Marina Heib: Die Stille vor dem Sturm

Es beginnt als Groschenroman, mutiert dann zum Abenteuerroman und geht schließlich in einen deftigen Thriller über

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Groschenroman. Es war einmal ein stinkreicher Reeder, der hatte seiner Meinung nach drei nichtsnutzige Söhne. So fangen Märchen an, in diesem Fall aber auch – nach einem düsteren Prolog zur Einführung – die Geschichte. Zusammen mit den hübschesten Gespielinnen forever sollen die Söhne die Luxusyacht des Alten von Gran Canaria zu den Cayman Islands überführen. Dazu nehmen sie noch einen Kumpel mit großer Segelerfahrung samt dessen Tussi mit. Aber als sie ablegen wollen, fehlt der jüngste Spross, allerdings schippert seine Liebste mit. Schon bald gibt es Zoff an Bord, die beiden Brüder, echte Schnösel , streiten sich. Zudem kommt auch noch heraus, mit welcher der Schickis die Männer die jeweils anderen betrogen haben. Da hat wohl fast jede mit jedem gepoppt – bis auf Marie, aber die hat stattdessen ein Trauma. Wenn das kein Stoff für einen Groschenroman ist!

Abenteuerroman. Dann kommt es anders: Brutaler Sturm und bestialische Wellen bringen die Hochseeyacht fast zum Kentern, unterstützt auch noch durch die Dummheit des einen der Brüder. Zwischendurch retten sie noch einen in Seenot geratenen Skipper.

Thriller. Zu diesem Abenteuer gesellt sich schließlich der Thrill. Ein erster Mord an Bord. Es ist die Tussi des erfahrenen Segel-Kumpels. Schnell einigt sich die ursprüngliche Crew, dass der Mörder nur der tätowierte Kerl sein kann, den sie von seiner kenternden Yacht geborgen haben. Nachdem sie sich weitgehend darauf einigen, dass Selbstjustiz nicht das Mittel der Wahl ist, wird ihr Ziel in Richtung Kapverden geändert, um den Mord von der dortigen Polizei aufklären zu lassen. Damit nicht genug, es ereignet sich Mord Nr.2, wobei der des ersten Mordes Verdächtige es beim zweiten Mal nicht gewesen sein kann – oder doch? Darüber gibt es an Bord unterschiedliche Meinungen.

Zudem gibt es Sabotage auf dem Schiff. Sämtliche Elektrik, Kommunikationsmittel und modernen Navigationsmittel werden zerstört. Und das Morden geht weiter, nach Leiche Nr.2 ist nicht Schluss. Weitere Aufzählung der Tötungsdelikte erspare ich mir.

Parallel dazu gibt es zwei Handlungsstränge.

Der Alte, der durch Skrupellosigkeit zu seinem Reichtum gekommen ist, und seinen Söhnen vorwirft, dass sie nicht über diese Charaktereigenschaft verfügen, erhält seinen Erzählstrang. Er macht sich doch ein wenig Sorgen über das Verschwinden seines Jüngsten, der nicht mit an Bord gegangen ist, beauftragt einen Privatdetektiv mit der Suche. Die Yacht kann er nicht mehr erreichen, obwohl sie mit hypermoderer Kommunikationstechnologie ausgestattet ist. Auch das bereitet ihm Unbehagen.

Der jüngste Spross, taucht in kleinen Kapiteln zwischendurch in einer ausweglosen Situation auf.

Das Verknoten der Stränge erfolgt gegen Ende des Romans, indem Mörder und Motive offengelegt werden, vor allem aber das, was als großes Übel über allem steht. Was am Beginn einer unbeschwerten Reise der piekfeinen Schnösel mit ihrem attraktivem Anhang vor purer Erotik nicht zu erkennen war und zu der Zeit noch wie Konglomerat als Ergebnis von Rosamunde Pilcher und Groschenroman-Verlagen aussah, wandelt sich in düsteres Handeln, Misstrauen, Hass und krimineller Energie.

Marina Heib versteht es, das Manöver der Wende von Trivialität zu Thrill unbeschadet zu vollziehen. Dabei war ich mir nicht sicher, ob ihr das Gelingen würde, in einem Wust von maritimen Ausdrücken und sehr spezifischen Segler-Jargon den Überblick über die Handlung zu behalten. Es ist ihr gelungen. „Die Stille vor dem Sturm“ ist nach seglerisch und thrillig aufwendigen Szenen in der Rubrik „Spannender Thriller“ gelandet.

