„Die Vergangenheit ist nur ein Prolog“: Andreas Pflüger – Geblendet

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Zwei vorhergehende Thriller dieser Triologie (Endgültig und Niemals) sind der Prolog für den diesen letzten Teil, Geblendet.

Die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron bekommt die Möglichkeit, durch eine spezielle Therapie wieder sehend werden zu können. Aber da ist noch die Notwendigkeit, die Abteilung, der sie angehörte, vor dem Untergang zu bewahren. Zu Beginn eines Thrillers kann es nur eine Entscheidung geben – und so lässt der Autor Andreas Pflüger seiner Heldin keine Wahl.

Jenny Aaron trifft dabei auf eine Gegnerin, die ihr in Wahl und Anwendung der Waffen ebenbürtig ist. Am Anfang des Romans lernen wir sie als elfjähriges Mädchen kennen, das von seinem Vater darauf gedrillt wurde zu morden. Der erste Auftrag ist der Mord an Vaters dubiosen Geschäftspartner, der nebenbei pädophile Interesse an Mädchen diesen Alters hat. Und in dem Zusammenhang setzt die Kleine, deren Namen wir erst viel später erfahren werden, das gezackte Keramikmesser mit Erfolg ein.

Was Jenny zunächst zur Abteilung zurückkehren lässt, ist die Verflechtung von Politik und Kriminalität, ein globale Angelegenheit mit Akteuren aus Berliner Regierungskreisen und einem, dem amerikanischen Präsidenten nahestehenden Chef einer Einheit, die nach dem Motto „TU, WAS DU WILLST, soll das Gesetz sein“ handelt. Ereignisse aus der Vergangenheit haben dazu geführt, dass Jenny Aaron und ihre Vertrauten, nach diesem Gesetz zu töten sind, sowie die Abteilung, der sie angehören, zur Bedeutungslosigkeit degradiert werden soll.

Dabei fängt alles so gut für Jenny an. Sie ist mal wieder in den Blue Ridge Mountains bei ihrem Mentor, der sie seit Jahren immer wieder in fernöstlichen Arten der Körperbeherrschung und der Kampfarten schult, vor allem aber ihre Denk- und Handlungsweise aus den Wurzeln des Bushidōs prägt. Und sie hat die Option zu einer Behandlung durch eine außergewöhnliche Therapie, ihre Sehkraft wieder zurück zu erhalten.

Aber aus der Möglichkeit, wieder sehend zu werden, wird nichts. Sei es, dass sie sich der Abteilung verpflichtet fühlt, sei es, dass ein alter Feind wieder auftaucht. Letztlich ist es auch nicht wichtig, was dazu führt, Jenny wieder in den Kampfmodus zu überführen. Wichtig ist, wie sie die Chefin der Abteilung, ihren Vertrauten Pavlik und ihre anderen Mitstreiter im Kampf gegen „den Feind“ durch ihre speziellen Fähigkeiten unterstützen kann. Fähigkeiten, die Jenny Aaron verlieren wird, wenn sie wieder sehen kann.

Als vordergründiger Feind entpuppt sich dabei Malin, die vor vielen Jahren das gezackte Keramikmesser einsetzte, um den Geschäftsfreund des Vaters zu ermorden. Zwar gibt es einige Parallelen im Leben von Malin und Jenny was ihr Verhältnis zu ihren Vätern anbelangt, die eigentliche Verbindung zwischen ihnen, ist aber eine ganz andere. Aus ihr resultiert Malins Hass auf Jenny, der im Verlaufe der Story zu einigen außergewöhnlichen Zusammentreffen von Malin mit Jenny und Pavlik führt und zu einer für die Abteilung verheerenden Katastrophe. Gegen Ende wird Malins Motiv entschlüsselt und von Jenny geklärt, dass ihre Gegnerin nur eine von anderen gelenkte Waffe ist.

Nach einigen Flick Flacks mit Messer, Schusswaffe oder unter Einsatz von Händen, Armen, Füßen und Beinen hat Jenny Aaron mit Abschluss dieser Trilogie nun ausgeturnt und ausgekämpft. Ob sie nun blind bleibt oder nicht – diese Auflösung gibt es zum Schluss.

