Du hast ja keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast — DOUG JOHNSTONE: DER BRUCH

Bereits zu Beginn des Jahres einen Kriminalroman als ein Highlight des Jahres zu bezeichnen, ist eine gewagte Äußerung. Ich sage es trotzdem.

Der Bruch ist anders als ein üblicher Krimi nach „Whodunit“-Art oder mit einem Ermittler auf der Suche nach Motiv, Mittel und Gelegenheit zur Aufklärung eines Kapitalverbrechens.

Hier wird die Geschichte des 17jährigen Tyler erzählt, der zwischen seinem brutalen Halbbruder Barry inklusive dessen Schwester Kelly – mit der es Barry treibt – und der kleinen Schwester Bean steht, der er Vater und Mutter gleichzeitig ersetzen muss, da Mutter im Suff und an der Nadel dahin vegetiert und ebenfalls vom Sohn bemuttert werden muss, Vater nicht vorhanden.

Tyler dient seinen Halbgeschwistern zudem ständig als Werkzeug bei deren Einbrüchen, da er so schmächtig und klein ist, dass er durch jede winzige Öffnung passt. Barry und Kelly leben gut davon: Alkohol, Drogen im Überfluss. Für Tyler bleibt gerade so viel über, dass er sich, Bean und die zugedröhnte Mutter ernähren kann.

Und dann passiert es: bei einem Einbruch in eine Villa, kehrt die Frau des Hauses überraschend zurück, wird von Barry lebensgefährlich durch Messerstiche verletzt. Sie ist die Gattin des Gansterchefs Deke Holt und es ist dessen Haus, in das die Bande einbrach.

Ein Fehler, dieser Bruch. Wenn Deke Tyler findet, wird er ihn foltern, um zu erfahren, wer die Ehefrau niedergestochen hat, ihn dann töten. Das prophezeit eine Polizistin dem Jungen, will ihn damit unter Druck setzen, um den Haupttäter zu fassen. Für Tyler ist klar: er wird Barry nicht verraten, weil sie eine Familie sind. Das alles spielt sich im – ach so schönen – Edinburgh ab, in einer Gegend, die nicht für Touristen attraktiv ist, in einem „sozialen Brennpunkt“, der Welt der Abgehängten.

Tyler, verantwortungsbewusst gegenüber der kleinen Schwester und ausgestattet mit viel Empathie, hat mit seinen Halbgeschwistern und mit der Gegend die A-karte gezogen. Falsche Gegend, falsche Familie. Und dennoch hält er zu beiden, wegen der kleinen Bean, wegen „Familie ist wichtig“ und um in diesen Verhältnissen zu überleben.

Als Leser stellst du fest: Scheiß Realität, hoffst, dass es für Bean und ihren Beschützer ein Rauskommen gibt aus deren kleinem Universum.

Ein mitreißender Roman, der fesselt, weil das Schicksal Tylers den Leser nicht kalt lässt. Man möchte in das Geschehen eingreifen, dem Jungen sagen, wie er sich verhalten soll. Aber welchen Rat kann ich ihm geben? Ich weiß es nicht!

Das ist es, was bewegt. Die eigene Hilflosigkeit, einen praktikablen Ausweg für Tyler zu finden. Ein Mitfiebern bis zum Ende, ohne dass jemals Langweile aufkommt, weil der Plot verflacht.

Wie oben erwähnt: Der Bruch, ein Highlight der Kriminalliteratur des Jahres 2021

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Doug Johnstone: Der Bruch, erschienen 2021 im Polar Verlag, herausgegeben von Wolfgang Franßen, übersetzt von Jürgen Bürger, mit einem Nachwort von Hanspeter Eggenberger

Originaltitel: Breakers (UK, 2019)

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Alles Lüge. Sein ganzes Leben — Louise Penny: Wenn die Blätter sich rot färben

Wer war das Opfer? Warum wurde er umgebracht? Wer hat ihn umgebracht? Was war die Tatwaffe?

In Olivers Bistro in dem abgelegenen kanadischen Dörfchen Three Pines wird die Leiche eines Unbekannten gefunden. Ermordet. In Three Pines, einem Ort, der idyllischer kaum serscheinen kann. Drei Kiefern in der Mitte des Dorfes, daneben der Buchladen von Myrna, ein Bäckerladen, das Haus des Künstlerehepaars Clara und Peter, das Bistro von Oliver und die Pension seines Lebensgefährten Gabri. Mit geschätzten Bewohnern des Ortes, zu denen auch Ruth mit ihrer Ente Rosa gehört. Ruth, Dichterin und Chefin der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, nicht ganz einfach, diese spleenige Frau.

