Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Vermächtnis

IMG_9334Für die Liebhaber von Jean-Luc Bannalecs Bretagne-Krimis ist es seit Jahren zu Beginn der Haupturlaubszeit wie Weihnachten: ein neuer Fall Kommissar Dupins erscheint. Mit „Bretonisches Vermächtnis“ nun der 8.Fall, in dem der inzwischen in der Bretagne heimisch gewordene Kommissar zum ersten Mal in einem Mordfall am seinem Wohnort Concarneau ermittelt.

Ein Arzt aus alteingesessener Familie stürzt aus seinem Büro im 4. Stock in einen Hinterhof und wird dort mausetot von seiner heimkehrenden Frau gefunden. Mord, Selbstmord oder Unfall? Es stellt sich heraus, das der Arzt ermordet wurde.

Ein Fall für Georges Dupin, der allerdings ohne seine bewährte Assistentin Nolwenn sowie ohne die Inspektoren Riwal und Kadeg die Ermittlungen aufnehmen muss. Alle haben sich in den Urlaub abgesetzt, da es im Kommissariat wegen nicht enden wollender Renovierungsarbeiten unerträglich ist. Zur Seite stehen ihm lediglich die beiden neuen Kolleginnen Le Menn und Nevou, die zwar nicht über das Netzwerk Nolwenns und die intimen Kenntnisse über die Bretagne und die Bretonen verfügen wie Riwal, aber doch ihren Job zuverlässig ausüben. Trotzdem ist diese Situation für Dupin ein gewisses Handicap, denn ein Motiv für die Tat und die Täterschaft ist völlig unklar – und da wäre es schon gut, wenn die bewährten Kenner der Gegend, ihrer Bewohner und deren Geschichten ihre Fühler ausstrecken könnten.  So ermitteln sich die Verbliebenen mühsam durch den Bekanntenkreis des Toten und stoßen dabei auf eine kleine Gruppe von drei Investoren, zu den der Arzt gehört, außerdem ein Apotheker und ein Weinhändler. Ihnen gehört unter anderem eine lokale Brauerei und eine Werft. Und in dieser Werft kommt es zu einer Explosion, bei der einige Arbeiter verletzt werden. Dieses Ereignis lässt Dupin ahnen, dass es einen Zusammenhang von Mord und Explosion gibt. Als der Weinhändler an einem Wochenende in der Brauerei ermordet wird, scheint die Richtung der Ermittlung vorgegeben.

Doch es ist gut, dass Nolwenn und Riwal ihren Urlaub abbrechen und wieder ihren Dienst aufnehmen. Nolwenn organisiert und Riwal erzählt seinem Chef in ausufender Weise – so ist der Inspektor nun mal, kaum zu bremsen von Dupin, wenn er sein Wissen über bretonische Geschichten zum Besten gibt – von Georges Simenons Roman „Maigret und der gelbe Hund“, der in Concarneau spielt. Ort der Handlung: Dupins Lieblingsrestaurant Amiral, in dem auch die drei Investoren ab und zu ihre Pläne besprachen. Zudem spielten in jenem Roman ein Arzt und ein Apotheker eine Rolle.

Dupin kauft sich das Buch, liest es. Dann folgt das Aha-Erlebnis für ihn und der Fall erscheint lösbar.

Jean-Luc Bannalec stellt seinen Helden Kommissar Dupin auch in diesem Fall vor ein offensichtlich unlösbares Rätsel, lässt ihn durch die Gegend und zu möglichen Motiven irren, bis die Lösung mit Hilfe der Ermittlerkollegen, der konsequenten Buchführung in seinem „Clairefontaine“ die Lösung(en) und eben jenem „Gelben Hund“ offenbart. Nicht die zahlreichen Farbschattierungen von Meer und Himmel der (mindestens 100 Blautöne) oder die ebenso vielfältigen Grüntöne der Feenwälder um die Artusorte bilden in „Bretonisches Vermächtnis“ die pittoreske Umgebung. Hier sind es Dupins Lieblingsgeschäfte und -restaurants. Angefangen natürlich beim Amiral, auch beschrieben die „beste Sandwicherie weit und breit. Eine Institution in Concarneau“, die Kunstgalerie von Françoise, die eine oder andere „conserverie“ und noch viele andere Stätten – fiktiv oder real existierend (bitte beim nächsten Bretagne-Urlaub eruieren) -.

