Bakkeid, Heine: Triff mich im Paradies

p1030768Hier trifft der oft missbrauchte Spruch zu: „Nichts ist so, wie es zunächst scheint“: Der ehemalige Polizist Thorkild Aske, von einer Menge innerer und äußerer Narben gezeichnet, ein Wrack in psychischer Hinsicht, soll auf Vermittlung seines Psychiaters einer Kriminalautorin bei Recherchen unterstützen. Alternativ hätte er sich in einer Klinik mit Kerzenziehen und ähnlichen sinnvollen Kursen zur Regeneration seines Zustandes beschäftigen müssen.

Doch gleich zu Anfang seiner Mission bei der berühmten Autorin Milla Lind, merkt er, dass Kerzenziehen wohl doch die einfachere Variante seines Lebens gewesen wäre. Sein Vorgänger bei der Rechercheunterstützung wurde ermordet, angeblich durch dessen kranke Frau, und so übernimmt der ehemalige Polizist den Job, bei dem nach dem spurlosen Verschwinden zweier Mädchen aus einem Jugendheim recherchiert werden soll. Milla beabsichtigt, die Geschichte als Basis für ihren nächsten Roman zu nehmen.

Aske erkennt , dass nichts so ist, wie es anfangs erschien. Milla Lind spielt in dieser Angelegenheit eine ganz andere Rolle und ebenso Olivia, das eine der verschwundenen Mädchen. In eingeschobenen kleinen Kapiteln erleben wir Olivia und was in der Zeit, in der sie nicht auffindbar ist, ihr und ihrer Freundin passiert. Aske dagegen verbeißt sich mehr und mehr in den Entführungsfall, wird auf eine falsche Fährte gelockt, kommt dem Entführer und dessen Motiv näher. Dabei steigt die Anzahl seiner Narben. Und dabei hat er mehr Glück als andere, die dem Entführer in die Quere kommen. Sie überleben nicht.

Thorkild Aske wird weitermachen. Vermutlich wird er nicht zum Kerzenziehen verdonnert, sondern sich wieder einem mysteriösen Fall widmen, den es zu lösen gilt. Noch gibt es keine Information zum dritten Thriller der auf fünf Bände angelegten Reihe mit Aske, diesem seltsamen Typ, der wegen eines Tötungsdelikts einige Jahre im Knast verbracht hat.

Heine Bakkeid hat einen zunächst verworrenen Fall auf interessante Weise aufgedröselt und zu einem logischen Ende geführt. Auf Triff mich im Paradies kann man sich getrost einlassen.

— O —

Heine Bakkeid: Triff mich im Paradies, 2019 in der Reihe rowohlt POLARIS erschienen, Übersetzung: Ursel Allenstein und Justus Carl

Originaltitel: Møt meg i paradis (Oslo, 2018)

Zweiter Band einer auf fünf Folgen angelegten Reihe um Thorkild Aske, Band 1: Morgen werde ich dich vermissen

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Harry Bingham – FIONA: Unten im Dunkeln

p1030769Mein Date mit Fiona (Lesen des Romans) ist missglückt. Ihr ständiges Geplapper ist mir auf die Nerven gegangen. Hätte ich sie in einer Bar getroffen, wäre ich nach dem ersten Drink vom Barhocker gerutscht und hätte mich aus dem Staub gemacht. In diesem Fall schloss ich nach etwa einstündigem Lesen das Buch und stellte FIONA zurück ins Regal.

Dabei verheißt der Klappentext Interessantes:

Ein erhängter Ingenieur, ein weiterer Toter zwischen den Klippen. Ein neues, ultraschnelles Atlantikkabel. Könnte man Daten davon vor anderen abzweigen, könnte man jede Börse sprengen. Fiona ermittelt, kommt fast zu Tode, wird vom Fall abgezogen, heuert inkognito als Smutje auf einem Trawler an, kann zwar nicht kochen, aber ein ungeheures Verbrechen verhindern.

