David Gray: Sarajevo Disco

20171022_114714 Boyle, Leiter der Hamburger MoKo (lies: Mordkommission) agiert im Rahmen seines Ermessensspielraums, so wie er ihn definiert. Zeitweise geschieht das sogar im Bereich von Recht und Gesetz. So versucht er Dokumente zu unterschlagen, aus denen seine Vorgesetzten/Kritiker/Feinde schließen könnten, dass er sich in der Vergangenheit mit Kriminellen arrangiert hat und mit einem Drogenboss befreundet ist. Dann wirkt er dabei mit, dass die Karriere einer jungen Kommissarin nicht abrupt endet, indem er dabei hilft, eine Urinprobe zu manipulieren. Wobei im Sprachgebrauch des Autors die originale Flüssigkeit banal als Pisse bezeichnet wird und Hinweise auf Drogenkonsum gegeben hätte.

Alles Pisse oder was? Formulierungsverhalten und Wortwahl von David Gray kennen wir aus Kanakenblues, aber hier hat er sich aus dem spätpubertärem Niveau des ersten Boyle-Krimis trotz dieser anfänglichen, bepissten Passage weiterentwickelt. Dass David Gray mehr kann, als einen Krimi mit einem Übermaß an rotzigen, motzigen Sprüchen zu gestalten, hat er als Ulf Torreck, seinem Klarnamen,  mit Fest der Finsternis bewiesen. Mit Sarajevo Disco erzählt er ebenfalls auf hohem Niveau.

Von Turfwar, Terz auf dem Kiez und Jugendlichen, die nach einer Marketingaktion eines Drogenbosses an einer ÜD (lies: Überdosis) krepieren oder im besten Fall auf der Intensivstation landen, wird hier berichtet. Boyle und seine toughe, aber noch weitgehend in diesem kriminellen Umfeld unerfahrene Helferin, die junge Kommissarin Jale Arslan, haben bei Motiv- und Tätersuche eine Auswahl, weshalb die tödlichen Pillen in Umlauf gebracht wurden, welche der Hamburger Drogenbosse im Hintergrund agieren und warum etliche deren Mitarbeiter durchlöchert werden. Mit im Geschäft ist die Kanzlergang, mit Masken des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl im Gesicht Pillen und sehr spezielle Geschosse verteilend. Boyle weiß zunächst nicht, auf wessen Payroll die Kohlköpfe stehen und holt sich Informationen direkt bei seinen alten Spezis aus dem Milieu, die aber auch nicht ungeschoren von ihren Kontrahenten davonkommen.

Das totale Chaos, in dem sich Boyle befindet, wird noch verstärkt durch die Hindernisse, die karrieregeile Politiker und Spitzenbeamte im Polizeidienst dem farbigen, auffälligen Kommissar in den Weg stellen. Boyle schafft es dennoch, die Verwicklungen aufzudröseln. Und das in einer Weise, wie nur er es vermag: Immer am Rande des Rausschmisses, weil er entgegen allen Anweisungen und scheinbar bar jeglicher Vernunft jenseits von Recht und Ordnung handelt und ermittelt.

Zwar ist auf dem Klappentext von einem realistischen Hintergrund eines rasanten Polizeithriller die Rede, und das mit der Rasanz bestätige ich gern. Den Realismus im Hintergrund sehe ich jedoch soweit im Hintergrund, dass er doch nahezu zur Unkenntlichkeit schrumpft. Das mag am dominierenden Vordergrund – Boyle und dessen Agieren – liegen, der von David Gray in aufregender und fesselnder Art gezeichnet wird.

Liebe Leser, es ist Fiction, was hier geschrieben steht, obwohl Kiezkrieg und Politiker/Polizeichefs mit karrieregeilen Attituden und deren Ausarten sicherlich unter dem Stichwort „Realität“ abgelegt werden können.

Ein spannender Plot, ausgezeichnet mit zum Teil deftiger Wortwahl erzählt.

