(Ein oder) kein kulinarischer Krimi – Tom Hillenbrand: Gefährliche Empfehlungen

IMG_6647Zwar wird dieser Kriminalroman im Untertitel „Ein kulinarischer Krimi genannt“, aber wo der luxemburgische Koch Xavier Kieffer ermittelt, ist längst nicht so viel Kulinarisches drin, dass sich dieser Krimi so nennen sollte. Kieffer-Freunde werden sich über den Schnüffler auch in diesem fünften Buch der Reihe amüsieren, ihm die Daumen drücken, dass er das Geheimnis des 1939er Ausgabe des „Guide Gabin“ lüftet, das den Besitzern Ungemach und gar den Tod bringt.

Aber das Geheimnis – soviel sei verraten – ist ein ganz anderes, als bei einem „kulinarischen Krimi“ zu vermuten ist. Kieffer hat neben der Führung seines Restaurants und der Pflege seiner Beziehung zur Gabin-Erbin ganz anderes zu tun, als sich um Huesenziwwi und Gromperekicheler zu kümmern. Sein Weg geht in die Vergangenheit, speziell in die Zeit des zweiten Weltkriegs, mit einem Ereignis, an dessen Klärung selbst der (fiktive) gegenwärtige französische Präsident in höchstem Maße interessiert ist. So wird Kieffer in konspirativen Treffen gebrieft, gerät – wie nicht anders zu erwarten – in großen Schlamassel, nachdem der Meisterkochdetektiv lange nichts fand, was zur Lösung des Geheimnisses führte.

„Bisher habe er noch nichts gefunden. Allerdings wußte er auch nicht, was er eigentlich suchte“. Aber Kieffer wäre nicht Kieffer, wenn er nicht wie das Trüffelschwein den Schlauchpilz das Geheimnis erschnüffeln würde. Und dann:

Schließlich sitzt unser Held in der Gartenlaube zusammen mit seinem besten Kunden Vatanen bei Friture de la Moselle, daneben auf dem Tisch ein Salat, eine Fenchequiche, Oliven und ein Stück Ham, Luxemburger Schinken aus Ösling. Dazu gibt’s Weißwein und den Blick auf die Alzette. (Also doch ein bisschen Kulinarisches). Zur gleichen Zeit könnte in Paris der Präsident vor die Hunde gehen, während die Schicki-Micki-Systemgastronomie von Kieffers altem Kumpel Esteban in Berlin die Gästee mit einer Horrorsoße schockt.

Mit dem Seitenhieb auf die auf die neue Erscheinungsform der Gewinnmaximierung per System und Automatisierung in der derzeitigen Gastronomieszene hat der Autor dann auch in diesem Buch ein Stückchen Food/Gastronomie/Gesellschaftskritik geübt, dieses Mal traf es also nicht einen Lebensmittelkonzern wie Nestlé oder die Verantwortlichen für die Vernichtung der Bestände des Blauflossen- und des Roten Thuns.

Xavier Kieffer dagegen wird für seine Verdienste um die Erhaltung regionaler Speisen, besonders das Huesenziwwi, geehrt. Somit ist die Welt, zumindest um das Deux Eglises und seinen umtriebigen Meisterkochdetektiv wieder in Ordnung. Ein braver Ausgang der Story, die zeitweise einem Politthriller sehr nahe kam und keinesfalls als kulinarischer Krimi goutiert werden kann. Und wer nicht auf Kulinarik in diesem Roman fixiert ist, kann sich an dieser Zusammenstellung vorzüglich erquicken.

— O —

Erschienen 2017 bei Kiepenheuer & Witsch

Weitere Krimis der Xavier-Kieffer-Reihe:
Teufelsfrucht (2011)

Rotes Gold (2012)

Letzte Ernte (2013)

Tödliche Oliven (2014)

 

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Von seltsamen Typen und herrlichen Freizeittipps in Oberhessen – Berd Köstering: Mörderisches Oberhessen