Das verspricht Spannung und basiert offensichtlich auf einem brisanten Thema, wenn es denn genügend vertieft wird..

Schade, dass Fionas Geplapper so stört. Ich bin dennoch überzeugt, dass Harry Bingham mit diesem Erzählstil viele Leserinnen und Leser begeistern wird. Wie in den KIRKUS REVIEWS zu lesen stand: „Einmalig wird der Roman durch seine Heldin (mein Kommentar: stimmt), eine der faszinierendsten Frauenfiguren in der Literatur der letzten Jahre (mein Kommentar: das ist eine Sache des Geschmacks)“.

— O —

Harry Bingham: Fiona – Unten im Dunkeln, rororo, 2019, Übersetzung: Kristof Kurz

Originaltitel: This Thing of Darkness

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , | 3 Kommentare

Gary Victor: Im Namen des Katers

p1030765Wer den haitianischen Inspektor Dieuswalwe Azèmar bereits aus einem der drei zuvor erschienenen Kriminalromane kennt, weiß es: Der Inspektor trinkt literweise aromatisierten Zuckerrohrschnaps namens Soro, holt sich ab und zu mal eine Nutte ins Bett, hat es auch mal mit der Frau des Vorgesetzten getrieben. Ständig steht er kurz vor dem Rauswurf aus dem Polizeidienst. Zwar ist er der beste Polizist des Landes, richtet aber auch Gangster, die in dem korrupten Land von jedem korrumpierbaren Richter freigesprochen würden, vorzugsweise durch Kopfschuss. Nachzuweisen sind ihm die Hinrichtungen nicht so recht. Und deshalb überlebt er im Job.  Abgesehen von einigen Nuancen wie den Verhältnissen in Haiti, mit denen Dieuswalwe Azémar leben muss, würde er sich nicht wesentlich von anderen kaputten Cops der Kriminalliteratur-Szene unterscheiden, wenn da nicht seine Nähe zu den Voodoo-Geistern, den bösen wie den Schutzgeistern, Hexern und Voodoopriestern wäre. Das gibt dem Anhänger des Spiritismus ein Alleinstellungsmerkmal und ich folge ihm gern bei der Lösung seiner mysteriösen oder kurios erscheinenden Fälle.

In Im Namen des Katers arbeitet er anfangs an einem Fall, der aus unserer Sicht wohl „typisch haitianisch“ erscheint. Annähernd 30 Freunde des Zuckerrohrschnapses wurden bisher von einem Serienmörder, dem Katzenfressermörder, erledigt. Die Katzenfresser holten sich den letzten Kick, indem sie den Genuss des Kleren – so heißt das Getränk auf Haiti – mit dem Verzehr von Katzenfleisch noch erhöhen, der unbekannte Mörder mag das offenbar nicht. Zudem wird Dieuswalwe von seinem Chef dazu ermutigt, in privater Mission einer älteren Dame deren verschwundenen schwarzen Kater wieder zurück zu bringen. Der Kater scheint ein ganz besonderes Tier zu sein. In ihm soll der Geist und somit die Kraft und die Unverletzbarkeit von Georges stecken, dem toten Bruders der Besitzerin.

Dass der Inspektor einen von einem Hexer im Arm eingenähten Schutzgeist mit sich herumschleppt, komplettiert das Okkulte in diesem Roman, der häufig dominiert wird von tatsächlichen oder vermeintlichen guten und bösen Geistern.

Mehrmals geht es dabei um Dieuswalwe Azèmars Leben, besonders aber, als er an einem Kleren-Wetttrinken teilnehmen muss, bei dem unser Held als Sieger hervorgeht. Allerdings überlebt eine größere Anzahl der Anwesenden den Wettbewerb nicht – und das liegt nicht am Alkohol. Azémar ist mit an dem Massaker beteiligt, aber es ist nicht der erste und einzige blutige Zwischenfall auf seinem Weg zur Wiederbeschaffung des wertvollen Katers, von dem wir lange Zeit nicht wissen, ob es Georges ist, welches Geheimnis das Katzenvieh mit sich herumträgt.

