Vom Wetterau-Gebabbel zu Ebola-Resistenz, Kindesmissbrauch und Prepper-Gebaren: Uli Aechtner: Die Bach runter

Da geht einiges „die Bach runter“: Eine Leiche die Nidda real, die Welt aus Prepper-Sicht sowieso.

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Mit einer Themenvielfalt zu der noch Schäfer, Schönheitschirurg, Virenforscher, Journalistin, Kriminalkommissar und andere beitragen, flicht Uli Aechtner einen Kriminalroman, dessen Fäden erst zum Ende hin verbindlich verbunden werden. Und das auf eine nicht zu erahnende Weise.

Dabei fängt die Story ganz einfach an: In der Wetterauer Pampa nordöstlich von Frankfurt findet ein Schäfer in den warmen Resten eines Lagerfeuers ein Baby, lebend, offensichtlich afrikanischer Herkunft. Kommissar Christian Bär macht sich auf die Suche nach der Mutter, seine Freundin, die Journalistin Roberta, auf die Suche nach Fakten zu einer attraktiven Story über das Findelkind.

Während Bär der Arbeit nachgeht, lernt er eine Frau kennen, die sehr starkes Interesse an dem Baby zeigt. Bär verknallt sich in sie – weiteres als Spoiler im Klappentext des Buches. Roberta geht andere Wege, recherchiert am Virologischen Institut der Marburger Uni, stößt dabei auf seltsame Zusammenhänge, die sie zu einem jungen Mann führen, der in der Nähe des Fundorts des Babys lebt.

Zahlreiche Verflechtungen dieses Viren-Themas mit den darin agierenden Personen nebst der Erklärung des Zusammenspiels eines bestimmten Typs des Morbus Niemann-Pick sowie Kapitel die lediglich die „be prepared“- Gedanken und Ängste der Prepper beschreiben, führen zunächst nicht in die Richtung der Aufklärung des Falles, zu dem sich zwei weitere Leichen gesellen. Ferner fehlen ausgeprägte „red herrings“, an denen sich die Leser abarbeiten können. Das Ende ist schlüssig, ohne dass zuvor große Spannung aufkommt.

Als Kriminalroman eine solide, unspektakuläre Arbeit, in der die sorgfältigen Recherchen von Uli Aechtner zu den Themen Morbus Niemann-Pick und der Prepperszene ebenso hervorstechen wie die Charakterisierung des Wanderschäfers mit seinem Wetterauer Gebabbel.

– – – O – – –

Uli Aechtner: Die Bach runter

Erschienen 2019 im Emons Verlag

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Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

Ein schöner Titel für eine schmutzige Geschichte

IMG_9382Der Engel hat gebrannt und steckt in einer Fuge über dem schwelenden Brand eines aufgegebenen Kohlebergwerks. Ein Toter Teenager in einer verlassenen Gegend in einer Bergbauregion im westlichen Pennsylvanien. Camino Truly heisst die Tote, stammt aus einer in der Gegend bekannten, berüchtigten und zerstrittenen Familie voller Loser. Camino war die Ausnahme: hübsch, intelligent, wollte raus aus dem Milieu, abhauen, Psychologie studieren.

Ermordet von wem? Das ist die Frage, die sich die örtliche Polizeichefin, Chief Carnahan stellt, eine 50-Jährige Single-Frau, hart im Denken, flapsig im Ausdruck, zuweilen unkonventionell im Umgang mit ihren Mitmenschen und den kriminellen Klienten und deren Angehörige. Zudem gezeichnet durch die Ermordung ihrer Mutter zu einer Zeit, in der Carnahan ein junges Mädchen war. Traumatisiert auch durch ihren Vornamen, den die schönheitsbesessene Mutter ihr gab: Dove, der bekannten Haarshampoo- und Deo-Marke.

Zusammen mit ihrem Kollegen von der Kriminalpolizei, dem State Trooper Nolan, wühlt sie sich durch die verzweigte Truly-Famile, holt hier und da Informationen zusammen, sogar von ihrer eigenen Großmutter und deren Mitbewohnerinnen eines Altenheims.

