Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens

IMG_9236Er ist einer der besten Krimis aus dem deutschsprachigen Raum der letzten Jahre. Zu Recht wurde Oliver Bottini für diesen Roman der Deutsche Krimipreis 2018 verliehen.

Hintergrund des Romans: Die Zeit der Neuanfänge liegt ein Vierteljahrhundert zurück. In Rumänien begann eine neue Zeit mit der rumänischen Revolution und der Hinrichtung von Nicolae Ceaușescu, in Deutschland mit der Öffnung der Berliner Mauer. Beides geschah im Jahre 1989.

Verdaut“ sind die beiden Ereignisse bis heute nicht. Die Gewinnler kamen zu unermesslichen Reichtum auf Kosten derer, die in den stillen Winkeln des Lebens resigniert haben oder noch immer mit Hass auf jene Gewinnler sowie ignoranten und korrupte Politiker leben. Die Greueltaten des Ceaușescu-Regimes sind noch nicht aufgearbeitet. Landwirte, die ihre Äcker in die LPGs der DDR einbringen mussten, wurden nach der Wiedervereinigung betrogen, die kleinen Bauern in Rumänien durch Korruption und andere kriminelle Machenschaften privater und staatlicher Stellen um ihr Land gebracht. Entstanden sind riesige Agrarbetriebe in den Händen von Konzernen, zurückgeblieben sind die ehemaligen kleineren Landbesitzer und deren Nachkommen, verarmt, meist ohne Chancen, in den ländlichen Gebieten ein erträgliches Auskommen zu haben.

In Rumänien herrscht zudem noch die „Große Rumänische Krankheit“, im Klartext: Korruption. Dieses Übel hat Kommissar Ioan Corzma überwunden, aber er laboriert noch an den Folgen seines Handelns zu Ceaușescus Zeiten. Damals war er dabei, aus Faschisten, Geständnisse mit harten Verhörmethoden, Schlägen und Folter herauszupressen. Heute versucht er, unter dem Radar des „ Instituts für die Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen und des Gedenkens an das rumänische Exil“ zu segeln – nicht aufzufallen, keine besonderen Fälle wie Mord zu übernehmen.

Jedoch, man lässt ihn nicht. Strippenzieher beginnen, ihn tanzen zu lassen. Cozma soll mit seinem Freund und Mitarbeiter Cippo – jener mit ähnlicher Vergangenheit wie Cozma, aber immer noch ab und zu an der Rumänischen Krankheit leidend – den Mord an einer jungen Studentin aufklären, der Tochter des deutschen Inhabers eines riesigen landwirtschaftlichen Betriebes im Banat. Den Mord versucht man, dem jungen Landarbeiter Adrian anzuhängen, der nach Deutschland flieht, in die Heimat der getöteten jungen Frau. Der Kommissar folgt ihm nach Mecklenburg-Vorpommern, wo ebenfalls riesige Landwirtschaftsbetriebe unvorstellbarer Größe auf dubiose Weise aus den LPGs hervorgegangen sind. Durch Betrug und andere kriminelle Machenschaften haben es Insider verstanden, den Wert der LPGs niedrig darzustellen, Politik und Treuhand folgten dem Wahn, möglichst große Agrarbetriebe zu etablieren. Ehemalige Eigentümer der Äcker wurden bei der Vergabe des Landes nicht berücksichtigt und für wenig Geld abgefunden. Dort, im Umfeld der Familie der getöteten Studentin, erfährt Cozma, dass Adrian nicht der Mörder ist. Der Kommissar fährt zurück nach Rumänien und macht sich dort auf die Suche nach den Strippenziehern für das Verbrechen an der jungen Deutschen sowie anderer Morde und weiterer Verbrechen der Gegenwart und der Vergangenheit. Seiner eigenen Vergangenheit stellt sich schließlich auch Cozma. Und in diesem Punkt endet der Roman versöhnlich.

