Funkenmord für Klufti-Fans

Kluftingers neuer Fall“ ist für Freunde des Allgäuer Kommissars geschrieben. Sie erlesen darin die Lösung eines „Cold Cases“ wie es nicht nur Neudeutsch genannt wird, sondern auch Neu-Allgäuisch.

Kluftinger hatte 1985 zu Beginn seiner Laufbahn bei der Polizei einen mutmaßlichen Mörder zu einem Geständnis bewegt. Der wurde verurteilt, nun ist er tot. Kurz vor dem Tod hatte der als Mörder Verurteilte dem Kommissar das Versprechen abgenommen, den wahren Täter zu überführen, denn er, der Mendler, hätte die Lehrerin damals am Funkensonntag nicht ans Holzkreuz über Altusried gefesselt und sie dort verbrannt. Dem heute recht erfahrenen Ermittler des Kemptener K1 kommen nun Zweifel, ob er den Mendler vor 35 Jahren nicht zum Geständnis gezwungen hat und rollt den Fall neu auf. Wer den alten kauzigen Grantler kennt weiß, dass der ein heller Kopf ist – solange es sich auf dessen kriminalistischen Fähigkeiten bezieht.

So ziehen sich die Arbeiten am „Cold Case“ als roter Faden durch das Buch, mal sichtbar, häufig aber geht der Faden verloren durch Episoden, in denen Kluftingers Privatleben, sein Überfluss an mangelndem Wissen in Alltagsangelegenheiten sowie Schlitzohrigkeiten und Skurrilitäten den Kriminalfall bis zu Verschwinden überdecken.

Statt eines Kriminalromans ist es jedoch mehr eine Sammlung von Possen, die von Volker Klüpfel und Michael Kobr entweder „en bloc“ links und rechts, über oder unter dem roten Faden erzählt werden, oder sich stückweise durch das Buch hindurchziehen.

Die auffallendsten seien hier aufgeführt:

  • Die Geschichte, in der Kluftinger die Hausarbeit für die migränekranke Ehefrau übernimmt, er die Dreckwäsche sortiert sowie die Waschmaschine bedient
  • Die Geschichte, wie Kluftinger einen Thermomix ersteht
  • Die Geschichte, wie Kluftinger seinem nicht geschätzten Arzt Langhammer den erschossenen Wittgenstein ersetzt
  • Die Geschichte, warum Kluftinger im Kommissariat nun Pantoffeln getragen trägt
  • Die Geschichte, wie Kluftinger bei einer Begrüßungsrede über Regelarbeitszeit spricht und dabei den Begriff falsch interpretiert
  • Die Geschichte, wie Kluftinger bei der Besprechung der Taufe seines Enkels auf einen farbigen Pfarrer trifft und mit ihm von einem Missverständnis zum nächsten schliddert
  • Die Geschichte, wie Kluftinger ein genderneutrales Grußwort für die Weihnachtsausgabe des Mitarbeitermagazins schreiben soll
  • Die Geschichte, wie Kluftinger zwecks Teambuilding mit den Kollegen versucht, einen Weihnachtsbaum für das Kommissariat zu kaufen
  • Die Geschichte, in der sich Kluftingers Ehefrau in der örtlichen Flüchtlingshilfe engagiert.

(Liest sich wie die Kapitelüberschriften zu „Till Eulenspiegel“)

Die sind nur einige Geschichten, die hier erzählt werden. Da ist dann noch Kluftis Ernennung zum kommissarischen Polizeipräsidenten, und sein wandelndes Verhalten zur neuen Kollegin, das zunächst geprägt ist durch seine frauenfeindliche Einstellung und den „unpassenden Slang“ der Neuen. Übertroffen werden diese Episoden noch durch die Korrespondenz zum japanischen Vater der Schwiegertochter in „englischer Sprache“ ein Mix aus Kluftis Englischkenntnissen und deutscher Sprache, gewürzt mit Allgäuer Dialekt, die die Klufti-Fans wahrlich zu schenkelklopfenden Genießern dieses, vom Verlag als „Kluftinger-Krimi 11“ bezeichneten Buchs werden lassen.

Fazit: Zefix, das ist doch kein Krimi! Aber amüsant ist es schon.

Habe die Ehre!

– – – O – – –

Volker Klüpfel, Michael Kobr: Funkenmord, erschienen im Ullstein Verlag (2020)

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Jo Nesbø: Ihr Königreich

TU, WAS GETAN WERDEN MUSS. ALLES HÄNGT AN DIR. UND TU ES JETZT. (Botschaft auf dem Personalklo von Roys Tankstelle im norwegischen Os)

Das war Papas Rat, den er seinen Söhnen Roy und Carl vor 20 Jahren mit auf den Weg gab. Ein Leben, in dem Roy nicht über das Ortsschild der kleinen Stadt hinausgekommen ist, es Carl, den Jüngeren, bis nach Kanada verschlagen hat.

Nun ist Carl zurück auf dem Berghof in der kargen Gebirgsgegend oberhalb von Os, den Roy neben seiner Tankstelle inklusive Reparaturwerkstatt betreibt. Und aus ist es mit der Langsamkeit und der Idylle in der Gegend. Carl bringt nicht nur seine Frau Shannon mit, eine Exotin aus Barbados, sondern einen Plan, Os und dessen Bewohner zu Reichtum zu verhelfen.