IMG_6653Es sind seltsame Typen, die in Oberhessen ihr Unwesen treiben – oder zu treiben scheinen. Bernd Köstering stellt in 11 Kurzkrimis derartig eigenartigen Vögel und üble Verbrecher sowie ihre Taten in Oberhessen vor.
Wüßte man nicht, dass es fiktive Protagonisten sind, die ihrer Verbrechen überführt werden – oder auch nicht -, könnte man glauben, in Oberhessen gebe es diese höchst unterschiedlichen Menschen, vor denen man sich fürchten müßte. Sie führen dazu, dass es in diesem Buch ein breites Spektrum an Kurzgeschichten gibt. Mal sind die Storys gruselig, mal amüsant. Skurrile Situationen beschreibt Köstering ebenso wie märchenhafte oder fesselnd spannende. Den Verbrechen auf der Spur sind dabei Personen wie du und ich. Pfiffig wie Miss Marple oder argwöhnisch wie ein amerikanischer Schlapphut, raffiniert oder ein wenig unbedarft vorgehend.
Verknüpft sind die Kurzkrimis mit über 100 Freizeittipps am Ort der Geschehen oder in unmittelbarer Nähe der Taten und Detektivarbeiten. Das ist mal ein Maislabyrinth, ein reizvoller Marktplatz mit altem Rathaus, ein Restaurant oder Sehenswürdigkeiten wie der Sprudelhof in Bad Nauheim. Auch auf zu bestimmten Zeiten stattfindende Veranstaltungen wird hingewiesen. Einige Orte wie Bad Nauheim sind weltbekannt, andere wie Gedern werden durch eine dieser Geschichten erst in das Licht der Öffentlichkeit rücken. Es sind gleichermaßen interessante Geschichten und Freizeittipps, nicht nur für Oberhessen und Anrainer aus dem Rhein-Main-Gebiet.
— O —
Erschienen 2017 im Gmeiner-Verlag
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Friedrich Ani (kann auch anders): Trilogie in Blau

20170829_142010Friedrich Ani kann nicht nur Kriminalromane schreiben. Zwar ist er vielen Lesern bekannt durch die Vermissungen, die Kommissar Tabor Süden aufklärt. Zudem gibt es etliche Krimis von ihm, in denen Süden nicht ermittelt.

Als Lyriker und Drehbuchautor wirkt Ani, Jugendromane und Bühnenstücke hat er geschrieben.

Und nun das: Eine Trilogie über Saufköppe.

Eigentlich brauchen wir diese Geschichten nicht, in denen abgewrackte Typen in versifften Spelunken über sich, das Leben, Frauen, Gott, Bierdeckel und die Welt zumeist in Monologen vor sich hin philosophieren. Sollen sie ein Mosaikstückchen unserer Gesellschaft sein, Mitleid erregen oder aus der hintersten Ecke unserer Seele an pseudokonservative Werte erinnern?

Andererseits: wären diese Miniaturerzählungen Teil eines Tabor-Süden-Romans, würden wir die Verzweifelung, die Aussichtslosigkeit oder die Resignation eines alkigen Individuums verstehen, mit ihm empfinden, in welcher beschissenen Situation diese Person steckt. Derartige Passagen würden jedoch dazu verdammt sein, als Nebensache im Roman unterzugehen.

Uneingebunden erzeugen diese kurzen Aufnahmen dagegen vordergründig Ekel und Abscheu.

Und trotzdem, irgendwie haben Eddie, der Stüberlbewohner und Holger einen gewissen Charme, trotz, wohl aber auch wegen ihrer frechen Art, die Schrulligkeit oder  der Weise, wie sie den Platz am Rande der Gesellschaft besetzen.

Eigentlich und irgendwie also doch lesenswert.

 – – O – –

Erschienen  bei/als Literatur-Quickie

 

 

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Kristina Ohlsson: Schwesterherz

Was ist das Faszinierende, das uns zu Beginn merken lässt, dass es sich um einen spannenden Thriller Handelt? Der erste Satz, das Anfangsszenario, der erste Mord?

IMG_6644In Schwesterherz ist es das Anfangsszenario der erste Teil einer Abschrift eines Interviews, das der Anwalt Martin Brenner einem Journalisten gegeben hat. Das Interview fand in einem Hotelzimmer auf Wunsch von Brenner statt. Und von den ersten Worten Brenners ist klar: Die Geschichte, die der Anwalt zu erzählen hat, ist schier unglaublich. Er kämpft mit Worten darum, die Version des Ganzen darzustellen. Wie er die Worte wählt, lässt erahnen, dass es eine besondere Geschichte ist. Zwar mit Klischees beladen, wie Brenner ausführt – mit unaufgeklärten Morden, einem mächtigen Drogenboss und ihm selbst als sexsüchtigen erfolgreichen Anwalt -, eine, die noch nicht erzählt wurde.

