Philip Kerr: Die Hand Gottes

IMG_0598DIE HAND GOTTES entspricht den Vorstellungen von Klein-Fritzchen über Fußball – wenn er denn nicht glühender und kritikloser Anhänger von Bayern München, Real Madrid oder anderen dieser nahezu göttlichen oder königlichen Vereine ist.

Die Fußballwelt von Scott Manson, dem fiktiven Trainer des ebenfalls fiktiven Spitzenclub der englischen Premier League, London City, strotzt von Skandalen,  milliardenschweren Clubbesitzern, kriminellen  Funktionären, sensiblen Spielergestalten, brutalen, empathielosen Grätschern und Tretern, arroganten Möchtegernstars und skrupellosen Spielervermittlern. Dazu kommen die unsportlichen Fans und Hooligans, auch die Edelnutten sind nicht fern, um bestechliche Funktionäre zu beglücken und geile Spieler zu befriedigen.

In diesem Umfeld gibt es nur wenige Normalos, einer davon ist Scott Manson. Und dem scheint die Mannschaft zu entgleiten und auch sein Job, als bei einem Qualifikationsspiel der Chamions League in Griechenland einer seiner besten Spieler tot umfällt. Ein Herzinfarkt soll den genialen Spieler umgehauen haben, doch da die Ärzte streiken, kam Hilfe zu spät. Da auch die Pathologen unter ihnen streiken, kann zunächst die Todesursache nicht festgestellt werden. Als zudem noch die Schöne eines Escort-Service tot aus einem Hafenbecken in der Nähe gefischt wird, wird die englische Mannschaft samt Trainer in Athen festgesetzt, denn das Girl war in der Nacht vor dem Tod des Fußballers dessen „Gast“. Die Polizei schließt nicht aus, dass Personen von London City in den Todesfall verwickelt sind.

Keine Hoffnung für Manson bei lässigen, für Fakelaki empfängliche Polizisten und streikenden Pathologen schnell Klarheit über die Todesfälle zu bekommen und Griechenland mit seiner Mannschaft wieder verlassen zu dürfen. Deshalb entscheidet sich der Trainer für zweierlei: Das Rückspiel will er in Griechenland bestreiten und bis sich bis dahin selbst darum kümmern, wie es zu den zwei Todesfällen kommen konnte.

Den Beweis für seine Fähigkeiten als Ermittler hat Scott Manson bereits erbracht. Vor einigen Monaten hatte er den Mord an seinem Vorgänger João Zarco aufgeklärt, unter dem er als Co-Trainer gearbeitet hatte (Philip Kerr: Der Wintertransfer). Und das gelingt ihm auch in diesem Fall.

Philip Kerr beschreibt in diesem Thriller die Machenschaften der Vereinseigner und -bosse sowie von Spielervermittlern und den Fußballakademien in der Dritten Welt und deren Einfluss auf den englischen Fußball mit Verweisen auf die großen Player auf und neben dem Rasen.

Das Geschäft mit dem Fußball und den Spielern in der Welt eines Roman Abramowitsch oder José Mourinho ist die Basis dieses Thrillers und zugleich in der Verknüpfung von realen Ereignissen mit der fiktiven Story der Schwerpunkt des Buches.

Ein faszinierender Einblick und nebenbei ein passabler Thriller mit reichlich schmutzigen Geschäften, bei dem der Thrill um die Tode und deren Aufklärung in den Hintergrund tritt – nicht nur für Klein-Fritzchen.

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Originaltitel: Hand of God (UK 2015), dt.2016 (Übersetzung: Hannes Meyer)

 

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Jesper Stein: Bedrängnis

IMG_0621Skandinavische Kommissare zeichnen sich in Krimis oft dadurch aus, dass sie Melancholiker sind oder saufen oder drogenabhängig oder sexbesessen sind. Zudem bewegen sie sich bei ihren Ermittlungen häufig am Rande der Legalität oder gehen noch ein Stück weiter.

Vizekriminalkommissar Axel Steen von der Kopenhagener Kripo verhält sich partiell untypisch: Er ist kein Melancholiker.

