Olaf Jahnke: Patientenrache

20170130_150742Zum zweiten Mal ermittelt der Privatdetektiv Roland Bernau in einem Mordfall und kommt dabei der teilweise skandalösen Abwicklung von ärztlichen Behandlungsfehlern durch die Versicherungen auf die Spur. Bernau erlebt, wie Ärzte mit ihren Fehlern umgehen – sei es aus Angst, Überheblichkeit oder anderen Motiven -, wie Krankenhäuser und Versicherungen Regressansprüche von Patienten oder Hinterbliebenen ablehnen oder sich erst nach zähen, langwierigen Verhandlungen und Gerichtsverfahren bereit erklären, Forderungen anzuerkennen. Wie Menschen daran zerbrechen, wie dieses Gebaren neue Krankheiten wie Depressionen erzeugt, bei manchen Leidtragenden auch Wut hervorruft.

Zunächst fängt es in Patientenrache relativ harmlos an: Mitarbeiter der Kommunalen Versicherung, bei denen die Krankenhäuser gegen Behandlungsfehler versichert sind, werden verprügelt. Bernau ermittelt für das Versicherungsunternehmen. Doch dann steigt das Gewaltpotenzial der vermummten Gestalten, die stets mit einem Motorrad unterwegs sind. Es fallen Schüsse, eine Staatsanwältin wird schwer verletzt. Schließlich gerät Bernau selbst ins Visier der Motorradfahrer, die inzwischen Dachlatte und Eisenstange durch Schusswaffen ersetzt haben. Bernau entgeht knapp tödlichen Schüssen und wendet sich notgedrungen einer anderen Tätigkeit zu, da ihm die Versicherung den Auftrag entzieht. So wird er vom Versicherungsboss als Personenschützer angeheuert und die vermummten Motorradfahrer schaffen es bis zum Mord.

Bernau hatte das gesamte Umfeld abgeklappert: ehemalige Patienten, die durch Behandlungsfehler zu Krüppeln wurden, Eltern, die bei der Geburt ihr Kind verloren hatten, Gutachter,  verprügelten Versicherungsmitarbeiter. Alle, die mit der Verursachung sogenannter „Kunstfehlern“ und deren Schadensregulierung zu tun hatten, und mit den Betroffenen.

Und so kommt es dann schließlich in Wiesbadens Straßen zum großen Showdown, mit dem der Krimi jedoch nicht zu Ende geht. Stattdessen folgt noch eine unerwartete Wende mit dem Geständnis Einzelner. Dabei muss Bernau schmerzhaft erkennen, dass es nicht die Wut weniger Personen ist, die sich gegen den skandalösen Umgang mit den Schicksalen der Betroffenen richtet.

Was so scheinbar einfach als Kriminalroman der Whodunit-Katergorie erscheint, schildert fiktiv weitgehend die in der Realität vorkommenden Verhaltensweisen von Ärzten, Krankenhäuser, Versicherungen und den juristischen Institutionen bei der „Abwicklung“ von Schäden an Patienten durch ärztliche Versäumnisse,Verstöße gegen Hygienevorschriften während der Behandlung inklusive der (versuchten) Vertuschung derartiger Ereignisse. Dieses Thema ist der eigentliche Kern und Schwerpunkt von Patientenrache.

Während seiner beruflichen Tätigkeit hat Olaf Jahnke bei Reportagen in diesem Umfeld viel Erfahrungen gesammelt, zudem präzise recherchiert. So befinden sich in diesem Roman immer wieder kritische Passagen, die sich mit den gesundheitspolitischen Themen beschäftigen, besonders natürlich unter dem Aspekt beim Umgang der verschiedenen Player mit medizinischen Schadensfällen. Zudem bringt der Autor Erfahrungen aus seiner politischen Tätigkeit mit ein, zu erkennen auch an den kritischen Worten zur Privatisierung von Krankenhäusern.

So ist dieser Krimi mit seiner spannenden und aufregenden Handlung vor allem Kritik an Teilen des derzeitigen Gesundheitswesen und dessen für manche Patienten fatale Folgen. Mit dieser Verankerung in der Realität ist Olaf Jahnke ein sehr interessanter Roman gelungen.

— O —

Erschienen 2016 im Größenwahn Verlag mit einem kleinen Sachanhang des Autors zu Thema Behandlungsfehler und ein paar Empfehlungen.