Was zurück bleibt ist die Erinnerung an viele actionreiche Szenen und die faszinierende Art, wie Jenny mit ihrem Blindsein umgegangen ist. Schon seit einiger Zeit ist im Netz zu lesen, wieviel Unsinn und Falsches Andreas Pflüger über Jennys Umgang mit ihrem Handicap, dass sie zu ihrer Stärke umfunktionierte, geschrieben hat. Aber bitte: Nicht vergessen! Es ist eine Fiktion, wobei Pflüger bei Blinden und medizinischen Fachberatern ausgiebig recherchiert hat und ein nicht unbedeutender Teil – sei es der Umgang mit dem Klicksonar sowie nach Aussage des Autors vieles andere aus der Welt der Blinden – der Realität entspricht. Für einige Sehende und Nicht-Sehende offensichtlich nicht nachzuvollziehen,

Meine Empfehlung ist, die drei Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Etliche Ereignisse in Geblendet beruhen auf Begebenheiten aus den vorhergehenden Thrillern. Spannend ist die gesamte Trilogie, die getragen wird von Jenny Aarons Umgang mit ihrem Handicap und den Lehren des Bushidōs – sowohl des eigentlichen als auch der Weiterentwicklung durch Andreas Pflüger.

— O —

Andreas Pflüger: Geblendet (erschienen 2019 im Suhrkamp Verlag)

Die ersten beiden Teile der Trilogie:

Endgültig (Suhrkamp, 2016)

Niemals (Suhrkamp, 2017)

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Max Annas: Morduntersuchungskommission

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Max Annas widmet diesen Roman Manuel Diogo, einem jungen Vertragsarbeiter aus Mosambik, der zu DDR-Zeiten, 1986, von Neonazis auf eine unvorstellbare Weise ermordet wurde. Nachdem Diogo von seinen Mördern zusammengeschlagen wurde, hatten diese ihn an einen Strick gebunden und aus dem Fenster des fahrenden Zuges gehängt. Leichenteile wurde auf etlichen Kilometern neben den Gleisen gefunden.Weil im System der DDR derartig brutale Taten nach Auffassung ihrer Führer nicht stattfinden konnten, wurde der Vorfall wie circa 800 weitere rassistische Vorfälle gegen ausländische Vertragsarbeiter von den Behörden nicht verfolgt, dieser Fall nie aufgeklärt.

In Morduntersuchungskommission stellt Max Annas einen fiktiven Fall dar, der in seiner Ausführung und der „Bearbeitung“ durch die MUK dem realen sehr nahe kommt. Tenor ist, dass in der DDR bestimmte Morde nicht vorstellbar sind, einmal abgesehen davon, wenn jemand bei totalem Kontrollverlust – aber das war dann ein Einzelfall – ein Verbrechen begeht. Solch ein ungewöhnlicher Fall kann selbst in einem heilen und gut funktionierenden Staat nicht vermieden werden.

Im Roman ist es allerdings so, dass, nachdem die Ermittlung an das Ministerium für Staatssicherheit von der MUK abgetreten wurde, ein Oberleutnant der Morduntersuchungskommission daran interessiert ist, die Wahrheit herauszufinden. Was dabei im Hintergrund läuft, ist vorstellbar: er wird beobachtet. Letztlich erleidet auch Otto, so sein Name, einen Kontrollverlust.

Was will Max Annas mit dieser Geschichte erzählen, von dem wir actionreiche Krimis wie „Die Farm“ und „Die Mauer“ kennen und der mit „Finsterwalde“ ein dystopisches Szenario dargestellt hat, wie es bei bestimmter politischer Entwicklung in vorstellbar ist – eine Fiktion, die niemals Realität werden darf?

Es ist die „Aufarbeitung“ verschwiegener Verbrechen in der DDR, mehr noch allerdings ein Hinweis auf die Funktionsweise des Regimes in Bezug auf „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Ein Ansatz zur „Erinnerungskultur“, die sich ebenso wie die Aufarbeitung der weitaus größeren, zahlreicheren Verbrechen des III. Reichs erst mit jahrzehntelanger Verzögerung spärlich entwickelt.

