Erika Krouse: Fight Girl

img_1384Seine Haut leuchtete rot. Jeder einzelne sichtbare Muskel war angeschwollen, und seine Kleidung passte nicht mehr. Er stand in der Blüte künstlicher Gesundheit. Steroide hatten seinen Bauch anschwellen lassen…. Er war inzwischen doppelt so breit wie sie. Er könnte sie wegfegen wie Brotkrümel vom Tisch.“

Das ist der Beginn ihres letzten Kampfes, der Beginn des großen Showdowns gegen Ende des Romans. Nina, deren „Beruf“ es war, mit Mitteln ihrer Mixed Martial Arts Männer auf’s Kreuz zu legen und ihnen die Brieftaschen zu rauben, hatte einen Fehler gemacht. Wie üblich hatte sie in einer Bar einen Mann provoziert, um ihn niederzuschlagen und mit dessen Habseligkeiten den Lebensunterhalt zu finanzieren. Einmal war sie allerdings an einen Cop geraten, der dabei Dienstausweis und -marke an die kämpferische Dame verlor. Verständlich, dass er versucht, wieder zu seinen Machtinsignien zu kommen.

Aber das ist nicht Ninas einziges Problem. Zur gleichen Zeit knallen zwei Personen in ihr Leben und verändern es: Der Ex-Freund Isaac, mit ihrer verwaisten kleinen achtjährigen Nichte Kate, deren Vormundschaft Nina übernehmen soll.

Eine schwierige Konstellation: Isaac traut Nina nicht zu, die Pflichten aus der Vormundschaft zu erfüllen, möchte Kate von Nina fernhalten. Nina fühlt sich mit der Nichte überfordert. Kate möchte bei ihrer Tante bleiben. Es sind dramatische Verwicklungen in diesem Mikrokosmos, die dadurch getoppt werden, dass der megabrutale Cop namens Cage seine Dienstmarke immer massiver zurückfordert, so, dass Nina zunächst schwer verletzt in einer Mülltonne landet. Ihre Kampfkunst reichte nicht aus, Cage ein zweites Mal zu besiegen.

Aufgenommen wird Nina in diesem Zustand von ihrem ehemaligen Lehrer, bei dem sie so viel und doch nicht genug zum letzten Sieg und Überleben gelernt hat. Von da gibt es nur ein Ziel, auf das hingearbeitet wird und schließlich zum Showdown führt.

Fight Girl ist mit vielen Anekdoten japanischer Kämpfer aus vergangener Zeit gespickt. Zu Beginn eines jeden der 17 Kapitel wird so eine kleine Geschichte davon erzählt. Darüber hinaus philosophiert Nina über das Leben allgemein und Themen der Physik – Hebelkräfte und Wellentheorie, actio und reactio.

Aus dem weiblichen, räuberischen Ninja wird eine junge Frau, die versucht, ihr Leben zu ändern und es in ein bürgerliches Leben einzutauschen, um die Vormundschaft für die Nichte übernehmen zu können. Es ist ein Weg mit schmerzhaften Wunden, Narben, die wieder aufreißen. Mit körperlicher Härte bis zum Äußersten ausgestattet und zuweilen hart an der Grenze zur Rührseligkeit bewegt sich der Roman – ohne dabei zur billigen Schnulze zu verkommen – zwischen Thriller und Familiendrama. Ein gewagter, gelungener Spagat.

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Originaltitel: Contenders (USA 2015), dt.2016 (Übersetzung: Teja Schwaner), erschienen bei Blumenbar (Aufbau Verlag)

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Passt zusammen: Wandern und amüsante Kriminalgeschichten bei Leila Emami/Wolfgang Blum – Mords Mittelrheintal

Auf Wanderungen hat mir ein Freund schon einmal von seinen Krimi-Wanderungen erzählt, an denen er im Welterbe Mittelrheintal teilgenommen hat. Die 6 bis 9 Kilometer langen Wanderungen werden von Welterbebotschafter Wolfgang Blum geführt, die Rüdesheimer Autorin Leila Emami liest an verschiedenen Stationen der Wanderung einen Kurzkrimi, den sie extra für diese Route geschrieben hat. Dazu gibt es dann auch mal ein Glas Wein beim Zuhören.

Nun haben Emami und Blum über sechs Wanderungen ein Büchlein mit dem Titel Mords Mittelrheintal herausgegeben, wobei der geographische Begriff etwas großzügig ausgelegt ist und den Rheingau einschließt.