Der erste Fall für Roland Bernau: Tod eines Revisors (2014)

 

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Vorschau: Adrian McKinty – Rain Dogs

Der neue Kriminalroman von Adrian McKinty.  Nordirland  im Jahre 1987: „McBains Volvo lag im halben Dorf verstreut herum. Auf dem Dach eines Hauses war deutlich eins seiner Beine zu sehen…..Auf dem Fahrersitz ein von einem Laken verhüllter, kopfloser Körper.“
Harter Tobak, von McKinty -bzw seinem Helden Sean Duffy – beeindruckend erzählt. Eine „looked room mystery“, Mord oder Selbstmord einer Journalistin, die einem großen Skandal auf der Spur war. Mit dabei der damals noch real existierende (inzwischen verstorbene) Discjockey und Moderator der BBC  Jimmy Savile (Wikipedia: Nach seinem Tod gelangten Hunderte von Fällen an die Öffentlichkeit, in denen Savile vorgeworfen wurde, seine Position als Popidol für sexuellen Missbrauch vorwiegend an jungen Mädchen, ausgenutzt zu haben).

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Besprechung demnächst hier

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Jean-Luc Bannalec: Bretonische Flut

img_1084Wenn sich der Krimifan in diesen grauen Tagen nach blauem Meer, noch blauerem Himmel und pittoresken Küstenstädchen in der Bretagne sehnt, ist er bei Jean-Luc Bannalec und dessen Krimis um Kommissar Dupins Fälle an der richtigen Adresse.

Keiner kann die unterschiedlichen Blautöne von Wasser und Himmel nuancierter beschreiben als Bannalec, der uns auch von idyllischen Orten und feinem Essen träumen lässt.

In Dupins fünften Fall stinkt es jedoch zunächst heftig. In den Fischabfällen der Auktionshalle von Douarnenez wird eine Leiche gefunden und Dupin und Mitarbeiter wühlen zwischen den Abfällen, um Beweismittel zu sichern. Bei seinen Ermittlungen trifft das Team auf Umweltaktivisten, die Delphine und Fischbestände vor der Westküste der Bretagne schützen wollen, auf kleine Fischer und industriellen Fischfangflotten, die sich offensichtlich nicht um den Schutz gefährdeter Arten und die Erhaltung der Bestände kümmern. Und wie es seit alters her ist, auch mit Schmuggel und Piraterie  verdienen die Männer in den Booten ihr Geld. Für Dupin und dessen Team ist der Parc Naturel Marin D’Iroise mit den umliegenden Inseln und der Westküste der Bretagne ein riesiges Terrain, auf dem sie sich zu Wasser und zu Lande bewegen, um im Umfeld gegensätzlicher Interessen zwischen gutem Essen und Übelkeit rauer See zu ermitteln. Nur gut , dass es Dupins Sekretärin Nolwenn gibt, die in diesem heterogenen Netzwerk den Überblick behält und Knoten um Knoten knüpft oder aufdröselt, je nachdem, was gerade erforderlich ist, um ihrem Chef behilflich zu sein, den Fall und mit zunehmender Zeit die Fälle zu lösen.

Dass neben den zig „Shades of Blue“ im Wasser und am Himmel, den Aktivisten, kleinen Fischern, der Fischindustrie und allem was die Bretagne ausmacht auch noch die Kelten und deren Mythos wiederum eine Rolle in diesem Krimi spielen, ahnen die Leser recht früh und letztlich ist es das, was den Ex-Pariser Kommissar beschäftigt. Es ist schon ein eigenartiger Landstrich, der seine Bewohner seit Jahrtausenden geprägt hat und zu Gutem wie zu Bösen verleitet.

Jean-Luc Bannalec erreicht auch mit dem fünften Fall, den Kommissar Dupin in dieser Gegend klärt, die Herzen der Bretagne-Liebhaber und nebenbei noch die Gemeinde der Krimifans, die nicht nur auf Spannung sondern auch für ein feines „Ambiente“ schwärmen.

Seit 2012 bietet Jean-Luc Bannalec jährlich ein anderes bretonisches Ambiente:

Künstlerdorf Aven in Bretonische Verhältnisse,

Sagenumwobene Glenaninseln in Bretonische Brandung,

Salzgärten in Bretonisches Gold,

Austernparks in Bretonischer Stolz

Nun also der Parc d’Iroise mit Fischen und all dem, was sich sonst noch darin und darum herum tummelt in Bretonische Flut, 2016 erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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Ross Thomas: Protokoll für eine Entführung

img_6133Der amerikanische Botschafter in Jugoslawien, Amfred Killingsworth, ist entführt worden und nun soll es Philipp St.Ives regeln. Als Mittelsmann zu den Entführern soll er dafür sorgen, dass der Entführte in die USA zurückkehrt und mit ihm ein Literaturnobelpreisträger und dessen Enkelin.

