Auerbach & Auerbach: Tödlicher Bienenstich

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Pippa Bolle ist als Übersetzerin und Haushüterin schon weit in der Welt herumgekommen und wo sie auftaucht, gibt es auch eine Leiche – mindestens eine. Nun ist aber Pippa keine Mörderin, sondern eine Person, die das Vertrauen von Zeugen und Verdächtigen gewinnt und vieles erfährt, was Kommissaren und sonstigen Polizeibeamten verschwiegen wird. Mit hellem Kopf verknüpft sie, was sie hört, sieht und riecht, hilft somit Mörder und andere Kriminelle zu überführen. So lief es ab in der Altmark, Berlin, Österreich, Südfrankreich, in der Nähe von Stratford-upon-Avon und auf der schottischen Halbinsel Kintyre.

In dem siebten Fall für Pippa Bolle reist sie ganz in meine Nähe, in den Rheingau. Ein Imker hat sie gebeten, seiner Zukünftigen Gesellschaft zu leisten, da er vermutet, dass sie in der einsamen Mühle im Wispertaunus während seiner Abwesenheit in Gefahr ist.

Die Gegend mit den idyllischen Forellengewässern liegt in herrlicher Natur, mittendrin das kleine Dorf Lieblich, das den Zenit als Luftkurort längst überschritten hat. Die gut 300 Einwohner des Örtchens streiten nun, ob sie sich mit der Natur weiterhin arrangieren und bescheiden leben oder lieber zu neuem Wohlstand kommen wollen, den ihnen eine dubiose Biotech-Firma verspricht. Nachdem im letzten verbliebenen Gasthaus am Ort die Unterhändlerin der Firma ihre „Wohltaten“ für Ort und Bevölkerung vorgestellt hat, bei der ein großer Teil der Natur um Lieblich herum vernichtet werden würde, passiert es: Der Ortsvorsteher erfriert in jener kalten Winternacht im Schneesturm auf einer Bank auf dem Dorfplatz.

Die Frage nach „Unglück oder hat da einer nachgeholfen?“ kann nicht geklärt werden und die Spekulationen um die Todesursache werden immer noch diskutiert, als Pippa Monate später ihren Job in der Nähe des Dorfes in einer ehemaligen Wassermühle antritt, den sie vom Initiator des Pro-Natur-Forums erhalten hat, der Gruppe, die dafür kämpft, Lieblich und Umgebung so zu erhalten, wie es ist. Es ist die Zeit, in der die Einwohner abstimmen sollen, ob es so beschaulich weitergehen soll mit ihrer Heimat oder ob die Biotech-Firma Wälder rodet, um modifizierte Rieslingsarten zu erforschen, die in höheren Lagen für den bevorstehenden Klimawandel Weine ergeben, wie wir sie vom Rheingau kennen und schätzen. Zusätzlich würden Laboratorien entstehen, Arbeitsplätze geschaffen, Posten vergeben. Eine verlockende Perspektive für die Vertreter der „Neustart-für-Lieblich-Liga“ und ihrer Sympathisanten.

20180619_153208Vieles, das die bevorstehende Entscheidung betrifft, wird am Stammtisch des Gasthofes ausgeklüngelt, aber dort gibt es auch noch andere Interessen, denn während der Zeit, da Lieblich zum Freistaat Flaschenhals gehörte – den gab es hier wirklich von 1919-1923 als Folge des I. Weltkriegs – gelangten Lieblichs Bewohner durch eine Schmugglerbande unter Tacitus Schnapphahn zu Wohlstand. Und irgendwo soll der Schatz der letzten Schnapphahnschen Aktion versteckt sein, nach dem die Stammtischbrüder und nicht nur die auch heute immer noch suchen.

In diesem Szenario, mit Intrigen und gefährlichen Unternehmungen, in der aber auch heimliche Liebe und Schäferstündchen vorkommen, erfährt Pippa von einigen Geheimnisse der Einheimischen und erfährt Ungeheuerlichkeiten und Amüsantes, das zur Aufklärung von unnatürlichem Tod und kriminellen Machenschaften führt.

