Deutscher Polar

„Crowdfunding für den deutschen Polar. Der Polarverlag ist eine wichtige Bastion in der deutschen Krimilandschaft. Oder ein scharfes Pflänzchen, das Wasser und Golddünger benötigt.“

So hat es Tobias Gohlis, Journalist und einer der renommiertesten (Krimi-)Literaturkritiker treffend ausgedrückt.
Dem stimme ich uneingeschränkt zu.

Mehr über diese Aktion: https://wemakeit.com/projects/deutscher-polar

„Mit seinen anspruchsvollen Krimis internationaler Autoren abseits des Mainstreams zu einem der führenden Independent-Verlage in Deutschland entwickelt.“ (Aus der Vorstellung des Crowdfunding-Projekts)

Dies sind die (meistens) der bisher im Polar Verlag erschienenen Bücher internationaler Autorinnen und Autoren:

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Dieses Regal würde ich gern um eine Reihe mit Büchern dieser Art von deutschen Autor*innen erweitern. Helft mit, dass dieses Pflänzchen gedeihen kann.

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Ein Kurzkrimi sowie Tragikomisches oder Komitragisches von Carlo Schäfer: Schmutz, Katz & Co. Das erzählerische Werk

20170727_152719Ey, ich lieb Carlo Schäfer. Isso! Wasweißich! (Adaptiert von „Kurpfalz is Himmel).

Und nebenbei: Carlo Schäfer ist (im) Himmel. Das ist sehr bedauerlich, ist doch diese, nach seinem Tod erschienene Sammlung köstliche Unterhaltung – und mehr gibt es in dieser Art wohl nicht von ihm. Sie beinhaltet jede Menge Tragik, die verknüpft ist mit Komik. Anders herum passt es ebenso: Komik, verknüpft mit Tragik. Wierum man es sieht, es ist Wurscht,

Es sind skurrile, groteske Ereignisse, die Schäfer beschrieb. Sie kommen daher, auf den ersten Blick völlig überzogen, unrealistisch, dazwischen kleine Spritzer Realität, die schwellen wie der Körper von Katz, der schließlich platzt. Und so strotzen diese Geschichten vor zunächst nicht erkennbarer Realität.

Dies sind die Geschichten:

Der Kurzkrimi: Kinder & Wölfe

Ein kleiner Junge verschwindet in einem kleinen fiktiven Kaff im Kaiserstuhl, wird tot in einem Brunnen aufgefunden. Der Knabe, ein Monster, dessen Eltern überfordert mit ihm und sich selbst waren. Das Umfeld:

  • ein evangelischer Pfaffe, der weder Beruf noch sein Leben auf die Reihe bringt, zwangsversetzt in ebendieses Kaff, in dem er nach Ansicht seines Dekans und Bischofs nichts mehr falsch machen kann. (Kann er aber doch).
  • Die Bevölkerung mit Ureinwohnern (überwiegend Winzern) und Zugezogenen (wie die Familie des toten Knaben)
  • die Kirche, zwei Kneipen.Wie häufig es häufig ist in Krimis, steht hier nicht das Verbrechen und dessen Aufklärung im Vordergrund, sondern Pfaffe und Umfeld. Carlo Schäfer zeigt die scheinbare, scheinheilige Idylle der Provinz, nicht des Kaiserstuhls, er hätte auch ein Plätzchen in der Lüneburger Heide für Pfarrer Schmutz aussuchen können. Schmutz, der seinen Namen mit langem U gesprochen haben möchte. Es wäre der gleiche Schmutz, das gleiche Umfeld, nur ohne Wein, stattdessen Wacholderschnaps.