Also wird ein Mittelsmann engagiert und die Regeln werden ausgesetzt. Danach werden die Regeln wieder hergestellt, und das System versucht wieder, die zu fangen oder zu bestrafen, die seine Regeln mißachtet haben.“

Ein verzwickte Aufgabe, zu der St.Ives vom US-Außenministerium in erpresserischer Weise gedrängt wird. Eine eigenartige Konstellation, ist doch der unfreiwillige Mittelsmann in seiner Zeit als Journalist  von dem Entführten geschasst worden, als dieser Chefredakteur einer Zeitung war. Chefredakteur! Unfähig, aber nachdem er die Tochter des Herausgebers geschwängert hatte, von Schwiegervaters Gnaden auf dem Chefsessel gesetzt. Und jetzt? Tito regiert Jugoslawien. Dem Botschafter, auch in dieser Funktion durch Unfähigkeit glänzend, wurden von einem jugoslawischen Ex-Geheimdienstler brisante Geheimnisse anvertraut und Killingsworth hat nichts Besseres zu tun, als  sich in die hübsche Enkelin des in Vergessenheit geratenen Dichters zu verknallen. Um schlimme politische Verwicklungen zu vermeiden, kidnappt ein amerikanischer Geheimdienst im Auftrag des Außenministeriums den eigenen Mann.

St.Ives protokolliert die Aktionen, die er durchführen muss, um den Botschafter aus den Händen der „Entführer“ zu befreien und politische Verwicklungen möglichst zu vermeiden. Mit Spott und Humor erzählt er diese Geschichte, in der St.Ives zum Teil schnell erkennt, welche Interessen Freund und Feind verfolgen, denn dumm ist er nicht. Und so erkennt er auch falsches Spiel und falsche Fährten. Als Ich-Erzähler zeichnet sich St.Ives als Superman, der gern selbst bestimmt, wie die Aktionen ablaufen, und der von sich sagt: „Ich antwortete mit ein paar Lügen, wenn ich musste, und mit der Wahrheit, wenn Lügen sinnlos waren.“ Letztlich kann der Mittelsmann froh sein, als seine Mission zu Ende ist und erkennt, dass er nicht viel mehr als eine Marionette in den Händen des Außenministeriums war – zu dem Zweck, „das System zu beschützen, das uns beschützt“.

Das Protokoll für eine Entführung ist ein Thriller, der nicht von der Verbissenheit der Helden bei der Erfüllung ihrer Mission geprägt ist, sondern von der kritischen Distanz des Helden zu seinem Handeln, dessen Auftraggebern und Widersachern lebt. Das ist Ross Thomas hervorragend mit Philipp St.Ives und dessen Protokoll gelungen.

— O —

Originaltitel: Protocol for a Kidnapping (USA 1971), dt. 2016 als erste vollständige Ausgabe im Alexander Verlag Berlin erschienen. Übersetzt von Wilm W. Elwenspoek, bearbeitet von Jana Frey und Jochen Stremmel.

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Michael H. Rubin: Cottoncrest

img_6083Cottoncrest ist ein historischer Kriminalroman, der überwiegend im Louisiana des Jahres 1893 angesiedelt ist.

Cottoncrest ist zugleich eine Geschichtsstunde über die Rassentrennung und -diskriminierung beginnend mit dem Ende der Sklaverei nach der Niederlage der Konföderierten im Sezessionskrieg im Jahre 1865. Darin wird beschrieben wie das Jim-Crow-Gesetz (1876, Jim Crow war ein umfassendes System zur Aufrechterhaltung einer Rassenhierarchie in allen Bereichen der amerikanischen Gesellschaft. Quelle: Wikipedia) ) und die Gerichtsentscheidung um getrennte Eisenbahnabteile (1896 – Grundsatz: separate but equal) die Trennung manifestierte  Die Geschichtsstunde reicht bis ins Jahr 1961, einer Zeit, in der die Bürgerrechtsbewegung versuchte, die Rassentrennung und die alten Gesetze aufzuheben.

Auf Cottoncrest, einer riesigen Plantage mit feudalem Herrensitz, war die Welt für die weißen Bewohner 1893 noch weitgehend in Ordnung. Zwar hatte sich der Besitzer nach Ende des Sezessionskriegs erschossen, weil im Krieg angeblich alle seine Söhne gefallen waren. Aber das Leben ging weiter, zumal einer der Söhne zwar versehrt aber doch lebend zurückgekehrte. Doch dann passierte es: Dieser Sohn, der Colonel, wurde tot im Herrenhaus aufgefunden. Er lag erschossen auf der Leiche seiner Frau, der die Kehle durchtrennt worden war.