Aber was ist typisch, was untypisch in dieser Gemengelage, von der Jesper Stein seinem dritten Fall für Kommissar Stein erzählt.

Axel Steen ist am Tiefpunkt angelangt, kokst, säuft, lässt sich von einer Stripperin und deren kriminellen Hintermännern linken. Seine Ehe ist Vergangenheit, alle paar Wochen kümmert er sich mehr schlecht als recht um seine Tochter Emma. Die Ex lebt mit seinem Chef und einem Baby aus der neuen Beziehung zusammen. Sie lechzt danach, als Verteidigerin aus dem Sumpf banaler Strafverfahren herauszukommen, endlich einen anspruchsvollen Fall zu übernehmen, und nach erfülltem Sex abseits ihrer festen Beziehung. Ihr neuer Partner fühlt sich bei Beförderungen übergangen und hat noch das Problem, in seiner Mannschaft einen Maulwurf zu haben, der einen Gangsterboss vor jeder Aktion gegen ihn und dessen Vasallen warnt. Vieles deutet darauf hin, dass der häufig Lines ziehende Steen der Maulwurf ist.Und zur Gemengelage gehören neben anderen, die als Maulwurf infrage kommen können, selbstverständlich auch der Drogendealer Moussa und dessen Boss, der Dicke genannt, die große Nummer im Trafficking-Geschäft. Während der Dicke anonym im Hintergrund agiert, will die Kopenhagener Polizei und Staatsanwaltschaft mit oder gegen den dänischen Geheimdienst Moussa zur Strecke bringen, der offenbar einen dreifachen Mord in Auftrag gegeben hat. Allerdings wurde der Auftrag nicht ausgeführt. Axel Steen hatte in dem Fall ermittelt.

Nun wird es chaotisch: Steen wird von Moussa erpresst, soll Informationen zum Vorgehen beim Prozess liefern. Steens Ex-Frau wird dagegen von Moussa als Verteidigerin verpflichtet. Während der völlig verkokste und zugedröhnte Steen der Staatsanwältin als Unterstützung dienen soll, er andererseits aber immer mehr in die Abhängigkeit von Moussa gerät, nimmt die Story eine Wende. Eine Entwicklung beginnt, in der sich ursprüngliche Gemengelage völlig verändert. Dabei wird das Böse nicht gut und das Gute nicht böse. Aber es gibt genug Verwerfungen, die im Showdown dazu führen, dass es mächtig schneit im Staate Dänemark, Axel Steen mittendrin ist und einige Leichen vom Schnee überzogen werden. Der Maulwurf kann sich nicht verkriechen. Und der Dicke? Der hat ein übles Spiel getrieben mit Axel, mit seinen Vasallen – und auch mit mir als Leser.

In Bedrängnis bringt Jesper Stein seinen Helden Vizekriminalkommissar Axel Steen so in Bedrängnis, dass dem Leser angst und bange wird: Axel Steen am Abgrund, dann abgestürzt. Lange Zeit scheint es so zu sein, als wäre dies der letzte Fall, in dem der Kommissar ermittelt – aber eine solch erfolgreiche Reihe wird auch ein Jesper Stein nicht leichtfertig beenden. Anderseits sind einige seiner skandinavischen Kollegen auch nicht mehr aktiv. Wer wissen will, ob es noch einen nächsten Fall für Axel Steen geben kann, der muss sich durch die chaotischen Ereignisse und den spannungsreichen Plot bis zum Ende lesen. Es lohnt sich.

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Originaltitel: Akrash (Dänemark, 2014), dt. 2016 (Übersetzung: Patrick Zöller)

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Mike Nicol: Power Play

IMG_0601Rasant hat uns Mike Nicol in der Rachetrilogie durch das Chaos von Verbrechen und Korruption in Südafrika geführt. Der ehemalige Waffenschmuggler Mace Bishop und sein Geschäftspartner tummelten sich in diesem Sumpf als Inhaber einer Security Firma, versuchten dubiose Klienten zu beschützen und im Kampf gegen die eigenen Feinde zu überleben. Nun hat Mace sich auf die Caymans verzogen, lebt dort von dem Geld aus früheren Gewinnen aus illegalen Geschäften, hat seiner Tochter Christa die Firma übergeben.

