Viveca Sten: Flucht in die Schären

Häusliche Gewalt im kriminellen Umfeld ist das Thema, über das Viveca Sten in ihrem neuesten Kriminalroman erzählt.

9783462318586_10Es ist Mina, die in ein Frauenhaus in den Schären vor Stockholm auf Anraten von Nora Linde vor ihrem Ehemann Andreis flüchtet. Mina leidet unter der häuslichen Gewalt des als Kind aus Bosnien geflüchteten Drogenbosses, den Nora wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung anklagen und hinter Gitter bringen will. Als Chefanklägerin der Behörde für Wirtschaftskriminalität, tut sie sich schwer, eine Anklage wegen dieser Delikte und anderer Kapitalverbrechen zu erstellen, damit Andreis für längere Zeit seine Geschäfte nicht mehr pflegen kann, doch der ist clever, wird zudem  von einer erfolgreichen Strafverteidigerin vertreten.

Da passiert es – das muss man leider so sehen – gerade zur richtigen Zeit, dass der Kriminelle seine Frau krankenhausreif, fast zu Tode geprügelt hat. Gute Chancen Andreis langfristig hinter Gitter zu bringen bestehen nur, wenn Mina gegen ihren Gatten aussagt, doch dafür – und darin unterscheiden sich Fiktion und Realität nicht – stehen die Chancen schlecht.

Nora Linde hat in diesem 9. Kriminalroman, der auch dieses mal den Untertitel „Ein Fall für Thomas Andreasson“ trägt, eine gewichtige Rolle. Vieles hängt von ihrem Geschick ab, dass Mina kooperiert. Gegenspieler Andreis versucht, mit allen, ihm als Kriminellen zur Verfügung stehenden Mittel das zu verhindern. Unterstützt wird er dabei von seiner ebenfalls skrupellosen Verteidigerin.

Somit stellt Viveca Sten mit „Flucht in die Schären“ ein von Brutalität geprägtes Szenario dar, weit entrückt von der einstigen „Cozy-Sandhamn-Atmosphäre“ der ersten Bände dieser Reihe. Dabei spielt Thomas Andreasson nur noch eine untergeordnete Rolle, obwohl der 9.Band dieser Krimireihe wie üblich untertitelt ist mit „Ein Fall für Thomas Andreasson“. Die gescheiterte Ehe von Thomas mit Pernilla und die Konsequenzen beim Umgang mit dem gemeinsamen Sorgerecht für ihre Tochter prägen hier das Bild von Thomas, der zudem frustriert ist von den Sparmaßnahmen im Polizeiapparat. Auch Nora Lindes gescheiterte Ehe wird ab und an thematisiert.

Im Mittelpunkt aber steht der Wille Andreis‘, mit allen Mitteln seine Frau Mina und den gemeinsamen kleinen Sohn wieder zurückzuholen sowie die Angst Minas vor ihrem prügelnden, tretenden Ehemann und ihre scheinbar nicht enden wollende Loyalität zu diesem Brutalo. Ein Brutalo, der im Bosnienkrieg als Kind traumatisiert wurde, was sein Verhalten gegenüber seiner Frau in keiner Weise rechtfertigt. Diese Bosniengeschichte wird stückweise in die Handlung per kurzen Kapiteln eingebunden.

In den über 130 Kapiteln der eigentlichen Handlung ist der Verlauf nahezu vorhersehbar und birgt wenig Überraschungen. Andreis dreht an der Gewaltschraube. Mina weiß nicht, was für sie und ihren kleinen Sohn die beste Überlebensstrategie ist, wird geplagt von Zweifeln, hat wenig Hoffnung auf einen guten Ausgang. Nora arbeitet unterstützt von der Polizistin Leila verbissen daran, für Mina und deren Sohn eine lebenswerte Perspektive ohne Andreis zu entwickeln. Und weil man als Leser den Ablauf der Geschehnisse erahnt, hangelt man sich von einem Cliffhänger am Ende eines Kapitels zum nächsten in der Gewissheit, dass die Geschichte letztlich – oder zumindest zunächst – gut ausgeht. Das können wir von Viveca Sten und dank ihrer Protagonisten Nora Linde und Thomas Andreasson erwarten.

