Fernab jeglicher „Cosyzität“ – Niklas Natt och Dag: 1794

IMG_9608Schweden Ende des 18.Jahrhunderts. Der Gutsherr Drei Rosen legt Wert darauf, dass sein Sohn Eric standesgemäß heiratet. Erics Liebe zu Linnea Charlotta, Tochter eines Pächters, soll unterbunden werden, indem der strenge Vater seinen Sohn nach dem heutigen Saint-Barthélemy, einer Insel der Kleinen Antillen – damals eine schwedische Kolonie und Waren- sowie Sklavenumschlagplatz – schickt.

Doch die Liebesbeziehung hält und nach dem Tod des Vaters kehrt Eric nach Schweden zusammen mit einem seltsamen väterlichen Freund zurück, heiratet Linnea. In der Hochzeitsnacht wird Linnea im Ehebett ermordet. Vieles deutet darauf hin, dass Eric die Tat begangen hat und er verschwindet mit Hilfe des Freundes. Linneas Mutter glaubt jedoch nicht an die Version, die ihr über den Tod berichtet wird.

Und so kommt der Häscher und armamputierte Kriegsveteran Mikel Cardell, den wir bereits aus 1793 kennen, ins Spiel. Linneas Mutter bittet ihn herauszufinden, was in der Hochzeitsnacht wirklich geschah. Cardell macht sich, von der Polizeikammer autorisiert und entlohnt, auf die Suche nach der Wahrheit, stößt dabei auf Eric, der in einem Hospital ruhig gestellt und später noch grausamer behandelt wird.

Wir werden auf dieser Suche in die schmutzigsten und übelsten Ecken von Stockholm geführt, in denen die Menschen mit großer Härte hungernd ums Überleben und ein klein bisschen Würde kämpfen. Wir waten mit Cardell durch die Abfälle und Fäkalien der Stadt, erleben die Frechheit der Straßenkinder. Erfahren von der Arbeit der Hebammen in Gegenden, die wir heute Slums nennen, und anderswo.

Ein Roman fernab jeglicher „Cosyzität“, mit Brutalität gespickt, in einer Welt, in der Frauen wenig wert sind. Das ist die Gesellschaft der Unterdrückten und Ausgebeuteten, die Niklas Natt och Dag beschreibt. 1794 ist ein Sittengemälde mit zerlumpten Gestalten und besoffenen Kerlen im Stockholm jenseits des Bürgertums und dekadenten Adels. Zudem ist es ein Kriminalroman mit einem trostlosen Ende.

Wer das alles nicht scheut, liest mit 1794 eine spannende und gut recherchierte Geschichte aus einem gar nicht goldenen Zeitalter.

– – – O – – –

Niklas Natt och Dag: 1794, erschienen 2019 im Piper Verlag, übersetzt von Leena Flegler

– – – O – – –

Zuvor erschienen von Niklas Natt och Dag: 1793

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Michael Tsokos mit Alex Pohl: Abgefackelt

IMG_9729Michael Tsokos lässt Leser und Leserinnen dieses Thrillers über die Schulter des Rechtsmediziners Dr. Paul Herzfeld schauen und erklärt in Abgefackelt etliches aus dessen Aufgabengebiet. Dem Doktor wird nach den kürzlichen Ereignissen – in Abgeschlagen beschrieben – an einer Klinik in der schleswig-holsteinisches Provinz eine zeitlich begrenzte Vertretung als Pathologe angeboten. Herzbergs Chef und Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts in Kiel hat die Sache arrangiert, damit sein angesehener Mitarbeiter die dramatischen Ereignisse verarbeiten kann, bei dem das Leben seiner Verlobten in Gefahr war. Das erscheint nötig, denn Herzfeld war danach während einer Obduktion zusammengebrochen, weil die Todesart  mit der der Person, die er unter sonderbaren Umständen beim Fall zuvor erkannt hatte.