WERDE TEIL EINES GROSSEN ABENTEUERS!,lautete die Überschrift. Und darunter : OS SPA- UND HOCHGEBIRGSHOTEL. Carl hat die Plakate im Ort verteilt, die den Osianern Reichtum ohne Risiko versprechen, indem sie Gesellschafter des Hotelprojekts werden.

Roy erkennt, dass der kleine Bruder, für den er sich früher verantwortlich fühlte, ihn nun überragt. Seitdem Carl vor 15 Jahren wegen einer Affäre zum Studium nach Toronto gezogen ist, hat er sich zum gewieften Unternehmer entwickelt. Roy dagegen ist so geblieben, wie er damals war: bodenständig, geradlinig, ohne große Ansprüche an sich und das Leben.

Doch nicht nur das Hotelprojekt bringt Unruhe in Roys Leben. Die Vergangenheit bricht immer wieder in seine gewohnten Abläufe ein: der Tod seiner Eltern. Noch heute vermutet die Polizei, dass es kein einfacher Unfall war, bei dem sie ums Leben kamen. Ein Polizist, der weiter recherchiert, verschwindet. Weitere mysteriöse Dinge geschehen. Der Hotelrohbau wird abgefackelt, Leute sterben in Os. Immer mittendrin in diesen düsteren Ereignissen: mindestens einer der Opgard-Brüder.

Es ist Roy, der die Ereignisse schildert und auch die aus seiner Vergangenheit. Daraus ergibt sich ein Psychogramm eines ungewöhnlichen Menschens, der seinen kleinen Bruder nicht immer beschützen konnte und darunter bis heute leidet. Immer noch stellt er sich vor Carl, zumindest was das Hotelprojekt betrifft, verliebt sich andererseits in dessen Frau, betrügt ihn. Wird aber umgekehrt vom Bruder betrogen und belogen.

So ist Ihr Königreich eine verzwickte Familiensaga, die auch aus Beziehungen zu den Bewohner Os‘ besteht, mit Liebe, Betrug und Misstrauen. Zudem ein Noir, in dem die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld häufig verwischen, alles nach dem Motto:

TU, WAS GETAN WERDEN MUSS. ALLES HÄNGT AN DIR. UND TU ES JETZT.

Wieder einmal hat Jo Nesbø getan, was er tun muss – und was er genial kann -: Erzählen von den Abgründen menschlichen Handelns, hier in einem standalone, vergleichbar mit Der Sohn, in diesen Fällen ohne Harry Hole, jenen kaputten Osloer Hauptkommissar, der inzwischen in 12 Kriminalromanen von Verbrechern malträtiert wurde, am Ende jedoch immer überlebt und gewinnt. Gut, dass Nesbø wieder einmal die Pfade von Harry Hole verlassen hat. In Ihr Königreich herrscht der raue Wind der Gebirgslandschaft um Os – und der tut gut, weil er durch die gesamte Story Spannung erzeugt und die Neugierde erhält, wie das TUN endet.

– – – O – – –

Jo Nesbø: Ihr Königreich, Originaltitel: Kongeriket (2020, Oslo).

Deutsche Ausgabe erschienen im Ullstein Verlag (2020), übersetzt von Günther Frauenlob

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Elisabeth Florin: Commissario Pavarotti probt die Liebe

Unter dem Deckmäntelchen des hübschen Covers für einen Regionalkrimi verbirgt sich ein handfester Thriller. Dazu kommt im 5. Band der Commissario Pavarotti-Reihe die Fortsetzung der Irrungen und Wirrungen in der Beziehung zwischen dem Südtiroler und Lissie von Spiegel, die im Laufe der Jahre von der geschassten PR-Tussi einer Frankfurter Bank zu einer erfolgreichen Schriftstellerin mutiert ist. Allerdings ist sie auch ein wenig bedauernswert, da sie mit einem alten Trauma lebt: dem unaufgeklärten Verschwinden des Vaters vor 30 Jahren während eines gemeinsamen Urlaubs in Meran.

Eine Begegnung mit einem seltsamen Alten, der sich als alter Freund der Familie vorstellt, an den sich Lissie jedoch nicht erinnert, ist die Initialzündung für eine intensive Suche nach dem Grund für das Verschwinden des Vaters. Pavarotti, der just in dieser Zeit im Taunus weilt, wird von Lissie gebeten, bei dieser Aktion zu helfen. Der Commissario willigt ein, nicht ohne die Absicht, der Deutschen wieder näher kommen zu wollen.