Inspektor Dieuswalwe Azèmar schlägt sich auch dieses mal wieder wacker durch den Sumpf der Korruption und kriminellen Netzwerke in denen neben den Kriminellen jeglicher Coleur Politiker und hohe Polizeibeamte zu unangemessenem Reichtum kommen, von dem auch die kleineren „legalen Banditen“ – Polizisten und Beamte – ihr Stück abbekommen können. Der Inspektor gehört nicht zu Profiteuren dieser korrupten Gesellschaft. Er streicht am Ende den Finderlohn für Kater Georges ein, ganz legal.

Es ist immer wieder erfrischend, die Abenteuer von Gary Victors Helden zu erleben, die in einer uns so fremden Welt spielen, von Victor klar mit dem ganzen Schmutz der Verhältnisse in Politik und Wirtschaft zu Lasten der Bevölkerung dargestellt.

— O —

Gary Victor: Im Namen des Katers, 2019 erschienen bei Litradukt, Übersetzung aus dem Französischen von Peter Trier,

Originaltitel: Wap konn Georges (2018, Haiti)

— O —

Weitere Romane der „Inspektor Dieuswalwe Azèmar-Reihe“:

Schweinezeiten (2009, dt. 2013)

Soro (2011, dt.2015)

Suff und Sühne (2013, dt. 2017)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Jock Serong: Fischzug

p1030764Wenn du deine Karriere so richtig verkackt hast, weil du als Verteidiger in einem Gerichtsprozess dem Richter deftig ans Bein gepinkelt hast, als Folge davon für ein paar Tage bei Gericht nicht mehr zugelassen bist und dazu einige Nächte in einer Zelle über dein Benehmen nachdenken sollst, dann scheint dein Ende gekommen zu sein.

(Ich entschuldige mich an dieser Stelle für die Ausdrucksweise, aber als Leser empfinde ich die Eingangsszene dieses Kriminalromans so drastisch, dass Worte wirken müssen.)

Es ist Rechtsanwalt Charlie Jardim, der ausgerastet ist und nun auf der Straße steht, zumal seine Beziehung zu einer erfolgreichen Kollegin gerade in die Brüche geht. Aus dieser miesen Situation wird Charlie unverhofft von einem Staatsanwalt befreit, der ihm einen Job als Assistent der Staatsanwaltschaft anbietet. Dazu soll der junge Anwalt vier Autostunden westlich von Melbourne helfen, ein mysteriöses Verbrechen aufzuklären, bei dem ein Fischerboot auf offener See verbrannte und ebenso der Fischer, getötet durch einen Kopfschuss. Zudem bekommt Charlie die Aufgabe zu klären, ob die Aussage des Bruders des Toten den Tatsachen entspricht, die dieser der Polizei gegenüber gemacht hat.

Nun ist die kleine Küstenstadt im australischen Bundesstaat Victoria, in dem die mutmaßlichen Mörder und Zündler und die Familie des Opfers leben, nicht gerade aufgeschlossen gegenüber Fremden wie Charlie. Misstrauen und Verschwiegenheit der Einwohner von Dauphin prägen das Verhältnis zum Anwalt. Nicht verwunderlich, da die Akteure in diesem Verbrechen durch illegalen Handel mit seltenem Meeresgetier und speziellen Kurierdiensten verbandelt sind.

So hat Patrick, der Bruder des Toten, gar kein Interesse, die Wahrheit zu sagen: Sein Leben in Dauphin ist geprägt durch die Abhängigkeit von Kumpanen und deren Dominanz in der Stadt.

Er stand auf, ging ein paar Schritte vom Feuer weg, drehte sich um und pinkelte auf einen Strandhaferbusch“ ist neben einer Szene, in der Charlie verprügelt wird , nahezu die Action-reichste Angelegenheit dieses Kriminalromans, der von der Zähigkeit Charlies Ermittlungsarbeit, dem Misstrauen der Einheimischen und der Angst Patricks, vor den Folgen einer richtigen Aussage geprägt ist.