Gut gemacht David Gray!

— O —

Erschienen 2017 bei Pendragon

— O —

Das haben andere Blogger*innen zu Sarajevo Disco geschrieben:

Gunnar auf Kaliber.17/Krimirenzensionen: Und auch wenn Gray ab und zu ein wenig die Gäule in seiner bildhaften Sprache durchgehen („Denn alles, worum es dem Präsidenten mit seinem Razziabefehl wirklich ging, war Bürgermeister Mahlmann so tief in den Arsch zu kriechen, dass all die Blechsterne auf seinen Uniformschultern hart über dessen Speiseröhre kratzen mussten.“, Seite 132), überwiegt der Spaß an diesem lässig-coolen, unkonventionellen, hartgesottenen Stück Krimi.

Katja auf Wortgestalt: David Gray zieht der Biederkeit der deutschsprachigen Kriminalliteratur kräftig den Stock aus dem Allerwertestenn. Er inszeniert im Hamburger Gangstermilieu einen Polizeithriller, der gleichermaßen von seinen Akteuren und seiner Sprache lebt, einen schönen Plot bietet und sich recht wenig um Konventionen schert. Gut so.

Sebastian auf Stuffed Shelves: »Sarajevo Disco« hat alles, was ein guter Krimi braucht. Steiler Spannungsbogen, überzeugende Kiez-Atmosphäre, interessante Figuren. Der Leser wird mitgenommen auf eine sehr temporeiche und bis zum Schluss undurchschaubare Achterbahnfahrt, die von der ersten Seite an Spaß macht.

Alexander auf Der Schneemann: Interview mit David Gray

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Tito Topin: Casablanca im Fieber

IMG_7548Sommer 1955. Das Fieber ist in Casablanca ausgebrochen, nachdem eine junge Spanierin vergewaltigt und nahe eines arabischen Dorfes schwer verletzt gefunden wird.

Die Täter werden von der französischen Polizei unter den Arabern gesucht. Und das Chaos – oder wie hier genannt Fieber – bricht aus, als der französische Teil der Bevölkerung in Demonstrationen den Tod der „Kameltreiber“ fordern, die Araber sich in Gegendemonstrationen formieren und mit selbstgebauten Bomben gegen ihre Kolonial“herren“ vorgehen.

Das Netzwerk der Europäer deckt den jungen Schnösel, der die Spanierin vergewaltigt hat, gehört seine Familie doch zur Crème der Gesellschaft. Doch zum Schluss siegt das, was wir als Gerechtigkeit bezeichnen.

Ein einfacher Plot, wenn lediglich der Kriminalfall betrachtet wird. Tito Topin beschreibt hier aber auch die Zerrüttung des Landes mit den konträren Bevölkerungsgruppen, kurz bevor die Franzosen das Protektorat verlassen.

Topin schildert die Gegensätze zwischen „Kameltreibern“, die ums Überleben, um Anerkennung kämpfen, letztlich die alten Strukturen der französischen Kolonialherren mit all ihrem Filz und der Korruption vertreiben wollen, und den „Herren“, die sich unter Ihresgleichen in dicken Amischlitten fortbewegen, an den piekfeinen Pools ihr Leben genießen und ihre Beziehungen innerhalb der französischen haute volée Casablancas pflegen.

So war es wohl, damals 1955 in Casablanca. Für mich ein überwiegend plakatives Bild, auch wenn es mit dem französischen Polizisten Gonzalés einen Störfaktor in diesem Bild gibt. Ein interessanter Stoff aus der Kiste „Es war einmal“, veröffentlicht 1983, jetzt in einer zweiten deutschen Fassung im Distel Literatur Verlag erschienen.

