Stephan Lucas: Täter und Opfer

In diesem Buch werden wahre Verbrechen aus dem Blickwinkel der Opfer beschrieben. Stephan Lucas‘ These ist dazu: „In allen Fällen wurde von den späteren Opfern eine rote Linie überschritten, und das Verhängnis nahm seinen Lauf.“ In meinen Augen eine nicht immer zutreffende Meinung!

Im ersten dargestellten Fall trifft sie zu: Ein Autofahrer provoziert einen anderen, von dem er dann verfolgt wird. Die Angelegenheit eskaliert so, dass der Provozierte seinem „Gegner“ irreparable Gehirnschäden schwerster Art zufügt. Hätte die Provokation nicht stattgefunden, wäre die rote Linie vom späteren Opfer nicht überschritten worden, wäre es zu diesem Fall vermutlich nicht gekommen. Ein klarer Fall, der die Lucas’sche These stützt.

In einem weiteren Fall, Missbrauch eines Kleinkindes im Kindergarten, sehe ich das Übertreten der roten Linie dagegen nicht. Den Eltern Arglosigkeit oder Sorglosigkeit vorzuwerfen, halte ich für nicht gerechtfertigt.

Kurios auch die Sicht des Autors, die er im Nachwort schildert – eine eigene Erfahrung. Auf der Suche nach seinem Auto nach einer Party, begegnet er zwei dubiosen Typen. Beim zweiten Zusammentreffen wird er von ihnen „angemacht“. Letztlich kommt es zu keiner Straftat. Lucas ist allerdings der Ansicht, er habe die rote Linie in dem Moment überschritten, in dem er nicht mehr genau wusste, wo er sein Auto geparkt hatte. Aus meiner Sicht sieht es so aus, dass der Fachanwalt für Strafrecht seine These so hingebogen hat, dass sie passend erscheinen soll.

Ausgehend von diesen Fällen überlege ich mir nun, was die Opfer, die sich unter #Me Too sehen, von dieser These halten.

Für mich ist die allgemeine Anwendung dieser Mitbeteiligung der Opfer an einer Tat durch eine aktive Initialisierung so nicht nachvollziehbar. Und ob Arglosigkeit bewirkt, eine rote Linie zu überschreiten, bezweifele ich aus Opfersicht ebenso. Aus der Sicht eines Strafverteidigers – Lucas rühmt sich, in den zurückliegenden 25 Jahren in weit mehr als 4.000 Fällen die Verteidigung übernommen zu haben und sagt: „In fast allen Fällen zeigte sich, dass die Opfer zu Beginn arglos, sorglos oder gedankenlos handelten“ – mag das so sein.

Abgesehen davon gibt Stephan Lucas tiefe Einblicke in den Ablauf von ersten Anzeichen für ein bevorstehendes Verbrechen und die Verfahren, die bei Polizei und Staatsanwaltschaft anlaufen, wenn eine Straftat dann passiert ist.

Dennoch ist das Buch wertvoll, weil es die Leserschaft sensibilisiert, rote Linien zu erkennen und ein Überschreiten zu vermeiden. So erfährt man wie Risiken, Opfer einer Straftat zu werden, minimiert werden können.

– – – O – – –

Stephan Lucas: Täter und Opfer, erschienen im Droemer Verlag (2022)

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Marcus Schwarz: Der Tod im Anflug

Nach Wenn Insekten über Leichen gehen ist jetzt ein weiteres Buch des forensischen Entomologen Marcus Schwarz erschienen, in dem der Autor ausgehend von seinen Erfahrungen in der Wundballistik über Schusswaffen und deren Wirkung am Menschen berichtet.

Neben einigen interessanten Fällen, bei denen ein unnatürlicher Tod nach einer Schussverletzung festgestellt wurde, erfahren wir in diesem Werk hauptsächlich, was bei der Ermittlung solcher Taten in der Forensik beachtet werden muss und was die Grundlagen der Arbeit daran sind.

So ist der Ballistik ebenso ein Kapitel wie den verschiedenen Schusswaffen, der Projektile und der Munition sowie den unterschiedlichen Kalibern und den Treibmitteln gewidmet. Dazu erklärt Schwarz die verschiedenen Todesursachen bei Schutzverletzungen, wobei nicht jeder Schuss zum Tode führt – wie bei einem Prellschuss, Streifschuss oder einem Ricochet.