Zum achten Mal ist es Jean-Luc Bannalec gelungen, eine unterhaltsame und spannende Geschichte aus der Bretagne zu erzählen und dabei wiederum in die Geschichte des Finisteres einzutauchen. In diesem Fall nicht soweit zurück bis ins Zeitalter der Artussage oder der Kelten aber auch mit historischem Bezug.

— O —

Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Vermächtnis – Kommissar Dupins achter Fall, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 2019

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Die sieben vorhergehenden Fälle des Kommissars Dupin in der Reihenfolge des Erscheinens:

Bretonische Verhältnisse

Bretonische Brandung

Bretonisches Gold

Bretonischer Stolz

Bretonische Flut

Bretonisches Leuchten

Bretonische Geheimnisse

— O —

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Die Lösung liegt bei Simenon

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Abschluss von Don Winslows „Kartell-Saga“: Die Jahre des Jägers

Mit „Tage der Toten“ erschien 2005 (Deutsche Übersetzung 2010) der erste Band der Winslow’schen Katell-Saga, dem umfangreichen, dreibändigen Werk über den Drogenkrieg in Mexiko und den USA. Mit diesem viel beachteten Roman erhielten wir Zugang zu der Welt der Drogenkartelle in Mexiko, deren Macht und Brutalität, zur Verknüpfung von Drogenkriminalität mit Polizei und den Regierung, Korruption und Methoden, die die der italienischen Mafia in jeder Hinsicht weit überlegen waren, einschließlich der Gewinnmargen und der Gewinne. Und die USA mischten mit, sowohl Regierungskreise als auch und besonders die DEA (Drug Enforcement Administration). Protagonist in diesem wie in den folgenden Bänden Art Keller, hier als Drogenfahnder der DEA im Einsatz.

Diesem faszinierenden ersten Band folgte 2015 „Das Kartell“, der als Dokumentarroman bezeichnet wird. Wenn auch die Namen der Personen fiktiv sind, sind die „Helden der Realität“ wie El Chapo erkennbar. Zeitraum des Romans sind die Jahre 2004-2014 mit dem gleichen Thema des ersten Bandes. In dieser Zeit nimmt der Umfang der Geschäfte noch zu, die Zahl der Drogentoten in den USA steigt, ebenso die Gewinne aus dem Drogengeschäft. Aus letzterem ergibt sich jedoch aufkommende Konkurrenz. Weitere Kartelle entstehen und ein erbitterter Kampf um Umschlags- und Marktplätze, die begleitet werden von kriegsartigen Kämpfen und Gemetzeln der Armeen der diversen Bosse, beginnt. Keller mittendrin, nach dem Ausscheiden aus der DEA wieder reaktiviert. Die authentischen Ereignisse sind Grundlage des Romans, in dem nahezu wie in einem Sachbuch die unmenschliche Geschichte erzählt wird, eine Aufzählung von Gräueltaten, Geldgewinnung und partieller Beteiligung hilfloser Staatsorgane in den USA und Mexiko. Eine informative, aber ermüdende Lektüre.