Jake Gold, einem fahrenden Händler, werden die Morde angehängt. Nicht nur der Sheriff macht sich auf die Suche nach Jake Gold, einem Juden, der aus Russland vor der Verfolgung durch Kosaken geflohen und schließlich nach einer langen Reise durch Europa in den USA gelandet ist, sondern auch ein Klan aus rassistischen und gewalttätigen Weißen. Der Anführer dieser Ritter hat nur eines im Sinn, den „Judenkrämer“ aufzuspüren und sofort zu töten. Aus gutem Grund, denn er hält sich für den Erben von Cottoncrest, nachdem das Besitzerehepaar kinderlos gestorben ist.

Der Krimi ist auch die Geschichte des Jake Gold, der ehrlich und anständig bis zu dem Vorfall in Cottoncrest gleichermaßen mit Weißen und Schwarzen seine Geschäfte abgewickelt hat, der respektvoll zu jedermann war und von allen geachtet wurde. Nun aber, als Mörder von den Klu-Klux-Klan-Rittern auserkoren, ist sein Leben nicht mehr sicher. Er flüchtet, unterstützt von diskriminierten Schwarzen, mit einem Geheimnis, das er mit einigen Bediensteten von Cottoncrest teilt.

Ein Nachkomme des jüdischen Händlers besucht im „Heute“ mit seiner Enkeltochter noch einmal Cottoncrest, wo er 1961 als Bürgerechtsaktivist das Geheimnis gelüftet hat. Heute erzählt er es der Enkelin.

Michael H. Rubin erteilt in Cottoncrest eine interessante Lektion über die Rassendiskriminierung in den Südstaaten, speziell Louisiana. Es gelingt ihm, mit Jake Gold einen Protagonisten darzustellen, den er sehr detailliert charakterisiert und als Wanderer zwischen Weiß und Schwarz darstellt, bis ihm das Vertrauen der Weißen wegbricht. Und dabei passiert es, dass der Krimi teilweise zu einer Schwarz-Weiß-Malerei verflacht: Schwarz ist gut, Weiß ist böse – und wenn das „Fast-Weiße“ als „Nicht-Weiß“ erkannt und definiert wird, ist es entweder auch böse oder im besten Fall bricht für Weiß eine Welt zusammen. Die Welt von Cottoncrest.

Der Weg Jake Golds ist ein spannender, der Untergang des Hauses Cottoncrest ein dramatischer. Die Diskriminierung der „Jim Crows“ ein verwerflicher. Der Weg aus der Diskriminierung ein langer, vermutlich nie zuende gehender. Und so ist – trotz  Schwarz-Weiß-Malerei – dieser Kriminalroman eine interessante und unterhaltsame Lektüre. Wobei wir wissen, dass die Worte Lydon B. Johnson in Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Civil Rights Act im Jahre 1964 noch heute so gesprochen werden können: Wir glauben, dass alle Menschen gleich sind. Doch vielen wird gleiche Behandlung verweigert.

— O —

Originaltitel: The Cottoncrest Curse (USA, 2014), dt.2016 (Übersetzung: Karen Witthuhn, herausgegeben von Thomas Wörtche)

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Ulf Torreck: Vor der Finsternis

20170116_133420Einen Monat vor Veröffentlichung von Ulf Torrecks „Fest der Finsternis“, erscheint mit „Vor der Finsternis“ ein Appetizer als E-Book, das als 136-seitiger Kurzkrimi – der Autor nennt das Werk Novelle -, ein Häppchen, das Appetit auf das „Fest der Finsternis“ machen soll. Und das macht es auch, wenn sich die Leser nicht an den ersten beiden Sätzen dieses kleinen Werkes verschluckt haben. Aber nach dem grausamen Beginn ist eine spannende und sprachlich wohlformulierte Geschichte zu lesen. Es lohnt sich, den bestialischen Anfang zu überwinden.

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In dieser Novelle beschäftigt sich der Pariser Inspektor Marais mit der Aufklärung einer Mordserie, bei der den Opfern nach dem Schnitt durch die Kehle der Brustkorb geöffnet und das Herz entnommen wurde. Wie das in Krimis überall und zu jeder Zeit passiert – hier: 1796 zur Zeit Napoleons – fehlt vom Mörder zunächst jede Spur und auch das Motiv ist völlig unklar.