Für die Trulys steht der Mörder schnell fest. Caminos Freund soll es getan haben. Und wie die Familie so agiert, erscheint Selbstjustiz als probates Mittel, den von ihnen auserkorenen Mörder zu richten. Gut, das es Chief Carnahan gibt, die diesen Plan vereitelt. Nicht, ohne einige Blessuren von ihrem Eingreifen mitzunehmen.

Letztlich findet die Polizeichefin in diesem Gemenge von Streitereien, Inzest und Verwirrungen heraus, wer für den Mord an Camino verantwortlich ist.

Chief Carnahan malt hier ein Soziogramm der Trulys, die eine Familie darstellen, wie sie kaputter nicht sein kann. Perspektivlos leben sie in einer einstmals lebendigen Gegend stolzer Coalminers, nun gibt es nichts mehr, was Wohlstand und Glück verspricht. Die Trulys sind eine Art Totholz, die dahinvegetieren, deren einziger Lebensinhalt scheint zu sein, sich gegenseitig und anderen das Leben schwer zu machen.

Dazu beschreibt Tawni O’Dell das Schicksal von Dove, ihrer Schwester und dem vom Stiefvater misshandelten Bruder, der mit seiner Vergangenheit abschließen will. Eine Geschichte, die gar nicht so weit von denen der Trulys entfernt ist.

O’Dell hat mit den Carnahans und den Trulys markante Charaktere erschaffen, von denen jeder einen großen Rucksack mit alten Erinnerungen und trüben Erlebnissen mit sich herumträgt, die Alpträume hervorrufen. Chief Carnahans Rucksack ist einer der schwersten.

Eine stimmige Story mit begeisterndem Inhalt und Handlung. Bisher einer der besten Kriminalromane des Jahres, die ich gelesen habe.

– – – O – – –

Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen. Originaltitel: Angels Burning (USA, 2016), deutsche Übersetzung von Daisy Dunkel, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag (2019)

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Nur Harry Hole kann Harry Hole toppen — Jo Nesbø: Messer

IMG_9448Hole ist nach dem Tod seiner Frau Rakel am Ende. Das war er vorher zwar auch schon, nachdem Rakel sich von ihm getrennt hatte und er als Dozent aus der Polizeischule geschasst wurde. Jim Beam und Konsorten sind seine besten Freunde, deren Gegenwart sucht er – zugleich sind sie die übelsten Feinde, die ihn fast zerstört haben.

Bei der Polizei hat man ihm noch ein Kämmerlein zugewiesen, in dem er – zum einfachen Ermittler degradiert – Cold Cases lösen soll, doch dann passiert’s: Hole wacht nach einem üblen Besäufnis blutverschmiert auf und er erfährt, dass seine Frau auf grausam blutige Weise ermordet wurde.

Doch Harry wäre nicht Harry, nähme er nicht sogleich die Mörderjagd auf. Illegal, denn seine Vorgesetzten können nicht dulden, dass der in diesem Zustand loszieht und suspendieren ihn. Für unseren Helden steht fest, wer der Mörder ist: Ein alter Bekannter, der Frauenmörder Svein Finne, der mit Hole noch eine Rechnung offen hat. Im Rausch der Ermittlungen ergeben sich dann einige Wendungen, neue Verdächtige geraten Hole ins Visier und schließlich fühlt sich der Ermittler selbst verdächtig.

Harry Hole ein Mörder? Unvorstellbar, jedoch nicht auszuschließen.

Zusammen mit einigen Bildern, so grausam wie noch nie von Nesbø dargestellt – wobei die Harry-Hole-Reihe nun wirklich nichts für empfindsame Gemüter ist – versucht der Autor das Ungewöhnliche der vorhergehenden 11 Fälle durch Ungewöhnlicheres zu toppen. Das endet mit der Aufklärung des Mordes an Rakel und der Art, wie sich Harry Hole dabei verhält.