Bei der Schussrekonstruktion – so ist zu lesen – werden heutzutage keine Leichen mehr benutzt, ebenso wenig wie Schweine.

Marcus Schwarz räumt mit den immer noch verbreiteten Mythen auf und weist unter anderem darauf hin, dass es nahezu unmöglich ist, einen Hut vom Kopf eines Menschen zu schießen, von Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel ganz abgesehen.

Auch der gefährlichste Beruf der Welt wird erwähnt, der Beruf des Präsidenten der USA, vier dieser Herren starben, auf weitere wurden Attentate per Schusswaffe ausgeführt.

Der Tod im Anflug ist ein unterhaltsames Buch, in dem überwiegend der Frage „Wie funktioniert das?“ nachgegangen wird. Wenn es auch einige Male, wenn es um Rasanz oder Grenzenergiedichte geht, etwas Detail verliebt erscheint, ist es äußerst interessant und vermittelt den Einblick, was passiert bei der Abgabe eines Schusses in Richtung Mensch und was richten Projektile oder andere Geschosse in oder am menschlichen Körper an. Wie das alles funktioniert, zu welchen Ergebnissen die moderne Forensik kommt, erfahren die Leserinnen und Leser auf verständliche Weise. Gespickt ist das Ganze mit einigen Fällen aus der Praxis, die die eine oder andere physikalische Gesetzmäßigkeit und bisher Unbekanntes auf einfache Weise erkennen lässt.

Für jeden, der mehr über Ursache und Wirkung von Schüssen und die Kriminalistik danach erfahren möchte, ist dieses Buch zu empfehlen.

– – – O – – –

MARCUS SCHWARZ: DER TOD IM ANFLUG

Erschienen im Droemer Verlag (2022), mit etlichen Skizzen zur Erklärung des Geschriebenen

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Lars Lenth: Der böse Wolf von Østerdalen

In einer aufgeheizten Stimmung, angefeuert durch die verfestigten Standpunkte der Wolfshasser und der Wolfsschützer passiert es: Eine Pilzsammlerin wird von einem Wolfsrudel überfallen und zerfleischt.

Ein ersehntes Ereignis für die Wolfshasser, die Jagd auf die Graubeine machen wollen, um Norwegen von den „Bestien“ zu befreien. Es sind nicht nur die Jäger, die ihrem Jagdtrieb folgen, es gibt auch politische Motive. So passt es dem Bürgermeister gut in den Kram, dass er seinen Wählern verspricht, sich für die Jagd auf die Wölfe einzusetzen – nicht nur um den Menschen die Angst zu nehmen, sondern um auch wieder gewählt zu werden.

Andererseits arbeiten auch die Wolfsschützer nicht immer mit sauberen Methoden. Auf ihrer Seite steht Rino Gulliksen, ein Einzelgänger, für den Mensch und Tier den gleichen Wert haben, der nach seinen Moralvorstellungen die Wölfe schützt, dabei nicht zimperlich vorgeht. Sich so verhält, dass sein Freund, der Rechtsanwalt Leo Vangen, aus Oslo in die Provinz reist, um Rinos brutales Vorgehen zum Schutze der Wölfe zu verhindern.

Der böse Wolf von Østerdalen ist der dritte Band einer Reihe mit Leo Vangen als Protagonist, der aber hier nicht dominant auftritt.

Im Mittelpunkt stehen hier nicht die Personen sondern vordergründig das Thema, ob der Wolf eine Daseinsberechtigung in Norwegen hat.

Die Personen in diesem Drama erscheinen oftmals überzeichnet. Vom Dorftrottel, der als stellvertretender Bürgermeister von der Gnade seines Chefs abhängt, bis zum alternden Biologen, der den Womanizer gibt. Auch der Anführer und Scharfmacher der Wolfshasser sowie Gulliksen, ein undurchsichtiger Typ, der wie alle anderen auf beiden Seiten durch eigenartiges Verhalten und sonderbares Aussehen dargestellt wird. Dazu scheinen nahezu alle Akteure Pop- und Rockmusik sowohl lokaler als auch internationaler Provenienz zu lieben, über die sie streiten und sich gegenseitig verhöhnen. Das wirkt teilweise slapstickartig, manchmal ironisch und nimmt damit die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung.