Mordet ein Psychopath oder steht das Morden in Zusammenhang mit einem Vodoo-Zauber?  Marais kämpft sich durch diverse Alternativen, getrieben von Albträumen, falsch beraten von Fachleuten, bis er sich den Rat des skandalbeladenen Marquis de Sade holt, der Marais den Schlüssel zur Lösung des Falles liefert. Neben dem Kriminalfall begeistert die Schilderung der Verhältnisse im damaligen Paris und die Passage um  Vodoo-Rituale und die Opfer für den Loa.

Torreck hat dabei offensichtlich umfangreich und sorgfältig recherchiert. Das ergibt bei aller Spannung eine interessante Lektüre – ein Appetizer – , mit der der Autor es schafft, Neugier für das „Fest der Finsternis“ zu wecken, von dem im Anschluss an „Vor der Finsternis“ eine Leseprobe angefügt ist.

— O —

Ulf Torreck: Vor der Finsternis (zur Zeit kostenlos als Kindle Edition verfügbar)

 

 

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Jon Bassoff: Zerrüttung

20170105_154218Finstere Bücher in finsteren Zeiten. Oder für finstere Zeiten? Schon okay, denn ausgerechnet Kriminalliteratur ist für Bespaßung eher weniger geeignet.“ Mit diesen Sätzen stellt das CULTURMAG die Rezension dieses Buches vor (Rezensent Thomas Wörtche).

„Zur Bespaßung weniger geeignet“, aber das ist gerade der Spaß beim Lesen dieses Noirs, dessen Orignialtitel „Corrosion“ den Inhalt noch besser trifft, als das Wort „Zerrüttung“.

Korrosion, das ist das Zerfressen von Metall, zunächst recht harmlos beginnend – kaum sichtbar, lange unbemerkt – später mit fatalen Folgen. So auch in Zerrüttung. Bei Joseph Downs ist dieser Prozess bereits sehr weit fortgeschritten, als er mit seinem Auto nahe dem kleinen Kaff Stratton landet. Kriegsverteran Downs, dem durch eine explodierende Minenfalle das Gesicht zerfetzt wurde, der Kerl, der auf dem Weg zu seinem alten Zuhause bei einer Frau landet, in die er sich verknallt, ihren brutalen Mann ermordet. Aber eine gemeinsame Zukunft soll es nicht geben. Für die abgetakelte ehemalige Kleinstadtschönheit war er nur die Waffe, die den Ehemann tötete. Wir erfahren diese Geschichte und was damals in Mossul passierte aus Downs Mund, erleben sein Trauma, die Zerrüttung von Körper und Geist.

Im zweiten Teil des Krimis  erzählt Benton Faulk seine Geschichte. Die eines zunächst Sechzehnjährigen, geistig Zurückgebliebenen, der bedingt durch üble häusliche Verhältnisse und Realitätsverlust als Psychopath durch Leben stolpert. Wir erkennen sein Trauma, die Zerrüttung von Körper und Geist.

Trauma hier, Trauma da. Dazu die Begegnungen beider mit dem Wanderprediger, der Huren, Säufern, eigentlich allen, die er trifft, die Hölle prophezeit, wenn sie sich nicht von ihren Lastern abwenden. Der Prediger, der nur die Wege des Teufels kannte, in dem sich der Leibhaftige breit gemacht hatte, der schließlich getan hat, was ihn zu solch einer Figur machte, der von sich sagte: „Ich bin ein Prophet Gottes!“

Zurück bleibt der Leser. Er fragt sich wie Joseph Downs: „Die Wahrheit, was ist die Wahrheit?“ und er überlegt, was er gelesen hat: Krankheit oder Lüge, Wahrheit oder Traum.

Der Leser fügt Puzzle-Teile zusammen, die ihm Jon Bassoff hingeworfen hat, setzt Teil an Teil, Dunkelheit an Dunkelheit, vermisst einige Teile. Fehlende Teile, die schwarze Flecken zurücklassen.

Wer sich auf das Leben von Joseph Downs, Benton Faulk und auch Reverend Wells einläßt, muss mit dem Ergebnis der Zerrüttung, der Korrosion, dem Zerfressen leben.

Meine Empfehlung: Lesen, sich aber von Ereignissen, Personen und deren Traumata nicht fressen lassen.

Ein finsteres Stück Kriminalliteratur, zur Bespaßung weniger geeignet, für Freunde des Noirs mit Vergnügen zu lesen.

— O —

Originaltitel: Corrosion (USA 2013), dt. 2016 (Übersetzung: Sven Koch), erschienen im Polar Verlag. Mit einem ausführlichen Interview Alf Mayers mit dem Autor.

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