So recherchieren sie zunächst im ehemaligen beruflichen Umfeld des verschwundenen Anwalts von Spiegel im Taunus, während Pavarottis Kollege in Meran ebenfalls in der Vergangenheit nach Spuren sucht. Der Commissario und die Schriftstellerin begeben sich auf eine Fährte, die zurück ins Südtirol der 80er Jahre führt. Die Zeit, in der dort um den Status der „Autonomen Provinz Bozen“ gerungen wurde und in der dort immer noch diverse Gruppen Terroranschläge gegen den italienischen Staat und seine Organe verübten. In dieser Melange von Geheimdiensten, rechtem Netzwerk, Doppelagenten und Terroristen scheint der Grund für das Verschwinden von Lissies Vater verborgen zu sein. Die eindringliche Warnung eines Freundes aus der heutigen Geheimdienstszene, die Ermittlungen fortzusetzen, schlägt Pavarotti aus. Das Geschehen verlagert sich aus dem Taunus in die Gegend von Meran und es erweist sich, dass die Warnung an den Commissario berechtigt war.

Eine spannende Geschichte, in der nicht dem Lokalkolorit die tragende Rolle zukommt, sondern den historischen Abläufen nach dem II.Weltkrieg in Südtirol mit dem italienischen Arm des Gladio-Netzwerkes, der sich im Laufe der Jahre von seinen ursprünglichen Aufgaben trennte und unkontrollierbar wurde. Basierend auf jenen Tatsachen entstand ein Kriminalroman mit einem bedeutenden Thrill-Faktor. Ähnlich wie in den vorherigen Bänden der Reihe ist es Elisabeth Florin gelungen, aus dunklen Kapiteln der Südtiroler Geschichte eine interessante und spannende Geschichte zu erzählen. Wiederum inklusive einem Sissi-Faktor, sprich einer kleinen Lovestory mit erheblichen Hindernissen wie Missverständnissen und Enttäuschungen, jedoch mit der Chance auf ein Happy-End.

Erwähnenswert ist zudem das zehnseitige „Zeitgeschichtliche Nachwort“, in dem Elisabeth Florin über das Wirken und die Verknüpfung der Geheimdienste diverser Herkunft, Spionen, V-Leuten und Terror-Gruppierungen im „beschaulichen Bergidyll Südtirol … in der jüngeren Vergangenheit“ berichtet.

Eine gelungene Komposition, gar nicht „cozy“ wie Titel und Cover auf den ersten Blick vermuten lassen, mehr handfester Thriller – und a bisserl Sissi-Faktor (s.o.)

Bravissimo, Elisabeth Florin!

– – – O – – –

Elisabeth Florin: Commissario Pavarotti probt die Liebe, erschienen im Emons Verlag (2020)

– – – O – – –

Die vorhergehenden Bände der Commissario Pavarotti-Reihe:

Commissario Pavarotti trifft keinen Ton (2013)

Commissario Pavarotti küsst im Schlaf (2014)

Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod (2016)

Commissario Pavarotti kam nie nach Rom (2018)

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STONEBURNER von William Gay, dem Mann, der die Gänsefüsschen mit Füßen tritt

Ein Noir mit viel direkter Rede, aber ohne Gänsefüsschen. Unkonventionelle Schreibe von einem, der das Schreiben nie studierte, aber es versteht, vom Leben zu erzählen. Das Leben ist für Vietnamveteranen, wie er einer war, mitunter beschissen. Aber auch Leute, die vor Schönheit strotzen – so eine ist Cathy Meecham – oder Ex-Sheriff Cap Holder, dessen Heldentaten in Hollywood verfilmt wurden und der lange vermögend auf der Sonnenseite des Lebens gelebt und nicht nur Cathy geliebt hat, haben so ihre Probleme.

Holders Schatz verschwindet mit einem Koffer voller 100-Dollar-Noten. Doppelter Verlust für den Ex-Sheriff, der normalerweise bekommt, was er haben will und seinen Besitz mit allen Mittel verteidigt. Bisher jedenfalls. Doch die neue Situation ist anders. So gibt er Schüffler Stoneburner den Auftrag, sich auf die Suche zu machen und ihm die Schöne und die Scheine wieder zurückzubringen. Nun sollte man wissen, dass der Privatdetektiv nicht der Burner ist, wie es sein Name vermuten lässt. Vielmehr ist er ein verbrauchter Typ, der gerade ohne großen Elan versucht, sich in der Pampa am Tennessee River eine Hütte zubauen, nachdem er von Memphis dorthin gezogen ist.

Thibodeaux hat sich Koffer und Cathy gekrallt. Ist zunächst in einer Art Road-Movie mit den beiden unterwegs, verprasst zusammen mit Cathy einen Großteil des Geldes. Ein paar Tage darf er es – und sie – genießen, nicht immer ohne Komplikationen. Jedoch einfacher als die letzten Jahre nach seiner Rückkehr aus Vietnam und ohne Perspektive auf ein normales Leben. Aber die Flucht vor Cap Holder beinhaltet auch nur eine Perspektive, die nicht glücklich macht.

Und so ist es, wie ich auf irgendeinem Sheet des Polar Verlags gelesen habe:

Allmählich verknüpfen sich die Einzelereignisse zu einem Strang, und Thibodeaux beschlich der Gedanke, dass die Sache vielleicht für ihn eine Nummer zu groß war, dass er sich auf etwas eingelassen hatte, ohne zu wissen, was.

