Annelie Wendeberg: Der irische Löwe – Gelungenes Prequel zur Anna-Kronberg-Reihe

IMG_0577Dies ist der vierte Anna Kronberg Krimi, angesiedelt zur viktorianischen Zeit in London und als Prequel der Serie von ursprünglich drei Romanen um die Bakteriologin und Epidemiologin – und Ermittlerin – Anna, die den Mann gibt, nämlich Dr. Anton Kronberg. Leser der Reihe wissen, weshalb diese ungewöhnliche Maskerade notwendig ist: Zu jener Zeit dürfen im Vereinigten Königreich und in den meisten anderen Ländern Frauen weder studieren und demnach auch nicht als Arzt praktizieren.

In Der irische Löwe führt Anna bereits ihr Doppelleben. Hier ist sie jedoch zumeist in einem Armenviertel von London unterwegs und versorgt in ihrer freien Zeit in ihrer Rolle als Krankenschwester Patienten der untersten Schichten, hilft bei Geburten, näht einer Hure die Schnittverletzungen, die sie von ihrem Freier mit dem Messer verpasst bekommen hat und sucht den Kerl aus der feinen Gesellschaft, der die Mädel in erbärmlichster Umgebung schlitzt. Unterstützt und beschützt wird sie dabei von dem genialen Dieb, dem Iren Garret O’Hare, der eines nachts nach einer Auseinandersetzung und durch eine Schusswunde arg verletzt in ihre Wohnung einbricht und seine Wunde von Anna versorgen lässt. Dieser „Irische Löwe“, ein Hüne mit rotem Wuschelkopf, macht Anna einerseits Angst, andererseits erweckt er auch ihre Sympathie. So etwas wie Liebe entwickelt sich zwischen den beiden – stark beim irischen Löwe, zögerlich bei Anna.

Damit entwickelt sich dieser als „Ein Anna Kronberg Krimi“ untertitelte Roman auch zu einem Liebesroman. Allerdings einem, der nicht in einer heilen Welt spielt, der geprägt ist von der düsteren Welt, in der diese Geschichte spielt. Es ist die Welt eines der übelsten Slums, in der Huren der letzte Dreck sind und Obdachlose noch eine Kaste darunter darstellen, Kleinkriminelle überrepräsentiert sind. Das ungleiche Dieb/Ärztin-Paar ist ein Fremdkörper in dieser Gesellschaft und doch ein Teil davon: Garret, der sich als recht gebildet und belesen erweist, und Anna als „Krankenschwester“. Missverständnisse prägen zunächst die Beziehung der beiden. Das liegt an Garrets Schüchternheit, aber auch an Annas Vergangenheit, in der sie grausam vergewaltigt und verletzt wurde. Sie sind beide einsame Wölfe und wissen, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben werden. Eine tragische Situation, mit der sie umgehen müssen.

In diesem Prequel ist Anna Anna und nicht wie in den anderen Krimis der Reihe der Anton, den sie in der Gesellschaft außerhalb des Armenviertels spielt, hier darf sie Frau sein, braucht sich nicht in der Verkleidung verstecken.

So wirkt die Krimihandlung zweitrangig neben der sich entwickelnden Liebe zu Garret aber auch zu der desillusionierende Schilderung der Verhältnisse im ärmsten Teil Londons im oft als glänzend angesehenen viktorianischen Zeitalters. Eine bewegende Geschichte vornehmlich für Leser*innen, die Anna Kronberg als Dr. Anton Kronberg, als brilliante Ermittlerin und im geistigen Duell mit Sherlock Holmes, in den Fängen von Moriaty oder auf der Flucht vor diesem bereits kennen – oder sie zunächst kennenlernen wollen, um dann ihren weiteren Weg in und um London zu verfolgen. Teufelsgrinsen wäre dann der richtige Einstieg und auch das beste Buch dieser kleinen Serie.

Eines ist dieses Prequel jedoch nicht: ein Sherlock-Holmes-Pastiche, denn der große Detektiv taucht hier noch nicht auf, um mit ihr seine geistigen Fähigkeiten zu messen und Fälle zu lösen. Das passiert erst in Teufelsgrinsen.

Neben diesem Prequel besteht die Reihe aus

Teufelsgrinsen

Tiefer Fall

Die lange Reise

Erschienen 2016 in der Übersetzung von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger bei Kiepenheuer & Witsch

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2 Antworten zu Annelie Wendeberg: Der irische Löwe – Gelungenes Prequel zur Anna-Kronberg-Reihe

  1. meikesbuntewelt schreibt:

    Dusselige Frage: Das klingt wirklich interessant. Wenn man sich entscheidet, diese Bücher zu lesen, sollte man dann mit diesem anfangen?

  2. Philipp Elph schreibt:

    Empfehlung: Mit „Teufelsgrinsen“ anfangen. Wenn das gefällt – und das Buch ist super -, dann „Der irische Löwe“.

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