– – – O – – –

Marina Heib: Die Stille vor dem Sturm

Erschienen im Pendragon Verlag, 2019

(Während ich in anderen Büchern die Übersetzer erwähne, versäume ich in diesem Fall nicht, die in der Danksagung genannten Charles Gossmann und Marc Bielefeld zu erwähnen, von der Marina Heib schreibt: „Beides erfahrene Segler, haben sie mich sicher durch all meine inhaltlichen Havarien an Bord dieser Geschichte navigiert und mit ihren profunden Kenntnissen über Boote und Blauwassersegeln das passende Sprachgefühl …. vermittelt“.)

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Darf Maigret das? – Georges Simenon: Weihnachten bei den Maigrets

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Ein trostloser Weihnachtstag steht dem kinderlosen Ehepaar Maigret bevor. Zusammen mit seiner Frau, der Madame Maigret, startet der Kommissar das Ritual des Festtags. Ein „nützliches“ Geschenk vom ihm für sie, eine Pfeife für den Kommissar, das sind die Geschenke – wie jedes Jahr.

Ansonsten: Sonntagsritual, Madame Maigret kocht Kaffee, geht zum Bäcker, holt Croissants.

Aber dann wird die Routine unterbrochen. Vom Haus gegenüber zerrt eine alte Dame eine jüngere in Richtung Maigrets Behausung. Als sie bei Maigret ankommen, berichtet die Ältere von einem eigenartigen Ereignis, von dem ihr Colette, das Pflegekind der jüngeren Frau, erzählt hat: In der Nacht zuvor sei der Weihnachtsmann zu ihr gekommen, hätte ihr eine Puppe geschenkt und sei danach wieder gegangen. Die Geschichte kommt Maigret mysteriös vor. Zudem verhält sich die Pflegemutter eigenartig. Der Kommissar vermutet, dass sie mit ihrem unwirschen Benehmen etwas vertuschen will – so sucht Maigret eine Erklärung was in der Nacht wirklich geschah, was der Grund für das Erscheinen des Weihnachtsmanns war. Er findet den Grund, zeigt damit, dass Colette bei ihrer Pflegemutter nicht gut aufgehoben ist – ob es nun ein Verbrechen war, in das die Pflegemutter verwickelt war oder nicht – und macht Madame Maigret so ein schönes Weihnachtsgeschenk.

Es sei Maigrets Frau gegönnt. Aber durfte Maigret ihr das Kind „schenken“? Lassen wir dem Kommissar die Freiheit seines Handels – ’s ist ja bald Weihnachten.

Die kleine Erzählung berührt, weil sie zugleich schön und traurig ist.

Solche Geschichten – das wissen wir von „Der kleine Lord“ ebenso wie von Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ – wirken in der Vorweihnachtszeit.

– – – O – – –

Georges Simenon, Weihnachten bei den Maigrets, in der Übersetzung von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bahar Avcilar erschienen 2019 im Kampa-Verlag

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Vom Wetterau-Gebabbel zu Ebola-Resistenz, Kindesmissbrauch und Prepper-Gebaren: Uli Aechtner: Die Bach runter

Da geht einiges „die Bach runter“: Eine Leiche die Nidda real, die Welt aus Prepper-Sicht sowieso.

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Mit einer Themenvielfalt zu der noch Schäfer, Schönheitschirurg, Virenforscher, Journalistin, Kriminalkommissar und andere beitragen, flicht Uli Aechtner einen Kriminalroman, dessen Fäden erst zum Ende hin verbindlich verbunden werden. Und das auf eine nicht zu erahnende Weise.

Dabei fängt die Story ganz einfach an: In der Wetterauer Pampa nordöstlich von Frankfurt findet ein Schäfer in den warmen Resten eines Lagerfeuers ein Baby, lebend, offensichtlich afrikanischer Herkunft. Kommissar Christian Bär macht sich auf die Suche nach der Mutter, seine Freundin, die Journalistin Roberta, auf die Suche nach Fakten zu einer attraktiven Story über das Findelkind.

Während Bär der Arbeit nachgeht, lernt er eine Frau kennen, die sehr starkes Interesse an dem Baby zeigt. Bär verknallt sich in sie – weiteres als Spoiler im Klappentext des Buches. Roberta geht andere Wege, recherchiert am Virologischen Institut der Marburger Uni, stößt dabei auf seltsame Zusammenhänge, die sie zu einem jungen Mann führen, der in der Nähe des Fundorts des Babys lebt.