Dennoch gelingt es Lars Lenth immer wieder, die Sicht auf die Realität derartiger Feindschaften zwischen Wolfshassern und Wolfsschützern zu lenken, bei denen auf beiden Seiten mit unlauteren Mitteln bis kriminellen Handlungen zur Durchsetzung der Ziele gekämpft wird.

So ist Der böse Wolf von Østerdalen zwar Fiction, aber mit Bezügen zur Realität – ein interessanter Kriminalroman abseits des Mainstreams, mit einem Bösen Wolf und einer ungewöhnlichen Methode, einen Menschen zu töten.

– – – O – – –

Lars Lenth: Der böse Wolf von Østerdalen, erschienen im Limes Verlag (2021), übersetzt aus dem Norwegischen von Frank Zuber

Originaltitel: Menn som hater ulver (Norwegen, 2019)

3. Band der Leo Vangen-Reihe

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CHRISTINE BRAND: WAHRE VERBRECHEN – Die dramatischsten Fälle einer Gerichtsreporterin

Als seriöse Gerichtsreporterin musste Christine Brand informieren und abwägen, was von Gräueltaten berichtet werden kann ohne die Sensationslust des Publikums zu stillen. Als Krimiautorin sorgt sie mit kreativen Ideen für spannende Fiktion.

In Wahre Verbrechen erzählt die Schweizer Ex-Reporterin von ihren Erlebnissen im Gericht und bei Recherchen sowie den Gedanken, die ihr bei den Strafprozessen gekommen sind, verarbeitet beides in zum Teil sehr persönlichen, von Empathie getragenen Geschichten.

Sie betrachtet die Taten aus verschiedenen Perspektiven, denen der Opfer, der Täter, von Angehörigen und den Ermittlern. Die verschiedenen Sichtweisen geben ein Bild des jeweiligen Falles in einem Umfang, wie wir es sonst kaum erfahren.

Da ist zunächst der Mann aus der Nachbarschaft, der vier Personen tötet, die völlig ahnungslos ihrem Mörder ausgeliefert sind. Ein Mörder, bei dem die Polizei viele Jahre braucht, ihn zu überführen. Ein Täter, mit dem niemand gerechnet hatte. Ein Fall, bei dem zu erkennen ist, welche emotionale Nähe die Autorin in Laufe der Zeit zu den Opfern aufbaut, der – wie sie schreibt – ihr persönlich am nächsten ging.

In einer weiteren Geschichte berichtet sie von Niels Högel – im Buch nicht mit vollem Namen genannt -, dem Krankenpfleger, der schließlich in 85 Fällen des Mordes schuldig gesprochen wurde. Das waren allerdings nur die Taten, die ihm eindeutig nachzuweisen waren. Dieser Fall, der lange Zeit die Medien beschäftigte, wirft nicht nur die Frage auf, wieso Högel zum Serienmörder wurde, sondern insbesondere, weshalb er solange „tatkräftig“ an verschiedenen Arbeitsplätzen sein Unwesen treiben konnte. Diesen Fragen geht Christine Brand nach. Wegschauen von Kollegen und Vorgesetzten, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Versetzungen, weil man sich offensichtlich bewusst ist oder vermutet, dass die Häufung von Todesfällen in der eigenen Abteilung oder Klinik nicht natürlich sein kann, besonders wenn sie in Verbindung mit der Person Niels Högel gebracht werden können. Und als Krönung solchen Verhaltens noch die Ausstellung eines sehr guten Arbeitszeugnisses, mit dem man den Mitarbeiter zum nächsten Tatort weglobt.

Das sind Storys, die die Autorin bewegen und die sie so schildert, dass wir ebenso berührt sind, wenn wir an die Opfer denken, auch Zorn empfinden, wenn wir an die Taten oder daran denken, wie sie ermöglicht wurden.

Dann gibt es mysteriöse Fälle, auch solche, die schräg oder kurios erscheinen, insgesamt sind es sechs von denen Christine Brand erzählt.

Beim Vergleich zu anderen True Crime Storys, die zumeist von Forensikern von Benecke bis Tsokos, der „Bodyfarmer“ Bass oder Ermittlern wie Petermann & Co geschrieben wurden, fällt auf, dass hier nicht ein Wissenschaftler oder Kriminologe am Werke ist, sondern ein empfindsamer Mensch das im Gerichtssaal und bei Recherchen Erlebte erzählt, ohne dabei in Gefühlsduselei zu verfallen. Zudem vermeidet die Autorin, die Fälle ins Spektakuläre aufzubauschen, obwohl sie alle als dramatische Fälle zu bezeichnen sind.