Doch Three Pines mit seinen Wäldern drumherum ist inzwischen auch bekannt für Morde, von denen die kanadische Autorin Louise Penny in inzwischen 16 Bänden erzählt, einige sind bereits in deutscher Sprache erschienen.

Armand Gamache, Chief-Inspector bei der Surêté du Québec, ist mit seinem Team immer zur Stelle, wenn dort eine Leiche auftaucht. In diesem fünften Fall für Gamache ist es eine Angelegenheit, die den cleveren Chief-Inspector vor noch mehr als die üblichen Fragen stellt.

Angeblich kennt niemand der Bewohner Three Pines‘ den Toten, auch Oliver nicht, in dessen Bistro er von Myrna gefunden wird.

Noch mehr Fragen stellt sich Gamache als er herausfindet, dass der Tote nicht im Bistro ermordet wurde:

Wo wurde er umgebracht? Warum wurde die Leiche bewegt?

Fast von Anfang an erscheint Oliver verdächtig, aber andere im Laufe der Handlung ebenso. Irgendwann steht fest, dass der Tote ein Eremit war, der tief in den Wälder in einer selbstgebauten Hütte lebte, um sich herum kostbarste Antiquitäten aus vielen Jahrhunderten, darunter ein kleines Stück aus der Wandvertäfelung des verschwundenen Bernsteinzimmers. Der Tatort wird gefunden, die Wege der Leiche zu Olivers Bistro können nachvollzogen werden und schließlich – so ist es zumeist in Kriminalromanen – Täter und Motiv ermittelt.

Viele Rätsel mussten dazu gelöst werden. Allen voran das Leben von Oliver:

Alles Lüge. Sein ganzes Leben. Die ganze Zeit. Bis er nach Three Pines gekommen war. ….. Aber dann war der Eremit gekommen.

Auch das Rätsel um die Schnitzereien, gefertigt aus Red Cedar aus einer bestimmten Gegend in British Columbia, einer Inselgruppe namens Queen Charlotte Islands. Es ist die Heimat der Haida, einem Indianervolk, das zu den First Nations des Kontinents zählt. Tausende von Kilometer muss Gamache dorthin reisen, um zu verstehen, was den Eremiten bewegt hat, was es mit der Geschichte des Bergkönigs auf sich hat, die immer wieder stückweise im Buch auftaucht und die zu dem führt, vor dem sich keiner verstecken kann: dem Gewissen.

Vieles in diesem Roman ist außergewöhnlich – so, wie die Gemälde Claras – und herrlich erzählt von Louise Penny. Allerdings braucht der Leser Geduld, bis die Handlung Dynamik gewinnt. Doch die Geduld lohnt sich, nicht nur der Spannung wegen wie der Entschlüsselung des Codes auf den Schnitzereien. Das Geheimis der Herkunft der Antiquitäten, das zurück in die damalige Tschechoslowakei nach dem Prager Frühling führt. Die Lügen, die Gamache und seinem Team aufgetischt und von diesen ebenso entschlüsselt werden müssen.

Dieses und wiederum die wunderbaren Charakterisierungen der alten und neuen Bewohner von Three Pines machen Wenn die Blätter sich rot färben lesens- und liebenswert.

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Louise Penny: Wenn die Blätter sich rot färben – Der fünfte Fall für Gamache. Übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, erschienen 2020 im Kampa Verlag. Originaltitel: The Brutal Telling (UK, 2009)

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Bereits besprochene Bände der Chief-Inspector Gamache-Reihe auf KrimiLese:

Das Dorf in den roten Wäldern – Der erste Fall für Gamache

Lange Schatten – Der vierte Fall für Gamache

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Über das Sinaloa-Kartell in Mexiko, eine Art „True-Crime-Geschichte“

Ein umfassender und gut recherchierter Artikel in ZEIT ONLINE:

Der Journalist Javier Valdez kann nicht mehr recherchieren, weil er erschossen wurde. Aber wir können

Von Kai Biermann, Amrai Coen, Hauke Friederichs, Holger Stark und Fritz Zimmermann

Hier der Link dazu: https://www.zeit.de/2020/52/sinaloa-drogenkartell-mexiko-javier-valdez-journalist-mord-berichterstattung

Was bei Don Winslow in dessen dreibändiger „Kartell-Saga“ fiktiv war und doch großen Bezug zur Realität hatte, wird hier ausführlich wie ein „True Crime“ dargestellt.

