Andreas Pflüger: Niemals

20171022_114831Der Bushidō sagt:“Um sich zu rächen, muss man wissen an wem und warum.“

Beim Debakel in Rom zehn Jahre zuvor und zu einer Zeit, als Jenny Aaron noch nicht blind war, hatte die Polizistin der recht geheimen Sondereinheit gesehen, wie der Körper des Mannes, den sie beschützen sollte, von einer Salve zerhackt wurde. Dies ist der erste blutige Zwischenfall in diesem Buch, weitere folgen. Und an dieser Stelle sei bemerkt: Niemals ist einer der blutigsten Thriller des Jahres.

Dieses Buch ist kein netter, kleiner, cosy Whodunit, sondern ein Thriller mit rasanten und brutalen Szenen, die innerhalb einer Lesezeit von etwa 12 Stunden am Leser vorbeiziehen und im Hirn einen Action-Thriller wie einen Film ablaufen lassen.

Hauptdarstellerin ist Aaron, bekannt aus Pflügers Endgültig.

Seit fünf Jahren ist Aaron blind. Was damals in Barcelona geschah, wird in Endgültig beschrieben, ebenso ihr unbändiges Streben, das Handicap Blindsein so gut wie möglich zu eliminieren, die Hilfe ihres Vaters bei diesen Anstrengungen, den Mut, den er ihr gab. Inzwischen ist der Vater gestorben und Aaron nicht mehr Mitglied der Abteilung.

Heute – und mit diesem „Heute“ geht es bei Niemals nach dem Rückblick auf das Rom-Debakel weiter – segelt Aaron ein paar Tage mit ihrem pensionierten Chef vor der schwedischen Küste hart am Wind, verbringt einige Tage bei ihm und dessen Frau. Weiß nicht recht, was sie will. Hat die Chance, einen Teil ihrer Sehkraft wieder zurückzubekommen.

Aber ein Brief ändert alles. Er kommt von Holm, dem Widersacher, dem sie die Blindheit zu verdanken hat. Der große Antipode aus Endgültig vererbt ihr zwei Milliarden Dollar, deponiert auf dem Konto einer Bank in Marrakesch. Geld aus kriminellen Geschäften. Nach Rücksprache mit ihrem ehemaligen Kollegen Pawlik beschließt sie, nach Marrakesch zu fliegen, zu recherchieren, was es mit dem Geld auf sich hat, aus welchen Quellen es stammt. Nur als Mitglied der alten Abteilung erscheint es möglich, diesen Job zu erledigen. Und so wird Aaron wieder in diese Abteilung aufgenommen, die Spezialaufträge erledigt, die so delikat sind, dass weder ein Geheimdienst noch das BKA sie erledigt. Hauptsächlich Aufträge, bei denen die nationale Sicherheit in Gefahr ist, und bei Beträgen dieser Größenordnung, gehen die Spezialisten gar von einer internationalen Bedrohung aus.

Nächste Station für Aaron und Pawlik ist Marrakesch. Mit Tarnnamen steigen sie im La Mamounia ab, dem einzigen Angenehmen, das sie in Marokko kurz genießen. In der Bank erfahren sie mehr über die Herkunft des „Erbes“ und finden in einem Schließfach des Instituts ein aufschlussreiches Dokument, in dem die Rede davon ist, dass Aarons Vater nicht eines natürlichen Todes gestorben sondern gemordet worden ist. War Aaron bisher daran interessiert, das Geheimnis um Holms kriminelle Tätigkeiten der letzten Jahre aufzudecken und ihn zur Strecke zu bringen, setzt jetzt bei ihr das Verlangen ein, sich am Mörder ihres Vaters zu rächen. Das „Warum“ des Rächens ist somit schon einmal geklärt, und so begibt sie sich mit Pawlik, einer wichtigen Zeugin und deren Sohn auf eine Art Schnitzeljagd, die von Marrakesch zunächst in die Umgebung, dann quer durch Marokko fast bis zur Grenze nach Algerien führt, schließlich nach Deutschland. Auf diesem Trip werden mehrmals die Magazine diverser Schusswaffen leer geballert. Wäre dies ein Film, hätte der Requisiteur und Maskenbildner eine riesige Menge Blut heranzuschaffen. Der Höhepunkt des Blutvergießens erlebt der Leser schließlich in Deutschland in einem üppigen Showdown, bei dem Aaron schließlich erfährt, an wem sie sich rächen muss – wenn sie es wirklich will. Und sie wäre nicht sie selbst, würde sie es nicht wollen.

Es heißt allerdings „Sich zu rächen heißt, zwei Gräber auszuheben“ . Doch dieser Satz kann Aaron nicht abschrecken, denn der Bushidō sagt: „Rache ist das höchste Gericht“ und dieses höchste Gericht soll dafür sorgen, dass der Mord am Vater durch Vernichtung des Verantwortlichen gesühnt wird.

Neben allem Geballer und Verbluten erzählt Andreas Pflüger hier die Geschichte von Jenny Aaron weiter, die mit Endgültig begonnen hat und mit Niemals sicherlich nicht zu Ende ist. Es ist eine Story vom Kampf gegen ihr Handicap, gegen Gegner, die sie nicht sieht, Dank ihrer Fähigkeiten, sie zu orten, dennoch besiegt. Niemals ist zwischendurch aber auch ein Thriller mit leiseren Tönen, wenn sich Aaron daran erinnert, wie ihr Verhältnis zum Vater war, wie sie von ihm gefordert und in Richtung ihres Berufes gefördert wurde, die Tochter unterstützt hat, ihre Blindheit durch Schulung anderer Fähigkeiten zu kompensieren.

Niemals ist aber auch ein Buch über Rache und die Frage, ob das Erlebte Rache rechtfertigt. Und so ist dieser Thriller mit Action geladen wie ein James-Bond-Film, ebenso ist er geprägt von Aarons Wirken und Reflektieren. Schließlich will der Leser wissen, wie Niemals endet, wie befürchtet oder wie erhofft. Dieses Zusammenspiel begeistert.

— O —

Andreas Pflüger: Niemals, erschienen 2017 als Hardcover bei Suhrkamp als Folgeband von Endgültig, dem ersten Teil dieser bisher kleinen Reihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron

— O —

Andere Stimmen zum Buch von

Hauke Harder auf dem Blog Leseschatz

Werner Fuld im Culturmag

Interviews mit Andreas Pflüger von

Marcus Müntefering in SPON

Alf Mayer im Culturmag

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