Originaltitel: 55 DE FIÉVRE; in dieser überarbeiteten Fassung übersetzt von Katarina Grän

Vom Cover der ersten Auflage dieser Ausgabe mit falschem Titel sollte man sich nicht verwirren lassen:IMG_7531-001

 

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PARIS NOIR – 12 Noir-Storys von französischen Autor*innen, herausgegeben von Aurélien Massons

cb_noir-reihe_paris_2017-04-25rgb_240Mit Krimianthologien ist es häufig wie mit LPs oder Musik-CDs: Es gibt ein paar gute Titel, viel Mittelmaß und zwischendurch oder zum Schluss auch Schrott.

Nicht so in Paris Noir. Hier reihen sich bis zum Schluss feine Stücke aneinander.  Schon das Vorwort von Herausgebers Aurélien Massons stimmt uns ein auf Paris, aber nicht so wie wir es als Touristen gern wahrnehmen, die Stadt mit verklärtem Blick sehen, die Banlieues ausblenden und die Terrorakte der letzten Jahre vergessen.

In Paris Noir werden in zwölf Kurzstorys zwölf Stadtteile und deren Bewohner vorgestellt, abseits der ChampsÉlysées, abseits von Eiffelturm und anderen Touristenattraktionen, weit weg von aufgehübschten Ecken der Metropole mit dem Flair ihrer feinen Gesellschaft, Kunst- und Modetempeln, Restaurants mit exquisitem Essen und Trinken sowie den „landestypischen“ Bistros…..und so vielem mehr, was uns ins Schwärmen bringt.

In Paris Noir wird die dunkle Seite der Stadt porträtiert. Zwar wird in einigen Storys die Liebe beschrieben, jedoch nicht die romantische bei Candlelightdinner. Es ist eine „verzehrende“ Liebe in „Der Chinese“ von Chantal Pelletier, in der es für den chinesischen Touristen, der sie erlebt, nur einen Ausweg ging: den Tod. Und wenn eine Prostituierte unter massiver Gewalt ihres Zuhälters leidet, der zufällig Polizist ist, kann sie nur durch die Liebe ihres Chauffeurs gerettet werden („Der Chauffeur“ von Marc Villard).

Tragödien spielen sich in diesem Paris ab, „tragische Tragödien“ können sie genannt werden, die selbst den hartgesottenen Krimi-Thriller-Noir- Leser berühren. Nach dem Titel in Erinnerung an Édith Piaf „La Vie en rose“, hier als Geschichte mit traurigem Ausgang von Dominique Mainard. Ein Leben, alles andere als rosa, endet darin in Düsternis, ein anderes zerbricht daran.

So zieht es sich durch, durch Paris Noir, mit Personen, die gebeutelt werden von der Gentrifizierung ihres Kiezes, oder von der Unbedarftheit junger Krimineller auf ihrem Raubzug mit einem ungewöhnlichen Ende.

Und zum Schluss? Eine völlig abgedrehte Story, von der ich beim ersten Lesen empfinde, dass ich ihr intellektuell nicht gewachsen bin. Sozusagen ein „Hurz“ der Kriminalstory, in der ich mich fremd fühle mit dem Titel „No Comprendo L’Étranger“ von Hervé Prudon – Camus lässt grüßen.

Paris Noir, darin die dunklen Ecken und Seiten der Stadt abstoßend, verwerflich, brutal und trist – wie Noir-Freunde sie lieben.

— O —

Erschienen 2017 im CulturBooks Verlag als Tachenbuch und eBook

Herausgeber: Aurélien Massons

Autorinnen und Autoren: siehe Cover

Übersetzt von

Zoë Beck, Karen Gerwig, Jan Karsten & Martin Spieß

— O —

Das schreibt Hauke Harder auf leseschatz: Mit dem Buch reist man durch Paris, durch die Grauzonen der Gesellschaft und in die tiefdunklen Schauplätze.

— O —

Der CulturBooks Verlag nennt Paris Noir Auftakt zu weiteren internationalen Noir-Anthologien. Als nächster Band wurde Berlin Noir (Herausgeber: Thomas Wörtche) angekündigt. Erscheinen soll das Buch im Frühjahr 2018.