Dann beginnt Brenners Monolog, etliche Male im Laufe des Buches unterbrochen von einem kurzen Ausschnitt aus der Abschrift des Interviews.

Am Anfang dieser Geschichte betritt ein Mann das Büro des Anwalts und bittet Brenner, den Fall einer fünffachen Serienmörderin zu übernehmen. Sie ist die Schwester des Besuchers. Besser: Sie war die Schwester des Besuchers, denn sie ist beim Sturz von einer Brücke ums Leben gekommen, angeblich ein Suizid. Sie hinterließ einen kleinen Jungen, der allerdings seit dem Todesfall verschwunden ist. Ob er noch lebt, soll Brenner bei seinen Recherchen, die dazu führen, dass der Fall wieder aufgenommen wird, ermitteln. Der Bruder behauptet, dass seine Schwester keine fünffache Mörderin ist, obwohl sie alle Morde gestanden hat. Er hat auch eine Fahrkarte mitgebracht, die beweisen soll, dass sie, Sara Tell – von der Presse vor ihrem Verfahren und seitdem Sara Texas genannt, weil die ersten zwei Morde in Texas geschahen – für den ersten Mord ein Alibi hat. Doch diese verworrene Geschichte weckt das Interesse Brenners. Zunächst halbherzig nimmt er das Mandat dennoch an.

Danach wird er mit in diesen Fall hineingezogen, scheint Teil eines großen Verbrechens zu werden, gerät selbst ins Visier der Polizei in Schweden, dem Ort dreier Morde, die Sara Texas gestanden hat.Und wenn auch dieser Ausdruck arg strapaziert wird, er gerät in einen Strudel, der ihn und sein Liebstes an den Rand des Verderben bringt. Die Geschichte geht zunächst gut aus, aber dieses Ende ist nur das Ende des ersten Akts, der mit einem Folgeband Bruderlüge, der inzwischen erschienen ist, fortgesetzt wird.

In Schwesterherz gerät Martin Brenner trotz all seiner Cleverness in die Abhängigkeit eines Phantoms, das sich Lucifer nennt. Hinter allem Bösen um Sara Texas steckt Lucifer. Sein Einfluss reicht von den USA bis nach Schweden, bis nach Stockholm und auf die Schären. Trotz vieler Versuche gelingt es Brenner nicht, ihn zu identifizieren. Und so treibt der Teufel sein Spiel mit dem Anwalt, dem immer wieder gesagt wurde, er solle die Geschichte um Sara Texas Schuld oder Unschuld ruhen lassen. Aber Brenner kann das nicht. Zu sehr steckt er mittendrin im Schlamassel. Ob er sich daraus befreien kann, ist vielleicht in Bruderlüge zuerfahren oder auch nicht.

Mit dem ersten Teil der Martin-Brenner-Reihe zeichnet Kristina Ohlsson das Bild eines menschen, der sich zunächst widerwillig oder bestenfalls halbherzig in eine Geschichte begibt, die er dann nicht mehr selbst gestalten kann, in der seine Aktionen von einem Unbekannten überwacht und sein Leben von diesem mehr und mehr bestimmt wird.

Wer ist Lucifer? Manchmal meint man, die Lösung zu haben, aber dann ergibt sich doch wieder eine Wendung, ein neues Rätsel.

Ich will die Lösung, ich will Bruderlüge

O – – – O – – – O

Originaltitel: Lotus Blues (Schweden 2014), dt. 2017 ( Übersetzung: Susanne Dahmann)

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Deutscher Polar

„Crowdfunding für den deutschen Polar. Der Polarverlag ist eine wichtige Bastion in der deutschen Krimilandschaft. Oder ein scharfes Pflänzchen, das Wasser und Golddünger benötigt.“

So hat es Tobias Gohlis, Journalist und einer der renommiertesten (Krimi-)Literaturkritiker treffend ausgedrückt.
Dem stimme ich uneingeschränkt zu.

