein hohes Gut ist, die hier gegenübergestellt werden. Es ist nicht meine Intention, über Interpretationsmöglichkeiten zu spekulieren. Mit Louise Penny verbinde ich Three Pines, ihre Bewohner mit den unterschiedlichen Charakteren, deren Schrulligkeit, dem kleinen Hickhack und Eifersüchteleien untereinander, sowie einen Gamache, der mit Intellekt und Empathie ein Teil davon ist.

Möge Louise Penny zu einem derartigen Setting zurückkehren, dann werde ich ihr gern weiter folgen.

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Louise Penny: Unter dem Ahorn, DER ACHTE FALL FÜR GAMACHE

Übersetzung: Sepp Leeb, erschienen im Kampa Verlag

Originaltitel: The Beautiful Mystery (USA, 2012)

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Eine weitere Meinung von Maike Claußnitzer zum Buch auf dem Blog Ardeija: hier

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James von Leyden: Die Vermissten von Tanger

Vorwort: Dies ist eine stellenweise arg konstruierte Story, jedoch ist sie es wert, erzählt und vor allem auch gelesen zu werden. Denn sie handelt von Flüchtlingen aus Ländern südlich der Sahara, die in Marokko versuchen, nach Europa zu gelangen. Mit dieser Geschichte ist das Verhalten der EU verknüpft, die afrikanische Anrainerstaaten des Mittelmeers mit Geld „unterstützen“, um den Strom der Subsahara-Afrikaner nach Europa zu stoppen. Aus den Medien kennen wir die Ereignisse am Grenzzaun bei Ceuta von der spanischen Seite. Darüber hinaus gibt es andere Methoden, afrikanische Migranten von Europa fernzuhalten. Eine besonders verachtenswerte, perfide Praktik stellt die Basis zu diesem Krimi dar.

Die Story: Bei der Ermittlung gegen chinesische Schmuggler gefälschter Medikamente verschwindet der Sonderermittler Abdou im Containerhafen von Tanger. Sein Kollege, Karim Belkacem, macht sich auf die Suche nach seinem Freund, kommt dabei auf seltsame Vorgänge mit Kriminellen und Polizisten vor Ort, bei denen Karim nicht sicher ist, ob sie mehr den Kriminellen dienen als dem Gesetz. Hilfe bekommt er von einem zwielichtigen Alten, von dem er auch nicht weiß, ob der nicht nur ihm, sondern auch anderen als Informant dient. Und letztlich kommt ihm auch noch seine Adoptivschwesterschwester zu Hilfe, die sich auf einer Polizeiakademie in der Ausbildung befindet. Auf der anderen Seite lernt Karim Josef kennen, einen Flüchtenden aus der Subsaharazone, dessen Ziel Europa ist.

Karim erlebt die marokkanische Seite des Grenzzauns zu Ceuta mit einer Aktion der marokkanischen Polizei, gemäß den Abmachungen mit der EU, die Flucht über den Zaun zu stoppen. Es sind grausame Bilder, die sich beim Lesen im Hirn des Lesers festsetzen, genau wie die Bilder, auf die zunächst Abdou bei seinen Ermittlungen gestoßen ist und dann auch Karim erleben muss.

Ein marokkanisches Sprichwort, beschreibt das Bemühen Karims trefflich, das Verschwinden seines Kollegen zu klären: „Suche nie nach Dattel auf einem Olivenbaum“. Bis allerdings die Oliven gefunden und Karim die „Ernte“ einfahren kann, dauert es.

Zurück bleibt eine nahezu unglaubliche Geschichte, die alles überbietet, was wir bisher vom Leid derjenigen kennen, die ihr Heil in der Flucht und in Europa suchen. Nimmt man den Inhalt als Fakten, so ist es James von Leyden gelungen, ein bedrückendes Bild von den Versuchen zu zeigen, die Flucht über das Mittelmeer zu verhindern.