 

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Estelle Surbranche: So kam die Nacht

IMG_7065MERKE: Wenn du beim Surfen vor Biarritz oder anderswo ein paar Kilo Koks findest, glaube nicht, dass du damit auf Dauer reich und glücklich werden kannst. Die Wahrscheinlichkeit, dass dich der Eigentümer findet, dir das Dealen und den Genuss nicht gönnt, ist recht hoch.

So erleben das auch die beiden Jurastudenten aus Paris, die sich glücklich wähnten, als sie ein paar Beutel mit dem unverschnittenen Pulver aus dem Meer fischten. Reich werden und sich durch Koksen in eine glückliche Welt transformen. Das war ihr Ziel. 

Doch es kommt anders. Der serbische Skorpion schickt Killerin Nathalie zwecks Nachforschungen in die Region, in der die Kuriere ihre heiße Ware über Bord gehen ließen, als sie von der Küstenwache aufgebracht wurden. Und Nathalie findet die Spur über Kontaktpersonen der Surfer und kleine Dealer. Sie hinterlässt dabei ebenfalls eine Spur: blutig und mit Toten, denen ein Auge ausgestochen wurde.

Aber auch die Drogenfahnder in Biarritz versuchen, zur Beute zu gelangen. Anstieg der Zahl der Drogentoten, Morde, die im Umfeld der Drogenszene geschehen. Arbeit für Gabrielle, die Drogenfahnderin, im Überfluss, die sich sogleich in die Suche nach der Killerin einmischt. Und während sich die Surfer Matthieu und Romain dank ihres Besitzes aus bürgerlichen Elternhäuser in die Welt der Bonzenkinder der Pariser Jeunesse dorée hinein katapultieren, nicht mehr den Absprung zurück in eine normale Welt ohne Koks und Koksen schaffen wollen oder können, nähern sich ihnen – jede auf ihre Weise – Nathalie und Gabrielle.

So kam die Nacht ist der erste Roman von Estelle Surbranche, die die Geschichte von Matthieu und Romain nach dem überraschenden Fund in nahezu lakonischer Weise erzählt. Die beiden Studenten, die sorglos mit ihrem Leben umgehen, stehen dabei im Gegensatz zu Nathalie, der Killerin, die ihrem Boss hörig ist, nachdem sie während des Serbienkriegs durch grausame Erlebnisse traumatisiert wurde und von ihrem Boss danach auf brutale Weise zu der Frau erzogen wurde, die sie heute ist.

Es sind diese Gegensätze, die den Roman bestimmen. Wobei bei der Jagd von Matthieu und Romain nach Glück schnell zu erkennen ist, dass am Ende deren Scheinwelt zusammenbrechen wird. Ihr Leben wird durch das Koks ebenso fremd bestimmt, wie das von Nathalie, die als Jägerin lediglich das Werkzeug ihres Paten ist.

So kam die Nacht ist ein spannender Thriller aus dem Drogenmilieu, der da endet, wo er enden muss, im Verderben für die, die sich lange Zeit wie die Helden fühlen.

 

— O —

Estelle Surbranche: So kam die Nacht

Originaltitel: Ainsi vint la nuit

Übersetzung aus dem Französischen von Cornelia Wend

Erschienen im Polar Verlag 2017

— O —

Eine weitere Besprechung über diesen Kriminalroman: https://wortgestalt-buchblog.de/estelle-surbranche-so-kam-die-nacht/

— O —

Zum Schluss noch eine gute Nachricht: Nachdem der Polar Verlag vor einigen Monaten Insolvenz anmelden musste, hat sich ein neuer Finanzier gefunden, der zusammen mit Wolfgang Franßen, dem Gründer des Verlags, den Polar Verlag mit dessen lesenswerten Kriminalromanen und Thrillern weiterführen wird.