Daumen hoch für Pippa!

Tödlicher Bienenstich ist eine Geschichte, die aus zwei Elementen besteht: Heiler Natur sowie der Zerrissenheit der Bewohner Lieblichs zwischen Bewahren und der Gier nach größerem Wohlstand.

Fenna Williams, die diesen 7. Fall für Pippa Bolle als Auerbach & Auerbach erstmals ohne ihre Co-Autorin Keller geschrieben hat, kennt sich aus im Wispertal und dem Wispertaunus, der Gegend, in der sie die Plapper fließen lässt und Lieblich platziert hat. Die Eigenheiten der Landschaft, abseits liegende ehemalige Mühlen, das Bienenhaus, die alten Schieferstollen, die kleinen Ortschaften, die Leute, etliche von ihnen immer noch tief verbunden mit der Natur, werden in liebevoller Weise geschildert. Vorstellbar, dass es unterschiedliche Ansichten über Bewahren oder Neuorientierung in der Bevölkerung gibt. Nicht vorstellbar ist für mich jedoch, dass im wahren Leben darüber mit so harten Bandagen gekämpft wird wie im fiktiven Lieblich.

Und ist nicht überall ein wenig Lieblich? Auerbach & Auerbach hat/haben mit diesem siebten Fall für Pippa Bolle einen amüsanten und interessanten „Fall“ geschildert – und stellenweise ist er auch richtig spannend dargestellt.

Ein Sahnehäubchen zum Schluss: Im Epilog erfahren wir, was es mit dem „verlorenen Schatz“ auf sich hat. Und das ist nicht nur eine Überraschung, sondern in der Art auch recht makaber, aber so können sie sein, die Lieblichen.

Und was ich auch sehr schätze ist das Cover von Michael Sowa, Illustrator vieler Bücher u.a. von Axel Hacke. Ein Cover, das zum Buch passt, zum Schmunzeln.

— O —

Wenn ich auf meiner nächsten Wanderung in der Nähe von Lieblich, dem Bienenhaus und der Plappermühle vorbeikomme, werde ich nachschauen, ob alles so bleibt wie es war, als Pippa dort zum Wohle der Lieblichen dort ihre Aufgabe erfüllt hat.

— O —

Hier noch ein paar Impressionen aus der Nähe vom Lieblich, damit ihr Euch das vorstellen könnt:

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Raphaël Confiant: Unbescholtene Bürger

IMG_7616Spannung und eine gute Story sind zwei Komponenten, die einen guten Kriminalroman auszeichnen, aber längst nicht alle.

Die Sprache der Protagonisten muss zum Milieu passen.

Raphaël Confiant und seinem Übersetzer Peter Trier ist es in hervorragender Weise gelungen passend zum Ort der Handlung auf der Karibikinsel Maritinque in einem Milieu, beherrscht von Korruption, Betrug, illegalen Glücks- sowie politischen Ränkespielen, Seitensprüngen und letztlich auch Mord einen Privatschnüffler Jack Teddyson loszuschicken.

Jack, der bürgerlich Raymond Vauban heißt – sich vom englischen Namen jedoch größeren beruflichen Erfolg verspricht – agiert mit derbem Vokabular. Dazu zitiert er alte, teils schlüpfrige Sprüche, teils triviale Weisheiten seines verstorbenen Erbonkels und andererseits ergeht er sich in philosophischen Betrachtungen über die Erkenntnisse der alten Griechen bis hin zu denen der Philosophen heutiger Zeit. Das alles prägt diesen Kriminalroman.

Und dieser Typ, meist am Rande des Existenzminimums, manchmal auch darunter, passt in die überwiegend kreolische Welt der Nutten, Zuhälter, Politiker und Unternehmer, Nebenfrauen, Frauenhunde (kreolischer Ausdruck für Schürzenjäger) und Glücksspieler von Fort-de-France, der Hauptstadt der Insel.