In der Provinz, konkret Itzehoe, erfährt er, dass sein Vorgänger im Archivgebäude  des Krankenhauses mit sämtlichen Krankenakten und Gewebeproben der Patienten verbrannt ist. Suizid wird als Grund genannt. Doch es sind erhebliche Diskrepanzen, auf die der Kieler Rechtsmediziner stößt, sowie auf großes Schweigen der Personen, die Näheres über das Feuer und den toten Pathologen wissen müssten.

Zudem lernt Herzberg, dass ein lokaler Klüngel, zu dem auch der Chef des Itzehoer Klinikums gehört, unter der Führung eines Unternehmers – man kann ihn „Pate“ nennen – die Szene beherrscht. Nach zunächst ergebnislosen Rechercheversuchen kommt der Vetretungs-Pathologe auf eine Spur, die zu einem großen Skandal führen würde. Wenn sie denn aufgedeckt würde. Denn der Pate setzt alle Hebel in Bewegung, dass Herzfeld seine Erkenntnisse nicht preisgeben kann, scheut dabei keine Mittel – und hat auch bereits hinreichend Erfahrung darin, wie er derartige Vorgänge vermeiden kann.

Der Ablauf der Story ist schon frühzeitig zu erkennen und abzusehen, dass Herzfeld wieder in höchste Gefahr gerät. Tsokos legt keine falschen Fährten, die die Leser*innen verwirren könnten und die Handlung, trotz der Vorhersehbarkeit spannend, ist auch nur ein dieses Thrillers. Es ist besonders die Vorgehensweise des Protagonisten in Pathologie und Rechtsmedizin sowie dessen strukturiertes Arbeit in seinem Beruf, dessen Freud und Leid.

Michael Tsokos ermöglicht diese Einblicke, die Erfahrungen mit Bodypackern und erklärt – neben anderen fachspezifischen Begriffen -, wohin die Fehldiagnose bei einem Buddenbrook-Syndrom führen kann. Zum Tod!

(Und so werde ich bei der nächsten Untersuchung meinen Zahnarzt fragen, ob er dieses Syndrom kennt. Auf jeden Fall bevor ich mir von ihm einen Zahn aus der linken Seite meines Unterkiefers ziehen lasse.)

In einem Nachwort und einer Danksagung schreibt Michael Tsokos die Bezüge dieses Thrillers zu wahren Fällen sowie über den Input des Mitautors Alex Pohl zu Themen wie Mobilfunktechnologie und Elektrostrahlung.

Das Zusammenspiel von True-Crime-Elementen mit der Story fiktivem Krimigeschehens machen auch diesen zweiten Paul-Herzfeld-Band zu einem äußerst lesenswerten Thriller.

– – – O – – –

Michael Tsokos mit Alex Pohl: Abgefackelt, erschienen als Knaur Taschenbuch (2020)

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1. Paul-Herzfeld-Thriller: Abgeschlagen (2019)

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Regina Nössler: Die Putzhilfe

IMG_9527Mit ihr stimmt etwas nicht“. Damit ist Franziska gemeint, die ihr anscheinend wohlsituiertes Zuhause nahe Münster und den Job als promovierte Soziologin an der Uni verlässt. Sie bricht alle Verbindungen ab, fährt nach Berlin, steigt aus ihrem bisherigen Leben aus.

Die Gründe? Zunächst unklar, dann scheinbar im Verlauf des Buches erkennbar werdend, zum Schluss doch ganz anders.

Franziska, die sich in einer versifften Wohnung in Neukölln einmietet, nennt sich fortan Marie, lebt vom Ersparten und trifft durch Zufall auf eine gutsituierte Professorenwitwe, von der sie überredet wird, in deren Haushalt als Putzhilfe zu arbeiten. Aber auch mit der „stimmt etwas nicht“. Franziska – nein, nennen wir sie Marie – findet dort eine versteckte Pistole. Und auch bei Sina, der Fastsechszehnjährigen, „stimmt etwas nicht“. Sina, von der Marie zusammengeschlagen wird, die zusammen mit ihrer Mutter, einem kleinen Bruder und Bobby in verwahrlosten Verhältnissen aufwächst. Sina, mit der sich Marie anfreundet.