Viveca Sten stellt hier häusliche Gewalt in einer extrem brutalen Situation dar, die in diesem Fall Mord nicht ausschließt. Beziehungstaten, die dermaßen eskalieren, so lesen wir es irgendwo im Laufe der Handlung, enden in Schweden jährlich 20-4o Mal tödlich (in Deutschland – war kürzlich in der Zeitung zu lesen – sind es weit über 100 pro Jahr). Viele der zigtausend Fälle häuslicher Gewalt, die jedes Jahr in unserem Land passieren, sind für die Betroffenen sicher nicht minder dramatisch und so schließe ich mich Viveca Sten an, die am Ende des Buches in einem Nachwort schreibt: „Unterstützung für betroffene Frauen bieten zahlreiche Organisationen an . Schnelle Hilfe finden Sie im Internet.“

Ein Buch, das das Thema häusliche Gewalt und das Scheitern großer Liebe ausführlich behandelt, als Kriminalroman zu geradlinig am Handlungsstrang ohne Abschweifen auf falsche Fährten und andere Spannungselemente entlang erzählt, ohne die Finessen, die ich von einem spannenden Kriminalroman erwarte.

 

— O —

Viveca Sten: Flucht in die Schären – Ein Fall für Thomas Andreasson

Erschienen 2018 bei Kiepenheuer & Witsch, aus dem Schwedischen übersetzt von Dagmar Lendt

 

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Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

P1030657Selten habe ich einen so inhomogen erscheinenden Kriminalroman gelesen, der aber am Ende dann doch – fast – wie aus einem Guss erscheint.

Es sind die Komponenten, die auf Personen, Sachverhalte und Entwicklungen bezogen, vordergründig nicht zusammenpassen.

Das sind:

  1. Ein skurriles Trio um die an MS-erkrankte Rollstuhl fahrende Hauptperson, die ehemalige Revoluzzerin und heutige Buchhändlerin Olga, mit ihrem Gehilfen Adrian, dem sensiblen, philosophierenden Trauerredner, und Olgas ausgeflippter Assistentin Kiki, einer Frau mittleren Alters, die bereits eine Haftstrafe wegen Mordes abgesessen hat. Olga versucht mit Hilfe der beiden aufzuklären, dass ihr Ex-Mann ermordet wurde und nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Die Darstellungen und Handlungsweisen dieses Trios mutet so grotesk an, dass man denkt, einen Krimi zu lesen, der den Titel „Apfelstudel und Joint“ tragen könnte und bei denen komische Elemente der wesentliche Teil der Handlung seien.
  2. Multiple Sklerose, am Beispiel des Verlaufs bei Olga im fortgeschrittenen Stadium, wird von Gudrun Lerchbaum mit einer Ausführlichkeit beschrieben, die zwar lesenswert ist, jedoch an keiner Stelle des Romans die Handlung vorantreibt.
  3. Der tote Journalist Can mit türkischen Wurzeln, war einem Skandal mit bedeutendem politischen Ausmaß auf der Spur. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn die, über die er berichten wollte, sein Leben beendet hätten.
  4. Die Verquickung von türkischem Geheimdienst, der Türken und Türkischstämmigen außerhalb der Türkei bespitzelt, mit den rechtsradikalen Kräften in Ländern wie Österreich und Deutschland ist ein weiteres Thema dieses Buches. Verschwörungstheoretiker werden diese Komponente lieben.
  5. Gudrun Lerchbaum versäumt es dabei nicht, immer wieder den Rechtsruck und das damit verbundene Agieren in Österreichs Regierung zu benennen und zu rügen.
  6. Letztlich geht es um die Familienehre im Kreis von Cans Eltern, Schwester und anderen Verwandten sowie Freunden und somit um eines der immer wieder einmal auftretenden Themen, die wir der moslemischen Kultur zuordnen.

An diesen sechs Punkten ist die Komplexität des Roman zu erkennen. Selbstverständlich gehören zum Personal auch ein Kommissar und eine Kommissarin und weitere Personen, die mutmaßlich der einen oder anderen Seite von Cans potenziellen Widersachern zuzuordnen sind. Das alles ist von Gudrum Lerchbaum geschickt verknüpft und alles erschiene für mich als Leser perfekt, wenn da dieser  siebte Punkt nicht wäre: Der Tod Cans, der sichtbar kein allergischer Schock war, der den Anfang der Story im weiteren Verlauf unglaubwürdig erscheinen lässt. Aber das ist möglicherweise auch  mit der Verschwiegenheit des türkischen Familienclans zu erklären. Und deshalb müssen Olga & Co zunächst in ihren Ermittlungen bei Null anfangen, über Leichen gehen, selbst fast zu einer solchen werden, bis das so triviale Motiv und die Täter gefunden sind.