Mögen Berichte von Bodyfarmen, aus der Gerichtsmedizin oder aus Ermittlungsprotokollen unter diversen Aspekten höchst interessant sein, die Sichtweise zu diesen wahren Verbrechen ist ebenso höchst beeindruckend.

– – – O – – –

Christine Brand: Wahre Verbrechen – Dramatische Fälle einer Gerichtsreporterin

Erschienen bei Blanvalet (2021)

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Jeffery Deaver: DER BÖSE HIRTE

Colter Shaw ist ein professioneller Prämienjäger, ein intelligenter Typ, der Risiken in Prozenten abcheckt, Kampfsport erprobt ist und von seinem Vater mit vielen Fähigkeiten zum Überleben mit und ohne Waffe sowie eigenen Lebensweisheiten vertraut gemacht wurde. Er unterscheidet sich von skupellosen Kopfgeldjägern. Colter ist ein Typ, der reflektiert und mit Empathie.

So kommt es, dass er bei der Suche nach zwei jungen Männern , die eines Hassverbrechens beschuldigt werden, seinen eigentlichen Job beiseite schiebt, als einer von ihnen, Adam Harper, ohne Not – der Prämienjäger hat ihn gestellt und will ihn vor einem korrupten Sheriff und dessen Scharfschützen schützen – zu einer Klippe läuft und in den Tod springt.

Es ist die Frage nach dem „Warum“, der Colter Shaw nachgeht. Sie führt zur OSIRIS – STIFTUNG. Wo das Gestern der Schlüssel zu einem besseren Heute und einem perfektem Morgen ist. Die Stiftung wirbt damit, Menschen aus ihrer Ausweglosigkeit bei Niedergeschlagenheit, Ängsten und Trauer zu helfen und das Leben auf fundamentale neue Weise mit Freude, Zufriedenheit und Sorgenfreiheit anzugehen. Es ist nicht viel, was im World Wide Web über die Organisation zu finden ist. Colter Shaw meldet sich unter einem Pseudonym zu einem teuren Kurs an, er will wissen, was Adam Harper in den Tod getrieben hat.

Schon beim Eintreffen erkennt Shaw, dass es sich bei der Stiftung um eine Sekte handelt, mit Meister Eli an der Spitze, einem Manipulator übelster Sorte, der an Charles Mason erinnert. Die Methode der Heilung ist der Mentizid, einfach ausgedrückt: Gehirnwäsche. Dazu gehören die Diskurse vom Meister persönlich, in dem er von sich und seinen Gottes gleichen Eingebungen verkündet, mit der er seinen Seminarteilnehmern und Jüngern vom ewigen Leben vorgaukelt, und dass der Tod ein Trugschluss sei.

Er erzählt vom Gestern – Heute – Morgen und Das Beste kommt noch, wird dabei frenetisch beklatscht von den Zuhörern, die die beiden Phrasen mantraartig skandierend gemeinsam dutzende Male wiederholen.

Dieses Szenario erlebt Colter Shaw, nachdem er herausgefunden hat, dass es aus dem Gelände der „Stiftung“ nahezu keine Fluchtmöglichkeit gibt und die Anlage von einer Vielzahl von Wärtern kontrolliert wird.

Shaw ist gefangen und es erweist sich als nahezu ausichtslos, das heraus zu finden, weshalb er in dieses Camp gekommen ist.

Was er dabei erlebt, entspricht über weite Teile des Buches – zumindest ab der Mitte – einem riesigen Showdown mit zahlreichen Ups und Downs, in denen der Held – so muss es wohl sein – bis an den Abgrund des Todes geht, dabei Meister Eli und seine Helfer entlarvt.

Einiges in diesem „Sektenroman“ mag klischeehaft erscheinen, andererseits wissen wir um das Treiben perverser, hochkrimineller „böser Hirten“, ihre Brutalität und Gier.

„Der böse Hirte“ ist ein Thriller voller Spannung, gut recherchiert und mit vortrefflich gestalteten Charakteren auf den Seiten des Bösen und des Guten, wobei nicht immer von Anfang zu durchschauen ist, wer wozu gehört.