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James von Leyden: Die Vermissten von Tanger. Erschienen bei Heyne (2021), übersetzt von Jens Plassmann

Originaltitel: Last Boat from Tangier (GB, 2020)

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Vom Leben und Schlafen eines Todesbeschleunigers. TAHAR BEN JELLOUN: SCHLAFLOS

Schlaflos ist ein origineller Roman – und da in ihm gemordet wird, ist er vom Verlag als Kriminalroman ausgelobt worden. Das ist auch gut so. Krimifans finden hier etwas Neues und können sich mit der Frage beschäftigen, ob man mit gutem Gewissen töten kann. Denn das gelingt dem Killer, der sich nicht als solcher sondern als „Todesbeschleuniger“ sieht.

Wer ist der Todesbeschleuniger? Ein Drehbuchautor, der hier überwiegend in Marokko agiert und ein großes Problem hat: Schlaflosigkeit. Nur wenn er jemanden getötet hat, kann er einige Zeit gut schlafen. Er erkennt dieses Phänomen, nachdem er seine todkranke Mutter mit einem Kissen erstickt hat. Aber es dauert nicht lange und die Schlaflosigkeit ist zurück.

Da hilft nur eins: weiter „Schlafkreditpunkte“ sammeln, indem er zunächst das Ableben kranker Zeitgenossen beschleunigt. Dabei kann die Phase guten Schlafes nach einem Gnadenakt verlängert werden, je böser und oder krimineller das Opfer ist. So kommt es, dass sich der Protagonist spezialisiert, auf einen Henker, auf einen reichen Banker, der sein Vermögen auf brutale Weise erworben hat, und andere üble Gestalten.

Damit wird der Todesbeschleuniger auf der Suche nach Schlaf jemand, der Böses in Marokko auslöscht. Eine Moral ohne Moral.

Ob Tahar Ben Jelloun ein Zeichen setzen will, indem Schlaflos durch das Töten von Bösewichten eine politische Wende nimmt – wie Estelle Surbranche es im Nachwort formuliert -, kann jeder Leser für sich entscheiden. Klar ist jedoch, dass das Buch vor schwarzen Humor strotzt und eine Geschichte erzählt, die neu für mich ist und auch für die meisten Leser sein wird.

Eine gelungene Abwechselung zu den Standardschemata üblicher Kriminalliteratur und daher eine erfrischende Lektüre, lesenswert.

– – – O – – –

Tahar Ben Jelloun: Schlaflos, erschienen im Polar Verlag (2021), übersetzt von Christiane Kaiser, herausgegeben von Wolfgang Franßen

Originaltitel: L’insomniaque (Frankreich, 2019)

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Heißes Pflaster Berlin: JOHANNES GROSCHUPF – BERLIN HEAT

Eigentlich ist Tom ein Multitalent: Vermietet Wohnungen an Touris in Berlin, liefert bei Bedarf auch Gras, Koks, Speed und Zauberpilze. Nur beim Wetten läuft’s nicht so und er hat einen Haufen Schulden beim Chef des Hauses.
Und dann war auch noch Corona, aber das ist jetzt vorbei, fünf Wochen vor der Bundestagswahl. Steigende Chancen, mal wieder an Touristen zu verdienen. Aber egal ob Corona oder nicht, es geht um „Kreditrückführung“ und ein Dilemma, das aus der Forderung danach entsteht. Da kommt die Nachfrage von zwei zwielichtigen Typen nach einer ruhigen Wohnung gerade richtig.

Und wie die Typen so auftreten, ergibt sich eine skurrile Story draus, die Tom zwischen Geldeintreibern, Entführern und Marla, mit der er es zwischendurch mal in der Kabine eines Baukrans treibt, durchlebt. Dann ist da auch noch Toms Vater, ein Mann mit Stasivergangenheit – oder nicht? – und einer alten Wumme, griffbereit.

