Lee Child: Die Hyänen

Es hat lange gedauert, bis Jack Reacher bei mir aufgetaucht ist. Genau genommen mit dem 24. Buch seiner Reihe, die Lee Child vor rund 25 Jahren mit Killing Floor, in der deutschen Ausgabe Größenwahn, begonnen hat.

Er läuft zeitweise mit 4 Knarren herum, mäht damit ein Dutzend Leute in Minutenschnelle nieder. Das ist Jack Reacher wie er leibt und lebt. Eine Leistung fast vergleichbar mit der des tapferen Schneiderleins im Märchen. Das hat allerdings mit nur einer Waffe Sieben auf einen Streich erlegt.

Wie beim Tapferen Schneiderlein verläuft es anfangs auch bei dem Helden im 24. Buch der Reihe: Er ärgert zwei Riesen – einer nennt sich Albaner, der andere stammt aus der Ukraine – zwei Bosse, die die Stadt mit ihren Truppen, bestehend aus Landsleuten, unter sich aufgeteilt haben. Es sind die Titel gebenden Hyänen, die mit Schutzgelderpressung, Prostitution, Drogenhandel, Zinswucher und so mancher anderen für sie ehrenwerten Tätigkeiten ihr Vermögen vermehren, Straßen, Plätze, Kneipen und andere Etablissiments kontrollieren, Terror ausüben.

In diese Szenerie gerät Reacher, als er einem alten Ehepaar helfen will, die sich den Kredithaien ausgeliefert haben.

Was als scheinbar neckisches Spielchen basierend auf Reachers Gerechtigkeitssinn in Robin-Hood-Manier beginnt, geht bald über in ein Gemetzel – mit Toten bei Albanern und Ukrainern, schließlich aber alle gegen einen. Und dieser Eine ist grandioserweise Jack Reacher, der aber mit vier Knarren …….. (sh.o.). Wenn es denn noch schlimmer wird, kann er sich auf seine Mitstreiter verlassen. Sind keine Knarren dabei, geht es auch mit Fäusten und größtmöglichem körperlichen Einsatz. Und wiederum ist Reacher der Sieger. Einsatzbereitschaft, Geschwindigkeit und Effizienz sind seine Vorteile, die in den Auseinandersetzungen seitenlang beschrieben werden.

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ACHTUNG SPOILER

Schließlich das Ende: Die Bösen leben nicht mehr, das alte Ehepaar kann wieder sorgenfrei leben. Nur eine Person unter den Überlebenden ist traurig, Abby, die niedliche Komplizin des Helden, die er aus dem üblen Milieu befreit hat, aber die ihn nicht – wie erhofft – in ihrem Bett halten kann.

Reacher kauft sich ein Ticket und reist ab.

Nichts anderes werden Reacher-Fans erwarten, wenn sie dieses 24. Band der Reihe in die Hand nehmen. Vermutlich würden sie ihrem Helden gern mit höchster Achtung, jedoch kumpelhaft auf die Schulter klopfen. Ich lasse ihn weiterziehen.

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Lee Child präsentiert eine Story, die reich an Action ist, trotz Dutzenden von Toten aus Sicht des ehemaligen Militärpolizisten moralisch einwandfrei, aber so bringt Reacher sein Missfallen Kriminellen gegenüber zum Ausdruck.

„Lee Childs Thriller sind von einer Härte und Spitzenqualität wie polierter Stahl!“ wird Publishers Weekly vom Verlag zitiert.

Nach meinem Empfinden beinhaltet dieser Band jedoch einen simpel gestrickten Plot, in dem „Action“ Brutalität, Ballereien und Blut bedeutet.

– – – O – – –

Lee Child: Die Hyänen, erschienen bei blanvalet (2022), übersetzt von Wulf Bergner, Originaltitel: Blue Moon (GB, 2019)

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Ian Rankin: Ein Versprechen aus dunkler Zeit

Wieder einmal erweist sich Ian Rankin als Meister im Auslegen von „Red Herrings“.

Es ist eine vertrackte Situation in der sich Rebus‘ Tochter Samantha befindet: Ihr Mann Keith ist verschwunden und einiges deutet darauf hin, dass sie damit etwas zu tun hat. Samantha hatte ein Verhältnis zum Boss einer seltsamen Kommune, die sich in der Nähe ein Stück Land gepachtet und dort niedergelassen hat.