Wer nun erwartet, dass dieses umfangreiche Szenario nur Platz in einem dicken Schmöker gefunden hat, wird möglicherweise enttäuscht sein. Raphaël Confiant benötigt lediglich knapp 200 Seiten um dieses Sittengemälde zu zeichnen.

Los geht es, als bei Jack Teddyson die Witwe eines ermordeten Unternehmers erscheint und ihn damit beauftragt, den oder die Mörder ihres Mannes zu finden, eine Aufgabe, die die Polizei der Stadt nicht lösen konnte. Großes Geld wird dem Schnüffler versprochen, der frohlockt ob des fetten Auftrags. Dass er dabei durch alle gesellschaftlichen Schichten der kleinen Stadt ermitteln muss, kompliziert die Aufgabe. Auch war Jack nicht darauf vorbereitet, selbst so in die Angelegenheiten multikrimineller Player hineingezogen zu werden, dass sein Leben in Gefahr gerät.

Letztlich werden Geheimnisse gelüftet, Motiv und Mörder identifiziert und vielleicht ist Martinique ein klein wenig besser geworden – wahrscheinlich aber nicht.

So bleibt für die Leser zu hoffen, dass Jack Teddyson einen weiteren dicken Fisch an die Angel bekommt, von dem Raphaël Confiant in dieser Weise berichten kann: eloquent auch wenn’s deftig wird – mit Humor, wenn die Welt unterzugehen scheint.

Ebenso wie Gary Victor mit den haitianischen „Schweinezeiten“, „Soro“ und „Suff und Sühne“ ist Raphaël Confiant mit „Unbescholtene Bürger“ eine Bereicherung der internationalen Krimiszene.

— O —

Raphaël Confiant: Unbescholtene Bürger, aus dem Französischen von Peter Trier, erschienen 2018 bei Litradukt, Originaltitel: Citoyens au-dessus de tout supcon …. (2010, Martinique)

— O —

Ebenfalls bei Litradukt erschienen:

Gary Victor: „Schweinezeiten“, Soro“, „Suff und Sühne

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Fiktion auf dem Boden der Realität – Susanne Kronenbergs Krimi ROSENTOT

IMG_7888In diesem Jahr findet die hessische Landesgartenschau in Bad Schwalbach statt.

Das ist der Ort und die Zeit von Susanne Kronenbergs Rosentot. Der Ausgangspunkt ist jedoch ein Mord, der sehr genau zu datieren ist: 10. August 2014. „In 30 Sekunden war alles platt“, berichteten Augenzeugen über die Wucht des Tornados, der an jenem Sonntag das kleine Kurstädtchen im Hintertaunus traf. Bäume wurden entwurzelt, Häuser und Autos zerstört. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Ganz anders in diesem Kriminalroman. Hier wird just während der Einweihung eines Waldlehrpfades im Umfeld der Landesgartenschau unter einem vom Tornado umgestürzten Baum ein weitgehend skelettierter Körper gefunden. Aufregung bei den Festgästen inklusive der Bürgermeisterin. Nur eine Augenzeugin bewahrt kühlen Kopf: Norma Tann. Die ehemalige Kommissarin hat die Aufgabe übernommen, in einem Blog täglich über die Gartenschau zu berichten. Und da trifft es sich gut, dass sie zur Stelle ist, denn – Leser/innen von Susanne Kronenbergs Krimis wissen es, Rosentot ist Norma Tanns 7. Fall – die ehemalige Kommissarin arbeitet seit längerer Zeit als Privatermittlerin.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Norma Tann schnüffelt geschickt in Bad Schwalbach und Umgebung herum, stößt auf einen zweiten Mord, der sich zur Zeit des dahinwirbelnden Tornados ereignet hat. Ehrbare Bürger der kleinen Stadt und auch weniger ehrbare geraten in Verdacht, an den Morden beteiligt gewesen zu sein. Glücklicherweise (?) erhält Norma Unterstützung von etlichen Seiten, aber nicht immer ist diese Unterstützung frei von Eigennutz und basiert auf zweifelhaften Interessen. So gerät die sympathische Privatermittlerin selbst in allergrößte Gefahr. Aber (jetzt wirklich) glücklicherweise wird Norma beschattet wie sie üblicherweise andere observiert und so kann sie nach ihrer Rettung als Bloggerin sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe in Bad Schwalbach widmen und – das hoffe ich – demnächst in Wiesbaden und Umgebung einen achten Fall lösen.

