Bester Kriminalroman: Jürgen Heimbach für „Die Rote Hand“ mit dem GLAUSER 2020 ausgezeichnet

Der in Mainz lebende Jürgen Heimbach konnte sich mit „Die Rote Hand“ (erschienen bei weissbooks.w) den prestigeträchtigen Autorenpreis für den besten Kriminalroman des Jahres sichern. Die GLAUSER-Jury befand, dass Heimbachs Krimi noir um den Fremdenlegionär Arnolt Streich „mit seiner stark reduzierten und bildhaften Sprache eine dichte Atmosphäre erweckt. Er liefert messerscharfe Sätze, kalte Dialoge und banale Gewalt, aber keine klaren Antworten. Auch nicht durch seine Figuren. Gepeinigte Seelen auf der Suche nach Geld, Glück oder Erlösung, aber wie im richtigen Leben gibt es das alles nicht umsonst. Kein Buch zum Glücklichwerden, sondern zum Wachwerden.“ (Quelle: https://www.das-syndikat.com/magazin/aktuelle-meldungen/4121-bester-kriminalroman-juergen-heimbach-fuer-die-rote-hand-mit-dem-glauser-2020-ausgezeichnet.html)

Glückwunsch an Jürgen Heimbach!

Hier der Link zur Besprechung von „Die Rote Hand“ auf KrimiLese: HIER

 

 

 

 

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Deon Meyer: Beute

IMG_9858Eine alte Fallakte wird Bennie Griessel auf den Tisch geknallt. Darin der ungelöste Fall, bei dem die Leiche eines Bodyguards an einem Bahnkörper gefunden wurde. Offensichtlich war Johnson Johnson als Personenschützer einer alten Dame in einem Luxuszug unterwegs, als er tot oder lebendig den Zug „verlassen“ hat. Weder Griessel und sein Kollege Cupido noch deren Chefin Kaleni sind begeistert, dieses Docket zugeschustert bekommen zu haben. Der Tod liegt einige Tage zurück, es wurde nachlässig und wenig professionell ermittelt – und irgendetwas an diesem Fall stinkt mächtig.

Dann gibt es da noch eine zweite Geschichte von einem Tischlergehilfen in Bordeaux, ein Farbiger mit neuer Identität als Daniel Darret dort lebend, der wohl aus Südafrika stammt. (Lesern von Meyers „Das Herz des Jägers“ bereits bekannt). Dieser erhält von einem alten Landsmann und dessen Organisation einen Auftrag.

Damit führt Deon Meyer die Leser sogleich in jüngere Geschichte Südafrikas, in der Mitglieder der ANC-Führungsriege und der oberen Hierarchie-Ebene der Verwaltung inklusive Geheimdienste und Polizei „State Capture“ betreiben – sich durch Korruption und anderem illegalen Handeln, ihre persönliche Macht sichern, stärken und finanzielle Vorteil dabei für sich herausschlagen.

Unter diesem „Schirm“ der Kleptokratie wollen die drei von der Spezialeinheit Valke – Kaleni, Griessel, Cupido – den Tod des Personenschützers aufklären. Im Gegensatz zu übergeordneten Stellen, die das Docket so schnell wie möglich schließen wollen und schließen lassen.

Derweil trifft Darret aka Thobela in Frankreich alle Vorkehrungen, seinen Auftrag zu erfüllen, wissend, dass sein neues Leben als unauffälliger Tischlergehilfe damit beendet sein wird. Griessel und Co arbeiten mit Billigung ihrer Chefin trotz des inzwischen geschlossenen Dockets daran, die Hintergründe des Todes von Johnson Johnson zu beleuchten, stoßen dabei auf einen zweiten Toten, über dessen Fall sie dann dorthin gelangen, wo es besonders heikel für sie wird: sie treffen auf die, die die Interessen des Staates und deren Repräsentanten vertreten.

Das Chaos erscheint perfekt, sowohl am Kap als auch in Frankreich – und Deon Meyer vermittelt damit den Eindruck, dass es in Südafrika wohl auch noch so bleibt, in der Staatsform der Kleptokratie, nicht weit entfernt von der Ära Zuma.

Ein Polit-Thriller der Extraklasse, in dem unser geliebter Held Bennie Griessel (in No.7 der Reihe) auch noch jede Menge persönlichen Stress hat, denn er möchte seiner Lebensgefährtin Alexa einen Heiratsantrag machen, fürchtet sich jedoch vor ihrem NEIN.