 

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Michael Tsokos: Die Zeichen des Todes

20171022_114731Michael Tsokos schreibt in diesem Buch nicht nur über Fälle – von Leichen und deren „Vorleben“, die bei ihm und Kollegen zur Obduktion gelandet sind – sondern berichtet auch über Hintergründe, wie es zu den Todesfällen gekommen ist, was im Leben der Toten oder der Täter falsch gelaufen ist. Nicht immer sind es Todesfälle, mit denen sich Rechtsmediziner beschäftigen.

Es kann auch eine Verletzung sein, die begutachtet werden muss wie im Falle des damaligen Boxweltmeisters Jürgen Brähmer, der angeblich einer Frau bei einem Schlag mit der flachen Hand die Nase gebrochen haben soll. Ein ominöser Fall, mit glücklicherweise guten Ausgang für den Boxer. Ebenso wie dieser Schlag und der Rummel um den bekannten Boxer beim Prozess und drum herum, erzählt Tsokos von anderen Fällen, die im öffentlichen Interesse standen.

So vom Tod des kleinen Volkan, der von Kampfhunden in grausamer Weise zu Tode gebissen wurde. Der Rechtsmediziner klärte durch Obduktion der Hunde, wer hauptsächlich Anteil an den tödlichen Bissen hatte. Tsokos verweist aber auch darauf, dass dieses Unglück möglicherweise verhindert worden wäre, wären die Behörden konsequent gegen die Hundehalter vorgegangen oder hätte es schärfere Gesetze gegeben, die das Halten von derartigen Kampfmaschinen stärker regelt oder gewissen Personen sogar verbietet.

Auch dem Suizid des Liedermachers und begnadeten Texters Kurt Demmler während dessen U-Haft ist ein Kapitel gewidmet. Hierin und in einem weiteren Kapitel über Selbsttötung erfahren die Leser einiges über Motive, die zu einem Suizid führen. Bei Demmler wird angenommen, dass dies in Zusammenhang mit den Taten stehen, die ihm zur Last gelegt werden: sexueller Missbrauch von Kindern über einen längeren Zeitraum. Dabei stellt Tsokos die Frage, wieso so lange Demmlers kriminelle Neigung, die schon lange bekannt war, nicht früher strafrechtlich verfolgt wurde. Ähnlich – und auch das spricht der Autor an – verhielt es sich beim BBC-Moderator Jimmy Savile, der über Jahrzehnte in einem noch größerem Umfang im Vergleich zu Kurt Demmler Kinder missbrauchte. Sogar als Schirmherr eines Krankenhauses verging er sich sexuell an minderjährigen Patientinnen. Savile starb, der Skandal wurde erst nach seinem Tode öffentlich.

In insgesamt zwölf Kapiteln erfahren wir also Skandalöses, Hochkriminelles aber auch Tragisches. Und diese Tragik bezieht sich sowohl auf die Opfer, aber auch ein „Täter“ kann ungewollt in eine tragische Situation gelangen. Dass dabei ärztlicher Rat dazu führen kann, dass jemand stirbt, kann passieren. Dass ein Zahnarzt durch seine naive oder überhebliche Vorgehensweise bei einer Selbstverstümmelung und versuchtem Versicherungsbetrug sich selbst und seine Existenz zerstört, mutet dagegen schon fast amüsant an.

So hat jeder der zwölf Fälle einen besonderen Reiz. Und Michael Tsokos ist ein Plauderer, dem man gern folgt.

Im Nachwort schreibt Tsokos: „Das vermeintlich Böse, das sich klar definieren läßt, ist nicht das wahre Böse, und nichts ist unmöglich, nur weil es unwahrscheinlich ist.“ Diesen Satz versucht Michael Tsokos mit seinem Buch zu beweisen. Es ist ihm gelungen.