Die Novelle: Lehrer Dr. Katz

Oder fahren wir nach Waldheim, ein anderer fiktiver Ort, mitten im Land, mitten in einer anderen öden Provinz. Dr. Katz hat es schließlich zu etwas gebracht. „Ich habe es schließlich zu etwas gebracht“, ist sein Mantra. Mantra eines Gymnasiallehrers, der seit Jahren auf der Abschussliste seiner Vorgesetzten steht. Die Unfähigkeit in Person, bei der das Peters Prinzip bereits im Kindergarten zu wirken begonnen hat. Nun, ignoriert vom Kollegium, belächelt und verarscht von seinen Schülern, mit mehr Fehl- als Unterrichtstagen am Schulbetrieb teilnehmend, säuft sich – erbarmungswürdig – der lebensverbeamtete Dr. Katz sein Leben schön. Tritt in jedes Fettnäpfchen, wenn er denn irgendwo hintritt, denn meistens macht er nur eins: Nichts. Ja, was soll man da als Leser sagen? Man könnte in Begeisterung ausbrechen, denn diese Katzens, die gibt es ja wirklich – oder nicht, oder nur teilweise. Die eine oder andere Macke an gewesenen oder heute noch real existierenden Lehrern haben wir schon erlebt, auch die Reaktionen von Schülern, Eltern, Kollegium sowie das Aussitzen im Umgang mit Katz & Co durch Schulleiter und -behörde. Wo endet hier der Realismus, wo beginnt der „Wahnsinn des Alltags“ (übernommen aus dem Vorwort zum Buch von Thomas Wörtche)?

 

Der Miniaturroman: Der Tod dreier Männer

In drei Kapiteln stirbt jeweils ein Mann. Jeder ein eigenartiger Typ:

  • einer, der platzt. Dessen letzte zehn Tage seines Lebens wir erleben.
  • ein anderer Dicker, der seinen Job schmiss und sich noch einmal (oder überhaupt zum ersten Mal) verliebt. Das hilft ihm jedoch nicht. Er stirbt trotzdem, nicht ohne einen Nachruf verfasst zu haben, in dem er der Nachwelt gute Ratschläge für ein besseres Leben gibt, das er sich nicht gegönnt hat/das ihm nicht vergönnt war.
  • Schließlich König David oder David, der von einer unheilbaren Krankheit in den Tod getrieben wird, vorher noch Marc kennenlernt und die letzte Zeit häufiger diesem wirr erscheinendes Zeug erzählt. Und Marc ist es, der uns diese Zeit mit David erzählt.

Zusammengehalten werden diese drei Kapitel resp. Tode wenig. Nun ja, der Tod vereint die drei Typen. Aber dann taucht im vierten Kapitel jemand auf, den wir bereits bei zwei der damals noch Lebenden (und nun Toten) bereits kennengelernt haben, einer,  der von Theodizee spricht und so nicht nur Leben und Ableben des Geplatzten, des Verliebten und des Wirren erklärt, sondern auch noch sich selbst und die Welt überhaupt.

 

Die Erzählung von Gazmend, dem Kurpfälzer mit den kroatischen Wurzeln: Kurpfalz is Himmel

Die Sprache von Gazmend ist himmlisch, seine Gedanken himmlischer, was erzählt wird heiter-fies. Das Leben zwischen Kumpels in Kurpfalz. Prollige Prosa eines jungen Mannes, der die Kurpfalz und sein Mannheim mit dem Herzen sieht. Die Sprache mag abgedroschen, schon häufig von Erkan & Co malträtiert worden sein, aber bei Gazmend beinhaltet sie bei allen Malessen, die er mit seinen Freunden hat, eine Liebeserklärung. Und die wirkt – Gazmend würde es nicht so ausdrücken – „authentisch“. Er hat es immer schon gewußt: „Kurpfalz is Himmel!“

Ey, ich schwör, voll krass Geschichten von dem Carlos. // Ich versichere, es sind herrliche Geschichten von Carlo Schäfer.

Sie sind der Wahnsinn. Sie strotzen, strotzen vor Tragik und Komik, vor Herzlichkeit und Bissigkeit, mit Protagonisten, die geliebt und verabscheut werden können.