In dieser Situation bittet sie ihren Vater um Hilfe, Keith wiederzufinden. Der macht sich sofort auf den Weg von Edinburgh nach Naver an die Küste Schottlands hoch im Norden. Zunächst wird das verlassene Auto von Keith gefunden, danach entdeckt Rebus dessen Leiche in einem längst verlassenen Lager, das zu Zeiten des 2.Weltkriegs als Gefangenenlager für Ausländer und kriegsgefangene Deutsche diente. Keith Obzession war es, die Geschichte des Camps aufzuzeichnen und daraus eine Erinnerungsstätte als Touristenmagnet zu machen.

Nun ist er ermordet und von der zuständigen Polizei wird Samantha verdächtigt, ihren Mann erschlagen zu haben. Unvorstellbar für Rebus, dass seine Tochter dieses Verbrechen getan haben könnte, obwohl – … so ganz ohne Zweifel ist er nicht. Und so macht sich der ehemalige Inspector auf die Suche nach dem Täter, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dabei gerät Rebus immer wieder mit dem ermittelnden Beamten Creasey aneinander, wenn er ihm zu vermitteln versucht, was bei Gesprächen mit alten Bewohnern des Ortes zu erfahren war. Menschen, die im Camp gefangen gehalten wurden, dort arbeiteten oder in anderer Verbindung zu dem Lager standen. Doch alle Versuche, Creasey auf eine andere Spur zu bringen, scheitern zunächst.

Hilfe bei seinen Recherchen erhofft sich John Rebus von Siobhan Clarke, einer ehemaligen Kollegin und Freundin, die sich in Edinburgh allerdings mit der Aufklärung eines anderen Mords beschäftigen muss. Und wie der Zufall so will, gibt est eine gewisse Schnittmenge, in der sich einige der Akteure bewegen. Doch dadurch werden die Ermittlungen hier und dort nicht einfacher sondern komplizierter.

Aber da Ian Rankin nicht nur ein Meister im Auslegen von „Red Herrings“ ist, sondern auch von komplexen Handlungen, gelingt es ihm, die Spannung steigen zu lassen und Neugier zu erzeugen. So verstrickt die Fälle auch zu sein scheinen, so trivial sind die Motive und letztlich auch die Auflösung.

Bei diesem 23. der John-Rebus-Romane kann sich der Autor sicher sein, das seine Leserschaft aufmerkam jede Wendung der Story verfolgt und spekuliert, wer denn für den Tod von Keith verantwortlich ist, wer für den Toten in Edinburgh. Dabei stößt man auf interessante Charaktere, von Rankin vortrefflich gezeichnet und in Szene gesetzt.

So ist es kein Wunder, wenn die Fans der Rebus-Reihe nach dem Zuklappen des Buches nun auf die Nr. 24 warten.

– – – O – – –

Ian Rankin: Ein Versprechen aus dunkler Zeit, erschienen im Goldmann Verlag (2022), übersetzt von Conny Lösch

Titel der Originalausgabe: A Song For The Dark Times (GB, 2020)

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Matthias Wittekind, Rainer Wittkamp: Fabrik der Schatten

1910. Das Verhältnis zwischen der Republik Frankreich und dem Deutschen Kaiserreich ist bereits wieder – oder immer noch? – gestört. Es hat den Anschein, dass beide Seiten sich auf einen erneuten Krieg vorbereiten.

Da passiert bei Bingen ein Zugunglück. Es gibt mehrere Tote. Nachdem dabei auch Schüsse fallen, flüchten Männer, die Französisch sprechen. Innerhalb des deutschen Geheimdienstes ist man unterschiedlicher Auffassung. Eine gewöhnliche Schießerei zwischen Gaunern oder Tat französischer Agenten auf deutschem Gebiet?

Das Misstrauen innerhalb des deutschen Geheimdienstes in Person von Oberst Lassberg, Leiter der Abteilung Inlandsspionage, und dem Leiter der Spionage Frankreich, Major Craemer prägen diesen Roman.

Dabei geht es nicht nur um den Zwischenfall an dem Bahnübergang bei Bingen, sondern auch um Ereignisse bei der Überführung von drei französischen Flugzeugen, die als Muster für den geplanten Lizenzbau bei den Albatros Flugzeugwerken in Johannisthal dienen sollen. „Flugapparate“, die vordergründig im Postdienst und der Personenbeförderung eingesetzt werden sollen, in Wahrheit jedoch für die Fliegertruppe des deutschen Heeres zum Einsatz kommen sollen.

Die Albatros Flugzeugwerke gab es, auch den Kauf der Flugzeuge und die Überführung aus Frankreich. So ist zu erkennen, dass dieser „Historische Kriminalroman“ auf harten historischen Tatsachen beruht. Auch einige handelnde Personen existierten tatsächlich.