– – – O – – –

Deon Meyer: Beute

Erschienen 2020 bei Rütten und Loehning, übersetzt aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer, Originaltitel „Prooi“ (2018, Südafrika)

 

Die Bennie Griessel-Reihe:

  1. Der Atem des Jägers

  2. Dreizehn Stunden

  3. Sieben Tage

  4. Cobra

  5. Icarus

  6. Die Amerikanerin

  7. Beute

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Marcus Schwarz: Wenn Insekten über Leichen gehen

Halb Sachbuch, halb True Crime

IMG_9802Als forensischer Entomologe beschäftigt sich Marcus Schwarz mit Insekten auf, in und unter Leichen. Auch mit diesen kleinen Tierchen, wenn sie sich in der Umgebung einer solchen aufhalten oder sich beim Erscheinen des Wissenschaftlers vom Institut der Rechtsmedizin in Leipzig von ihrem Fress- oder Eierablageplatz davon machen. Über die Insekten und wie diese bei zur Klärung von Verbrechen beitragen sowie einiges andere, was den Entomologen so umtreibt, berichtet er in diesem Buch.

Der „Sachbuch-Teil“

Schwarz erzählt zunächst, wie er während des Studiums der Forstwissenschaften das Interesse für die Rechtsmedizin und die forensische Entomologie entdeckt hat, wie er in diesen Beruf einstieg, was diese Wissenschaftler zur Klärung natürlicher und unnatürlicher Todesfällen beitragen können. So finden wir hier die Beschreibung der Zerfallsprozesse des Leichnams, die Marcus Schwarz zunächst an einem toten Wildschwein erforschte. Das geschah weitaus weniger aufwendig als auf der berühmten Bodyfarm in Knoxville (Tennessee) aber ebenso eindrucksvoll und mit beachtlichen Ergebnissen.

Seit Simon Becketts „Die Chemie des Todes“ wissen wir: „Der menschliche Körper beginnt fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen.“ Schwarz bestätigt diese Aussage weitgehend, differenziert und korrigiert jedoch die „Erkenntnisse“ des forensischen Anthropologen David Hunter in jenem Kriminalroman. Was so alles am Fundort einer Leiche passiert – sei es chemisch, physikalisch oder durch „entomologische Prozesse“ -, was Kriminaltechniker, Ermittler und andere „Aufklärer“ dort tun, erfahren die Leser und Leserinnen, bevor Marcus Schwarz zu den Herzstücken des Sachbuch-Teils kommt.

Es sind die Kapitel „Die wunderbare Welt der Fliegen“ und „Käfer die krabbelnden Ermittler“. Darin werden die Arten verschiedener Fliegen und Käfer, die sich im Umfeld und an Leichen ansiedeln, ausführlich beschrieben. Kenntnisse der Lebensweise, den verschiedenen Stadien der Metamorphose und Fortpflanzung der verschiedenen Arten ermöglichen heute Aussagen zu treffen über Todeszeitpunkt, den Ort, an dem der Tod eingetreten ist, Fundort und noch einige Parameter, die in Verbindung mit der Todesursache stehen. Zuweilen sind diese gespickt mit anekdotenartigen, kurzweiligen Erlebnissen des Autors.

Der „True Crime-Teil“

In diesem Teil plaudert Marcus Schwarz von Fällen, an denen er bei der Ermittlung zu Liegezeit einer Leiche und der Todesart mitgewirkt hat. Zumeist sind es Storys aus Leipzig und Umgebung, die tatsächlich passiert, aber weitgehend anonymisiert sind. Dabei auch Fälle, die unter hohem medialen Interesse wie die Leipziger Stückelmorde gelöst wurden und dadurch erkennbar sind.

Dabei werden nicht nur die Erfolge des Entomologen aufgeführt. Der Autor zeigt überwiegend ein ganzheitliches Bild der Ermittlungen. Diese Darstellungen ohne die fachlichen Scheuklappen sind erfreulich, weil sie zeigen, wie viele Disziplinen für den Erfolg derartiger Ermittlungen notwendig sind.

Nun hat Marcus Schwarz vermutlich auf Grund seines jungen Alters nicht die Menge an interessanten Fällen, die ein ganzes Buch füllen könnten, und so gibt es einen dritten, nicht minder interessanten Teil. Ich nenne ihn „Zugabe“.