Marie, die als Franziska von ihrem Mann psychisch und physisch gepeinigt wurde, Probleme mit ihren spießigen Nachbarn hatte, offensichtlich mit gutem Verhältnis zu Kolleginnen und Kollegen in der Uni, die sich eine grandiose Karriere als Wissenschaftlerin erhoffte, ist froh, Geld als Putzhilfe verdienen zu können. Die Vergangenheit ist passé, wird verdrängt – bis sie wieder eingeholt wird von ihr.

Die Frage, die sich beim Lesen stellt, ist: „Warum stimmt etwas nicht mit Franziska-Marie, der Witwe aus Dahlem und Sina, der Fastsechszehnjährigen?“

Regina Nössler führt uns zu einer Wahrheit, die die Protagonistinnen zu verdrängen suchen, die es ihnen jedoch notwendig erscheinen lässt, davor zu fliehen. Franziska mit neuer Identität nach Berlin, die Witwe im Schutz einer Pistole und Sina in eine Welt wie sie ihr gefällt.

Doch bis wir die Wahrheit erfahren, begeben wir uns als Leserinnen und Leser in Spekulationen, die sich zumeist als falsch erweisen. Wir meinen Gründe und Handlungsweisen zu verstehen, scheitern damit jedoch immer wieder. Regina Nössler zeichnet ihre Charaktere vielschichtig und ausgiebig, aber wir erkennen sie nur scheibchenweise oder bruchstückhaft. Und auch am Schluss ist nicht völlig erkennbar, ob wir alles das, was wir über die drei erfahren haben, richtig deuten.

Dieser Thriller zeigt, wie wir uns in unseren erlernten Denkmustern und Erfahrungen verfangen und irren können. Eine spannende Lektüre, die sich abhebt von den üblichen Strukturen und Abläufen dieses „Genres“.

– – – O – – –

Regina Nössler: Die Putzhilfe, erschienen im konkursbuch Verlag (2019)

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Trouble nach den Troubles: Gestrandet von Anthony J. Quinn

Wenn ein Detective der irischen Garda Síochána tot an einem Seeufer in Nordirland angespült wird, bedeutet das Trouble.

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Jedenfalls dann, wenn ein Inspector der North Irish Police sich der Sache annimmt und dieser den Nordirlandkonflikt hinter sich gelassen hat, nur Ruhe und Ordnung in seinem Territorium durchsetzen möchte.

Aber die Verhältnisse sind nicht so einfach. Inspector Celsius Daly ist zurück im Grenzgebiet, weil er das alter Bauernhaus seiner Eltern dort verscherbeln möchte, nachdem seine Mutter von Paramilitärs ermordet wurde. Ein Mord, der nicht so recht aufgeklärt wurde.

Beim toten, angeschwemmten Detective ist zunächst noch nicht einmal klar, ob es wirklich Mord war. Zudem wirft der Fischer, der den Toten gefunden hat, Daly vor, seinen Bruder, Dalys damaligen Vorgesetzten, in den Selbstmord getrieben zu haben.

Der Niedergang hatte erst später begonnen, nach dem Waffenstillstand.“

Es sind zahlreiche Verflechtungen, die sich ergeben und immer noch auf Auseinandersetzungen während des Nordirlandkonflikts zurückzuführen sind.

Paramilitärs von gestern und ihre Unterstützer sind heute auf andern Geschäftsfeldern aktiv, hauptsächlich im Schmuggel und in der Immobilienbranche.

Der tote Detective war dabei, einige Tätigkeiten der in mafiösen Strukturen Agierenden auf beiden Seiten der Grenze aufzudecken. Das erkennt Celsius Daly recht schnell, gerät jedoch ebenso schnell in das Geflecht der Kriminellen, deren Informanten der einen, Spitzeln der anderen Seite, korrupten Cops hüben wie drüben, eine Polizeiapparat mit Chefs, die Allianzen mit den Bandenbossen bilden, zudem muss er noch einem Phantom nachjagen, dass sich Detective Hunter nennt.