So trägt Max Annas mit diesem Roman dazu bei, Sichtweise und Handeln eines Staates zu beschreiben, in dem seine Mitglieder nach den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral und Ethik“ stets charakterfest gute Taten für den Sozialismus vollbringen sowie sauber und anständig leben.


Morduntersuchungskommission ist somit ein historischer Roman, basierend auf einem tatsächlichen Ereignis. Somit ein Stück unserer Geschichte. Ein Roman mit einer kriminellen Handlung, ohne Effekt heischende und  Action getriebene Szenen erzählt. 

Danke, Max Annas, für diese Erinnerung.

— O —

Max Annas: Morduntersuchungskommission, erschienen im Rowohlt Verlag, 2019

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Georges Simenon: Maigret im Haus des Richters

Was macht ein Kommissar, wenn er sieht, dass ein pensionierter Richter eine Leiche aus dem Haus schafft? Einfache Antwort: festnehmen, verhören bis der Mörder-Richter gesteht. Viel zu einfach für Maigret.

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Maigret, dem eine neugierige Alte von einer Leiche im Hause des Richters in dem kleinen Kaff am Atlantik berichtet, lässt sich Zeit. Raucht, isst, trinkt im Hause des Richters, plaudert mit ihm – und der Richter gesteht. Allerdings einen Mord, der 15 Jahre zurück liegt. Der alte Mord hat nur indirekt etwas mit dem neuen zu tun, wobei das Motiv zunächst völlig unklar ist, somit auch eine eindeutige Spur zu jemanden, der den zunächst Unbekannten erschlagen hat, den der Richter Richtung Atlantik verschwinden lassen möchte.

Der Tote wurde in einem nachts abgeschlossenen Teil des Hauses gefunden, in dem der Richter seine kranke Tochter einschließt, einer Nymphomanin, angeblich Schlafwandlerin, von „Anfällen“ heimgesucht. Als Maigret ihr Zimmer betritt, erkennt der Kommissar, dass ein Liebhaber das Fenster im Nebenraum als Zutritt für die Besuche der jungen Frau nutzt. Der Mann, der die Bedürfnisse der Tochter befriedigt, ist bald identifiziert jedoch verschwunden.

Auch in diesem abgelegenen Ort geht alles mit rechten Dingen zu: Gerichtsmediziner und viele Gendarmen tun ihre Arbeit, letztlich ist Maigret jedoch allein, einzig Inspektor Méjat aus der nahen Kleinstadt Luçon, in die der Kommissar vor einiger Zeit aus Paris zwangsversetzt wurde, ist bei ihm. Und ohne den üppigen Unterstützerstab, der Maigret in Paris zur Seite gestanden hätte, ist es für den Pfeifenraucher nicht einfach, den Mörder zu finden – denn wie schon erwähnt: es fehlt zunächst das Motiv. Um dieses zu erkennen, bedarf es der Fähigkeiten und der Inspiration Maigrets, oder wie er es nennt, „dieses Etwas, sich in seiner Haut wohlzufühlen“. Zu diesem Zweck bringt er den Verdächtigen ins Rathaus, in dem für die Vernehmungen ein Büro zur Verfügung gestellt wurde, allerdings nicht ohne vorher einige Speisen und alkoholischen Getränke sowie Zigaretten eingekauft zu haben. Der Verdächtige soll sich, ebenso wie der Kommissar wohlfühlen.

Im Rathaus angekommen, bietet Maigret seinem Gast zunächst eine Zigarette an, bittet ihn, zu trinken, bietet Essen an. Dann erst fragt der gewiefte Ermittler: „Was haben Sie mir zu erzählen?“ Simenon beschreibt die Situation mit den Worten „So wurde das Liedchen angestimmt, wie am Quai des Orfèvres (Anmerkung: Maigrets ehemaliger Arbeitsplatz in Paris) sagte“. Dieses „Liedchen“ wird geschickt von Maigret gesungen und dirigiert, bis er im Abgesang – oder sollte ich es das „Große Finale“ bezeichnen – den Mörder des Toten im Haus des Richters identifiziert und die anderen Verdächtigen so entlasten kann, dass es für ein Pärchen noch zu einem Happyend kommt. Eine große Oper mit leisen Tönen und einem Maigret, der seine Partitur hervorragend beherrscht. Ein feines Stück Kriminalliteratur, fast 80 Jahre alt und immer noch ein Lesegenuss.