Hauptstrang der Fiktion ist der Versuch von Major Craemer zusammen mit einer Agentin aus seinem Team sowohl den Vorfall bei Bingen als auch das, was bei der Überführung der Flugzeuge passierte, aufzuklären. Dabei werden ihnen einige Schwierigkeiten bereitet, wobei sich die Agentin als äußerst clever erweist – nicht nur in ihrem Handeln, sondern auch auf ihrem Weg zu dieser Aufgabe.

Beim Lesen sind Ungewissheit und Spannungen zu spüren, die zu der Zeit in Hinsicht auf einen bevorstehenden Krieg in Wehrmacht und beim Geheimdienst herrschten, die dazu führten, dass sich mit diversen Unternehmungen auf ein Kriegsszenario vorbereitet wurde.

Die Verknüpfung von Fakten und Fiktion ist Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp vorzüglich gelungen. Herrlich darin auch die Schilderung, wie abenteuerlich zur damaligen Zeit die Fliegerei war und welche Mühe es den Piloten machte, die Flugapparate zu beherrschen.

– – – O – – –

Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp: Fabrik der Schatten, erschienen im Wilhelm Heyne Verlag (2022)

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Bert Lingnau: Singende Barsche – Lustige und bewegende Kriminalfälle aus Mecklenburg und Vorpommern

Es ist schon seltsam, welche großen und kleinen Verbrechen sich im Laufe von 800 Jahren an Mecklenburgs und Vorpommerns Ostseeküste und deren Hinterland ereignet haben. Vom Hinterwäldler bis zum dänischen König reicht die Palette von Tätern und Opfern, wobei der hochherrschaftliche Dänenkönig entführt wurde und als Opfer zu gelten hat. Schlitzohrigkeit, Geldgier und Schulden aber auch persönliche „Animositäten“ waren oftmals Ausgangspunkt für kriminelle Taten.

Tragische Fälle

Einerseits erzählt Bert Lingnau von Morden, bei denen Mitleid mit dem Mörder empfunden wird, oder Opfern, die als Hexe verbrannt wurden, zudem Fälle, in denen Angeklagte verleumdet wurden und das Gericht nach dem Motto „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ urteilte. Na ja, und wie zu DDR-Zeiten Ermittlungen gegen einen mutmaßlichen Kriminellen, der nebenbei der Stasi zuarbeitete, von seinen Kumpanen vorgegangen wurde, ist vorstellbar, gehört aber auch in die zeitliche Bandbreite dieses Büchleins, ebenso wie die Tragik an der deutsch-deutschen Grenze oder dem Erschießen eines US-Spions in der DDR.

Humorvolle Anekdoten

Von den meisten der 62 Fälle wird jedoch anekdotenhaft mit einer herrlichen Prise Humor erzählt, teils auch in lokalem Platt. Von Gaunern in Person von Notar oder „ehrbarem“ Kaufmann ist zu lesen, vom Schafdieb – und selbstverständlich von familiärem Stress mit der Schwiegermutter oder zwischen Eheleuten, der nicht selten in Tötungsdelikten endete. Von amüsanten Geschichten bis solchen mit schwarzem Humor ist alles dabei, manchmal empfindet man auch Schadenfreude.

Arten der Rechtsprechung

Impliziert ist in der Gesamtheit der Geschichten die Entwicklung der Rechtsprechung. Waren es Fürsten oder Herzöge, die einst Recht sprachen, oder Kaiser und Papst, die sich in die Rechtsprechung einschalteten, reicht die Palette bis zur heutigen Art der Prozessführung. Immer wieder kam es aber auch zu Urteilen, die ohne Beweise erfolgten oder zum Verdecken von kriminellen Handlungen, indem Täter nicht verfolgt oder freigesprochen wurden. Häufig werden hierbei Ausschnitte aus Quellen der jeweiligen Zeit zum speziellen Fall zitiert – kursiv innerhalb der Geschichte gesetzt. Zudem ist am Ende des Buches ein umfangreiches Quellenverzeichnis angehängt, das allerdings nicht auf den jeweiligen Fall verweist, auf den sich die Quelle bezieht.

Regionale Aufteilung

Singende Barsche ist in vier Kapitel unterteilt, die sich auf die Regionen beziehen, in denen die Verbrechen verübt wurden: Westmecklenburg, Rostock und Umgebung, Mecklenburgische Seenplatte sowie Vorpommern. Eine Landkarte mit den Tatorten der Kriminalfälle beschließt das Buch. So ist es möglich, einzelne Orte zu besuchen, Gedenksteine zu betrachten und sich noch einmal mit der Geschichte, deren Tragik oder Komik zu beschäftigen.