Ganz so einfach, wie Leser anfangs vermuten können, läuft die Geschichte nicht ab. Sie entwickelt sich dynamisch, aber mit unverhofften Wendungen mit viel Milieu und Meinungen aus der beschriebenen Szene. Oft in strotzenden Klischees erzählt, aber das kommt hier an, weil es die Denke von Tom und den anderen Agierenden sowohl karikiert, als auch immer wieder ein Stück Realität in speziellen Ecken der Gesellschaft zeigt. Ein Widerspruch, den Johannes Groschupf so aufdröselt, dass er zeitweise zum Schmunzeln anregt.

So endet es nach derben Szenen, die Tom letztlich zwingen, vom E39 aufs Fahrrad umzusteigen. Ein Thriller, angenehm abseits von der Mehrzahl dessen, was in diesem Genre angeboten wird, in frisch-frechem Style.

– – – O – – –

Johannes Groschupf: Berlin Heat

Herausgegeben von Thomas Wörtche, erschienen im Suhrkamp Verlag (20121)

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Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Zunächst hatte dieser Fall nichtssagend (auf Maigret) gewirkt. Ein Mann, allem Anschein nach ein braver Kleinbürger, war in einem Hotelzimmer von einem Unbekannten getötet worden. Aber jede neu hinzukommende Information machte die Angelegenheit komplizierter, statt sie zu vereinfachen.

Eine lästige Pflicht für Maigret. Kollegen sind im Urlaub oder mit anderen wichtigen Aufgaben betraut. So bleibt es am dienstältesten Kommissar, der Maigret am Quai des Orfèvres zu diesem Zeitpunkt unglücklicherweise ist, hängen, sich an einem heißen Sommertag nach Saint-Fargeau aufzumachen, um Madame Gallet über den unnatürlichen Tod ihres werten Gatten in einem Hotel in Sancerre an der Loire zu informieren. Total verschwitzt nach einer Bummelzug-Fahrt und einem beschwerlichen Fußmarsch vom Bahnhof zur entfernt liegenden Villa der Gallets kommt er dort an, überbringt der Dame des Hauses die schreckliche Nachricht. Doch Madame Gallet ist nicht sonderlich gerührt, wähnt sie ihren Mann doch in Rouen, wo er seinen Geschäften als Handelsvertreter nachgehen wollte. Zudem hat sie ein Postkarte ihm aus Rouen erhalten, abgeschickt an dem Tag, als der Mord in Sancerre passiert ist.

Ein mysteriöser Fall für Maigret, der bald erkennt, dass Monsieur Gallet ein Doppelleben geführt hat. Zwar wird schnell bekannt, was der Tote während der letzten Jahre in Wirklichkeit getrieben hat, doch das Motiv bleibt dem Kommissar lange Zeit verborgen und somit auch der Mörder.

Aber wer Maigret kennt, weiß, dass dem Kommissar nichts verborgen bleibt. Nach einigen körperlich anstrengenden Klettereien und der genauen Untersuchung des Schusswinkels gelangt Maigret zum Tatort und schließlich zum Täter.

Dieser „Maigret“ ist der erste Band der Reihe, der veröffentlicht wurde, nicht aber der erste von Simenon geschriebene. So erklären sich die unterschiedliche Reihenfolge in Listen zu Simenons 75 Maigret-Romanen und 28 Maigret-Erzählungen. Da jedoch eine strikte chronologische Reihenfolge der „Maigrets“ beim Schreiben nicht erfolgte, ist es müßig über die „richtige“ Reihenfolge zu debattieren. Ich beziehe mich bei den Besprechungen zu den Maigrets auf die Reihenfolge, wie sie in den Ausgaben des Kampa Verlags als Hardcover-Ausgaben und des Hoffmann & Campe Verlags in der Reihe „Atlantik Taschenbuch“ eingeführt wurde. Nach dieser Reihenfolge ist der vorliegende Band die Nr.2 – nach Nr.0 (Maigret im Haus der Unruhe) und Nr.1 (Maigret und Pietr der Lette).

