Franziska Franke: SHERLOCK HOLMES und das Orakel der Runen

Wie und wo hat Sherlock Holmes in der Zeit nach seinem angeblichen Tod an den Schweizer Reichbachfällen bis zu seinem neuerlichen Auftauchen gelebt, was hat er in dieser Zeit bis zu seiner „Wiederauferstehung“ durch Arthur Conan Doyle getrieben?

Einen glaubwürdigen Aufschluss darüber geben die Aufzeichnungen des englischen Buchhändlers David Tristam, die vor einiger Zeit beim Entrümpeln eines Dachbodens in Florenz gefunden wurden.

Im vorliegenden 11. Band dieser Funde stellt Franziska Franke Sherlock Holmes‘ Reise nach Norwegen vor, bei der er das Verschwinden einer Stabkirche aufklären soll. Begleitet wird er von David Tristam, der ihn dabei unterstützt und als Chronist der Ereignisse den Part übernimmt, der bei Arthur Conan Doyle Dr. John H. Watson vorbehalten ist.

So reisen die beiden Engländer – wobei Sherlock Holmes zu jener Zeit unter dem Decknamen Sven Sigerson als Amerikaner mit norwegischen Wurzeln auftritt – per Postschiff zunächst in die alte Hansestadt Bergen, von dort mit ihrem kirchlichen Auftraggeber aus dem Bistum Nidaros mit kleineren Schiffen durch immer kleiner werdende Fjorde in die Provinz Trondheim, in der in einer spärlich besiedelten Gegend die Kirche verschwunden ist.

Mysteriös ist nicht nur das Verschwinden der Holzkirche sondern auch eine darin befindliche, bisher nicht gedeutete Runeninschrift. Weder der Pastor, zu dessen Sprengel die Kirche gehörte, noch ein Dorfschullehrer, der sich recht gut mit der Runenschrift auskennt, können den Inhalt übersetzen, von dem Sherlock annimmt, dass er etwas mit dem Verschwinden der Stabkirche zu tun haben könnte. Auch eine eine beschwerliche Wanderung, noch weiter weg von den kleinen Siedlungen zu einer alten Frau, die sich mit Mystizismen auskennt und mit einem Runenorakel die Seele Sherlocks ergründen will – sehr zum Unwillen des Ermittlers – bringt keine Aufklärung, lediglich einen weiteren Tipp, wer mit dem Verschwinden der Kirche in Verbindung stehen könnte. So taucht der Gedanke auf, Anhänger heidnischer Götter könnten dafür verantwortlich sein.

Sherlock Holmes löst auch diesen Fall, der jedoch im Laufe der Ermittlungen nahezu in den Hintergrund gerät, da der Pfarrer vom Turm seiner Hauptkirche stürzt. Mord oder Suizid, das ist die Frage, ebenso die nach einer möglichen Verknüpfung des ungewöhnlichen Todesfalls mit dem Verschwinden der Kirche. Als dann noch das Archiv der Pfarre in Brand gerät und der Auftraggeber der beiden Ermittler mit einem Kopfschuss tot aufgefunden wird, hat der Chronist David Tristam erhebliche Schwierigkeiten, Erklärungen für irgendeines der Ereignisse zu finden. Sherlock Holmes dagegen läuft zur Hochform auf, verschwindet ein ums andere Mal zu Alleingängen. Und siehe da, dank seiner unermesslichen Intelligenz löst er Knoten um Knoten, dröselt Verzwicktes und Verwobenes auf. Und es ist so oft wie im wahren Leben ….. – aber das sollte in diesem Fall selbst erlesen werden.

Franziska Frankes Sherlock Holmes gibt sich große Mühe, in der Welt recht zurückhaltender und dem Meisterdetektiv gegenüber äußerst skeptischer Bewohner der abgelegenen Gegend, die Hinweise zu erkennen, die dazu führen, die verschiedenen Verbrechen aufzuklären. Ohne Rücksicht auf die Unbequemlichkeiten und Strapazen beim Reisen auf schwankenden Schiffen, ungefederten Karren oder dünnsohligem Schuhwerk auf steinigen Wegen. Der Geist Artur Conan Doyles schwebt über diesem Pastiche, hat die Autorin zu einer interessanten Handlung inspiriert, die dem genialen Helden an Spannung und Erzählweise gerecht wird. Sherlock Holmes wird diese Reise nicht vergessen, wurde er doch mit einem handgefertigten Utensil in norwegischer Tradition von der Frau ausgestattet, die für einige Ereignisse dieser Geschichte mit verantwortlich ist.