Wo Rauch ist“, ist kein geschliffenes Cozy-Werk, auch wenn es zunächst mit dem Auftreten von Olga, Adrian und Kiki so erscheint. Als Leser darf man sich an Brüchen und Kanten reiben. Das macht diesen Krimi zu einem lesenswerten Unikat.

— O —

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

erschienen 2018 bei Ariadne im Argument Verlag

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Johanna Trommer: Karl Kessel – Der Schneewittchen-Fall

20181104_113948Marlene Monroe und Karl Kessel – sie wohnen in Stuttgart und sind ca. 14 Jahre alt – richten sich im Haus, in dem Marlenes Eltern wohnen, in einer verlassenen Ecke auf dem Dachboden ein Detektivbüro ein – und finden dort in einer Kiste die mumifizierte Leiche einer jungen Frau, schön wie Schneewittchen.

Ein toller Fall für die beiden jungen Detektive, die bereits sowohl über Erfahrungen aus mindestens zwei Fällen (Mord im Opernhaus und Leiche für die Katz) als auch über Kontakt zum Ersten Hauptkommissar der Stuttgarter Kriminalpolizei Schockenried verfügen.

Bevor jedoch Hauptkommissar Schockenried über den Fund informiert wird, sehen sich Marlene und Karl die Mumie genau an und finden gar einen Hinweis auf deren Identität. Schockenried ist natürlich gar nicht erbaut, als ihm die beiden Jungdetektive den Vorschlag machen, an den Ermittlungen mitzuarbeiten. Doch mit Raffinesse gelingt es Monroe – so nennt Karl seine Partnerin nach bester Hard Boiled-Crime-Manier – und Karl Kessel, den erfahrenen Kommissar von der Notwendigkeit ihrer Mithilfe zu überzeugen.

Karl, Mitglied im Chaos Computer Club und Admin- und Codenerd, findet so einiges über Jule, so hieß die Mumie zu Lebzeiten, heraus und stößt dabei auf zwei weitere Morde, bei denen die ermordeten jungen Frauen mumifiziert wurden. Der Mörder der ersten beiden Opfer wurde damals identifiziert, soll jedoch beim Unglück der Costa Concordia ums Leben gekommen sein. Eigenartig, dass sich der dritte Mord nach der Havarie des Schiffes ereignet hat.

Während der Recherchen der Hobbydetektive passiert es. Marlene hat ein besonderes Erlebnis, das mit ihrer Fähigkeit zusammenhängt, Gesichter erkennen zu können, auch wenn sie sich verändert haben und die Personen älter geworden sind – und diese Fähigkeit bringt sie in höchste Gefahr.

Wie es sich für erstklassige Detektive gehört, übersteht Marlene das Abenteuer und zusammen mit Karl kann sie die Morde aufklären.

Mit großer Spannung und einem furiosen Showdown erzählt Johanna Trommer diese abenteuerliche Geschichte für ältere Kinder, Jugendliche und auch für Erwachsene.

Kinder und Jugendliche ab 11 Jahren werden sicher der Handlung mit kurzen Ausflügen in die Kunst des Mumifizierens, der Cyberkriminalität, dem Darknet und allem, was in diesem Krimi geboten wird, folgen können. Auch ohne Mitglied des Chaos Computer Clubs sein zu müssen und ohne sich im Darknet zu bewegen.