IMG_9336Mit „Jahre des Jägers“ vollendet Don Winslow 2019 die Trilogie, in dem er erfreulicherweise stilistisch zu „Tage der Toten“ zurückfindet. Zeitlich knüpft der Roman an „Das Kartell“ an, beginnt im Jahre 2015, zu der Zeit, als Donald Trump seinen Wahlkampf um das Präsidentenamt führt. Keller hat in einer dubiosen Aktion teilgenommen, das den Krieg zweier Drogenkartelle beenden sollte, von einer der Parteien jedoch als Hinterhalt genutzt wurde. Dabei ist einer der beiden Bosse ums Leben gekommen. Was als Friedensmission gedacht war, artet in einen völlig unübersichtlichen Krieg um Macht, neue Märkte und neue Drogen aus. Die Nachfolgegeneration der alten, ehemaligen und zumeist toten Bosse bekriegt sich unvermindert weiter.

Keller versucht nun, nachdem er Chef der DEA geworden ist, die Strategie der USA gegen die Drogenflut gegen erheblichen Widerstand in den eigenen Reihen, gegen den Präsidentschaftkandidaten und später Präsidenten der USA John Dennison, der Trump in Art und Vergangenheit verdammt ähnelt, sowie anderer einflussreicher Politiker zu ändern. Art Kellers Ziel ist es, an die Banker in den USA heranzukommen, die dafür sorgen, das das Geld aus dem Drogenhandel saubergewaschen wird. Mit einigen wenigen Vertrauten nimmt er diese Mission auf, während in Mexiko der Nachfolgekrieg tobt und sich keine Allianzen zu bilden scheinen, während Heroin und Fentanyl die USA aus Mexiko heraus überschwemmt.

Es ist eine Aufgabe, die der Chef der DEA so beschreibt: „Wir sind nur ein paar wenige Besen, die einen ganzen Ozean an Heroin ins Meer zurückfegen.“

Nachdem er einem Attentat entgeht, verlässt Keller die DEA und zieht sich mit seiner Frau nach Mexiko zurück. Ein Besen hört auf zu fegen.

Jahre des Jägers“ ist ein aktueller politischer Roman, der die Auswirkungen des Drogengeschäfts von der Gewinnung der Drogen bis zu den Konsumenten aufzeigt – hin zu den riesigen Geldmengen, die in dubioser Weise mit Hilfe von Banken und Wissen von Regierungen in die globale Wirtschaft infiltriert werden. Winslow zeigt, dass nicht nur die Kartelle mit ihren Bossen die bösen Buben in diesem Spiel sind.

Der dritte, nun vorliegende Band ist der gelungene Abschluss der Kartell-Saga.

— O —

Don Winslow: Jahre des Jägers, Originaltitel: The Border (USA 2019),

die deutsche Ausgabe ist 2019 im Droemer Verlag erschienen (Übersetzung: Conny Lösch)

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Sara Gran: Claire DeWitt und das Blut im Schnee

51IQu0RRORLÜblicherweise erzählt „die beste Detektivin der Welt“, Claire DeWitt, cool und zuweilen voller Sarkasmus vom Leben und ihrer Arbeit. Die kurze Erzählung „Claire DeWitt und das Blut im Schnee“ ist dagegen völlig untypisch. Sara Gran beschreibt darin einen Traum der nach einem Unfall im Krankenhaus liegenden Ermittlerin, die wir aus drei Romanen kennen.

Es ist ein Schnipsel mit einer empfindsamen, zarten Claire DeWitt, die vom Besuch von Pater Billy träumt. Der Pater erzählt ihr eine Geschichte von der Prostituierten Maria, die ihr Leben für nutzlos hält, sich nicht helfen lassen will, um wieder in ein würdiges Leben zurückzufinden. Eine Schwester versucht, der Hoffungslosen zu zeigen, dass kein Menschenleben wertlos ist. Gemeinsam mit der Schwester kann Pater Billy es retten. Eine zu Herzen gehende Geschichte.