Fazit: Ein Sherlock Holmes in guter Verfassung nach seinem scheinbaren Tod an den Reichenbachfällen. Ein Chronist, der zuweilen an den Alleingängen des Meisters und schaukeligen Schiffspassagen verzweifelt. Täter, Opfer und Unbeteiligte mit schwierig zu durchschauendem Charakter. Ein Norwegen, wie es sich zu jener Zeit gezeigt hat, gut recherchiert und belegt von der Autorin. Dazu die Spannung und Vorgehensweise, die ein Sherlockianer von seinem Helden erwartet und für neugierige Krimifans, die zu intensiverer Beschäftigung mit dem Werk Arthur Conan Doyles sowie den Romanen und Geschichten seiner „Pastichecheure“, insbesondere Franziska Franke, führen können.

Franziska Franke: Sherlock Holmes und das Orakel der Runen, erschienen bei KBV (2021)

– – – O – – –

Mehr über Franziska Franke auf der Website der Autorin: https://krimiautorin-franziska-franke.de/

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Ein seltsamer „Maigret“! – – Georges Simenon: Maigret und die Affäre Saint-Fiacre

Während der Frühmesse zu Allerseelen wird in der Kirche von Saint-Fiacre ein Verbrechen geschehen.“.

Das Schreiben war bei der Polizei in der benachbarten Stadt eingegangen, von dort wurde es an die Direktion der Pariser Polizei gesandt, wo es schließlich auf Maigrets Schreibtisch landete.

Eine vage Nachricht, von niemanden ernst genommen. Dennoch entscheidet sich Maigret zu Allerseelen in das genannte Dorf zu fahren und die Geschehnisse bei der Frühmesse zu beobachten.

Ob es die Neugier ist , die den Kommissar dorthin treibt, oder die Verbundenheit zu Saint-Fiacre, wo er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte, der Ort im dem sein Vater Schlossverwalter war, es bleibt ungeklärt.

Zur Frühmesse trifft er auf eine alte Bekannte. Es ist die Gräfin, die er als Kind bewunderte. Nun ist sie in den 60ern, die Schönheit ist verblasst. Und Maigret erlebt, dass die Dame nach der Messe mit ihrem Messbuch in den Händen ihren Betstuhl nicht mehr lebend verlässt.

Kein Blut ist vergossen, keine Wunde zu sehen und der hinzugezogene Arzt erklärt, dass die schwer herzkranke Frau eines natürlichen Tods gestorben sei.

In Kenntnis der Ankündigung eines Verbrechens zweifelt Maigret den Befund an und findet im Messbuch der Toten schließlich ein Indiz, das offensichtlich den Tod verursacht hat. Aber wer hatte es der Gräfin in der Absicht, dass dieses den Tod herbeiführt, dort hinein lanciert? Der junge Liebhaber der Gräfin, der als ihr Privatsekretär Einblicke in das schwindende Vermögen hat und möglicherweise für den Ruin verantwortlich ist? Oder der nichtsnutzige junge Graf, der seine Mutter gerade um 40.000 Franc anbetteln wollte, um einen fälligen Kredit zu tilgen? Dann sind da auch noch der derzeitige Verwalter und dessen Sohn, letzterer ein ehemaliger Geliebter der Toten. Zudem verhält sich der Priester eigenartig.

Maigret stellt fest, dass sich vieles verändert hat, seit er vor vielen Jahren von Saint-Fiacre nach Paris zog, seit ein neuer Verwalter in sein Elternhaus einzog. Immer wieder erinnert sich der Kommissar an seine Kindheit, sein Leben im einfachen Verwalterhaus, das jetzt aufs Feinste herausgeputzt ist, während das Vermögen der Schlossherrin dramatisch geschrumpft ist.

Das Schloss – soviel steht fest – steht vor dem Ruin, aber was ist nun das eigentliche Verbrechen?

Und mit dieser Frage und dem weiteren Verhalten Maigrets beginnt in diesem Roman spätestens jetzt ein seltsamer Ablauf der Handlung: Maigret zieht sich in die passive Rolle des Beobachters zurück und verfolgt aus dieser Perspektive die Entlarvung des Verbrechens.

Für die Aufklärung sorgt der junge Graf der Arzt, Priester, Schlossverwalter und Sohn, den letzten Liebhaber der Gräfin nebst dessen Anwalt zu einem Abendessen einlädt, an dem auch Maigret teilnimmt.

Der junge Graf prophezeit, dass der Mörder Mitternacht nicht mehr erleben werde, und legt einen Revolver auf den Tisch. Während des Essens spricht er über die Motive, die der eine oder andere Gast hatte, die Gräfin zu ermorden – und dann greift eine dieser Personen zum Revolver und schießt ……..