Eine größere Vielfalt in dieser Form habe ich selten oder nie innerhalb zweier Buchdeckel erlebt.

Deshalb: Ey, ich lieb Carlo Schäfer. Isso! Weißich! Müßt ihr lesen.

— O —

Carlo Schäfer: Schmutz, Katz & Co. Das erzählerische Werk

mit einem Vorwort von Thomas Wörtche

CulturBooks Verlag (2016), als gedrucktes und elektrisches Buch erschienen

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Leif Tewes: Blutzucker

20170507_111242Wir wissen es! Die wahren Betrüger,  Profitgeier und Kriminellen sitzen in der Pharma- und Lebensmittelbranche, bzw. diese Industriezweige sind es, die besonders verwerflich ihre Geschäfte betreiben. Und immer wieder stört es diese Eichen nicht, wenn sich Umweltorganisationen, Verbraucher und Verbraucherschützer oder gar Krimiautor*innen daran reiben. Nun wetzt sich auch Leif Tewes daran.

(An dieser Stelle ein Coming-out: Ich war Zeit meines Arbeitslebens Teil von zwei der größten Eichen, habe unter Beobachtung von UNICEF, GREENPEACE, der österreichischen Staatsanwaltschaft und anderer, meinen Arbeitgebern nicht sonderlich wohlgesonnener Organisationen und Personen gearbeitet und bis ins Rentenalter überlebt).

Blutzucker ist ein Thriller, der in diesem Milieu spielt. Und hierbei erleben nicht alle Akteure ihren Ruhestand, sondern werden auf die eine oder andere Art von ihren verbrecherischen Geschäften entbunden. Der eigentliche Skandal – das Verbrechen – hierbei ist, dass ein riesiger Konzern – WorldFood -, der sowohl in der Lebensmittelbranche als auch in der Pharmabereich tätig ist, eine Art Crossmarketing iniziiert, bei dem Lebensmittel so konditioniert werden, dass aus irregeführten Verbrauchern Patienten werden, deren Krankheit durch Medikamente der Pharmasparte behandelt werden sollen. Das ist eine perfide Firmenstrategie, die dieser Konzern mit allen Mitteln versucht, geheim zu halten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es gefährlich ist, auf diesem Gebiet zu recherchieren. Da kann schon mal eine Bombe hochgehen und das Leben einer Journalistin auslöschen, die an der Aufdeckung dieser Machenschaften arbeitet. Sie war die Freundin des Lebensmittelchemikers Paul Hartmann, der an der Entwicklung eines speziellen Rohstoffes bei WorldFood arbeitet. Und während Paul, durch den Tod seiner Freundin vom Saulus zum Paulus wird, gibt es noch Kommissar Berg, den Ermittler alten Schlages, und sein modernes Gegenstück, die Kollegin Landers, die just durch ein anderes Verbrechen in Umfeld der Firma hineingeworfen werden in gefährliche Ermittlungen, die sie von Frankfurt aus nach Kolumbien führen.

Der Klappentext beschreibt, dass Leif Tewes den Leser mit dem aktuellen Thema „Zucker in Lebensmitteln“ konfrontiert und der Blick hinter die Kulissen von Großkonzernen Foodherstellern und Pharmaunternehmen erschreckend sei.

Geschrieben hat der Autor eine interessante Fiktion, bei dem er nicht nur auf allgemein bekanntes Geschäftsgebaren dieser beiden verknüpften Branchen zugreift, sondern darüber hinaus auch Situationen darstellt, die sich aus diesem Verhalten durch die Hierarchieebenen derartiger Unternehmen ergibt. Ober schlägt Unter. Wer nicht mitmacht, fliegt, bestenfalls endet er in der Besenkammer eines solchen Konzerns. Zweifel müssen ausgeräumt werden, Selbstzweifel führen zum Scheitern. So funktioniert es oftmals in den Führungsebenen von oben nach unten – übrigens auch im öffentlichen Dienst wie der Polizei, auch Berg ist davon betroffen. Dieses Bild zeichnet Leif Tewes exakt.