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In Mords Mittelrheintal werden die Orte und Wanderrouten von Wolfgang Blum beschrieben, dazu steuert Leila Emami kleine Kriminalgeschichten bei, die sie Kriminalkomödien nennt und bei den Wanderungen vorgelesen hat. Der dritte Teil der jeweiligen Kapitel oder Mords-Touren, wie sie auch genannt werden, ist in Form einer Aktennotiz von Wolfgang Blum verfasst. Dabei handelt es sich um eine wahre, historische Begebenheit, die sich an einem Ort der Wanderung ereignet hat.

Ich habe mir das Kapitel Oestrich-Winkel herausgepickt, weil ich diese Route mit den beschriebenen Stationen gut kenne und wissen wollte, was die beiden Autoren dazu zu berichten haben.

Die Wegbeschreibung Darin wird eine neun Kilometer lange Route beschrieben, deren Start am Bahnhof von Mittelheim ist, über die Weinbergshütte – Kennern der Gegend als SPD-Hütte bekannt – zum Schoss Vollrads an das Grabmal der Karoline von Günderrode in Winkel führt, dann über den Fähranleger zum Oestricher Kran und zurück zum Startpunkt. Zunächst ist eine präzise Wegbeschreibung mit allen wichtigen Informationen zu den markanten und bekannten Orten zu lesen, dazu gibt es eine Wegskizze.

Die Aktennotiz Darin beschreibt Wolfgang Blum das Leben der Karoline von Günderode, ihre Liebe zu dem älteren Geliebten, dem verheirateten Frankfurter Gelehrten Creuzer, der Karoline verlässt, sich wieder seiner Ehefrau zuwendet und so Karoline in den Freitod treibt. Berühmt sind die Briefe, die Karoline ihrem Geliebten geschrieben hat.

Erpresst, zerlegt und aufgefressen Unter diesem Titel erzählt Leila Emami die Kriminalkomödie, die sich auf der Wanderroute in vier Etappen abspielt. Es gibt gewisse Parallelen zum Schicksal der Karoline von Günderrode, wobei die Handlung am Rande des Rheingau Musik Festivals angesiedelt ist. Die Hauptakteure sind Herr Hitch, der grüne Wellensittich, aus dessen Sicht diese wie auch die anderen Krimikomödien geschrieben sind. Hitch hat sich zur Aufgabe gemacht, Verbrechen zu aufzudecken oder zu verhindern. Der grüne Herr wird begleitet von einer jungen Frau, genannt Holla, die Waldfee, eine neugierige Bloggerin, die gern durch den Rheingau und das Mittelrheintal wandert, dabei auf Verbrechen stößt und diese zusammen mit ihrem Vogel aufklärt, wenn sie denn passiert sind, oder eben im Falle dieser Angelegenheit auf Schloss Vollrads……ich will nicht zu viel verraten.

Dieses und die anderen Kapitel sind informativ in den Blum’schen Teilen sowie spannend und amüsant in den Krimigeschichten, die zudem von Leila Emami mit sehr schönen Federzeichnungen aufgelockert sind. Dazu gibt es Fotos der Sehenswürdigkeiten  der Mords-Touren in und um Bacharach, Bingen, Geisenheim, Kaub, Lorch und wie beschrieben Oestrich-Winkel.

Die Wanderungen mit den beiden Autoren – so habe ich es mir berichten lassen – sind tolle Erlebnisse. Das Buch bietet einen guten Einblick in die Welt, die darin beschrieben ist – mit Wanderrouten (gut zum Nachwandern), den Aktennotizen über Ereignisse in der Region und selbstverständlich auch den köstlichen kleinen Krimistücken.

Ein lesenswertes Büchlein, das Appetit auf eine Mords-Tour  mit Holla & Hitch, Leila  & Wolfgang macht.

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Das Buch ist vor Kurzem im FLoH-Verlag, Geisenheim, erschienen und falls ihr noch kein Geschenk für Eure Wanderfreund*innen habt oder auch nur wissen möchtet, wie im Mittelrheintal gewandert werden kann, was dort passierte – real wie fiktiv  -, wäre das ein Tipp von mir.