Rosentot ist mit dem Untertitel „Ein Taunus-Krimi“ erschienen und das ist er auch. Zahlreiche Orte in der Region sind erwähnt, aber das Drama von Beziehungen, Missgunst, Täuschungen, Versagen und Brutalität könnte ebenso an der Ostseeküste in Kühlungsborn angesiedelt sein. Nur gab es dort keinen Tornado, gibt es keine Landesgartenschau – und keine Susanne Kronenberg, die diese Szenerie in und um den Kurort so liebevoll beschreibt, dass die Diskrepanz zwischen den Orten und der Handlung derart gegensätzlich wirkt. Spannung in einem scheinbaren Idyll. In Rosentot ist diese Stimmung von Susanne Kronenberg gelungen erzählt.

— O —

Susanne Kronenberg: Rosentot, erschienen im Gmeiner Verlag (2018)

— O —

Ebenfalls auf KrimiLese besprochen: Susanne Kronenberg – Totengruft (Gmeiner, 2014)

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Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne

IMG_7654Der Ausgangspunkt dieses Thrillers ist ein gewöhnlicher: Ein Pfandleiher wird in einer Bauruine in Osaka ermordet aufgefunden, Kommissar Junzo Sasagaki begibt sich auf die Suche nach dem Mörder und scheitert zunächst.

Ungewöhnlich geht es weiter – ab Kapitel 2, das ist auf Seite 73 dieses mehr als 700 Seiten umfassenden Werks – : Der Thriller wird zu einem Entwicklungsroman, bei dem es um das Leben und Wirken sowohl von Ryo, dem Sohn des Pfandleihers, geht, aber in gleichem Maße auch um Yukiho, einem Mädchen aus dem „Umfeld“ des Pfandleihers. Beide Kinder waren zur Zeit der Tat 10 Jahre alt. Keigo Higashino erzählt wie sich Ryo von dem kleinen schüchtern wirkenden Jungen entwickelt und Yukiho sich aus der ärmlichen Umgebung ihres Elternhauses in höchste gesellschaftliche Schichten in Tokio hocharbeitet.

Und noch eins schildert Higashino in diesem Buch: die Entwicklung auf dem Gebiet der Computer, speziell dem Aufblühen der Kriminalität bei der Anwendung dieser Technologie.

Wir erleben einen Zeitraum ab 1973 von fast 20 Jahren, in dem der Kommissar gar nicht mehr auftaucht, doch dann ist er wieder da. Inzwischen wurde er pensioniert, der ungelöste Fall von damals interessiert ihn auch noch nach der langen Zeit.

Geschickt bringt Keigo Higashino die beiden Haupthandlungsstränge, nennen wir sie „Ryo“ und „Yukiho“, wieder zusammen, aus denen Sasagaki herausliest, was damals mit dem Pfandleiher geschah, was der Grund dafür war, was aus den beiden Kindern in diesen zwei Jahrzehnten geworden ist. Gegen Schluss wird deutlich, welches unglaubliche Drama sich anfangs ereignet hatte, warum es eine solch prägende Wirkung hatte.

Wenn in THE TIMES über den Autor zu lesen war „Der japanische Stieg Larsson“, trifft das zu auf den sich über den mehr als 700 Seiten aufbauenden Spannungsbogen, der zu einem lange Zeit nicht erahnten Ende führt, und der – so der INDEPENDENT „Reise ins Herz, die nicht vor der menschlichen Seele haltmacht“.

Ein faszinierend erzählter Thriller als japanische Variante des „Roman noir“.