— O —

Johanna Trommer: KARL KESSEL – Der Schneewittchen-Fall, erschienen 2018 im Neckarufer Verlag

Übrigens: Dieser Post stammt von l*#!11!l*l*31l*# und entziffern kannst du das nur, wenn du dich wie Karl Kessel mit Leetspeak auskennst

 

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Jean-Luc Bannalec: Bretonische Geheimnisse – Kommissar Dupins siebter Fall

P1030655Dupin ermittelt in seinem 7. Fall weder am lieblichen Mittelmeerstrand noch an der rauen Atlantikküste der Bretagne. Dieses Mal verschlägt es ihn ins Innere, zu Feenwäldern und Artus-Orten, höchstwahrscheinlich gar in das Gebiet, in dem die Bretonen den Heiligen Gral vermuten. Düstere Orte, mythenbehaftet und sagenumwoben, bescheren dem Kommissar und seinem Team Angst, Chaos und große Ratlosigkeit.

Dabei fängt alles so harmlos an: Auf Bitte eines alten Kollegen in Paris soll Dupin in einem kleinen Dorf am Rande des Forêt de Brocéliande einen Archäologen und Mitglied des Vorstands der französischen Artus-Gesellschaft über dessen toten Kollegen befragen, von dem die Witwe behauptet, dass er ermordet worden sei. Zwar sprechen keine Indizien für eine unnatürliche Todesursache, doch die Witwe macht mächtig Stress, hat sogar den Innenminister, ihren Bruder, vor den „Ermittlungs-Karren“ gespannt. Für den Kommissar erscheint dies als einfacher Freundschaftsdienst und so verbindet er diese Aktion auf Vorschlag seiner Assistentin Nolwenn mit einem Betriebsausflug, zu dem neben Nolwenn auch die Inspektoren Riwal und Kardeg mitreisen.

Abgesehen davon, dass Riwal seinen Chef während der Fahrt zum Ziel ständig mit Geschichten über den Wald, allem was darin vermutet wird und der gesamten Geschichte um Artus und dessen Verbundenheit zur Bretagne nervt, freut die Gruppe sich auf einen angenehmen Ausflug.

Am Ziel angekommen, will Dupin zunächst das Gespräch mit dem Wissenschaftler führen – und damit ist es mit der Unbeschwertheit des Betriebsausflugs vorbei, denn der Archäologe liegt ermordet in seiner Behausung.

Dupin gelingt es nicht, sich aus den nun anstehenden Ermittlungen herauszuhalten, im Gegenteil. Er wird zum „Sonderermittler“ des Innenministers ernannt, was dem Kommissar gar nicht passt, aber ein Entrinnen gibt es nicht.

Damit fängt das Chaos, sprich die Motivsuche und die Suche nach dem Mörder, an. Hinzu kommt, dass der erste Mord am und im Forêt de Brocéliande nur der Angang einer Mordserie ist. Die Vorstandsmitglieder der Artus-Gesellschaft, die sich zu einer Tagung sämtlich – so sie denn noch am Leben sind – vor Ort aufhalten, benehmen sich eigenartig, als Dupin sie befragt, lügen ihn an. Zudem sind alle mit einer oder mehreren aus ihrem Kreis in irgendeiner Form verbandelt, Ex- und immernoch Ehepaar, Mutter und Sohn oder andere Beziehungen werden Dupin nicht verraten, vom möglichen Motiv ganz zu schweigen. Als dann gar Riwal und Kadeg nicht mehr auffindbar sind, ist das Chaos perfekt und es verwundert kaum, als noch weiter versucht wird zu morden und dies zum Teil auch gelingt.

Hier im Wald sind die Farben nicht mehr so leuchtend blau, rosa und rosarot wie an den Küsten der Bretagne, hier ist es zumeist düster. Ob nun die Archäologen und Artus-Forscher ihre heile Welt erhalten können oder ein riesiger Freizeitpark auf der Basis von Sage und Mythen entstehen kann, scheint die Beteiligten zu spalten. Dupin hat so sein Tun. Doch wie man ihn und seine Erzbretonen Nolwenn und die beiden Inspektoren kennt, nimmt das Team die richtige Fährte auf, findet das Motiv und somit auch heraus, wer die Morde verübt hat. Höchste polizeiliche Ehren werden Dupin zuteil – er hat sie sich auch verdient.

In diesem 7. Fall fehlt das Bretagne-Urlaubs-Feeling – zum Glück –, denn nochmals die zig Blau- Rosa-, Violett-, Rottöne von Meer, Strand, Himmel mit und ohne Sonnenuntergängen erzählt zu bekommen, wäre sicherlich ermüdend gewesen. So präsentiert Bannalec mit Bretonische Geheimnisse viel Geheimnisvolles und einen ironischen Blick auf das Konkurrenzdenken im Filz der Wissenschaftler. Ein stellenweise amüsanter Krimi, auch wenn Riwal nicht nur Dupin sondern auch den Lesern dieses Buches mit seinen, durch die bretonische Brille ausführlichen erzählten Artus-Krams manchmal auf den Keks geht.