Die Firma WorldFood, da gibt es einige Hinweise wie „Wassergeschichte“, die den Namen der fiktiven Firma als Synonym für „Nestlé“ erscheinen lassen – aber das ist nicht ungewöhnlich, denn wen interessiert schon eine Story um den Bäcker im Dorf, der tote Fliegen in die Rosinenbrötchen backt -, agiert dagegen in diesem Roman in einer skandalösen Weise, wie ich es heute noch nicht für möglich halte. Sowohl in der Lebensmittel- als auch in der Pharmaindustrie werden noch immer fette Gewinne eingefahren. Sie gehen nachweislich zu einem Teil zu Lasten der Verbraucher und der Patienten. Das geschieht neben diesem perfiden Erfindungsreichtum hierzulande dank einer hervorragend organisierten Lobbyarbeit und einer Politik und den von ihnen geleiteten Behörden und Ämtern, die überfordert sind dieses gefährliche Spiel zu erkennen oder die es – aus welchen Gründen auch immer – mitspielen.

Basierend auf dem, was heute in der Welt der Lebensmittel und Pharmazeutika geschieht, hat Leif Tewes eine Fiktion beschrieben, die durchaus in ähnlicher Form real werden könnte. Welche Methoden zur Vertuschung solcher Manipulationen angewendet werden, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass wir sensibilisiert und davor geschützt werden. Verweise der Firmen auf Kodizes und Compliance sind bis heute Blasen, die nicht so schnell platzen werden.

Und bei aller angesprochenen Problematik: Blutzucker ist ein Roman voller Spannung, nicht nur in der Welt der Skandale, sondern auch in dem Geflecht menschlicher Beziehungen und Abhängigkeiten am Arbeitsplatz. Gut recherchierte, präzise beschrieben!

— O —

Leif Tewes: Blutzucker, Roman noir, erschienen 2017 im Größenwahn Verlag

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Spannend wie ein Krimi, basierend auf dem realen Leben des Psychiaters Ludwig Meyer und dessen Reformen: Andreas Kollender – Von allen guten GEISTERN

IMG_6495Der Psychiater Ludwig Meyer hat sein Ziel erreicht. Es ist ihm gelungen, in Hamburg eine Heil- und Irrenanstalt nach seinen Vorstellungen gegen den Widerstand großer Teile der  Kollegen und Hamburger Politiker zu gründen. Eine Anstalt, in der die Irren nicht mehr weggesperrt, ihr Irrsinn nicht mehr durch folterartiges Traktieren ausgetrieben werden sollen. Mit dem zudem eingeführten No-Restraint-Prinzip sollten die Kranken erstmals in Deutschland menschenwürdig betreut und behandelt werden – ohne Zwangswesten. Die verkauft Meyer 1864 auf dem Marktplatz auf dem Heiligengeistfeld bei Hamburg. Neider und Zweifler erkennen Meyers Arbeit nicht an, intrigieren und der Pychiater muss seinen Posten als Leiter der Anstalt aufgeben.

Das ist der Kern der Geschichte, die Andreas Kollender basierend auf dem Leben des fortschrittlichen Irrenarztes Ludwig Meyer erzählt. Fiktion verknüpft mit Ereignissen aus dem Leben des Arztes, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland das Psychiatriewesen gegen erhebliche Widerstände reformierte.