Die taffe Tochter, die sich jetzt Krista nennt, bewegt sich weiter im Milieu ihres Vorgängers. Security, aber nur für Frauen aus guter, betuchter Gesellschaft. Doch die lautere Geschäftsidee wird durch einen alten Weggefährten ihres Vaters, den Geheimdienstler Mart Velaze, torpediert: Krista und ihre Partnerin Tami bekommen den Auftrag, für die Sicherheit zweier chinesesischer Investoren zu sorgen. Und mit dem Bruch der Geschäftsphilosophie, zu dem sie von Velaze per Erpressung gezwungen werden, beginnt für die Security-Damen der Schlamassel. Denn die Chinesen haben nicht nur Interesse an legalen Investitionen. Sie wollen auch das illegale Geschäft mit den Seeohren, dieser Delikatesse aus südafrikanischem Küstengewässer, neu – und zu ihren Gunsten – organisieren. Auf südafrikanischer Seite würde das zu Verwerfungen auf der Landkarte krimineller Banden führen, ein Bandenkrieg beginnen. Zudem mischt sich Politik und Geheimdienste in das Geschäft mit den leckeren Muscheln ein und die Neuordnung von Verteilungsprozesses der Seeohren, aber auch anderen lukrativen Geschäften. Südafrikanisches, Nicolsches Chaos!

Während Krista und Tami die Chinesen am Flughafen abholen und ihre Arbeit unwillig aufnehmen, versucht ein Auftragskiller den Bandenboss Titus Anders und dessen noch lebende Kinder zu erschießen. Der Auftrag misslingt, doch dies ist nicht der Anfang einer blutigen Auseinandersetzung. Ein Sohn von Anders wurde bereits ermordet, im Gegenzug haben die überlebenden Söhne bereits den Sohn der mutmaßlichen Auftraggeberin von Mord und Erschießungskommando „in Gewahrsam“. Auch dieser Knabe überlebt nicht. Und der Boss weiß, dass dies nicht der letzte Zug in dem blutigen Spiel ist. Nach den Regeln der Beteiligten wäre nun seine Tochter, innig geliebt vom Daddy, das nächste Opfer. Und so erhält Krista nun auch noch den Auftrag, die junge Dame zu schützen.

Nach diesem Vorgeplänkel wird bricht das völlige Chaos aus. Titus weiß nicht, welchem seiner alten Genossen er noch vertrauen kann. Der Auftragskiller wird wieder tätig, aber auch andere scheinen Interesse an der Beseitigung von Titus Anders und dessen Familie zu haben. Dazu die cleveren Chinesen, die ihre Verhandlungen mit verschiedenen Parteien führen. Nahezu hilflos dazwischen Krista, die sieht, dass sie ihre Aufträge nicht zur Zufriedenheit aller erfüllen kann und dabei noch ihre Geschäftspartnerin Tami verliert, wobei die Anzahl der Player in der Auseinandersetzung um das Seeohren-Geschäft wächst.

Zum Schluss ist alles wieder im Lot: Das Geschäft mit den Seeohren ist zur Zufriedenheit einiger neu geregelt. Die, die hätten unzufrieden sein müssen, erleben es nicht mehr, sind sämtlich irgendwo in ihrem Blut geendet. Zudem gibt es Kollateralschaden und schließlich die Gewissheit, dass das Ende dieser Episode Anfang einer neuen, ebenso chaotisch, blutigen sein wird, vornehmlich mit Teilnehmern aus den Bereichen der Bandenkriminalität, dubiosen Geheimdienstlern, korrupten Politikern und Wirtschaftsbossen des Landes.

Power Play, ein Spiel mit der für Mike Nicol üblichen Konstellation des Personals: Sexy Weibern mit knackigen Ärschen und fiesen männlichen, zumeist schwanzgesteuerten Widerlingen. Ein Spiel um politische, monitäre und auch sexuelle Macht, rasant erzählt und mit Action, Spannung gespickt und reichlich blutunterlegt.