Ob das nun mit dem erreichten Dutzend Fälle das Ende von Harry Hole und der Reihe ist, bleibt offen, nachdem der kaputte Typ sogar aus dem Koma (10.Fall) zurückgekehrt ist. Zunächst heißt es aber, sich mit dem Messer zu beschäftigen – und das ist für alle Harry-Hole-Jünger Pflichtlektüre. Anfangs stellenweise langatmig, aber durch die ungeahnten Wendungen aufregend.

– – – O – – –

Jo Nesbø: Messer (Originaltitel: Kniv, erschienen 2019 in Norwegen), die deutsche Ausgabe ist im Ullstein Verlag erschienen (2019), Übersetzung: Günther Frauenlob

 

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Simone Buchholz: Hotel Cartagena

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Die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley ist bekannt für ihre rotzigen, frechen Sprüche, mit denen Simone Buchholz die Heldin der „Riley-Reihe“ in Hotel Cartagena zum 9. Mal plus einem Prequel ausstattet.

Wer Riley nicht kennt und deftige Dialoge und den ungewöhnlichen Lebenswandel einer Staatsanwältin, die in ihrer Freizeit zumeist auf St. Pauli mit Kumpeln von der Polizei, Ex-, Zwischendurch- und Gelegenheitslover inklusive Löten und etlichen Drinks abhängt, kennenlernen möchte, sollte das unbedingt tun. Rileys Leben ist zudem eingebettet in Krimihandlungen. Oder ist es nicht so, dass Krimihandlungen in Rileys Leben eingebettet sind? Neben der Frau verblasst alles, bleiben alle Figuren, verglichen mit ihrer, flach.

Wie dem auch sei, ich erinnere mich an den Spruch vom alten Paracelsus: Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist. Diese Weisheit hat zwar nichts mit dem Inhalt dieses Krimis zu tun, trifft aber auf mich zu. Ich habe mir eine Überdosis Riley verpasst. Ein Schuss zu viel von Staatsanwältins Brainfuck und den sehr speziellen Bemerkungen zu ihren Kollegen, Lovern, dem Kiez, der Welt und über das Schlamassel, in das sie in dieser Story hineingerät.

Bei Fallers Party in einer noblen Bar gerät sie und ihre Truppe (fast alle oben Erwähnten) in die Hände von Geiselnehmern. Das Ziel der Geiselnehmer ist zunächst nicht ersichtlich, aber aus dem Zusammenhang ist allmählich zu erkennen, dass eine alte Rechnung beglichen werden soll. Mit den schwerbewaffneten Gangstern ist nicht zu spaßen, obwohl sie die Bar freigeben, sich alle gut mit Drinks versorgen können. Draußen die Gruppe „Ratlos“ mit Polizei diverser Provenienz inkl. MEK, SEK, Psychologen und Verhandlern. Eingeschlichen in diese Truppe hat sich ein Zwischendurch- oder ist es der Gelegenheitslover (?) Rileys, der wegen eines kleinen Abstechers zur spät auf dem Weg zur Party war und jetzt mitkriegt, dass seine Angebetete unter den Geiseln ist. Erfährt, dass es Riley gar nicht gut geht. Die hat sich am Daumen verletzt – ohne Beteiligung der Geiselnehmer – und fieberwahnt vor sich hin. Das tut sie ätzende 20 Seiten in diesem Krimi, in dem wir noch mehr über sie erfahren, was wir gar nicht wissen wollen.

Jedenfalls großes Tamtam, der Boss der Geiselnehmer kriegt was er will, dann großer Abgang fast aller Teilnehmer der Situation, endlich fast Schluss. Endgültig Schluss ist dann, wenn Riley irgendwo im Nicht-Hamburg wieder auftaucht.

Fazit für mich: Nach der Überdosis Riley bin ich erst einmal froh, diesen Krimi überlebt zu haben. Aber wie das so ist: wenn sich die nächste Gelegenheit ergibt, wieder Riley-Stoff zu bekommen, werde ich ihn mir besorgen. Ich bin von dem Zeug abhängig.