Das ist die Geschichte wie Kollender sie erzählt:

Fast 25 Jahre nach jenem denkwürdigen Tag, an dem er die Zwangsjacken verkaufte und einige Zeit später aus seiner Anstalt vertrieben wurde, kehrt Meyer nach Hamburg in Begleitung einer Patientin zurück, um die Abschiedsvorstellung seiner einstigen Geliebten, der Fanny zu besuchen und sich von ihr zu verabschieden, da die Schauspielerin nach Amerika auswandern will. Er kehrt zunächst in seinem verlassenen Elternhaus ein und erinnert sich an seine Zeit als Jugendlicher, als er erleben mußte, wie seine Mutter seelisch erkrankte, Vater und der behandelnde Arzt nicht anderes wussten, als sie schließlich in einer Irrenanstalt damaliger „Qualität“ wegzusperren. Der junge Ludwig versteht den Umgang des Vaters mit der Krankheit der Mutter nicht und es gelingt ihm, mit Hilfe des Apothekers jener Anstalt, die Mutter noch einmal zu sehen. In einem stinkenden Keller ist sie zusammen mit Hunderten anderer „irren“ Frauen untergebracht, in heute kaum vorstellbaren menschenunwürdigen Verhältnissen. Die Mutter mittendrin, kaum noch zu erkennen. Kurze Zeit später erfährt der Sohn, dass seine Mutter sich das Leben genommen hat. Er findet auch heraus, dass Wärter gegen ein kleines Bestechungsgeld die Frauen nackt interessierten Männern präsentieren, die sich beim Betrachten und Begrabschen der „Irren“ ergötzen dürfen. Auch die Mutter wurde offenbar zur Schau gestellt.

Ludwig Meyer entwickelt einen Hass auf den Anstaltsarzt, die Wärter und die Art, in der mit den Kranken umgegangen wird und beschließt, Medizin zu studieren, um Irrenarzt zu werden, die Bedingungen der Unterbringung zu verbessern und Methoden zur Behandlung einzuführen. Nach erlebnisreichen Studien – der reale Meyer studierte nicht nur, er war auch aktiv bei der Revolution 1848/49 dabei und verbrachte einige Zeit hinter Gittern, Kollender bindet auch diesen Lebensabschnitt in den Roman ein – kommt Ludwig wieder nach Hamburg zurück und beginnt mit der Planung und der Einrichtung der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Neben diesen Aktivitäten kommt das Privatleben des Arztes recht kurz. Die Liebe zu Fanny ist zeitweise intensiv, das Verhältnis der beiden leidet jedoch unter der fast als irre zu bezeichnenden Arbeitswut Meyers mit seinem ständigen Streben, seine Pläne umzusetzen und  die Patienten zu verstehen und zu heilen.

Letztlich scheitert Meyer an seinen eigenen Ansprüchen und den Intrigen von Widersachern außerhalb und innerhalb der Klinik. Eine quasi „unehrenhafte Entlassung“, das fluchtartige Verlassen von Hamburg und Fanny zerstören die Lebensplanung des Psychiaters. Das alles erleben wir in einer Retrospektiven, erzählt zu dem Zeitpunkt, als der Arzt wieder in Hamburg auftaucht und dabei versucht, späte Rache an seinen Feinden von damals zu nehmen.

Ein Vergleich der Vita des Ludwig Meyers des Romans mit der realen wie sie in einfach zugänglichen Quellen zu lesen ist, zeigt, dass nicht nur die Romanfigur ein außergewöhnliches Leben führte, sondern dass Meyer auch im wahren Leben sowohl teilweise Abenteuerliches erlebt, aber besonders Bedeutsames geschaffen hat. Mit diesem Roman schildert Andreas Kollender auf interessante und unterhaltsame Weise nicht nur das Leben eines Reformators der Psychiatrie in Deutschland, sondern auch die verheerenden Zustände bis weit in das 19. Jahrhundert im Umgang mit seelisch Kranken. Meyers Verdienst ist es, die damals noch als Irren bezeichneten Kranken menschenwürdig unterzubringen und deren „Behandlung“, den „Unsinn“ durch Zwang und Strafe auszutreiben, abzuschaffen. Besonders aber, die körperliche , zumeist neurologische Krankheit als Ursache von psychischen Störungen anzuerkennen. Meyer beschäftigte sich als einer der ersten Wissenschaftler mit forensischer Psychiatrie und der Anerkennung der Schuldunfähigkeit psychisch kranker Straftäter. Nach ihm wurde das Institut für forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Georg-August-Universität in Göttingen benannt, deren Rektor er 1884/85 war und an der er den ersten an einer deutschen Irrenanstalt geschaffenen Lehrstuhl für Psychiatrie innehatte.