— O —

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Geheimnisse – Kommissar Dupins siebter Fall, erschienen 2018 bei Kiepenheuer&Witsch

Die Fälle 1 bis 6 des Kommissar Dupins:

Bretonische Verhältnisse (2012)

Bretonische Brandung (2013)

Bretonisches Gold (2014)

Bretonischer Stolz (2015)

Bretonische Flut (2016)

Bretonisches Leuchten (2017)

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Leonard Pitts jun.: Grant Park

Ich habe die Nase voll vom Bullshit der Weißen, ich bin es leid.“ P1030654Das ist der Kernsatz eines Artikels, den der schwarze Journalist Malcolm Toussaint hinter dem Rücken seines Redakteurs in die Chicago Post am Tag der Präsidentschaftswahl 2008 in den USA platziert – und ihn seinen Job kostet.

Der Jobverlust scheint knapp eine Stunde später nur das kleinere Übel, denn der Journalist wird entführt von zwei weißen Losern, die an diesem Tag Großes vorhaben. Als Hasser der schwarzen Bevölkerung wollen sie verhindern, dass Barak Obama, den die Meinungsumfragen als Sieger der Wahl prophezeien, das Amt des Präsidenten antritt. Geplant ist ein Attentat im Grant Park, der Stätte, an der Obama in Falle seiner Wahl eine Siegesrede halten wird. Toussaint soll dabei sein, als Trophäe bei einem groß angelegten grausamen Event.

Der Journalist hatte 40 Jahre zuvor Martin Luther King kennengelernt. Doch während King auf einem gewaltfreien Prozess zur Überwindung von Rassenhass und – diskriminierung setzt, vertraut der junge Toussiant der „Black Power“, der Erreichung der Ziele durch Gewalt.

Auf zwei zeitlichen Ebenen – 1968 und 2008 – erzählt Leonard Pitt jun., was Toussiant heute desillusioniert und damals bewegte, als er sich von seinem alten Namen trennte und sich nach seinen Idolen, Malcolm X sowie dem Anführer der Zurück-nach-Afrika-Bewegung Marcus Garvey und besonders Toussaint L’Ouverture, einem Schwarzen, der gegen Napoleon während der haitianischen Revolution gekämpft hat, nannte: Malcolm Marcus Toussaint. Doch nach dem Zusammentreffen und einem Gespräch mit Martin Luther King mutiert der Anhänger der Black-Power-Bewegung zum friedlichen Streiter für die Rechte und die Anerkennung der Schwarzen, gegen Rassismus. Dafür setzt er sich vier Jahrzehnte als geachteter Journalist ein, bis es zu diesem Wahltag kommt, an dem er seine Verbitterung darüber, dass sich zu wenig geändert hat und er kein Vertrauen in die Meinungsumfragen zur Wahl hat, in der Chicagoer Post veröffentlicht.

Das Prinzip Hoffnung“ – so der Titel von Thomas Wörtches Nachwort zu „Grant Park“ hat sich somit für Toussaint erledigt. Für die beiden Weißen, die ihn als Geiseln genommen haben, gilt es noch. Im Irrglauben, die USA vor der scheinbaren bevorstehenden Machtübernahme durch „Nigger, Juden, Moslems etc, etc …“ und gar einem schwarzen Präsidenten verhindern zu können, haben sie Hoffnung.