Ein aufregender Plot. Und wenn „Das Beste kommt noch“ einmal lösgelöst von dem Versprechen des Meister Eli gesehen wird: Das Beste, ein weiterer Colter-Shaw-Thriller, könnte, ja sollte nach dem cliffhängerartigen Ende noch kommen.

– – – O – – –

Jeffery Deaver: DER BÖSE HIRTE, erschienen bei BLANVALET (2022), übersetzt von Thomas Haufschild

Originaltitel: The Goodbye Man (USA, 2020)

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Giuseppe Di Grazia (Hg.): Wahre Verbrechen

Ob alle 16 Fälle als spektakulär, wie im Untertitel ausgewiesen, bezeichnet werden können, wird jeder Leser entscheiden. Ob sie zu Deutschlands spannendsten Verbrechen gehören, wie sie auf dem rückwärtigen Einbanddeckel angepriesen sind, ebenso.

Den hart gesottenen Krimifan werden die „wahren Fälle“,von „echten Tätern“ begangen, nicht alle begeistern können.

Schon die erste True-Crime-Story strotzt vor Schlichtheit: Ein Jemand überfällt bevorzugt Banken und ermordet dabei ohne Skrupel die, die ihm im Weg stehen oder nur anwesend sind. Schuld an den Morden sind die Toten sowie die Mutter des Mörders, deren Verbote ihn aus der Bahn geworfen haben. Das Bedeutsame an diesem Fall ist, dass niemand in Deutschland solange eingesessen hat wie der Mörder, der in seiner Biografie noch immer nicht die Schuld eingesteht.

Spektakulär ist dagegen die Ermittlung im Mord des zehnjährigen Marco Schlitter, jedoch nicht wegen des Verbrechens, sondern wegen des Aufwands bei der Aufklärung. Berühmt wurde dieser Fall durch den Einsatz der größten Sonderkommission und der größten Suchaktion in der Geschichte Deutschlands. Zudem ist es wohl auch der Fall mit einem der größten Medieninteresse hierzulande im 21. Jahrhundert. Ein Fall, der in sämtlichen Medien lange Zeit überaus präsent war. Das bedeutet, dass kaum noch ein Leser dieses Buches hierüber etwas Neues erfahren kann.

Im Falle des Kokainschmugglers ist das Spektakuläre ebenfalls nicht das Verbrechen, sondern die Tatsache, das der Schmuggler ohne besondere Segelkenntnisse in einem ungeeigneten Boot die Ozeane bereist hat.

Dennoch lassen sich durchaus spektakuläre Verbrechen finden. Die Witwe Estibalitz hat durch ihre Lebenserwartung, die Morde, die Beseitigung der Toten und ihr Verhalten danach für genügend Gruseliges gesorgt. Soviel, dass gesagt werden kann, in kaum einem Film oder Roman hätte diese Story spektakulärer dargestellt werden können.

Ob die hier als „spektakuläre Verbrechen“ und „spannendste Fälle“ halten, wie die Stories angepriesen werden, bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen.

– – – O – – –

Guiseppe Di Grazia (Hg.): WAHRE VERBRECHEN – 16 spektakuläre Fälle, Penguin Verlag (2021)

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Jörg Maurer: Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt

Es ist Weihnachten im alpenländischen Kurort mit dem Doppelnamen.

Da hat Kommissar Hubertus Jennerwein sein Team auf eine Hütte oberhalb des Städtchens eingeladen. Eine ererbte Hütte, von der keiner aus dem Team weiß, dass der Chef sie besitzt. Alle sind sowohl überrascht ob dieser Einladung und der Location sowie dabei: Nicole, Maria, Hölleisen und Stengele. Die Gerichtsmedizinerin lässt sich im Rollstuhl von ihrem Freund zur Hütte schieben. Er ist der einzige, der nicht zum Team gehört. Naja, dann stößt noch ein verirrter Wanderer dazu. „Rosi“, der Oberboss“ ist ebenfalls eingeladen, will auch kommen und gar einen Ehrengast mitbringen.

Die Sause beginnt mit einer zünftigen Vesper, dazu gibt es Glühwein. Man ist sich überein gekommen, an diesem Abend die Polizeiarbeit und die Diskussion über Ermittlungen draußen vor der Tür zu lassen.