Am Ende zieht Stoneburner weiter. Nicht in die untergehende Sonne, sondern vorbei an einem riesigen Autoschrottplatz. Irgendwann hält er an. Ich pinkelte und zündete mir eine Zigarette an. (Achtung: Denk‘ an den ersten Satz und die Gänsefüsschen). Dann kommt der letzte Satz. Der Horizont an dem sich Himmel und Highway begegneten, zog mich an, sanft, aber stetig, als wäre ich mit unsichtbaren Drähten daran gebunden, und so stieg ich in den Wagen und fuhr weiter.

Stoneburner – hard-boiled und abgestumpft – hat’s hinter sich.

Empfehlung: LESEN!

– – – O – – –

William Gay: Stoneburner, erschienen 2020 im Polar Verlag, übersetzt von Sven Koch, herausgegeben und mit einem Nachwort von Jürgen Ruckh,

Originaltitel: Stoneburner (USA 2017)

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ELEMENTAR, MEIN LIEBER WATSON – Neue Fälle für Sherlock Holmes

Holmes-Pastiches von Autoren und Autorinnen der Gegenwart sind zwar nicht ungewöhnlich. Mit internationalen erfolgreichen wie Anthony Horowitz, Stephen King, Anne Perry und Alan Bradley sowie den bekannten deutschen Krimischriftstellern Peter Jackob und Klaus-Peter Walter jedoch etwas Besonderes.

Ob die neuen Fälle als gelungen bezeichnet werden können, hängt wesentlich davon ab, von welcher Seite Leser und Leserinnen sich der Anthologie nähern.

Liebhaber Anthony Horowitz’scher Werke, darunter auch zwei Holmes-Romane, werden begeistert sein, hier eine gelungene Geschichte von drei Einbrüchen in benachbarte Häuser lesen zu können, aus denen lediglich jeweils eine wertlose Königin Victoria-Statuette mitgenommen wurde. Sie gipfelt darin, dass der mutmaßliche Täter beim letzten Einbruch erschossen wird – bevor SH sich des Falles annimmt. Gut gemacht von Horowitz, sprachlich – möglicherweise durch die Übersetzung entstanden – teilweise gekonnt in der Diktion von Sir Arthur Ignatius Conan Doyle formuliert, dann wieder in die Trivialität gegenwärtiger deutscher Umgangssprache verfallend. Trotzdem lesenswert dank des ungewöhnlichen Verlaufs.

In Der Fall des Doktors gibt Stephen King Holmes Begleiter Watson die Gelegenheit, von einem – Watson vermutet: dem einzigen – Fall zu erzählen, den der Doktor und nicht Sherlock Holmes bei ihren gemeinsamen Ermittlungen gelöst hat. Mit dabei ist Inspektor Lestrade, der um Hilfe bei der Klärung eines Mordes bittet, bei dem es sich um ein „locked-room mystery“ zu handeln scheint. Fein gemacht vom Meister der Horror-Romane, allerdings ein Kurzkrimi, der bereits 1993 in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Ein kleines Werkstück Kings, das die düstere Stimmung im Umfeld der bevorstehenden Tat eindrucksvoll zeichnet.

Von den beiden deutschen Autoren räumt diese Anthologie mit Das Geheimnis von Compton Lodge Peter Jackob den vom Seitenumfang größeren Teil ein. Eine der spannendsten Storys darin. Sie beginnt damit, dass Watson im Fieberdelirium zu fantasieren scheint und Holmes versucht, aus den Traumfetzen seines Freundes zu ergründen, was diesen während seiner Krankheit so beschäftigte. Schwierig, denn Watson kann sich nicht an irgendetwas aus diesen Träumen erinnern, als er wieder zu Sinnen kommt. So bleibt es an Sherlock Holmes, Watson wie einen Blinden in dessen Vergangenheit und nach Compton Lodge zu führen. Hier erweist sich das deduktive Vorgehen des Detektivs als unerlässlich, wobei dies zeitweise geprägt ist von dessen Überheblichkeit gegenüber Freund und Lesern. Die Genialität bei der Schnittmengen scheinbar auseinander liegender Ereignisse von ihm erkannt und die richtigen Schlüsse gezogen werden, wird von Peter Jackob so dargestellt, wie es Sir Arthur 1887 beginnend mit A Study in Scarlet seinem Helden Sherlock Holmes angedichtet hat. Somit ein gelungener Pastiche, der neben denen von Horowitz und King in dieser Anthologie glänzt.

Bleiben noch drei Beiträge in diesem Buch:


Anne Perry ist mit einer braven Geschichte Die Mitternachtsglocke vertreten, in der es ums Erben geht. Holmes ist darin gefordert, Gut und Böse richtig zuzuordnen – und es gelingt ihm auf routinierte Weise. Wer Anne Perry Romane liebt, wird auch mit der Mitternachtsglocke zufrieden sein: solide geschrieben und den damaligen Zeitgeist treffend beschreibend.

Anders dagegen Verkleidung schadet nicht von Alan Bradley, eine Story, die sich von meisten anderen, hier versammelten unterscheidet. Wer die Bedeutung des Titels beim Lesen sogleich erfasst, wird sich im weiteren Verlauf köstlich amüsieren. Das ist das Entscheidenende daran.