Fazit für andere: Wenn ihr Riley noch nicht kennt, lasst euch von ihr anfixen.

– – – O – – –

Simone Buchholz: Hotel Cartagena

Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2019

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William Boyle: Einsame Zeugin

IMG_9437Das wilde Leben als Barkeeperin und Partygirl liegt hinter Amy. Nun ist sie eine brave Kirchenmaus, bringt – ihre Tattoos unter der schlichten Kleidung verborgen – den Alten und Einsamen ihrer Gemeinde die Kommunion, kümmert sich um sie. Nichts ist mehr so wie es einmal für Amy war, nachdem sie von ihrer Freundin Alessandra verlassen wurde. Ihr unbeschwertes Leben hat sie umgetauscht in ein Leben in Demut, Nächstenliebe aber auch Argwohn.

So merkt sie, das etwas nicht stimmt, als sie Mrs. Epifanio die Kommunion bringen will. Die alte Dame ist in Sorge, weil Vincent, der Sohn ihrer Pflegerin, sich eigenartig benimmt, ohne ihre Zustimmung ihr Schlafzimmer aufsucht und darin unbeobachtet herumschnüffelt und -werkelt. Das erweckt Amys Misstrauen und sie verfolgt Vincent, als er die Wohnung von Mrs. Epifanio verlässt. Während Amy in bester Detektiv-Manier ihr Objekt beschattet, wird Vincent mit einem Messer von einem Kerl erstochen, den sie zunächst nicht erkennt.

Weshalb Amy das Messer nimmt und die Tat verheimlicht, das Geheimnis mit sich herumträgt, bleibt auch für die Leser ein Mysterium. Kurz darauf taucht der Mörder  in Amys Leben auf – er weiß, dass sie Vincent gekannt und den Mord beobachtet hatte – und bietet ihr einen Deal an, den die brave Kirchenmaus annimmt. Damit beginnen einige Wendungen in diesem Fall, die Amy nicht verhindern kann.

Gravesend, ein Teil von Brooklyn, wurde einmal als Teil des „Forgotten New York“ bezeichnet, ein Teil von Big Apple, der nicht im Rampenlicht steht, ebensowenig wie seine Bewohner. Hier im kleinstadtartigen Milieu, wissen die Bewohner schon am Vormittag, was mittags auf den Tisch kommt. Sie wissen, wer gut oder böse ist, ehrlich oder kriminell. Und in diesem Wissen haben sie sich mit ihren Mitmenschen und deren Lebensweisen arrangiert -oder sie träumen wie auch Amy davon, Gravsend zu verlassen. Doch meist fehlen dazu Kraft und Mittel.

Wie in Gravesend erzählt William Boyle auch in Einsame Zeugin von der Tristesse, die in diesem New Yorker Stadtteil herrscht.

Es ist kein spannender Reißer sondern eine Geschichte, bei der man mit zittert und Amy die Daumen drückt, dass sie aus diesem grauen Leben den Absprung zu einem neuen bunteren, glücklicheren Leben findet, auf welche Weise auch immer.

Ein Kriminalroman mit Nachhall, der noch lange zu hören ist. Ein Buch, das am Ende nicht einfach zugeklappt und vergessen wird.

— O —

William Boyle: Einsame Zeugin

Originaltitel: The Lonely Witness (USA 2018)

Deutsche Ausgabe: Polar Verlag (2019), übersetzt von Andrea Stumpf, Herausgeber: Wolfgang Franßen

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Georges Simenon: Maigrets Memoiren

IMG_9454Dies ist keiner der üblichen „Maigret-Kriminalromane“, sondern eine amüsante „Abrechnung“ des Kommissars mit seinem Schöpfer. In Maigrets Memoiren beschreibt der echte Maigret, wie Simenon den wahren Kommissar in einen fiktiven verwandelt hat, zudem erfahren die Leser, was Maigret in seiner Kindheit und Jugend bis zum Kennenlernen seiner späteren Frau, Madame Maigret, erlebt hat.