Damit ist das Verbrechen aufgeklärt und der Verbrecher enttarnt, auch wenn er versucht hat, seine Tat einem anderen anzuhängen.

Wie bereits genannt, ein seltsamer und ungewöhnlicher Maigret-Band, weil:

  • Maigret das Verbrechen letztlich nicht aufklärt bzw. es von einer anderen Person aufklären lässt,
  • nicht aufgeklärt wird, von wem das Indiz im Messbuch stammt, das zum Tod der Gräfin geführt hat,
  • Maigret immer wieder in seine Kindheit und Erlebnisse aus jener Zeit abtaucht, der Roman quasi auf zwei zeitlichen Ebenen abläuft, einerseits Parallelen, andererseits die Unterschiede zwischen dem Damals und dem Jetzt aufzeigt,
  • es vermutlich der an Spannung ärmste Fall dieser Reihe ist.

Trotzdem:

  • ein lesenswertes Büchlein, interessant durch die Rolle, die Maigret hierin spielt.

— O —

Georges Simenon: Maigret und die Affäre von Saint-Fiacre, Übersetzung: Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung, erschienen im Kampa Verlag 2021.

Titel der Originalausgabe von 1932: L’affaire Saint-Fiacre, erstmals in deutscher Übersetzung erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (1958)

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Simon Beckett: Die Verlorenen

Mit Jonah Colley von der Londoner Polizei startet Simon Beckett eine neue Thriller-Reihe, nachdem die Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter nach einigen außergewöhnlichen Bänden wie „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ doch immer flacher und vorhersehbarer wurde.

Um es vorweg zu sagen: Simon Beckett kann wieder Thriller.

Der erste Band der neuen Reihe mit dem Mitglied einer bewaffneten Spezialeinheit verfügt über die spannenden Elemente, die wir von den ersten Hunter-Thrillern kennen. Colley ist ein geschundener Charakter, nachdem er seinen Sohn Theo zehn Jahre zuvor verloren hat. Es war Colleys Schuld, dass der Junge vom Spielplatz verschwand. Die Gewissheit, dass sein Sohn um Leben gekommen ist, war einerseits da, andererseits suchte der Vater stets nach dem Mann, der offensichtlich zur gleichen Zeit wie Theo den Spielplatz verließ. Ehe kaputt, Kontakt mit dem besten Freund Gavin abgebrochen, Ablenkung suchend im neuen Job in der Spezialeinheit – das ist die Situation, in der sich Jonah Colley befindet, als Gavin nach dieser langen Zeit Kontakt zu ihm sucht, ihm bei einem Treffen Neuigkeiten nachts an einem verlassenen Kai einer herunter gekommenden Hafengegend mitteilen will.

Dort eingetroffen, findet Colley mehrere Leichen vor, darunter seinen ehemaligen Freund. Er selbst wird übel zugerichtet, allerdings gerettet, da er noch einen Notruf absetzen kann.

Damit beginnt im Thriller ein Spannungsbogen, der geprägt ist vom Chaos, in das Colley gerät. Er wird von Kollegen verhört, gerät in Verdacht, den ehemaligen Freund ermordet zu haben, wird gar verhaftet. Parallel dazu taucht der Mann vom Spielplatz wieder auf, von dem Colley annimmt, dass er für das Verschwinden Theos verantwortlich ist. Und offensichtlich besteht zwischen Gavin und dem Mann eine Verbindung. Richtig turbulent wird die Story, als sich herausstellt, dass Gavin wohl keine reine Weste hat, gar suspendiert wurde.

Colley muss ein weiteres Mal leiden, doch dabei wird klar, was für ein übles Spiel mit ihm getrieben wird. Zum Schluss kauft er sich einen alten Schrottkahn, den er wieder flott machen will und als Behausung umbauen möchte. Von dort wird er dann vermutlich im nächsten Jahr zu einem neuen Thriller der nach ihm benannten neuen Reihe aufbrechen.

Fazit: Spannend mit einigen überraschenden Wendungen und falschen Fährten, aber am Ende doch so wie in der Hunter-Reihe: Das Böse befindet sich im Umfeld des Protagonisten – wobei in dieser Besprechung die Umgebung Colleys nur teilweise angesprochen wird.