— O —

Michale Tsokos: Die Zeichen des Todes – Neue Fälle von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner, 2017 als Hardcover bei DROEMER erschienen

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Andreas Pflüger: Niemals

20171022_114831Der Bushidō sagt:“Um sich zu rächen, muss man wissen an wem und warum.“

Beim Debakel in Rom zehn Jahre zuvor und zu einer Zeit, als Jenny Aaron noch nicht blind war, hatte die Polizistin der recht geheimen Sondereinheit gesehen, wie der Körper des Mannes, den sie beschützen sollte, von einer Salve zerhackt wurde. Dies ist der erste blutige Zwischenfall in diesem Buch, weitere folgen. Und an dieser Stelle sei bemerkt: Niemals ist einer der blutigsten Thriller des Jahres.

Dieses Buch ist kein netter, kleiner, cosy Whodunit, sondern ein Thriller mit rasanten und brutalen Szenen, die innerhalb einer Lesezeit von etwa 12 Stunden am Leser vorbeiziehen und im Hirn einen Action-Thriller wie einen Film ablaufen lassen.

Hauptdarstellerin ist Aaron, bekannt aus Pflügers Endgültig.

Seit fünf Jahren ist Aaron blind. Was damals in Barcelona geschah, wird in Endgültig beschrieben, ebenso ihr unbändiges Streben, das Handicap Blindsein so gut wie möglich zu eliminieren, die Hilfe ihres Vaters bei diesen Anstrengungen, den Mut, den er ihr gab. Inzwischen ist der Vater gestorben und Aaron nicht mehr Mitglied der Abteilung.

Heute – und mit diesem „Heute“ geht es bei Niemals nach dem Rückblick auf das Rom-Debakel weiter – segelt Aaron ein paar Tage mit ihrem pensionierten Chef vor der schwedischen Küste hart am Wind, verbringt einige Tage bei ihm und dessen Frau. Weiß nicht recht, was sie will. Hat die Chance, einen Teil ihrer Sehkraft wieder zurückzubekommen.

Aber ein Brief ändert alles. Er kommt von Holm, dem Widersacher, dem sie die Blindheit zu verdanken hat. Der große Antipode aus Endgültig vererbt ihr zwei Milliarden Dollar, deponiert auf dem Konto einer Bank in Marrakesch. Geld aus kriminellen Geschäften. Nach Rücksprache mit ihrem ehemaligen Kollegen Pawlik beschließt sie, nach Marrakesch zu fliegen, zu recherchieren, was es mit dem Geld auf sich hat, aus welchen Quellen es stammt. Nur als Mitglied der alten Abteilung erscheint es möglich, diesen Job zu erledigen. Und so wird Aaron wieder in diese Abteilung aufgenommen, die Spezialaufträge erledigt, die so delikat sind, dass weder ein Geheimdienst noch das BKA sie erledigt. Hauptsächlich Aufträge, bei denen die nationale Sicherheit in Gefahr ist, und bei Beträgen dieser Größenordnung, gehen die Spezialisten gar von einer internationalen Bedrohung aus.

Nächste Station für Aaron und Pawlik ist Marrakesch. Mit Tarnnamen steigen sie im La Mamounia ab, dem einzigen Angenehmen, das sie in Marokko kurz genießen. In der Bank erfahren sie mehr über die Herkunft des „Erbes“ und finden in einem Schließfach des Instituts ein aufschlussreiches Dokument, in dem die Rede davon ist, dass Aarons Vater nicht eines natürlichen Todes gestorben sondern gemordet worden ist. War Aaron bisher daran interessiert, das Geheimnis um Holms kriminelle Tätigkeiten der letzten Jahre aufzudecken und ihn zur Strecke zu bringen, setzt jetzt bei ihr das Verlangen ein, sich am Mörder ihres Vaters zu rächen. Das „Warum“ des Rächens ist somit schon einmal geklärt, und so begibt sie sich mit Pawlik, einer wichtigen Zeugin und deren Sohn auf eine Art Schnitzeljagd, die von Marrakesch zunächst in die Umgebung, dann quer durch Marokko fast bis zur Grenze nach Algerien führt, schließlich nach Deutschland. Auf diesem Trip werden mehrmals die Magazine diverser Schusswaffen leer geballert. Wäre dies ein Film, hätte der Requisiteur und Maskenbildner eine riesige Menge Blut heranzuschaffen. Der Höhepunkt des Blutvergießens erlebt der Leser schließlich in Deutschland in einem üppigen Showdown, bei dem Aaron schließlich erfährt, an wem sie sich rächen muss – wenn sie es wirklich will. Und sie wäre nicht sie selbst, würde sie es nicht wollen.