Kollender hat mit seinen umfangreichen Recherchen zum Leben des Wissenschaftlers und Arztes eine gute Basis für seinen Roman geschaffen, der wie der bereits 2015 erschienene Roman Kolbe* spannend wie ein Kriminalroman ist, dabei durch die historischen Fakten die Gemüter aufwühlt und erzürnt.

Beide Romane sind Werke über dunkle Kapitel in unserer Geschichte und das Bestreben einzelner, Änderungen herbeizuführen.

Ludwig Meyer hat es im realen Leben geschafft. Dafür gebührt ihm posthum Anerkennung.

Ein Dank aber auch an Andreas Kollender, dass er das Leben des Psychiaters auf diese Weise beschrieben und damit dessen Wirken publik gemacht hat.

– – O – –

Andreas Kollender: Von allen guten Geistern, 2017 erschienen bei PENDRAGON

 – – O – –

Zu diesem Buch wurde von PENDRAGON eine Blogtour organisiert. Fünf Blogger*innen haben über den Roman und Autor gebloggt:

Ein Revoluzzer verkauft den Zwang, eine Rezension auf dem Blog Seitengang

Essay zur Rehabilitation des Irrsinns durch proaktive Therapiemethoden auf dem Blog Der Medien- und Buchblog

Ein fiktives Interview mit Dr. Ludwig Meyer auf Die dunklen Felle

Ein Interview mit Andreas Kollender geführt von Silvia auf Leckere Kekse…

Ein Lesetagebuch zum Buch von Katja alias Philly Biblio auf ihrem Blog Wortgestalt

Neben diesen Posts zur Blogtour besonders erwähnenswert die im CULTURMAG erschienene Rezension von Anne Kuhlmeyer Hirn und Herz

 – – O – –

*Fritz Kolbe, Beamter im Auswärtigen Amt in Berlin, der in den letzten Kriegsjahren durch Weitergabe wichtiger Dokumente an den amerikanischen Geheimdienst versuchte, den Krieg mit seinen verheerenden Ereignissen abzukürzen, und nach dem Krieg als Nestbeschmutzer und gar Verräter von alten, inzwischen durch geschickte Manipulationen entnazifizierte Ex-Nazis geächtet wurde.

 

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Gary Victor: Suff und Sühne

Victor_Suff_CoverIn diesem Land, so wie es Gary Victor in seinem dritten Band mit dem ehrlichen, unbestechlichen Inspektor Dieuswalwe Azémar beschreibt, möchte ich nicht leben.

Staat und Polizeiapparat sind desolat, Politiker und Polizisten überwiegend korrupt, Mitglieder der UN-Truppen agieren als militärische Besatzer und stehen Politikern und Polizisten in ihrer kriminellen Energie, die Bevölkerung zu unterdrücken und auszubeuten, in nichts nach.

Da bleibt jemanden wie dem Inspektor nur der Suff, auch wenn er damit Job und Leben riskiert. So leiden wir mit ihm, wenn der Zuckerrohrschnaps Soro seinen Schädel fast platzen lässt. Wir fürchten mit ihm um das Leben seiner Tochter Mireya, sie ist das einzige, was für ihn zählt, wofür er bereit ist, sein Leben zu opfern oder zu ändern.