– – – O – – –

Simon Beckett: Die Verlorenen, übersetzt von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld, erschienen bei Wunderlich (2021)

Originaltitel: The Lost (GB, 2021)

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Eine weitere Sinfonie in Farben und Düften: JEAN-LUC BANNALEC: BRETONISCHE IDYLLE

Zum zehnten Mal brilliert in Bannalecs Bretagne-Krimis die westfranzösische Region mit Hunderten von Farben und deren Nuancen sowie nahezu ebensoviel Düften – in diesem Fall auf der Belle-Île, die laut Inspector Riwal so vielfältig wie ein ganzer Kontinent ist. Der Inselbewohner und Schäfer Patric Provost ist auf dem Festland ermordet worden und so fahren der unter Thalassophobie leidende Kommissar Dupin und sein Team per Schnellboot auf die Insel, um nach Motiv und Mörder des Geizkragens und Kotzbrockens zu suchen.

Während Riwal mit seiner unerschöpflichen bretonischen Erzählkunst die Geschichte der Inselbewohner, die Topographie der Insel und alles, was sie ausstrahlt, seinen Chef nervt, kommt heraus, dass der Tote mit jedem, der mit ihm zu tun hatte Streit hatte oder zumindest in Unfrieden mit ihm gelebt hat.

Keiner wäre zu Lebzeiten Provots betrübt gewesen, wenn dieser Unsympath, von dem so viele abhängig waren, ins Gras gebissen hätte, ein echten Motiv für den Mord fehlt dennoch. Zudem haben alle, die ansatzweise ein Motiv hätten, ein Alibi. Auch ist es für Dupin und Team nicht einfach, sich durch das Beziehungsgeflecht der Inselbewohner, die zumeist in gleichen Vereinen Mitglied sind, aus verschwägerten Familien stammen und auch sonst miteinander verbandelt erscheinen, hindurch zu wuseln.

Letztlich gelingt es dem pfiffigen Kommissar zu erkennen, was gespielt wurde und zum Tod des verhassten Schäfers führte.

So kommen Dupin mit seinen Ermittlern rechtzeitig zur großen Jubiläumsfeier zum Zehnjährigen Dupins in der Bretagne. Eine Abend in Saus und Braus, hauptsächlich von der cleveren Assistentin Nolwenn organisiert, wobei mit „Saus und Braus“ das ausschweifende Essen und Trinken gemeint ist, das in der umfangreichen Menüfolge präzise dokumentiert wird.

Nun denn: Abgesehen von einem spannenden Krimi wird hier ein weiteres Mal kräftig Werbung für einen Teil der Bretagne gemacht, für die Belle-Île. Dabei wird nicht nur die Schönheit der Insel angesprochen, sondern auch deren wechselhafte Geschichte und die ihrer Bewohner. Eine Geschichte, die bewirkt, dass sich die alteingesessenen Acadiens noch immer zusammen stehen.Neben den in dieser Dupin-Reihe üblichen, teils ironischen Anspielungen auf das alles überragende Bretonische und die keltische Vergangenheit enthält der „Regionalpart“ dieses Krimis somit interessante, lesenswerte Passagen.

Zu vermuten ist, dass zur Hauptsaison die Übernachtungsmöglichkeiten der schönen Insel noch schneller ausgeschöpft sein werden. Aber dafür werden die Acadiens auch eine Lösung finden. Platz für ein paar großzügige Hotelanlagen ist vorhanden. Es lebe die Idylle der Belle-Île.

– – – O – – –

Jean-Luc Bannalec: BRETONISCHE IDYLLE – Kommissar Dupins zehnter Fall, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (2021)

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LOUISE PENNY: UNTER DEM AHORN – Der achte Fall für Gamache

Tief in den Wäldern der kanadischen Provinz Québec liegt das Kloster des Mönchsordens der Gilbertiner. Ein Orden, der bis vor Kurzem als nicht mehr existierend galt. Heimlich hatten sich deren Mönche vor Hunderten von Jahren der Inquisition entzogen, waren als Auswanderer nach Kanada gekommen und sich dort versteckt angesiedelt. Aufmerksam wurde die Welt erst wieder auf sie, als auf einer CD herrlich – sozusagen göttlich – gesungene alte gregorianische Choräle von ihnen auftauchten. Nun wird der Leiter der Mordkommission der Súreté du Québec, Armand Gamache, in das Kloster gerufen, denn dort wurde der Prior und höchst angesehene Chorleiter ermordet unter einem Ahornbaum im Garten des Abts aufgefunden.