Es heißt allerdings „Sich zu rächen heißt, zwei Gräber auszuheben“ . Doch dieser Satz kann Aaron nicht abschrecken, denn der Bushidō sagt: „Rache ist das höchste Gericht“ und dieses höchste Gericht soll dafür sorgen, dass der Mord am Vater durch Vernichtung des Verantwortlichen gesühnt wird.

Neben allem Geballer und Verbluten erzählt Andreas Pflüger hier die Geschichte von Jenny Aaron weiter, die mit Endgültig begonnen hat und mit Niemals sicherlich nicht zu Ende ist. Es ist eine Story vom Kampf gegen ihr Handicap, gegen Gegner, die sie nicht sieht, Dank ihrer Fähigkeiten, sie zu orten, dennoch besiegt. Niemals ist zwischendurch aber auch ein Thriller mit leiseren Tönen, wenn sich Aaron daran erinnert, wie ihr Verhältnis zum Vater war, wie sie von ihm gefordert und in Richtung ihres Berufes gefördert wurde, die Tochter unterstützt hat, ihre Blindheit durch Schulung anderer Fähigkeiten zu kompensieren.

Niemals ist aber auch ein Buch über Rache und die Frage, ob das Erlebte Rache rechtfertigt. Und so ist dieser Thriller mit Action geladen wie ein James-Bond-Film, ebenso ist er geprägt von Aarons Wirken und Reflektieren. Schließlich will der Leser wissen, wie Niemals endet, wie befürchtet oder wie erhofft. Dieses Zusammenspiel begeistert.

— O —

Andreas Pflüger: Niemals, erschienen 2017 als Hardcover bei Suhrkamp als Folgeband von Endgültig, dem ersten Teil dieser bisher kleinen Reihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron

— O —

Andere Stimmen zum Buch von

Hauke Harder auf dem Blog Leseschatz

Werner Fuld im Culturmag

Interviews mit Andreas Pflüger von

Marcus Müntefering in SPON

Alf Mayer im Culturmag

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Marcie Rendon: Am roten Fluss

IMG_7350-002Tagsüber fährt die neunzehnjährige indianische Landarbeiterin Cash auf den Farmen um Fargo, North Dakota, Getreidekipper und Rübenlaster. Abends und nachts erspielt sie sich am Pooltisch ein Bier nach dem anderen, zockt die Männer ab, erweist sich als äußerst trinkfest.

Diese Routine wird im Sommer 1970 unterbrochen, als auf einem abgeernteten Weizenfeld ein ermordeter Landarbeiter gefunden wird – wie Cash ein Indiander. Zwar finden sich bei dem Toten keine Papiere, aber Cash erkennt, dass er aus der Red Lake-Reservation stammt, der Tod Leid über seine Familie bringen wird. Cash lässt Arbeit Arbeit sein, hockt sich in ihren Ranchero Truck und düst gen Norden, um die Familie zu suchen, ihr beizustehen, denn sie ahnt, was den Kindern passieren wird, wenn sie keinen Vater mehr haben:

Ein Schicksal, das Cash erfahren und durchlitten hat. Vater verschwunden, Mutter zumeist an der Flasche. Grund genug die Kinder in Pflegefamilien zu stecken. Pflegefamilien, die ihre Pfleglinge mies behandelt und zur Arbeit gezwungen haben. Die aufmüpfige Cash hat sich das nicht immer gefallen lassen und wurde so vom Amt von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, Nachkommen skandinavischer Einwanderer, weitergereicht. Mit elf Jahren wurde sie bereits zu schwerer Landarbeit gezwungen, mit sechszehn hatte sie das Glück, unter die Fittiche von Sheriff Wheaton zu gelangen, der für sie bürgte, ihr eine kleine Wohnung besorgte und Cash in ein eigenständiges Leben führte.