 

So ergreift – das ist der etwas umformulierte Titel des ersten Kapitels – Maigret zunächst endlich und ungeniert die Gelegenheit, seine Beziehungen zu einem gewissen Simenon zu erläutern, der zu jener Zeit Groschenromane verfasste und sich von einem echten Kommissar für sein Werk inspirieren lassen wollte.

Wie bei Memoiren üblich erzählt Maigret seine Geschichte in Ich-Form. Er drückt darin aus, dass er nicht immer einverstanden ist, was der Schriftsteller aus seiner Person und seinem Handeln gemacht hat, zitiert dabei auch Simenon, der erklärt: „Mir ist durchaus bewußt, dass diese Bücher vor sachlichen Ungenauigkeiten nur so strotzen. Unnütz, sie alle aufzuzählen. Sie sollen aber wissen, dass sie alle gewollt sind…“. Und als wichtigsten Satz dieser und weiterer Treffen, den Simenon „noch oft mit einer nahezu sadistischen Befriedigung wiederholt hat“, hat sich der Held der vielen Romane eingeprägt: „Die Wahrheit wirkt niemals wahr.“

Simenon versteigt sich sogar in Sätze, die den Kommissar sprachlos machen: „Etwas echter zu machen, als es ist, das ist die ganze Kunst. Und genau das habe ich getan, sie echter gemacht.“

An dieser Aussage hat der wahre Kommissar erheblich zu knabbern und es ist kein Wunder, dass er versucht, einiges richtig zu stellen. Die Vereinfachung der Fiktion im Verhältnis zur Realität betrachtet Simenon als Mittel, Leser nicht mit zu vielen Handelnden zu überfordern. Ob ein Kommissar nur an einem Ort oder einer Region ermittelt – so wie im wirklichen Leben – oder in einem Fall durch ein ganzes Land reist – wie im Roman -, mit „solchen formalen Petitessen“, dass so etwas nicht sein kann, sollen die Leser nicht verwirrt werden.

(An dieser Stelle sei eingefügt, dass sich so manche/r angehende oder noch erfolglose Kriminalschriftsteller/in an den Auffassungen Simenons durchaus orientieren sollte.)

Nun denn: Maigret muss sich im wirklichen Leben von seinen Zeitgenossen durch die Brille des Schriftstellers betrachten lassen. Das ist nicht immer einfach für ihn, denn als den Helden, der aus ihm gemacht wurde, empfindet er sich nicht. Auch die Kollegen sind nicht angetan von der Darstellung des Kommissars und dem Unterschied zwischen seiner fiktiven und ihrer Arbeitswelt.

Maigret erzählt aber auch von dem, was nicht bei Simenon zu lesen ist: von seiner Kindheit, der Jugend bis zum Erwachsenwerden und seinem Eintritt in den Polizeidienst. Vom Verlust der Mutter, der Entfremdung vom Vater, dem Aufwachsen bei einer Tante, schließlich dem Kennenlernen jener jungen Frau, die er heiratet.

Gut, dass wir diese Wahrheiten von Maigret erfahren. Amüsant, dass Georges Simenon mit zwinkerndem Auge uns lesen lässt.

Treffend zusammengefasst von Georg Hensel auf der hinteren Umschlagseite des Taschenbuchs: „In Maigrets Memoiren hat sich Simenon zu einer realen Erinnerung seines fiktiven Kommissars Maigret gemacht. Er hat Schöpfer und Geschöpf, Realität und Fiktion vertauscht.“

— O —

Georges Simenon: Maigrets Memoiren (in der Ausgabe der Atlantik Bücher erschienen 2019 im Hoffmann und Campe Verlag, übersetzt von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands)

Originaltitel: Les mémoires de Maigret (Frankreich 1951, 35. Maigret-Roman)

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Georges Simenon: Maigret und der gelbe Hund

IMG_9444Der noch junge aber bereits Pfeife rauchende Kommissar Maigret soll in Rennes, der Hauptstadt der Bretagne die Polizei reorganisieren. Als in Concarneau der Stadt, die berühmt wurde durch ihre Nähe zum alten Künstlerort Pont-Aven mit ihrer Lichtgestalt Paul Gaugin sowie der nicht geringeren Berühmtheit aus der neueren Kriminalliteratur, Jean Luc Bannalecs Kommissar Dupin – der Weinhändler Mostaguen nachts auf dem Weg vom Café de l’Amiral nach Hause angeschossen wird, wird Maigret jedoch in das Fischerstädtchen Concarneau abgeordnet, um das mysteriöse Attentat aufzuklären.