Die Bevölkerung leidet durch Armut und den Betrug der Strippenzieher. Für Letztere gilt:

Wenn der Brexit kommt, ist die Grenze Gold wert.“

Jeder in der Gegend weiß es. Und so kennen alle die Machenschaften des lokalen Schmugglerbosses und Immobilienmoguls, doch keiner, der an den Geschäften partizipieren und/oder überleben möchte, regt sich, hilft, die illegalen Geschäfte zu beenden.

Das ist Dalys Handicap, Er kann es nicht überwinden. Veränderungen sind in dieser Story von Anthony J. Quinn nicht in Sicht. Da kann auch mal ein Detective der einen oder ein Policeofficer der anderen Seite krepieren. Es lebe das tolerierte Verbrechen, es lebe der Trouble. Eine schmutzige Story in düsterer Gegend. Ein Niemandsland ohne sichtbare Exekutive.

Ein Halleluja auf den Brexit, der dort nichts zum Guten kehren, einigen Gewinnlern weiteren Reichtum bringen wird. Für die meisten wird jedoch gelten: Gestrandet.

Gelungene Darstellung des Ist’s mit bitterer Perspektive. Nicht nur ein spannender Krimi, sondern auch ein aktueller Inhalt.

– – O – – –

Anthony J. Quinn: Gestrandet, Originaltitel: Undertow

Erschienen im Polar Verlag (2019), übersetzt von Rudolf Brack, herausgegeben von Wolfgang Franßen

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Stress kurz vor Weihnachten: Peter Jackob – Frohes Fest, Schack!

Wie es häufig so ist vor Weihnachten: Du willst Weihnachten und dem Jahresende ruhig entgegengehen und dann das: Stress pur!

Hier trifft es den Kommissar der Mainzer Mordkommission, Schack Bekker.

IMG_9589Bekker, ein Kerl, der lieber nachts mit einem Glas Rotwein und leckerem Essen vor sich vom Balkon seiner Wohnung auf den Rhein blickt, tagsüber ein Päuschen in der Kleinen Stadthalle macht oder zum Bier eine Gulaschsuppe auf der Terrasse seines Lieblingsimbiss‘, dem Schorsch, löffelt.

Und dann das wenige Tage vor Weihnachten: Als Schack gemäß dem jährlichen Ritual den Vater eines Freundes und Kollegen im Altersheim besuchen und mit ihm gemeinsam ein Fläschen Calvados genießen will, ist der alte Herr verschwunden. Der Kommissar ahnt, dass etwas Unheilvolles passiert sein könnte und macht sich auf die Suche durch die Meenzer Altstadt, über den Weihnachtsmarkt, durch bekannte Gassen und über kleine Plätze. Stundenlang geht die Suche, auf der sich auch Bekkers hochschwangere Lebensgefährtein und Kollegin Erna schließlich beteiligt. Und endlich ……

Es muss nicht immer Mord sein, was in einem Krimi passiert und von Kommissaren oder Schlapphüten aufgeklärt wird. Aber auch in diesem mordlosen Fall stockt dem Leser zeitweise der Atem.

Es sind Geschehnisse, die an jedem anderen Tag des Jahres passieren können, aber wie es nun einmal ist: Das größte Verbrechen richtet sich nicht immer nach der Jahreszeit – oder doch. Es passiert, wenn es dem Kommissar gar nicht in den Kram passt, er andere Gedanke hat. So beginnt diese kleine Geschichte mit einem nachdenklichen Schack, der über den Tod des Vaters und sein Verhältnis zu ihm nachdenkt, sich erinnert an alte Weggefährten, die nach dem Motto „Jeder muss irgendwann den Schirm zumachen“ nicht mehr unter den Lebenden sind. Doch dann zieht er mit zwei Flaschen Calvados los und kurz darauf ändert sich für ihn die Lage (siehe oben).

Und wie die Geschichten zu Weihnachten so ausgehen: Alles wird gut!