Nichts wirklich Neues von Mike Nicol, jedoch geschickt im Seeohren-Umfeld dargestellt und wiederum lesenswert, weil es eine Menge überraschender Wendungen in diesem Powerplay gibt.

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Originaltitel: Powerplay (2015, Südafrika), dt. 2016 (Übersetzung: Mechthild Barth)

Die drei Bände der Rachetrilogie:

payback

 killer country

black heart

Mart Velaze ist bekannt aus Mike Nicols Bad Cop

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Über Namen und Handlungszüge, die Mike Nicol  von Shakespeares „Titus Andronicus“ auf Power Play übertragen hat, berichtet Sonja Hartl im Blog Zeilenkino in einer Rezension des Buches.

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Zwei unkonventionelle Krimis von Christiane Geldmacher: „Love@Miriam“ und „Willkommen@daheim“

„….wahrscheinlich der erste Versuch, das gesellschaftliche Phänomen Facebook literarisch darzustellen. Und er ist ihr gelungen“, schrieb Joachim Feldmann (Die Welt) über Love@Miriam.

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Love@Miriam

Dieser „erste Versuch“ ist tatsächlich gelungen. Darin tapert Harry Weingarten sowohl im wirklichen Leben aber besonders in der Welt von Facebook und dem „www“ unbeholfen herum, mit dem einzigen Ziel, seine Ex-Freundin Miriam zu überzeugen, wieder zu ihm zurückzukommen. Harry hatte die Flucht ergriffen vor den Problemen dieser Welt – und das waren sein dementer Vater, die überforderte Mutter und Freundin Miriam, die von ihm forderte, „mehr für die Familie“ zu tun.

Harry tauchte für Wochen unter. Das war das Ende der Beziehung zu Miriam. Kurz danach war Miriam in einer neuen Beziehung zu Ben. Fast ein Jahr dümpelt das Leben von Harry so vor sich hin, brav verkauft er Druckerpatronen und trauert Miriam nach, doch dann beginnt er ein neues Leben – ein Leben mit Facebook, ein Leben in dem er um Miriam kämpft, sie mit allen Mitteln dieses sozialen Netzwerkes aus den Klauen Bens zurückholen will.

Er meldet sich bei Facebook an, versucht dilettantisch, sich ein Netzwerk von Freunden darin aufzubauen, will damit Miriam imponieren. Mit den Versuche, seine immer noch anhaltende Liebe zu Miriam zu zeigen, macht er sich lächerlich, findet Feinde statt Freunde, belästigt seine Ex und deren Neuen. Harry lebt so intensiv in der virtuellen Welt und mit seiner Obsession, dass er seinen Job verliert, sich verbliebene reale Freunde von ihm abwenden. Schließlich wehrt sich  Nebenbuhler Ben gegen die Belästigungen Harrys, lässt ihn von zwei Schlägern verprügeln. Kurze Zeit später wird Ben tot in seinem Auto aufgefunden – ermordet. Harry gerät in Verdacht, der Mörder zu sein, verstrickt sich bei Verhören durch törichtes und für einen Mörder völlig unprofessionelles Verhalten mehr und mehr, und wird letztlich doch nicht als Mörder überführt. Da sich einer der Kommissare zudem noch in Harrys Mutter verknallt, ist die notwendige Konzentration des Ermittlers auch futsch. Wie es weiter geht, schreibt Christiane Geldmacher in Willkommen@daheim.

Love@Miriam beschreibt eine absurde Welt, in die sich Harry Weingarten aus Liebe zu Miriam begibt, eine Welt in der er sich scheinbar ohne Sinn und Verstand als Wandler zwischen Realität und Virtualität hin und her bewegt. Von der er nicht weiß, wann er sich in welchem Bereich aufhält. Ein Simplicius, der zum Schluss dabei ist, sein Ziel zu erreichen.

Beim Versuch, diesen Krimi in eine der vorhandenen Genre-Schubladen zu packen, kommt man der des Psychothrillers sehr nahe. Aber so richtig passt er nicht hinein: Bei allem Thrill, den Christiane Geldmacher hier aufbaut, es ist nicht nur das wechselnde Verständnis für Harry – mal drückt man ihm die Daumen, dass seine Rückholaktion gelingen möge, mal beschimpft man ihn als Idioten – es ist diese tapsige, unbedarft erscheinende Vorgehensweise Harrys, die Leser schmunzeln lässt und das Buch zu einem unkonventionellen Krimi macht.