— O —

Georges Simenon: Maigret im Haus des Richters (In der Übersetzung von Thomas Bodmer 2019 in der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag erschienen), Original: La Maison de juge (Frankreich, 1942)

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Liza Cody: Ballade einer vergessenen Toten

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Wäre dies eine simple Von-Lumpen-zu-Luxus-Geschichte, so würde sie einem Muster folgen. Die Lumpen kommen vor. Sie sind keine Metapher. …. Aber es gab keinen dramaturgischen Aschenputteleffekt.“

So verläuft die Geschichte von Elly, die ihre glücklose Biografin Amy schreiben möchte. Aber es hätte eine Aschenputtel-Geschichte sein können. Die eines kleinen elfjährigen Mädchen Elly, das nichts hat als eine kranke, hilflose Mutter auf Drogen, eine Gitarre und dem Talent zu einer erfolgreichen Songwriterin, einem zerlumpten Individuum, das den Lebensunterhalt durch Straßenmusik am Tag und in der Nacht verdient.

Es erscheint zunächst als glücklicher Umstand, dass Elly „entdeckt“ wird und von ihrer Entdeckerin, der Chefin einer alternden erfolglosen Band von „Sisters“ mit dem Namen SisterHood unter die Fittiche genommen wird. Elly entfaltet zwischen diesen gar nicht zusammenpassenden Bandmitgliedern ihr Genie, erhält von ihrem kriminellen Manager einen Vertrag ohne Rechte, wird abgezockt ohne auf irgendeine Weise von ihren riesigen Erfolgen zu profitieren – außer satt zu werden, ein Dach über dem Kopf zu haben, und als Krönung für einen Hund sorgen zu dürfen. Dieses „Glück“ währt nicht lange, Elly verschwindet eines Tages, wird arg zerstümmelt tot aufgefunden.

Das ist die Geschichte, die für geniale Songwriterin mit dem Tod endet, ohne jemals in der Nähe von Luxus gewesen zu sein.

25 Jahre später werden ihre Songs immer noch im Radio gespielt und als Amy einen davon hört, sich an Elly erinnert, kommt ihr die Idee, über das Mädchen und ihre kurze Karriere eine Biographie zu schreiben. Sie wühlt sich durch Zeitungsartikel aus der alten Zeit, sucht die damaligen Bandmitglieder, den Manager und dessen Umfeld, Bekannte und Nachbarn von Elly. Bei den einen erfährt sie einiges, andere lassen sie abblitzen. Amy hört vieles aber nichts Wesentliches. Die Profiteure von Ellys Erfolg halten sich bedeckt, Geheimnisse um ihren Erfolg bleiben verborgen. Andere strotzen von Neid oder wissen wirklich nichts. Amy leistet eine detektivische Arbeit, obwohl sie gar keine Detektivin sein will. Zehn Verdächtige präsentiert sie sich. Kommt auch damit nicht weiter. Die zahllosen Versuche, die Wahrheit über Elly zu erfahren, wie sie wirklich gelebt und empfunden hat, wie sie verschwunden ist und ermordet wurde, enden in ebenso zahllosen Schnipseln, deren Inhalte sie einem Literaturagenten immer wieder andient. Immer wieder in der Hoffnung, eine Biografie über den ehemaligen Star veröffentlichen zu können. Eine Aufgabe, die der von Sisyphus gleichkommt.

In dem, was Amy aus Ellys Leben erfährt, können wir ableiten, mit welcher Grausamkeit das Musikbusiness in den 80ern lief. Ausbeutung und Zerstörung der Kühe, die gemolken wurden durch das Management. Missgunst in Kollegenkreisen. Fans, die von allen Übeln nichts ahnen.(Gut, dass heute alles besser, transparenter ist.)