Bis zu dem Punkt an dem das Verfahren über den Mord beginnt, ist Fischzug ein düsterer Roman, der in einem scheinbar intakten Kleinstadtmilieu spielt, in das trotz großem Bemühens kaum von außen einzudringen ist. Er zeigt die Verwerfungen in einer solchen Gemeinschaft, deren Mitglieder wenig Gemeinsamkeiten haben, deren Zusammenleben zumeist nur durch fatale Abhängigkeiten geprägt ist. Ein Leben ohne Illusionen mit wenig Perspektiven für die wenig Privilegierten. Ein klare Rollenverteilung, an der die Underdogs kein Interesse an Veränderungen haben, vor Angst, dieses Ungleichgewicht zwischen ihnen und den Platzhirschen könnte sich noch mehr zu ihrem Nachteil verschieben.

Wird im folgenden Mordprozess so ein armer Wicht wie Patrick als Zeuge verhört, gerät er zum Spielball taktischer Spielchen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung und vom armen Wicht zum unzuverlässigen Trottel.

Vielleicht wäre es einfacher, eigene Wege zu beschreiten, um mit diesem Scheiß fertig zu werden. Vielleicht können wir irgendwann mal diesen ganzen Quatsch von Meineid und Schwurgericht und so weiter einfach beiseite lassen“, bemerkt Patrick bereits vor Beginn des Prozesses. Und Charlie denkt darüber danach: „Man muß schon (als Staatsanwalt oder Verteidiger) fanatisch an dieses System glauben, um die Argumentation mit soviel Sorgfalt aufzubauen, ohne dem Hochmut u verfallen, den eigenen Argumenten zu glauben.“

Ein Fischzug, der es in sich hat und für Patrick in einer nicht zu erwartenden Weise ausgeht. Groß gegen Klein in der Provinz des australischen Victorias, Hochmut der Justiz und zwischendrin ein Anwalt, der nicht weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist.  Ein Kriminalroman, der nicht einfach weggelegt und vergessen werden kann.

— O —

Jack Serong: Fischzug (Polar Verlag, 2018, Übersetzung: Robert Brack)

Originaltitel: Quota, 2014 (Australien)

— O —

Jock Serong, Anwalt und Autor, lebt mit seiner Familie an der Südwestküste Victorias, dort wo der Krimi geographisch angesiedelt ist.

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

Tom Hillenbrand: Bittere Schokolade

20181031_135703In seiner sechsten Ermittlung taucht der luxemburgische Koch Xavier Kieffer wiederum in die skandalträchtigen und kriminellen Machenschaften im Bereich der Beschaffung von Rohstoffen für unsere Nahrung ein. Ob nun für Gourmets exotische Leckerbissen zu Lasten der Natur beschafft werden oder die Lebensmittelindustire billige Ressourcen schaffen und ausbeuten sowie deren Rohstoffpreise manipulieren will, der ehrliche und aufrichtige Koch kommt immer ins Spiel, wenn dabei im Umfeld ein Mord passiert.

Nachdem in Bittere Schokolade zunächst der Botschafter der Republik Kongo bei seinem Antrittsbesuch in Luxemburg stirbt, nachdem er ein feines Stück mitgebrachter Schokolade verzehrt hat, lernen die Leser dieser Reihe endlich Ketti kennen, Xaviers Jugendliebe aus seiner wilden Zeit in Paris. Sowohl an Ketti als auch an die Zeit mit Drogen und Alkohol erinnert er sich ungern. Doch die Neugier und eine Bitte Kettis bringen ihn dazu, sich mit der exquisiten Schokolade der Patisseurin, deren Schokoladenmanufaktur in Belgien und ihren Geschäftsideen und Engagement zum Anbau und Neuzüchtung von Kakaobäumen in afrikanischen Plantagen und der Verarbeitung der Früchte vor Ort zu beschäftigen. Was als Nebensache für Kieffer beginnt, wird schnell zu einer Hauptsache für ihn, als Ketti auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrem ehemaligen Freund erschossen wird.