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Willkommen@daheim

Er hat sie wieder! Harry ist wieder mit Miriam zusammen, wohnt jetzt im Rheingau auf einem alten Weingut, nicht nur mit ihr, sondern auch noch mit seiner Mutter und dessen neuen Freund – jenem Kommissar, dem es nicht gelang, Harry den Mord an Ben nachzuweisen (sh. Love@Miriam) Nun muss sich die WG mit einigen kriminellen Erscheinungen auseinandersetzen: Rebstöcke werden abgeschnitten und die Scheune, die Miriam als Antiquariat einrichten will, wird abgefackelt.

In dieser realen Welt hat Harry wieder einen Job, diesmal ist er als Eventmanager unterwegs, der Kommissar macht ein Sabbatical und alles erscheint – bis auf oben erwähnte Ereignisse – als„Friede, Freude, Eierkuchen“. Aber Harry wäre ja nicht Harry wie wir ihn kennengelernt haben, wenn er nicht wieder durch chaotisches Verhalten auffallen würde. Das Chaos erreicht den Höhepunkt, als Harry bei einem Ausflug, den er seiner Miriam verheimlicht, seinen Wanderkumpel verliert. Der stürzt im Elsass ab, bricht sich dabei das Genick. Statt den Unfall zu melden, gerät Harry nun wiederum in ungeheure Kalamitäten, und ein weiteres Mal in den Verdacht, am Tod eines Menschen aktiv beteiligt gewesen zu sein. Hinzu kommt, dass sich unser Held verfolgt fühlt- was er natürlich auch vertuscht. Und dann stirbt noch jemand. Derjenige, der Harry offensichtlich verfolgt hat. Harry, man mag es kaum glauben, war wieder in der Nähe des Unfallorts. Harry ein Todesengel? Oder doch zum Ende ein Glückspilz?

Die letzten Sätze des Buches: „Es wird alles gut……Ein Omen für eine bessere, hellere Zukunft. Weshalb fällt mir dann statt „Stairways to heaven“ nur „Highway to hell“ ein?“

Heaven oder Hell für Harry, das ist die Frage.

Zweimal feine, amüsante Unterhaltung im Krimiformat, geboten von Christiane Geldmacher

Love@Miriam ist 2012 erschienen, Willkommen@daheim 2016

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Dominique Manotti: Schwarzes Gold

IMG_0602Das Geschäft mit Erdöl, dem schwarzen Gold, ist ein schmutziges Geschäft. Für Wenige ein ein sehr einträgliches, einige der Profiteure überleben dabei nicht.

Ein solches Szenario beschreibt Dominique Manotti in „Schwarzes Gold“ mit dem Protagonisten Michael Frickx, einem Rohstoffhändler, der zunächst abseits des Erdöls global für eine US-amerikanische Firma agiert. Als designierter Nachfolger seines Firmenbosses heiratet Fricks zunächst die Enkelin eines südafrikanischen Unternehmers, der zahlreiche Minen besitzt, aus denen wertvolle Bodenschätze gefördert werden. Das mutet zunächst wie eine Win-Win-Situation zur Arrondierung von Territorien und einer Ausweitung des jeweiligen Geschäfts an, analog den Kuppeleien europäischer Adelshäuser in den vergangenen Jahrhunderten.

Doch Michael Frickx hat ein anderes Ziel. Er erkennt, dass das Geschäft mit dem Erdöl neu verteilt werden wird. Statt der westlichen Ölkonzerne, bisher Ausbeuter und Profiteure nahöstlicher Ölquellen, streben die Länder an, die Gewinne aus dem schwarzen Gold zu ziehen, das auf ihrem Territorium lagert. Und was sich zunächst als kleines Geschäft neben dem der als sieben Schwestern bezeichneten Ölkonzerne entwickelt – illegal betrieben von Schmugglern und anderen Kriminellen –, wird schließlich im Jahre 1973 im Iran durch die Übernahme der vollständigen staatlichen Kontrolle über die Ölförderung zum legalen Geschäft für neue Player abseits der Ölkonzerne. Frickx will einer dieser Player werden.