Was bleibt

Die Titel gebende Story Singende Barsche und die anderen 61 Fälle sind ein interessantes Stück Zeitgeschichte und vor allem eine abwechslungsreiche, oftmals auch spannende Sammlung von auf Fakten basierenden Erzählungen aus dem Nordosten Deutschlands.

– – – O – – –

Bert Lingnau: Singende Barsche, erschienen im Klatschmohn Verlag (2022)

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Anna Jansson: Leichenschilf

Routiniert erzählt Anna Jansson nach über 20 Krimis der Maria-Wern-Reihe im ersten der Kommissar-Bark-Reihe von dem Polizeikommissar, der seit fünf Jahren an einem See in Schweden nach seiner verschwundenen Tochter Vera sucht. Die Tochter war an ihrem Junggesellinnen-Abschied nachts betrunken mit einer Freundin auf den See gefahren und nie wieder aufgetaucht, während die Freundin ertrunken am Ufer gefunden wurde.

Irgendwann wurden die Ermittlungen zu Veras Verschwinden von den Kollegen Barks ergebnislos eingestellt, während Bark noch immer den See zu Fuß umrundet und nach einem Lebenszeichen oder der Leiche der Tochte sucht.

Inzwischen ist eine weitere junge Frau, die sich in der Nähe aufhielt, nach einem Streit mit ihrem Mann nicht wieder aufgetaucht. Auch in diesem Fall wurden die Suche und die Ermittlungen nach einiger Zeit eingestellt.

Als schließlich eine weibliche Leiche am Seeufer angespült wird, gelingt es Bark bei seiner neuen Chefin zu erreichen, dass er die Recherchen zum Verschwinden der zweiten Frau, Camilla, wieder aufnehmen darf. Bei der Leiche könnte es sich um Camilla handeln und da der Kommissar einen Zusammenhang mit dem Fall seiner Tochter vermutet, ist er wieder mittendrin in der Suche nach Vera.

Zwischen Hoffnung, Hoffnungslosigkeit und Wut arbeitet er zusammen mit einem Team aus faulen, desinteressierten Ermittlern und einer sehr engagierten, aber schrägen Kollegin.

Seltsame Typen wohnen in der Gegend, in dem Vera ihren Junggesellinnen-Abschied feierte, darunter Denise, die das Haus ihrer Großmutter erbte und mit ihrem Hund ständig am Ufer des Sees spazierengeht. Im Kleinkindalter starb ihre Zwillingsschwester, nun ist sie mit dem Kontrollfreak Albert liiert, zudem taucht ständig der Fast-Ehemann von Vera auf, der offensichtlich das Verhältnis zwischen Denise und Albert torpedieren will. Bark redet mit allen, insbesondere mit Camillas Mann, dessen damaliges Verhalten ihm recht suspekt erscheint.

Allmählich mutiert der brave Schwedenkrimi dabei in Richtung „Psychothriller“. Und so ist am Ende klar, was passierte, als Vera und Camilla verschwanden, und was die Gründe dafür waren.

Zu lange dümpelt die Story in der Durchschnittlichkeit eines sogenannten „Skandinavienkrimis“, bis erkannt werden kann, was wirklich hinter dem Verschwinden der jungen Frauen steckt, und Anna Jansson damit zum interessanten Teil dieses Krimis kommt.

– – – O – – –

Anna Jansson: Leichenschilf, Blanvalet (2022), übersetzt von Susanne Dahmann, Originaltitel: „Dotter saknad“ (Schweden, 2019)

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Jean-Luc Bannalec: Bretonische Nächte – Kommissar Dupins elfter Fall

Nun steht fest, wohin die Fans von Kommissar Georges Dupin und der Bretagne in diesem Jahr pilgern werden: Zur Mündung des Aber Wrac’h und zur Abbaye des Anges, übernachten und speisen werden sie im Hotel von Claudia Lengeler und Jaques Briand, dem Baie des Anges. Das ist die Gegend, in dem in Bretonische Nächte gemordet wird und Dupin ermittelt.