Eine typische Looked-Room-Situation. Dennoch gestalten sich die Ermittlungen für Gamache und seinen mitgereisten Inspector Beauvoir als schwierig, denn die Mönche sind an ein Schweigegelübte gebunden und zunächst nicht gerade redselig. Außerdem ist das Verhältnis der Mönche nicht so harmonisch wie ihr Gesang der Choräle. Es gibt zwei Lager: das des Abts und die Anhänger des ermordeten Chorleiters. Das erkennen Gamache und Beauvoir recht schnell, während sie sich dem Tagesablauf und den Regeln des Klosters anpassen. Dass der Mord in irgendeiner Form mit den Chorälen zusammenhängt, merken die Ermittler ebenso. Zahlreiche Gespräche mit den Mönchen und ihrem Abt folgen. Es geht dabei nicht nur um den Mord, sondern auch um Glauben, Moral, Ethik, die Schönheit der gregorianischen Choräle und den herrlichen Stimmen ihrer Sänger, die Geschichte der Gilbertiner und vieles mehr.

Das alles – wie es sich im Kloster gehört – ohne Hektik, zudem ohne besondere Spannung– wie es sich für einen Krimi nicht üblich ist. Mit einem Wort: Beim Lesen stellt sich Langweile ein.

Durch einen Kniff versucht Louise Penny, den für Krimileser üblen Makel abzuwenden: Superintendent Sylvain Francoeur, Gamaches Vorgesetzter erscheint im Kloster. Beide verbindet, dass sie sich nicht leiden können. Zunächst rätselt Gamache, was sein Vorgesetzter mit dem Besuch beabsichtigt. Doch Francoeur will es gar nicht verheimlichen. Er sucht nach Mitteln und Wegen, Gamache aus der Truppe zu werfen, versucht sich dabei Beauvoir zu bedienen, indem er einen alten Fall (Heimliche Fährten) wieder aufrollt, der fürchterlich schief gegangen ist, bei dem vier Agents von Terroristen erschossen und Beauvoir selbst schwer verletzt wurde. Die Leitung der Aktion hatte Gamache. Mit dem üblen, intriganten Spiel Francoeurs kommt die Action und Spannung auf, die in dem roten Faden der Mordermittlungen vermisst wird. Als dann auch noch ein Gesandter aus dem Vatikan auftaucht, gerät die Suche nach dem Mörder des Chorleiters fast gänzlich aus dem Focus des Lesers. Aber wie es so ist, letztlich fügt sich einiges zusammen, Francoeur und sein Part bleibt allerdings ein Fremdkörper in dieser Story, wenn man davon absieht, dass sein Verhalten dazu führt, dass Beauvoir sich offiziell als Liebhaber von Gamaches Tochter outet, aber hinter dieses, für das Pärchen und auch für Gamache erfreuliche Verhältnis, war der clevere Chief Inspector sowieso schon gekommen.

Schließlich wird der Mörder identifiziert, wobei es für aufmerksam Lesende keine Überraschung bedeutet. Und wenn keine weiteren Mönche gestorben sind oder sie stimmlich geeignete Nachfolger finden, werde sie weiter mit dem Segen der katholischen Kirche ihre gregorianischen Choräle im Kloster tief in den Wäldern der Provinz Quebec singen können. Die Inquisition ist für die Gilbertiner Geschichte.

Stimmig ist der Gesang der Mönche, die Story ist es nicht. Sollen es die Zerwürfnisse in unterschiedlichen Organisationen – Kloster, Polizei – sein, in denen üblicherweise Loyalität ein hohes Gut ist, die hier gegenübergestellt werden. Es ist nicht meine Intention, über Interpretationsmöglichkeiten zu spekulieren. Mit Louise Penny verbinde ich Three Pines, ihre Bewohner mit den unterschiedlichen Charakteren, deren Schrulligkeit, dem kleinen Hickhack und Eifersüchteleien untereinander, sowie einen Gamache, der mit Intellekt und Empathie ein Teil davon ist.

Möge Louise Penny zu einem derartigen Setting zurückkehren, dann werde ich ihr gern weiter folgen.

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Louise Penny: Unter dem Ahorn, DER ACHTE FALL FÜR GAMACHE

Übersetzung: Sepp Leeb, erschienen im Kampa Verlag

Originaltitel: The Beautiful Mystery (USA, 2012)

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Eine weitere Meinung von Maike Claußnitzer zum Buch auf dem Blog Ardeija: hier

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James von Leyden: Die Vermissten von Tanger

Vorwort: Dies ist eine stellenweise arg konstruierte Story, jedoch ist sie es wert, erzählt und vor allem auch gelesen zu werden. Denn sie handelt von Flüchtlingen aus Ländern südlich der Sahara, die in Marokko versuchen, nach Europa zu gelangen. Mit dieser Geschichte ist das Verhalten der EU verknüpft, die afrikanische Anrainerstaaten des Mittelmeers mit Geld „unterstützen“, um den Strom der Subsahara-Afrikaner nach Europa zu stoppen. Aus den Medien kennen wir die Ereignisse am Grenzzaun bei Ceuta von der spanischen Seite. Darüber hinaus gibt es andere Methoden, afrikanische Migranten von Europa fernzuhalten. Eine besonders verachtenswerte, perfide Praktik stellt die Basis zu diesem Krimi dar.