Die Zugabe

Nach aufregenden, spektakulären und unspektakulären „True Crime“-Fällen, wird es wieder sachlich, denn das, was im ersten Teil des Buches geschrieben ist, ist noch nicht alles, was zur forensischen Entomologie oder angrenzender Gebiete gesagt werden kann. Leichenfraß geschieht auch durch Vögel, Säugetiere, Wespen und weitere Krabbeltiere, die hier mit ihrer Mitwirkung vorgestellt werden.

Zum Schluss gibt es dann noch einen Leitfaden mit einer Checkliste für alle, die am Fundort einer Leiche oder an der Stelle, an der ein Mord geschah arbeiten. Besonders um sicherzustellen, dass der Entomologe optimale Arbeit leisten kann. Aber Marcus Schwarz ist dabei nicht so vermessen, nur andere in die Pflicht zu nehmen, Leitfaden und Liste gelten auch für ihn.

Fazit

Der noch recht junge aber bereits sehr erfahrene forensische Entomologe Marcus Schwarz hat bereits viel erlebt in seinem Beruf. Darüber berichtet er, indem er von interessanten Fällen erzählt, an denen er gearbeitet hat. Genau so bedeutend sind für Interessierte an dieser Materie Kenntnis über die Grundlagen dessen Arbeit: die Fauna, die an einer Leiche mitwirkt, und die dabei verlaufende Prozesse. Diese Grundlagen werden auf verständliche Weise und mit dem notwendigen wissenschaftlichen Ernst dargestellt.

Beide Teile werden vom Autor zu einem ausgewogenen Sach-/“True Crime“- Buch verknüpft.

– – – O – – –

Marcus Schwarz: Wenn Insekten über Leichen gehen, erschienen im Droemer Verlag (2020)

– – – O – – –

Apropos: Rothalsige Silphen, sie werden im Buch ausführlich beschrieben, diese kleinen Käfer, die sich von Kot, Aas und verfaulenden Pflanzen ernähren. In die Kriminalliteratur wurden sie 2013 von Jörg Maurer eingeführt. In Unterholz verrichten sie ihre Arbeit als „Knöcherlputzer“ an einer …… (ratet mal woran).

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Neuerscheinungen bei Ariadne: Sara Paretsky – Altlasten, Liza Cody – Gimme More

Vorweg: Eine kurze Nachricht von Else Laudan, der Herausgeberin der Reihe Ariadne im Argument Verlag, und Jonas Grundmann bei der Zusendung der neuesten Neuerscheinung:

Als kleiner Verlag droht unseren Neuerscheinungen wegen geschlossener Bücherläden jetzt die Unsichtbarkeit. Bitte helfen Sie uns, dem Lesepublikum das Erscheinen dieses starken Kriminalromans kundzutun.“

Normalerweise geschieht dieses „Kundtun“ durch eine Besprechung des Buches auf diesem Blog. Allerdings mit gewisser Zeitverzögerung, denn es sind meist noch Bücher zu lesen und zu besprechen, die ich bereits früher erhalten habe.

Der Bitte von Jonas Grundmann und Else Laudan möchte ich dennoch so schnell wie möglich nachkommen. Deshalb werde ich in nächster Zeit an dieser Stelle auf Neuerscheinungen aus dem Bereich der Kriminalliteratur hinweisen.

Hier nun die beiden Neuerscheinungen mit Bild und Beschreibung des Verlags:

IMG_9801LIZA CODY: GIMME MORE (bereits erschienen)

Beschreibung des Verlags:

Ich heiße Walker. Ich kann alleine gehen. Mich muss man nicht fahren.

»Birdie Walker! Ich hab gedacht, du bist längst tot !«, ruft David Bowie in einem hippen Londoner Gastro­tempel beim Anblick einer geheimnisvollen Frau:
Bühne frei für Birdie Walker, schnell, skrupellos, härter als das Leben.
Und Witwe von Jack …

Linnet ›Birdie‹ Walker ist die längst vergessene Gefährtin der großen Rocklegende Jack. Der soll fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen werden. Das heißt, altes Material – unfertige Songs, Probetakes und sonstige Mitschnitte – ist plötzlich Gold wert. Erst recht die sagenumwobenen Filmaufnahmen der Antigua-Sessions. So dass Birdie vielleicht endlich einen Hebel in der Hand hat – gegen die Musikmafia und ihre professionellen Abzocker!