Die Vorzeichen waren eindeutig. Der Tod von Kadegs reicher Tante war zu erwarten gewesen. Etliche Vorzeichen gab es. Eine Elster, die ums Haus flog. Ein Hahn, der vor Mitternacht krähte. Und andere. Schließlich wurde die Neunundachtzigjährige friedlich entschlafen in ihrem Lieblingssessel auf der Terrasse des Anwesens, der Abbaye des Anges, gefunden. Kein Ereignis, das für Dupin von irgendeiner Bedeutung ist. Als der Kommissar jedoch erfährt, dass sein Inspektor Kadeg in der Nacht nach dem Tod der alten Dame auf deren Grundstück nur knapp dem Tode entgeht, nachdem er einen heftigen Schlag auf den Kopf erhalten hat, ist Dupin nicht mehr zu halten und rast zum Tatort, besucht auch seinen schwer verletzten Mitarbeiter im Krankenhaus.

Es gibt in der Familie einige Mitglieder, die für den Schlag in Frage kommen, ebenso Gärtner und Köchin von Kadegs Tante, einer Hobby-Ornithologin, die wohl einer überraschenden Entdeckung auf der Spur war. Und dann wird der Gärtner ermordet, wobei Dupin entdeckt, dass nicht nur der Schlag auf den Schädel tödlich war. Dieses Ereignis wirft nun ein ganz anderes Licht auf den Tod der alten Dame.

Damit ist die Suche nach dem Motiv für die tödlichen Schläge und …..(da will ich jetzt nicht spoilern)….eröffnet – und Motive gibt es reichlich. Bis auf eins tischt uns Jean-Luc Bannalec einige Red Herrings auf. Ansonsten wird des Öfteren im Baie des Anges aufgetischt, bei dessen Inhabern sich der Autor am Ende des Buches bedankt. (Cui bono – mehr Werbung geht nicht, und wird von mir als penetrant empfunden). So ist Kommissar Dupins elfter Fall neben einer liebevollen Beschreibung der wieder instand gesetzten Abbaye des Anges mit ihrer „bretonischen Version eines Botanischen Gartens“ eine ausgeprägte Werbung für die Gegend um den Aber Wrac’h. Nebenbei und zwischendurch ist eine durchaus interessante Kriminalgeschichte zu erschmökern.

Es erfreut mich immer wieder, Bannalecs Beschreibungen der Finistére, ihrer Bewohner, den Sitten, Mythen und kulinarischen Köstlichkeiten zu lesen, über die ich ohne diese „Krimireihe“ nicht so unterhaltsam informiert wäre.

Darauf einen bretonischen Cidre aus mindestens 14 alten Apfelsorten oder – wer es hochprozentiger mag – einen Lambig, wenn es sein muss zum Kig Ha Farz.

– – – O – – –

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Nächte – Kommissar Dupins elfter Fall, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (2022)

– – – O – – –

Die Kommissar-Dupin-Fälle

1. Fall:  Bretonische Verhältnisse (2012)

2. Fall: Bretonische Brandung (2013)

3. Fall: Bretonisches Gold (2014)

4.Fall:  Bretonischer Stolz (2015)

5. Fall: Bretonische Flut (2016)

6.Fall: Bretonisches Leuchten (2017)

7.Fall: Bretonische Geheimnisse (2018)

8.Fall: Bretonisches Vermächtnis (2019)

9. Fall: Bretonische Spezialitäten (2020)

10. Fall: Bretonische Idylle (2021)

11. Fall: Bretonische Nächte (2022)

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LOUISE PENNY: HEIMLICHE FÄHRTEN – Der sechste Fall für Gamache

Der „sechste Fall für Gamache“ ist einer der interessantesten Romane der Gamache-Reihe, auch der bisher komplexeste von 14, in deutscher Übersetzung erschienen Bänden (von 17 von Louise Penny bisher publizierten).

Interessant ist der Kriminalroman deshalb, da er sich auch mit der Geschichte Québecs beschäftigt, komplex, weil Gamache einerseits hilft, den Mord an einem Hobby-Archäologe aufzuklären, andererseits der Mord an einem Eremiten (Band 5) noch einmal ausführlich behandelt wird, bei dem Oliver, der Betreiber einer Pension in Three Pine, als Mörder identifiziert und verurteilt wurde – möglicherweise zu Unrecht. Zudem spielt sich in den Köpfen von Gamache und Beauvoir ab, was während des Einsatzes geschah, den vier ihrer Kollegen nicht überlebten. Ein Ereignis, dass nicht in einem Buch der Reihe beschrieben wurde, in einigen Folgebänden jedoch immer wieder aufpoppt.

Es ist daher ratsam, zumindest den 5. Band der Reihe zu lesen, bevor mit dem 6.Fall begonnen wird.