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Peter Jackob: Gutes Neues, Schack!

Vorweg: In Mainz ist der Kommissar der dortigen Mordkommission, Schack Bekker, mit Sicherheit mindestens so bekannt wie Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Maigret zusammengenommen. Über die Stadtgrenzen hinaus in ganz Deutschland hat der Kommissar inzwischen durch „Der gespielte Krimi“, in dem zur Lesung des Autors und Pantomime von Corina Ramona der Kommissar einen Kriminalfall löst, sowie durch etliche Schack-Bekker-Krimis ebenfalls Berühmtheit erlangt.

Schack Bekker ermittelt wieder. Selbst an Silvester kann Schack nicht entspannt mit seinen Freunden feiern. Wie jedes Jahr zieht es ihn am letzten Abend des Jahres zu einer Gartenhütte im Kleingartenverein „Friedliebende Nachbarn“, wo er in gemütlicher Runde mit Spielen wie Blinzelmörder und Der inszenierte Mord sowie jeder Menge Calvados, Sekt und anderem Hochprozentigem die letzten Stunden des alten und die ersten des neuen Jahres verbringt, um am nächsten Morgen mit einem wildkatzengroßen Kater aufzuwachen.

Schon beim Betreten der Anlage überkommt ihn ein mulmiges Gefühl. Das handgeschriebene Schild „Friedliebende Nachbarn“ über dem Eingang schwingt still hin und her, quietscht nicht wie sonst. Auch das helle Knirschen der Kieselsteine auf dem Fußweg ist nicht das vertraute Geräusch. So meditiert er über das Unheimliche, das nach Freud das nicht mehr Vertraute ist.

Es kommt es wie es kommen muss: Nach den ersten Gesellschaftsspielen – alle Gäste haben sich als Detektive der Weltliteratur verkleidet, als Poirot, Miss Marple oder Sherlock Holmes, Schack Bekker ist als Schimanski erschienen – erreicht ein fürchterlicher Schrei aus dem Nachbargarten die feuchtfröhliche Runde. Gestalten im Look von Schimanski, Poirot, Miss Marple eilen mit Sam Spade, Sherlock, Columbo und Co zum Ort des Geschehens und finden dort den toten Vorsitzenden der „Friedliebenden Nachbarn“ in dessen Laubenpieperhütte vor. Der Schrei kam von der Kassiererin des Vereins, der Ex des Vorsitzenden. In ihrer Kostümierung verfallen der Kommissar und seine Freunde – überwiegend Kollegen und Bekkers Lieblingskollegin Erna Dunst – zurück in ihr wahres Leben als Kommissare, Polizeifotograf oder Rechtsmediziner und klären auf, was aufgeklärt werden muss.

Eine üble Tat in einer Silvesternacht, die für Schack so ganz anders verläuft. Aber da war ja was. Von Anfang an war’s Bekker unheimlich, seit er die „Friedliebenden Nachbarn“ betrat.

Peter Jackob erzählt dieses ungewöhnliche Erlebnis Bekkers mit feinem Humor, einer wohldosierten Portion Ironie und kurzweiligem Abtauchen in die römische und auch griechische Literatur. So sehen wir neben den Großen der Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts auch Vergil und Homer, über deren Dramen und Verse sich der Kommissar seine Gedanken macht.

Ein spannender, abwechslungsreicher Fall, den Schack Bekker mit Bravour löst, der ihn auf eine Stufe stellt mit den Großen der Kriminalliteratur.

Chapeau, Schack und ein Gutes Neues!

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Peter Jackob: Gutes Neues, Schack!

Dieses kleine Büchlein (63 Seiten) ist 2020 vom Autor selbst veröffentlicht worden. Es ist in Mainz und um Mainz herum in Buchhandlungen erhältlich und wer es nicht in seiner Buchhandlung findet, für den gibt es sicherlich auch eine Möglichkeit, es zu erwerben. Tipp: Auf die Website des Autors – https://peterjackob.de/ – gehen.