Der Freund und Sohn des Alten ruft ihm noch hinterher: „Frohes Fest, Schack!“

Und das wünsche ich dem Kommissar und seiner Erna ebenfalls. Wenn ich ihn dann zu Beginn des neuen Jahres beim Schorsch oder in der Kleinen Stadthalle sehe, oder er den Kinderwagen durch die Augustinergasse schiebt, werde ich ihm zurufen: „Gutes Neues, Schack!“

– – – O – – –

Peter Jackob: Frohes Fest, Schack!

Dieses kleine 64seitige Büchlein ist in Mainzer Buchhandlungen erhältlich oder direkt vom Autor zu beziehen (https://www.peterjackob.de/)

 

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Marina Heib: Die Stille vor dem Sturm

Es beginnt als Groschenroman, mutiert dann zum Abenteuerroman und geht schließlich in einen deftigen Thriller über

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Groschenroman. Es war einmal ein stinkreicher Reeder, der hatte seiner Meinung nach drei nichtsnutzige Söhne. So fangen Märchen an, in diesem Fall aber auch – nach einem düsteren Prolog zur Einführung – die Geschichte. Zusammen mit den hübschesten Gespielinnen forever sollen die Söhne die Luxusyacht des Alten von Gran Canaria zu den Cayman Islands überführen. Dazu nehmen sie noch einen Kumpel mit großer Segelerfahrung samt dessen Tussi mit. Aber als sie ablegen wollen, fehlt der jüngste Spross, allerdings schippert seine Liebste mit. Schon bald gibt es Zoff an Bord, die beiden Brüder, echte Schnösel , streiten sich. Zudem kommt auch noch heraus, mit welcher der Schickis die Männer die jeweils anderen betrogen haben. Da hat wohl fast jede mit jedem gepoppt – bis auf Marie, aber die hat stattdessen ein Trauma. Wenn das kein Stoff für einen Groschenroman ist!

Abenteuerroman. Dann kommt es anders: Brutaler Sturm und bestialische Wellen bringen die Hochseeyacht fast zum Kentern, unterstützt auch noch durch die Dummheit des einen der Brüder. Zwischendurch retten sie noch einen in Seenot geratenen Skipper.

Thriller. Zu diesem Abenteuer gesellt sich schließlich der Thrill. Ein erster Mord an Bord. Es ist die Tussi des erfahrenen Segel-Kumpels. Schnell einigt sich die ursprüngliche Crew, dass der Mörder nur der tätowierte Kerl sein kann, den sie von seiner kenternden Yacht geborgen haben. Nachdem sie sich weitgehend darauf einigen, dass Selbstjustiz nicht das Mittel der Wahl ist, wird ihr Ziel in Richtung Kapverden geändert, um den Mord von der dortigen Polizei aufklären zu lassen. Damit nicht genug, es ereignet sich Mord Nr.2, wobei der des ersten Mordes Verdächtige es beim zweiten Mal nicht gewesen sein kann – oder doch? Darüber gibt es an Bord unterschiedliche Meinungen.

Zudem gibt es Sabotage auf dem Schiff. Sämtliche Elektrik, Kommunikationsmittel und modernen Navigationsmittel werden zerstört. Und das Morden geht weiter, nach Leiche Nr.2 ist nicht Schluss. Weitere Aufzählung der Tötungsdelikte erspare ich mir.

Parallel dazu gibt es zwei Handlungsstränge.

Der Alte, der durch Skrupellosigkeit zu seinem Reichtum gekommen ist, und seinen Söhnen vorwirft, dass sie nicht über diese Charaktereigenschaft verfügen, erhält seinen Erzählstrang. Er macht sich doch ein wenig Sorgen über das Verschwinden seines Jüngsten, der nicht mit an Bord gegangen ist, beauftragt einen Privatdetektiv mit der Suche. Die Yacht kann er nicht mehr erreichen, obwohl sie mit hypermoderer Kommunikationstechnologie ausgestattet ist. Auch das bereitet ihm Unbehagen.

Der jüngste Spross, taucht in kleinen Kapiteln zwischendurch in einer ausweglosen Situation auf.