Groll bleibt bestehen gegen die Art des Landgrabbings, ob nun politisch sanktioniert und durch die Treuhand unterstützt wie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR oder durch kriminelle Akte wie in Rumänien. Verlierer und Betrogene gibt es hunderttausendfach und hat viel Leid und auch Tod in die stillen Winkel des Lebens gebracht.

Oliver Bottini hat mit diesem Roman  Zeitgeschichte transparent gemacht, die als Erfolg dargestellt wurde, viel Hoffnung und Leben jedoch verstört hat. Diese Schicksale sind bis heute allerdings überwiegend da versteckt, wie es im Titel des Buches ausgedrückt ist – verdrängt in stille Winkel.

Ein lesenswerter Roman, Danke, Oliver Bottini, dass sie diese Geschichte erzählt haben.

— O —

Oliver Bottini, Der Tod in den stillen Winkeln, erschienen 2017 im DuMont Buchverlag

— O —

Wer die Gelegenheit hat, eine Lesung von Oliver Bottini zu besuchen, sollte hingehen und zuhören. Ich war bei einer von Jörg Armbrüster moderierten Lesung zu diesem Roman. Oliver Bottini las einige kurze Kapitel aus dem Buch. Höchst interessant war zudem, was der Autor über diese Zeit des Landgrabbing und der schleppenden Aufarbeitung der Verbrechen von Ceaușescus Schergen – erinnert verdammt an die Aufarbeitung des Holocausts und der Gräueltaten während  des III. Reiches – über den Inhalt seines Buches zusätzlich zu erzählen hatte.

— O —

Lesenswert: Ein Interview von Tomasz Kurianowicz mit Oliver Bottini in ZEIT ONLINE

— O —

Schlussbemerkung: Trotz zahlreicher Lobeshymnen von Tobias Gohlis, Thomas Wörtche et al. sowie der Auszeichnung mit dem Deutschen Krimipreises 2018 habe ich den Roman von Oliver Bottini erst jetzt gelesen. Abgehalten hatte mich davon der banale Klappentext, der nichts über den brilliant erzählten Inhalt mit zeitgeschichtlicher Bedeutung erwähnt. Aber lieber spät als nie!

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Susanne Kronenberg: Tod am Bauhaus

IMG_9210Es sollte ein toller Kurzurlaub in Weimar werden. Die Wiesbadener Privatdetektivin Norma Tann reist ihrem Freund Timo Frywaldt in die vor Kultur und Bauhaus strotzende Stadt nach. Doch als sie ankommt, ist der hessische LKA-Mann nicht am Bahnhof, um sie abzuholen. Timo war nach Weimar gereist, um ein paar Erbstücke seines verstorbenen Großonkels Fritz zu übernehmen, dem Sohn von Albin Frywaldt, der in seinen Memoiren die Geschichte des Staatlichen Bauhaus in Weimar und deren Mitglieder ausführlich dokumentiert hat.

Aus dem Kurzurlaub wird zunächst nichts. Timo taucht nicht auf. Norma beginnt sich Sorgen um das Leben ihres Freundes zu machen, da kurz vor ihrer Ankunft ein Landespolitiker vor dem Nationaltheater erschossen wurde und kurz darauf ein Antiquitätenhändler, mit dem sich Timo verabredet hatte, in seinem Geschäft von Norma ermordet aufgefunden wird. Befürchtet wird, dass ein Serienmörder in Weimar umgeht, der auch Timo beseitigt haben könnte.

Auf der Suche nach ihrem Freund macht die Privatdetektivin Bekanntschaft mit diversen Personen, die im Umfeld des toten Antiquitätenhändlers agieren, zudem fühlt sich Norma verfolgt. Einiges, auf das sie stößt steht in Verbindung zum Bauhaus:

Ein Gemälde Wassily Kandinskys mit ungeklärtem Besitzverhältnis. Ein kleiner Schrank aus dem Nachlass von Fritz Frywaldt, eines der Erbstücke Timos, der sich als Entwurf von der damaligen am Bauhaus tätigen Kunsthandwerkerin und Designerin Alma Siedhoff-Buscher erweist. Ein Dutzend Glasnegative der Bauhaus-Fotografin Lucia Moholy.