Ein Buch also nicht nur für Mainzer und deren Nachbarn – und achtet mal drauf, wann und wo nach Corona „Der gespielte Krimi“ mal wieder gespielt wird (ebenfalls auf Peter Jackobs Website nachzulesen, wenn es soweit ist).

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Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten

Entgegen üblicher Gepflogenheiten lädt der alte Simeon Lee seine Nachkommen zu Weihnachten zu sich in sein Landhaus nach Gorstan Hall ein, in dem er mit einem seiner Söhne, dessen Frau und etlichen Hausangestellten lebt. Zwei Söhne mit Ehefrauen, ein alleinstehender Sohn und eine Tochter der verstorbenen Tochter des Alten werden erwartet.

Während die Ehepaare nur widerwillig der Einladung folgen – der Patriarch ist bekannt, dass er seine Nachkommen gern terrorisiert – kommt die Enkelin aus Spanien mit einem bestimmten Vorsatz nach England. Der ledige Sohn, schwarzes Schaf der Familie, hat auch ein Ziel: Nachdem er jahrelang auf Kosten des Vaters in der Welt herumgereist ist und nicht immer gesetzestreu war, möchte er sich wieder in seinem alten Zuhause einnisten. Zudem taucht noch der Sohn eines ehemaligen Geschäftspartners aus Südafrika bei Simeon Lee auf.

Wie von den meisten Familienmitgliedern erwartet, wird es kein fröhliches Weihnachtsfest. Der Hausherr lädt am Nachmittag des Heiligen Abends zu einer „Audience“ ein, bei der er seine Söhne – jedenfalls die ehelichen – als Nichtsnutze bezeichnet. Was er in anderen Betten gezeugt hat, könnte möglicherweise von besserer Qualität sein, sagt er. Auch an den Ehefrauen der Söhne lässt Simeon kein gutes Haar. Lediglich die Enkeltochter kommt ohne ätzende Kritik davon. Zudem erfahren die Anwesenden, dass der Herr des Hauses in Kürze sein Testament ändern will.

Daher wundert es nicht, dass am Abend aus dem Zimmer von Simeon ein Getöse umfallender Möbel und danach ein Todesschrei zu hören ist. Die Familie rennt zum Tatort, findet die Tür zum Zimmer von innen verschlossen. Zwei Söhne brechen die Tür auf und alle finden den Alten tot mit durchschnittener Kehle in einer riesigen Blutlache.

Als Glück erweist es sich zunächst, dass Inspector Sugden, der eine Stunde zuvor bereits dem damals noch Lebenden einen Besuch abgestattet hat, just zu dem Zeitpunkt noch einmal an der Tür klingelt, als das aufregende Ereignis passiert. So kann der Polizist sogleich die Ermittlungen aufnehmen.

Unterstützt wird der Inspector kurz darauf durch dessen Chef, der zu Hause gemütlich mit Hercule Poirot vor dem Kamin saß, wo die beiden nach einem anderen gelösten Fall zusammenhockten. Poirot wird vom Polizeichef gebeten, mit nach Gorston Hall zu fahren und ihn bei der Ermittlung zu unterstützen. Poirot folgt der Bitte und trifft auf eine Ansammlung von Personen, die alle ein Motiv für den Mord zu haben scheinen – Familienmitglieder, der Gast aus Südafrika aber auch ein Teil des Personals. So werden Gespräche mit allen Anwesenden geführt, hauptsächlich von Inspector Sugden. Alibis werden geprüft, alle Aussagen führen dazu, dass Sugden immer wieder meint, keiner der Anwesenden könne der Mörder sein, obwohl ein Fremder doch wohl auch nicht in Frage kommen könne.

Ein Mysterium ist auch das Locked-Room-Szenario: die Tür zum Tatort verschlossen, die Fenster zu oder ein etwas aufstehendes durch eine Sperre gesichert, sodass es unerklärlich ist, wie der Mörder das Zimmer verlassen haben könnte.

Aber zum Glück ist Poirot dabei! In vielen Gesprächen lässt er sich schildern, wie sich die Verdächtigen gegenseitig be- oder entlasten, registriert jede Kleinigkeit und löst schließlich den Fall.