Mehr über diese Aktion: https://wemakeit.com/projects/deutscher-polar

„Mit seinen anspruchsvollen Krimis internationaler Autoren abseits des Mainstreams zu einem der führenden Independent-Verlage in Deutschland entwickelt.“ (Aus der Vorstellung des Crowdfunding-Projekts)

Dies sind die (meistens) der bisher im Polar Verlag erschienenen Bücher internationaler Autorinnen und Autoren:

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Dieses Regal würde ich gern um eine Reihe mit Büchern dieser Art von deutschen Autor*innen erweitern. Helft mit, dass dieses Pflänzchen gedeihen kann.

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Ein Kurzkrimi sowie Tragikomisches oder Komitragisches von Carlo Schäfer: Schmutz, Katz & Co. Das erzählerische Werk

20170727_152719Ey, ich lieb Carlo Schäfer. Isso! Wasweißich! (Adaptiert von „Kurpfalz is Himmel).

Und nebenbei: Carlo Schäfer ist (im) Himmel. Das ist sehr bedauerlich, ist doch diese, nach seinem Tod erschienene Sammlung köstliche Unterhaltung – und mehr gibt es in dieser Art wohl nicht von ihm. Sie beinhaltet jede Menge Tragik, die verknüpft ist mit Komik. Anders herum passt es ebenso: Komik, verknüpft mit Tragik. Wierum man es sieht, es ist Wurscht,

Es sind skurrile, groteske Ereignisse, die Schäfer beschrieb. Sie kommen daher, auf den ersten Blick völlig überzogen, unrealistisch, dazwischen kleine Spritzer Realität, die schwellen wie der Körper von Katz, der schließlich platzt. Und so strotzen diese Geschichten vor zunächst nicht erkennbarer Realität.

Dies sind die Geschichten:

Der Kurzkrimi: Kinder & Wölfe

Ein kleiner Junge verschwindet in einem kleinen fiktiven Kaff im Kaiserstuhl, wird tot in einem Brunnen aufgefunden. Der Knabe, ein Monster, dessen Eltern überfordert mit ihm und sich selbst waren. Das Umfeld:

  • ein evangelischer Pfaffe, der weder Beruf noch sein Leben auf die Reihe bringt, zwangsversetzt in ebendieses Kaff, in dem er nach Ansicht seines Dekans und Bischofs nichts mehr falsch machen kann. (Kann er aber doch).
  • Die Bevölkerung mit Ureinwohnern (überwiegend Winzern) und Zugezogenen (wie die Familie des toten Knaben)
  • die Kirche, zwei Kneipen.Wie häufig es häufig ist in Krimis, steht hier nicht das Verbrechen und dessen Aufklärung im Vordergrund, sondern Pfaffe und Umfeld. Carlo Schäfer zeigt die scheinbare, scheinheilige Idylle der Provinz, nicht des Kaiserstuhls, er hätte auch ein Plätzchen in der Lüneburger Heide für Pfarrer Schmutz aussuchen können. Schmutz, der seinen Namen mit langem U gesprochen haben möchte. Es wäre der gleiche Schmutz, das gleiche Umfeld, nur ohne Wein, stattdessen Wacholderschnaps.

Die Novelle: Lehrer Dr. Katz

Oder fahren wir nach Waldheim, ein anderer fiktiver Ort, mitten im Land, mitten in einer anderen öden Provinz. Dr. Katz hat es schließlich zu etwas gebracht. „Ich habe es schließlich zu etwas gebracht“, ist sein Mantra. Mantra eines Gymnasiallehrers, der seit Jahren auf der Abschussliste seiner Vorgesetzten steht. Die Unfähigkeit in Person, bei der das Peters Prinzip bereits im Kindergarten zu wirken begonnen hat. Nun, ignoriert vom Kollegium, belächelt und verarscht von seinen Schülern, mit mehr Fehl- als Unterrichtstagen am Schulbetrieb teilnehmend, säuft sich – erbarmungswürdig – der lebensverbeamtete Dr. Katz sein Leben schön. Tritt in jedes Fettnäpfchen, wenn er denn irgendwo hintritt, denn meistens macht er nur eins: Nichts. Ja, was soll man da als Leser sagen? Man könnte in Begeisterung ausbrechen, denn diese Katzens, die gibt es ja wirklich – oder nicht, oder nur teilweise. Die eine oder andere Macke an gewesenen oder heute noch real existierenden Lehrern haben wir schon erlebt, auch die Reaktionen von Schülern, Eltern, Kollegium sowie das Aussitzen im Umgang mit Katz & Co durch Schulleiter und -behörde. Wo endet hier der Realismus, wo beginnt der „Wahnsinn des Alltags“ (übernommen aus dem Vorwort zum Buch von Thomas Wörtche)?