Von diesem Augenblick wird es turbulent für unseren Freund, der üblicherweise jeder Hektik aus dem Weg zu gehen versucht. Es entwickelt sich ein Geschehen, an denen der Ermittler in unterschiedlichen Aktionen nahezu den Überblick verliert. Einerseits wird eine große Menge Schokolade an sein Restaurant geliefert, von der er zunächst nicht weiß, von wem sie kommt, zu welchem Zweck sie geliefert wurde und was sie wirklich beinhaltet. Zudem findet er mit seinem Freund Vatanen heraus, dass auf der Plantage, auf der sich Ketti engagierte, nicht alles koscher ist. Folglich reist Kieffer unter schwierigen Bedingungen zu der streng bewachten Plantage. Bei einer heimlichen Inspektion wird Kieffers Reisebegleiter erschossen, der Koch entkommt nur knapp dem Kugelhagel der Wächter. Zurück in Luxemburg erlebt er, dass auch dort die Luft in seiner Nähe recht bleihaltig ist.

So findet er heraus, dass mit Schokolade Geschäfte gemacht werden, die Gold wert sind, aber auch mächtige Interessen eines großen Schweizer Schokoladenherstellers dazu führen, Einfluss auf den Kakaomarkt zu nehmen. Das alles neben dem Stress, den Freundin Valerie, der Erbin des Gabin-Verlags. Ihr Unternehmen, dass über Generationen erfolgreich Restaurantführer erstellt, gedruckt und vertrieben hat, erhält massive Konkurrenz durch moderne Formen der Restaurantbewertung im Internet und treibt auf die Insolvenz zu.

Doch schließlich wird alles gut und Xavier Kieffer kann sich der Hektik entziehen und wieder für seine Freunde und Gäste luxemburger Hausmannskost kochen und die ein oder andere Flasche Wein öffnen, etliche davon mit seinem Freund Vatanen genießen. Auch der Stress mit Valerie scheint beendet zu sein und der Gabin gerettet. Was will man mehr als Leser?

Tom Hillenbrand hat mit Bittere Schokolade wiederum einen „kulinarischen Krimi“ geschrieben, der sich mit den Auswüchsen dessen beschäftigt, was im Vorfeld unserer Nahrungsaufnahme an Machenschaften und knallhart durchgesetzten Geschäftsinteressen von Einzelnen aber insbesondere den riesigen Lebensmittelkonzernen geschieht. Es ist oftmals bei Hillenbrand nicht auseinander zu halten, was Fiktion ist und was bereits in der Realität am Rande der Legalität und im kriminellen Bereich geschieht. Zu fließend sind in diesem Geschäft die Grenzen. Die Fiktion von heute kann zudem morgen Realität sein. Tom Hillenbrands Fantasie beschreibt schon heute, was wir noch gar nicht auf unseren Tellern erkennen oder erahnen. Das ist einerseits ernüchternd, anderseits faszinierend zu lesen.

— o —

Tom Hillenbrand: Bittere Schokolade, 2018 erschienen im Kiepenheuer & Witsch

— o —

Die anderen Fälle, in denen Xavier Kieffer ermittelt:

Teufelsfrucht (2011)

Rotes Gold (2012)

Letzte Ernte (2013)

Tödliche Oliven (2014)Tödliche Oliven (2014)

Gefährliche Empfehlungen (2017)

Tom Hillenbrands dystopische Romane:

Drohnenland (2014)

Hologrammatica (2018)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Peter Jackob: Am Limit

VORWORT: Als Wiesbadener sitze ich hier mit sauertöpfischer Miene vor Schack Bekkers fünftem Fall, in dem Wiesbaden und deren Bewohner mal wieder ihr Fett abbekommen. Die echten Meenzer werden dagegen von diesen Einlassungen begeistert sein. Aber jene, die von mir aus gesehen auf der anderen Seite des großen Flusses leben, können sich bekanntlich für wesentlich Geringeres erfreuen: ihren Fasching. Und wenn bei einer platten Büttenrede der Redner zwischen den Reimen lauthals flatuliert (für die Meenzer verständlich ausgedrückt: einen Furz krachen lässt), dann geraten meine Freunde aus Rhoihesse eh aus dem Häuschen.