Der Roman lebt von der Charakterisierung der Beteiligten und man kommt zu dem Schluss: Simeon Lee hat den Tod verdient. Agatha Christie erzählt im Sinne einer Krimihandlung nahezu spannungsfrei, zeigt dabei hervorragend die Spannungsverhältnisse zwischen den einzelnen Personen auf, die durch Misstrauen, Hass, Geringschätzung und Egoismus geprägt sind. Dazu ein cleverer Inspector und ein Poirot in Hochform, der sich von niemandem blenden lässt.

Ein Roman für Freunde der gepflegten Kriminalliteratur, der – so er in der Vorweihnachtszeit gelesen wird – Hektik aus unserem Leben in dieser stressigen Zeit herausnimmt. Im gemütlichen Sessel zum Entspannen mit Genuss zu lesen.

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Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten, Ausgabe des Antlantik Verlags (2015), übersetzt von Michael Mundhenk

Originaltitel: Hercule Poirot’s Christmas, zuerst erschienen im Dezember 1938 im Collins Crime Club

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sif_sigmarsdóttir DAS DUNKLE FLÜSTERN DER SCHNEEFLOCKEN

Hey LOEWE-verlag, da ist wohl was schiefgelaufen mit dem verhaltensbasierten Targeting eurer Marketingfuzzis. Bin 5x älter als die Zielgruppe für das Buch, kratze demnächst an der 80. OK, bin Krimifreund, vielleicht hat Loewes Algorithmus deshalb entschieden, mich zu influenzieren, es zu lesen. Passt dann wohl auch.

Es geht um Manipulation in der Welt der Social Media durch Influencing, das von Einzelnen mit zum Teil Millionen von Followern betrieben wird, um das Abgreifen von persönlichen Daten zwecks verhaltensbasiertem Targeting und um Manipulation im großen Stil, wie es vor einiger Zeit noch undenkbar, inzwischen aber real geworden ist.

Von Kapitel zu Kapitel alternierend wird die Story der zwei Protagonistinnen Hannah und Imogen erzählt:

Hannah, sechzehn Jahre alt, wurde gerade in London der Schule verwiesen, nachdem sie in der Schülerzeitung einen Beitrag veröffentlicht hatte, der den Schulleiter in ein schlechtes Licht rückte. Mutter verstorben, lebte sie zuletzt bei ihrer Großmutter und zieht jetzt zu ihrem Vater, Chef einer Tageszeitung, nach Reykjavik. Sie erzählt im Hier und Jetzt, was sie dabei erlebt als sie ein Praktikum im Zeitungsverlag macht, dabei Imogen kennenlernt.

Imogen Collins, wenige Jahre älter als Hannah, arbeitet nach abgebrochenem Psychologiestudium in Cambridge in einer Londoner PR-Agentur, nebenbei als Influencerin mit mehr als einer Million Followern. Traumabehaftet durch ein übles Erlebnis an der Uni, bekommt sie die Chance in Reykjavik an einem interessanten Projekt zu arbeiten. Ihre Geschichte hängt anfangs einige Wochen hinter Hannahs hinterher.

Ihre Wege kreuzen sich, sind durch die beiden unterschiedlichen Zeitebenen geschickt verknüpft. Sie treffen sich, als Hannah die Influencerin für die Online-Ausgabe einer isländischen Zeitung interviewt. Imogen, in Hannahs Augen zwar als Social-Media-Star bewundernswert, vom Auftreten im Interview von Arroganz geprägt, lässt sich auf ein Interview ein, bei dem die Fragen doch tiefer gehen, als das zu erwarten war. Daraus bildet sich zwischen den beiden ein Verhältnis, das hier nicht näher beschrieben werden soll.

Hannah hatte bei ihrer Ankunft auf Island am Straßenrand eine Leiche gesehen und dieser Tote – oder wie es zu dem Tod kam – ist es, was die Story bestimmt. Das alles geschieht in der Welt von Social Media und der Forschung zu besseren Erkenntnissen über Verhalten und Denken potenzieller Zielgruppen zwecks …… (siehe oben).

Imogen ist dabei wie Schneeflocken: „Es hat angefangen zu schneien. … Die Schneeflocken wirken so hübsch, so unschuldig, beinahe aufreizend zart. Doch das täuscht. … Schneeflocken bestehen aus Kristallen, mit harten, messerscharfen Kanten und in großer Zahl können sie zur Gefahr werden, Zur tödlichen Gefahr. Imogen ist wie diese Schneeflocken, …“

Sigmars Tochter Sif ist mit diesem Thriller für Jugendliche ein Scoop gelungen, der nicht nur Jugendliche anspricht, sondern als „all-age-crime“ bezeichnet werden kann, wenn Leser und Leserinnen der Welt der Social Media aufgeschlossen sind und sich für die Möglichkeiten der Manipulation durch diese Medien interessieren. Erwarten sollten sie jedoch keinen – wie vom Verlag beschrieben – Nordic-Noir, aber eine spannende Geschichte – Thriller trifft zu – inklusive Leichen und Lügen sowie „The Sharp Edge of a Snowflake“ – so der Originaltitel.