— O —

Keiga Higashino: Unter der Mitternachtssonne

Originaltitel: Byakuyakō (Japan, 1999)

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Erschienen 2018 bei Tropen

— O —

Ein weiterer Thriller (der ohne Auflösung) von Keigo Higashino: Ich habe ihn getötet

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Friedemann Hahn: Foresta Nera

IMG_7883So wird es wohl gewesen sein: In wilder und unübersichtlicher Gemengelage treffen alte Wehrmachtsbrüder und Nazis in diesem Noir in der schwarzen Forsta Nera, dem Schwarzwald, aufeinander. Nach dem Krieg hatten sich die Wege einiger zunächst getrennt, andere „Bruderschaften“ blieben zusammengeschweißt. Nun begegnen sie sich wieder, die einen nach einem Zwischenstopp bei der Fremdenlegion, andere fassten schon nach kurzer Zeit wieder Fuß, bei Polizei, Bundesgrenzschutz, BND (zu der Zeit noch Organisation Gehlen genannt). Sie sind wieder in Diensten des Staats, zumeist ohne die Gesinnung, die sie im Dritten Reich vertraten, in eine neue, den Idealen der jungen BRD folgende eingetauscht zu haben.

Die einen feiern die alte Kameradschaft bei einem üppigen Schlachtfest, andere durchstreifen die Forest Nera, haben mit Weggenossen von damals noch offene, persönliche Rechnungen zu begleichen. Sie haben teilweise die Identität gewechselt, aber – s.o. – nicht immer die Gesinnung. Ein alter Kamerad ist zu einer Größe im Rotlichmilieu mutiert. Zwischen ihnen herrscht eine Art von Kriegszustand und wie es in solchen Fällen geschieht, überlebt nicht jeder der Teilnehmer.

Wer welche Rolle vor ’45 gespielt hat, was sich danach in der Fremdenlegion an algerischen Plätzen und in Vietnam abgespielt hat, wie das neuerliche Aufeinandertreffen abläuft, das hat Friedemann Hahn geschickt verknüpft. Einige Knoten lassen sich beim Lesen nicht so einfach lösen. Verwirrend sind die Fäden, die in diesem Beziehungsgeflecht durch die unterschiedlichen Zeitebenen und Identitätswechsel zu verfolgen sind. Erst am Schluss kommt ein wenig Licht in diesen Noir, Licht in Beziehung auf Erkenntnis, denn alles, was der Autor beschreibt ist und bleibt eine düstere Geschichte mit realem Hintergrund – Wehrmachtssoldaten in der Fremdenlegion, Nazis im Polizeidienst, BGS, BND und anderen Diensten.

Auch wenn dieser Noir als zeitgeschichtlich interessant bezeichnet wird, er ist vor allem ein Noir, einer von einem deutschsprachigen Autor, zusammen mit Tiefenscharf von Roland Spranger ein vielversprechender Anfang einer Reihe von Deutsch-Polar-Kriminalromanen aus dem Polar Verlag mit Wolfgang Franßen als Herausgeber.

— O —

Friedemann Hahn: Foresta Nera, erschienen 2018 im Polar Verlag

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Klüpfel/Kobr: Kluftinger

IMG_7890Ein liebevolles „Duziduzidu“ zum sechs Monate alten Enkelkind und dann ist Kluftinger wieder der alte Griesgram –  wie wir ihn kennen.

Es passt ihm überhaupt nicht, dass er am Allerheiligen mitsamt der Familie und der gesamten Altusrieder Gemeinde am Totenmarathon teilnehmen muss. Es gefällt ihm nicht, sich in seinen knapp sitzenden schwarzen Anzug zu zwingen, dessen Hosenbeine er zum Missfallen seiner Erika in die Winterstiefel steckt. Aber Klupfinger ist, wie üblich, meist ein Opportunist, Dickschädel und zuweilen Griesgram.