Als Claire aufwacht und nach der Hand des Paters greifen will, wird ihr bewusst: Der Erzähler ist seit fünf Jahren tot, er war ihr im Traum erschienen. Aber nun weiß Claire, dass ihr Leben noch nicht zu Ende sein darf, sie hat noch etwas zu erledigen. Was das ist, erfahren wir nicht in diesem kleinen Schnipsel, der vermutlich nirgendwo in den Claire-DeWitt-Romanen untergebracht werden konnte, jedoch so wertvoll ist, dass er zu Recht nicht von Sara Gran in den Papierkorb geschmissen wurde.

— O —

Sara Gran: Das Blut im Schnee, © 2018 by Sara Gran, 2019 in Deutsch als E-Book im Wilhelm Heyne Verlag erschienen (Übersetzung; Eva Bonné)

— O —

Die Claire-DeWitt-Romane:

 

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Wie es begann mit Holmes und Watson: Sir Arthur Conan Doyle – Eine Studie in Scharlachrot

IMG_9331Echten Sherlockianern brauche ich nicht zu erzählen, wie Sherlock Holmes und Dr. Watson sich kennengelernt haben und Holmes die zwei Morde an Bürgern der USA in London aufgeklärt und den Mörder gefasst hat. Sie wissen es.

Allen anderen, die im TV Elementary und/oder Sherlock mit dem Benedict Cumberbatch als Holmes sehen, Sherlock-Holmes-Pastiches lesen oder gar zu Doyles Kriminalromanen und Erzählungen greifen, berichte ich hier darüber:

Im ersten Teil des Romans Eine Studie in Scharlachrot mit dem Untertitel „Aus den Erinnerungen von John H.Watson M.D., ehemals Mitglied des Medizinischen Dienstes der Armee“ beschreibt Holmes‘ Compagnon, wie er nach seiner Verletzung in Afghanistan und einer Typhus-Erkrankung wieder zurück nach England gelangte. Neun Monate wurde er darauf von der „fürsorglichen Regierung“ alimentiert, um sich mit der Pflege seines Befindens nach der Schädigung seiner Gesundheit zu beschäftigen. Das Pech war nur, dass er mehr ausgab, als der Staat ihm zahlte. So mußte er sich statt der Unterkunft in einer Pension eine neue, günstigere Bleibe suchen. Ein ehemaliger Mitarbeiter stellt ihm Kontakt zu einem Sonderling namens Sherlock Holmes her, der gerade auf der Suche nach jemanden ist, mit dem er sich  eine Wohnung in der Baker Street 221b teilen kann. Die beiden treffen zusammen, werden handelseinig und Watson zieht bei Holmes ein. Es folgt Watsons erster Versuch, seinen WG-Partner zu charakterisieren. Zudem erzählt ihm Holmes von der Wissenschaft der Deduktion, mit der er der Lobndoner Polizei hilft, Kriminalfälle zu lösen.

Und dann beginnt, was wir an Romanen und Erzählungen über Sherlock Holmes so lieben: Er klärt den Mord an zwei Amerikanern auf, bei dem die Polizei völlig daneben liegt, was Motiv und Täter anbelangt. Holmes erkennt, das der Grund für die Morde viele Jahre zurück liegt.

Im zweiten Teil erfahren wir das Motiv und die Geschichte darum herum, all das, das zu den Morden führte. Es ist ein Eintauchen in die Welt der Mormonen mit ihren strengen Regeln und eigenen Gesetzen Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika einschließlich des anmaßenden Verhaltens der führenden Clique.Wer sich nicht daran hält, muss leiden. Auf dieses Leid bezieht sich auch der Titel der ersten deutschen Übersetzung des Romans. Er lautet Späte Rache.

Eine Studie in Scharlachrot“ ist der Beginn des „Sherlock-Holmes-Werkkanons“.

— O —

Das Original „A Sudy in Scarlett“ ist 1887 erschienen.

Die erste deutschsprachige Version erschien 1894 im Lutz Verlag (Titel: Späte Rache), mir liegt der Roman als Band 1 der „Werkausgabe in 9 Einzelbänden“ des Haffmanns Verlag von 1984 in der Übersetzung von Gisbert Haefs vor.