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Sif Sigmarsdóttir DAS DUNKLE FLÜSTERN DER SCHNEEFLOCKEN, erschienen im Loewe Verlag (2020), übersetzt von Ulrich Thiele. Originaltitel: The Sharp Edge of a Snowflake (GB, 2019)

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Wie auch immer der Loewe-Verlag auf mich gestoßen ist – gelungenes Targeting!

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Der Sommer, in dem Océane 15 wurde — Éric Plamondon: TAQAWAN

Vorbemerkung: In letzter Zeit erhalte ich Information über Unterdrückung und Entrechtung indogener Völker und Missbrauch ihrer Frauen durch Weiße überwiegend aus Kriminalromanen. Kürzlich in „Am Roten Fluß“ von Marcie Rendon (erschienen bei Argument-Ariadne). Aktuell und hier beschrieben: Éric Plamondons „Taqawan“. Eine weitere Veröffentlichung ist für das Frühjahr 2021 vom Pendragon Verlag angekündigt: Frostmond von Frauke Buchholz. Offenbar bietet die Plattform „Kriminalliteratur“ eine größere Chance zur Verbreitung von Fakten zu Suppression und Entziehung von Lebensgrundlage und -raum der First Nations als andere, übliche Nachrichten oder Berichte in den Medien.

– – Ein Armutszeugnis für die üblichen Informationsquellen – –

Am Tag als Océane 15 Jahre alt wird, erlebt sie, wie Hunderte von bewaffneten Männern – überwiegend Polizisten – gegen die Indianer im Reservat vorgehen, mit grober Gewalt deren Netze für den Lachsfang konfiszieren. Lachsfang, Lebensgrundlage der Mi’gmaq. An diesem Tag wird Océane zudem von drei Polizisten der Sûreté du Québec, die an der Aktion beteiligt sind, vergewaltigt. Frei nach dem Motto:

„In Quebec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen.“

Es sind nicht nur die Verbrechen an den Indianern und dem Mädchen, von denen hier erzählt wird, passiert am Geburtstag von Océane. Éric Plamondon verknüpft die Ereignisse der Razzia vom 11. Oktober 1981 und der folgenden Tage mit der Geschichte der französischen Kolonialisierung in Nordamerika und dem Schicksal der Mi’gmaqs. Die Entwicklung von „Ureinwohnern“ Amerikas, zu „Wilden“ und schließlich zu einer der „First Nations“, der gnädigerweise ein Reservat von 40 Quadratkilometern zur Verfügung gestellt wurde, ihrer Lebensgrundlagen und den letzten Quellen ihrer Nahrungsbeschaffung, dem Lachsfang, beraubt wurde.

Nach den Vergewaltigungen wird Ocèane von einem Ex-Ranger, der nach der großen Razzia resigniert und seinen Dienst im Reservat quittiert, gefunden. Zusammen mit einem alten Indianer bringt er das Mädchen wieder auf die Beine. Océanes Geschichte endet Jahre später, als sie einen Hochschulabschluss in Jura hat. Die Geschichte der Unterdrückung indigener Völker ist damit noch lange nicht zu Ende geschrieben. Zu der Zeit erfährt die junge Frau von der Oka-Krise.

Ein minimaler Handlungsfaden erzählt die Kriminalgeschichte in dieser denkwürdigen Abhandlung über die Mi’gmags und an ihnen die Entrechtung indigener Völker.

Eine Leseempfehlung für alle Krimiliebhaber, die über den Horizont von Mord und anderer „krimineller Fiktion“ auf Bezüge zur Realität hinausblicken möchten . In diesem Fall einer, deren wir uns gar nicht so bewusst sind, die uns selten auf den Tabletts von Tagesschau, Weltspiegel, Zeitungen & Co präsentiert werden.