Im Hauptstrang des Romans erzählt Louise Penny die Geschichte von der Suche nach dem Mörder von Augustin Renaud, jenem Hobby-Archäologen, der zwanghaft nach dem Grab von Québecs Gründer Samuel de Champlain sucht und über viele Jahre unauthorisierte Grabungen innerhalb der Stadt durchgeführt hat, inzwischen als Spinner galt. Er wurde im Haus der ehrwürdigen Lit and His ermordet, dem Haus der Literary and Historical Society, in deren Bibliothek Gamache in die Historie Québecs abtaucht. Der Superintendent befindet sich zur Zeit nach den Ereignissen des missglückten Einsatzes in Rekonvaleszenz, wird jedoch nach der Entdeckung des Toten von verschiedenen Seiten zur Aufklärung des Verbrechens gebeten – was er auch tut.

Die Lit and His ist der Ort im überwiegend frankophonen Québec, an dem die Tradition der englischsprachigen Minderheit ihre Sprache und Kultur pflegt.

Die Spannungen zwischen den Anglos – von den Frankophonen als Quadratschädel bezeichnet – und der Mehrheit – von den Anglos Froschfresser genannt – existieren auch über 400 Jahre nach Gründung der Stadt noch immer. Dennoch erscheint es seltsam, dass Renaud gerade an dieser Stelle nach dem Sarg des französischen Gründers der Stadt gesucht hat. Was es mit dem nie gefundenen Sarg Champlain auf sich hat, welche Interessen zum Auffinden oder Nicht-Finden von verschiedenen Seiten bestehen, befeuert die Suche nach dem Motiv. Schließlich findet Gamache mit Hilfe eines Indizes den Grund für den Mord und den Auslöser, weshalb um Champlain sich Legenden gebildet haben und einiges über Jahrhunderte vertuscht wurde. (Fein recherchiert von Louise Penny!).

Klappt man am Ende das Buch zu, ergibt sich folgendes Fazit:

  1. In Three Pines ist die Welt wieder in Ordnung
  2. Was wirklich geschehen ist beim missglückten Einsatz, weshalb Gamache die Lage falsch einschätzte, was sonst dabei noch geschah und auch verhindert werden konnte, wird Stück für Stück geklärt
  3. Selbstverständlich wird der Mord am Hobby-Archäologe aufgeklärt, wobei von der Gründung Québecs über die Schlacht britischer gegen französische Truppen auf der Abraham-Ebene um die Vorherrschaft im künftigen Kanada bis hin zu den heutigen Animositäten zwischen Anglos und Frankophonen ein zeitlich breiter Bogen gespannt wird.

Es mag nicht jedem Leser gelingen, sich durch die drei Stränge des Krimis mit Genuss zu lavieren. Wer sich jedoch die Zeit nimmt und die Art, wie Marie Louise Gamache denken und agieren lässt, kennt und mag, wird mit einer herrlichen Lektüre belohnt.

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Louise Penny: Heimliche Fährten – Der sechste Fall für Gamache, erschienen im Kampa Verlag (2020), übersetzt von Sepp Leeb

Originaltitel: Bury Your Dead (USA, 2010)

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Weitere Rezensionen der Armand-Gamache-Reihe auf KrimiLese:

Band 1:  Das Dorf in den roten Wäldern

Band 4: Lange Schatten

Band 5: Wenn die Blätter sich rot färben

Band 7: Bei Sonnenaufgang

Band 8: Unter dem Ahorn

Band 9: Der vermisste Weihnachtsgast

Band 10: Wo die Spuren aufhören

Band 11: Totes Laub

– – – O – – –

Links für Interessierte

Samuel de Champlain

Schlacht auf der Abraham-Ebene

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LOUISE PENNY: TOTES LAUB – Der elfte Fall für Gamasche

Der neunjährige Laurent ist in Three Pines bekannt für seine aberwitzigen Geschichten über Aliens und andere Fantasiegestalten. Als er eines Tages völlig aufgebracht in das Bistro von Oliver und Gabri stürzt und erzählt, er habe im Wald ein Monster gesehen, glaubt ihm das niemand.

Einen Tag später wird er tot in einem Straßengraben gefunden. Was zunächst als Unfall deklariert wird, erweist sich als Mord.

