Man sollte es umbenennen: GRAVESEND in Loser’s City

IMG_7560In William Boyles Kriminalroman GRAVESEND gibt es keine Winner. Es sind arme Schweine, die in diesem kleinen Stadtteil innerhalb Brooklyns agieren. Selbst der große Pate krepiert durch ein paar Kugeln. Das wahre Leben in Gravesend spielt sich allerdings einige Stufen darunter ab. In der Familie von Ray Boy Calabrese und der seines Opfers Duncan. Ray Boy hatte vor sechzehn Jahren mit seinen Kumpel den schwulen Jungen Duncan verprügelt und in den Tod gehetzt.

Jetzt ist er wieder frei. Zur Freude seines Neffen Eugene, der alles in seinem Leben hasst außer Onkel Ray Boy, den er anhimmelt. Zur Freude auch von Duncans nichtsnutzigem Bruder Conway, der den Tod von Duncan rächen und deshalb Ray Boy töten will.

Doch Ray Boy ist nicht mehr der starke Typ, der er war oder den er damals gemimt hat. Er will nur eins, sterben. So scheint er zufrieden zu sein, als Conway mit einer Pistole bei ihm auftaucht, um ihn zu erschießen. Aber Conway schafft es nicht, am Abzug zu ziehen. Ray Boy bittet und bettelt getötet zu werden, Conway versagt. Er ist nicht nur ein Feigling, er ist zudem so dumm, dass er sein Opfer entkommen lässt. Ray Boy zieht es wieder zurück zur Familie, in der nun Neffe Eugene erkennt, dass seinem Idol alles Kriminell-Heldenhafte verlorengegangen ist.

Und so leben sie alle kurze Zeit weiter in ihren verrottenden Häusern und zerbrochenen Familien. Conway mit dem kranken Vater, der den Tod seines anderen Sohnes nicht verkraftet hat. Ray Boy und Eugene sowieso am Rande der Gesellschaft. Und auch im Umfeld nur keifende Mütter, unverstandene Töchter, übelste Kneipen, nicht die geringste Lebensfreude. Nicht ein einziger Lichtblick, kein Happy End in Sicht. Und so geht die Geschichte auch aus: ein paar Tote mehr in und um Gravesend, eine Lose-Lose-Situation für jeden der Player.

Es ist eine düstere Story, die William Boyle erzählt, ein Noir, der an Tristesse kaum überboten werden kann. Ein Rächer, der nicht rächen kann, weil er zu schwach ist, und der zu Rächende, der darum bettelt, erschossen zu werden, und das Projektmanagement dazu übernimmt, trister geht es nicht.

Eine großartige, bewegende Beschreibung von der Hoffnungslosigkeit der Charaktere und deren Zerbrechen.

— O —

William Boyle, Gravesend, übersetzt von Andrea Stumpf, herausgegeben von Wolfgang Franßen, Polar Verlag (2018), ISBN 978-3-945133-55-2

Originaltitel: Gravesend (USA, 2013)

— O —

Andere Meinungen:

Der Blog der Schurken

Alexander Roth in der Waiblinger Kreiszeitung und anderen Blättern des ZVW

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Zwei Fälle für Nero Wolfe: Es klingelte an der Tür/ Zu viele Köche

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In 33 Kriminalromanen und 41 Kurzgeschichten ermittelt der Bonvivant Nero Wolfe für horrendes Honorar als Privatdetektiv. Vorwiegend sind es Mordfälle, deren Aufklärung Nero Wolfe betreibt. Sein mehrstöckiges „Old Brownstone“ mit der Orchideenzucht auf dem Dach verlässt er dazu nur äußerst selten, den Kontakt zur Welt außerhalb seines Hauses gewährenleisten hauptsächlich neben seinem wichtigsten Mitarbeiter Archie Goodwin, die Klienten und der Leiter des New Yorker Morddezernats, Inspector Cramer. Beruf und Privatleben spielen sich im  Old Brownstone ab, dort lebt und arbeitet neben Wolfe und dem „Mädchen-für -alles“-Goodwin auch deren Koch Fritz Brenner, der für ausreichendes und feines Essen sorgt. Außer seinen Fällen, den Orchideen und dem guten Essen liebt Wolfe Bier, Literatur ein schickes Auto. Frauen und Aushäusigkeit mag er nicht.