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Éric Plamondon: Taqawan, übersetzt von Anne Thomas, erschienen im Lenos Verlag (2020), Originaltitel: Taqawan (2018)

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Ab ins Bordell oder in den Tod? – Sam Hawken: Vermisst

Marina, die siebzehnjährige Stieftochter von Witwer Jack aus Laredo (Texas), verschwindet zusammen mit ihrer Cousine Patricia nach einem Konzert im mexikanischen Nuevo Laredo. Jack, der für Marina und deren Schwester Lidia nach dem Tod seiner Frau und Mutter der Kinder liebevoll sorgt, wollte die ältere der beiden Geschwister nicht über die Grenze, nicht zum Konzert lassen.

Nuevo Laredo ist ein gefährliches Pflaster, die Stadt wird beherrscht von Drogenkartellen und korrupten Polizisten.

Die Kartelle bieten Polizisten, die sie kaufen wollen, genau zwei Optionen: plata o plomo. Silber oder Blei.“

Von Marina und ihrer Cousine verliert sich nach dem Konzert die Spur. Jack und sein mexikanischer Schwager Bernhardo, Vater Patricias, melden die Töchter als vermisst und haben Glück, dass sie dabei an einen der wenigen nicht korrumpierbaren Polizisten Gonzalo Soler geraten.

Kein ungewöhnlicher Fall für den Polizisten, schließlich verschwinden häufig Mädchen, tauchen dann in Bordellen auf – oder nie wieder.

Nur wird die gesamte Polizei inklusive Soler wegen Korrumptionsvorwürfen suspendiert und die Armee übernimmt die Aufgaben, primär aber, um das Treiben der Narcos zu unterbinden, nicht um ein paar vermisste Mädchen zu suchen.

Diese Aufgabe übernimmt Jack, heuert zur Unterstützung den suspendierten Soler an, der sich in der Stadt und im Milieu bestens auskennt. So kommen Jack und der Ex-Polizist Entführern und Hintermännern näher. Das bedeutet, dass sie in der Umgebung, in die sie geraten, mit allen Mittel kämpfen müssen.

Was kommt dabei heraus? Tote, wenig Wahrheit, wenig Erkenntnisse. Kein „Alles wird wieder gut“ nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Ein Kriminalroman, der mich zunächst sprachlos gemacht hat, beim dem ich mir überlegt habe, was in Jacks Situation getan hätte. Resignieren und die eigene Ohnmacht anerkennen oder den Jack spielen.

Sam Hawken hat mit Jack und dessen Handeln aufgezeigt, welches Chaos in Nuevo Laredo unter der Dominanz der Drogenkartelle und einer überwiegend korrupten Polizei herrscht. Dabei steht Nuevo Laredo nur als ein Beispiel für das Leben in Teilen von Mittel- und Südamerika, so wie es auch Don Winslow in seiner „Kartell-Saga“ beschrieben hat, bei Hawken jedoch aus der Sicht der Opfer. Eine düster Geschichte, großartig erzählt, mit Hassgefühlen über die Verhältnisse dort mitzuerleb/sen.

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Sam Hawken: Vermisst, erschienen im Polar Verlag (2020), übersetzt von Karen Witthuhn, herausgegeben von Wolfgang Franßen. Originaltitel: Missing (2014)

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Frauen verschwinden: STADT LAND RAUB von Marcie Rendon

Fakt ist: In Kanada und den USA werden jedes Jahr Tausende indianischer Frauen entführt oder ermordet. Viele – zudem auch Weiße – landen in der „Weißen Sklaverei“.

Fiktion ist in Marcie Rendons Story: Aus dem Moorhead-State-College verschwindet eine junge Studentin, Kommilitonin von Cash.

Cash ist bereits bekannt aus Rendons Erstling „Am Roten Fluss, eine markante junge Frau mit indianischen Wurzeln, genial beim Poolbillard, „steht ihren Mann“ als LKW-Fahrerin im Sommer bei der Getreideernte, im Herbst bei der Zuckerrübenernte. Zudem geprägt durch weiße Pflegefamilien, die sie unverschämt ausnutzten, nun unter der Obhut von Sheriff Wheaton, der sie beschützt und fördert, dem einzigen Menschen, dem sie vertraut.

Cash erzählt in STADT, LAND, RAUB, wie ihr Leben in Fargo (North Dakota) abläuft und von Leben auf dem Campus auf der anderen Seite des Red Rivers in Moorhead (Minnesota). Kein einfaches Leben um Unterhalt zu verdienen und zugleich zu studieren, dabei hochintelligent und der indianischen Minderheit anzugehören.