Die Story: Bei der Ermittlung gegen chinesische Schmuggler gefälschter Medikamente verschwindet der Sonderermittler Abdou im Containerhafen von Tanger. Sein Kollege, Karim Belkacem, macht sich auf die Suche nach seinem Freund, kommt dabei auf seltsame Vorgänge mit Kriminellen und Polizisten vor Ort, bei denen Karim nicht sicher ist, ob sie mehr den Kriminellen dienen als dem Gesetz. Hilfe bekommt er von einem zwielichtigen Alten, von dem er auch nicht weiß, ob der nicht nur ihm, sondern auch anderen als Informant dient. Und letztlich kommt ihm auch noch seine Adoptivschwesterschwester zu Hilfe, die sich auf einer Polizeiakademie in der Ausbildung befindet. Auf der anderen Seite lernt Karim Josef kennen, einen Flüchtenden aus der Subsaharazone, dessen Ziel Europa ist.

Karim erlebt die marokkanische Seite des Grenzzauns zu Ceuta mit einer Aktion der marokkanischen Polizei, gemäß den Abmachungen mit der EU, die Flucht über den Zaun zu stoppen. Es sind grausame Bilder, die sich beim Lesen im Hirn des Lesers festsetzen, genau wie die Bilder, auf die zunächst Abdou bei seinen Ermittlungen gestoßen ist und dann auch Karim erleben muss.

Ein marokkanisches Sprichwort, beschreibt das Bemühen Karims trefflich, das Verschwinden seines Kollegen zu klären: „Suche nie nach Dattel auf einem Olivenbaum“. Bis allerdings die Oliven gefunden und Karim die „Ernte“ einfahren kann, dauert es.

Zurück bleibt eine nahezu unglaubliche Geschichte, die alles überbietet, was wir bisher vom Leid derjenigen kennen, die ihr Heil in der Flucht und in Europa suchen. Nimmt man den Inhalt als Fakten, so ist es James von Leyden gelungen, ein bedrückendes Bild von den Versuchen zu zeigen, die Flucht über das Mittelmeer zu verhindern.

– – – O – – –

James von Leyden: Die Vermissten von Tanger. Erschienen bei Heyne (2021), übersetzt von Jens Plassmann

Originaltitel: Last Boat from Tangier (GB, 2020)

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Vom Leben und Schlafen eines Todesbeschleunigers. TAHAR BEN JELLOUN: SCHLAFLOS

Schlaflos ist ein origineller Roman – und da in ihm gemordet wird, ist er vom Verlag als Kriminalroman ausgelobt worden. Das ist auch gut so. Krimifans finden hier etwas Neues und können sich mit der Frage beschäftigen, ob man mit gutem Gewissen töten kann. Denn das gelingt dem Killer, der sich nicht als solcher sondern als „Todesbeschleuniger“ sieht.

Wer ist der Todesbeschleuniger? Ein Drehbuchautor, der hier überwiegend in Marokko agiert und ein großes Problem hat: Schlaflosigkeit. Nur wenn er jemanden getötet hat, kann er einige Zeit gut schlafen. Er erkennt dieses Phänomen, nachdem er seine todkranke Mutter mit einem Kissen erstickt hat. Aber es dauert nicht lange und die Schlaflosigkeit ist zurück.

Da hilft nur eins: weiter „Schlafkreditpunkte“ sammeln, indem er zunächst das Ableben kranker Zeitgenossen beschleunigt. Dabei kann die Phase guten Schlafes nach einem Gnadenakt verlängert werden, je böser und oder krimineller das Opfer ist. So kommt es, dass sich der Protagonist spezialisiert, auf einen Henker, auf einen reichen Banker, der sein Vermögen auf brutale Weise erworben hat, und andere üble Gestalten.

Damit wird der Todesbeschleuniger auf der Suche nach Schlaf jemand, der Böses in Marokko auslöscht. Eine Moral ohne Moral.

Ob Tahar Ben Jelloun ein Zeichen setzen will, indem Schlaflos durch das Töten von Bösewichten eine politische Wende nimmt – wie Estelle Surbranche es im Nachwort formuliert -, kann jeder Leser für sich entscheiden. Klar ist jedoch, dass das Buch vor schwarzen Humor strotzt und eine Geschichte erzählt, die neu für mich ist und auch für die meisten Leser sein wird.