Zahlreiche Verflechtungen dieses Viren-Themas mit den darin agierenden Personen nebst der Erklärung des Zusammenspiels eines bestimmten Typs des Morbus Niemann-Pick sowie Kapitel die lediglich die „be prepared“- Gedanken und Ängste der Prepper beschreiben, führen zunächst nicht in die Richtung der Aufklärung des Falles, zu dem sich zwei weitere Leichen gesellen. Ferner fehlen ausgeprägte „red herrings“, an denen sich die Leser abarbeiten können. Das Ende ist schlüssig, ohne dass zuvor große Spannung aufkommt.

Als Kriminalroman eine solide, unspektakuläre Arbeit, in der die sorgfältigen Recherchen von Uli Aechtner zu den Themen Morbus Niemann-Pick und der Prepperszene ebenso hervorstechen wie die Charakterisierung des Wanderschäfers mit seinem Wetterauer Gebabbel.

– – – O – – –

Uli Aechtner: Die Bach runter

Erschienen 2019 im Emons Verlag

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Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

Ein schöner Titel für eine schmutzige Geschichte

IMG_9382Der Engel hat gebrannt und steckt in einer Fuge über dem schwelenden Brand eines aufgegebenen Kohlebergwerks. Ein Toter Teenager in einer verlassenen Gegend in einer Bergbauregion im westlichen Pennsylvanien. Camino Truly heisst die Tote, stammt aus einer in der Gegend bekannten, berüchtigten und zerstrittenen Familie voller Loser. Camino war die Ausnahme: hübsch, intelligent, wollte raus aus dem Milieu, abhauen, Psychologie studieren.

Ermordet von wem? Das ist die Frage, die sich die örtliche Polizeichefin, Chief Carnahan stellt, eine 50-Jährige Single-Frau, hart im Denken, flapsig im Ausdruck, zuweilen unkonventionell im Umgang mit ihren Mitmenschen und den kriminellen Klienten und deren Angehörige. Zudem gezeichnet durch die Ermordung ihrer Mutter zu einer Zeit, in der Carnahan ein junges Mädchen war. Traumatisiert auch durch ihren Vornamen, den die schönheitsbesessene Mutter ihr gab: Dove, der bekannten Haarshampoo- und Deo-Marke.

Zusammen mit ihrem Kollegen von der Kriminalpolizei, dem State Trooper Nolan, wühlt sie sich durch die verzweigte Truly-Famile, holt hier und da Informationen zusammen, sogar von ihrer eigenen Großmutter und deren Mitbewohnerinnen eines Altenheims.

Für die Trulys steht der Mörder schnell fest. Caminos Freund soll es getan haben. Und wie die Familie so agiert, erscheint Selbstjustiz als probates Mittel, den von ihnen auserkorenen Mörder zu richten. Gut, das es Chief Carnahan gibt, die diesen Plan vereitelt. Nicht, ohne einige Blessuren von ihrem Eingreifen mitzunehmen.

Letztlich findet die Polizeichefin in diesem Gemenge von Streitereien, Inzest und Verwirrungen heraus, wer für den Mord an Camino verantwortlich ist.

Chief Carnahan malt hier ein Soziogramm der Trulys, die eine Familie darstellen, wie sie kaputter nicht sein kann. Perspektivlos leben sie in einer einstmals lebendigen Gegend stolzer Coalminers, nun gibt es nichts mehr, was Wohlstand und Glück verspricht. Die Trulys sind eine Art Totholz, die dahinvegetieren, deren einziger Lebensinhalt scheint zu sein, sich gegenseitig und anderen das Leben schwer zu machen.

Dazu beschreibt Tawni O’Dell das Schicksal von Dove, ihrer Schwester und dem vom Stiefvater misshandelten Bruder, der mit seiner Vergangenheit abschließen will. Eine Geschichte, die gar nicht so weit von denen der Trulys entfernt ist.

O’Dell hat mit den Carnahans und den Trulys markante Charaktere erschaffen, von denen jeder einen großen Rucksack mit alten Erinnerungen und trüben Erlebnissen mit sich herumträgt, die Alpträume hervorrufen. Chief Carnahans Rucksack ist einer der schwersten.

Eine stimmige Story mit begeisterndem Inhalt und Handlung. Bisher einer der besten Kriminalromane des Jahres, die ich gelesen habe.

– – – O – – –

Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen. Originaltitel: Angels Burning (USA, 2016), deutsche Übersetzung von Daisy Dunkel, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag (2019)

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Nur Harry Hole kann Harry Hole toppen — Jo Nesbø: Messer

IMG_9448Hole ist nach dem Tod seiner Frau Rakel am Ende. Das war er vorher zwar auch schon, nachdem Rakel sich von ihm getrennt hatte und er als Dozent aus der Polizeischule geschasst wurde. Jim Beam und Konsorten sind seine besten Freunde, deren Gegenwart sucht er – zugleich sind sie die übelsten Feinde, die ihn fast zerstört haben.