Abwechslung kommt in ihre Tagesabläufe als eine junge Studentin verschwindet, mit der Cash in einem Kurs ist. Das Verschwinden ist unerklärlich. Dann erfährt sie, dass noch ein zweites Mädchen aus einer anderen Ecke Minnesotas vermisst wird. Auch die Zweite ein College Girl. Mit Wheaton spricht Cash über das Verschwinden der braven Mädchens, aber der Sheriff hat keine Vermutung, weshalb die beiden nicht wieder auftauchen.Cashs Bruder, Rückkehrer aus Vietnam – die Geschichte ist in den 70ern angesiedelt – meint, dass sie Opfer der „Weißen Sklaverei“ geworden sind.

Und so verlagert sich die Story aus der ländlichen Gegend mit den Kleinstädten Fargo und Moorhead in die „Twin Cities“, die Metropolregion mit Minneapolis und St. Paul, wo Cash mit einem Preis für ein Essay über Literatur ausgezeichnet wird. Aus den ruhigen, gemächlichen Abläufen am Red River wird eine turbulente, üble Großstadt-Story.

Marcie Rendon versteht es, mit einem gelungenen Spannungsaufbau Aufmerksamkeit aufzubauen und ihre Leserinnen und Leser zu fesseln.Ein gelungener Kriminalroman, verwurzelt in der Herkunft und der ambivalenten Umgebung (ländliche Umgebung – College) Cashs, erzählt als Country Western und Hardboiled Crime.

Wie „Am Roten Fluss“ ein beeindruckender Roman von der Art, die im Kopf haften bleibt.

Bleibt zum Schluß die Bitte an Marcie Rendon: „Schreib‘ weiter über Cash, ihr Leben am Red River, ihre Erlebnisse sowie über „Minnesota’s cultural life“.

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Marcie Rendon: Stadt, Land, Raub – erschienen bei Ariadne im Argument Verlag (2020), übersetzt von Jonas Jakob. Titel der Originalausgabe: Girl Gone Missing: A Cash Blackbear Mystery (USA,2019)

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Zur Homepage von Marcie Rendon: HIER

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Drei kurze Erzählungen von Simon Beckett: VERSTECKT – Dunkle Geschichten

„Begegnungen mit dem Bösen“ ist in fetten Lettern auf der rückwärtigen Einbandseite zu lesen. Dem Bösen begegnen wir in drei Kurzgeschichten. Im Vorwort erklärt Simon Beckett, dass sie schon vor längerer Zeit entstanden sind, in der untersten Schublade seines Schreibtisches lagen, bis er sie jetzt daraus hervorgeholt hat.

Die älteste ist Ein kurzer Bericht, lediglich dreieinhalb Seiten lang, jedoch von großer Prägnanz: ein Banküberfall und dessen Folgen bis zum letzten Knochensplitter.

Mutter Gans dagegen kann als moderne Fassung eines Prequels zu einem Grimm’schen Märchen angesehen werden. Ein Junge hat sich verlaufen und findet ein Farmhaus, in dem er gut versorgt wird. Der letzte Satz dieses Kurzkrimis ist der Cliffhänger, der zu den Gebrüdern Grimm führt.

Der Eckpfeiler, erste Geschichte der Sammlung, erzählt von einem Erlebnis von vier Jugendlichen auf einer Müllhalde am Rande der Stadt. Ein Vorfall, der der Anfang vom Ende ihrer Freundschaft ist. Zwanzig Jahre danach taucht bei einem der Vier ein Utensil von damals wieder auf – und damit erklärt sich, was bis dahin verborgen war.

Nun ist die unterste Schublade bei Simon Beckett etwas leerer. Was er erzählt ist jedoch nicht „unterste Schublade“ sondern mit Ein kurzer Bericht und Der Eckpfeiler nette Häppchen seiner Erzählkunst. Bei Mutter Gans weiß man von der zweiten Seite, wie sich die Geschichte entwickelt – ohne jegliche überraschende Wendung. Anlehnungen an Grimm’sche Märchen haben andere Autoren gekonnter dargestellt.

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Simon Beckett: Versteckt – Dunkle Geschichten, erschienen bei Wunderlich (2020), übersetzt von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn

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