Da sitzt er im Café – selbstverständlich Pfeife rauchend – und versucht, durch Befragung der Kartenspielfreunde des verletzten Weinhändlers etwas über dessen Freunde und möglichen Feinde zu erfahren. Nicht nur zum Kartenspielen trifft sich die Runde, es wird auch kräftig getrunken und gemeinsam ist ihnen, dass sie einen zweifelhaften Ruf im Ort genießen, besonders weil keine junge Frau vor ihnen sicher ist. So hat Emma, Kellnerin im l’Amirals ein Verhältnis zu Doktor Michoux, die beiden anderen, noch unversehrten Kartenspieler sind ebenfalls als Schürzenjäger bekannt. Während Maigret in seinen Ermittlungen sowohl bei Emma als auch bei dem Schürzenjäger-Trio nicht weiterkommt, entdeckt Michoux Strychnin-Kristalle in den Flaschen, aus denen sie ihren Pernod und Calvados trinken. Niemand weiß, wie das Gift in die Flaschen kam. Die Flaschen werden aus dem Verkehr gezogen. Trotzdem stirbt später einer der Runde an einer Strychninvergiftung.

Und stets schleicht ein großer gelber, unbekannter Hund in der Nähe der Opfer herum. Zudem werden riesige Schuhabdrücke im Umkreis der Tatorte entdeckt, die zu einem Landstreicher führen. In der Stadt bricht eine Hysterie aus, die Jagd auf den gelben Hund und den Landstreicher beginnt.

Große Angst, das nächste Opfer zu sein, hat Doktor Michoux, der Maigret von einer Wahrsagerin erzählt, die ihm einst prophezeit hat, dass er sich vor einem „gelben Hund“ in Acht nehmen solle.

Für Leser Rätsel über Rätsel, während Maigret dem Grund für die Verbrechen und somit dem Täter und dessen Finten bereits auf der Spur ist. Eine alte Geschichte wird aufgedeckt und am Ende gibt es für die damals Betrogenen ein Happyend. Maigret sorgt für Gerechtigkeit.

Dies ist kein Krimi der neueren Art*, der die Schönheit der Landschaft des Finistère in hunderten von Blau- Grün- und Rosatönen in schildert, der die Sehnsucht nach Urlaub in diesem Terrain weckt und die Leser ins Schwärmen über die Attraktivität – gleich ob lieblich oder rau, geschichtsträchtig oder kulturell wertvoll – geraten lässt.

Dies ist ein Kriminalroman, der von Menschen handelt, von einfachen und überwiegend ehrlichen, Intriganten und Gewinnlern, der ein breites Spektrum von menschlichen Eigenschaften zeigt. Das ist Georges Simenon sehr gut gelungen. So ist Maigret und der gelbe Hund auch nahezu 90 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch interessant und lesenswert.

— O—

Georges Simenon: Maigret und der gelbe Hund, Originaltitel: Le chien jaune (Frankreich 1931) Die deutsche Erstausgabe erschien 1934 unter dem Titel Maigret und der gelbe Hund.

Diese Besprechung bezieht sich auf die von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz übersetzte Ausgabe des Kampa Verlags (2019)

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* Gemeint sind u.a. auch die Kriminalromane von Jean-Luc Bannalec, die überwiegend im Finistère angesiedelt sind. Im achten Band jener Reihe mit Kommissar Dupin liest dieser Simenons Maigret und der gelbe Hund. Dabei erkennt Dupin eine gewisse Parallele zu dem Fall, den er in Bretonisches Vermächtnis gerade zu lösen hat.

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