So landet die Familie auf dem Friedhof, um am Ritual dieses Feiertags, manche nennen es auch „Gräberlauf“, teilzunehmen. Und der Kommissar hat es dort nicht leicht, von Dr. Langhammers echten Ungarischen Wischler, den Klufti despektierlich als Dackel bezeichnet, wird er vollgeschleimt. Die Eltern Kluftingers behandeln den Sohn wie ein kleines Butzele. Man merkt, wie der gestandene Kommissar kurz vorm explodieren ist.

Aber es kommt noch schlimmer für ihn. Andere Dörfler gucken ihn entgeistert an, und schließlich erfährt er warum. Er steht vor seinem eigenen Grab. Auf dem Holzkreuz steht sein Name mit dem Geburtsjahr, dahinter die aktuelle Jahreszahl als Jahr seines Todes.

So wird zu Beginn dieses „Jubiläumsband“, dem 10. „Klufti-Krimi“ klar: Dies ist ein Präsent für die echten Klufti-Fans.

Darin darf sich das Allgäuer Urgestein nicht nur richtig ausgranteln. Zudem werden immer wieder Sequenzen aus seinem früheren Leben eingeflochten, seinem Leben vor „Milchgeld“, dem ersten Krimi der Reihe. Es beginnt mit dem 17jährigen Bub‘, der schlechten Umgang hat und Zeuge eines unnatürlichen Todesfalls wird. Die Clique und das Ereignis von damals scheint etwas mit den aktuellen Geschehnissen um den Kommissar herum zu tun zu haben. Aber auch der Mord, der Kluftinger zur Kripo gebracht hat, seine Ernennung zum Chef, das Kennenlernen Erikas und andere Ereignisse aus dem Leben des von seinen Fans geliebten „Kluftis“ werden ähnlich eines Prequels von Klüpfel/Kobr erzählt.

Dabei tritt der eigentliche Fall – und während des Lesens frage ich mich: „Was ist eigentlich hier die Krimihandlung?“ – völlig in den Hintergrund. Ab und zu ploppt eine Verbindung zu anderen Fällen der Reihe auf, dann nimmt das Duzeln mit dem Enkelkind den Raum ein. Der Autokauf für den Sohn und dessen Familie scheint nie enden zu wollen. Dann wiederum ist ein Kollege mutmaßlich in kriminelle Machenschaften verwickelt.

Dieser „Jubiläumband“ erweist sich als chaotische Referenz an die Klufti-Fangemeinde – und die wird es uneingeschränkt zu würdigen wissen, denn sie erfahren hier Neues aus dem Leben des jungen Helden und erleben ihn im Gestern wie Heute wie sie ihn mögen: Tapsend von einem Fettnapf in das nächste Mißgeschick, bauernschlau und auf seine Pauke hauend.

Zugegeben: ein Verhalten, das wahlweise die Leser zum Schmunzeln oder Schenkelklopfen bringt, für den echten Krimiliebhaber jedoch ein dürftiger Kriminalroman.

— O —

Volker Klüpfel/ Michael Kobr: Kluftinger, erschienen 2018 bei Ullstein

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Ray Celestin: Höllenjazz in New Orleans

IMG_7615Früher war auch nicht alles besser! Jedenfalls nicht im New Orleans des Jahres 1919. The Axeman mordete wie bereits im Vorjahr, indem er nachts seine Opfer – zumeist italienische Lebensmittelhändler – im Schlaf überraschte und mit einer Axt erschlug. Die Mordserie hörte im selben Jahr auf. The Axeman wurde nie geschnappt.

Ray Celestins Roman „Höllenjazz in New Orleans“ basiert auf jener Mordserie und bezieht sich dabei auf das, was damals in „Big Easy“ passierte. In dieser Zeit war die französisch geprägte kreolische Kultur durch den zunehmenden Einfluss der weißen Südstaaten-Amerikaner verbunden mit Rassentrennung und -hass auf dem Rückzug. Italienische Einwanderer schleppten zudem mafiöse Strukturen mit in die Gegend. Aber auch das „neue“ New Orleans, so zeichnet es Celestin, lebt mit der Musik, dem Jazz und den Street Bands.