Zum Schluss ein paar Zeilen zu Sherlock Holmes und der Arpaganthropos von Klaus-Peter Walter. Es ist die Geschichte, bei der von den meisten Lesern zunächst wohl gegoogelt werden muss, wer oder was sich hinter dem Begriff „Arpaganthropos“ verbirgt, der uns dann in die Welt griechischer Sagen führt. Mit großer Fantasie erzählt Walter, was Watson im griechischen Inselreich widerfährt und welcher Hilfsmittel sich Holmes bedient. Fantasy statt Crime, aber warum nicht. Holmes-Pastiches scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Es muss nicht immer nahe den liebgewonnenen Beziehungen zu den historischen Originalen erzählt werden. Und so passt sich auch dieses kleine Werk in die Reihe der unzähligen Pastiches ein, auch wenn es in dieser Anthologie aus dem Rahmen fällt.

Elementar, mein lieber Watson zeigt die Bandbreite der Möglichkeiten Zugaben zum Doyle’schen SH-Kanon zu schreiben, zeigt auch das Spektrum von Autoren und Autorinnen, die dazu beitragen.

– – – O – – –

Elementar, mein lieber Watson, zusammengestellt von Daniel Kampa, erschienen im Kampa Verlag (2020) mit einem Nachweis der Autoren und Übersetzer am Ende des Buches

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Von der umfallenden Statue erschlagen: LANGE SCHATTEN von Louise Penny

IMG_9861Neben Chief Inspector Armand Gamache und seiner Ehefrau Reine-Marie logiert eine Großfamile im feinen Hotel „Manoir Bellechasse“ in den Wälder Quebecs.

Während die Gamaches an diesem idyllischen Ort ihren 35. Hochzeitstag geniessen wollen, scheinen sich die Mitglieder  der Finneys/Morrows-Sippe daran zu erfreuen, ihre lieben Verwandten zu beleidigen, Missverständnisse zu provozieren und sich andererseits so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Der Chief Inspector betrachtet jenes Treiben distanziert, bis ein Mitglied der Sippe unter einer neu aufgestellten, dann nachts vom Sockel gekippten Statue des verstorbenen Patriarchen zu Tode kommt.

Vorbei ist es für die Gamaches mit der geruhsamen Erholung rund um ihr Ehejubiläum. Die Spürnase beginnt mit der örtlichen Polizei sowie Mitgliedern seines Teams nach dem Mörder zu suchen. Verdächtig ist jeder des Finney/Morrow-Clans: zwei Brüder und eine Schwester der Toten, deren Ehepartner, die Mutter, der Stiefvater, möglicherweise auch Bean, Kind der einen Schwester, Nichte oder Neffe – ihre/seine Mutter hat das Geschlecht des inzwischen zehnjährigen Kindes bisher keinem verraten. Auch einige Angestellte des Hotels benehmen sich verdächtig.

Auf die Familie bezogen stellt Gamache sich die Frage „Wer profitiert von dem Tod?“, muss aber bald erkennen, dass die Frage besser heißen müsste: „Wer profitiert nicht von dem Tod?“ Das aber ist nur ein Aspekt bei der Suche nach Mörder oder Mörderin.

Das große Rätsel ist, wer die tonnenschwere Statue vom Sockel geschoben und auf die Tote gekippt hat. Denn auf dem Marmorsockel gibt es nicht einen einzigen Kratzer, der nach solch einem Kraftakt zu sehen sein müsste.

Wer diesen vierten Fall Gamaches mit höchster Aufmerksamkeit liest, erkennt „Tschechows Gewehr“ bereits als Gamasche seien ersten Espresso im Manoir trinken will. Es ist nur ein scheinbar unbedeutender Hinweis, eine kleine Zutat, die auf die richtige Fährte nach der Methode des Statue-vom-Sockel-Kippens nicht aber unbedingt zu Mörder/Mörderin führt. Auch der Chief Inspector erkennt nicht sogleich den Fingerzeig. Vielmehr sucht er das Motiv in den Wirren der Familienzwistigkeiten und Missgunst, dem Buhlen um die Gunst der Mutter, Witwe des als Statue Dargestellten. Eine Konstellation, die sich über Jahrzehnte aufgebaut und gefestigt hat. Lange Schatten aus der Vergangenheit liegen über der Familie und die Schatten der Gegenwart sind nicht geringer.

Aber vom WER zurück zum WIE: Gamache, ausgestattet mit dem Spürsinn eines Maigrets, nähert sich über das WIE dem WER. Auch wenn er dabei von fast jedem Mitglied der Familie der Toten beleidigt wird, anfangs sogar für den Mörder gehalten wird. So wie die Anwendung des Mordwerkzeugs ein in der Kriminalliteratur ein bisher einmaliges Ereignis ist, so ist die Enthüllung der Familiengeheimnisse der Morrows der wahre Schatz dieses Falles.

Zurück bleiben die „Geschenke“ des statuierten Patriarchen an seine Kinder,

für die Tochter: „In einem Schraubenladen bekommst du keine Milch“, für den Sohn:“Benutze niemals die erste Kabine in einer öffentlichen Toilette“. Den Sinn der Worte hatten sie verstanden, den Sinn des „Geschenks“ jedoch nicht.