In diesem Jahr, 1973, wird in Marseille der ehemalige Dogenschmuggler und zu der Zeit als ehrenwert angesehene Unternehmer Maxime Pieri auf offener Straße in Marseille erschossen, kurze Zeit später auch dessen wichtigster Mitarbeiter auf dem Flughafen in Nizza. Zeitgleich stirbt auch noch der Kapitän eines von Pieris Schiffen in Istanbul auf dubiose Weise.

Marseiller Polizeibosse deuten den Mord an Pieri als eine Abrechnung im Drogenmilieu, wollen die Akte möglichst schnell und ohne aufwändige Suche nach einem Mörder schließen.

Doch Kommissar Daqiun, neu in Marseille und nicht mit den örtlichen Netzwerken der Kriminellen vertraut, hat nichts anderes im Sinn, als die Motive für den ersten Mord und die weiteren zu finden.Dabei stößt er auf weniger ehrenwerte Geschäfte Pieris und dessen Verbindungen zu Frickx. Es ist Schmuggel in diversen „Produktbereichen“, sind seltsame Firmenkonstrukte mit Sitz auch in Steueroasen, auf die Daqiun mit seinen Mitarbeitern stößt. Schließlich auch auf das Geschäft mit dem Eröl abseits der zur der Zeit üblichen Strukturen.

Parallel dazu erleben wir Frickx, wie er aus den Anfängen seiner Aktivitäten im Erdödölhandel – und transport den Deal vorbereitet, der das kleine Geschäft aus der Grauzone einem legalen Milliardendeal boomen lassen soll.

In einem „Beschleunigten Verfahren“ sollen die Morde innerhalb von zwei Wochen aufgeklärt werden. Mehr erlauben die Justizbehörden den Ermittlern nicht, wohl wissend, dass die Mördersuche wegen der Komplexität der Angelegenheiten vermutlich nicht abgeschlossen werden kann, die Akte Pieri damit erledigt sein würde.

Dominique Manotti schildert hier in einem spannenden Plot, wie sich das Geschäft mit dem Öl in jener Zeit verändert hat.Was sie hier auf diese zwei Wochen im März fokussiert darstellt, ist eine kleine Facette bei der Neuverteilung des Milliardengeschäftes, in dem die ein Teil der alten Profiteure durch einige neue ersetzt wurden. Ein weniger schmutziges Geschäft ist es seitdem nicht geworden. Bei soviel Geschichte um „Schwarzes Gold“ kommt dennoch Commissaire Daquin nicht zu kurz. Er ist der Zeigefinger Manottis, der auf die obskuren Geschäfte sowie die politischen Machenschaften in diesem Umfeld hinweist und es ab und zu mit seinen Lovern mal zärtlich, mal heftig, mal vor und mal nach dem Essen treibt – und das ist gut so.

Fazit: Spannender und interessanter Krimi aus der Welt des „Schwarzen Goldes“ und der Arbeit und dem Leben des ungewöhnlichen Commissaires, geschrieben in der Sprache des Noirs, unverwechselbar und aszinierend von Dominique Manotti erzählt.

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Originaltitel: Or noir (Frankreich, 2015), dt. 2016 (Übersetzung: Iris Konopik)

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Max Annas: Die Mauer

IMG_0600Die Welt könnte so schön sein. Gerade hat der  farbige Student Moses von seinem Professor zwei Kisten Bücher geschenkt bekommen und Freundin Sandi lockt mit einem fantastischen Nachmittag und kühlem Bier.