— O —

In eigener Sache: Ich habe Interesse an den anderen Bänden der „Werkausgabe in neun Einzelbänden“. Wer einen der anderen Bände abgeben möchte, möge mit mir Kontakt aufnehmen

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Matthias Boll: Mord am Mandela Square

IMG_9330In Deutschland macht sich ein Vater Sorgen um das Leben seiner Tochter Pia, die in Südafrika die „Johannesburger Befreiungsfront“ mitgegründet hat. Das ehemalige Marriott-Hotel wurde mit Hilfe dieser NGO als Wohnraum für Obdachlose und Bedürftige „umgewidmet“ – Klartext: besetzt -. Interesse an dem besetzten Haus hat jedoch ein indischer Clan mit Verbindungen zu höchsten Regierungskreisen und Informanten bei der Polizei, der es zusammen mit umliegenden Gebäuden abreißen will, um in der Nähe des Mandela Squares ein schickes Wohnviertel zu errichten.

Der Clan hat es darauf abgesehen, die vier Köpfe der Befreiungsfront zu töten und damit darauf hin zu wirken, das ehemalige Hotel zu Entvölkern.

Pias Vater bittet Frank Sattler, seinen Kollegen und alten Freund der Familie, nach Johannesburg zu fliegen, um Pia zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Als Sattler dort eintrifft, ist bereits ein Mitglied ermordet, ein zweites wird kurz darauf tot aufgefunden. Pia könnte das nächste Opfer sein.

Die Aktion des indischen Clans hat noch einen anderen Aspekt: Ihre gedungenen chinesischen Mörder wollen als Gegenleistung einen Supertorpedo in ihren Besitz bringen, der gerade in Kapstadt mit einer Fregatte der deutschen Bundesmarine getestet werden soll. Die Inder verfügen über die Möglichkeit, sich die Wunderwaffe zunächst anzueignen, danach könnte der Deal mit den Chinesen laufen, die damit in den Besitz des Torpedos inklusive Technik-Know-Hows kämen.

Im globalen und mehrdimensionalen Spiel geraten nicht nur Pia und ihr verbliebener Kompagnon in Lebensgefahr, sondern auch Sattler und ein deutscher Ingenieur, der die Funktion des Torpedos der deutschen Marine vorführen wollte.

Dieser zunächst interessant erscheinende Plot wird in einer recht nüchternen, spannungsarmen Weise von Matthias Boll dargestellt, sodass bei mir kein Funke der Begeisterung überspringt. Wer die Dynamik südafrikanischer Krimis oder Thrillern schätzt und erwartet, wie wir sie von Deon Meyer, Charlotte Otter, Malla Nunn, Mike Nicol, und auch Max Annas sowie anderen kennen, wird enttäuscht sein. Biederer deutscher Krimistoff wird hier präsentiert mit wenig ausgearbeiteten Charakteren, wenngleich – wie auch bei den zuvor Genannte – eine sozialkritische Komponente durchaus vorhanden ist. Zudem blitzen einige Beschreibungen von Stadt und Land kurz auf.

Merke: Ein viel versprechender Klappentext, der Dynamik und Spannung – wie sich beim Lesen herausstellt – vorgaukelt und ein ansehnliches Cover machen noch keinen spannenden „Kriminalroman“ aus Südafrika. Da reicht auch eine Anspielung auf Deon Meyers Helden Benny Griessel nichts.

— O —

Matthias Boll: Mord am Mandela Square

Erschienen 2019 im TIA Verlag

in einer sorgfältig hergestellten wertigen Hardcoverausgabe mit Lesebändchen

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Attica Locke: Bluebird, Bluebird

P1030773Für Durchreisende: Wenn Trostlosigkeit einen Namen hätte, könnte sie „Lark“ heißen, ein fiktives Kaff in Texas. Das einzige was pulst ist der Verkehr auf dem Highway 59.  Trucker, Autofahrer, Biker nehmen von diesem Ort lediglich „Genevas Café“ wahr. Ab und zu kehrt mal einer ein, um einen Happen zu essen, den Durst zu löschen.