Gut, dass Gamache im Verlauf der Geschichte „Dinge sah, die gar nicht da waren, und Worte hörte, die nicht gesprochen wurden“. Mit diesen Fähigkeiten analysiert er die Morrows und das Verhältnis der Einzelnen zueinander. Das macht Lange Schatten lesenswert. Wer hat nun die Statue vom Sockel geschubst? – ach, das ist fast nebensächlich. Das WIE ist bedeutend und es herauszufinden kein Zuckerschlecken für den Chief Inspector.

– – – O – – –

Louise Penny: Lange Schatten – Der vierte Fall für Gamache , Kampa Verlag (2020), Übersetzung von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, Originaltitel: The Murder Stone (UK, 2008)

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Sara Paretsky: Altlasten

IMG_9803V.I.Warshawski verschlägt es auf der Suche nach dem Trainer und Filmemacher August Veriden von Chicago, dem üblichen Ort ihrer Ermittlungen, fast 1000 Kilometer Richtung Südwesten nach Lawrence, einer Kleinstadt in Kansas. Hier kennt jeder jeden und die Aktionen der draufgängerischen Ermittlerin aus der Großsstadt werden in dieser scheinbaren Kleinstadtidylle argwöhnisch beäugt – von Polizei, FBI, Militär und einigen Einwohnern. Denn auf der Suche nach Veriden, der mit einem ehemaligen Filmstar hier angekommen sein soll, trifft V.I. auf einige Leichen, rettet Leben und bringt so die Balance im Städtchen mächtig durcheinander.

Lawrence, wo seit über 30 Jahren Ruhe zu herrschen scheint. Seit damals, 1983, als die letzten Protestler aus ihrem Camp vor einem Raketensilo vertrieben wurden. Ihr Protest richtete sich gegen die dort lagernden, mit Atomsprengköpfen ausgerüsteten Interkontinentalraketen. Aber das ist lange her, für die meisten vergessen.

Doch mit dem neuerlichen Auftauchen der alten Diva, die nach ihrer Kindheit in Lawrence fernab der Provinz Karriere machte, dann aber zu den Protesten kurz in ihre Heimat zurückkehrte, scheinen die Altlasten von damals wieder aufzupoppen.

Das passt einigen nicht. Sowohl die oben genannten Institutionen als auch ein angesehener Wissenschaftler vor Ort versuchen, die Privatermittlerin an ihren Recherchen zu hindern oder zumindest durch Observierung zu verfolgen, was sie aufdecken könnte.

Schnell stellt sich heraus, dass es sich nicht nur um Radioaktivität handelt, auch Viren sind im Spiel. Damit tritt die Suche nach den Vermissten nahezu in den Hintergrund, die Vertuschung alter Vorfälle damals und heute wird zum tragenden Thema, verbunden mit den Schicksalen einiger Beteiligter. Es ist das Militär, das für die Räumungsaktion des Protestcamps und das Leid verantwortlich war und ist. Im Mittelpunkt steht aber auch der Wissenschaftler Professor Kiel mit seiner Familie und dessen gnadenloses Vorgehen bei der Vertuschung der übelsten Ereignisse im privaten und beruflichen Bereich.

Sara Paretsky verbindet dabei die alte Geschichte des Aufrüstungswahnsinns der 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts sowohl auf dem Gebiet atomarer als auch biologischer Waffen mit den noch älteren und immer noch andauernden Erscheinungen des Rassismus sowie dem Belügen und Betrügen der Bevölkerung durch Politik und Wirtschaft. Sie läßt V.I Warshawski manchmal flegelhaft, oft bissig und draufgängerisch für Gerechtigkeit und Wahrheit kämpfen, aber nicht alle wollen erfahren, was politisch und gesellschaftlich falsch gelaufen ist und noch noch immer läuft.

So kann oder soll Krimi sein, verankert in der Realität und mit einem meist wohldosierten, zum Schluss eskalierendem Spannungsbogen von Anfang bis Ende.

Dies ist der 18. Fall der V.I.Warshawski-Reihe, wiederum ein spannender Fall, den man mit großem Interesse liest, der Lust macht auf die nächsten, bereits in den USA erschienenen Bände 19 und 20.

– – – O – – –

Sara Paretsky: Altlasten, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag (2020), übersetzt von Laudan & Szelinski

Originaltitel: Fallout (USA, 2017)

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William Boyle: Eine wahre Freundin

IMG_0093Skurrile Typen prägen die Geschichte, die zu einer wahren Freundschaft führt. Dabei sind es nicht nur Wolfstein und Rena, die wie Wolfstein durch eine bizarre Vita als ehemaliger Pornostar und späterer Abzockerin alter Männer glänzen. Oder Rena, die Jahrzehnte lang als brave Ehefrau an der Seite eines ausgebufften, hoch angesehenen Mafioso lebte und nun als Witwe einen aufdringlichen Verehrer mit einem schweren Aschenbecher erschlägt, sich seinen Oldtimer schnappt und in ein neues Leben aufbricht, das sie so gar nicht plant.

Auch andere Akteure haben Anteil an diesem ungewöhnlichen Krimi. Egal, ob sie schließlich überleben oder nicht.

