Michael Tsokos: Die Zeichen des Todes

20171022_114731Michael Tsokos schreibt in diesem Buch nicht nur über Fälle – von Leichen und deren „Vorleben“, die bei ihm und Kollegen zur Obduktion gelandet sind – sondern berichtet auch über Hintergründe, wie es zu den Todesfällen gekommen ist, was im Leben der Toten oder der Täter falsch gelaufen ist. Nicht immer sind es Todesfälle, mit denen sich Rechtsmediziner beschäftigen.

Es kann auch eine Verletzung sein, die begutachtet werden muss wie im Falle des damaligen Boxweltmeisters Jürgen Brähmer, der angeblich einer Frau bei einem Schlag mit der flachen Hand die Nase gebrochen haben soll. Ein ominöser Fall, mit glücklicherweise guten Ausgang für den Boxer. Ebenso wie dieser Schlag und der Rummel um den bekannten Boxer beim Prozess und drum herum, erzählt Tsokos von anderen Fällen, die im öffentlichen Interesse standen.

So vom Tod des kleinen Volkan, der von Kampfhunden in grausamer Weise zu Tode gebissen wurde. Der Rechtsmediziner klärte durch Obduktion der Hunde, wer hauptsächlich Anteil an den tödlichen Bissen hatte. Tsokos verweist aber auch darauf, dass dieses Unglück möglicherweise verhindert worden wäre, wären die Behörden konsequent gegen die Hundehalter vorgegangen oder hätte es schärfere Gesetze gegeben, die das Halten von derartigen Kampfmaschinen stärker regelt oder gewissen Personen sogar verbietet.

Auch dem Suizid des Liedermachers und begnadeten Texters Kurt Demmler während dessen U-Haft ist ein Kapitel gewidmet. Hierin und in einem weiteren Kapitel über Selbsttötung erfahren die Leser einiges über Motive, die zu einem Suizid führen. Bei Demmler wird angenommen, dass dies in Zusammenhang mit den Taten stehen, die ihm zur Last gelegt werden: sexueller Missbrauch von Kindern über einen längeren Zeitraum. Dabei stellt Tsokos die Frage, wieso so lange Demmlers kriminelle Neigung, die schon lange bekannt war, nicht früher strafrechtlich verfolgt wurde. Ähnlich – und auch das spricht der Autor an – verhielt es sich beim BBC-Moderator Jimmy Savile, der über Jahrzehnte in einem noch größerem Umfang im Vergleich zu Kurt Demmler Kinder missbrauchte. Sogar als Schirmherr eines Krankenhauses verging er sich sexuell an minderjährigen Patientinnen. Savile starb, der Skandal wurde erst nach seinem Tode öffentlich.

In insgesamt zwölf Kapiteln erfahren wir also Skandalöses, Hochkriminelles aber auch Tragisches. Und diese Tragik bezieht sich sowohl auf die Opfer, aber auch ein „Täter“ kann ungewollt in eine tragische Situation gelangen. Dass dabei ärztlicher Rat dazu führen kann, dass jemand stirbt, kann passieren. Dass ein Zahnarzt durch seine naive oder überhebliche Vorgehensweise bei einer Selbstverstümmelung und versuchtem Versicherungsbetrug sich selbst und seine Existenz zerstört, mutet dagegen schon fast amüsant an.

So hat jeder der zwölf Fälle einen besonderen Reiz. Und Michael Tsokos ist ein Plauderer, dem man gern folgt.

Im Nachwort schreibt Tsokos: „Das vermeintlich Böse, das sich klar definieren läßt, ist nicht das wahre Böse, und nichts ist unmöglich, nur weil es unwahrscheinlich ist.“ Diesen Satz versucht Michael Tsokos mit seinem Buch zu beweisen. Es ist ihm gelungen.

— O —

Michale Tsokos: Die Zeichen des Todes – Neue Fälle von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner, 2017 als Hardcover bei DROEMER erschienen

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