20181031_135629Soviel zum Verständnis, wie ich an die Besprechung von Peter Jackobs neuesten Krimi herangehe, dessen Ende ich hier schon mal verrate:

Die Bösen werden geschnappt, Bekkers Liebste und Kollegin Erna ist schwanger und dem Schwängerer gelingt es doch noch nach einer langen Phase des Zauderns kurz vor Rosenmontag just für diesen Tag ein Lokal zu finden, um mit 60 Freunden seinen 60. zu feiern.

 

Jetzt aber:

Schnell wird beim Lesen klar, dass es sich um Doping und kriminelle Machenschaften im Umfeld dieser leistungssteigernden Methode handelt.

Zunächst wird bei einem Einbruch die Leiche eines jungen künftigen Superläufers aus der Mainzer Rechtsmedizin gestohlen. Das große afrikanische Talent war just zu der Zeit nach Mainz gekommen, als ein Kongress über Doping stattfinden sollte, fiel beim Training tot um, die Leiche kam zur Obduktion in die Rechtsmedizin. Aber bevor nach der Todesursache geforscht werden konnte, war das Kühlfach B 221 (die Bakerstreet und Sherlock Holmes lassen grüßen), in dem der Tote lag, leer.

Schack Bekker und seine Kollegin/Mutter seines künftigen Kindes stehen vor einem Rätsel. Zum Glück hat Hütchen-Jürgen, Kleinkrimineller-Obdachloser-Bekannter von Schack, in der Nacht des Einbruchs die Augen offen und gibt dem Kommissar einen Hinweis auf die Leichen-Entführer. Aber diese Erkenntnis bringt die Ermittlungen nicht so recht weiter, denn das Auto und mit ihm einer der „Entführer“ geht in die Luft, kurz bevor Bekker es inspizieren will.

Der nächste Tote – somit schon die Nummer 3 – läßt nicht lange auf sich warten. Es ist ein Wissenschaftler, der auf dem (Anti-)Dopingkongress einen, so hatte er sich einige Zeit zuvor geäußert, Vortrag brisanten Inhalts halten wollte.

Allmählich wird es für Bekker und seine Crew klar, dass es sich um spektakuläre Dinge im Umfeld des Dopings handeln muss, die dazu führen, dass soviel Arbeit auf den Kommissar zukommt,  er sich somit kaum um die Planung der Feier zu seinem 60. kümmern kann. Ihm rauscht der Kopf trotz Gauloises, Espesso, Bier und Wein, weil er zunächst nicht erkennt, wer zu den Guten, wer zu den Bösen gehört, ahnt nur, dass etliche der Kongressteilnehmer die Nummer 4 in der Liste der Toten sein können. Und wie es sich für einen guten Kriminalroman gehört, kommt es zum filmreifen Showdown an einer der spektakulärsten Stellen in Mainz: dem Hohen Dom und speziell dem Westturm. Dabei kann unser Held Schack Bekker seine ganze Erfahrung und die Intuition ausspielen, die ihn so einmalig machen. Und ein paar Tage später und nachdem Freundin Erna ihm vom positiven Ergebnis des Schwangerschaftstest erzählt hat, feiert Schack mit all seinen Freunden am Rosenmontag seinen 60. Gebutstag. Wie es bei Mainzern so üblich ist, wird dabei mal wieder über Wiesbaden und die Wiesbadener geätzt.