Rex Stout hat die Romane und Erzählungen zwischen 1934 und seinem Tod im Jahre 1975 geschrieben. Sie beinhalten eine Vielzahl von Statements und Kommentaren zur damaligen Politik und Verhalten der Gesellschaft – z.B. Rassentrennung und Rassenhass ( in ZU VIELE KÖCHE, im Original: Too Many Cooks von 1938) – sowie Kritik an der Führung des FBI durch Edward Hoover und die Arbeitweise der Agenten des Federal Bureau of Investigation ( in ES KLINGELTE AN DER TÜR, im Original The Doorbell Rang von 1965). Erzählt werden die Geschichten von Archie Goodwin, der nicht nur die Finanzen von Wolfe regelt, sondern auch alle Aufgaben vom Adjutant bis zum Diener für seinen Boss ausübt.

Bei Klett-Cotta sind kürzlich zwei Bände der Nero-Wolfe-Reihe erschienen. Ein dritter wird im April folgen: DER ROTE STIER (The Red Bull von 1938). Über 40 Jahre nach den ursprünglichen deutschsprachigen Ausgaben lässt der Verlag den schwergewichtigen Privatermittler wieder auferstehen. In welchem Umfang das geschieht, ist mir nicht bekannt, zumal die neu übersetzten Bände nicht in der chronologischer Reihenfolge erscheinen.

IMG_7535ES KLINGELTE AN DER TÜR ist jetzt als erster Band  erschienen, es ist der 28. der Reihe. Eine ältere Dame aus reichem Haus, Rachel Bruner, erscheint bei Nero Wolfe. Sie fühlt sich von Agenten des FBI beschattet und bittet den Ermittler, dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr vom Geheimdienst belästigt und verfolgt wird. Der Grund für die Observierung scheint damit zusammenzuhängen, dass sie 10.000 Exemplare eines Buches, das sich kritisch mit der Arbeit des FBI auseinandersetzt, an Freunde sowie hochrangige Politiker, bedeutende Geschäftsleute und andere Spitzen der Gesellschaft verschenkt hat.

Wolfe lehnt es zunächst ab, den Fall zu übernehmen, weil er keine Möglichkeit sieht, gegen Egdar Hoover und dessen zig tausendköpfigen Geheimdienst erfolgreich zu sein. Das Angebot von 100.000 $ kann er dann aber letztlich doch nicht ausschlagen, als er daran denkt, wie viel Zeit er damit hätte, um Orchideen zu züchten und sein Leben zu genießen. Dass er und seine Helfer dabei ebenfalls ins Visier des FBI gerät, kalkuliert er dabei ein, denn – das wissen Wolfe und Goodwin – „die können alles“. ALLES war im Jahre 1965 zwar weit davon entfernt, was heute möglich ist, aber die Mittel des FBI waren auch damals umfangreich und schier unerschöpflich.

Wolfe denkt, schickt Archie Goodwin in das eine oder andere Haus, spricht mit seiner Klientin, deren Familie und ihrer Sekretärin, holt sich Informationen bei einem Zeitungsmann und Inspector Cramer – und stößt auf einen Mord an einem investigativen Journalisten. Wolfe widersetzt sich dem Druck der Geheimdienstler, schlägt ihnen ein Schnippchen und zeigt damit, dass dem FBI doch nicht die Fähigkeiten eines Nero Wolfes zur Verfügung stehen.

Der Fall wird geklärt, Mrs. Bruner kann sich wieder ohne die Kletten vom FBI bewegen. Zum Schluss klingelt es an Wolfes Tür und Archie merkt an: „Na, also. Der ganz große Fisch.“ Dem Leser wird suggeriert: J. Edgar Hoover, Direktor des FBI und dessen Vorgängerorganisation, fast 50 Jahre lang, Manipulator, Dossier-Sammler und Kommunistenhasser, ungeliebt, doch nie aus seinem Amt gefeuert. Wolfe hatte dem großen Fisch und dem FBI mächtig zugesetzt, aber einen Deal mit ihm sollte es nicht geben. Die Tür vom Brownhouse bleibt geschlossen.

Das Verhältnis, das Rex Stout zum FBI und dessen Direktor hatte, war nicht ungetrübt. Dazu hat in späten Jahren des Krimi-Schreibens insbesondere dieses Buch beigetragen. In einem interessanten Nachwort beschreibt Jürgen Kaube die Beziehung.

Wenn auch ES KLINGELTE AN DER TÜR die Dynamik des körperlichen Handels fehlt – Koloss Wolfe bewegt sich mit seinen 140 kg nicht so quirlig wie es heute oftmals der Fall bei den jungen Draufgängern ist – so zeichnet diesen Roman jedoch die Dynamik des Denkens von Nero Wolfe aus. Ohne die Ablenkung durch die Hektik in den Straßen und Institutionen New Yorks kann sich der Boss konzentriert seiner Arbeit widmen . Und findet immer noch genügend Zeit für Orchideen, Bier, Literatur und exzellentes Essen. Ein herrlicher Krimi aus einer längst vergangenen Zeit.