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Malla Nunn: Zeit der Finsternis

img_1314Johannesburg – Südafrika – 1953, Zeit der Finsternis. Sie wirkt wie eine Zeit in einem Land vor unserer Zeit, in der Detective Sergeant Emmanuel Cooper das Privatleben verleugnen muss, um seinen Job ausüben zu dürfen. Gesetze verbieten das Vermischen von Weiß und Nicht-Weiß. Es ist nicht nur eine Trennung der „Rassen“ in den öffentlichen Bereichen, sondern auch im privaten Leben.

In jener Zeit wird in einem „Weißen-Viertel“ ein weißes Ehepaar überfallen, deren Tochter bezeugt, dass zwei junge Zulus die Tat begangen haben, die zum Tod ihrer Eltern führt. Einer der Jungen ist der Sohn von Coopers verlässlichem Mitarbeiter Constable Shabalala. Für die weißen Polizeibosse ist der Fall klar: Die weiße Zeugin ist glaubwürdig, der Fall erledigt, da die Täter erkannt wurden. Für Cooper unglaublich, denn er erkennt die Lüge der „Zeugin“ und gefälschte Indizien. Zusammen mit Shabalala macht er sich auf, den wahren Tathergang und damit die wirklichen Täter zu ermitteln.

Das geschieht gegen den Widerstand seines Vorgesetzten, der mehr und mehr über das Privatleben seines Detective Sergeants in Erfahrung bringt und Cooper damit zu erpressen versucht. Das ist zwar eine üble Angelegenheit für Cooper, nicht jedoch das alleinige skandalöse und kriminelle Verhalten auf der Seite der Weißen. Es sind Korruption und kriminelles Aneignen von Besitz zu Lasten der unterdrückten Rasse durch legale und auch illegale Auslegung der neuen Gesetze, die im Zuge der Apartheid-Politik erlassen wurden.

Letztlich ist der Raubüberfall nur ein lokales Ereignis im nationalen kriminellen Geflecht zu Lasten der Schwarzen.

Malla Nunn beschreibt die Unterdrückung und die Versuche, sich dagegen mit verschiedenen Mitteln zu wehren. Dass dabei in den Townships Widerstand gegen Gesetz und weiße Übermacht besteht, der ebenfalls auf krimineller Basis aufgebaut ist, basiert auf dem Prinzip von Actio und Reactio. In diesem Spiel nach der meist vergebliche Suche einer gesellschaftlichen Balance bewegen sich Cooper und seine Unterstützer, die er in beiden Lagern findet. Malla Nunn gelingt es, die groben Unterschiede und die feinen Nuancen dieses Spiels und deren Regeln herauszuarbeiten, die Finsternis jener Zeit darzustellen.

In der November 2016- Krimi-Bestenliste von DIE ZEIT heißt es dazu: “ Ungelogen großartig“. So ist es.

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Originaltitel: Present Darkness

In deutscher Übersetzung von E. Laudan und B. Szelinski  erschienen als Taschenbuch bei Ariadne (Argument Verlag), als E-Book bei CulturBooks

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Neu anfangen: Newton Thornburg – Schwarze Herde

img_1317Neu anfangen, das ist der Traum der Aussteiger und es war auch der Traum des Werbefachmanns Bob Blanchard. Von St. Louis zog es ihn und seine Familie in die Ozarks. Dort kaufte er eine Farm, züchtete Rinder. Aber wie es manchmal ist, Aussteigerträume können platzen.

Und so ist es bei Bob. Die Fleischpreise fallen, der Schuldenberg steigt und dann kommt noch eine Rinderseuche, Brucellose genannt, dazu, die eingeschleppt wurde vom teuer gekauften Stier seiner Black Angus-Herde, deren Mitglieder über vorzügliches Fleisch verfügen, das Blanchard zu guten Preisen verkaufen wollte.

Wir steigen in das Leben des Aussteigers ein, als der Veterinär bei einigen Tieren der „Schwarzen Herde“ Blutproben wegen des Verdachts auf Brucellose nimmt. Und während Bob noch auf das Ergebnis der Tests wartet, trennt sich seine Ehefrau von dem erfolglosen Farmer, geht mit dem Sohn zurück in die Zivilisation nach St. Louis zu ihrem Vater. Der hatte Bob Geld zur Sanierung der finanziellen Verhältnisse angeboten, Bob hatte abgelehnt. So vegetiert er dahin, mit dem debilen Bruder und Shea, einem Freund aus besseren Zeiten, der sich auf der Farm versteckt, um sich vor Arbeit und Unterhaltszahlungen zu drücken. Einziger Lichtblick in Bobs Leben ist Ronda, die Kellnerin seiner Stammkneipe, mit der er eine Affäre hat.