Es ist Armand Gamache, ehemaliger Chiefinspector der Sûreté du Québec, der das Verbrechen erkennt, sich auf Spurensuche begibt und tatsächlich ein Monster im Wald in der Nähe des kleinen idyllischen Örtchen entdeckt, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Warum mußte der Junge sterben? Das ist die Frage, die sich nicht nur Gamache, sondern auch seine Nachfolgerin Isabelle Lacoste, sein Schwiegersohn, ebenfalls Mitglied der

Mordkommission, sowie die Bewohner von Three Pines stellen – und was es mit dem Monster auf sich hat. Dieses erweist sich als Teil der größten Kanone der Welt. DIE Superkanone, Uunter dem Projektnamen Babylon entwickelt in den 1980 ern vom kanadischen Ingenieur Gerald Bull.

Superkanone, Projekt Babylon, Gerald Bull ist die Verortung dieses Krimis in der Realität, der Geschichte wahnwitziger Waffenentwicklungen. Nachzulesen unter diesen Stichwörtern bei Wikipedia und anderen Quellen.

Mit der Entdeckung der Superkanone und der monsterhaften Ätzung, der Hure Babylon auf ihr, gerät die Suche nach dem Mörder des Jungen in den Hintergrund. Gamache und das Team der Ermittler sowie einige der aus inzwischen 17 Bände umfassenden Armand-Gamache-Reihe – davon 14 in deutscher Übersetzung – bekannten Dörfler gehen nur noch der Frage nach, was denn jemanden an der Superkanone so wichtig erscheint, dass er deshalb ein Kind ermordet.

Zudem tauchen eigenartige Typen in Three Pines auf, die Interesse an der Entdeckung haben: ein Geheimdienstpärchen, das sich was Bull und dessen Projekt betrifft, als sehr kundig erweist und ein alter Physikprofessor mit Kenntnissen der Ballistik. Warum das Interesse der Zugereisten so groß ist, und was alte Dorfbewohner aus der Zeit wissen, als die Kanone im Wald aufgebaut wurde, bleibt lange ein Geheimis.

Das Geheimis wird – wie immer bei Gamache-Fällen – selbstverständlich erkannt. So wird schließlich die Geschichte um das Projekt Babylon und die Hintergründe, die dazu führten, aufgedeckt.

Louise Penny erzählt in diesem Fall eine Geschichte, die sich teils sehr nahe an dem Wissenschaftler, Waffenkonstrukteur und -händler Gerald Bull orientiert, andererseits ein fiktives Puzzle ist, auf welches Interesse ein solches Vermächtnis wie die Superkanone stoßen kann. Ausgehend vom Mord an einem nervenden Jungen, ein interessanter Roman mit bewährtem Personal aus Three Pines und den Ermttlern auf der einen Seite, und Geheimnis umgebenden „Interessenten“ auf der anderen.

– – – O – – –

Louise Penny: Totes Laub, erschienen im Kampa Verlag (2022), übersetzt von Nora Petroll

Originaltitel: The Nature of the Beast (USA, 2015)

– – – O – – –

Weitere Rezensionen der Armand-Gamache-Reihe auf KrimiLese:

Band 1:  Das Dorf in den roten Wäldern

Band 4: Lange Schatten

Band 5: Wenn die Blätter sich rot färben

Band 7: Bei Sonnenaufgang

Band 8: Unter dem Ahorn

Band 9: Der vermisste Weihnachtsgast

Band 10: Wo die Spuren aufhören

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Michaela Kastel: Kaltes Herz fast Eis

Dieser Roman „ist wirklich etwas komplett anderes“. „Aber Hey“, sagt Michaela Kastel im Nachwort, „Ich muss doch auch mal was anderes schreiben.“

Bekannt geworden ist Michaela Kastel durch die düsteren Szenarien ihrer vier zuvor bei emons erschienen Thriller. Nun eine Geschichte von Verlust, Schuld und Hoffnung aus der einen, die von Freiheit, Erlösung und Frieden aus anderer Perspektive. Und obwohl sich diese Schlagwörter nach einem Roman von Rosamunde Pilcher lesen, ist Kaltes Herz fast Eis überwiegend so dunkel, wie wir es von Kastels Thrillern gewohnt sind. Nicht blutig, doch dramatisch und von düsteren Gedanken und der Suche nach dem wahren Grund von Unglücken geprägt.

Alex ist beim Bergsteigen tödlich verunglückt. Was passierte, ist für seine Verlobte Caroline nicht geklärt. So macht sie sich aus Wien in die österreichische Bergwelt auf, zu erfahren und zu verstehen, was der wirkliche Grund für den Tod des erfahrenen Bergsteigers war.