IMG_7534ZU VIELE KÖCHE ist bereits 1938 als 5. Band der Nero-Wolfe-Reihe erschienen, der zweite Roman der Klett-Cotta Sammlung. Die Handlung ist ungewöhnlich, weil Nero Wolfe sein Haus verlässt, um mit dem Nachtzug in Begleitung von Archie Goodwin nach West Virginia zu fahren. Die Zugfahrt gefällt Wolfe überhaupt nicht, aber er unterzieht sich der Tortur, um zu einem Treffen der Les Quize Maîtres zu fahren, zu dem er von einem befreundeten Mitglied eingeladen wurde. Die Meisterköche dieser Vereinigung aus der ganzen Welt treffen sich alle fünf Jahre, tagen, speisen und wählen wenn nötig neue Mitglieder. Neid und Missgunst zwischen den Stars ist nicht ausgeschlossen, und einer von Ihnen wird von allen gehasst. Es ist Phillip Laszio, der dem einen Kollegen die Frau, einem anderen einen begabten Jungkoch ausgespannt hat und was das Schlimmste ist, er hat seinen Kollegen auch Rezepte geklaut, die er schlecht umsetzt. So kommt es, dass die meisten der Maîtres ihm den Tod wünschen. Es ist für den Leser keine Überraschung, als er tot, mit dem Messer im Rücken bei einer besonderen Verkostungssession aufgefunden wird.

Nun hatte Nero Wolfe auf seiner qualvollen Zugfahrt einen der anwesenden Meisterköche getroffen, der Laszio ebenfalls den Tod wünschte, weil dieser ihm das Rezept für die saucisse minuit gestiebitzt hatte. Wolfe hatte diese Kostbarkeit vor vielen Jahren bei seinem Mitfahrer genossen. Aber so sehr der Privatermittler auch den Meisterkoch während der Fahrt bat, das Rezept war so geheim, dass Wolfe es trotz aller Beteuerungen, es nicht weiter zu geben, nicht bekam.

Laszio ist also tot, verdächtigt und festgenommen wird zunächst der Erfinder des Originalrezepts. Nichts liegt natürlich näher, als Wolfe zu bitten, den Fall zu klären. Die Mitgereiste Tochter des Verhafteten ist von der Unschuld ihres Vaters überzeugt, Wolfe ebenfalls. Doch dieser weigert sich zunächst zu ermitteln. Er hat Bedenken, dass er den wahren Täter schnell finden kann und befürchtet, seine Rückreise zu verpassen.

Aber wie es so ist, er lässt sich breitschlagen. In der weitläufigen Anlage des Nobelhotel gibt es neben den Meisterköchen allerdings jede Menge anderer Gäste und Angestellte. Und da Wolfe bald ausschließen kann, dass einer der Meisterköche der Mörder ist, ist die Suche nach dem Motiv recht schwierig.

Doch der geniale Detektiv findet den Weg zu ihm im Gegensatz zu den ermittelnden Behördenvertretern. Denn Wolfe gelingt es, das Vertrauen der farbigen Angestellten zu gewinnen und ihr Verhalten zu verstehen, das geprägt ist von ihren schlechten Erfahrungen im Umgang mit den Weißen. So sieht es damals aus: „Herrenrasse auf der einen Seite, Neger auf der anderen.“ Da hält man auf Seiten der Geknechteten, der Nichtgeachteten den Mund, auch wenn man etwas gesehen hat. Rassentrennung und Rassenhass wird hier so differenziert beschrieben, dass die Handlung um den Mord und dessen Aufklärung zeitweise in den Hintergrund gedrängt wird.

Tobias Gohlis hat dieses Phänomen in einem Nachwort ausführlich beschrieben und analysiert, dabei auf die Intention Stouts hingewiesen. So erhält der Roman mit den Befindlichkeiten Wolfes und den Allüren der Maîtres durch die Schilderung der Schwarz-Weiß-Gegensätzen und -Ressentiments in der damaligen Gesellschaft eine Wendung vom Krimi zum gesellschaftspolitischen Statement von Rex Stout.

Und als Leser empfinde ich dabei: 80 Jahre danach hat sich die Welt noch gar nicht so sehr verändert. Die Maîtres sind nach wie vor abgehoben, Gegensätze von Schwarz und Weiß – egal wie man „Schwarz“ heute definiert – bestehen weiterhin.

Lesenswert inklusive Nachwort. Ach übrigens: Das Rezept für die saucisse minuit gelangte dann doch in die Hände von Nero Wolfe, als Honorar.