Während die Bank darauf besteht, dass die Schulden der Farm reduziert werden, kommt die Bestätigung des Veterinärs. Die Black Angus-Herde ist tatsächlich von der Seuche befallen. Bank und Brucellose treiben Bob zu dem von Shea vermittelten wahnsinnigen Unternehmen, die anderen Rinder verschwinden zu lassen, getarnt als Diebstahl, um die Versicherungsprämie zu kassieren, zudem noch ein paar tausend Dollar durch den Verkauf zu verdienen.

Neu anfangen will Blachard dann mit Ronda. Verspricht ihr ein neues Leben ohne Sorgen, ohne die Hinterwäldler der Ozarks.

Wir erleben, was Bob passiert, der kein Glück mit dem Aussteigen hatte und dem dann noch Pech am Hacken klebt. Es läuft schief, was schief laufen kann. Familie verloren, alles verloren und zum Schluss:

„Er fühlte sich weder gut noch schlecht, sondern nur, das er am Leben war. Das war alles.“

Die Ozarks haben es in sich. Schicksale der Bewohner, von Daniel Woodrell oder Joe R. Lansdale beschreiben, kennen wir. Schwarze Herde beschreibt, dass auch zugereiste Aussteiger wie Bob Blanchard sich den Gegebenheiten der Gegend unterwerfen müssen. Newton Thornburg hat damit einen ergreifenden Roman geschrieben, dem jegliche Rührseligkeit fehlt und doch die Hoffnungslosigkeit beschreibt, mit der der Held seiner Zukunft entgegensieht und keinen Weg aus dem bevorstehenden Desaster findet.

Wie banal wirken dagegen die Aussteiger-Soaps heutiger Tage, auch wenn das Ende jener Helden sich oftmals nicht wesentlich von dem Blachards unterscheidet. Thornburg hat das Schicksal besser, intensiver und bewegender, beschrieben – und das bereits vor fast 40 Jahren.

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Newton Thornburg: Schwarze Herde (Originaltitel: Black Angus, USA 1978), erschienen in der Übersetzung von Susanna Mende im Polar Verlag, 2016

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Enttäuschend, abgebrochen: Lena Sander – Zersetzt

img_1312Themen aus dem Gesundheitswesen mit Korruption, Profitgier der Pharmaindustrie, Manipulationen an Arzneimitteln und Medizinprodukten, Skandalen in diesem Zusammenhang, dargestellt als Fiktionen, die oftmals einen Bezug zur Realität haben, solche Krimis und Thriller interessieren mich. Das hat einen besonderen Grund: In meinem Berufsleben war ich lange Zeit Teil dieses Systems, allerdings auf der Seite der Guten – glaubt es mir bitte! -. Dass es „die Bösen“ darin gibt, ist mir durchaus bekannt. Und was mir da im wahren Leben entgangen, besser: erspart geblieben ist, das will ich wissen.

Als mir dieser Thriller zum Lesen und Rezensieren vorgeschlagen wurde, habe ich das Angebot gern angenommen. Lesen wollte ich das Buch wie zuvor schon über 60.000 E-Book-Leser.

Basis für dieses Buch sind wahre Begebenheiten, offenbar aus dem direkten Umfeld der Autorin. Metallischer Abrieb bei ungeeigneten aber zugelassenen Endoprothesen – hier künstlichen Hüftgelenken – führen zu dramatischen Vergiftungen. Das ist wahrlich ein interessantes Thema und berührt die Zulassungskriterien – Richtlinien und Gesetze – für Medizinprodukte. Diese Thematik und einiges andere Skandalöse ist verpackt in einem noch dramatischeren Plot, bei dem die Journalistin im Rahmen ihrer Recherche um ihr Leben fürchten und kämpfen muss. Das ist der Stoff aus dem ein Thriller sein kann.

Die Story beginnt gleich „psychiatrisch“ oder „psychologisch“. Dabei werden diese beiden Begriffe derart durcheinandergewirbelt und auch in den entsprechenden Berufsbezeichnungen durcheinander gebracht, dass mir angst und bange wurde. Dieses Chaos ließ an guter Recherche der Autorin zweifeln. Als dann noch das Freud’sche rote Sofa klischeehaft strapaziert wurde war es mit meiner (Lese-)Geduld zu Ende. – abgesehen davon, dass ich den weiteren Verlauf der Geschichte durch phasenweises Lesen verfolgt habe.