Wer das Buch aufschlägt, wird zunächst über ein Personenverzeichnis stolpern, das vom Umfang her fast abschreckend wirkt. Weit über 100 Namen sind darin aufgeführt, aber keine Angst: es bleibt beim Lesen übersichtlich. Und wer der Axeman ist, geht aus dem Verzeichnis nicht hervor. Bei der Lektüre stellt sich schnell heraus, dass die Morde auf brutale Art durchgeführt werden, mit einer Axt wird auf den Kopf der Opfer eingeschlagen, in den zerschundenen Schädeln lässt der Täter jeweils eine Tarotkarte zurück, die Tür des Tatorts ist stets von innen verriegelt.

Die Polizei steht hilflos da. Der Mafiaboss ist beunruhigt, weil die Polizei in der italienische Gemeinde herumschnüffelt, Zusammenhänge zwischen Mörder und Opfern sucht, Schutzgelderpressung vermutet. In dieser Situation erhält der Zeitungsreporter John Riley einen Brief vom Axeman, der darin weitere Morde zu einem bestimmten Zeitpunkt ankündigt. Nur die, bei denen zu der Zeit Jazz gespielt wird , will er verschonen. Der Brief wird in der Zeitung abgedruckt und die Panik wächst.

Detective Michael Talbot sucht den Axeman. Sein ehemaliger Chef Luca D’Andrea, der gerade aus Angola, dem berüchtigten Knast in der Nähe von New Orleans entlassen wurde, ebenso. Luca hatte die Interessen der Mafia bei der Polizei vertreten, war durch Michael aufgeflogen. Jetzt sucht er im Auftrag des Mafiabosses ebenfalls den Serienmörder, denn Boss Carlo möchte wieder in Ruhe seinen Geschäften nachgehen. Und dann ist da noch Ida, kleine Angestellte der örtlichen Pinkerton-Detektei, die überzeugt ist, dass sie es ist, die den Axeman finden kann. Ida hat Hilfe vom jungen Louis Armstrong, der am Beginn seiner Musikerkarriere steht, aber noch Zeit hat, Idas Schnüffeleien zu begleiten. Aus diesen drei Perspektiven erleben wir die Suche nach einem, der als Geist betrachtet wird, der offenbar durch Wände gehen kann, denn die Häuser oder Wohnungen der Ermordeten sind stets von innen verschlossen.

Wer ist dieser Axeman? Die Kreolen vermuten, dass es ein Italiener, also ein Weißer, ist – wenn er denn wirklich ein Mensch ist. Für für die Weißen kann es nur ein Kreole oder Neger sein, der zur Tarnung und Ablenkung den Mafiabrauch mit den Tarotkarten nutzt.

Die drei Jäger führen uns durch die verschiedenen Gegenden New Orleans, in die übelsten, ins Rotlichtviertel, in die Sümpfe vor der Stadt. Dabei erfahren wir über das bisherige Leben von Louis Armstrong – das überwiegend historisch korrekt geschildert wird. Auch andere Ereignisse jener Zeit werden – offensichtlich nach guter Recherche – in die Krimihandlung eingebunden. Big Easy wird dabei nicht nur in bunten Farben geschildert, auch von den dunklen Seiten erzählt Ray Celestin. So folgen wir Jägern, die mit unterschiedlichen Interessen hinter Axeman her sind, die sich auf verschiedenen Wegen dem Zielobjekt nähern. Ob sie das Ziel erreichen, oder wer es zuerst erreicht, wird hier nicht verraten. Nur soviel, auch bei Ray Celestin hört die Mordserie in New Orleans im Jahre 1919 auf – aus gutem Grund.

THE TIMES schrieb über diesen Roman: Celestin ist es gelungen, geschichtliche Faktenmit einer cleveren Story um drei besondere Ermittler und ihrer Jagd nach dem Mörder zuverweben.

So ist es!

— O —

Ray Celestin: Höllenjazz in New Orleans, erschienen 2018 im Piper Verlag, Übersetzung von Elvira Willems. Originaltitel The Axeman’s Jazz (2014)

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