Doch dann kommt es anders. Moses alter Toyota verreckt irgendwo auf einer Straße bei Johannesburg, zudem ist der Akku des Handys leer, bevor er einen Kumpel um Hilfe bitten und Sandi informieren kann. Die nächste Zivilisation: eine Gated Community. Dort will er versuchen, Hilfe zu erhalten. Doch der Versuch scheitert zunächst. Zwar gelangt er durch das Tor der mit einer hohen Mauer umgebenen Community der „besseren weißen Gesellschaft“, die sich vor dem „schwarzen Pack“ schützen will. Schnell wird er jedoch von der Security durch Kameras als Fremdkörper geortet und als vermeintlicher Einbrecher identifiziert. Nahezu zeitgleich hat sich ein Einbrecherpärchen Zugang zu dieser geschlossenen Gesellschaft verschafft und schaut nach Häusern, bei denen die Bewohner ausgeflogen sind und Beute versprechen. Sie werden auch fündig, nur dass sie neben der Beute auch auf eine Leiche stoßen.

Während die Leute der Security-Firma nun versuchen Moses zu stellen, der sich geschickt vor ihnen zu verbergen versucht und dadurch bewirkt, dass immer mehr Fänger das gesicherte Terrain nach dem schwarzen Studenten durchsuchen, vergeht Moses vor Angst, denn er weiß, dass die Sicherheitsleute nicht lange fackeln, wenn sie ihn fassen. Es ist sogar ein tödlicher Ausgang der Jagd denkbar, denn die Sicherheitsleute sind bewaffnet und das „schwarze Pack“ ist nichts wert.

Es entwickelt sich eine konfuse Lage, die ins Chaotische abdriftet, als Moses mit körperlichem Einsatz sich vor ersten Versuchen, ihn zu ergreifen, seinen Häschern entzieht. Peinlich für die Security-Fuzzis, dass der kleine vermeintliche Ganove nicht zu erwischen ist. Da wird ihm von seinen Verfolgern Brutalität und Vergewaltigung angehängt, was zur Folge hat, dass nun auch noch die Polizei mit einem riesigen Aufgebot in die Community stürmt.

Das Ganze mündet in eine schier unglaubliche Ballerei, die in einem Western des letzten Jahrhunderts nicht actionreicher hätte dargestellt werden können. Doch diese Szenen von Missverständnissen und falschen Reaktionen der überforderten Sicherheitskräfte – gleich ob Polizei oder Security – sind von lesenswerter Komik und die Helden sind letztlich die, die nicht schießen, die nur zur falschen Zeit an einem Ort sind, an den sie nicht hingehören.

Max Annas beschreibt die Spannung zwischen den Bewohnern innerhalb der Mauer inklusive ihrer Beschützer und jenen, die dort nicht geduldet werden, präzise. Es ist aber auch die Mauer in den Köpfen der „besseren“ Menschen, die sich und ihr Leben von denen abgrenzen wollen, die sie für unwürdig halten, einen annehmbaren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, die seit Ende der Apartheid in einem Prozess der Veränderung befindet – und nur noch durch Mauern getrennt gehalten werden kann. Wird die Mauer durchbrochen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: eine schnelle, lautlose Lösung oder Chaos mit ungewissen, zumeist negativem Ausgang für Schwarz, Sieg von Weiß.

Max Annas bietet eine dritte Variante – und die gefällt: Zwei Stunden, die die Ordnung in der Gated Community durcheinanderbringen, weil der vermeintliche Dieb keiner ist und die Einbrecher zu einem harmlosen Pärchen mutieren, das angesichts eines viel größeren Verbrechens zu Sympathieträgern der Branche wird. Diese zwei Stunden schildert Annas in den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten und durch ständig Wechsel. In vier bis fünf Stunden Lesezeit erleben wir die verschiedenen Anblicke, Sichtweisen und Deutungen von dem, was dort passiert. Manchmal in Zeitlupe und so kann eine Minute mit Perspektivenwechseln zu einem Vielfachen werden. Das alles in des Autors Art in knappen Sätzen, ohne Abschweifungen, immer so, wie wir es als „Fakten, Fakten, Fakten“ irgendwoher kennen.

Ein Südafrika-Thriller der feinen Art.