Daraus ist zu erkennen, dass es sich um einen echten Meenzer Krimi handelt, mit viel Lokalkolorit. Wir begleiten Bekker dabei durch die alten und schmalen Gassen der Mainzer Altstadt, steigen die Treppe im Frankfurter Hof hoch, essen bei FischJackob in der Fischtorgasse ein Fischbrötchen, gehen mit ihm zu seiner Wohnung in die Fischgasse.

EINSCHUB: Für einen Wiesbadener wie ich es bin und der sich ab und zu inkognito in die Mainzer Altstadt wagt, das Auto mit dem WI weit weg geparkt, eine hübsche Szenerie für einen Krimi.

Andererseits ist dieser fünfte Fall, bei dem Schack Bekker im Schatten des Doms ermittelt, ein Plot aus der großen Welt des Dopings, über synthetische Steroide, die sich schwer nachweisen lassen und deren Geschichte angefangen hat mit der BALCO-Affäre. Forscher-Eitelkeit und Liebschaften unter den Wissenschaftlern und die Erkenntnis aus Kleists „Der zerbrochene Krug“, dass jedwedes Übel ein Zwilling ist, treibt die Handlung. Diese Erkenntnis des Schack Bekkers zeigt, dass er nicht nur der zuweilen schrullige, in Mainz und Erna verliebte alternde Kommissar ist, sondern auch in der Welt der Literatur zu Hause ist, durchaus mit einer gehörigen Portion Intellekt ausgestattet, sodass Plattitüden wie bei schlechten Büttenreden nicht vorkommen.

Wenn mich denn beim nächsten Fall für Schack Bekker jemand fragt: „Wolle mer’n eroilasse?“, werde ich die Frage natürlich mit „Eroi mit’m!“ antworten.

Ein amüsanter Krimi zu einem brisanten Thema!

— O —

Peter Jackob: Am Limit, erschienen 2018 im Societäts Verlag

— O —

Weitere Schack-Bekker-Krimis, besprochen auf KrimiLese:

Schotten dicht (2014)

Verschossen (2016)

Andere:

Jackob, Peter – Das Geheimnis von Compton Lodge – Ein Sherlock Holmes Roman (2012)

Jackob, Peter – Kilju (2014)

 

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Viveca Sten: Flucht in die Schären

Häusliche Gewalt im kriminellen Umfeld ist das Thema, über das Viveca Sten in ihrem neuesten Kriminalroman erzählt.

9783462318586_10Es ist Mina, die in ein Frauenhaus in den Schären vor Stockholm auf Anraten von Nora Linde vor ihrem Ehemann Andreis flüchtet. Mina leidet unter der häuslichen Gewalt des als Kind aus Bosnien geflüchteten Drogenbosses, den Nora wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung anklagen und hinter Gitter bringen will. Als Chefanklägerin der Behörde für Wirtschaftskriminalität, tut sie sich schwer, eine Anklage wegen dieser Delikte und anderer Kapitalverbrechen zu erstellen, damit Andreis für längere Zeit seine Geschäfte nicht mehr pflegen kann, doch der ist clever, wird zudem  von einer erfolgreichen Strafverteidigerin vertreten.

Da passiert es – das muss man leider so sehen – gerade zur richtigen Zeit, dass der Kriminelle seine Frau krankenhausreif, fast zu Tode geprügelt hat. Gute Chancen Andreis langfristig hinter Gitter zu bringen bestehen nur, wenn Mina gegen ihren Gatten aussagt, doch dafür – und darin unterscheiden sich Fiktion und Realität nicht – stehen die Chancen schlecht.

Nora Linde hat in diesem 9. Kriminalroman, der auch dieses mal den Untertitel „Ein Fall für Thomas Andreasson“ trägt, eine gewichtige Rolle. Vieles hängt von ihrem Geschick ab, dass Mina kooperiert. Gegenspieler Andreis versucht, mit allen, ihm als Kriminellen zur Verfügung stehenden Mittel das zu verhindern. Unterstützt wird er dabei von seiner ebenfalls skrupellosen Verteidigerin.