 

Der Miniaturroman: Der Tod dreier Männer

In drei Kapiteln stirbt jeweils ein Mann. Jeder ein eigenartiger Typ:

  • einer, der platzt. Dessen letzte zehn Tage seines Lebens wir erleben.
  • ein anderer Dicker, der seinen Job schmiss und sich noch einmal (oder überhaupt zum ersten Mal) verliebt. Das hilft ihm jedoch nicht. Er stirbt trotzdem, nicht ohne einen Nachruf verfasst zu haben, in dem er der Nachwelt gute Ratschläge für ein besseres Leben gibt, das er sich nicht gegönnt hat/das ihm nicht vergönnt war.
  • Schließlich König David oder David, der von einer unheilbaren Krankheit in den Tod getrieben wird, vorher noch Marc kennenlernt und die letzte Zeit häufiger diesem wirr erscheinendes Zeug erzählt. Und Marc ist es, der uns diese Zeit mit David erzählt.

Zusammengehalten werden diese drei Kapitel resp. Tode wenig. Nun ja, der Tod vereint die drei Typen. Aber dann taucht im vierten Kapitel jemand auf, den wir bereits bei zwei der damals noch Lebenden (und nun Toten) bereits kennengelernt haben, einer,  der von Theodizee spricht und so nicht nur Leben und Ableben des Geplatzten, des Verliebten und des Wirren erklärt, sondern auch noch sich selbst und die Welt überhaupt.

 

Die Erzählung von Gazmend, dem Kurpfälzer mit den kroatischen Wurzeln: Kurpfalz is Himmel

Die Sprache von Gazmend ist himmlisch, seine Gedanken himmlischer, was erzählt wird heiter-fies. Das Leben zwischen Kumpels in Kurpfalz. Prollige Prosa eines jungen Mannes, der die Kurpfalz und sein Mannheim mit dem Herzen sieht. Die Sprache mag abgedroschen, schon häufig von Erkan & Co malträtiert worden sein, aber bei Gazmend beinhaltet sie bei allen Malessen, die er mit seinen Freunden hat, eine Liebeserklärung. Und die wirkt – Gazmend würde es nicht so ausdrücken – „authentisch“. Er hat es immer schon gewußt: „Kurpfalz is Himmel!“

Ey, ich schwör, voll krass Geschichten von dem Carlos. // Ich versichere, es sind herrliche Geschichten von Carlo Schäfer.

Sie sind der Wahnsinn. Sie strotzen, strotzen vor Tragik und Komik, vor Herzlichkeit und Bissigkeit, mit Protagonisten, die geliebt und verabscheut werden können.

Eine größere Vielfalt in dieser Form habe ich selten oder nie innerhalb zweier Buchdeckel erlebt.

Deshalb: Ey, ich lieb Carlo Schäfer. Isso! Weißich! Müßt ihr lesen.

— O —

Carlo Schäfer: Schmutz, Katz & Co. Das erzählerische Werk

mit einem Vorwort von Thomas Wörtche

CulturBooks Verlag (2016), als gedrucktes und elektrisches Buch erschienen

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Leif Tewes: Blutzucker

20170507_111242Wir wissen es! Die wahren Betrüger,  Profitgeier und Kriminellen sitzen in der Pharma- und Lebensmittelbranche, bzw. diese Industriezweige sind es, die besonders verwerflich ihre Geschäfte betreiben. Und immer wieder stört es diese Eichen nicht, wenn sich Umweltorganisationen, Verbraucher und Verbraucherschützer oder gar Krimiautor*innen daran reiben. Nun wetzt sich auch Leif Tewes daran.

(An dieser Stelle ein Coming-out: Ich war Zeit meines Arbeitslebens Teil von zwei der größten Eichen, habe unter Beobachtung von UNICEF, GREENPEACE, der österreichischen Staatsanwaltschaft und anderer, meinen Arbeitgebern nicht sonderlich wohlgesonnener Organisationen und Personen gearbeitet und bis ins Rentenalter überlebt).