— O —

Es klingelte an der Tür: neue Übersetzung von Conny Lösch

Zu viele Köche: neue Übersetzung von Simone Salitter und Gunter Blank

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Frisch auf den Tisch – Januar 2018

IMG_7556„Gerald Seymour schreibt die intelligentesten Thriller“, so stand es in der Financial Times. Seit 1975 erscheinen Spionagethriller und Kriminalromane von Seymour, auch in Deutschland. Allerdings endet vor 20 Jahren die Veröffentlichung deutscher Übersetzungen. Thomas Wörtche als Herausgeber und der Suhrkamp Taschenbuch Verlag haben den britischen Autor wieder „ausgegraben“.

Mit VAGABOND ist nun ein Thiller aus dem Jahre 2014 in der Übersetzung von Zoë Beck  und Andrea O’Brien erschienen.

Klappentext: ›Vagabond‹ ist der Deckname eines britischen Geheimagenten, der in Nordirland brutale Operationen gegen die IRA durchgeführt hat. Ausgebrannt zieht er sich für lange Jahre in die Normandie zurück und verdient seinen Lebensunterhalt als Touristenführer an den Invasionsstränden. Aber seine ehemaligen Vorgesetzten wollen ihn nicht ganz vom Haken lassen und zwingen ihn in eine MI-5-Aktion zurück: Er soll den Aufpasser für einen vom Geheimdienst erpressten Waffenhändler spielen, damit Waffenlieferungen aus Russland an die letzten, vom Friedensschluss frustrierten IRASplittergruppen unterbunden werden.
Das erzählt man Vagabond zumindest, der gute Miene zum fiesen Spiel machen muss. Zudem droht seine Vergangenheit ihn einzuholen. Aber nicht nur sein Schicksal steht auf der Kippe in einer Welt, in der das Gestern keine Ruhe gibt und die Gegenwart extrem gefährlich ist. Realpolitik nimmt wenig Rücksicht auf Menschen, das ist klar wie Salzsäure.

Erster Eindruck: Nach einem verwirrenden Prolog wird bald klar – wie Salzsäure – worum es vordergründig geht. Der Thrill ist schon vorhanden, als der Vagabond noch nichts von seiner neuen Aufgabe weiß. Es könnte schon sein, dass die Financial Times mit ihrem anfangs zitierten Statement recht hat.

Gerald Seymour: Vagabond, Suhrkamp Taschenbuch Verlag

— O —

IMG_7557Von Ann Cleves habe ich bisher nur die Vera Stanhope- Serie im Fernsehen gesehen, in der mich die toughe, zu ihren Kollegen nicht immer nette Blenda Blethyn als Vera und die markante deutsche Sychronstimme von Regina Lemnitz beeindruckt haben. DIE TOTE IM ROTEN KLEID wird allerdings in Shetland gefunden, einer Gegend, die noch dunkler als Veras Nordengland ist und die Inselbewohner noch schweigsamer als in Northumberland.

Jimmy Perez ist der Kommissar, der auf den Shetland Inseln ermittelt. Auch Perez ist bekannt aus einer Fernsehserie: „Mord auf Shetland“ und aus sechs Shetland-Krimis der Autorin. Für mich ist es allerdings der erste Krimi von Ann Cleeves in Buchform auf meinem Tisch.

Ann Cleeves: Die Tote im roten Kleid, erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, übersetzt von Stefanie Kremer

— O —

IMG_7560Es geht weiter mit dem Polar Verlag und dessen Noirs. Und das ist gut so, denn die Anzahl der Verlage, die uns Spannung in Düsternis oftmals zum Nachdenken, liefern ist überschaubar.

Hier nun GRAVESEND von William Boyle übersetzt von Andrea Stumpf, herausgegeben von Wolfgang Franßen

Klappentext: Ray Boy Calabrese wird aus dem Gefängnis entlassen. Während seiner Schulzeit hat er einen Jungen wegen seines Schwulseins gequält, ihn zusammen mit Freunden geschlagen, getreten, sodass Duncan nur die Flucht blieb und er überfahren wurde. Vor Gericht nannten sie es Hate Crime, ein sexistisch moti­ viertes Verbrechen. Nun kommt Ray Boy Calabrese aus der Haft frei und will nur noch sterben…. Mit Ray Boys Heimkehr in sein altes Viertel reißen die nur leicht übertünchten Risse in der Familie auf, in der er aufgewachsen ist. Während sein Neffe Eugene in ihm ein Idol sieht und bitter enttäuscht ist, dass sein Held zu einem gebrochenen Mann geworden ist.
William Boyles „Gravesend“ geht der Frage nach, inwieweit wir zur Vergebung fähig sind. Andern und uns selbst gegenüber. Denn uns selbst gegenüber sind wir unerbittlich, wenn es um Träume und Hoffnungen geht.