Es sind – in willkürlicher Reihenfolge – Renas Tochter Adrienne, zu der der Kontakt abgebrochen ist, bei der Rena jedoch nach dem kleinen Zwischenfall mit dem Aschenbecher versucht unterzukommen, Adriennes fünfzehnjährige Tochter Lucia – ein toughes Mädchen, gestählt durch das herrische Verhalten ihrer Mutter. Dazu der Lover Adriennes, nicht das schärfste Messer im Köcher der Mafiafamilie zu der auch Renas Mann zählte, aber irgendwann mit einem Koffer voller Geld ausgestattet, dann ein Mafioso, dessen „Markenzeichen“ Morde per Hammer sind. Weitere schräge Vögel und eine Weggefährtin von Wolfstein tauchen auch noch auf.

Schon allein diese Zusammenstellung lässt erahnen, dass auf dieser Krimibühne eine höchst interessante und rasante Vorstellung geboten wird. Und so ist es auch:

Nachdem Rena ihren aufdringlichen Liebhaber zu Boden geschickt hat, an der Haustür ihrer Tochter abblitzt, findet sie Zuflucht bei Wolfstein, die gegenüber von Adrienne wohnt.

Während Adrienne Besuch von Lover Richie und dessen prall gefüllten Aktenkoffer erhält, taucht bei Wolfstein ein Typ auf, dem sie vor Jahren etliche Tausender abgenommen hat. Der will nun sein Geld zurück und als Zugabe Wolfstein heiraten, was bei dieser keine Begeisterung auslöst. Auf der Suche nach Richie und dem Aktenkoffer taucht in dieser Situation der Hammermörder auf. Er will Richies Beute und sich an Richie rächen, da dieser bei seinem Coup etliche Kollegen des Hammerschwingers abgeknallt hat. Ach, bevor ich es vergesse, der vom Aschenbecher Erschlagene taucht mit dicken Verband auf der Suche nach seinem geliebten Oldtimer auf und Lucia flieht vor Mutter und dessen Lover zu Großmutter Rena.

Ein Drama mit Flucht und Verfolgung, Hammerschlägen und Pistolenschüssen beginnt. Das Band der Freundschaft zwischen Rena und Wolfstein wird situationsbedingt stärker und stärker. Zwischen oder mit den beiden ist Lucia, nun im Besitz von Richies oder Hammerschwingers Knete.

Zum Schluss ein Abendessen, gekocht von Rena, im kleinen Kreis mit einer wahren Freundin & Co. Durchschnaufen der Überlebenden und aus ist der Krimi.

Mit Eine wahre Freundschaft hat William Boyle einen Roman geschrieben, der das Zeug dazu hat, als einer der besten ausländischen Kriminalromane, die in diesem Jahr in Deutschland veröffentlicht wurden, in die Annalen einzugehen.

Neben dem ereignisreichen Plot begeistern die Charaktere, wie sie handeln, wie sie in kleinen, eingeschobenen Passagen und Kapiteln ihr Leben Revue passieren lassen, sich dabei an Albträume und schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnern.

Es ist ein faszinierendes Erlebnis, dieses Buch zu lesen.

– – – O – – –

William Boyle: Eine wahre Freundin

 

Originaltitel: A Friend is a Gift you Give Yourself (USA, 2019)

Die deutsche Ausgabe ist im Polar Verlag erschienen (2020), übersetzt von Andrea Stumpf, herausgegeben von Wolfgang Franßen mit einem Nachwort von Sonja Hartl

– – – O – – –

Ebenfalls im Polar Verlag erschienen:

William Boyle – Gravesend

William Boyle – Einsame Freundin

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Andreas Wagner: Die Präparatorin

IMG_9769Ein lehrreiches Buch für Leserinnen und Leser, die sich für für das Präparieren von allerlei Getier interessieren. Ein weitgehend spannungsarmer Krimi, in dem einige Male, wenn die Story verspricht spannend zu werden, diese Spannung sofort durch ein anderes Ereignis zerstört wird.

Die Geschichte, die Andreas Wagner hier erzählt, beinhaltet ein Thema, das fesseln könnte.

Die Tierpräparatorin Felicitas Booth entdeckt im geerbten Geschäft unter dem Nachlass ihres ermordeten Vaters Hinweise, die sie zu dem Motiv für den Mord führen könnten. Mit dem Mord scheint aber nicht der Grund für die Tat erledigt zu sein, denn es geschehen einige seltsame Dinge im Leben der Tochter und in Zusammenhang mit einigen vom Vater vor vielen Jahren „ausgestopften“ Tieren, zudem ereignen sich weitere unnatürliche Todesfälle.

Letztlich erkennt die Tierpräparatorin die Zusammenhänge zwischen dem, was sich vor vielen Jahren in Afrika bei einer Safari ereignete, bei der der Vater die Jagdtrophäen der Jäger präparieren musste und den Vorfällen der Gegenwart, in denen Dreh- und Angelpunkt die Präparatorin und einige der alten Präparate sind.

Aber der Spannungsbogen und damit ein wesentlicher Bestandteil eines Kriminalromans fehlt.