Max Annas: Die Mauer, Deutschland 2016. Ebenfalls von Max Annas: Die Farm (2014)

 

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Keigo Higashino: Ich habe ihn getötet

IMG_0578Drei Mal – von drei verschiedenen Personen – gibt es das Geständnis „Ich habe ihn getötet“. Ein Motiv hatte jede, den berühmten Drehbuchautor Makoto zu vergiften, auch die Möglichkeit. Aber ein gemeinsamer Mord war es nicht. Der Thriller, der so harmlos als „Whodunit“ daherkommt, kann ein Graus sein für Leser, die am Ende des Buches den Mörder präsentiert bekommen wollen, er ist grandios für Spürnasen, die selbst die Lösung finden möchten.

Dabei dürfen sie sich nicht auf die falsche Fährte locken lassen, müssen nicht den Weg vordergründiger Vorgehensweisen der Verdächtigen folgen. Und wenn man dann – wie ich – am Ende den letzten Satz von Kommissar Kaga liest: „Der Mörder sind sie“, und sich fragt, wer denn nun der oder die Angesprochene ist, dann wird nach ergebnisloser Überlegung zum letzten Mittel gegriffen: Dem Aufschlitzen der letzten sieben Seiten des Buches mit der „Anleitung zur Lösung“. Danach erfolgt das Blättern und Suchen nach der entscheidenden Stelle im Thriller.

Dabei fing alles so überschaubar an:

Am Tag vor seiner Hochzeit vergiftet sich die Ex-Freundin des Drehbuchautors in dessen Garten. Um einen Skandal zu vermeiden, lässt der Ex zusammen mit seinem Manager die Leiche verschwinden. Doch schon am nächsten Tag stirbt auch Makoto zu Beginn seiner Hochzeitsfeierlichkeiten. Er bricht auf dem Weg zur Trauungszeremonie zusammen, vergiftet wie die Ex-Freundin.

Aus der Sicht der drei, im Verlaufe des Romans Geständigen wird geschildert, wie ihr Verhältnis zu Makato ist/gewesen ist, was Motiv für die Tat hätte sein können. Der Bruder der Braut, der Manager von Makato und seine Lektorin, die die Brautleute miteinander bekannt gemacht hat, schildern, weshalb sie getötet haben und wie sie Zugriff auf die Pillen hatten, in denen sich das Gift offensichtlich befunden hat. Die Zahlenspielchen, wer, wann, wo wieviel von den Tabletten in den Händen gehalten und an wen weitergegeben hat, ist verwirrend und zwanghaft versucht man den richtigen Weg der falschen Pillen im Kopf zu verfolgen. Eine Superspürnase, wem das gelingt!

Einer, Kommissar Kaga, lässt sich nicht verwirren, geht unabhängig von diesem wirr erscheinenden Staffellauf von Pillen und deren Behältnissen den richtigen Weg.

Auch wenn es von großem Interesse ist, wer denn für den Mord an dem Unsymphat Makoto verantwortlich ist, er ist tot und gut ist’s. Er hat Frauen übel mitgespielt, eine davon war die Lektorin. Seine größten Erfolge erzielte er mit den adaptierten Ideen seines Managers. Heiraten wollte er lediglich, um das Leben seiner Zukünfigen zu verfilmen, die sich aus einem einfachen Bürojob kommend zu einer äußerst erfolgreichen Autorin entwickelt hatte. Die er aus egoistischen Motiven deren Bruder, der mit seiner Schwester ein glückliches Liebesleben führte, wegnehmen wollte.

Drei Motive, drei Möglichkeiten, den Chef, Autor bzw. Bräutigam der Schwester umzubringen, und nur ein Weg der Realisierung, bei der die Pillenzählerei völlig überflüssig ist.

„Ein Thriller der besonderen Art“ (FAZ), der in Japan angesiedelt ist, der von der Empathie derer getragen wird, die sich als Mörder bezeichnen – und es bis auf einen Ausnahme – gar nicht sind. Und dazu ein intelligenter Kommissar, der beobachtet und kombiniert bis er die Lösung hat, sie uns aber nicht verrät.

Ich habe ihn getötet, ein grandios geschriebener Roman.

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Originaltitel: Watashi ga kare wo koroshita (Japan, 2002), dt. 2016 (Übersetzung: Ursula Gräfe), mit einer Anleitung zur Detektivarbeit am Ende des Buches

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