Hallie Rubenhold: THE FIVE – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden

Dem Mann, genannt Jack the Ripper, der 1888 in London fünf Frauen ermordet haben soll, sind in Sach- und Kriminalliteratur unzählige „Denkmale“ gesetzt.

Die fünf ermordeten Frauen wurden bisher zumeist als nebensächlich erachtet, zumeist als obdachlose Prostituierte gerade einmal mit ihrem Namen erwähnt und dargestellt.

Hallie Rubenhold berichtet über das Leben dieser Frauen und die Welt in der sie lebten, recherchiert aus verschiedensten Quellen von Polizei, Gericht und der Presse.

Im Vorwort erklärt die Autorin Situation in jenem Jahr, als in London anlässlich des 50jährigen Thronjubiläums von Queen Victoria rauschende Feste gefeiert wurden und die feine Gesellschaft einen Sommer in Saus und Braus verbrachte. Auf der anderen Seite lebten in London Tausende von Obdachlosen, die am Trafalgar Square und anderen Plätzen der Stadt, in Parks oder finsteren Ecken nächtigten. Die Armen, die in verlausten Wohnheimen für eine Nacht unterkamen hatten es auch nicht besser, zudem waren die Armenhäuser überfüllt, die Bewohner zumeist schikaniert, die Bewohnerinnen noch mehr. Letztere wurden oftmals von den Aufsichtspersonen misshandelt und missbraucht.

Arbeiter, die für sich und ihre Familie ein kleines Zimmer in einem der versifften, von Schimmel befallenen Wohnhäuser in den Armenvierteln leisten konnten, waren dagegen verhältnimäßig gut dran – trotz der Kloaken, die zwischen den Häusern standen, trotz Hungern, Krankheiten und Frieren im Winter. Wer zu diesem Klientel gehörte, gehörte zu denen, die kaum von Politik, den Reichen und der Mittelschicht wahrgenommen wurde. Aber zur Mittelschicht zu gehören, bedeutete nicht, eine Garantie für lebenslangen Wohlstand zu haben. Der Verlust des Arbeitsplatzes, konnte den Beginn eine Abwärtsspirale über eine Wohnung im Armenviertel bis hin zur Obdachlosigkeit in Gang setzen, häufig verbunden mit dem Versuch, die Sorgen in Alkohol zu ertränken, was den sozialen Abstieg nur beschleunigte. Frauen, die sich von ihrem Mann getrennt hatten oder von ihm verlassen worden waren, erging es noch schlechter. Ein Teil von ihnen verdiente sich ein paar Schillinge durch Prostitution, bei weitem aber nicht alle. Trotzdem war es die einfachste Lösung, bei Morden an obdachlosen Frauen zu unterstellen, dass diese der Prostitution nachgegangen waren – so auch bei den Morden von dem Mann, der als Jack the Ripper bezeichnet wurde.

Zu einfach, diese Erklärung. So mein Fazit bereits nach dem Hauptkapitel „Polly“, in dem das Leben von Mary Ann „Polly“ Nichols, Tochter eines Schmieds, von der Geburt bis zur Ermordung beschrieben wird. Ein Werdegang, der in armen aber ehrbaren Verhältnissen begann, trotz tragischer Ereignisse in der Familie relativ konstant blieb. Pollys Geschichte zeigt sogar einen sozialen Aufstieg, indem sie, inzwischen verheiratet, in eine Art Sozialwohnung des Philanthropen Peabody umzieht. Doch dann kommt der soziale Abstieg, mehr und mehr begleitet von Alkoholkonsum. Einige Male gibt es Anzeichen, dass sich Polly doch dieser Abwärtsschraube entziehen kann, aber dann wird sie mit aufgeschlitzter Kehle gefunden.

Mit Ermordung enden 1888 auch die Leben von Annie, Elizabeth, Kate und Mary Jane, Taten einer Person, deren Identität nie geklärt wurde, auch wenn es zum Beispiel Püstow und Schachner in „Jack the Ripper – Anatomie einer Legende“ mit umfangreichen Recherchen versucht haben.

In The Five, spielt die Fragestellung „Wer war Jack the Ripper?“ keine Rolle. Hier wird der soziale Kontext der Zeit zu den Frauen und deren Möglichkeiten darin zu überleben verknüpft. Es ist eine Sichtweise, die scheinbar unabhängig von der Person des Serienmörders ist, aber doch damit in Zusammenhang zu sozialen Konflikten, der Lebenssituation in den Armenvierteln Londons und dem Frauenbild der damaligen Zeit steht.

Hallie Rubenholds umfangreiches Recherchieren, das durch die Angabe der Quellen am Ende des Buches dokumentiert wird, führt zu einem Sittengemälde eines bedrückenden Teils von London. Eine realistische Darstellung von Verhältnissen, wie sie in Romanen von Charles Dickens, der einige Jahre zuvor in ähnlichen Verhältnissen dort gelebt hat, beschrieben wurden.

In The Guardian wurde es in einem Satz zusammengefasst:

Hallie Rubenhold: THE FIVE – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden. Erschienen bei Nagel & Kimche (2020), übersetzt von Susanne Höbel

Titel der englischen Originalausgabe: THE FIVE. The untold lives of the women killed by Jack the Ripper (UK, 2019)

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MARIO LIMA: DIE MAUERN VON PORTO – Ein Fall für Inspektor Fonseca

Der Ort und die Lage. In Portos Altstadt werden nach einem Brand zwei skelettierte Leichen gefunden, die jahrelang in einer Mansarde eingemauert waren. Das Haus war seit Jahren unbewohnt. Inspektor Fonseca und sein Team der Mordkommission der Polícia Judiciária ermitteln. Aber nachdem keine Personen mehr aufzufinden sind, die der Polizei Hinweise auf das Verschwinden der beiden Ermordeten – einer Frau und einem etwa dreizehnjähriges Mädchen – geben können oder wollen, werden die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Der Grund ist einfach und für Portugal spezifisch: Mord verjährt in diesem Land nach 15 Jahren und diese Morde liegen nach ersten Erkenntnissen 22 Jahre zurück.

Die, die wissen, was damals geschah, melden sich nicht. Sie haben ihre Gründe oder schweigen aus Angst. Als in diesem Umfeld ein weiterer Mord geschieht, ist es wiederum Fonsecas Gruppe, die nach dem Täter sucht und schließlich Erfolg hat.

Das Personal. Der vorliegende Kriminalroman ist der dritte Fall für Chefinspektor Fonseca, der allerdings hier weitgehend im Hintergrund bleibt, immer zur Stelle ist, wenn er die Erfahrung aus langer Polizeiarbeit, den Umgang mit Gesetz, Anwälten und Tätern einbringen kann. Neben Inspektor Pinto und der „Inspektorin im Praktikum“ Ana Christina Santos ergänzen einige andere Polizisten das Team. Neu im Team ist Teresa, genannt Tété. Sie hat sich gerade von Lissabon, wo sie im Korruptionskommissariat gearbeitet hat, nach Porto zu den Mordermittlern versetzten lassen, ist frisch geschieden, musste mit neun Jahren zusammen mit ihren Eltern als portugiesenstämmig fliehen, als das Land von Portugal 1975 in die Unabhängigkeit geschickt wurde. Tété ist auf Seite der Polizei die Hauptperson in diesem Roman.

Márcia und der ehrenwerte Senhor Cláudio sind die, die etwas wissen, aber sich nicht bei Fonseca, Tété und Co. melden. Márcia sorgt sich in der Fundação Esperança – Stiftung „Hoffnung“ – um Junkies, hat früher oft die Bewohner des Hauses besucht, in dem die Skelette gefunden wurden. Cláudio ist ihr Onkel, der hochangesehene Leiter der Stiftung, ein Mann, der zur High Society der Stadt gehört. Auch er kennt sich aus im Haus mit den Skeletten, sorgt sich um seinen exzellenten Ruf. Márcia muss dagegen diverse Ängste mit Pillen verdrängen, denn was sie weiß und noch im Laufe der Handlung erfährt, kann sie in üble Bedrängnis bringen.

Mord verjährt nach 15 Jahren – Schuld verjährt nicht. Neben der Frage nach dem „Whodunit?“ ist die Verjährung von Straftaten in Portugal ein zentrales Thema dieses Krimis. Mario Lima erzählt hier von dem für Portugal spezifischen Strafrecht, was die Verjährung von Straftaten betrifft. Danach verjährt dort ein Verbrechen nach der Zeit, die als Höchststrafmaß festgesetzt werden kann. Bei Korruption ist dieses Maß zwei Jahre. Damit verjähren solche Taten nach zwei Jahren. Und wer sich einen guten Anwalt leisten kann, der braucht eine Verurteilung nicht zu befürchten, denn ein gewiefter Verteidiger kann ein Verfahren über mehr als zwei Jahre hinziehen. Geschickt gemacht für Leute, die Geld haben. Und da die Höchststrafe für Mord 15 Jahre beträgt, ist selbstverständlich eine 22 Jahre zurückliegende Tat verjährt. So jedenfalls diesem Krimi zu entnehmen. Dass mit neuen, modernen Analysenmethoden nach noch längerer Zeit Mörder überführt und verurteilt werden können, in Portugal jedoch nicht, frustriert Fonseca und alle, die an dem Fall der skelettierten Toten arbeiten, insbesondere Tété und die gerade an der Polizeiakademie über moderne Nachweismethoden ausgebildete Ana Christina. Damit verbunden ist zu Fonsecas Leidwesen auch, dass sich eine Zweiklassengesellschaft um die Rechtssprechung herum gebildet hat: Diejenigen, die Geld haben, kommen durch ausgefuchte Anwälte davon, die Kleinen können der Strafe nicht entgehen.

Glaubwürdigkeit. In einem Interview von Leserkanone.de sagt Mario Lima: „Die Geschichte, die ich erzähle, soll glaubwürdig sein“. So liest sie sich auch. Teamarbeit ohne spektakuläre Alleingänge Einzelner bei der Polizei. Kein abenteuerlicher Showdown gegen Ende der Story. Daraus ergibt sich ein auf vielen Seiten wenig spannungsreicher Kriminalroman, der jedoch sowohl kritisch gegenüber dem Rechtssystem in Portugal ist, aber auch die teilweise Morbidität des ältesten Teils Portos dem Bairro da Sé aufzeigt, eine realistische Beschreibung des Lokalkolorits abseits der Romantik von unkritischen Reiseführern oder daraus entnommenen Beschreibungen für Regionalkrimis.

Die drei Hauptcharaktere. Besonders Tété und Márcia werden präzise charakterisiert. Bei Tété ist es die Vergangenheit mit der Flucht aus Angola und dem Leid ihrer Familie, die sich gar nicht als Portugiesen empfindet, noch nie in Portugal war. Mit einer daraus erwachsenen Empathie kann sie sich Márcia als einzige aus dem Team der Mordkommission nähern. Márcia, die tragische Figur, die zu leiden hat durch das, was sie weiß, und sich vor dem fürchtet, was ihr angetan werden kann. Der Charakter Cláudios bleibt dagegen eher blass. Der eines scheinbaren ehrenhaften Bürger Portos mit einigen Flecken auf der feinen Kleidung. Alle anderen Figuren bleiben im Hintergrund. Sie tun ihre Arbeit. Sollte es einen weiteren Fall für Fonseca ohne sie geben, würde ich sie nicht vermissen. Fonseca, der, alte Hase weiß, wie die Dinge in Portugal laufen, und so jemanden braucht die Reihe.

Fazit. Ein Kriminalroman mit Einblicken in das Porto und Portugal von heute. Angenehm zu lesen, unterhaltsam, mit interessanten Aspekten, jedoch ohne große Spannungselemente. Wenn Glaubwürdigkeit zu Lasten der Spannung geht, wünsche ich mir als hartgesottener Krimifan jedoch Stückchen weniger Glaubwürdigkeit.

– – – O – – –

Mario Lima: Die Mauern von Porto, erschienen im Wilhelm Heyne Verlag (2021), dritter Band der „Fonseca-Reihe“

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Michaela Kastel: Ich bin der Sturm

„Ich bin der Sturm“, diese Worte der Ich-Erzählerin beinhalten fast alles, was sie will und macht, um ihr Ziel zu erreichen: Sich an denen zu rächen, die sie in diese scheinbar ausweglose Situation gebracht haben.

Die Hölle. Ein „normales“ Bordell hat sie hinter sich. Dann wurde „Madonna“ – so wird sie genannt – in das Schlachthaus geschafft. Ein Bordell wie ein Gefängnis mit Zellen, in denen sie auf übelste Weise von ihren Peinigern missbraucht wird. Sie und ihre Leidensgefährtinnen wie ein Stück Fleisch, ein Körper, dem man das Herz und die Identität geraubt hat, freigegeben für Perversitäten und Gewalt jeglicher vorstellbarer aber auch unvorstellbarer Art.

Aber Madonna will raus aus den Schlachthof, sich von den Monstern und Teufeln dieser Hölle befreien, um sie dann zu jagen.

Die Auferstehung. Madonna schafft es, die Hölle hinter sich zu lassen, begibt sich auf die Suche. Aber die Häscher sind hinter ihr her. Lange Zeit ist sie ihnen einen Schritt voraus auf ihrem Sturm durch das Land, bei dem sie dem Ziel immer näher zu kommen scheint, es aber nicht erreicht.

Die Erlösung. Im dritten Teil wird der Sturm zum Orkan. Das Ziel vor Augen, den Ort, an dem es begann, unter den Füßen.

Unique. Es ist nicht vermessen, diesen Thriller als einzigartig zu bezeichnen. Es ist die Art, wie Michaela Kastel die Ich-Erzählerin über ihre Vergangenheit reden lässt. Dazu kommt das zielorientierte Handeln im Sturm, mitreißend, fesselnd. Und ein Ende, das nicht einem linearen Verlauf der Handlung entspricht, sondern sich durch einen unglaublichen, doch logischen Twist auszeichnet.

Michaela Kastel hat bereits mit „So dunkel der Wald“ und „Worüber wir schweigen“ fantasievolle Plots und hervorragende Dramaturgie gezeigt, mit denen sie sich damit aus der Masse der Spannungsliteratur abhebt.

Mit einem Wort: UNIQUE

– – – O – – –

Michaela Kastel: Ich bin der Sturm, emons:thriller 2020

– – – O – – –

zuvor von Michaela Kastel erschienen:

So dunkel der Wald (emons:thriller, 2018)

Worüber wir schweigen (emons:thriller, 2019)

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Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette

Maigret und Pietr der Lette gilt bekanntlich als der erste wirkliche Maigret-Roman, der erste von 74 weiteren sowie 28 Erzählungen.

Ohne lange Vorgeschichte taucht der erste Tote auf: Pietr der Lette – oder ist er es nicht? Die Ankunft des international bekannten und gesuchten Kriminellen mit dem Étoile du Nord am Gare du Nord war der Sûreté Paris von Interpol und nationalen Polizeibehörden benachbarter Länder avisiert worden. Ein Besuch, um einen großen Deal einzufädeln.

Eine präzise Personenbeschreibung hatte der internationale Erkennungsdienst aus Kopenhagen nach Paris telegrafiert. Maigret erwartet den Kapitalverbrecher beim Eintreffen des Ètoile du Nord und sieht ihn aus dem Zug aussteigen, identifiziert ihn. Zeitgleich erfährt der Kommissar von Eisenbahnern, dass in einer Toilette des Zuges eine Leiche gefunden wurde. Maigret erkennt in ihr einen Mann, der genau so aussieht wie derjenige, der gerade den Bahnsteig als Pietr der Lette verlassen hat. Nur ist der Tote im Gegensatz zur lebenden Version schäbig gekleidet.

Das Rätselraten beginnt für den Kommissar von der Ersten Mobilen Brigade. Wer ist der „echte“ Pietr der beiden gleich aussehenden Personen, wer der andere – und somit wer hat wen ermordet?

In weiten Teilen ist der Roman ein Road Movie. Nicht im heutigen Sinne mit spektakulären Verfolgungsjagden auf der Straße, per Flugzeug oder zu Wasser. Maigret verfolgt die Spur und den „überlebenden“ Letten per Eisenbahn, fährt mit ihm gar im selben Zugabteil, läuft ihm zu Fuß in Paris hinterher. Zwar läuft es nicht nach dem Motto „Leichen pflastern seinen Weg“, jedoch tauchen, nachdem Maigret angeschossen wird und darunter im weiteren Verlauf darunter leiden muss, doch einige auf. Darunter ein Kollege Maigrets und der Geschäftspartner von Pietr.

Gegen Ende sitzt der Kommissar mit einem Verbrecher in einem Hotelzimmer und erfährt die Zusammenhänge und das Motiv für den Mord im Étoile du Nord. Am Ende noch ein Schuss und dann ist Schluss.

Simenon stellt in diesem Roman den Pfeife rauchenden, Bullerofen liebenden Kommissar vor, der schlechtes Wetter hasst – und davon gibt es in diesem Buch recht viel. Maigret ist 45 Jahre alt, groß und mächtig mit seinen imposanten Schultern. Wird er angerempelt, schwankt er ebenso wenig wie eine Mauer. Bekleidet mit einem dicken schwarzen Mantel – jedenfalls bei miesem Wetter – eine Melone auf dem Kopf und eine schlecht gebundene Krawatte. Sein Zuhause ist kleinbürgerlich mit Frau am Herd und – wichtig – Ofen im Wohnzimmer. Fixiert ist Maigret einzig und allein auf seinen Beruf, Privatleben nebensächlich. Damit ist die Grundlage für die Figur Maigrets gelegt, die im Laufe der nächsten 74 Romane nur deutlich an Gewicht zulegt, mit sich mit einer altersmäßigen Steigerung von 10 Jahren in dieser Hinsicht nur unwesentlich vom ersten Fall unterscheidet.

Bei der Ermittlung geht der Kommissar häufig intuitiv vor, mit eigenen Theorie, der vom Riss: „In jedem Übeltäter, in jedem Gauner steckt ein Mensch, doch auch und vor allem ein Spieler, ein Gegner, und er ist es, dem die Aufmerksamkeit der Polizei gilt, er ist es, den sie im Allgemeinen bekämpft.“

90 Jahre nach Erscheinen des Romans noch immer lesenswert und ein guter Einstieg in die Welt von Jules-Amédée-François Maigret.

– – – O – – –

Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette, erstmals erschienen 1931. In der vorliegenden Ausgabe des Kampa Verlags 2019 in der Übersetzung von Susanne Röckel veröffentlicht. Mit einem ausführlichen Nachwort von Tobias Gohlis

In Deutsch zuerst 1935 mit dem Titel „Nordexpress“ erschienen, 1959 mit dem Titel „Maigret und die Zwillinge“, 1978 erstmals unter dem aktuellen Titel im Diogenes Verlag

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Fred Sellin: Nur Heringe haben eine Seele

Fred Sellin hat sich bemüht, aus einem riesigen Konvolut von Akten zu, von und über den Serienmörder Rudolf Pleil einen „True Crime-Roman“ zu schreiben, der das Leben und Wirken Pleils beinhaltet. Kernstück der Gerichts- und Ermittlungsakten ist die Sammlung mehrerer Kladden in denen der selbsternannte „beste Totmacher“ seine Taten und die Gründe dafür aufgeschrieben hat.

Fakt ist, dass Pleil zunächst 1947 zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, weil er einen Kaufmann, den er im Harz aus der britischen in die russische Zone schmuggeln wollte, erschlagen hat. Während er sich nach der Tat recht dumm angestellt hat und kurz danach verhaftet und verurteilt wurde, musste er die Ermittlungsbehörden auf von ihm verübte Morde an zahlreichen Frauen in den Jahren davor hinweisen.

Blut zu sehen und sexuelle Lust dabei zu spüren, war überwiegend sein Motiv.

Im vorliegenden Roman berichtet Pleil in der „Ich-Form“ ausführlich darüber und selbstverständlich auch darüber, dass die Basis für dieses Verhalten in seiner schlechten Kindheit lag. Ob es nun 12 Verbrechen an Frauen waren, wie ihm das Gericht nachgewiesen hat oder 25 oder gar noch viel mehr – das behauptet Pleil – ist sekundär. Die hohe Zahl aber nicht nur ein Zeichen der kriminellen Energie, sondern besonders ein Zeichen der Prahlerei mit seinen Taten.

Es handelt sich um abscheuliche Taten und widerwärtiges „Gequatsche“, die der Autor vom Täter erzählen läßt, unterbrochen immer wieder von Protokollen der Gutachter und Ermittler sowie Briefen von Angehörigen.

Unter dem Mäntelchen, dass hier ein Tatsachenroman entstanden sei, „der auf bemerkenswerte Weise Einblick gibt in die seelischen Abgründe eines Serienmörders“, ist hier in einer Form ein Roman verfasst worden, der sicherlich nahe an dem, was Pleil trieb und dachte geschrieben. Damit ist dem Triebtäter und Serienmörder posthum – er starb durch Suizid 1957 in seiner Zelle – eine Plattform erstellt, die er meiner Ansicht nach nicht verdient hat. Jedenfalls nicht in der Form dieses sogenannten Tatsachenromans, der dadurch einen gewissen Wert erlangt hätte, wenn in einem Nachwort eine kritische Betrachtung über des Täters angestellt worden wäre, ebenso wie eine zeitgeschichtliche Einordnung in die Wirren der Nachkriegszeit mit den Schleppern von Ost nach West und umgekehrt. In einer Nachkriegszeit, in der zum Überleben auch einige Verhalten gehörten, die nicht legal waren, jedoch nie ein Morden aus niedrigen Beweggründen wie bei Rudolf Pleil.

– – – O – – –

Fred Sellin: Nur Heringe haben eine Seele, Droemer Verlag (2020)

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Du hast ja keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast — DOUG JOHNSTONE: DER BRUCH

Bereits zu Beginn des Jahres einen Kriminalroman als ein Highlight des Jahres zu bezeichnen, ist eine gewagte Äußerung. Ich sage es trotzdem.

Der Bruch ist anders als ein üblicher Krimi nach „Whodunit“-Art oder mit einem Ermittler auf der Suche nach Motiv, Mittel und Gelegenheit zur Aufklärung eines Kapitalverbrechens.

Hier wird die Geschichte des 17jährigen Tyler erzählt, der zwischen seinem brutalen Halbbruder Barry inklusive dessen Schwester Kelly – mit der es Barry treibt – und der kleinen Schwester Bean steht, der er Vater und Mutter gleichzeitig ersetzen muss, da Mutter im Suff und an der Nadel dahin vegetiert und ebenfalls vom Sohn bemuttert werden muss, Vater nicht vorhanden.

Tyler dient seinen Halbgeschwistern zudem ständig als Werkzeug bei deren Einbrüchen, da er so schmächtig und klein ist, dass er durch jede winzige Öffnung passt. Barry und Kelly leben gut davon: Alkohol, Drogen im Überfluss. Für Tyler bleibt gerade so viel über, dass er sich, Bean und die zugedröhnte Mutter ernähren kann.

Und dann passiert es: bei einem Einbruch in eine Villa, kehrt die Frau des Hauses überraschend zurück, wird von Barry lebensgefährlich durch Messerstiche verletzt. Sie ist die Gattin des Gansterchefs Deke Holt und es ist dessen Haus, in das die Bande einbrach.

Ein Fehler, dieser Bruch. Wenn Deke Tyler findet, wird er ihn foltern, um zu erfahren, wer die Ehefrau niedergestochen hat, ihn dann töten. Das prophezeit eine Polizistin dem Jungen, will ihn damit unter Druck setzen, um den Haupttäter zu fassen. Für Tyler ist klar: er wird Barry nicht verraten, weil sie eine Familie sind. Das alles spielt sich im – ach so schönen – Edinburgh ab, in einer Gegend, die nicht für Touristen attraktiv ist, in einem „sozialen Brennpunkt“, der Welt der Abgehängten.

Tyler, verantwortungsbewusst gegenüber der kleinen Schwester und ausgestattet mit viel Empathie, hat mit seinen Halbgeschwistern und mit der Gegend die A-karte gezogen. Falsche Gegend, falsche Familie. Und dennoch hält er zu beiden, wegen der kleinen Bean, wegen „Familie ist wichtig“ und um in diesen Verhältnissen zu überleben.

Als Leser stellst du fest: Scheiß Realität, hoffst, dass es für Bean und ihren Beschützer ein Rauskommen gibt aus deren kleinem Universum.

Ein mitreißender Roman, der fesselt, weil das Schicksal Tylers den Leser nicht kalt lässt. Man möchte in das Geschehen eingreifen, dem Jungen sagen, wie er sich verhalten soll. Aber welchen Rat kann ich ihm geben? Ich weiß es nicht!

Das ist es, was bewegt. Die eigene Hilflosigkeit, einen praktikablen Ausweg für Tyler zu finden. Ein Mitfiebern bis zum Ende, ohne dass jemals Langweile aufkommt, weil der Plot verflacht.

Wie oben erwähnt: Der Bruch, ein Highlight der Kriminalliteratur des Jahres 2021

– – – O – – –

Doug Johnstone: Der Bruch, erschienen 2021 im Polar Verlag, herausgegeben von Wolfgang Franßen, übersetzt von Jürgen Bürger, mit einem Nachwort von Hanspeter Eggenberger

Originaltitel: Breakers (UK, 2019)

– – – O – – –

Die zweite Meinung von Gunnar Wolters auf KALIBER .17

Die zweite Meinung, dieses Mal aus Wien, auf crimenoir

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Alles Lüge. Sein ganzes Leben — Louise Penny: Wenn die Blätter sich rot färben

Wer war das Opfer? Warum wurde er umgebracht? Wer hat ihn umgebracht? Was war die Tatwaffe?

In Olivers Bistro in dem abgelegenen kanadischen Dörfchen Three Pines wird die Leiche eines Unbekannten gefunden. Ermordet. In Three Pines, einem Ort, der idyllischer kaum serscheinen kann. Drei Kiefern in der Mitte des Dorfes, daneben der Buchladen von Myrna, ein Bäckerladen, das Haus des Künstlerehepaars Clara und Peter, das Bistro von Oliver und die Pension seines Lebensgefährten Gabri. Mit geschätzten Bewohnern des Ortes, zu denen auch Ruth mit ihrer Ente Rosa gehört. Ruth, Dichterin und Chefin der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, nicht ganz einfach, diese spleenige Frau.

Doch Three Pines mit seinen Wäldern drumherum ist inzwischen auch bekannt für Morde, von denen die kanadische Autorin Louise Penny in inzwischen 16 Bänden erzählt, einige sind bereits in deutscher Sprache erschienen.

Armand Gamache, Chief-Inspector bei der Surêté du Québec, ist mit seinem Team immer zur Stelle, wenn dort eine Leiche auftaucht. In diesem fünften Fall für Gamache ist es eine Angelegenheit, die den cleveren Chief-Inspector vor noch mehr als die üblichen Fragen stellt.

Angeblich kennt niemand der Bewohner Three Pines‘ den Toten, auch Oliver nicht, in dessen Bistro er von Myrna gefunden wird.

Noch mehr Fragen stellt sich Gamache als er herausfindet, dass der Tote nicht im Bistro ermordet wurde:

Wo wurde er umgebracht? Warum wurde die Leiche bewegt?

Fast von Anfang an erscheint Oliver verdächtig, aber andere im Laufe der Handlung ebenso. Irgendwann steht fest, dass der Tote ein Eremit war, der tief in den Wälder in einer selbstgebauten Hütte lebte, um sich herum kostbarste Antiquitäten aus vielen Jahrhunderten, darunter ein kleines Stück aus der Wandvertäfelung des verschwundenen Bernsteinzimmers. Der Tatort wird gefunden, die Wege der Leiche zu Olivers Bistro können nachvollzogen werden und schließlich – so ist es zumeist in Kriminalromanen – Täter und Motiv ermittelt.

Viele Rätsel mussten dazu gelöst werden. Allen voran das Leben von Oliver:

Alles Lüge. Sein ganzes Leben. Die ganze Zeit. Bis er nach Three Pines gekommen war. ….. Aber dann war der Eremit gekommen.

Auch das Rätsel um die Schnitzereien, gefertigt aus Red Cedar aus einer bestimmten Gegend in British Columbia, einer Inselgruppe namens Queen Charlotte Islands. Es ist die Heimat der Haida, einem Indianervolk, das zu den First Nations des Kontinents zählt. Tausende von Kilometer muss Gamache dorthin reisen, um zu verstehen, was den Eremiten bewegt hat, was es mit der Geschichte des Bergkönigs auf sich hat, die immer wieder stückweise im Buch auftaucht und die zu dem führt, vor dem sich keiner verstecken kann: dem Gewissen.

Vieles in diesem Roman ist außergewöhnlich – so, wie die Gemälde Claras – und herrlich erzählt von Louise Penny. Allerdings braucht der Leser Geduld, bis die Handlung Dynamik gewinnt. Doch die Geduld lohnt sich, nicht nur der Spannung wegen wie der Entschlüsselung des Codes auf den Schnitzereien. Das Geheimis der Herkunft der Antiquitäten, das zurück in die damalige Tschechoslowakei nach dem Prager Frühling führt. Die Lügen, die Gamache und seinem Team aufgetischt und von diesen ebenso entschlüsselt werden müssen.

Dieses und wiederum die wunderbaren Charakterisierungen der alten und neuen Bewohner von Three Pines machen Wenn die Blätter sich rot färben lesens- und liebenswert.

– – – O – – –

Louise Penny: Wenn die Blätter sich rot färben – Der fünfte Fall für Gamache. Übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, erschienen 2020 im Kampa Verlag. Originaltitel: The Brutal Telling (UK, 2009)

– – – O – – –

Bereits besprochene Bände der Chief-Inspector Gamache-Reihe auf KrimiLese:

Das Dorf in den roten Wäldern – Der erste Fall für Gamache

Lange Schatten – Der vierte Fall für Gamache

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Über das Sinaloa-Kartell in Mexiko, eine Art „True-Crime-Geschichte“

Ein umfassender und gut recherchierter Artikel in ZEIT ONLINE:

Der Journalist Javier Valdez kann nicht mehr recherchieren, weil er erschossen wurde. Aber wir können

Von Kai Biermann, Amrai Coen, Hauke Friederichs, Holger Stark und Fritz Zimmermann

Hier der Link dazu: https://www.zeit.de/2020/52/sinaloa-drogenkartell-mexiko-javier-valdez-journalist-mord-berichterstattung

Was bei Don Winslow in dessen dreibändiger „Kartell-Saga“ fiktiv war und doch großen Bezug zur Realität hatte, wird hier ausführlich wie ein „True Crime“ dargestellt.

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Peter Jackob: Gutes Neues, Schack!

Vorweg: In Mainz ist der Kommissar der dortigen Mordkommission, Schack Bekker, mit Sicherheit mindestens so bekannt wie Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Maigret zusammengenommen. Über die Stadtgrenzen hinaus in ganz Deutschland hat der Kommissar inzwischen durch „Der gespielte Krimi“, in dem zur Lesung des Autors und Pantomime von Corina Ramona der Kommissar einen Kriminalfall löst, sowie durch etliche Schack-Bekker-Krimis ebenfalls Berühmtheit erlangt.

Schack Bekker ermittelt wieder. Selbst an Silvester kann Schack nicht entspannt mit seinen Freunden feiern. Wie jedes Jahr zieht es ihn am letzten Abend des Jahres zu einer Gartenhütte im Kleingartenverein „Friedliebende Nachbarn“, wo er in gemütlicher Runde mit Spielen wie Blinzelmörder und Der inszenierte Mord sowie jeder Menge Calvados, Sekt und anderem Hochprozentigem die letzten Stunden des alten und die ersten des neuen Jahres verbringt, um am nächsten Morgen mit einem wildkatzengroßen Kater aufzuwachen.

Schon beim Betreten der Anlage überkommt ihn ein mulmiges Gefühl. Das handgeschriebene Schild „Friedliebende Nachbarn“ über dem Eingang schwingt still hin und her, quietscht nicht wie sonst. Auch das helle Knirschen der Kieselsteine auf dem Fußweg ist nicht das vertraute Geräusch. So meditiert er über das Unheimliche, das nach Freud das nicht mehr Vertraute ist.

Es kommt es wie es kommen muss: Nach den ersten Gesellschaftsspielen – alle Gäste haben sich als Detektive der Weltliteratur verkleidet, als Poirot, Miss Marple oder Sherlock Holmes, Schack Bekker ist als Schimanski erschienen – erreicht ein fürchterlicher Schrei aus dem Nachbargarten die feuchtfröhliche Runde. Gestalten im Look von Schimanski, Poirot, Miss Marple eilen mit Sam Spade, Sherlock, Columbo und Co zum Ort des Geschehens und finden dort den toten Vorsitzenden der „Friedliebenden Nachbarn“ in dessen Laubenpieperhütte vor. Der Schrei kam von der Kassiererin des Vereins, der Ex des Vorsitzenden. In ihrer Kostümierung verfallen der Kommissar und seine Freunde – überwiegend Kollegen und Bekkers Lieblingskollegin Erna Dunst – zurück in ihr wahres Leben als Kommissare, Polizeifotograf oder Rechtsmediziner und klären auf, was aufgeklärt werden muss.

Eine üble Tat in einer Silvesternacht, die für Schack so ganz anders verläuft. Aber da war ja was. Von Anfang an war’s Bekker unheimlich, seit er die „Friedliebenden Nachbarn“ betrat.

Peter Jackob erzählt dieses ungewöhnliche Erlebnis Bekkers mit feinem Humor, einer wohldosierten Portion Ironie und kurzweiligem Abtauchen in die römische und auch griechische Literatur. So sehen wir neben den Großen der Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts auch Vergil und Homer, über deren Dramen und Verse sich der Kommissar seine Gedanken macht.

Ein spannender, abwechslungsreicher Fall, den Schack Bekker mit Bravour löst, der ihn auf eine Stufe stellt mit den Großen der Kriminalliteratur.

Chapeau, Schack und ein Gutes Neues!

– – – O – – –

Peter Jackob: Gutes Neues, Schack!

Dieses kleine Büchlein (63 Seiten) ist 2020 vom Autor selbst veröffentlicht worden. Es ist in Mainz und um Mainz herum in Buchhandlungen erhältlich und wer es nicht in seiner Buchhandlung findet, für den gibt es sicherlich auch eine Möglichkeit, es zu erwerben. Tipp: Auf die Website des Autors – https://peterjackob.de/ – gehen.

Ein Buch also nicht nur für Mainzer und deren Nachbarn – und achtet mal drauf, wann und wo nach Corona „Der gespielte Krimi“ mal wieder gespielt wird (ebenfalls auf Peter Jackobs Website nachzulesen, wenn es soweit ist).

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Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten

Entgegen üblicher Gepflogenheiten lädt der alte Simeon Lee seine Nachkommen zu Weihnachten zu sich in sein Landhaus nach Gorstan Hall ein, in dem er mit einem seiner Söhne, dessen Frau und etlichen Hausangestellten lebt. Zwei Söhne mit Ehefrauen, ein alleinstehender Sohn und eine Tochter der verstorbenen Tochter des Alten werden erwartet.

Während die Ehepaare nur widerwillig der Einladung folgen – der Patriarch ist bekannt, dass er seine Nachkommen gern terrorisiert – kommt die Enkelin aus Spanien mit einem bestimmten Vorsatz nach England. Der ledige Sohn, schwarzes Schaf der Familie, hat auch ein Ziel: Nachdem er jahrelang auf Kosten des Vaters in der Welt herumgereist ist und nicht immer gesetzestreu war, möchte er sich wieder in seinem alten Zuhause einnisten. Zudem taucht noch der Sohn eines ehemaligen Geschäftspartners aus Südafrika bei Simeon Lee auf.

Wie von den meisten Familienmitgliedern erwartet, wird es kein fröhliches Weihnachtsfest. Der Hausherr lädt am Nachmittag des Heiligen Abends zu einer „Audience“ ein, bei der er seine Söhne – jedenfalls die ehelichen – als Nichtsnutze bezeichnet. Was er in anderen Betten gezeugt hat, könnte möglicherweise von besserer Qualität sein, sagt er. Auch an den Ehefrauen der Söhne lässt Simeon kein gutes Haar. Lediglich die Enkeltochter kommt ohne ätzende Kritik davon. Zudem erfahren die Anwesenden, dass der Herr des Hauses in Kürze sein Testament ändern will.

Daher wundert es nicht, dass am Abend aus dem Zimmer von Simeon ein Getöse umfallender Möbel und danach ein Todesschrei zu hören ist. Die Familie rennt zum Tatort, findet die Tür zum Zimmer von innen verschlossen. Zwei Söhne brechen die Tür auf und alle finden den Alten tot mit durchschnittener Kehle in einer riesigen Blutlache.

Als Glück erweist es sich zunächst, dass Inspector Sugden, der eine Stunde zuvor bereits dem damals noch Lebenden einen Besuch abgestattet hat, just zu dem Zeitpunkt noch einmal an der Tür klingelt, als das aufregende Ereignis passiert. So kann der Polizist sogleich die Ermittlungen aufnehmen.

Unterstützt wird der Inspector kurz darauf durch dessen Chef, der zu Hause gemütlich mit Hercule Poirot vor dem Kamin saß, wo die beiden nach einem anderen gelösten Fall zusammenhockten. Poirot wird vom Polizeichef gebeten, mit nach Gorston Hall zu fahren und ihn bei der Ermittlung zu unterstützen. Poirot folgt der Bitte und trifft auf eine Ansammlung von Personen, die alle ein Motiv für den Mord zu haben scheinen – Familienmitglieder, der Gast aus Südafrika aber auch ein Teil des Personals. So werden Gespräche mit allen Anwesenden geführt, hauptsächlich von Inspector Sugden. Alibis werden geprüft, alle Aussagen führen dazu, dass Sugden immer wieder meint, keiner der Anwesenden könne der Mörder sein, obwohl ein Fremder doch wohl auch nicht in Frage kommen könne.

Ein Mysterium ist auch das Locked-Room-Szenario: die Tür zum Tatort verschlossen, die Fenster zu oder ein etwas aufstehendes durch eine Sperre gesichert, sodass es unerklärlich ist, wie der Mörder das Zimmer verlassen haben könnte.

Aber zum Glück ist Poirot dabei! In vielen Gesprächen lässt er sich schildern, wie sich die Verdächtigen gegenseitig be- oder entlasten, registriert jede Kleinigkeit und löst schließlich den Fall.

Der Roman lebt von der Charakterisierung der Beteiligten und man kommt zu dem Schluss: Simeon Lee hat den Tod verdient. Agatha Christie erzählt im Sinne einer Krimihandlung nahezu spannungsfrei, zeigt dabei hervorragend die Spannungsverhältnisse zwischen den einzelnen Personen auf, die durch Misstrauen, Hass, Geringschätzung und Egoismus geprägt sind. Dazu ein cleverer Inspector und ein Poirot in Hochform, der sich von niemandem blenden lässt.

Ein Roman für Freunde der gepflegten Kriminalliteratur, der – so er in der Vorweihnachtszeit gelesen wird – Hektik aus unserem Leben in dieser stressigen Zeit herausnimmt. Im gemütlichen Sessel zum Entspannen mit Genuss zu lesen.

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Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten, Ausgabe des Antlantik Verlags (2015), übersetzt von Michael Mundhenk

Originaltitel: Hercule Poirot’s Christmas, zuerst erschienen im Dezember 1938 im Collins Crime Club

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