Gemälde, Schrank und Glasnegative führen von den Morden und dem Verschwinden des LKA-Beamten zu Ereignissen während der Weimarer Republik. Angst und Flucht vor den aufstrebenden Nazis bringen einiges durcheinander, dessen Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen. Geschehnisse wie die Anfang der 20er Jahre verübten Morde an Politikern der Weimarer Republik und andere Verbrechen durch den Geheimbund „Organisation Consul“ scheinen einer Parallelgesellschaft Ewiggestriger als Vorlage für neuerliche Verbrechen zu dienen.

Susanne Kronenberg hat historische Puzzleteile, die teils auf tatsächlichen Gegebenheiten beruhen, teils fiktiv sind, in diesem Roman mit Normas Suche nach Timo und den Ereignisse im Umfeld verknüpft. Aus dem Zusammenspiel der beiden Zeitebenen ergeben sich nicht nur die Spannung sondern auch Momente, die beim Lesen zu einem Lerneffekt führen:

In groben Zügen ist die Geschichte des Bauhauses in Weimar und die Fortsetzung in Dessau und Berlin bekannt. Von Gropius, Feininger und Itten wissen wir einiges. Die sogenannte Wagenfeld-Leuchte steht in unseren Wohnzimmern. Doch was so „nebenbei“ am Bauhaus passierte, die Rolle der Frauen, das gesellschaftliche und politische Umfeld, das dort herrschte und am Ende dazu führte, dass neben dem Umzug nach Dessau ein Teil Mitglieder aus Deutschland flüchteten, davon ist nicht viel in unseren Köpfen. Einiges davon findet wir in diesem Kriminalroman, für viel mehr aus dieser Zeit gibt Susanne Kronenberg uns einen Anstoß, sich mit jener Zeit und den Ereignissen zu beschäftigen.

Als Krimi ein aufregendes Werk, auch wenn am Ende der Puls des Lesers wieder beruhigen kann.  Aber ebenso eine Anregung, sich noch einmal mit der Epoche des Bauhauses und der Zeitgeschichte auseinander zu setzen.

— O —

Susanne Kronenberg: Tod am Bauhaus, erschienen 2019 im Gmeiner-Verlag

— O —

Tod am Bauhaus ist der 8. Band einer Reihe, in der Norma Tann ermittelt. Auch wenn diese Kriminalromane vordergründig als Regiokrimis erscheinen mögen, sind sie zumeist mit bestimmten Ereignissen oder historischen Geschehnissen verknüpft.

Als Beispiel für ein historisches sei hier Totengruft (2014) aufgeführt.

In Totengruft wird bei einem Toten wird ein Foto von Toni Sender gefunden, die real existiert hat und 1888 in Biebrich – heute ein Stadtteil Wiesbadens – geboren wurde. Eine Politikerin, Gewerkschaftlerin, bis 1933 Mitglied des Deutschen Reichstages, Kämpferin gegen Nationalismus und Stalinismus. Eine der ersten Frauen, die sich in dieser Zeit politisch und gesellschaftlich in so hohem Maße für eine bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Arbeiter eingesetzt, die für die Demokratie in Deutschland gekämpft hat und schließlich 1933 als Jüdin dem Naziregime gerade noch entfliehen konnte. Später hat Toni Sender bei den Vereinten Nationen weiter für Arbeiter- Frauen- und Menschenrechte gekämpft.

Hier der Link zur Besprechung von Totengruft

— O —

Mehr über die Norma-Tann-Reihe ist auf der Homepage von Susanne Kronenberg zu erfahren

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Niklas Natt och Dag: 1793

P1030778Man kann es kaum noch eine Leiche nennen, was der Häscher Mikel im Jahre 1793 in einem verdreckten, mit Abfällen aller Art versetzten Gewässer in Stockholm entdeckt. Es ist ein Kopf mit Rumpf, die Gliedmaßen fehlen. Leere Augenhöhlen, zerfetzte Lippen, kein einziger Zahn.