Aus verschiedenen Perspektiven erfahren wir, wie ihre Suche abläuft, bei der sie auf Bergsteigerprofi Samuel trifft. Der war beim Rettungsversuch von Alex dabei. Samuel: Strahlemann in der Bergsteigerszene, Welt weit von Kraxlern verehrt, von seinen Angestellten und vom Bruder gefürchtet und gehasst.

Es kommt zu einem Geflecht voller Spannungen in den Beziehungen nicht nur zwischen Caroline und Samuel, sondern auch den Personen in der zweiten Reihe hinter ihnen. Häufiger Perspektivenwechsel zeigen die Verhältnisse und Entwicklungen der Protagonisten auf, doch das, was Alex widerfahren ist, bleibt lange im Dunkel – ein zweites Unglück, in das Samuel verwickelt war, ebenso.

Allmählich wird für Caroline die Vermutung über den Tod des Verlobten zur Gewissheit. Aber das ist nicht alles, was sich in und um Samuel, schließlich ans Tageslicht kommt. Es ist eine überraschende Wendung, die dem Roman einen ungeahnten Abschluss gibt.

Durch die unterschiedliche Sichtweise der Personen auf ihre Gegenüber und die Ereignisse gelingt es Michaela Kastel, die Charaktere klar und überzeugend darzustellen. Die Brisanz der Beziehungen bringt die Spannung, die diesen Roman lesenswert macht.

– – – O – – –

Michaela Kastel: Kaltes Herz fast Eis, erschienen im Emons Verlag (2022)

– – – O – – –

Michaela Kastels Stand-alone-Thriller:

So dunkel der Wald (2018)

Worüber wir schweigen (2019)

Die beiden „Madonna“-Thriller:

Ich bin der Sturm (2020)

Mit mir die Nacht (2021)

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John Grisham: Der Verdächtige

Zwanzig Jahre hat Jeri Crosby recherchiert, um zu beweisen, wer ihren Vater, einen Juraprofessor, ermordet hat – und ist dabei auf weitere Morde gestoßen. Ein bestimmtes Werkzeug verbindet die Fälle, doch gibt es anscheinend nichts, was zu dem Täter führte. Polizei und Staatsanwaltschaft haben den Fall längst als ungelöst abgeschlossen. Doch Jeri hat dicke Akten zusammengestellt, die beinhalten, wer für diese und andere Taten in Frage kommt. Und sie hat Angst, dass der Verdächtige auf ihre Recherchen aufmerksam wird, sie deshalb in Gefahr ist.

Mit ihrem Wissen nimmt Jeri Kontakt zu Lacy Stoltz auf, die in der Gerichtsaufsichtsbehörde von Florida Verfehlungen nachgeht, die Richter des Staates begangen haben – oder haben sollen. Der Job von Lacy ist langweilig, der letzte interessante Fall, der auch hohes Aufsehen der Medien erregte und ein riesiger Erfolg ihrer Arbeit war, liegt etliche Jahre zurück.

Der Verdächtige ist nach Juris Wissensstand ein Richter, der zwar schon einmal auffällig geworden war, jedoch nie in Verbindung mit einem Mord, den er selbst ausgeführt hat.

Ein Richter als Mörder – so einen Fall hatte Lacy in ihrer lange Karriere in der Dienstaufsichtbehörde noch nie. Der Verdächtige ist der angesehene Richter Ross Bannick, dessen Lebensweg sich mit allen Getöteten irgendwann einmal kreuzte. Bannick ein Serienmörder? Zunächst schwer für Lacy vorstellbar, doch sie macht sich an die Arbeit, unterstützt durch Jeri. So nähert sie sich dem Serienmörder und der Erkenntnis:

„Sie wollen nicht gefasst werden, aber sie wollen, dass jemand von ihren Taten weiß.“

Ein Zitat über das Wesen von Serienmördern und ihren Motiven, über die Grisham in diesem Roman in interessanter Form erzählt. Und erzählen kann er.

So erleben wir Lacy Crosby als intelligente, zielgerichtete Anwältin, die zunächst mit Skepsis gegenüber den Recherchen Jeris steht, dann aber mit großer Empathie vorgeht, um einen Richter seiner Straftaten zu überführen.

Ein routiniert dargebotener Plot Grisham’scher Art, der zu fesseln versteht, bei dem man sich aber auch entspannen kann.

– – – O – – –

JOHN GRISHAM: DER VERDÄCHTIGE, erschienen im Heyne Verlag (2022), übersetzt von Bea Reiter, Imke Walsh-Araya und Kristina Dorn-Ruhl

Originaltitel: The Judge’s List (USA, 2021)

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