Bei der Polizei hat man ihm noch ein Kämmerlein zugewiesen, in dem er – zum einfachen Ermittler degradiert – Cold Cases lösen soll, doch dann passiert’s: Hole wacht nach einem üblen Besäufnis blutverschmiert auf und er erfährt, dass seine Frau auf grausam blutige Weise ermordet wurde.

Doch Harry wäre nicht Harry, nähme er nicht sogleich die Mörderjagd auf. Illegal, denn seine Vorgesetzten können nicht dulden, dass der in diesem Zustand loszieht und suspendieren ihn. Für unseren Helden steht fest, wer der Mörder ist: Ein alter Bekannter, der Frauenmörder Svein Finne, der mit Hole noch eine Rechnung offen hat. Im Rausch der Ermittlungen ergeben sich dann einige Wendungen, neue Verdächtige geraten Hole ins Visier und schließlich fühlt sich der Ermittler selbst verdächtig.

Harry Hole ein Mörder? Unvorstellbar, jedoch nicht auszuschließen.

Zusammen mit einigen Bildern, so grausam wie noch nie von Nesbø dargestellt – wobei die Harry-Hole-Reihe nun wirklich nichts für empfindsame Gemüter ist – versucht der Autor das Ungewöhnliche der vorhergehenden 11 Fälle durch Ungewöhnlicheres zu toppen. Das endet mit der Aufklärung des Mordes an Rakel und der Art, wie sich Harry Hole dabei verhält.

Ob das nun mit dem erreichten Dutzend Fälle das Ende von Harry Hole und der Reihe ist, bleibt offen, nachdem der kaputte Typ sogar aus dem Koma (10.Fall) zurückgekehrt ist. Zunächst heißt es aber, sich mit dem Messer zu beschäftigen – und das ist für alle Harry-Hole-Jünger Pflichtlektüre. Anfangs stellenweise langatmig, aber durch die ungeahnten Wendungen aufregend.

– – – O – – –

Jo Nesbø: Messer (Originaltitel: Kniv, erschienen 2019 in Norwegen), die deutsche Ausgabe ist im Ullstein Verlag erschienen (2019), Übersetzung: Günther Frauenlob

 

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Simone Buchholz: Hotel Cartagena

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Die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley ist bekannt für ihre rotzigen, frechen Sprüche, mit denen Simone Buchholz die Heldin der „Riley-Reihe“ in Hotel Cartagena zum 9. Mal plus einem Prequel ausstattet.

Wer Riley nicht kennt und deftige Dialoge und den ungewöhnlichen Lebenswandel einer Staatsanwältin, die in ihrer Freizeit zumeist auf St. Pauli mit Kumpeln von der Polizei, Ex-, Zwischendurch- und Gelegenheitslover inklusive Löten und etlichen Drinks abhängt, kennenlernen möchte, sollte das unbedingt tun. Rileys Leben ist zudem eingebettet in Krimihandlungen. Oder ist es nicht so, dass Krimihandlungen in Rileys Leben eingebettet sind? Neben der Frau verblasst alles, bleiben alle Figuren, verglichen mit ihrer, flach.

Wie dem auch sei, ich erinnere mich an den Spruch vom alten Paracelsus: Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist. Diese Weisheit hat zwar nichts mit dem Inhalt dieses Krimis zu tun, trifft aber auf mich zu. Ich habe mir eine Überdosis Riley verpasst. Ein Schuss zu viel von Staatsanwältins Brainfuck und den sehr speziellen Bemerkungen zu ihren Kollegen, Lovern, dem Kiez, der Welt und über das Schlamassel, in das sie in dieser Story hineingerät.

Bei Fallers Party in einer noblen Bar gerät sie und ihre Truppe (fast alle oben Erwähnten) in die Hände von Geiselnehmern. Das Ziel der Geiselnehmer ist zunächst nicht ersichtlich, aber aus dem Zusammenhang ist allmählich zu erkennen, dass eine alte Rechnung beglichen werden soll. Mit den schwerbewaffneten Gangstern ist nicht zu spaßen, obwohl sie die Bar freigeben, sich alle gut mit Drinks versorgen können. Draußen die Gruppe „Ratlos“ mit Polizei diverser Provenienz inkl. MEK, SEK, Psychologen und Verhandlern. Eingeschlichen in diese Truppe hat sich ein Zwischendurch- oder ist es der Gelegenheitslover (?) Rileys, der wegen eines kleinen Abstechers zur spät auf dem Weg zur Party war und jetzt mitkriegt, dass seine Angebetete unter den Geiseln ist. Erfährt, dass es Riley gar nicht gut geht. Die hat sich am Daumen verletzt – ohne Beteiligung der Geiselnehmer – und fieberwahnt vor sich hin. Das tut sie ätzende 20 Seiten in diesem Krimi, in dem wir noch mehr über sie erfahren, was wir gar nicht wissen wollen.