Elly war wie ein Stein in einer Scheinwelt aus Zucker, ein Fremdkörper, der dort fehl am Platz war. Was mit einem solchen Objekt geschieht, selbst wenn es glitzert wie ein Diamant, ist klar: Es wird aussortiert, weggeschmissen.

Diese Verlogenheit beschreibt Liza Cody auf begeisternde Art, zeigt die dunklen Seiten der Player in diesem Spiel und viele Verlierer.

— O —

Liza Cody: Ballade einer vergessenen Toten

Originaltitel: Ballad of a Dead Nobody (2011), deutsche Übersetzung von Martin Grundmann, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag, 2019

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Das Leben ist (k)ein Paradies – Hazel Frost: Last Shot

IMG_9383Deftig und skurril, brutal und rasant, voller einprägsamer Bilder, noir, mit oralem und vaginalem Geschlechtsverkehr.

Kein Thriller, der in eine einzige Schublade passt, eine gelungene Komposition voller Vielfalt.

Dabei fängt es ganz einfach an: Dreifachmord an einem russischen Kriminellen – Puffbetreiber in Berlin, auch auf weiterem kriminellen Terrain agierend – und dessen Zwillingstöchtern auf einem ablegenen Parkplatz im Voralpenland. Glück hat Sohn Dima, der war mal Pinkeln als seine Familienmitglieder erschossen werden. Als er zum Auto zurückkommt sieht er das Dilemma, ein weiteres Familienmitglied, die sechsjährige Mathilda ist verschwunden, jedenfalls findet Dima die Kleine weder tot noch lebendig.

Dima verlässt den Tatort, flieht und findet dabei eine Mitfahrgelegenheit in einem alten Cadillac, darin eine aufgemotzte alte Puffmutter mit ihrem von Drogen zermürbten Lover und einem schweigsamen Fahrer. Dass es einen guten Grund für die Insassen des Oldtimers gibt, in dieser Gegend herum zu kutschieren erschließt sich erst später. Aber es sind nicht die einzigen Lebenden, die dieses Szenario bereichern. Ein Rettungssanitäter – Diabetiker, der mit einem geklauten Rettungswagen auf Urlaubsfahrt ist – trifft auf eine taffe Ex-Nutte mit Mordwaffe, die ein ganz besonderes Verhältnis zu Dima, den Getöteten und dem kleinen Mädchen hat. November nennt sie sich und wie es zu dem Namen kam, ist eine interessante Geschichte. November kapert sich den Rettungswagen samt Sanitäter und macht im Folgenden die Gegend zwischen den Bergen und München unsicher.

Und „last but not least“ bereichert auch noch ein seltsames Kommissar-Pärchen diesen Thriller. Er, mit einprägsamen Namen Horst Horst, BKA-Beamter, sie eine Ex-Kommissarin, die zuvor aus einer „Geschlossenen“ ausgebrochen ist und sich bei ihrem alten Arbeitgeber eine Waffe besorgt hat. Nun ist sie mit Burnout und Horst Horst auf Mörderjagd, wobei der Kommissar mit gleichem Vor- und Familiennamen die kleine Mathida lebend im Auto der drei Toten findet, sie an sich nimmt und – aus gutem Grund, wie sich später herausstellt – unter seine Fittiche nimmt, sie nicht wieder hergeben will.

Es beginnt in der Art eines actionreichen Roadmovies eine wilde Jagd gen München, Rettungswagen, Cadillac und Horst Horsts schwachmotorisiertes Töftöf – und wieder retour. Dass die Fahrt nicht jeder ohne Blessuren überlebt, wenn er denn überhaupt überlebt, erscheint selbstverständlich und muss nicht weiter erklärt werden.

Dann ist die Story zu Ende. Scheinbar.

Es folgt auf rund 50 Seiten eine Art Prequel, betitelt DAVOR. Darin wird beschrieben, wie es zu den Ereignissen auf dem einsamen Parkplatz gekommen ist. Wie das Leben von Dima mit dem dem seines Vaters Youri und das beider mit dem Novembers zusammenhängt, welche Rolle Mathilda dabei spielt. Was Horst Horst mit Mathilda verbindet. Youri als Patriarch und erfinderischen Edelbordell-Betreiber, November als Edelhure mit dem Makel behaftet, von Dima ein Kind zu bekommen: Mathilda.