Sonst ist der Ort das, was mit „Tote Hose“ bezeichnet werden kann. Auch als in der Nähe des Cafés zwei Morde passieren, ändert sich nicht viel. Darren Mathews, ein schwarzer Texas-Ranger, wird hingeschickt, um zu tun , was in so einem Fall getan werden muss, wenn ein weißes Mädchen, die Kellnerin Missy Dale aus Lark, ermordet wird. Wegen des toten Schwarzen, der vermutlich auf der Durchreise war, wären keine besonderen Aktivitäten gestartet worden. Für Mathews kommt die Luftveränderung zur rechten Zeit: Ärger im privaten Bereich wegen Stress mit seiner Frau, Ärger im Beruf, weil er möglicherweise die Straftat eines Freundes vertuschen wollte, es geht um Mord.

In Lark angekommen, stößt der Texas Ranger Misstrauen, Schweigen, besonders aber auf Rassismus, der durch eine Verbindung zur Aryan Brotherhood of Texas, einer Bande brutaler Rassisten, gestärkt wird. Letzteres vermutet Mathews.

Mathews erkennt, dass es nicht dem gewohnten Drehbuch entspricht, was in Lark geschah: Erst starb der Schwarze, dann das weiße Mädchen.

Attica Locke beschreibt, wie sich die Bewohner dennoch arrangiert haben mit den Gegebenheiten unter denen die einen unter Rassismus leiden, die anderen als Hinterwälder ein karges Auskommen haben. Aber sie lieben ihren Grund und Boden, ihr Land das seit Generationen ihre Heimat ist. Und manchmal sind auch die Grenzen von Schwarz und Weiß verschwommen. Jedenfalls, wenn es die anderen nicht sehen. Oder nicht sehen wollen – bis es dann etwas geschieht, was „das Fass zum überlaufen bringt“. Etwas, dass das fragile Gleichgewicht zerstört.

Diese Situation ist eingetreten. So schildert sie die Autorin, ohne Action, ohne Pathos, sensibel und verständlich. Eine Homage an ländliche Texas aber zugleich mit dem deutlichen Hinweis auf den tief verwurzelten und immer noch vorhandenen Riss zwischen Schwarz und Weiß, der nur oberflächlich verspachtelt ist und immer wieder aufbricht.

Bluebird, Bluebird“, der Titel nach einem Blues von John Lee Hooker, ist das Abbild eines Mikrokosmos, das zeigt: „Die Morde …. waren Rasseverbrechen, was vor allem daran lag, dass Rasse in Lark, Texas, eine so große Rolle spielte, besonders dann, wenn es um unverhoffte Liebe und Familienbande ging. …. Sie waren eine große Familie.“

Attica Locke hat über diese Erkenntnis beeindruckend beschrieben.

— O —

Attica Locke: Bluebird, Bluebird (Originaltitel: Bluebird, Bluebird – Copyright 2017 by Attica Locke), übersetzt von Susanna Mende, herausgegeben von Wolfgang Franßen, erschienen 2019 im Polar Verlag

 

 

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Die Chimäre von Arezzo, Dreifaltigkeit des Bösen, im Mittelpunkt des Krimis von Belinda Vogt: Toskanische Täuschung

IMG_9287Ein feuerspeiender Löwenkopf mit Löwenkörper, aus dessen Rücken ein sterbender Ziegenkopf ragt. Als Löwenschwanz eine Schlange. Unter dieser Statue aus etruskischer Zeit ist ein Toter platziert, der Museumsdirektor, der zur Rückkehr der Chimäre aus Florenz nach Arezzo eine feierliche Ansprache halten wollte. Nun liegt er unter dem Bauch des Chimärenkörpers, als die Statue während eines Festaktes vor den Honoratioren der Stadt und weiteren Gästen enthüllt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. „Wie konnte es dazu kommen?“, fragt sich der bei diesem Ereignis anwesende Commissario Roberto Fabbri – und er muss lange auf eine Antwort warten. Zusammen mit seinem Kollegen Stefano Rossi macht sich auf den Weg auf der Suche nach Täter und Motiv.