Nach Schweinezeiten und Soro sind in Suff und Sühne die schweren Zeiten für den Inspektor nicht vorbei, aber mit dem Soro ist – zunächst – Schluss: Azémar ist mal wieder auf Entzug. Das bedeutet, dass er sich entweder im Delirium befindet oder halluziniert, ab und zu Pillen einwerfen muss oder eine Injektion verpasst bekommt. Freiwillig nimmt er die Qualen nicht auf sich. Er war vor die Wahl gestellt, Kur oder Rausschmiss. Rausschmiss bedeutet für ihn Ruin. Ruin bedeutet Verlust der Tochter, für die er nicht mehr sorgen könnte. Deshalb versucht er, trocken zu bleiben. Und dann passiert es:

In sein beschissenes Leben platzt die Tochter eines toten brasilianischen UN-Generals, der angeblich Selbstmord begangen hat. Doch die Tochter bezichtigt Azémar, ihren Vater ermordet zu haben. In einer undurchsichtigen Aktion wird die Brasilianerin bei ihrem Besuch erschossen und der Inspektor weiß – soweit kann er klar denken -, dass ihm neben dem Mord am General auch noch der an dessen Tochter angehängt werden soll.

Dabei könnte er schwören, den General nicht umgebracht zu haben. Aber Fotos, die ihm von der Tochter gezeigt wurden, scheinen das Gegenteil zu beweisen. Gerade rechtzeitig, bevor ihn die Häscher eines unbekannten Auftraggebers kassieren, setzt sich Azémar ab, versucht zu erfahren, was hinter der Beschuldigung und den Fotobeweisen steckt. Es steckt viel dahinter: Entführung eines Unternehmersohns, ein Bandenboss mischt mit. Es ist die Hölle für Dieuswalwe Azémar und er geht durch sie durch. Und so kommt es wie es kommen muss, neben der Beretta wird auch der Soro wieder in den Freundeskreis des Inspektors aufgenommen. Azémars Leben geht weiter, die Schweinezeiten sind für ihn noch längst nicht zu Ende.

Azémar bleibt Azémar genau so wie Gary Victors Haiti Haiti bleibt. Und das ist – bezogen auf diese Fiktion (die fatalerweise der Realität so nahe kommt) auch gut so, denn damit haben wir Hoffnung auf ein weiteres Abenteuer von „Gott sei gelobt“- Dieuswalwe Azémar.

Gary Victor,…..mit seiner unverwechselbaren Handschrift, in der sich beißende Sozialkritik mit schwarzem Humor und einem Zug ins Surrealistische verbindet, vermag er wie kaum ein Autor die Wirklichkeit seines Landes einzufangen.*

Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

– – O – –

litradukt-gary_victor-suff_und_suehne-umschlag_vorderseiteOriginaltitel: Cures et châtiments (Kanada 2013), dt 2017 (Übersetzung: Peter Trier)

eBook-Ausgabe: CulturBooks Verlag,

Deutsche Printausgabe: litradukt

* aus dem Vorwort „Über das Buch“

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TRUE CRIME: Rotz‘ nicht vor den Kiosk, den du überfallen willst

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Ein fürchterliches Verbrechen geschah kurz vor Weihnachten 2016 in Wiesbaden. Um einen Kiosk auszurauben, erschoss der Täter die Kioskbetreiberin und verletzte deren Mann und ihren Neffen, einen Fußballprofi von Dynamo Dresden, durch weitere Schüsse schwer. Diese Aktion dauerte nur wenige Sekunden. Zuvor hatte der Täter jedoch den Kiosk beobachtet, war vor ihm auf und ab gegangen und hatte, von einem Zeugen beobachtet, auf den Gehweg gespuckt.

Beim Abgleich dieses „Asservats“ mit den DNA-Profilen der DNA-Datenbank gab es einen Treffer. Der 26-Jährige war der Polizei bekannt. Sein DNA-Profil war bereits in der Datenbank abgelegt.

In Kürze beginnt in Wiesbaden der Prozess. Mord und zwei Mordversuche werden den Spucker vorgeworfen.

Merke: s.o.

Das Foto zeigt den Ausschnitt eines Artikels aus dem Wiesbadener Kurier vom 24. April 2017

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Über die manipulative Wirkung geschriebener Worte: Maren Graf – Todschreiber

IMG_6492Maren Graf erzählt in Todschreiber von einem Phänomen, bei dem die Leser*innen dieses Buches sich fragen werden, ob es das überhaupt gibt. Kriminalromane sind Fiktionen und dieses Buch ist ein Kriminalroman und so könnte ein solches Geschehen durchaus als Fiktion zu betrachten sein.