— O —

IMG_7562Sowohl der Autor als auch der Verlag waren mir bisher unbekannt. „Mit Tempo und gezügelter Gewalt geschrieben – wie die besten Tarantino Filme“. Mit diesem Statement ist meine Erwartung an diesen Roman einer Série Noire recht hoch. Was der Verlag unter „Serie Noire“ versteht, erschließt sich mir noch nicht, hier zunächst der

Klappentext: Watertown, eine Bostoner Vorstadt, November 2013. Die Leiche des Rentners Jimmy Henderson, fürchterlich verstümmelt, wird in einem Pick-up gefunden. Die Ermittlungen übernimmt McCarthy, ein grantiger, gradliniger Sheriff, dessen Menschenkenntnis sich umgekehrt proportional zu seiner Menschenliebe verhält. Seine Wege kreuzt Franck, ein junger Detektiv Dandy, dekadenter Kokainist und McCarthys düsterer Antipode, der durch die Stadt streunt, nach Sensationen hechelnd.
Quentin Mourons Figuren in diesem psycho-raffinierten Glanzstück sind im Weiteren ein übler Mafioso, ein junger ambitionierter Musiker, ein vulgärer Schriftsteller, herumwuselnde Bullen, die Hilflosen und Verlorenen in einer wirtschaftlich kaputten amerikanischen Gesellschaft.

Quentin Mouron: Drei Tropfen Blut und eine Wolke Kokain, Bilger Verlag, Übersetzung von Barbara Heber-Schärer und Andrea Stephani

— O —

IMG_7566Die Nummer 3 der Crissa Stone-Reihe von Wallace Stroby ist kürzlich bei Pendragon erschienen. Crissa habe ich inzwischen liebgewonnen. Sie ist eine sehr intelligente Kriminelle, mit Kleinigkeiten gibt sie ich nicht ab, allerdings hat sie nicht immer das Glück auf ihrer Seite, insbesondere im Privatleben – und das beschäftigt sie sehr.

„Shoot the Woman first“ lautet der Titel im Original und wer damit gemeint ist, läßt sich bereits beim Lesen des Klappentextes vermuten: Crissa

Klappentext: Eine halbe Million Dollar aus Drogendeals, bewacht von drei skrupellosen Kerlen mit automatischen Waffen. Für die Berufsverbrecherin Crissa Stone und ihr Team gehört der Raub des Geldes noch zu den einfachsten Übungen. Als das Aufteilen der Beute schiefgeht, entkommt Crissa dem Kugelhagel allerdings nur knapp. Mit einem Seesack voll gestohlenem Geld befindet sie sich auf der Flucht.
Gejagt wird sie von brutalen Handlangern eines Drogenbosses und einem ehemaligen Cop aus Detroit, der seine eigenen tödlichen Pläne verfolgt. Crissa will ihnen das Geld auf keinen Fall überlassen. Auch als sie und ein Kind in Lebensgefahr geraten und ihre Verfolger sie in die Enge treiben, kämpft Crissa weiter.

Wallace Stroby: Fast ein guter Plan, Pendragon Verlag, übersetzt und mit einem Nachwort von Alf Mayer

— O —

 

 

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David Gray: Sarajevo Disco

20171022_114714 Boyle, Leiter der Hamburger MoKo (lies: Mordkommission) agiert im Rahmen seines Ermessensspielraums, so wie er ihn definiert. Zeitweise geschieht das sogar im Bereich von Recht und Gesetz. So versucht er Dokumente zu unterschlagen, aus denen seine Vorgesetzten/Kritiker/Feinde schließen könnten, dass er sich in der Vergangenheit mit Kriminellen arrangiert hat und mit einem Drogenboss befreundet ist. Dann wirkt er dabei mit, dass die Karriere einer jungen Kommissarin nicht abrupt endet, indem er dabei hilft, eine Urinprobe zu manipulieren. Wobei im Sprachgebrauch des Autors die originale Flüssigkeit banal als Pisse bezeichnet wird und Hinweise auf Drogenkonsum gegeben hätte.

Alles Pisse oder was? Formulierungsverhalten und Wortwahl von David Gray kennen wir aus Kanakenblues, aber hier hat er sich aus dem spätpubertärem Niveau des ersten Boyle-Krimis trotz dieser anfänglichen, bepissten Passage weiterentwickelt. Dass David Gray mehr kann, als einen Krimi mit einem Übermaß an rotzigen, motzigen Sprüchen zu gestalten, hat er als Ulf Torreck, seinem Klarnamen,  mit Fest der Finsternis bewiesen. Mit Sarajevo Disco erzählt er ebenfalls auf hohem Niveau.