Nach dem Prequel folgt noch das DANACH. Das Ende der Reise für November, das Ende der Dienstreise für Horst Horst und dessen Outing. Und Jahre später: Das Glück der Überlebenden, wobei zu sagen ist, dass nicht viele es genießen können.

Was nach dem Lesen bleibt: DURCHATMEN nach dieser rasanten Story, die so anders ist als so vieles, was unter dem Begriff Thriller ausgelobt wird. Auch wenn Rache Motiv für einige unnatürliche Todesfälle in Hazel Frosts „Last Shot“ ist, es ist nicht das allein Prägende. Die Typen, ob im Cadillac, Horst Horst oder die im hier nicht näher beschriebenen Edelpuff, sind es, die das Buch so lesenswert machen. Ebenso wie das Aufeinandertreffen der verschiedenen Gruppierungen zwischen first und last shot.

— O —

Hazel Frost: Last Shot, erschienen 2019 als Droemer Taschenbuch

(und wem die Brille von Hazel Frost auf deren Foto bekannt vorkommt, dem sei gesagt, dass Katja Bohnet die gleiche besitzt – aber das ist inzwischen kein Geheimis mehr)

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J. Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste

P1030809Whodunit? Es ist eine seltsame und inhomogene Gesellschaft, die sich zur Hetzjagd auf einen Hirsch auf dem Landsitz von Lord Aveling trifft. Zwölf Personen waren eingeladen, aber einer der Gäste, die mysteriöse Witwe Nadine Leveridge, schleppt noch eine dreizehnte an, die sie am Zielbahnhof aus lauter Barmherzigkeit aufsammelt, da sich dieser ebenso mysteriöse Reisende beim Sprung vom Zug verletzt hat. Als die Gruppe auf dem Landgut ankommt, sind bereits einige Gäste da, andere kommen mit späteren Zügen. Ein Maler, ein Journalist, ein Politiker, eine Krimiautorin und ein Wurstfabrikant mit Frau und Tochter versammeln sich so am Tag vor der Jagd, dazu noch einige andere, feine Leute und undurchschaubare Individuen, von denen keiner so recht weiß, warum sie eingeladen wurden. Während des Abends und in der Nacht kommt es bereits zu zunächst unerklärlichen Zwischenfällen. Am nächsten Tag kehrt ein Mitglied der Jagdgesellschaft nicht wieder lebend von der Hetzjagd auf das Gut zurück. Es war dasjenige, das als 13. Gast am Vortag eintraf und dem 13. trifft in der Regel das Unglück.

Doch bis dahin lernen wir einen Teil der Gäste ausführlich kennen. Unterschiedliche Charaktere, von denen keiner die volle Sympathie des Lesers erheischen kann. Personen, die sich gegenseitig misstrauisch beäugen. Ein verarmter Gastgeber, der für künftige Vorhaben einen Sponsoren sucht. Ein Journalist, der in Klatschspalten zynische Artikel schreibt. Die schöne Witwe, die mit ihrem Mitbringsel anbandelt. Alle scheinen eine dunkle Seite zu haben, dazu schwirren noch etliche Hausangestellte durch den Roman – und die sind auch nicht besser.

In dieser Gemengelage ist es kein Wunder, dass nicht jeder überlebt und der Autor lässt den Lesern Zeit, viel Zeit zum Spekulieren. Es ist jedoch ein sinnloses Unterfangen, das Rätsel des Whodunits frühzeitig zu lösen, und mühselig, sich zu dem Punkt zu lesen, an dem aus den Charakterisierungen der Beteiligten Motive für die verschiedenen Taten und auch den Mord sichtbar werden.

Dieser Roman, 1936 veröffentlicht und zur damals beliebten Kategorie der Landhauskrimis zählend, ist im „Goldenen Zeitalter der britschen Kriminalliteratur“ erschienen. Dorothy L. Sayers hielt Joseph Jefferson Farjeon für „unübertroffen in der gruseligen Darstellung mysteriöser Abenteuer“.