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Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet, erschienen als Maigret – Der zweite Fall im Kampa Verlag, erschienen 2021, Übersetzung von Klausjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Mandlung

Originaltitel: Mousieur Gellet, décédé (1931)

Frühere deutsche Ausgaben sind bei Kiepenheuer & Witsch (1961) und Diogenes (1981) erschienen

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Bisher auf KrimiLese vorgestellte „Maigrets“:

Band 1: Simenon, Georges – Maigret und Pietr der Lette (Frankreich 1931, dt. Erstveröffentlichung 1935, hier: Ausgabe des Kampa Verlags, 2019)

Band 6: Simenon, Georges – Maigret und der gelbe Hund (Frankreich 1931, dt. Erstveröffentlichung 1934, hier: Ausgabe Ausgabe des Kampa Verlags, 2019)

Band 21: Simenon, Georges – Maigret im Haus des Richters (Frankreich 1942, dt. Erstveröffentlichung 1984, hier: Ausgabe der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, 2019)

Band 35: Simenon, Georges – Maigrets Memoiren (Frankreich 1951, dt. Erstveröffentlichung 1963, hier: Ausgabe der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, 2019)

Band 103: Simenon. Georges – Weihnachten bei den Maigrets (Frankreich 1951, dt. Erstveröffentlichung 1962, hier: Ausgabe des Kampa Verlags, 2018)

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Claas Buschmann: Wenn die Toten sprechen

Wenn Michael Tsokos seinem ehemaligen Schüler attestiert „Perfekte Mischung aus Unterhaltung und rechtsmedizinischer Realität – Großartiges Debüt, absolut lesenswert“, braucht eigentlich nichts mehr über Buch und Autor gesagt werden – oder doch?

Claas Buschmann hat in der Rechtsmedizin der Berliner Charité unter Michael Tsokos gearbeitet. Nun schreibt er wie sein Lehrmeister aus reichhaltigem Erfahrungsschatz seiner Arbeit, die – wir wir bereits von Tsokos wissen – sich nicht nur auf das Sezieren von Leichen beschränkt.

Wie Tsokos mit seinen True-Crime- Bänden „Schwimmen Tote immer oben?“ sowie „Sind Tote immer leichenblass?“ ?

Nicht ganz. Zum Unterschied seines Meisters erlaubt Claas Buschmann mehr Einblicke in sein Leben, seine Erfahrungen aus der Zeit als Rettungssanitäter, in das „Drumherum“ um die Leiche aus der persönlichen Sicht des Autors. Dabei erzählt Buschmann von Tatorten, Auffindesituationen und dem Umfeld von Opfer und Täter. Zudem von Erkenntnissen, die daraus gewonnen werden und die Zusammenarbeit mit den Ermittlern der Polizei und anderen Beteiligten. Das geschieht auf eine unterhaltsame Art. Über unspektakuläre, dennoch interessante Fälle wird ebenso unspektakulär berichtet und reflektiert ohne Versuche, die Erlebnisse reißerisch zu vermarkten. Und damit ergeben sich doch wieder Gemeinsamkeiten mit Michael Tsokos.

Durch die verschiedenen Blickwinkel der beiden Kollegen ist dieses Debüt jedoch als eigenständig zu bezeichnen und bereichert die True-Crime-Literatur aus der Sicht von Rechtsmedizinern.

– – – O – – –

Claas Buschmann: Wenn die Toten sprechen, Ullstein Taschenbuch (2021)

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„Der Lack von früher hat sich davon gemacht“: SIMONE BUCHHOLZ – RIVER CLYDE

Der zehnte Band plus Prequel der Riley-Reihe ist der Deckel auf den Pott der vorhergehenden Romane um und mit der ungewöhnlichen Hamburger Staatsanwältin. Und wie das so ist mit dem Deckel, ohne Topf ist er wertlos.

Heißt: Der vom Verlag als letzter Band der Reihe annoncierte ist ein Abschied von Chastity Riley, die Trennung von ihren Freunden und der Abschied ihrer Freunde von ihr. Außerdem von ihrem verehrten Chef Faller – und der ist tot.

Bedeutet: Es macht wenig Sinn, den Sinn von River Clyde kapieren zu wollen, wenn Chas‘ Geschichte aus den vorherigen Bänden nicht bekannt ist.