Jedenfalls großes Tamtam, der Boss der Geiselnehmer kriegt was er will, dann großer Abgang fast aller Teilnehmer der Situation, endlich fast Schluss. Endgültig Schluss ist dann, wenn Riley irgendwo im Nicht-Hamburg wieder auftaucht.

Fazit für mich: Nach der Überdosis Riley bin ich erst einmal froh, diesen Krimi überlebt zu haben. Aber wie das so ist: wenn sich die nächste Gelegenheit ergibt, wieder Riley-Stoff zu bekommen, werde ich ihn mir besorgen. Ich bin von dem Zeug abhängig.

Fazit für andere: Wenn ihr Riley noch nicht kennt, lasst euch von ihr anfixen.

– – – O – – –

Simone Buchholz: Hotel Cartagena

Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2019

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William Boyle: Einsame Zeugin

IMG_9437Das wilde Leben als Barkeeperin und Partygirl liegt hinter Amy. Nun ist sie eine brave Kirchenmaus, bringt – ihre Tattoos unter der schlichten Kleidung verborgen – den Alten und Einsamen ihrer Gemeinde die Kommunion, kümmert sich um sie. Nichts ist mehr so wie es einmal für Amy war, nachdem sie von ihrer Freundin Alessandra verlassen wurde. Ihr unbeschwertes Leben hat sie umgetauscht in ein Leben in Demut, Nächstenliebe aber auch Argwohn.

So merkt sie, das etwas nicht stimmt, als sie Mrs. Epifanio die Kommunion bringen will. Die alte Dame ist in Sorge, weil Vincent, der Sohn ihrer Pflegerin, sich eigenartig benimmt, ohne ihre Zustimmung ihr Schlafzimmer aufsucht und darin unbeobachtet herumschnüffelt und -werkelt. Das erweckt Amys Misstrauen und sie verfolgt Vincent, als er die Wohnung von Mrs. Epifanio verlässt. Während Amy in bester Detektiv-Manier ihr Objekt beschattet, wird Vincent mit einem Messer von einem Kerl erstochen, den sie zunächst nicht erkennt.

Weshalb Amy das Messer nimmt und die Tat verheimlicht, das Geheimnis mit sich herumträgt, bleibt auch für die Leser ein Mysterium. Kurz darauf taucht der Mörder  in Amys Leben auf – er weiß, dass sie Vincent gekannt und den Mord beobachtet hatte – und bietet ihr einen Deal an, den die brave Kirchenmaus annimmt. Damit beginnen einige Wendungen in diesem Fall, die Amy nicht verhindern kann.

Gravesend, ein Teil von Brooklyn, wurde einmal als Teil des „Forgotten New York“ bezeichnet, ein Teil von Big Apple, der nicht im Rampenlicht steht, ebensowenig wie seine Bewohner. Hier im kleinstadtartigen Milieu, wissen die Bewohner schon am Vormittag, was mittags auf den Tisch kommt. Sie wissen, wer gut oder böse ist, ehrlich oder kriminell. Und in diesem Wissen haben sie sich mit ihren Mitmenschen und deren Lebensweisen arrangiert -oder sie träumen wie auch Amy davon, Gravsend zu verlassen. Doch meist fehlen dazu Kraft und Mittel.

Wie in Gravesend erzählt William Boyle auch in Einsame Zeugin von der Tristesse, die in diesem New Yorker Stadtteil herrscht.

Es ist kein spannender Reißer sondern eine Geschichte, bei der man mit zittert und Amy die Daumen drückt, dass sie aus diesem grauen Leben den Absprung zu einem neuen bunteren, glücklicheren Leben findet, auf welche Weise auch immer.

Ein Kriminalroman mit Nachhall, der noch lange zu hören ist. Ein Buch, das am Ende nicht einfach zugeklappt und vergessen wird.

— O —

William Boyle: Einsame Zeugin

Originaltitel: The Lonely Witness (USA 2018)

Deutsche Ausgabe: Polar Verlag (2019), übersetzt von Andrea Stumpf, Herausgeber: Wolfgang Franßen

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