Ein Fuchs, der ein Kaninchen spielt, fühlt sich auch bald wie ein Kaninchen. Und es ist aus­gesprochen gefährlich, mit einem anderen Fuchs zu Mittag zu essen, wenn man sich gerade fühlt wie ein Kaninchen.

Mit Erfahrung und Kalkül tritt Birdie Walker ihre große Pokerpartie gegen die Musikmafia an. Liza Codys heißester Rock ’n’ Roll-Roman, umwerfend zeitlos, in der kongenialen Übersetzung von Pieke Biermann.

IMG_9803SARA PARETSKY: ALTLASTEN (erscheint am 6.April)

Kurzbeschreibung des Verlags:

Kansas, Land der Stürme: Nahe der Collegestadt Lawrence erinnert ein alter Raketensilo an die Zeit des Kalten Kriegs. Seinerzeit gab es da heftige Proteste, heute ist das längst vergessen. Aber warum gibt es plötzlich Vermisste und sogar Tote, als jemand eine Doku drehen will? V. I. Warshawski sucht Antworten und wird zur Zielscheibe.

Und das schreibt Lee Child dazu:

Altlasten ist das allerbeste Buch in einer der wichtigsten Serien unseres Genres überhaupt, pures Gold und einsame Spitze. Paretsky ist ein Genie, und sie scheut sich nicht, immer noch ein bißchen tiefer zu graben.

– – – O – – –

Von beiden Autorinnen habe ich bereits etliche Kriminalromane gelesen. Deshalb behaupte ich: Mit diesen beiden Büchern holt ihr Euch spannende, interessante und ungewöhnliche Lektüre ins Haus.

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Zum Schluss ein Hinweis in eigener Sache:

Dies ist ein privater Blog ohne irgendein kommerzielles Interesse

Und so soll es bleiben, Weiteres sh. auf der Seite „Impressum /Rechtliches“

 

 

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Louise Penny: Das Dorf in den roten Wäldern – Der erste Fall für Gamache

 

Lage und Ermittlungsansatz

IMG_9602Ein Mord, begangen an einer ehemaligen Dorfschullehrerin Jane Neal, führt Chief Inspector Armand Gamache von der Sûreté du Québec in das kleine, von Wäldern umgebene Dorf Three Pines. Die alte Dame wurde von dem Pfeil eines Bogenschützens durchbohrt. Das geschieht zuweilen zu dieser herbstlichen Jahreszeit, in der Jäger aus der Gegend und den Städten wie Montreal und Québec ihrer Jagdleidenschaft nachgehen. Nur zweifelt Gamache daran, ob die Erklärung, es sei ein Jagdunfall gewesen, nicht zu einfach ist, zumal es zweierlei Bogenschützen und das dazu gehörige Gerät gibt: Jäger und Sportschützen. Und die Anzahl der Sportschützen vor Ort ist groß. So konzentriert sich die Ermittlung zunächst darauf, ob ein Recurve- oder ein Compoundbogen als Tatwaffe eingesetzt wurde und wie die Pfeilspitze ausgesehen haben könnte, sowie auf die Suche nach Personen, die über das betreffende Equipment verfügen, die Fähigkeit besitzen, damit umzugehen, und ein Motiv haben.

Somit fast das klassische Dreigespann von Motiv/Mittel/Gelegenheit auf der Suche nach dem Täter im Kriminalroman.

Chief Inspector Armand Gamache – Held einer neuen Krimireihe

Anders als Georges Simenons Kommissar Maigret, der die Fälle nahezu im Alleingang löst, verfügt der kanadische Chief Inspector über zwei bewährte Kollegen und eine neue, junge Mitarbeiterin, die stets im falschen Moment das Falsche tut und die Ermittlungen damit für das eingespielte Team erschwert. Ähnlich wie der ältere Maigret verfügt Gamache über einen großen Schatz an Erfahrung und Einfühlungsvermögen, gepaart mit einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, wobei für Gamache von großer Bedeutung ist, welche Entscheidungen seine Gesprächspartner treffen. Während die Ermittlungsmethoden der beiden ähnlich sind, unterscheiden sie sich jedoch erheblich in ihrem Verhalten. Mit markanten Requisiten wie Pfeife, Melone und Mantel ist der bilingualen Kanadier nicht ausgestattet, er stellt sich als Normalo dar.