Zunächst läuft alles nach Plan. Es werden Anekdoten zum besten gegeben, die mit den Jobs der Anwesenden nichts zu tun haben, und Jennerwein gibt eine Geschichte zum Besten, was 1980 in seiner Schule geschah, als er in der 11. Klasse war. In der Adventszeit schlug der „Bomber“ täglich zu, mit Stinkbomben und anderen besonderen Düften, wobei es sich Jennerwein zur Aufgabe gemacht hatte, den „Bomber“ zu überführen. Eine lange Geschichte, die sich kapitelweise durch das gesamte Buch zieht.

Aber dann kommt es anders, als die fröhliche Schar es geplant hat.

Durch taktische Zeichen, die wohl alle bis auf die zwei Nicht-Dazugehörenden verstehen, erfährt der Gastgeber, dass Gefahr im Verzug ist. Eine Sprengstoffladung mit Zünder befindet sich in der Hütte und unter ihnen ist jemand, der mit einer Explosion das Team im wahrsten Sinne des Wortes sprengen will.

So nimmt die Geschichte ihren Lauf. Während Jennerwein seine Informationen an die Mitglieder des Teams per taktischer Zeichen weitergibt und einen Plan ausheckt, wie das Unglück vermieden werden kann, und er immer wieder eine Episode aus den Bombenattentaten in der Schule erzählt, erfahren wir, dass noch drei Snowborder in der Gegend unterwegs sind, die sich mit gewagten Übungen gegenseitig übertrumpfen – übrigens vom Autor außerordentlich kenntnisreich kommentiert. Schiss haben die drei nicht vor den Schwierigkeiten bei der Durchführung ihrer Grabs und Tricks, sondern vor der Organisation, von der sie sich verfolgt fühlen. Und dann ist da noch ein Wanderer mit drei Gewehren im Rucksack, und dann noch ……. Naja, etliche laufen in dieser Nacht in Gegend ebenfalls herum.

Irgendwann ist es soweit, ein weithin hörbarer Knall. Was dort geschieht? Es ist ein Chaos, ein Showdown, eine Schlittenfahrt!

Sieht man den Krimi als Schlittenfahrt, hat Jörg Maurer einiges auf das Gerät mit den zwei Kufen gepackt. Das bedeutet Lebensgefahr für Jedermann und jede Frau, alpenländisches Brauchtum, Mordmethoden, Drohenflug, verknüpft mit der Geschichte des „Bombers“, die dazu gehörigen chemischen, physikalischen und biologischen Bezüge, einfach alles, und auch Oper, Bierbrauen sowie die verschiedenen Arten des Rutschens über Schnee.

Zuletzt wundert sich der Leser, wie alles zusammenkommt – und es kommt zusammen.

Und das Schönste ist: Zusammen mit Jennerweins Team lernen wir den Privatmensch Jennerwein kennen, den Mann hinter dem Ermittler.

Ein typischer Krimi von Jörg Maurer mit feiner Ironie, Humor, manchmal auch deftiger Charakterisierung der Zugereisten sowie der alpenländischen Ureinwohner und deren Kultur. Ein Krimi, wie er nur dem Hirnkastel Jörg Maurers entspringen kann.

– – – O – – –

Jörg Maurer: Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt

Erschienen bei FISCHER Scherz (2018)

10. von bisher 13 Kriminalromanen der Jennerwein Reihe

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Von Verfall und Zerfall: SECHZEHN PFERDE von Greg Buchanan

Das Buch taucht in Krimibestenlisten auf, doch Personen, die es gelesen haben und sich im Genre der Spannungsliteratur auskennen, sind sich nicht sicher, dass es sich um einen Krimi handelt.

Beeindruckt sind jedoch alle und die bekannte, geschätzte Kriminalschriftstellerin Val McDermid meint sogar „So etwas wie SECHZEHN PFERDE haben Sie noch nicht gelesen. Ein zutiefst beunruhigender Ritt“.

SECHZEHN PFERDE ist die Geschichte von Verfall und Zerfall

Verfall. Der einst idyllische Ort Ilmarsh an der Westküste des vereinigten Königreich ist seit vielen Jahren von Urlaubern verlassen. Einige Hotels sind zu Häusern mit Sozialwohnungen umgebaut, andere sind von Obdachlosen besiedelt. Irgendwo finden sich noch ein paar Leute zum Bingo. Die Industrie ist abgewandert, Farmer geben ihre Höfe auf, weil sie nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. Wer kann, zieht fort.