– – – O – – –

Andreas Wagner: Die Präparatorin, Emons-Verlag (2020)

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Einladung per Krimi zu einem Urlaub an der Smaragdküste: Jean-Luc Bannalec – Bretonische Spezialitäten

IMG_0084An der Côte d’Ermeraude – der Smaragdküste –  gerät Kommissar Dupin ins Schwärmen. In den Markthallen von Saint-Malo, der alten Korsarenstadt und kulinarischem Herz der Bretagne, erliegt er dem Angebot vorzüglicher lokaler Käsesorten, erlebt dort ein „Aromen-Orchester aus Herzhaften und Süßem. Man bekam Appetit, und zwar auf alles.“ Schade nur, dass der Kommissar just in diesem Moment der olfaktorischer Versuchungen Zeuge eines Mordes wird.

Vor seinen Augen – hier wohl besser: vor seiner Nase – wird eine Frau erstochen. Die Täterin, Schwester der Erstochenen flieht. Dupin gelingt es nicht, die Täterin zu fassen. Schnell jedoch steht fest: es ist die jüngere Schwester Lucille, die Tote Blanche Tourin, beide sind erfolgreiche und berühmte Küchenchefinnen, führen eigene Feinschmeckerlokale, von denen das von Blanche sogar mit einem Stern ausgezeichnet ist.

Mörderin bekannt und zunächst auf der Flucht, Motiv unbekannt. Das ist die Ausgangslage und Dupin hat eigentlich nichts mit dem Fall zu tun außer als Zeuge. So müßte er sich wieder dem widmen, weswegen er sich hoch im Norden der Region aufhält, einem Seminar für einen exklusiven Kreis der vier Präfekten der Départements der Bretagne, zu dem diese ihre/n jeweils bedeutendste/n Kommissare/Kommissarin mitnehmen durften. Diese Ehre, mit seinem von ihm gehassten Präfekten Locmariaquer daran teilnehmen zu müssen, gefällt ihm gar nicht. Doch die Situation ändert sich schnell, als auch der Ehemann der Ermordeten getötet wird. Aus dem Seminar zur „Verbesserung der operativen, praktischen Arbeitsbeziehungen“ zwischen den vier Départements wird sogleich eine praktische Übung, da die Kommissarin vor Ort mit Dupin und einem weiteren Kollegen auf Geheiß ihrer Präfekten in Teamarbeit die Morde aufklären und dabei zeigen soll, wie die Arbeitsbeziehungen zwischen den Ermittlern optimal ablaufen.

So wird tagsüber ermittelt, abends ein Begleitprogramm mit feinsten Menues veranstaltet. Auf einem Stadtrundgang lernt Dupin die Geschichte der Stadt und der von hier aus operierenden Korsaren samt deren Heldentaten kennen. Ein anderes Mal wird den Seminarteilnehmern vor dem Essen die Geschichte der Butter und deren Bedeutung für Saint-Malo offeriert. (Das macht alles Geschmack auf Urlaub dort, aber das ist ja nur der übliche Nebeneffekt der „Bretagne-Krimis“ von Bannalec.)

Neben diesen netten Insentives geht die Handlung weiter, das Team ermittelt. Und bei der Frage nach dem Motiv für Mord 1 und 2 sowie später auch noch Nr.3 dreht sich vieles um Missgunst zwischen den Schwestern und ihren Lagern, um persönliche, finanzielle Probleme und abenteuerliche Geschichten. Schließlich ist es – im neunten Fall von Kommissar Dupin – eben dieser schlaue Filou mit seinem stets bereiten Clairefontaine sowie der Unterstützung von Nolwenn und Riwal im Concarneau’schen Backoffice, der den Fall und das Mysterium um das Motiv für die Morde löst.

Wieder versteht es Jörg Bong, der als Jean-Luc Bannalec sowohl die Freunde der Bretagne als auch die dieser Krimireihe begeistert, eine Geschichte zu erzählen, die in die Vergangenheit zurückgeht. Hier mit der Geschichte der Korsaren und deren Aufgaben im 17. und 18. Jahrhundert. Andererseits wird zusammen mit dem Familiendrama um die beiden Schwestern die Konkurrenz im Geschäft der Spitzenrestaurants und allem, was sich darum herum mit Lebens- und Genussmitteln abspielt, in einigen kleinen Episoden angesprochen.

Ein gut gebutterter, von einem Aromen-Orchester und bretonischem Buchweizen begleiteter, angenehm zu lesender Krimi, im Abgang mit dem Geschmack erlesenen Rhums und dem für Dupin so wichtigen Lebenselexier, un petit café.

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Jean-Luc Bannalec: Bretonische Spezialitäten, Kommissar Dupins neunter Fall, erschienen bei Kiepenheur & Witsch (2020)

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Die acht vorhergehenden Fälle des Kommissars Dupin in der Reihenfolge des Erscheinens:

Bretonische Verhältnisse

Bretonische Brandung

Bretonisches Gold

Bretonischer Stolz

Bretonische Flut

Bretonisches Leuchten

Bretonische Geheimnisse

Bretonisches Vermächtnis

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Hier noch ein Link zur Geschichte der Korsaren in Saint_Malo: HIER

 

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