Diese fiktive Geschichte, die in zwei schmalen Zeiträumen realer Vergangenheit angesiedelt ist, strotzt vor Spannung, denn die Aussicht auf ein Showdown im Grant Park wird von Pitts jun. mit sich geschickt steigernder Dramatik aufgebaut. Und da wir wissen, dass Obama seine Siegesrede unter tosendem Beifall lebend beendet und anschließend das Präsidentenamt angetreten hat, fragt man sich bei der Lektüre „Was ist passiert, dass im Grant Park dieses Attentat nicht passierte?“ Die Antwort – aus Sicht der beiden potenziellen weißen Attentäter – ist: “Die Hoffnung stirbt zuletzt – aber sie stirbt.“

Thomas Wörtche hat im Nachwort Pitts Kriminalroman in Zusammenhang gebracht mit den historischen und politischen Verhältnissen der USA in jener Zeit zwischen dem Wirken von Martin Luther King bis zur Wahl Barack Obamas, hat die Ergebnisse des Abbaus der Rassenschranken gar in Beziehung gesetzt zur neuen „Trump-Zeit“. Der äußerst fundierte und lesenswerte Artikel von Thomas Wörtche ist verfügbar im CULTURMAG unter dem Titel „Das Prinzip Hoffnung“.

Empfehlung: Unbedingt LESEN (Grant Park sowieso und ebenso Wörtches Artikel)

— O —

Leonard Pitts jun: Grant Park, herausgegeben von Wolfgang Franßen im Polar Verlag, 2018, übersetzt von Gabriele Werbeck und Andrea Stumpf

 

 

 

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Elisabeth Florin: Commissario Pavarotti kam nie nach Rom

und er wird auch nie dorthin kommen. Jedenfalls dann nicht, wenn der Titel des P1030662Buches als Metapher für Pavarottis Beziehung zu seiner großen Liebe Lissie gesehen wird. Lange Zeit war ich davon ausgegangen, dass die beiden, der Meraner Commissario und Lissie aus Deutschland, die zufällig immer in und um Meran ist, wenn dort ein Mord passiert ist und um Pavarotti herumwieselt, ihn bei den Ermittlungen unterstützt oder ihm in die Quere kommt, im Privatleben ein Paar werden. Nun ist es raus, sie werden es nicht werden. Damit scheint die Pavarotti-Reihe, deren vierter Teil hier vorliegt, beendet zu sein. Die Spannung von der die Reihe auch lebte, ob es nun endgültig zwischen den beiden „schnackelt“ oder nicht, ist dahin.

Spannung ergab sich bei Elisabeth Florins „Meran-Krimis“ aber auch durch Ereignisse, die sich in Meran vor längere Zeit abspielten. Der Südtiroler Freiheitskampf, die italienische Psychiatrie-Reform, die zur Abschaffung der staatlichen psychiatrischen Kliniken und zu unmenschlichen Folgen führte, sowie die Entstehung des Vernagt-Stausees, der ohne Rücksicht auf die Bewohner des Dorfes Vernagt und ohne deren Befragung in die Landschaft gesetzt wurde, bei dessen Flutung 1957 das Dorf mit Kirche und einigen Gehöften im Wasser verschwand,waren Ausgangspunkte für Verbrechen, die Pavarotti unter Mithilfe oder Behinderung von Lissie in den vorherigen Bänden aufklären musste.

Der Mord im neuesten Krimi der Reihe geht zurück auf Ereignisse nach Ende des II. Weltkriegs, als hochrangige Nazis und Kollaborateure über Meran mit Unterstützung hauptsächlich der katholischen Kirche auf der „Rattenlinie“ nach Südamerika flohen, um sich einer Verurteilung zu entziehen.

Eines dieser Ereignisse führt zu einem Doppelmord an einem deutschen Ehepaar in Meran – und das ist der Startpunkt dieses Kriminalromans. Ermittlungen führen Pavarotti ins Rhein-Main-Gebiet, in dem das Ehepaar wohnte. Dort trifft der Commissario auch wieder auf Lissie, die die Ermordete kannte. Die Tote war eine Schriftstellerin, die über Merans Vergangenheit recherchierte. Anlass für Lissie, sich auch wieder in Pavarottis Ermittlungen einzumischen.

Wer nun gemordet hat und die Suche nach dem Motiv erscheint dann nur noch nebensächlich. Letztlich geht es um Pavarotti und Lissie und entwickelt sich mehr zum Beziehungsdrama denn zu einem spannenden Kriminalroman.

In Erinnerung bleibt die Geschichte der „Rattenlinie“. Ähnlich wie in den vorangegangenen Bänden der Reihe ist der Ausflug in die Vergangenheit das nachhaltig Prägende. Wenn Elisabeth Florin weitere Ereignisse aus fast vergessenen Zeiten entdecken und in ihre Romane einbeziehen kann, wäre das erfreulich. Auf weiteres Geplänkel zwischen Lissie und Pavarotti kann verzichtet werden.