Three Pines und seine Bewohner

Das kleine idyllische Dorf hat alles was es braucht und interessant macht. Es liegt abgeschieden in den kanadischen Wäldern und wer einmal dort hinkommt, lernt es schnell lieben: Das Bistro mit ein paar Zimmern zum Übernachten, geführt von einem sympathischen Schwulenpärchen, einer Buchhandlung mit einer farbigen Inhaberin, einem mäßig erfolgreichen Malerehepaar – allesamt Aussteiger aus einer hektischen, moralisierenden Welt. Hier hat die pensionierte Lehrerin in Frieden gelebt, geachtet von Generationen ehemaliger Schüler, befreundet mit den Bistrobetreibern, der Buchhändlerin und besonders der Malerin Clara. Aber auch verbunden mit der resoluten Chefin der Freiwilligen Feuerwehr und dem reichen Erben einer ehemaligen Mühle, dessen Mutter kürzlich verstorben ist. Ein Teil der Erwähnten könnten ein Motiv für den Mord haben, andere Dorfbewohner sind ebenfalls nicht unverdächtig. Und dann ist da noch die einzige Verwandte der Ermordeten, eine Nichte, Maklerin in der nahe Stadt mit nichtsnutziger Familie.

Warum wurde Jane Neal ermordet?

Die Tote war nicht nur Lehrerin in Three Pines. Sie liebte und pflegte auch ihren Garten, insbesondere die Rosen. Sie malte, aber niemand, selbst ihre besten Freunde, sahen jemals ein Bild von ihr. Auch sonst war sie sehr geheimnisvoll. Niemand hatte jemals ihr Wohnzimmer betreten. Überraschend für ihre Umgebung war es, als Jane ein Bild zu einer Ausstellung des lokalen Künstlervereins einreichte, das von der Jury zwiespältig aufgenommen und schließlich akzeptiert wurde. Aber wie könnte solch ein Bild, das den Umzug am letzten Tag des Jahrmarkts in Three Pines zeigt, Auslöser für einen Mord sein? Wo oder was ist das Motiv? Oder war es doch ein Jagdunfall. Gamache sucht mit seinem Team an allen Ecken des Dorfes, setzt sich auf eine Bank am Dorfanger – kein großer Unterschied zu einer Midsomer-Szenerie – und beobachtet, was die Bewohner für Entscheidungen treffen. Letztlich hilft ihm seine Vorgehensweise, auch wenn er den Fall nicht auf der Bank, sondern an einem anderen Platz, an dem sich Jane Neal häufig aufhielt, lösen kann. Und die Neue im Team, die mit ihren falschen Verhalten in kritischen Situationen, gibt ihm den entscheidenden Tipp.

Louise Penny, die Story und die Chief Inspector Armand Gamache Reihe

Die 1958 in Toronto geborene Journalistin hat sich seit 2005 zu einer erfolgreichen Kriminalschriftstellerin entwickelt. Inzwischen sind 14 Bände mit und um Armand Gamache erschienen, vier davon wurden bereits bei Limes und Blanvalet vor einigen Jahren veröffentlicht. Seit 2019 gibt der Kampa Verlag die Reihe, von der inzwischen die ersten vier und die Bände Nr. 13 und 14 erschienen sind, heraus.

Louise Penny hat mit Armand Gamache einen interessanten Charakter entworfen, der durch Beobachtung und Deduktion Fälle, wie diesen Mord an der ehemaligen Lehrerin, unprätentiös löst. Durch geschickte Wendungen und großen Einfallsreichtum ist es Louise Penny gelungen, einen interessanten und spannungsreichen Kriminalroman zu schreiben, der angenehm zu lesen ist. Es ist kein schriller Roman mit einem dramatischen Showdown zum Schluss, vielmehr ein Krimi zum Genießen und oftmals durch subtilen Humor und Ironie auch zum Schmunzeln – eine feiner Stoff.

Eine Melange aus Inspector Barnabys Midsomer und Kommissar Maigret, angesiedelt in der kanadischen Provinz Québec.

– – – O – – –

Louise Penny: Das Dorf in den roten Wäldern – Der erste Fall für Gamache, Kampa Verlag (2019), Übersetzung von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck,

Originaltitel: Still Life (London, 2005). Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 im Limes Verlag unter dem Titel Denn alle tragen Schuld

Inzwischen sind bei Kampa bereits sechs Romane der Reihe erschienen: Hier

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Auffällig: Katherine Faw – YOUNG GOD

20200320_155304Was vor dem Lesen auffällt: Es ist ein Kriminalroman mit komprimiertem Text, oftmals mit einem oder wenigen Sätzen pro Seite. Schmächtig in der Summe der Zeilen, mächtig im Inhalt – und auf den kommt es an.