Parallel dazu erfahren wir, dass der der tote Dottore Margoni Patient von Pia Michaelis war, einer deutschen Psychologin, die Patienten im Rahmen ihrer Forschung von Alpträumen befreit und Klartraum-Patienten im Schlaflabor einer Privatklinik behandelt.

Nun ist in Italien bekanntlich nahezu jeder unnatürliche Todesfall darauf  zurückzuführen, dass die Mafia dahintersteckt – jedenfalls in einem Großteil der in Italien angesiedelten üblichen Krimis. Doch dieser Kriminalroman fällt aus dem Rahmen des gängigen Klischees und so trifft der Handlungsstrang mit den Ermittlungen des Commissarios auf die Forschungsarbeit und die Behandlungsmethoden der Psychologin.

Uns das scheint der richtige Weg der Suche nach dem Mörder zu sein, denn ein weiterer Patient Pia Michaelis‘ wird ermordet. Auch hier erkennt Fabbri einen Bezug zur Chimäre. Aber was bedeutet dieser Bezug, zumal die Schlafklinik in der Umgebung „Villa Chimera“ genannt wird. Das vereinfacht die Ermittlungen nicht. Doch in anderer Hinsicht erhält Fabbri die Unterstützung der Psychologin, denn der Kommissar leidet nach dem Unfalltod seiner Frau an Alpträumen. Die Deutsche hilft ihm dabei, sich davon zu befreien.

Dann kommt es zum nächsten tödlichen Zwischenfall eines Schlaflabor-Patienten und allmählich löst sich der Nebel um die Chimäre und die Villa auf. Damit findet die Geschichte der Traumreisenden ein Ende.

Belinda Vogt erzählt in „Toskanische Täuschung“ von dem, wofür das Wort „Chimäre“ steht, von Illusion und Wunschtraum. Geschickt verknüpft sie die Geschichte der etwa 2500 Jahre alten etruskischen Bronzestatue, mit den Ausflügen in die Traumforschung. Über Klarträume und Traumreisende, im Fachjargon Oneironauten genannt, fabuliert die Autorin ebenso kenntnisreich wie über den Mythos der Chimäre von Arezzo. Beides eingfügt in eine spannende Handlung, von der der Leser zunächst nicht ahnt, sich auch nicht im Traum vorstellen könnte, „wohin die Reise geht“.

Wenn auch das Cover in der Art pastellener Fließbandwerke für Arztpraxen, Bankfilialen und italienische Restaurants erscheint, einen behaglichen toskanischen Kuschelkrimi hat Belinda Vogt mit dieser toskanischen Täuschung nicht geschrieben.

Und das ist auch gut so, denn mit dieser Fiktion hebt sie sich ab vom derzeitigen allgemeinen Bretagne-Toskana-Cote d’azur-…-Krimirausch. Als Cover hätte daher eines mit dem Abbild der Chimäre besser gepasst.

Chimäre, nah

© Belinda Vogt

Freundlicherweise hat mir Belinda Vogt ein Foto der Statue, aufgenommen während einer ihrer Recherchen in und um Arezzo, zur Verfügung gestellt, keine Profiaufnahme, aber sie zeigt das, was die Chimäre darstellt: ein Ungeheuer.

— O —

Belinda Vogt: Toskanische Täuschung (erschienen 2019 im Emons-Verlag)

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