Was aber fehlt ist die dominierende Persönlichkeit unter den 13 Gästen samt Gastgeber, Personal und dem Kriminalinspektor Kendall. Es gibt keine Miss Marple oder Hercule Poirot, keinen Lord Peter Wimsey wie bei Farjeons Zeitgenossinnen Christie und Sayers, nichts Herausragendes oder besonders Erwähnenswertes. Dreizehn Gäste ist eine Story mit interessanten Charakterisierungen ohne spezielle Höhepunkte. Wie ein alkoholfreies Bier, das keinen Rausch erzeugt, so ist dieser Kriminalroman spannungsfrei und wenig anregend.

— O —

J. Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste (Originaltitel: Thirteen Guests, erschienen 1936), deutsche Übersetzung von Eike Schönfeld, veröffentlicht 2019 bei Klett-Cotta)

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David Joy: Wo alle Lichter enden

Der achtzehnjährige Jackob ist ein armes Schwein. Wenn ich’s mir recht überlege, ist er das ärmste Schwein, das ich je kennengelernt habe.

P1030807Er lebt irgendwo im Nirgendwo namens Cashiers in einem Waldgebiet North Carolinas, Einwohnerzahl laut Wikipedia: 157 (im Jahre 2010).

Aber das ist nicht das Schlimmste. Beschissener ist, dass sein Vater dort das Crystal-Meth-Geschäft kontrolliert – samt Polizisten, die davon profitieren. Alles unter dem Mantel einer Autoreparaturwerkstatt, die als Geldwaschanlage genutzt wird. Jackobs Mutter, vom Vater geschieden, hat sich von ihrem Hirn mit Hilfe von Crystal Meth weitgehend verabschiedet, lebt noch tiefer drin im Nirgendwo in einer Hütte, gut versorgt mit der Droge von ihrem Ex.

Jeder in der Umgebung weiss, in welchen Verhältnisse der junge Mann lebt, oder ahnt zumindest, dass er als Mitglied dieser kaputten Familie „im Geschäft mitarbeitet“. Und das ist auch so. Das Weichei in den Augen des kriminellen Vaters wird von diesem in den Abgrund gezogen, aus dem es für den Junior kein Zurück gibt. Und Junior ist sich dessen bewusst. Er hat die Schule abgebrochen ebenso die Beziehung zu seiner Schulkameradin Maggie, die von einem anderen Leben in einer anderen Gegend träumt. Jackob glaubt an Maggie, wollte ihr und ihrer Karriere aber nicht mit seiner im Wege stehen, verließ sie deshalb. Stattdessen muss er mit zwei Kumpanen seines Vaters einen Verräter zum Reden bringen. Die Kumpanen verprügeln das Opfer, schütten ihm Schwefelsäure in Gesicht, entsorgen es. Jackob möchte bei diesen Brutalitäten nicht mitmachen, aber er kann sich gegen die Brutalos nicht zur Wehr setzen.

Jackob versucht, dem Ganzen zu entrinnen, nimmt wieder Kontakt zu Maggie auf. Aber er weiss, es wird bei einem Versuch bleiben.

O-Ton Jackob: „An den Spruch vom Licht am Ende des Tunnels habe ich nie geglaubt. Das hängt doch immer davon ab, in welcher Richtung man unterwegs ist. Wer aus der Dunkelheit kommt und sich auf das Licht zubewegt, hat möglicherweise die Hoffnung, geht voller Erwartung vorwärts. Aber ich war mein ganzes Leben in die entgegengesetzte Richtung unterwegs.“

Faszinierender und bewegender Erstling von David Joy. Beim Lesen wünscht man dem Helden, dass es ihm gelingt, zusammen mit Maggie das Nirgendwo und die Klauen seines Vaters zu verlassen, aber schon bald wird klar: Ein Happyend wird es nicht geben.

Jackob ist das ärmste Schwein, das ich je kennengelernt habe, RIP Jackob.

— O —

David Joy: Wo alle Lichter enden

Originaltitel: Where All Lights Tends To Go (© David Joy 2016)

Übersetzung Sven Koch, herausgegeben von Wolfgang Fraßen

Polar Verlag 2019

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