Das Verknoten der Stränge erfolgt gegen Ende des Romans, indem Mörder und Motive offengelegt werden, vor allem aber das, was als großes Übel über allem steht. Was am Beginn einer unbeschwerten Reise der piekfeinen Schnösel mit ihrem attraktivem Anhang vor purer Erotik nicht zu erkennen war und zu der Zeit noch wie Konglomerat als Ergebnis von Rosamunde Pilcher und Groschenroman-Verlagen aussah, wandelt sich in düsteres Handeln, Misstrauen, Hass und krimineller Energie.

Marina Heib versteht es, das Manöver der Wende von Trivialität zu Thrill unbeschadet zu vollziehen. Dabei war ich mir nicht sicher, ob ihr das Gelingen würde, in einem Wust von maritimen Ausdrücken und sehr spezifischen Segler-Jargon den Überblick über die Handlung zu behalten. Es ist ihr gelungen. „Die Stille vor dem Sturm“ ist nach seglerisch und thrillig aufwendigen Szenen in der Rubrik „Spannender Thriller“ gelandet.

– – – O – – –

Marina Heib: Die Stille vor dem Sturm

Erschienen im Pendragon Verlag, 2019

(Während ich in anderen Büchern die Übersetzer erwähne, versäume ich in diesem Fall nicht, die in der Danksagung genannten Charles Gossmann und Marc Bielefeld zu erwähnen, von der Marina Heib schreibt: „Beides erfahrene Segler, haben sie mich sicher durch all meine inhaltlichen Havarien an Bord dieser Geschichte navigiert und mit ihren profunden Kenntnissen über Boote und Blauwassersegeln das passende Sprachgefühl …. vermittelt“.)

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Darf Maigret das? – Georges Simenon: Weihnachten bei den Maigrets

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Ein trostloser Weihnachtstag steht dem kinderlosen Ehepaar Maigret bevor. Zusammen mit seiner Frau, der Madame Maigret, startet der Kommissar das Ritual des Festtags. Ein „nützliches“ Geschenk vom ihm für sie, eine Pfeife für den Kommissar, das sind die Geschenke – wie jedes Jahr.

Ansonsten: Sonntagsritual, Madame Maigret kocht Kaffee, geht zum Bäcker, holt Croissants.

Aber dann wird die Routine unterbrochen. Vom Haus gegenüber zerrt eine alte Dame eine jüngere in Richtung Maigrets Behausung. Als sie bei Maigret ankommen, berichtet die Ältere von einem eigenartigen Ereignis, von dem ihr Colette, das Pflegekind der jüngeren Frau, erzählt hat: In der Nacht zuvor sei der Weihnachtsmann zu ihr gekommen, hätte ihr eine Puppe geschenkt und sei danach wieder gegangen. Die Geschichte kommt Maigret mysteriös vor. Zudem verhält sich die Pflegemutter eigenartig. Der Kommissar vermutet, dass sie mit ihrem unwirschen Benehmen etwas vertuschen will – so sucht Maigret eine Erklärung was in der Nacht wirklich geschah, was der Grund für das Erscheinen des Weihnachtsmanns war. Er findet den Grund, zeigt damit, dass Colette bei ihrer Pflegemutter nicht gut aufgehoben ist – ob es nun ein Verbrechen war, in das die Pflegemutter verwickelt war oder nicht – und macht Madame Maigret so ein schönes Weihnachtsgeschenk.

Es sei Maigrets Frau gegönnt. Aber durfte Maigret ihr das Kind „schenken“? Lassen wir dem Kommissar die Freiheit seines Handels – ’s ist ja bald Weihnachten.

Die kleine Erzählung berührt, weil sie zugleich schön und traurig ist.

Solche Geschichten – das wissen wir von „Der kleine Lord“ ebenso wie von Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ – wirken in der Vorweihnachtszeit.

– – – O – – –

Georges Simenon, Weihnachten bei den Maigrets, in der Übersetzung von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bahar Avcilar erschienen 2019 im Kampa-Verlag

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