Was beim Lesen auffällt: Auf netto circa 150 Seiten beschreibt Katherine Faw das Schicksal von Nikki, einem dreizehnjährigen Gör, das zwischen Heim und Familie pendelt, Drogendealerin und schließlich Axtschwingerin wird. Hin und her geschubst und missbraucht zieht sie – nachdem ihre Mutter von einer Klippe gestürzt ist und das Ereignis nicht überlebt hat – im Trailer ihres kürzlich aus dem Gefängnis entlassenen Vaters ein, einer ehemaligen Größe im lokalen Drogengeschäft, heute Zuhälter.

Nikki himmelt ihn zunächst an, merkt aber recht schnell, dass der Vater nicht mehr der Held ist, der er einmal für sie war. Und so lernt sie, sich mit der Situation zu arrangieren, das Beste daraus zu machen, indem sie zunächst beobachtet, wie die Sache so läuft. Besonders die zwischen ihrem Vater und Angel, die dem Vater als Einnahmequelle dient.

Und Nikki lernt schnell, besorgt sich auf einfache Art Drogen, vertickert sie. Klar, dass das Ärger gibt. Zum Schluss fließt Blut. Nicht zu knapp.

IMG_9735Nikki Hawkins wird in dieser Geschichte vom Opfer, das umgeben von Losern ist, zum Täter – oder, wie es von Katherine Faw dargestellt wird – zu YOUNG God, zur jungen Göttin. Nikki will dabei nicht missionieren.Sie will herrschen in ihrem Mikrokosmos in den Appalachen, in der Frauen nichts wert sind, üblicherweise den Männern untertan.

Eine wundersame, jedoch brutale Entwicklung des dreizehnjährigen Mädchen zu einer starken Frau. Wie Katherine Faw diese Metamorphose beschreibt ist faszinierend.

– – – O – – –

Katherine Faw: Young God (Erschienen 2020 im Polar Verlag, herausgegeben von Jürgen Ruckh, übersetzt von Alf Mayer, mit einem Nachwort von Kirsten Reimers), Originaltitel: Young God (USA, 2014)

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Michaela Kastel: Worüber wir schweigen

IMG_9755Als es geschah, wurde nicht darüber gesprochen, was wirklich mit Dominik passiert ist. Nach dessen Tod hat seine Schulkameradin und Freundin Nina den Ort verlassen. Nun ist sie nach 12 Jahren zurückgekehrt und will von Mel, der Klassenkameradin aus jener Zeit, und Dominiks Bruder Tobias die Wahrheit erfahren. Wenn es nicht anders geht, auch mit Hilfe des Teils, das sie in einer Metallbox mitgebracht hat.

 

Die Verflechtungen und Beziehungen zwischen den vier damaligen Teenies waren komplex und nicht spannungsfrei.

Michaela Kastel erzählt diese Geschichte aus der Sicht der vier abwechselnd in der Zeit vor dem dramatischen Ereignis und dem Jetzt. Klar ist von Anfang an, dass Dominik von einem Zug überrollt wurde. Wie es dazu kam, ist die Frage, die im Laufe des Roman beantwortet wird. Stück für Stück wird das Puzzle durch Erinnerungen und die aktuellen Begegnungen zu einem Bild zusammengefügt, wie es spannender kaum dargestellt werden kann. Wir erhalten Einblicke in die Psyche der Dominante und der Unterlegenen dieses Quartetts, erleben im Roman möglicherweise Parallelen zu unserer Teenie-Zeit.

Es ist ein Thriller, der Gefühle aufwühlt, weil die, um die es darin geht, sie damals zeigten – oder unterdrückten -, und auch heute noch mit ihrem Erlebten nicht abgeschlossen haben.

Es ist ein Thriller, der es wert ist, gelesen zu werden, weil er eine Atmosphäre schafft, die ungewöhnlich ist. Der schließlich ein Geheimnis preisgibt, dem man die ganze Zeit erwartungsvoll entgegengezittert hat.

– – – O – – –

Michaela Kastel: Worüber wir schweigen, erschienen im Emons Verlag (2019) als Hardcover in der Reihe emons:thriller

– – – O – – –

Ebenfalls von Michaela Kastel: So dunkel der Wald (emons:thriller, 2018)

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