Eine gelungene Abwechselung zu den Standardschemata üblicher Kriminalliteratur und daher eine erfrischende Lektüre, lesenswert.

– – – O – – –

Tahar Ben Jelloun: Schlaflos, erschienen im Polar Verlag (2021), übersetzt von Christiane Kaiser, herausgegeben von Wolfgang Franßen

Originaltitel: L’insomniaque (Frankreich, 2019)

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Heißes Pflaster Berlin: JOHANNES GROSCHUPF – BERLIN HEAT

Eigentlich ist Tom ein Multitalent: Vermietet Wohnungen an Touris in Berlin, liefert bei Bedarf auch Gras, Koks, Speed und Zauberpilze. Nur beim Wetten läuft’s nicht so und er hat einen Haufen Schulden beim Chef des Hauses.
Und dann war auch noch Corona, aber das ist jetzt vorbei, fünf Wochen vor der Bundestagswahl. Steigende Chancen, mal wieder an Touristen zu verdienen. Aber egal ob Corona oder nicht, es geht um „Kreditrückführung“ und ein Dilemma, das aus der Forderung danach entsteht. Da kommt die Nachfrage von zwei zwielichtigen Typen nach einer ruhigen Wohnung gerade richtig.

Und wie die Typen so auftreten, ergibt sich eine skurrile Story draus, die Tom zwischen Geldeintreibern, Entführern und Marla, mit der er es zwischendurch mal in der Kabine eines Baukrans treibt, durchlebt. Dann ist da auch noch Toms Vater, ein Mann mit Stasivergangenheit – oder nicht? – und einer alten Wumme, griffbereit.

Ganz so einfach, wie Leser anfangs vermuten können, läuft die Geschichte nicht ab. Sie entwickelt sich dynamisch, aber mit unverhofften Wendungen mit viel Milieu und Meinungen aus der beschriebenen Szene. Oft in strotzenden Klischees erzählt, aber das kommt hier an, weil es die Denke von Tom und den anderen Agierenden sowohl karikiert, als auch immer wieder ein Stück Realität in speziellen Ecken der Gesellschaft zeigt. Ein Widerspruch, den Johannes Groschupf so aufdröselt, dass er zeitweise zum Schmunzeln anregt.

So endet es nach derben Szenen, die Tom letztlich zwingen, vom E39 aufs Fahrrad umzusteigen. Ein Thriller, angenehm abseits von der Mehrzahl dessen, was in diesem Genre angeboten wird, in frisch-frechem Style.

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Johannes Groschupf: Berlin Heat

Herausgegeben von Thomas Wörtche, erschienen im Suhrkamp Verlag (20121)

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Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Zunächst hatte dieser Fall nichtssagend (auf Maigret) gewirkt. Ein Mann, allem Anschein nach ein braver Kleinbürger, war in einem Hotelzimmer von einem Unbekannten getötet worden. Aber jede neu hinzukommende Information machte die Angelegenheit komplizierter, statt sie zu vereinfachen.

Eine lästige Pflicht für Maigret. Kollegen sind im Urlaub oder mit anderen wichtigen Aufgaben betraut. So bleibt es am dienstältesten Kommissar, der Maigret am Quai des Orfèvres zu diesem Zeitpunkt unglücklicherweise ist, hängen, sich an einem heißen Sommertag nach Saint-Fargeau aufzumachen, um Madame Gallet über den unnatürlichen Tod ihres werten Gatten in einem Hotel in Sancerre an der Loire zu informieren. Total verschwitzt nach einer Bummelzug-Fahrt und einem beschwerlichen Fußmarsch vom Bahnhof zur entfernt liegenden Villa der Gallets kommt er dort an, überbringt der Dame des Hauses die schreckliche Nachricht. Doch Madame Gallet ist nicht sonderlich gerührt, wähnt sie ihren Mann doch in Rouen, wo er seinen Geschäften als Handelsvertreter nachgehen wollte. Zudem hat sie ein Postkarte ihm aus Rouen erhalten, abgeschickt an dem Tag, als der Mord in Sancerre passiert ist.

Ein mysteriöser Fall für Maigret, der bald erkennt, dass Monsieur Gallet ein Doppelleben geführt hat. Zwar wird schnell bekannt, was der Tote während der letzten Jahre in Wirklichkeit getrieben hat, doch das Motiv bleibt dem Kommissar lange Zeit verborgen und somit auch der Mörder.

Aber wer Maigret kennt, weiß, dass dem Kommissar nichts verborgen bleibt. Nach einigen körperlich anstrengenden Klettereien und der genauen Untersuchung des Schusswinkels gelangt Maigret zum Tatort und schließlich zum Täter.

Dieser „Maigret“ ist der erste Band der Reihe, der veröffentlicht wurde, nicht aber der erste von Simenon geschriebene. So erklären sich die unterschiedliche Reihenfolge in Listen zu Simenons 75 Maigret-Romanen und 28 Maigret-Erzählungen. Da jedoch eine strikte chronologische Reihenfolge der „Maigrets“ beim Schreiben nicht erfolgte, ist es müßig über die „richtige“ Reihenfolge zu debattieren. Ich beziehe mich bei den Besprechungen zu den Maigrets auf die Reihenfolge, wie sie in den Ausgaben des Kampa Verlags als Hardcover-Ausgaben und des Hoffmann & Campe Verlags in der Reihe „Atlantik Taschenbuch“ eingeführt wurde. Nach dieser Reihenfolge ist der vorliegende Band die Nr.2 – nach Nr.0 (Maigret im Haus der Unruhe) und Nr.1 (Maigret und Pietr der Lette).

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Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet, erschienen als Maigret – Der zweite Fall im Kampa Verlag, erschienen 2021, Übersetzung von Klausjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Mandlung

Originaltitel: Mousieur Gellet, décédé (1931)

Frühere deutsche Ausgaben sind bei Kiepenheuer & Witsch (1961) und Diogenes (1981) erschienen

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Bisher auf KrimiLese vorgestellte „Maigrets“:

Band 1: Simenon, Georges – Maigret und Pietr der Lette (Frankreich 1931, dt. Erstveröffentlichung 1935, hier: Ausgabe des Kampa Verlags, 2019)

Band 6: Simenon, Georges – Maigret und der gelbe Hund (Frankreich 1931, dt. Erstveröffentlichung 1934, hier: Ausgabe Ausgabe des Kampa Verlags, 2019)

Band 21: Simenon, Georges – Maigret im Haus des Richters (Frankreich 1942, dt. Erstveröffentlichung 1984, hier: Ausgabe der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, 2019)

Band 35: Simenon, Georges – Maigrets Memoiren (Frankreich 1951, dt. Erstveröffentlichung 1963, hier: Ausgabe der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, 2019)

Band 103: Simenon. Georges – Weihnachten bei den Maigrets (Frankreich 1951, dt. Erstveröffentlichung 1962, hier: Ausgabe des Kampa Verlags, 2018)

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Claas Buschmann: Wenn die Toten sprechen

Wenn Michael Tsokos seinem ehemaligen Schüler attestiert „Perfekte Mischung aus Unterhaltung und rechtsmedizinischer Realität – Großartiges Debüt, absolut lesenswert“, braucht eigentlich nichts mehr über Buch und Autor gesagt werden – oder doch?

Claas Buschmann hat in der Rechtsmedizin der Berliner Charité unter Michael Tsokos gearbeitet. Nun schreibt er wie sein Lehrmeister aus reichhaltigem Erfahrungsschatz seiner Arbeit, die – wir wir bereits von Tsokos wissen – sich nicht nur auf das Sezieren von Leichen beschränkt.

Wie Tsokos mit seinen True-Crime- Bänden „Schwimmen Tote immer oben?“ sowie „Sind Tote immer leichenblass?“ ?

Nicht ganz. Zum Unterschied seines Meisters erlaubt Claas Buschmann mehr Einblicke in sein Leben, seine Erfahrungen aus der Zeit als Rettungssanitäter, in das „Drumherum“ um die Leiche aus der persönlichen Sicht des Autors. Dabei erzählt Buschmann von Tatorten, Auffindesituationen und dem Umfeld von Opfer und Täter. Zudem von Erkenntnissen, die daraus gewonnen werden und die Zusammenarbeit mit den Ermittlern der Polizei und anderen Beteiligten. Das geschieht auf eine unterhaltsame Art. Über unspektakuläre, dennoch interessante Fälle wird ebenso unspektakulär berichtet und reflektiert ohne Versuche, die Erlebnisse reißerisch zu vermarkten. Und damit ergeben sich doch wieder Gemeinsamkeiten mit Michael Tsokos.

Durch die verschiedenen Blickwinkel der beiden Kollegen ist dieses Debüt jedoch als eigenständig zu bezeichnen und bereichert die True-Crime-Literatur aus der Sicht von Rechtsmedizinern.

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Claas Buschmann: Wenn die Toten sprechen, Ullstein Taschenbuch (2021)

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