Hilft nur eins: Lies, was zuvor passierte, wenn nicht alles, so zumindest das Prequel Schweinheim und die Bände ab Nr.6, Blaue Nacht.

Danach weißt du, warum sich Chas von St.Pauli, den Freunden der Blauen Nacht und ihren Kollegen nach Glasgow absetzt und dort eine Bleibe sucht.

Dann verstehst du, weshalb Klatsche und Carla, Inceman, Stepanovic und Calabretta, jeder auf seine Art, Chas als Freundin, Saufkumpanin, Kollegin, Popp-Partnerin vermissen. Du kapierst, wieso der Tod von Faller ein so herber Verlust für Chastity ist.

Aber: „Der Lack von früher hat sich davon gemacht“.

Es ist nichts mehr, wie es war vor Hotel Cartagena (Band Nr.9)

Also: Chas ist in Glasgow, kann das Haus ihrer Großmutter erben, trifft auf Tom, den ehemaligen Lover der Grandma, zahlreiche Pubs mit jeder Menge schaumloser Pints und Whisky, Geister der Vergangenheit. Stepanovic und Calabretta observieren Hamburger Immobilieninvestmentarschlöcher, die zuvor ganze Straßenzüge abfackeln ließen, oder treffen sich mit den andern aus der alten Garde in der Blauen Nacht.

Endzeitstimmung hier und am River Clyde, macht keinem in der Story so richtig Spaß.

Fazit: Das Vergnügen hat der Riley-kundige Leser.

– – – O – – –

Simone Buchholz: RIVER CLYDE, erschienen bei Suhrkamp (2021)

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In der Besprechung erwähnte Bände der Riley-Reihe mit Link zur jeweiligen Besprechung:

Prequel: Schweinheim Special Chapter (als Kindle Ausgabe für umme) sowie

Band 6: Blaue Nacht

Band 7: Beton Rouge

Band 8: Mexikoring

Band 9: Hotel Cartagena

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Eine Leiche zum Sonnenaufgang: LOUISE PENNY – BEI SONNENAUFGANG

Nach einer Party bei Clara Morrow, die damit die Eröffnung der Einzelausstellung ihrer Gemälde in Montreals berühmten Musée d’art contemporain in ihrem Haus in Three Pines feierte, wird am Morgen danach eine Frauenleiche im Garten gefunden. Neben den wichtigsten Leuten aus dem kleinen Kaff im Québecer Land, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist, waren viele Teilnehmer der Vernissage beim kostenlosen Essen und Trinken dabei: Künstler, Galeristen, Kunsthändler, Kritiker – darunter wohl auch die Tote, die ehemalige Kunstkritikerin Lillian Dyson, einst berüchtigt für vernichtende Kritiken, übelste Verrisse, wegen denen Maler und Malerinnen an sich und ihrer Kunst zumeist so verzweifelten, dass sie nie wieder Pinsel und Farbe in die Hand nahmen. Auch Clara hatte zu Beginn ihrer Karriere eine fürchterliche Abfuhr von Lillian Dyson erhalten – zu einer Zeit, als die beiden noch engste Freundinnen waren. Clara fand damals einen anderen Weg für ihre Malerei, der jetzt zu diesem unglaublichen Erfolg führte.

Wie üblich, wenn in dieser Gegend ein Mord verübt wird, ist es die Aufgabe von Chief Inspector der Sûreté du Québec, Armand Gamache, und dessen Team, dieses Kapitalverbrechen aufzuklären. Viele der anwesenden Partygäste und auch Clara Morrow, so Gamaches erste Feststellung, könnten ein Motiv für den Mord haben. Einige der Anwesenden der Party, auf der Lillian Dyson aber offenbar gar nicht aufgetaucht ist, könnten durch einen Verriss der Kritikerin irgendwann einmal beleidigt worden sein. Das Zitat aus einer dieser Kritiken ist vielen in der Kunstszene noch in Erinnerung:

Er ist ein Naturtalent. Er bringt Kunst hervor, als wär’s ein Stoffwechselprodukt.“

Immer wieder taucht es auf in den Gesprächen, die Gamache und seine Kollegen führen. Und immer wieder wird gerätselt, wem diese Kritik galt.