— O —

Elisabeth Florin: Commissario Pavarotti kam nie nach Rom, erschienen 2018 im Emons-Verlag

Vorhergehende Bände der „Pavarotti-Reihe“:

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Martin Schüllers 111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt

20181008_174939-1Dies ist ein Buch für erfolglose Krimiautoren. Bei der Lektüre können sie sich selbst bemitleiden. Sie haben alles richtig gemacht, Lektor und Agent (so es diese gegeben hat), Verlag und Buchhandel den Erfolg verhindert. Leser haben vom Buch kaum erfahren und wenn, dann urteilen sie mit weniger als fünf Sternen. Blogger posten nicht mal eine Rezi.

Dieses Buch ist ein Buch für Krimileser, die endlich verstehen, warum Nesbø und Co erfolgreich Krimis schreiben und das arme Hascherl, das einem Verlag Geld zahlen muss, damit sein Werk erscheint, nicht.

Dies ist ein Buch eines Krimiautors, den ich zwar nicht kenne, der nach zehn veröffentlichten Kriminalromanen bei einem rennomierten Verlag offenbar dessen Vertrauen genießt, dass mit diesem Buch Geld zu verdienen ist.

Ich vertraue dem erfolgreichen Autor, dass er als Insider gute Tipps und Tricks verrät. Ich bin übrigens ein Krimileser, der nie einen Krimi schreiben wird, weil…..

…… Plot ausarbeiten, Spannungsbogen entwickeln, Recherchen betreiben, Termin einhalten und 107 weitere Tipps und Tricks berücksichtigen, damit aus einer Idee ein guter Krimi wird, das ist zuviel Anstrengung für mich. (Frei nach Thomas Alva Edison: (Krimiautor-) Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.) Und eine Garantie, dass bei Berücksichtigung dieser 111 Punkte ein mit diesem Wissen geschriebener Krimi zum Erfolg wird, gibt der Autor nicht.

Auch wird nicht jeder Tipp und Trick wird potenziellen Krimischreiber helfen, so zum Beispiel die Aufzählung der Behörden, die sich mit der Polizei um Recht und Ordnung kümmern. Zudem bieten einige Stichworte nur oberflächliche Information (Alkohol, Warum). Andere Tipps sind nur schwerlich zu verstehen. Sie erfüllen vermutlich den Zweck, potenzielle Krimiautoren abzuschrecken (Ellipse, Redundanz).

Einerseits erweckt der Autor den Eindruck, krampfhaft versucht zu haben, die Zahl „111“  zu erreichen, damit das Werk in die „111-Reihe“ des Verlags passt.

Andererseits erwähnt Martin Schüller im Vorwort, es gebe wohl mehr als 1.111 Tipps und Tricks, einen guten Krimi zu schreiben. Recht hat er!

So vermisse ich Tipps

  • ob und wann ein Prolog den Beginn eines Krimis pimpen sollte
  • zu den falschen Fährten, mit denen Leser in die Irre geführt werden können
  • zur Verwendung von Tschechows Gewehr
  • sowie „last but not least“: zu Danksagungen am Ende des Buches, mit denen nachgewiesen werden kann, dass bei Recherchen kompetente Fachleute die Glaubhaftigkeit von Fakten absichern, oder mit denen sich der Autor bei Verlag und dessen Mitarbeiter*innen angeschleimen möchte.

Die 111 Tipps sind nach Schlagwörtern in alphabetischer Reihenfolge geordnet. Vor dem lexikalischen Teil werden sie in einem Inhaltsverzeichnis  aufgelistet. So muss nicht von „Angst“ bis „Zufall“ alles der Reihe nach gelesen werden sondern nach Belieben und Interesse. Jeder Tipp oder Trick wird auf einer Seite beschrieben, auf der jeweils gegenüberliegenden wird mit einem Foto und meist mit einem erklärenden Satz Bezug auf den Text genommen.

Eine unterhaltsame Lektüre, lehrreich oder amüsant, verprellend oder faszinierend für ….(s.o.)…..

— O —

Erschienen im Emons Verlag, 2018

 

 

 

 

 

 

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