Dabei führt Lena Sander im Nachwort deutlich auf, wo Mängel bei der Zulassung von Medizinprodukten und der Zertifizierung von Herstellern dieser Produkte bestanden haben und auch heute teilweise noch bestehen. Und das ist nicht Fiktion sondern eine Tatsache. Es sind die berühmten „Schwarzen Schafe“, die unwissentlich oder wissentlich (aus welchen Gründen auch immer) Produkte entwickeln, herstellen, vertreiben und verwenden, die ihren Zweck nicht erfüllen oder sogar die Gesundheit der Patienten, die mit diesen Produkten leben müssen, gefährden oder sogar ruinieren.

Von daher ist das Ansinnen der Autorin, auf derartige Missstände aufmerksam zu machen, zu schätzen. Schade, dass sie mir schon auf den ersten Seiten das Interesse am Lesen genommen hat und auch in den anderen Passagen nicht überzeugen konnte, die mir recht simpel dargestellt erschienen.

 

 

 

 

 

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Raub der Illusionen. Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass?

img_1308Skeptiker und kritische Krimifans vermuteten es von jeher (und wussten es auch), dass vieles, was sich in den Szenen in der Rechtsmedizin und um die Rechtsmediziner in Romanen, Fernsehserien oder Filmen abspielt, nicht den realen Abläufen entspricht.

Michael Tsokos, Rechtsmediziner und Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité in Berlin, zudem zusammen mit Sebastian Fizek Thrillerautor, True-Crime-Thriller-Autor mit Andreas Gößling und Verfasser etlicher Sachbücher über Fälle in der Rechtsmedizin, raubt nun mit „Sind Tote immer leichenblass?“ die Illusionen vieler Krimifreunde beziehungsweise bestätigt, was kritische Zeitgenossen schon immer vermutet haben:

  • Die Arbeit der Rechtsmediziner unterscheidet sich erheblich von den fiktionalen Darstellungen
  • Dramaturgische Effekte und Spannungsbögen erfordern andere Handlungsabläufe als in der Rechtsmedizin ethisch, gesetzlich und praktisch üblich oder vorgeschrieben
  • Rechtsmediziner sind auch ganz normale Menschen – meistens jedenfalls.

In 40 Kapiteln beschreibt Michael Tsokos sehr unterhaltsam, was bei Professor Boerne, Dr. David Hunter und dessen Kollegen falsch läuft und was sonst noch an falschen Vorstellungen herumgeistert. Er erläutert den Unterschied zwischen Rechtsmedizinern und Pathologen, klärt uns auf, dass Tote nie von ihren Angehörigen oder Bekannten im Sektionssaal identifiziert werden und Leichen nie leichenblass sind. Viele Klischees werden entzaubert, Irrtümer beschrieben und die Realität geschildert.

p1030529Das alles geschieht in einem lockeren Ton. Michael Tsokos erzählt anschaulich. So, wie er das vor einigen Tagen bei der Vorstellung des Buches auf der Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Günter Klein gemacht hat, nie dozierend, oftmals zum Schmunzeln. Und das ist es, was am Buch gefällt: Informationen über das wahre Leben in der Rechtsmedizin und ihrer „postmortalen Klugscheißer“ – wie die Rechtsmediziner auch genannt werden, natürlich zu Unrecht.

Zum Schluss meine Bitte an Autor*innen, Drehbuchautor*innen & Co: Versucht nicht, alle Irrtümer und Fehler, die Michael Tsokos hier beschrieben hat, zu vermeiden, auch wenn ihr immer wieder der Ruf nach Authentizität hört. Wir wollen Spannung in den Krimis! Nur lasst dieses Einschmieren mit der Mentholpaste weg. Nennt Rechtsmediziner nicht mehr Pathologen, aber ob sie saufen oder nicht, ist mir Wurscht. 

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Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass?, erschienen 2016 bei Droemer

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Christian Roux: Der Mann mit der Bombe

img_0669Um es gleich am Anfang zu sagen: Dies ist nicht die Story eines Bombenattentäters, sondern die eines bedauernswerten Kerls, der während der Wirtschaftskrise in Frankreich arbeitslos geworden ist und einen neuen Job sucht, um seine Familie zu ernähren und die Ehe so halbwegs am Leben zu halten. Es ist ein aussichtsloses Vorhaben, dass der ehemalige Toningenieur Larry betreibt: keine Chance für ein Jobangebot im alten Beruf, überqualifiziert für einfache Tätigkeiten, zu alt, chancenlos in Vorstellungsgesprächen. Aussichtslos. Gedemütigt von denen, die Jobs zu vergeben haben.

Letzter Versuch: Larry baut sich eine Bombenattrappe, nimmt sie mit zu seinem letzten Vorstellungsgespräch. Wissend, dass es sein letztes sein wird. Und die Attrappe zeigt Wirkung. Hysterie und Todesangst auf der anderen Seite, als Larry seinen Angstmacher unter dem Mantel hervorholt. Genugtuung, die ihn nicht wirklich weiterbringt.

Das Kapitel „Jobsuche“ ist beendet, Larrys letzter Ausweg: in eine Bank gehen, Attrappe zeigen, Geld einsacken, Familie glücklich machen. Doch auch dieser Plan misslingt, denn zusammen mit ihm betritt Lu die Bank, ihr Ziel „Bankraub“. Sie ist schneller als Larry, entschiedener. Im Gefolge hat sie ein paar Komplizen mit echten Waffen, eine davon tötet. Doch als Larry seine „Waffe“ zieht, ist es vorbei. Er nimmt Lu als Geisel und verschwindet mit ihr – ohne Geld.

Was nun folgt ist eine wilde Jagd mit diversen Autos durch Frankreich, auf dem flachen Land werden einige Postfilialen ausgeraubt. Dabei klettet sich Lu an Larry. Die zunächst toughe Frau erweist sich als orientierungslos, Larry dagegen weiß, dass ein Leben à la Bonnie & Clyde keine Zukunft für ihn hat. Sein Ziel, den Teil der Beute Frau und Kind zu übergeben, dann die Attrappe ein letztes Mal einzusetzen.

Das Paar durch Frankreich zu verfolgen, erscheint vordergründig amüsant. Der schon etwas ältere Schwarze, von biederen Einwanderern zu einem braven, strebsamen Bürger erzogen, bricht mit seinem alten Leben. Lu, rothaarig und zuweilen auf dem Trip unter einer blonden Perücke verborgen, blickt zurück – meist ohne Zorn – auf ein kaputtes Leben und jahrelangem Missbrauch durch ihren Vater. Versteht Larry nicht, weil er „keinen Sex mit ihr haben will“.

Doch dieser Kriminalroman ist mehr als das Spiel mit der Bombenattrappe, dem Raubzug durch die Postfilialen, die Spannungen zwischen Lu und Larry. Er schildert besonders das Leben Larrys, das Leben vor dem Bau der Bombe. Das zunächst bürgerliche Leben, das vom Willen seiner Eltern geprägt war, als Schwarze wie Franzosen in ihrer neuen Umgebung zu leben. Larrys große Liebe zu Mary-Line, mit der er ein rauschendes Leben führte, das zu schnell mit dem Krebstod der von Mary-Line zu Ende ging. Die Ehe danach mit Sophie und als Vater einer kleinen Tochter, brachte ihn ins bürgerliche Leben zurück. Im Rückblick erkennt Larry, dass nur das wilde Leben vor Sophie sein echtes Leben war, dass Lu ihn daran und an Mary-Line erinnert. Aber er weiß, es ist vorbei mit den alten Zeiten. Sie werden trotz Lu nicht zurückkehren.

Und so kommt es zum Abschied von allem und allen, immer mit der Bombe in der Hand.

Der Mann mit der Bombe ist ein Kriminalroman, der viele Elemente vereint: Komisches und Trauriges neben Spannung, die große Liebe, Verlogenheit der Gesellschaft, Ausweglosigkeit des Individuums in speziellen Situationen, auch mit einer Bombe in der Hand – und letztlich ist es egal, ob sie echt oder Attrappe ist.

Der Mann mit der Bombe fasziniert und lässt mich einer schnell und schnörkellosen erzählten Story folgen.

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Originaltitel: L’homme à la bombe (Frankreich 2012), dt. 2016 (Übersetzung: Cornelia Wend), im Polar Verlag erschienen

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