Die Kieler Kommissarin Lena Baumann weiß zunächst nicht so recht, wie sie einordnen soll, was sie bei der Leiche des Mannes findet, der Selbstmord begangen hat. Der Man hatte sich offensichtlich spontan erhängt. Ein Brief ohne Absender mit eigenartigen Text wird in der Nähe des Toten gefunden. Kein Abschiedsbrief, aber ein Brief der wegen der Wortwahl seltsam erscheint. Der Schreiber des Briefes hat sich bei der Wortwahl große Mühe gegeben, das Schreiben auf exquisiten Papier und in gleichmäßiger Schrift mit blauer Tinte verfasst. Als kurze Zeit später eine Frau von der Aussichtsplattform des Kieler Rathauses in den Tod springt, wird wieder ein Blatt Papier gefunden. Wohl auch ein Brief, er ist jedoch unleserlich, weil der Regen die Tinte verwaschen hat.

Lena stellt die Hypothese auf, dass jemand durch Briefe bewirkt, dass Menschen in der Stadt nach Erhalt eines solchen Schriftstück spontan ihr Leben beenden. Ihr Chef und die Kollegen tun diese Überlegung zunächst als Lenas Hirngespinst ab, aber die Kommissarin lässt nicht locker und schließlich finden sie und ihr Team heraus, dass es in der Vergangenheit ähnliche Freitode gegeben hat, bei denen Briefe ein Rolle spielten. Und noch etwas erkennen sie. All diese Menschen waren wegen psychischer Probleme in Behandlung.

Um auf die Spur des Phänomens zu kommen, googelt sich Lena durch die Welt der Hypnose, lässt sich von einem Sprachwissenschaftler die Funktion und Bedeutung bestimmter Schlüsselwörter im Brief erklären, der bei dem Erhängten gefunden wurde, und bemüht Fachleute, die sich mit Forensischer Linguistik auskennen.

Dabei steigt die Spannung, die Dramatik nimmt zu. Falschen Spuren wird nachgegangen, dadurch wird wertvolle Zeit vergeudet, was möglicherweise dazu führt, dass weitere Briefe – wenn denn die Hypothese stimmt – ihren Zweck erfüllen. Schwierig gestalten sich die Ermittlungen auch deshalb, weil kein Motiv erkennbar ist.

Maren Graf hat mit Todschreiber einen ungewöhnlichen Kriminalroman geschrieben, der getrost als Thriller bezeichnet werden kann. Zunächst – auf den ersten 100 Seiten – verläuft die Handlung jedoch recht spannungslos. Mit dem Auftreten des Literaturwissenschaftlers, dem die Kommissarin den Brief vorlegt, ist plötzlich die Dynamik und die Spannung da, die dieses Buch zu einem Thriller macht. Zudem hat die Autorin ein meines Wissens in der Kriminalliteratur unbekanntes Thema aufgegriffen (auf das ich hier wg. Spoilergefahr nicht näher eingehe). Somit erscheint der Todschreiber wie ein Solitär in einem Wald unzähliger und oftmals gleichartiger Bäume.

Was ist Mord? Auch das ist eine Frage, mit der sich Maren Graf in diesem Buch beschäftigt und somit auch uns als Leser*innen.

Das Phänomen als Realität oder Fiktion? Die Erklärungen etlicher Begriffe, gleich, ob Maren Graf sie aus dem www gezogen oder sie von in der Danksagung aufgeführten Fachleuten erhalten hat, laden zu eigenen Recherchen ein und bringen interessante Erkenntnisse.

Dieser Debütroman hat es in sich.

– – O – –

Maren Graf: Todschreiber, erschienen 2017 als Taschenbuch im Gmeiner-Verlag

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