Marcie Rendon stellt das Schicksal der jungen Landarbeiterin in den Vordergrund ihres Romans, basierend auf dem, wie im 19. Jahrhundert bis 1934 die Vereinigten Staaten von Amerika mit indianischen Kindern umgegangen sind. In „Anmerkungen der Autorin“ am Ende des Buches beschreibt Marcie Rendon, dass die Kinder zu der Zeit systematisch aus ihren Familien herausgerissen und in Internatsschulen gesteckt (wurden).Dort wuchsen sie auf wie Kriegsgefangene, wurden bestraft, wenn sie ihre Muttersprache sprachen, wurden bestraft, wenn sie mit ihren Geschwistern redeten…..115 Jahre erlebten Kinder nicht mit, wie Eltern Kinder großziehen…..Dann wurden sie heimgeschickt in die neu geschaffenen Reservationssysteme, wo es bis in die späten 1960er Jahre gängige Praxis der für County oder Staat tätigen Sozialarbeiter war, Indianerkinder einfach zu verschleppen und in weißen Pflege- und Adoptivfamilien auszusetzen.

Dieses System hat Cash geprägt und man ist beim Lesen erstaunt, wieviel Empathie die junge Indianerin bewahrt hat. Nur ist ihre Empathie am Red Lake nicht willkommen.  Letztlich wird der Mord mit Cashs Hilfe und ihrem mutigen Einsatz aufgeklärt.

Haften bleibt ein winziger Abschnitt US-amerikanischer Geschichte.

In Erinnerung bleibt Cash, die ihren Weg durch die raue Welt der Landarbeiter auf den Felder und in Kneipen sucht, realistisch ist, auch wenn sie Countrsongs dichtet, die wohl nie veröffentlicht werden, mit Texten wie „Sonnensattes Weizenland, warm strahlt gottes Gunst herab, heilt mein Herz so sanft“. „gottes“ kleingeschrieben! Cash mochte das Wort Gott nicht. Schrieb es deshalb innerlich in Kleinbuchstaben. Was hatte er je für sie getan? Das ist Cash, laut Klappentext lakonisch und illusionslos, mit einem leisen, rebellischen Humor.

Stimmt! – Ein faszinierend erzählter Roman.

— O —

Am roten Fluss (Originaltitel: Murder on the Red River“) ist Marcie Rendons erster Roman. In deutscher Übersetzung von Laudan & Szelinski erschienen 2017 als Ariadne-Taschenbuch im Argument Verlag, als eBook bei Culturbooks.

Marcie Rendon ist Stammesangehörige der Anisshinabe White Earth Nation arbeitet als Dichterin, Stückeschreiberin und Performancekünstlerin, kuratiert indigene Künstler/innenforschung, macht noch vieles mehr.

— O —

Dazu:

AxelB schreibt in seiner Kriminalakte zu Am roten FlußDer Kriminalfall, verstanden als die Suche und Überführung der Täter, ist für Marcie Rendon, Stammesangehörige der in Minnesota lebenden Anishinabe White Earth Nation und Stückeschreiberin, nur der Vorwand, um über das ärmliche Leben am Red River um 1970 zu erzählen.

Treffend ausgedrückt auf Die dunklen Felle: „Neben Cash ist definitiv – und das gehört sich dann auch so in einem Country Noir – das Land die zweite, aber gleichrangige Protagonistin.“

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