Stockholm 1793: einer der kältesten Winter, Menschen erfrieren und sterben an der durch Krieg eingeschleppten Malaria. Eine Feuersbrunst im Jahre 1759 hat die Holzhäuser des heutigen Stadtbezirks Södermalm zerstört und die Bevölkerung zusammengepfercht. Der russisch-schwedische Krieg von1788 bis 1790 hat noch mehr Leid und viele traumatisierte Kriegsveteranen in die Stadt gebracht. Im Adel herrscht Angst, die französische Revolution könne auch nach Schweden überschwappen. Nach der Ermordung des Königs „regiert“ der minderjährige Gustaf IV. Adolf unter der Vormundschaft seines Onkels. Die Regierungsgeschäfte führt jedoch Graf Reutersholm nach Gutdünken und umgeben von seinen Spionen, die ständig auf der Suche nach potenziellen Revolutionären sind.

In dieser Zeit prasst Adel und reiches Bürgertum, der Rest erstickt in Müll, Fäkalien, und hungert in Armut. Branntwein und anderer alkoholhaltiger Fusel erleichtern das Leben vieler Männer. Stadtknechte sind unterwegs um kleine Diebe, Räuber und Huren – und die, die als solche denunziert werden – festzunehmen und nach kurzem Prozess in die Arbeitshäuser der Stadt zu verfrachten, in denen es den dort Gefangenen unter der Willkür der Wärter noch schlechter geht.

In diesem Umfeld von Dekadenz, Korruption, Intriganz und Unterdrückung auf der einen, erbärmlichsten Lebensverhältnissen in Armut, Angst oder Suff auf der anderen Seite, ist dieser Roman angesiedelt. Kein Buch hat in letzter Zeit diese Menge an Grausamkeiten und Brutalität aus jenem Zeitalter beschrieben, wie es hier der aus dem ältesten, noch existierenden schwedischen Adelsgeschlecht stammende Autor zeichnet.

Es ist kein Buch für empfindsame Seelen. Das betrifft sowohl den historischen Hintergrund, als auch den Handlungsstrang um eine brutale Ermordung mit allen Nebenaspekten und der Protagonisten. Nur das Motiv, das zur Verstümmelung führt, bleibt lange im Unklaren.

Auf Mörder- und Motivsuche begibt sich Cecil Winge im Auftrag der Stockholmer Polizei. Winge bleibt nicht viel Zeit für seine Aufgabe. Wegen einer Tuberkulose nahe dem Endstadium kann er sich, seinen Tod stets im Sinn, kaum noch auf den Beinen halten. Zudem steht sein Gönner bei der Polizeieinheit kurz vor dem Rausschmiss, Korruption und Nepotismus wird sich auch dort breit machen. Der integre Winge sichert sich als Unterstützung Häscher und Stadtknecht Mikel, einen Kriegsveteran mit Holzarm. Mikel ist es, der erkennt, dass die Amputationen der Gliedmaßen des Toten über einen längeren Zeitraum durchgeführt wurden, eine bestialische Tortur, die unvorstellbar ist.

Am Ende des düsteren Romans gibt es nur einen einzigen und klitzekleinen Lichtblick: für eine Person nimmt die Geschichte einen guten Ausgang.

Das Sittengemälde der Bevölkerung Stockholms im ausgehenden 18. Jahrhundert ist Niklas Natt och Dag außerordentlich gut gelungen. So gut, dass es so abstoßend wirkt und man als Leser froh sein kann, in jener Zeit nicht gelebt zu haben. Die Durchführung des Mordes, der zu der verstümmelten Leiche führt, potenziert das Grausen des Lesers. Das Motiv gerät dadurch fast zur Nebensache, verblüfft jedoch. Winge ist es, der es erkennt, ob er nun dabei „genialer als Sherlock Holmes“ agiert, wie es auf dem Klappentext vorgegaukelt wird, sei angezweifelt, aber das ist auch nicht das entscheidende Element dieses Romans, den Arne Dahl – auch Teil des Klappentextes – so formuliert: „1973 ist ein Meisterwerk, Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert“. Wenn es denn so ist, dass eine Revolution per Definition ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme ist, so sehe ich in 1793 – einen nachhaltigen Wandel bezweifelnd – zumindest einen außergewöhnlichen Roman, der sich aus der großen Menge von Büchern des Krimigenres abhebt und es deshalb wert ist, gelesen zu werden.