Dabei lernt der Chief Inspector die Kunstszene mit ihren Hauptakteueren kennen: Galeristen und Kunsthändler auf der Jagd nach Künstlern, mit denen sie eigenes Ansehen und Reichtum steigern können, immer in der Angst lebend, ein Genie nicht zu erkennen. Künstlerinnen und Künstler, mit gewaltigen Ego und Ehrgeiz. Sie wollen Ruhm, wollen Anerkennung. Das ist ihr Problem, nicht das Talent sondern das Ego. Mittendrin Lillian Dyson als Kritikerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, andere zu vernichten.

Neben dieser Welt der malenden Zunft und ihrer möglichen Profiteure führen die Ermittlungen zu den Anonymen Alkoholiker, deren Mitglied Lilian Dyson seit einiger Zeit war, zu sonderbaren Konstellationen zwischen einzelnen Mitglieder, von denen Gamasche erfährt, wie das Verhältnis von Betroffenen zu ihren Paten ist und wer sich im Kreis der AA aufhält.

So verlagern sich die Recherche-Arbeiten von Three Pines nach Québec und Montreal, wobei auch deutlich wird, dass nur jemand, der den Weg in das kleine Dorf kennt – oder jemanden kennt, der ihn kennt – den Mord verübt haben kann,, außer Dorfbewohnern wir Clara natürlich. Das schränkt jedoch den Täterkreis nicht wesentlich ein, zumal nicht feststeht, was Lillian Dyson in bei der Party wollte.

Und so beschäftigt sich der Chief Inspector mit der Frage, ob aus einem schlechten Menschen wie der Kritikerin ein guter werden kann, oder anders: kann sich ein Mensch ändern? Kann sich jemand, der sich über das Unglück anderer freut, der dieses Unglück sogar selbst herbeigeführt hat, ändern und die Opfer ehrlich um Entschuldigung bitten? Mit dieser schwierigen Frage muss sich das Ermittlerteam beschäftigen.

Zudem muss es in der Vergangenheit graben, nach dem Künstler, der Kunst hervorbrachte, als wär’s ein Stoffwechselprodukt (vulgo: Scheiße), oder dessen Talent mit einem ähnlichen Verriss zerstört wurde.

Letztlich kann Gamache Three Pines zufrieden verlassen. Frieden kehrt in die Abgeschiedenheit der Wälder wieder ein – bis zum nächsten Mord, bei dem der Chief Inspector der Sûreté du Québec erneut auf die alten Bekannten Gabri und Oliver, Clara und Peter, Myrna und die Dichterin Ruth, treffen wird. Kurzzeitig wird die Welt in Three Pines wieder in Ordnung sein, aber der nächste Mord geschieht dort bestimmt!

Louise Pennys Setting mit Three Pines und deren inzwischen von vielen Leserinnen und Lesern liebgewonnenen Bewohnern spielt in diesem siebten Fall für Gamache nur eine untergeordnete Rolle. Die Intrigen in der Kunstszene und die Beziehungen innerhalb der Anonymen Alkoholiker sowie die Frage, ob oder wieweit sich ein Mensch ändern kann, bestimmen den Inhalt. So wird „Bei Sonnenaufgang“ nicht das Lokalkolorit bedient, ein Thema, über das inzwischen ausgiebig in der Reihe der Gamache-Fälle erzählt wurde. Diese Öffnung tut der Serie gut und erhält sie lesenswert.

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Louise Penny: Bei Sonnenaufgang. Der siebte Fall für Gamache

Übersetzung: Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, erschienen im Kampa Verlag (2021)

Originaltitel: A Trick of the Light (USA, 2011)

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Bereits auf KrimiLese besprochen:

Das Dorf in den roten Wäldern. Der 1. Fall für Gamache

Lange Schatten. Der 4. Fall für Gamache

Wenn die Blätter sich rot färben. Der 5. Fall für Gamache

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