Zerfall. Familien werden durch Krankheit und Tod auseinandergerissen. Farmerfamilien lösen sich auf, durch Schulden und Ausweglosigkeit verursacht.

In diesem bitteren Szenario werden auf einem Acker sechzehn Pferdeköpfe entdeckt. In einem Kreis angeordnet sind sie halb eingegraben, jeweils ein Auge schaut aus dem schlammigen Boden heraus. Sechzehn abgetrennte Schweife liegen daneben.

Niemand weiß zunächst, wer die Besitzer der Pferde waren. Nicht der Bauer, auf dessen Acker die Leichenteile gefunden werden, auch nicht der Polizist Alec Nichols, der sich den Fund als erster anschaut.

Was ist die Botschaft, die von dieser Anordnung der Köpfe ausgeht? Was ist das Motiv?

Zur Klärung der Todesursache wird die Veterinärforensikerin Cooper Allen hinzugezogen. Zusammen mit Alec soll sie den Fall klären. Das Mordinstrument ist bald bestimmt. Anderes bleibt im Unklaren.

Weitere mysteriöse Ereignisse werden entdeckt. Kisten mit Leichenteilen von Tieren, mit Anthrax- Bazillen verseuchte Erde wird bei den Pferdeköpfen. Leute erkranken daran, sterben teilweise. Ilmarsh geht in Quarantäne.

Dann erwischt es Alec. Bei einem Autounfall wird er schwer verletzt. Sein Sohn, der als Beifahrer dabei war, wird anschließend vermisst.

Geheimdienstler schalten sich ein, Cooper bekommt von ihnen den Auftrag, weiter zu ermitteln, obwohl sie keine Polizistin ist.

Eine undurchschaubare Geschichte, bei der zudem die Erzählweise wechselt, Chatverläufe werden eingebaut, ominöse, scheinbar zusammenhanglose kurze Passagen eingeflochten. Wer agiert ist unklar, Rätsel werden noch rätselhafter. Was hat es auf sich mit der Zahl SECHZEHN? Aufmerksamen Lesern wird sie in der ersten Hälfte des Buches schon einmal aufgefallen sein. Schließlich klärt sich das Dunkel zum Schwarz. Schwarz wie Noir, aber in einer Art erzählt, die ungewöhnlich ist. Bei dem der Zerfall von Familien und Beziehungen bis zum Ende fortschreitet.

So fragt sich Cooper am Ende: „Worin bestand das Geheimnis des Lebens, wie könnte man es schaffen, glücklich zu sein?“

Das war ganz einfach, wie Cooper wusste. Es war ein Trick. Man unterließ es einfach, darüber nachzudenken.

Wer als Leserin oder Leser nach über 400 Seiten nach diesen Worten das Buch zuklappt, wird spätestens jetzt anfangen, über das Geheimnis des Lebens, wie man es schaffen könnte, glücklich zu sein, nachzudenken.

SECHZEHN PFERDE ein ungewöhnliches, denkwürdiges Buch. Unabhängig vom Gerne.

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Greg Buchanan: SECHZEHN PFERDE, übersetzt von Henning Ahrens, erschienen im S.Fischer Verlag (2022), Originaltitel: Sixteen Horses (2021)

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Niklas Natt och Dag: 1795

Ein Jahr ist vergangen, wir sind jetzt in 1795, beim 3. Band der Reihe um den armamputierten Kriegsveteran Mickel Cardell, der auch in diesem Jahr in den heruntergekommenen Vierteln Stockholms Verbrecher jagt, ihm zur Seite Emil Winge.

Ein Jahr ist vergangen, seitdem ich den 2 Band, 1794, gelesen habe. Nicht alle Ereignisse sind mir noch präsent. Es ist anfangs recht schwierig, die Orientierung zurück zu gewinnen, was damals geschah. Vieles baut auf dem vorhergehenden Teil auf und so erscheint der Anfang recht wirr, zumal eine Vielzahl von Akteuren auftritt.