Somit stellt Viveca Sten mit „Flucht in die Schären“ ein von Brutalität geprägtes Szenario dar, weit entrückt von der einstigen „Cozy-Sandhamn-Atmosphäre“ der ersten Bände dieser Reihe. Dabei spielt Thomas Andreasson nur noch eine untergeordnete Rolle, obwohl der 9.Band dieser Krimireihe wie üblich untertitelt ist mit „Ein Fall für Thomas Andreasson“. Die gescheiterte Ehe von Thomas mit Pernilla und die Konsequenzen beim Umgang mit dem gemeinsamen Sorgerecht für ihre Tochter prägen hier das Bild von Thomas, der zudem frustriert ist von den Sparmaßnahmen im Polizeiapparat. Auch Nora Lindes gescheiterte Ehe wird ab und an thematisiert.

Im Mittelpunkt aber steht der Wille Andreis‘, mit allen Mitteln seine Frau Mina und den gemeinsamen kleinen Sohn wieder zurückzuholen sowie die Angst Minas vor ihrem prügelnden, tretenden Ehemann und ihre scheinbar nicht enden wollende Loyalität zu diesem Brutalo. Ein Brutalo, der im Bosnienkrieg als Kind traumatisiert wurde, was sein Verhalten gegenüber seiner Frau in keiner Weise rechtfertigt. Diese Bosniengeschichte wird stückweise in die Handlung per kurzen Kapiteln eingebunden.

In den über 130 Kapiteln der eigentlichen Handlung ist der Verlauf nahezu vorhersehbar und birgt wenig Überraschungen. Andreis dreht an der Gewaltschraube. Mina weiß nicht, was für sie und ihren kleinen Sohn die beste Überlebensstrategie ist, wird geplagt von Zweifeln, hat wenig Hoffnung auf einen guten Ausgang. Nora arbeitet unterstützt von der Polizistin Leila verbissen daran, für Mina und deren Sohn eine lebenswerte Perspektive ohne Andreis zu entwickeln. Und weil man als Leser den Ablauf der Geschehnisse erahnt, hangelt man sich von einem Cliffhänger am Ende eines Kapitels zum nächsten in der Gewissheit, dass die Geschichte letztlich – oder zumindest zunächst – gut ausgeht. Das können wir von Viveca Sten und dank ihrer Protagonisten Nora Linde und Thomas Andreasson erwarten.

Viveca Sten stellt hier häusliche Gewalt in einer extrem brutalen Situation dar, die in diesem Fall Mord nicht ausschließt. Beziehungstaten, die dermaßen eskalieren, so lesen wir es irgendwo im Laufe der Handlung, enden in Schweden jährlich 20-4o Mal tödlich (in Deutschland – war kürzlich in der Zeitung zu lesen – sind es weit über 100 pro Jahr). Viele der zigtausend Fälle häuslicher Gewalt, die jedes Jahr in unserem Land passieren, sind für die Betroffenen sicher nicht minder dramatisch und so schließe ich mich Viveca Sten an, die am Ende des Buches in einem Nachwort schreibt: „Unterstützung für betroffene Frauen bieten zahlreiche Organisationen an . Schnelle Hilfe finden Sie im Internet.“

Ein Buch, das das Thema häusliche Gewalt und das Scheitern großer Liebe ausführlich behandelt, als Kriminalroman zu geradlinig am Handlungsstrang ohne Abschweifen auf falsche Fährten und andere Spannungselemente entlang erzählt, ohne die Finessen, die ich von einem spannenden Kriminalroman erwarte.

 

— O —

Viveca Sten: Flucht in die Schären – Ein Fall für Thomas Andreasson

Erschienen 2018 bei Kiepenheuer & Witsch, aus dem Schwedischen übersetzt von Dagmar Lendt

 

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar