Janis Otsiemi: Libreville

IMG_6179Wie überall in Afrika dient die Polizei nicht den Bürgern, sondern eher den Regierungen”, sagt Janis Otsiemi in einem achtseitigen Interview mit Alf Mayer, das am Ende des Buches abgedruckt ist und zudem einen guten Einblick in die Beobachtungen des Autors gibt. Und, so lese ich es im Kriminalroman des gabunischen Autors, in Gabuns Hauptstadt Libreville gibt es Polizisten, die Autofahrer abzocken. Diese „Gesetzeshüter“ werden Magne-mille* genannt. Neben der Abzocke kommt es jedoch hin und wieder vor, dass Polizisten normaler Polizeiarbeit nachgehen.

Folglich hat Capitane Koumba von der Police Judiciaire diverse Verbrechen aufzuklären, „Raubüberfälle, Auslagendiebstähle, Vergewaltigungen…… Man muss keinen langen Bic besitzen, wie man hier sagt, das heißt studiert haben, um die Ursachen auszumachen: Armut, Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs, Drogen…..“

Otsiemi zeichnet ein überwiegend trostloses Bild von der Bevölkerung Gabuns und der Hauptstadt Libreville. Er beschreibt die Menschen und die Situation in für uns ungewohnten Redewendungen und Ausdrücken wie sie in der Umgangssprache verwendet werden. Der Besitzer eines langen Bics ist in Gabun ein Studierter, jemand der den Bic zerbrochen hat, schmiss die Schule. Diese eigenartig anmutenden Worte „sind so wohltuend wie ein frischer Luftzug“, machen den Roman so liebenswert.

Dabei ist der Fall, um den es in diesem Krimi hauptsächlich geht, alles andere als nett.

Die Leiche eines Journalisten von Échos du sud wird nahe dem Palast des Präsidenten angespült. Roger Missangs Kehle ist durchschossen, an seiner Schreibhand wurde zwei Finger abgeschnitten. Polizeioffiziere der Generaldirektion des Fahndungsdienstes, die dem Verteidigungsministerium unterstellt sind, übernehmen die Ermittlungen. Der Fund der Leiche eines Journalisten in der Nähe des Präsidentenpalastes, erschossen mit einer Waffe aus dem Umfeld des Verteidigungsministeriums, legt Vermutungen nahe, dass es sich nicht nur um einen politischen Mord handeln könnte, sondern gar um eine Staatsaffäre. Denn dieser aktuelle Mord geschieht einige Monate vor der Präsidentenwahl im Jahre 2009, in deren Vorfeld es erhebliche Machtkämpfe zu geben scheint.

Janis Otsiemi verknüpft diesen Kriminalfall geschickt mit Informationen über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Land. Er erzählt scheinbar nebenbei, wie Libreville von einer kleinen Stadt mit 30.000 Einwohner im Jahr 1960 mit der Unabhängigkeit Gabuns zur Hauptstadt des Landes wurde und nahezu unkontrolliert auf 700.000 Einwohner wuchs, von denen viele in zahlreichen Slums wohnen, die im Roman als Banditenhochburgen genannt werden.

Der Kriminalroman Libreville enthält somit neben der Story um die Ermordung des Journalisten eine kleine, überaus interessante Lektion über das Leben in Gabun, speziell Libreville. Insgesamt unterscheidet sich Janis Otsiemi angenehm von südafrikanischen Autoren wie Mike Nicol mit dessen brutalen Gewaltorgien. Er erzählt die Story aus der Sicht der schwarzen Haut, ähnlich wie Malla Nunn.

Fazit: Wenn du das Wasser nicht mit der Gabel trinkst, wirst du merken, dass Libreville anmutend wie ein frischer Luftzug ist. Lies das Buch und du wirst ihn spüren.

— O —

Originaltitel: African Tabloid (Frankreich 2013), die deutsche Ausgabe ist 2017 im Polar Verlag erschienen (Übersetzung: Caroline Gutbert). Mit einem Interview von Alf Meyer mit dem Autor (Übersetzung: Pierre Astier) und einem Glossar, in dem im Roman benutzte gabunische Begriffe erklärt werden, z.B.

* Magne-mille: Polizisten, die Autofahrer abzocken. Das Wort spielt mit der phonetischen Doppelbedeutung von „mil(le)“: „magne-mil“ bedeutet Hirse-Esser, „magne-mille“ sind Leute, die gierig nach Tausendern sind, also nach Geld

— O — O — O —

Das Interview ist auch zu lesen in der vom Polar Verlag herausgegebenen Polar Gazette

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Der Mörder und seine Leiche(n) – oder: alte Methoden und neue Art der Leichenbeseitigung

Nach dem Mord hat ein/e Mörder/in verschiedene Möglichkeiten:

  • Mörder*in entfernt sich vom Tatort und lässt die Leiche dort liegen. Möglicherweise beseitigt er/sie Spuren oder legt falsche.
  • Der Mörder*in bringt die Leiche an einen anderen Ort, lässt sie dort ohne weitere Aktionen liegen.
  • Eine weitere Möglichkeit ist, die Leiche verschwinden zu lassen.

Sind die Spuren am Tatort sorgfältig beseitigt und die Leiche nicht mehr vorhanden, ist es für jede/n Ermittler/in schwierig, eine/n Mörder/in zu überführen. Vorgehensweisen, die dazu führen, Mörder*in dennoch durch geschickte Verhöre, Indizienbeweise, Deduktion oder anderes Vorgehen zu überführen, sollen hier nicht beschrieben werden. Vielmehr möchte ich hier eine Methode der Leichenbeseitigung vorstellen, von der ich bisher in der Realität noch nichts gehört hatte, obwohl sie bereits im Jahre 2002 in vielen Ländern patentiert wurde. Auch aus der Kriminalliteratur war mir bisher kein Fall bekannt, der eine solche Beseitigung beschreibt. BISHER!

Bisher kannte ich als einfachste Beseitigung das Verscharren in der Erde, Versenken in Gewässern mit Gewichten, Verbrennen und Beseitigen der Überreste durch Verscharren. Dabei fällt mir ein, dass ich eine längere Zeit zig Mal auf dem Weg zu meinem Lieblingausflugslokal an einem Grillplatz vorbei geradelt bin, der dann eines mit Trassierband abgesperrt war, hinter dem Personen in Schutzanzügen zugange waren. Man fand dort Reste einer verkohlten Leiche.Der mutmaßliche Mörder hatte in einem langen Prozess nach langem Leugnen gestanden, die Leiche seines Bekannten dort verbrannt und die restlichen Skelettteile dort vergraben zu haben. Inzwischen ist der Grillplatz an dem kleinen Wickerbach neu gestaltet und wird wider gern – zum gemütlichen Grillen – genutzt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Verscharren (die simpelste Methode), Versenken – wie in Dunkle Gewässer von Joe R. Lansdale, in dem die Leiche von Mary Lynn an einer alten Nähmaschine befestigt im Sabine River versenkt worden war – sind hinlänglich bekannt. Ebenso das Verbrennen und Reste Verscharren. Auch mit der alten Mafiamethode, die Leiche in einen Brückenpfeiler oder anderswo in Beton zu deponieren, kann kein Autor mehr imponieren. Laut Jörg Mauerer besteht eine andere Methode der Mafia darin, Ermordete zu jemand anderen in den Sarg zu packen. Das Bestatter-Ehepaar Grasegger in diesem kleinen alpenländischen Kurort mit dem schwer auszusprechenden Doppelnamen am Fuße der Zugspitze hat bekanntlich lange Zeit mit der Mafia kooperiert, nachzulesen in Föhnlage.

Einen Bewusstlosen den Pekarischweinen im Berliner Tierpark zum Fraß hinzuwerfen, das hat Elisabeth Herrmann in Das Dorf der Mörder beschrieben. Ein Mord und Leichenbeseitigung mit Charme, wenn nur die Schweine verlässlicher gewesen wären und nicht einige erkennbare Körperteile übrig gelassen hätten. Recht zuverlässig hat dagegen der Mörder in dem Krimi von Christian Mähr, Alles Fleisch ist Gras, entsorgt. Die Leiche wurde in einer Kompostieranlage geschreddert und zu Kompost umgewandelt.

Und so gibt es viele gelungene, fast gelungene und schiefgegangene Verfahren der Leichenbeseitigung durch Mörder oder ihre Helfer.

Neu für mich ist die Methode der Promession.

Hier zitiere ich aus dem Krimi, den ich gerade gelesen habe: „Eine Leiche wird in Flüssigstickstoff getaucht und so steif und zerbrechlich gemacht. Dann wird das ganze gerüttelt und zerfällt in millimeterkleine Teile. Zahngold und andere Fremdkörper werden rausgefischt, durch Gefriertrocknung der Masse noch gute 70% Wasser entzogen, und am Ende kommen die Reste als Granulat in einen kompostierbaren Sarg, der innerhalb eines halben Jahres verrottet. In Schweden ist das der Renner, bei uns aber noch verboten.“ Der Mörder in diesem Krimi macht es sich zwar etwas einfacher, wichtig aber war, dass er überhaupt die Gelegenheit hatte, dieses Verfahren im Wesentlichen anzuwenden.

Den Titel des Krimis möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Ein Besprechung wird jedoch innerhalb der nächsten zwei Wochen auf diesem Blog erscheinen.

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Marina Heib: Drei Meter unter Null

IMG_6153Während ihres Sabbaticals hat sie mehrere Männer ermordet. Davon erzählt die erfolgreiche IT- und BWLerin. Die Planung und Durchführung der Taten, die sie tun musste, sind  kapitelweise verpackt in die Erzählung ihres Lebenslaufs. Die Erinnerungen gehen zurück bis in die Kindergartenzeit, als sie andere Kinder verprügelte, später dann in der Grundschule von ihrer Lehrerin belächelt, von den Mitschülern verhöhnt wurde, als sie statt Ärztin oder Pilot Pippi Langstrumpf oder Winnetou werden wollte. Als Kind hat sie sich aus der Sicht ihrer Umgebung nicht normal verhalten, fühlte sich von Dämonen verfolgt. Doch irgendwann brachte ihre Mutter sie auf den „richtigen Weg“. Erfolg in Studium und Beruf – bis zu jenem Abend Anfang November, von dem an sie nicht mehr normal sein will: Heib

Gegen Ende des Sabbaticals hat sie es fast geschafft: gesucht, gefunden und getötet.

Dann allerdings geschieht das Unfassbare. Ein unglaubliches Stück Wahrheit, das alle bis dahin erlebte Verlogenheit übertrifft. Eine Wende, wie sie für die Mörderin – und auch für die Leser – nicht denkbar, nicht erkennbar war.

Nachdem zunächst der Lebenslauf eindimensional aus Sicht der Protagonistin erzählt wird und anfänglich über das Motiv zum Töten nur spekuliert werden kann, klärt sich das Schicksal der jungen Frau an dem bereits zitierten Abend Anfang November und den folgenden Tagen auf. Töten aus Rache und Vergeltung ist die plausible Reaktion auf diese Erkenntnisse.

Damit wäre dieser Thriller eine passable, teilweise verstörende Fiktion, wenn nicht gegen Ende das Unfassbare passiert, das dem Thriller den letzten Thrill gibt und ihn schließlich noch einmalig werden läßt. Bis dahin müssen sich die Leser*innen jedoch in Geduld fassen und manche, so hört man unter Thrillerfans, bringen sie nicht auf. Sie verpassen damit eine geniale Auflösung des Lebenslaufs.

— O —

Marina Heib: Drei Meter unter Null, erschienen 2017  bei Heyne unter dem Label Heyne Encore

 

 

 

 

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Püstow und Schachner: JACK THE RIPPER – Anatomie einer Legende – Das Standardwerk der Ripperlogie

img_6154Ripperlogen wissen es: Mindestens fünf Prostituierte hat der Mann, der Jack the Ripper genannt wird, 1888 in und um Whitechapel auf grausame Weise umgebracht. Die Kehle war jeweils durchschnitten, Körper und Gesichter zumeist verstümmelt. Damals und bis heute ist es nicht gelungen, den Mörder zu finden oder ihn zu identifizieren. Die Fahnder jener Zeit waren ebenso erfolglos wie Generationen von Historikern und Forschern, die versuchten, die Identität des Mörders zu ermitteln. In den fast 130 Jahren nach den Morden ist die Zahl der Verdächtigen auf rund 150 gestiegen. Neben ernsthaften Arbeiten gab es Spekulationen und Fälschungen, somit jede Menge an Verwirrung bei der Suche nach dem wahren Jack the Ripper. Nah an der Realität oder als reine Fiktionen wurden zudem die Taten des Rippers verfilmt oder in Romanen beschrieben, neue hinzu erfunden.

Im Militzke Verlag ist nun ein Update der  Dokumentation von Hendrik Püstow und Thomas Schachner über die Mordserie im Jahre 1888, den allgemein anerkannten Verdächtigen, das historische Umfeld der Zeit und die Forschung danach erschienen. Dazu zitieren die Autoren aus Hunderten von Quellen. Auch aus Quellen, die erst im letzten Jahrzehnt zugänglich wurden. Das Buch ist somit „auf dem letzten Stand“ der Jack-the-Ripper-Forschung.

Nach einer kurzen Einführung beschreiben die Autoren darin zunächst das Leben in London im Jahre 1888, insbesondere in den Armenvierteln der Stadt. Im zweiten Teil werden die Personen vorgestellt, deren Tod dem Ripper zugeordnet werden, das Umfeld der Getöteten sowie alles, was mit den Morden in Verbindung stand. Im darauf folgenden Teil sind diejenigen zumeist dunkle und kriminelle Gestalten aufgeführt, die sich im Laufe der Jahre als Hauptverdächtige erwiesen haben.

Püstow und Schachner haben dabei in den Londoner Polizeiakten recherchiert und die damaligen Zeitungsartikel ausgewertet, zudem weitere Dokumente unterschiedlicher Herkunft in ihr Buch einfließen lassen. Herausgekommen ist eine eindrucksvolle Sammlung und Beschreibung von Fakten, bei denen die Autoren sich jeglicher Spekulation, wer denn nun der wahre Jack the Ripper sein könnte, enthalten. In einem Pro/Kontra-Vergleich stellen sie jeweils die Argumente, das „Ob-oder-ob-nicht“ am Ende eines Kapitels über den jeweiligen Verdächtigen zusammen. Damit überlassen sie es den Lesern zu entscheiden, wer der Täter gewesen sein könnte.

JACK THE RIPPER ist eine gelungene Darstellung dessen, was von dem Serienmörder bekannt ist. Als Sachbuch geschrieben, liest es sich dennoch spannend wie ein Kriminalroman. Viele Rätsel werden aufgeklärt, das letzte – wer denn nun der Mörder war – bleibt bestehen.

— O —

Hendrik Püstow/ Wolfgang Schachner: Jack the Ripper

Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, 2017, Militzke Verlag

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Paul Mendelson: Die Straße ins Dunkel

img_6151Was in Südafrika 1994 mit der Wahl Nelson Mandelas für die „Schwarzen“ und „Farbigen“der Weg ins Licht zu sein schien, war für weiße Bevölkerungsgruppe die Straße ins Dunkel – aber nicht nur für sie. Hass trat offen zutage – auf beiden Seiten und für lange Zeit.

In DIE STRASSE INS DUNKEL dauert er bis in die Gegenwart an. Heute werden weiße Polizisten getötet, die zwanzig Jahre zuvor eine schwarze Familie brutal ermordet haben. Colonel Vaughn de Vries hat damals das Massaker beobachtet, seinen Bericht darüber auf erpresserischen Druck seines Vorgesetzten arg geschönt, besser gesagt: gefälscht, um dem Einsatzleiter die Haut zu retten; gefälscht auf dessen Befehl, um sich, Frau und Kinder vor Repressalien zu schützen.

Es gab immer Interesse „von oben“, die Vorfälle politisch passend zu machen, damals. Und auch heute, als de Vries mit der Klärung des Mords an einer Millionärin beschäftigt ist. Auch hier bekommt er wieder Vorgaben. „Von oben“ kommt der Wunsch, den Fall schnell abzuschließen. Der mutmaßliche Mörder wird dazu quasi geliefert: bei der Leiche eines jungen Obdachlosen wird die Mordwaffe gefunden. Ein Motiv, warum die Frau sterben musste, gibt es zunächst nicht. Auf der einen Seite wurde Spuren beseitigt, auf der anderen Spuren gelegt.

Wir wissen, es ist nicht das, was es zu sein scheint. Wir wissen nur verdammt noch mal einfach nicht, was es wirklich ist.“ Dies ist die trostlose Zwischenbilanz des Colonels, als man versucht, ihn sowohl auf falsche Fährten zu locken und, falls deVries nicht darauf hereinfallen sollte, seine Anstrengungen beim Lösen des Falls per Anweisung oder auch durch Gewalt zu unterbinden.

Aber de Vries lässt sich mit keinem Mittel von seinem Weg abbringen. Gewinnt, indem er den Fall löst, und verliert dennoch, denn die Verhältnisse sind noch immer geprägt von Machtgier und Korruption, auch wenn der Weg, für den alle in den letzten 25 Jahren im Lande gekämpft haben, ein neuer ist. De Vries‘ Fazit: „Man hat nichts weiter getan, als die Farbe der Unterdrücker zu ändern.“

Mendelson beschreibt den Weg in das heutige Südafrika. Dabei wird bewusst, dass es nicht der Weg aus der Apartheid in ein neues sauberes schwarzes Südafrika ist, sondern in Verhältnisse ohne klare Konturen. Es ist ein Kampf verschiedener Zweckgemeinschaften, die nicht klar gegeneinander abzugrenzen sind, sich überlappen, die Eigennutz vor Gemeinwohl stellen. Es ist eine verlogene Gesellschaft bestehend aus der neuen politischen Elite, deren nachgeordneten Apparaten und einigen Profiteuren aus der alten – weißen – Garde in der Mendelson seinen rechtschaffenen Colonel auf der Straße ins Dunkel agieren lässt.

Dieses bedrückende Szenario schildert Paul Mendelson eindrucksvoll und desillusionierend. Eine gelungene Darstellung innerhalb eines spannenden Thrillers!

–O–

Originaltitel: The Serpentine Road (UK, 2015), dt.2017 (Übersetzung: Jürgen Bürger), erschienen bei Rowohlt Polaris

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Den Gehirnwindungen Ulf Torrecks entnommen

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© Ulf Torreck

Wie ist er nur darauf gekommen? Das frage ich mich ab und zu, wenn ich ein Buch lese und dabei auf ungewöhnliche und kompliziert erscheinende Dinge stoße.

Ich lese und stelle es mir vor.

Eine uralte Kapelle, darin unter der Krypta ein geheimnisvoller weißer Würfel mit einer seltsamen Raumaufteilung und einem Inventar, das furchterregend ist.

Der Autor hat dieses Szenario so beschrieben, dass mir beim Lesen Bilder entstehen, die diesen Horror plastisch zeigen. Literarisch und in Worten gelungen.Wie aber kommt Ulf Torreck zu diesen Bilder. Das schreibt doch kein Mensch so einfach runter!

Ich habe ihn gefragt, wie die verborgene Kapelle und der Inhalt des weißen Würfels entstanden ist. Wollte wissen, ob er sich Skizzen gemacht hat.

Hier die Antwort:

Ich habe davon sicher um die zehn Skizzen gemacht, weil das eines der wirklich schwierigen Teile des Buchs war. Auf die letztliche Anordnung der verborgenen Kapelle und des Würfels bin ich nach vielen Versuchen eines Nachts in Dublin gekommen und habe sie ca. von 3 uhr bis 7 Uhr morgens aufgeschrieben. Per Hand, weil meine Freundin nebenan schlief und ich sie durch das Klackern der Tastatur nicht wecken wollte. Das waren 30 Seiten in einem Blockheft samt Zeichnungen… Aber das war dann der wirkliche Durchbruch mit dem Buch.“

Auf meine Bitte hat mir Ulf Torreck einige Fotos der Skizzen geschickt, aus denen hervorgeht, mit wieviel Fantasie er seine Bilder entwickelt hat. Zusammen mit dem schriftstellerischen Vermögen und Fleiß sowie der sorgfältigen und umfangreichen Recherche ist dabei Fest der Finsternis entstanden, ein historischer Thriller, der im Jahre 1805 in Paris angesiedelt ist. Zum darin vorkommenden Personal zählen Persönlichkeiten aus der Zeit wie Marquis de Sade, der Polizeiminister Fouché und Außenminister Talleyrand. Hauptperson ist Louis Marais, der als Ermittler eine grausame Mordserie aufklären soll und dabei die verborgene Kapelle mit samt deren Inhalt entdeckt.

Und so sieht es im Inneren aus:

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© Ulf Torreck

Fest der Finsternis, ein gelungener Thriller, überaus facettenreich von amüsant über hart und brutal bis satanisch und gar abscheulich, aber immer fesselnd.

Fotos von den Skizzen wurden mir freundlicherweise von Ulf Torreck zur Verfügung gestellt.

Meine Besprechung: hier

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Ulf Torreck: Fest der Finsternis

20170206_175022Paris im Jahre 1805. Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Nicht für das gemeine Volk, auch nicht für die feudale Crème de la Crème, die zwar rauschende Feste feiert und sich hinter Masken an den abgefahrenen Theaterstücken des Marquis de Sade, aufgeführt im Asyl von Charenton, ergötzt.

Das Fest der Finsternis spielt in dieser Zeit, als nach der Revolution in Stadt und Staat noch immer Machtkämpfe und Intrigen in Politik und Polizeiapparat an der Tagesordnung sind.

In dieses Szenario kehrt Louis Marais aus Brest zurück. Dorthin war er vom französischen Polizeiminister Joseph Fouché „in die Wüste geschickt“ worden, weil er einige Verbrechen so aufgeklärt hatte, wie es dem korrupten und intriganten Fouché nicht gefallen hatte. Nun holt ihn ebendieser Minister zurück und beauftragt den integeren Marais mit der Aufklärung einer eigenartigen Mordserie. Junge Frauen, die kurz zuvor entbunden hatten, werden verstümmelt aufgefunden, von den Neugeborenen keine Spur. Marais findet auch keine Spur, die zum Mörder führt, ein Motiv ist nicht erkennbar. Einzig ein besonderes Kreuz unbekannter Herkunft in der Vagina der ersten Leiche ist Ausgangspunkt für weitere Recherchen. Hilfe sucht Marais bei Marquis de Sade, jenem durch pornographische und kirchenfeindliche Romane berühmt gewordenen Adeligen, dem er zutraut, sich mit derartigen Praktiken auszukennen oder ihm zumindest weiterhelfen zu können.

Das ungleiche Paar – Marais trotz Verlusts von Frau und Sohn gläubig und zunächst mit Gottvertrauen ausgestattet. Der Marquis, so wie er aus der Geschichte bekannt ist, Gotteslästerer, mit seinen Schriften überall aneckend, mit ausgeprägtem, äußerst variablen Sexualleben – zieht durch den Sumpf von Paris bis in die höchsten Etagen des politischen Lebens, vom Armenhaus und den Gitans über das nobelste Hurenhaus der Stadt bis hin zu Außenminister Talleyrand. Sie treffen auf Personen, die ihnen die Bedeutung des speziellen Kreuzes erklären und kommen auf die Spur eines alten Ritterordens, der inzwischen zu einem Satanisten-Orden mutiert zu sein scheint.

Marais und der Marquis bewegen sich auf diesem Weg zwischen den Fronten der Widersacher Fouché und Talleyrand. Ulf Torreck gibt ihnen jedoch genug Zeit und Gelegenheit, das Paris mit den stinkenden Randbezirken, dem gefährlichen Leben auf der Straße und den erbärmlichen Verhältnissen in denen Arme, Huren, Ausgestoßene wie die Gitans leben, zu durchstreifen. Was sie dabei erleben ist faszinierend wie bestürzend. Ebenso schockieren die Machtspiele und Intrigen der hochrangigen Politiker, die Marais und de Sade zu Spielbällen werden lassen.

Die wahren Verhältnisse des beginnenden 19. Jahrhunderts im Staate Napoleons hat sich Ulf Torreck in umfangreichen langjährigen Recherchen erarbeitet und in großartiger Manier zur Basis dieses Thrillers gemacht. Das Sahnestückchen dieser Recherchen ist die Beschreibung des alternden Marquis de Sade, der mit Chuzpe Marais große Teile des gemeinsamen Weges vorgibt und ebnet. Und neben all dieser auf Recherchen beruhenden Fiktion ist schließlich noch der weiße Würfel hervorzuheben, dessen Inneres das große Geheimnis dieses Thrillers beinhaltet. Ein Geheimnis, das selbstverständlich hier nicht verraten wird. Eine Nacht – so berichtete mir der Autor – hat es gedauert, die Anordnung der Räume, deren Ausstattung und Inhalte auf 30 Seiten in einem Blockheft zu skizzieren. (Gern würde ich eine solche Skizze einmal sehen.) So sind in „Fest der Finsternis“ umfangreiche, sorgfältige Recherchen mit außergewöhnlicher Fantasie verknüpft.

Das Ergebnis ist ein grandioser Thriller, überaus facettenreich von amüsant über hart und brutal bis satanisch und gar abscheulich, aber immer fesselnd.

Statt der Ideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hier Marqius de Sades „Der Mensch ist ein schönes, böses Tier“.

— O —

Fest der Finsternis ist 2017 erschienen. Es ist der erste historische Thriller des Autors, der zuvor unter dem Namen David Gray Kriminalromane wie Kankenblues und Kriminalgeschichten veröffentlicht hat.

Zu Fest der Finsternis gibt es eine „Vorgeschichte“, Vor der Finsternis, die wenige Wochen vor Erscheinen dieses Thrillers als E-Book veröffentlicht wurde.

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