Von Turfwar, Terz auf dem Kiez und Jugendlichen, die nach einer Marketingaktion eines Drogenbosses an einer ÜD (lies: Überdosis) krepieren oder im besten Fall auf der Intensivstation landen, wird hier berichtet. Boyle und seine toughe, aber noch weitgehend in diesem kriminellen Umfeld unerfahrene Helferin, die junge Kommissarin Jale Arslan, haben bei Motiv- und Tätersuche eine Auswahl, weshalb die tödlichen Pillen in Umlauf gebracht wurden, welche der Hamburger Drogenbosse im Hintergrund agieren und warum etliche deren Mitarbeiter durchlöchert werden. Mit im Geschäft ist die Kanzlergang, mit Masken des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl im Gesicht Pillen und sehr spezielle Geschosse verteilend. Boyle weiß zunächst nicht, auf wessen Payroll die Kohlköpfe stehen und holt sich Informationen direkt bei seinen alten Spezis aus dem Milieu, die aber auch nicht ungeschoren von ihren Kontrahenten davonkommen.

Das totale Chaos, in dem sich Boyle befindet, wird noch verstärkt durch die Hindernisse, die karrieregeile Politiker und Spitzenbeamte im Polizeidienst dem farbigen, auffälligen Kommissar in den Weg stellen. Boyle schafft es dennoch, die Verwicklungen aufzudröseln. Und das in einer Weise, wie nur er es vermag: Immer am Rande des Rausschmisses, weil er entgegen allen Anweisungen und scheinbar bar jeglicher Vernunft jenseits von Recht und Ordnung handelt und ermittelt.

Zwar ist auf dem Klappentext von einem realistischen Hintergrund eines rasanten Polizeithriller die Rede, und das mit der Rasanz bestätige ich gern. Den Realismus im Hintergrund sehe ich jedoch soweit im Hintergrund, dass er doch nahezu zur Unkenntlichkeit schrumpft. Das mag am dominierenden Vordergrund – Boyle und dessen Agieren – liegen, der von David Gray in aufregender und fesselnder Art gezeichnet wird.

Liebe Leser, es ist Fiction, was hier geschrieben steht, obwohl Kiezkrieg und Politiker/Polizeichefs mit karrieregeilen Attituden und deren Ausarten sicherlich unter dem Stichwort „Realität“ abgelegt werden können.

Ein spannender Plot, ausgezeichnet mit zum Teil deftiger Wortwahl erzählt.

Gut gemacht David Gray!

— O —

Erschienen 2017 bei Pendragon

— O —

Das haben andere Blogger*innen zu Sarajevo Disco geschrieben:

Gunnar auf Kaliber.17/Krimirenzensionen: Und auch wenn Gray ab und zu ein wenig die Gäule in seiner bildhaften Sprache durchgehen („Denn alles, worum es dem Präsidenten mit seinem Razziabefehl wirklich ging, war Bürgermeister Mahlmann so tief in den Arsch zu kriechen, dass all die Blechsterne auf seinen Uniformschultern hart über dessen Speiseröhre kratzen mussten.“, Seite 132), überwiegt der Spaß an diesem lässig-coolen, unkonventionellen, hartgesottenen Stück Krimi.

Katja auf Wortgestalt: David Gray zieht der Biederkeit der deutschsprachigen Kriminalliteratur kräftig den Stock aus dem Allerwertestenn. Er inszeniert im Hamburger Gangstermilieu einen Polizeithriller, der gleichermaßen von seinen Akteuren und seiner Sprache lebt, einen schönen Plot bietet und sich recht wenig um Konventionen schert. Gut so.

Sebastian auf Stuffed Shelves: »Sarajevo Disco« hat alles, was ein guter Krimi braucht. Steiler Spannungsbogen, überzeugende Kiez-Atmosphäre, interessante Figuren. Der Leser wird mitgenommen auf eine sehr temporeiche und bis zum Schluss undurchschaubare Achterbahnfahrt, die von der ersten Seite an Spaß macht.

Alexander auf Der Schneemann: Interview mit David Gray

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Tito Topin: Casablanca im Fieber

IMG_7548Sommer 1955. Das Fieber ist in Casablanca ausgebrochen, nachdem eine junge Spanierin vergewaltigt und nahe eines arabischen Dorfes schwer verletzt gefunden wird.

Die Täter werden von der französischen Polizei unter den Arabern gesucht. Und das Chaos – oder wie hier genannt Fieber – bricht aus, als der französische Teil der Bevölkerung in Demonstrationen den Tod der „Kameltreiber“ fordern, die Araber sich in Gegendemonstrationen formieren und mit selbstgebauten Bomben gegen ihre Kolonial“herren“ vorgehen.