Ein wenig hilft die Liste der Personen, die in diesem Teil erwähnt werden und die dem Roman vorangestellt ist. Aber nicht alle der Aufgelisteten werden in die Handlung eingebunden. Einiges sind bereits tot.

Vertraut erscheint dagegen die Stadt mit ihren schmutzigen, üblen Ecken und Lokalitäten. Auch Häscher Mickel ist noch gut im Gedächtnis geblieben. Er ist auch hier die zentrale Gestalt, die hinter dem Verbrecher Tycho Ceton her ist, der bekannt ist für seine Skrupellosigkeit und in dieser Story in wichtiger „politischer Mission“ wie zuvor sein Unwesen treibt.

Es sind die politischen Verhältnisse im Schweden jener Zeit, bei der korrupte Strippenzieher das Vormundschaftsregime unter der Leitung von Reutersholm dabei unterstützen, das Königreich zu beherrschen und durch ihre Machenschaften umzugestalten.

Ins Visier gerät dabei Anna Stina Knapp – ebenfalls bekannt aus den Vorjahren –, die geheime Informationen besitzen soll, die Reutersholm und Konsorten kompromittieren und mit deren Hilfe Verbrechen aufgedeckt werden könnten. Doch Anna Stina steht – so ist es wohl am besten auszudrücken – unter dem Schutzschirm von Cardell und Emil Winge. Die junge Frau ist mit ihrer Aufgabe beschäftigt, entzieht sich zwangsläufig dem Schutz. So wird Ceton von den Ermittlern gesucht, um ihn auszuschalten. Anna Stina wird von Cardell und Winge gesucht, um sie vor Ceton zu bewahren.

Es sind chaotische Verhältnisse, die die Story prägen, jedoch nie so recht fesseln können. Die Handlung springt hin und her, verwirrt mehr und erschwert so das Verstehen.

Das Faszinierende und Besondere der ersten beiden Bände ist hier abhanden gekommen. Dabei ist die Schilderung Stockholms und die politische Situation in Schweden zu jener Zeit gelungen, für einen guten Kriminalroman reicht das jedoch nicht.

– – – O – – –

Niklas Natt och Dag: 1795, übersetzt von Nina Flegler, erschienen im Piper Verlag (2022)

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Täter werden zu Opfern: MAX UND MORITZ – Was wirklich geschah. Kriminalroman von Johannes Wilkes

Eine amüsante Umdeutung der mutmaßlichen Streiche von Max und Moritz, in der die beiden „bösen Buben“ eine ganz andere Rolle spielen, als es von Wilhelm Busch gezeichnet und in Versen geschrieben wurde.

Andererseits decken die „Ermittler“ das üble Verhalten von Witwe Bolte, Lehrer Lämpel, Schneider Böck & Co auf. Dabei hilft der Spitz der Witwe, ein pfiffiges Kerlchen. Aber das ist kein Wunder, wenn klar wird, wer in dessen Haut steckt.

Rein sprachlich ist von Buschs geschliffenen Verse nichts mehr übrig, Wilkes lässt seine Protagonisten in plattem Gegenwartsdeutsch agieren. Zudem ist die Handlung, die ich stets in Eberfgötzens Umgebung (Südniedersachsen) verwurzelt sah, in einen übel heruntergekommenen, fiktiven Teil der Mark Brandenburg verlegt worden.

Als Freund von Buschs humorvollen Bildergeschichten und seines übrigen Werks tut es mir weh, diese Verfremdung erleben zu müssen. Andererseits ist dieser Kriminalroman unterhaltsam, blendet man die von Busch gedichtete Version aus – oder, oh Graus, kennt sie gar nicht.

Damit verabschiede ich mich von diesem Werk und wende mich Wilhelm Busch in Reinkultur zu, wie der Frommen Helene, Fips dem Affen, Balduin Bählamm oder dem Maler Klecksel. Mit Max und Moritz sowie Plisch und Plum sowieso.

FAZIT: Sollte Johannes Wilkes‘ Um-Schreibung der Geschichte jedoch bewirken, dass Leserinnen und Leser dieses Kriminalromans zu Wilhelm Buschs Werk Zugang finden, würde ich dem Autor gern anerkennend auf die Schulter klopfen.

Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei ……. mit der Übeltäterei!

Johannes Wilkes: Max und Moritz – Was wirklich geschah

Kriminalroman, Erschienen im Gmeiner Verlag (2021)

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