Blutzucker ist ein Thriller, der in diesem Milieu spielt. Und hierbei erleben nicht alle Akteure ihren Ruhestand, sondern werden auf die eine oder andere Art von ihren verbrecherischen Geschäften entbunden. Der eigentliche Skandal – das Verbrechen – hierbei ist, dass ein riesiger Konzern – WorldFood -, der sowohl in der Lebensmittelbranche als auch in der Pharmabereich tätig ist, eine Art Crossmarketing iniziiert, bei dem Lebensmittel so konditioniert werden, dass aus irregeführten Verbrauchern Patienten werden, deren Krankheit durch Medikamente der Pharmasparte behandelt werden sollen. Das ist eine perfide Firmenstrategie, die dieser Konzern mit allen Mitteln versucht, geheim zu halten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es gefährlich ist, auf diesem Gebiet zu recherchieren. Da kann schon mal eine Bombe hochgehen und das Leben einer Journalistin auslöschen, die an der Aufdeckung dieser Machenschaften arbeitet. Sie war die Freundin des Lebensmittelchemikers Paul Hartmann, der an der Entwicklung eines speziellen Rohstoffes bei WorldFood arbeitet. Und während Paul, durch den Tod seiner Freundin vom Saulus zum Paulus wird, gibt es noch Kommissar Berg, den Ermittler alten Schlages, und sein modernes Gegenstück, die Kollegin Landers, die just durch ein anderes Verbrechen in Umfeld der Firma hineingeworfen werden in gefährliche Ermittlungen, die sie von Frankfurt aus nach Kolumbien führen.

Der Klappentext beschreibt, dass Leif Tewes den Leser mit dem aktuellen Thema „Zucker in Lebensmitteln“ konfrontiert und der Blick hinter die Kulissen von Großkonzernen Foodherstellern und Pharmaunternehmen erschreckend sei.

Geschrieben hat der Autor eine interessante Fiktion, bei dem er nicht nur auf allgemein bekanntes Geschäftsgebaren dieser beiden verknüpften Branchen zugreift, sondern darüber hinaus auch Situationen darstellt, die sich aus diesem Verhalten durch die Hierarchieebenen derartiger Unternehmen ergibt. Ober schlägt Unter. Wer nicht mitmacht, fliegt, bestenfalls endet er in der Besenkammer eines solchen Konzerns. Zweifel müssen ausgeräumt werden, Selbstzweifel führen zum Scheitern. So funktioniert es oftmals in den Führungsebenen von oben nach unten – übrigens auch im öffentlichen Dienst wie der Polizei, auch Berg ist davon betroffen. Dieses Bild zeichnet Leif Tewes exakt.

Die Firma WorldFood, da gibt es einige Hinweise wie „Wassergeschichte“, die den Namen der fiktiven Firma als Synonym für „Nestlé“ erscheinen lassen – aber das ist nicht ungewöhnlich, denn wen interessiert schon eine Story um den Bäcker im Dorf, der tote Fliegen in die Rosinenbrötchen backt -, agiert dagegen in diesem Roman in einer skandalösen Weise, wie ich es heute noch nicht für möglich halte. Sowohl in der Lebensmittel- als auch in der Pharmaindustrie werden noch immer fette Gewinne eingefahren. Sie gehen nachweislich zu einem Teil zu Lasten der Verbraucher und der Patienten. Das geschieht neben diesem perfiden Erfindungsreichtum hierzulande dank einer hervorragend organisierten Lobbyarbeit und einer Politik und den von ihnen geleiteten Behörden und Ämtern, die überfordert sind dieses gefährliche Spiel zu erkennen oder die es – aus welchen Gründen auch immer – mitspielen.

Basierend auf dem, was heute in der Welt der Lebensmittel und Pharmazeutika geschieht, hat Leif Tewes eine Fiktion beschrieben, die durchaus in ähnlicher Form real werden könnte. Welche Methoden zur Vertuschung solcher Manipulationen angewendet werden, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass wir sensibilisiert und davor geschützt werden. Verweise der Firmen auf Kodizes und Compliance sind bis heute Blasen, die nicht so schnell platzen werden.

Und bei aller angesprochenen Problematik: Blutzucker ist ein Roman voller Spannung, nicht nur in der Welt der Skandale, sondern auch in dem Geflecht menschlicher Beziehungen und Abhängigkeiten am Arbeitsplatz. Gut recherchierte, präzise beschrieben!

— O —

Leif Tewes: Blutzucker, Roman noir, erschienen 2017 im Größenwahn Verlag

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