Das Netzwerk der Europäer deckt den jungen Schnösel, der die Spanierin vergewaltigt hat, gehört seine Familie doch zur Crème der Gesellschaft. Doch zum Schluss siegt das, was wir als Gerechtigkeit bezeichnen.

Ein einfacher Plot, wenn lediglich der Kriminalfall betrachtet wird. Tito Topin beschreibt hier aber auch die Zerrüttung des Landes mit den konträren Bevölkerungsgruppen, kurz bevor die Franzosen das Protektorat verlassen.

Topin schildert die Gegensätze zwischen „Kameltreibern“, die ums Überleben, um Anerkennung kämpfen, letztlich die alten Strukturen der französischen Kolonialherren mit all ihrem Filz und der Korruption vertreiben wollen, und den „Herren“, die sich unter Ihresgleichen in dicken Amischlitten fortbewegen, an den piekfeinen Pools ihr Leben genießen und ihre Beziehungen innerhalb der französischen haute volée Casablancas pflegen.

So war es wohl, damals 1955 in Casablanca. Für mich ein überwiegend plakatives Bild, auch wenn es mit dem französischen Polizisten Gonzalés einen Störfaktor in diesem Bild gibt. Ein interessanter Stoff aus der Kiste „Es war einmal“, veröffentlicht 1983, jetzt in einer zweiten deutschen Fassung im Distel Literatur Verlag erschienen.

Originaltitel: 55 DE FIÉVRE; in dieser überarbeiteten Fassung übersetzt von Katarina Grän

Vom Cover der ersten Auflage dieser Ausgabe mit falschem Titel sollte man sich nicht verwirren lassen:IMG_7531-001

 

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PARIS NOIR – 12 Noir-Storys von französischen Autor*innen, herausgegeben von Aurélien Massons

cb_noir-reihe_paris_2017-04-25rgb_240Mit Krimianthologien ist es häufig wie mit LPs oder Musik-CDs: Es gibt ein paar gute Titel, viel Mittelmaß und zwischendurch oder zum Schluss auch Schrott.

Nicht so in Paris Noir. Hier reihen sich bis zum Schluss feine Stücke aneinander.  Schon das Vorwort von Herausgebers Aurélien Massons stimmt uns ein auf Paris, aber nicht so wie wir es als Touristen gern wahrnehmen, die Stadt mit verklärtem Blick sehen, die Banlieues ausblenden und die Terrorakte der letzten Jahre vergessen.

In Paris Noir werden in zwölf Kurzstorys zwölf Stadtteile und deren Bewohner vorgestellt, abseits der ChampsÉlysées, abseits von Eiffelturm und anderen Touristenattraktionen, weit weg von aufgehübschten Ecken der Metropole mit dem Flair ihrer feinen Gesellschaft, Kunst- und Modetempeln, Restaurants mit exquisitem Essen und Trinken sowie den „landestypischen“ Bistros…..und so vielem mehr, was uns ins Schwärmen bringt.

In Paris Noir wird die dunkle Seite der Stadt porträtiert. Zwar wird in einigen Storys die Liebe beschrieben, jedoch nicht die romantische bei Candlelightdinner. Es ist eine „verzehrende“ Liebe in „Der Chinese“ von Chantal Pelletier, in der es für den chinesischen Touristen, der sie erlebt, nur einen Ausweg ging: den Tod. Und wenn eine Prostituierte unter massiver Gewalt ihres Zuhälters leidet, der zufällig Polizist ist, kann sie nur durch die Liebe ihres Chauffeurs gerettet werden („Der Chauffeur“ von Marc Villard).

Tragödien spielen sich in diesem Paris ab, „tragische Tragödien“ können sie genannt werden, die selbst den hartgesottenen Krimi-Thriller-Noir- Leser berühren. Nach dem Titel in Erinnerung an Édith Piaf „La Vie en rose“, hier als Geschichte mit traurigem Ausgang von Dominique Mainard. Ein Leben, alles andere als rosa, endet darin in Düsternis, ein anderes zerbricht daran.

So zieht es sich durch, durch Paris Noir, mit Personen, die gebeutelt werden von der Gentrifizierung ihres Kiezes, oder von der Unbedarftheit junger Krimineller auf ihrem Raubzug mit einem ungewöhnlichen Ende.

Und zum Schluss? Eine völlig abgedrehte Story, von der ich beim ersten Lesen empfinde, dass ich ihr intellektuell nicht gewachsen bin. Sozusagen ein „Hurz“ der Kriminalstory, in der ich mich fremd fühle mit dem Titel „No Comprendo L’Étranger“ von Hervé Prudon – Camus lässt grüßen.

Paris Noir, darin die dunklen Ecken und Seiten der Stadt abstoßend, verwerflich, brutal und trist – wie Noir-Freunde sie lieben.

— O —

Erschienen 2017 im CulturBooks Verlag als Tachenbuch und eBook

Herausgeber: Aurélien Massons

Autorinnen und Autoren: siehe Cover

Übersetzt von

Zoë Beck, Karen Gerwig, Jan Karsten & Martin Spieß

— O —

Das schreibt Hauke Harder auf leseschatz: Mit dem Buch reist man durch Paris, durch die Grauzonen der Gesellschaft und in die tiefdunklen Schauplätze.

— O —

Der CulturBooks Verlag nennt Paris Noir Auftakt zu weiteren internationalen Noir-Anthologien. Als nächster Band wurde Berlin Noir (Herausgeber: Thomas Wörtche) angekündigt. Erscheinen soll das Buch im Frühjahr 2018.

 

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Estelle Surbranche: So kam die Nacht

IMG_7065MERKE: Wenn du beim Surfen vor Biarritz oder anderswo ein paar Kilo Koks findest, glaube nicht, dass du damit auf Dauer reich und glücklich werden kannst. Die Wahrscheinlichkeit, dass dich der Eigentümer findet, dir das Dealen und den Genuss nicht gönnt, ist recht hoch.

So erleben das auch die beiden Jurastudenten aus Paris, die sich glücklich wähnten, als sie ein paar Beutel mit dem unverschnittenen Pulver aus dem Meer fischten. Reich werden und sich durch Koksen in eine glückliche Welt transformen. Das war ihr Ziel. 

Doch es kommt anders. Der serbische Skorpion schickt Killerin Nathalie zwecks Nachforschungen in die Region, in der die Kuriere ihre heiße Ware über Bord gehen ließen, als sie von der Küstenwache aufgebracht wurden. Und Nathalie findet die Spur über Kontaktpersonen der Surfer und kleine Dealer. Sie hinterlässt dabei ebenfalls eine Spur: blutig und mit Toten, denen ein Auge ausgestochen wurde.

Aber auch die Drogenfahnder in Biarritz versuchen, zur Beute zu gelangen. Anstieg der Zahl der Drogentoten, Morde, die im Umfeld der Drogenszene geschehen. Arbeit für Gabrielle, die Drogenfahnderin, im Überfluss, die sich sogleich in die Suche nach der Killerin einmischt. Und während sich die Surfer Matthieu und Romain dank ihres Besitzes aus bürgerlichen Elternhäuser in die Welt der Bonzenkinder der Pariser Jeunesse dorée hinein katapultieren, nicht mehr den Absprung zurück in eine normale Welt ohne Koks und Koksen schaffen wollen oder können, nähern sich ihnen – jede auf ihre Weise – Nathalie und Gabrielle.

So kam die Nacht ist der erste Roman von Estelle Surbranche, die die Geschichte von Matthieu und Romain nach dem überraschenden Fund in nahezu lakonischer Weise erzählt. Die beiden Studenten, die sorglos mit ihrem Leben umgehen, stehen dabei im Gegensatz zu Nathalie, der Killerin, die ihrem Boss hörig ist, nachdem sie während des Serbienkriegs durch grausame Erlebnisse traumatisiert wurde und von ihrem Boss danach auf brutale Weise zu der Frau erzogen wurde, die sie heute ist.

Es sind diese Gegensätze, die den Roman bestimmen. Wobei bei der Jagd von Matthieu und Romain nach Glück schnell zu erkennen ist, dass am Ende deren Scheinwelt zusammenbrechen wird. Ihr Leben wird durch das Koks ebenso fremd bestimmt, wie das von Nathalie, die als Jägerin lediglich das Werkzeug ihres Paten ist.

So kam die Nacht ist ein spannender Thriller aus dem Drogenmilieu, der da endet, wo er enden muss, im Verderben für die, die sich lange Zeit wie die Helden fühlen.

 

— O —

Estelle Surbranche: So kam die Nacht

Originaltitel: Ainsi vint la nuit

Übersetzung aus dem Französischen von Cornelia Wend

Erschienen im Polar Verlag 2017

— O —

Eine weitere Besprechung über diesen Kriminalroman: https://wortgestalt-buchblog.de/estelle-surbranche-so-kam-die-nacht/

— O —

Zum Schluss noch eine gute Nachricht: Nachdem der Polar Verlag vor einigen Monaten Insolvenz anmelden musste, hat sich ein neuer Finanzier gefunden, der zusammen mit Wolfgang Franßen, dem Gründer des Verlags, den Polar Verlag mit dessen lesenswerten Kriminalromanen und Thrillern weiterführen wird.

 

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