— O —

Niklas Natt och Dag: 1793, erschienen 2019 im Piper Verlag (Übersetzung: Leena Flegler)

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Sara Gran: Das Ende der Lügen

P1030801-001Sie ist wieder da: Claire DeWitt, die sich als beste Detektivin der Welt bezeichnet. Fünf Jahre habe ich nichts von ihr gehört, bereits die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder von dieser seltsamen und faszinierenden Ermittlerin zu lesen. Jetzt ist Sara Grans 3. Band dieser kleinen Reihe über die Fälle – oder besser: das Leben – von Claire DeWitt erschienen.

Nicht nur, dass sich Claire als beste Detektivin der Welt bezeichnet, sie ist zudem auch eine der wenigen „Silettistinnen“, eine Ermittlerin, die den rätselhaften Ausführungen von Jaques Silette vertraut, die jener in der Bibel für die Silettisten Détection, einem scheinbaren Leitfaden für Detektive niedergeschrieben hat. Détection ist ein überwiegend philosophisches, schwer zu deutendes Werk, aus dem Claire DeWitt jedoch zumeist die richtigen Schlüsse für ihre Arbeit zur Aufklärung von Verbrechen zieht.

Angefangen als Detektivin hat sie bereits als Jugendliche  zusammen mit zwei Freundinnen, damals angeleitet von Heften der Reihe Cynthia Silverton Mystery Digest, einer Mischung aus Comics, Kurzgeschichten und echten Kriminalfällen. Wie die Karriere von Claire DeWitt damals begann, wird in diesem Strang erzählt. 26 Jahre später – und damit beginnt dieser Roman – wird ein Mordanschlag auf sie verübt. In einer dritten Zeitebene klärt sie zudem den Mord an einem Maler auf.

Die drei Zeitebenen werden alternierend in zahlreichen Kapiteln von Claire oder aus ihrer Perspektive erzählt und zunächst wirkt das alles recht konfus. So, wie es von der Lebensweise der Detektivin mal im Rausch, mal den kryptischen Ratschlägen Silettes folgen wollend, ergibt. Während sie sich auf die Suche nach dem Kerl macht, der sie in Jenseits befördern wollte und vermutlich noch will, erkenne ich den Zusammenhang zwischen dem aktuellen Fall und dem, was zum Mord des Malers führte und welche Rolle die Hefte der Cynthia Silverton Mystery Digest spielen, besonders die letzte Ausgabe, die Claire nicht gelesen hatte und nun verzweifelt sucht.

Manches im Chaos von Emotionen, Rausch und dem Glauben an Guru Silette bleibt unverständlich, aber das soll wohl auch so sein, denn Claire DeWitt ist nicht in eine Kategorie bekannter Ermittlertypen einzuordnen. Sie ist einmalig und dazu gehört halt, dass sie mit ihrem Wesen – zumindest mir – einige Rätsel aufgibt. Auch wenn ich wie ein Silettist und wie die beste Ermittlerin der Welt die Wahrheit zu ergründen versuche, nicht nach einer einfachen Lösung suche, es überfordert mich. Aber das ist das Faszinierende an diesem Kriminalroman, die Erkenntnis, es nicht mit Claire DeWitt aufnehmen zu können, denn „Claire DeWitt gewinnt immer“.

— O —

Sara Gran: Das Ende der Lügen, Originaltitel The Infinite Blacktop (USA 2018),

deutsche Übersetzung von Eva Bonné, erschienen 2019 bei Heyne Hardcore

Die Titel der ersten beiden Claire-DeWitt-Kriminalromane:

Die Stadt der Toten

Das Ende der Welt

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ABGESCHLAGEN von Michael Tsokos mit Wolf-Ulrich Schüler

Ein Paul-Herzfeld-Thriller, basierend „auf echten Fällen, authentischen Ermittlungen“. Ein Prequel zu „Abgeschnitten“ von Tsokos und Fitzek.

Diesen Thriller lesen ist, wie dabei zu sein, wenn Paul Herzfeld, zu dieser Zeit Assistenzarzt am Kieler Institut für Rechtsmedizin, den Zustand einer Leiche beschreibt oder eine Obduktion durchführt.

P1030797In über 100 Kapiteln nähert sich die Handlung dem zunächst rätselhaften Prolog. Handlungsstränge, die anfangs scheinbar ohne einen Zusammenhang erzählt werden, kommen an unterschiedlichen Stellen zusammen und ergeben ein Ganzes.

Anfangs ist der „Flügelmacher“ aktiv, der mit einer Machete versucht, einer Prostituierten die Arme abzutrennen. Er wird verurteilt und nach wenigen Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Wenige Tage danach wird seine Leiche gefunden, neben ihm ein weibliche Tote, die nach Art des Flügelmachers verstümmelt wurde.

Für Herzfelds arroganten und Karriere geilen Oberarzt Professor Schneider ein simpler Fall, bei dem er medienwirksam die Lösung des Falles publik macht. Herzfeld hat indes Zweifel an dem Ablauf des Doppelmordes wie er von Schneider erklärt wird. Mit Unterstützung einer italienischen Kollegin, die im Institut hospitiert, aber auch in Alleingängen, kommt er zu anderen Schlüssen. Als sich dann herausstellt, dass die neuerliche Tote mit derselben, inzwischen aus der Asservatenkammer verschwundenen Machete zerlegt wurde, bestätigen sich die Annahmen des Assistenzarztes, der dazu gegen den von den Medien hochgejubelten Chef vorgehen muss.

Dabei verlässt die Handlung den Pfad der Glaubwürdigkeit. Herzfeld, der bis zu diesem Zeitpunkt als kühler Kopf intelligent und strategisch vorgegangen ist, begeht einige Fehler, die als dilettantisch bezeichnet werden müssen, ihn und seine Verlobte in Lebensgefahr bringen. Zudem gibt es weitere Tote. Doch dieser Wandel bringt den Thrill bis zu dem Punkt, an dem der Prolog wieder eingefangen wird – und bis zum Ende.

Michael Tsokos ist mit „Abgeschlagen“ zweierlei gelungen: in einem „thrilligen Thriller“ schildert er die Arbeiten eines Rechtsmediziners aus erster Hand. Verglichen mit dem forensischen Anthropologen Dr. David Hunter in Simon Becketts Romanen wirkt Herzfeld wesentlich authentischer und als Leser hat man – wie oben erwähnt – den Eindruck, bei der Arbeit direkt dabei zu sein.  Zudem habe ich den Eindruck, dass Michael Tsokos hier einige eigene Psychotraumata verarbeitet, Menschen, denen er in seinem Arbeitsleben ausgesetzt war. Zum einen der „giftige Toxikologe“, der bei jeder Gelegenheit verbal sein Gift versprüht, insbesondere aber der Oberarzt Dr. Schneider, der für seine Karriere „über Leichen“ geht und in seinem Verhältnis zu Herzfeld die Niedertracht in Person sein kann.

Es sind demnach nicht nur die echten Fälle und authentische Ermittlungen, die Tsokos als Basis für diese spannende Lektüre dienen, sondern auch die präzise beschriebenen Charaktere.

— O —

Michael Tsokos mit Wolf-Ulrich Schüler: Abgeschlagen, erschienen 2019 im Knaur Verlag

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Simon Beckett: Die ewigen Toten

P1030775Mit den ersten Seiten beginnt mein Spekulieren, wer denn Mörder oder Mörderin ist. Der mit den verstörenden eisblauen Porzellanaugen? Der junge Mann mit Kapuze, der immer irgendwo auftaucht? Oder der schnöselige arrogante junge Taphonom? Vielleicht auch die alte Krankenschwester, die daheim ihren nicht mehr ansprechbaren Sohn pflegt? Oder doch noch eine andere Person aus dem näheren Umfeld des forensischen Anthropologen Dr. David Hunter?

Beim 6. Fall Hunters ist die Spekulation bereits zur Routine geworden. Neu ist das Setting: Das St. Jude im Norden Londons, ein Lost Place, ein vor Jahren geschlossenes Krankenhaus, eine Ruine, in dem nur noch Drogendealer und ihre Kunden verkehren. Kurz bevor der riesige Krankenhauskomplex abgerissen werden soll, wird auf einem düsteren Dachboden eine mumifizierte weibliche Leiche gefunden. Ein gruseliger Fund mit aufgerissener Bauchdecke, darin das Skelett eines Fötus. Bei der Begehung des Auffindeorts bricht ein Rechtsmediziner durch den morschen Fußboden und stürzt in einen zugemauerten Raum, in dem zwei weitere Leichen liegen. Das ist das Ausgangsszenario, in dem Hunter sich bewegt, der allerdings sich nur mit der Mumie und ihrem Fötus beschäftigen darf, während die beiden anderen Toten einem Taphonom zugeteilt werden. Danach erleben wir Hunter wie er sich seiner Arbeit widmet und Erkenntnisse zu Zeitpunkt des Todes und dessen Art gewinnt.

Es ist der Griff in die forensisch-anthropologische Mottenkiste. Altbekanntes was wir aus True Crime Storys von Michael Tsokos oder Mark Benecke kennen und ebenso aus vorhergehenden Romanen mit unserem Helden – auch die spontane menschliche Selbstentzündung, der Dochteffekt (aus dem 2. David-Hunter-Krimi Kalte Asche), wird noch einmal kurz angesprochen -, wird ein weiteres Mal erzählt.

Doch neben diesen populärwissenschaftlichen Strang erlebt Hunter im Umfeld die Dinge, die die Handlung Lösung vorantreiben. Die Suche nach dem Motiv für die Morde und der Mittel, die dabei eingesetzt wurden, führen unseren Helden auf den richtigen Weg. Dabei wird er mit einem dieser Mittel konfrontiert, gerät – wiederum kein Novum in den Thrillern dieser Reihe – in höchste Gefahr.

Dass seine alte Bedrohung Grace ein weiteres Mal auftaucht, sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Aber da ist ja noch Rachel, seine neue Liebe. Letztere sei Hunter gegönnt, muss er sich am Ende noch mit einem Überlebensschuld-Syndrom herumschlagen.

So möchte man Hunter zurufen „Schuster bleib bei Deinen Leisten“ oder im Klartext „Hunter bleib bei deinen Knochen, Gewebe und den Verwesungsprozessen“. Andererseits wäre das dann keinen Thriller von Simon Beckett wert. Das wäre jedoch schade, denn irgendwann wird es auch im 6. Fall für Dr. David Hunter spannend.

Zudem gibt es einen forensischen und medizinischen Erkenntnisgewinn, denn zuvor kannte ich Begriffe wie Taphonomie und Stasis nicht. Danke Dr. Hunter – oder Simon Beckett – für diese Lektionen.

Trotz aller Nörgelei wie „aus der forensisch-anthropologische Mottenkiste“ etc.: Ich habe diesen Thriller gern gelesen.

— O —

Simon Beckett: Die ewigen Toten, erschienen bei Wunderlich, 2019, Übersetzung: Karen Wiihuhn und Sabine Längsfeld, Originaltitel: The Scent of Death ( UK, 2019)

— O—

Die David-Hunter-Reihe:

  1. Die Chemie des Todes

  2. Kalte Asche

  3. Leichenblässe

  4. Verwesung

  5. Totenfang

  6.  Die ewigen Toten

Andere Bücher von Simon Beckett sh. unter Rezensionen

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Jürgen Heimbach: Die Rote Hand

Im II.Weltkrieg war er Soldat, danach ein Dutzend Jahre in der Fremdenlegion, hauptsächlich in Indochina und Algerien. Körperlich zerschunden, den Kopf voller Traumata ist er in Frankfurt gelandet, versucht als Wachmann auf einem alten Tankstellen- und Garagengelände über die Runden zu kommen. Abwechselung bieten ihm Besuche am Wasserhäuschen, an dem er sein Bier trinkt und sich mit geschmuggelten Zigaretten versorgt sowie der monatliche Besuch bei Gilla im Rotlichtviertel der Stadt. Und wenn er nicht Schulden wegen verlorener Pferdewetten bei einem unbarmherzigen Geldverleiher hätte, könnte Arnolt Streich ein passables Leben führen.

Und mit den Schulden beginnt das Malheur.

Ein paar dubiose Franzosen sind ihm auf der Spur, wollen ihn für ihre Zwecke einspannen, gegen Geld, viel Geld. Schnell merkt Streich, dass die Franzmänner über seine Vergangenheit in der Legion Bescheid wissen. Damals hatte er sich neben anderen Heldentaten besonders durch eine besonders barbarische hervorgetan. Damit hat er sich seinen Nickname verdient: Vier-auf -einen-Streich oder wie die Franzosen ihn nennen Quatre-d’un-Coup. Streich soll herausfinden, in welcher der Garagen ein bestimmtes Auto abgestellt ist.

Es ist das Auto eines Waffenhändlers, der in jener Zeit der FLN für deren Unabhängigkeitskrieg Algeriens Waffen und Munition liefert.

Die dubiosen Franzosen erweisen sich als Mitglieder der Roten Hand, einer Organisation des französischen Geheimdienstes, die die Führer der FLN, deren Waffenlieferanten und andere Unterstützer der algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen ausschalten sollte.

Nach einem Hinweis von Streich gelingt es, in einer der Garagen das Auto des Waffenhändlers inklusive Insassen zu zerbomben. Da bei dieser Aktion einige Dinge für die Attentäter schief laufen, wird Streich weiter von ihnen verfolgt.

Was als „Roman“ auf dem Cover bezeichnet wird, entwickelt sich zu einem knallharten Thriller. Dabei gelingt es Jürgen Heimbach die fiktive Geschichte des Arnolt Streichs inklusive des Anschlags auf den Waffenhändler Mühlbauer mit dem realen Agieren von „La main rouge“ in Deutschland in der Zeit von 1956 bis 1960 zu verknüpfen und ebenso den „Zeitgeist“ in der jungen Bundesrepublik zu beschreiben: Während sich die BRD und Frankreich wieder annähern, besteht seitens der BRD kein Interesse den Aktionen der Roten Hand größere Bedeutung beizumessen oder gar öffentlich gegen sie vorzugehen.

Heimbach hat umfangreich recherchiert und die Ergebnisse sorgfältig in die Handlung eingebunden.

Während Ex-Legionär Streich ein bescheidenes, friedliches Leben in seiner verkommenen Umgebung führt und sich in seiner primitiven Unterkunft bei Edith Piafs „Mon légionnaire“ von seinen traumatischen Erlebnissen in der Legion ablenkt, herrscht draußen der Krieg zur Unabhängigkeit Algeriens und der Terror der Roten Hand, in den Streich hineingezogen wird – mit allen Konsequenzen.

Ein Thriller, der laut Klappentext so ist: filmreif ….. Ein film noir, leiser Jazz, dunkle Straßen – und das Bild von Männern in Trenchcoats mit hochgeschlagenem Kragen.

Eine spannende Story und zudem eine Anregung, sich mit der Zeit der Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens und deren Begleitumständen zu beschäftigen.

In einem mehrseitigen Nachwort beschreibt Jürgen Heimbach ausführlich die Fakten zu Fremdenlegion unter der Beteiligung deutscher Legionäre, FLN, Rote Hand sowie der Umgang in der Bundesrepublik mit den Attentaten des französischen Geheimdienstablegers.

— O —

Jürgen Heimbach: Die Rote Hand, erschienen im Weissbooks Verlag, 2019

PHOTO - Buch und Rote Hand

Copyright ©Robin Schmerer

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