Andreas Pflüger: Endgültig

P1030511Andreas Pflüger ist nicht der erste Autor, der eine blinde Kommissarin in der Krimi/Thrillerliteratur ins Rennen schickt, um die Gunst der Leser*innen zu erlangen. Er ist jedoch der Erste, der mit der im Dienst erblindeten Elitepolizistin Jenny Aaron eine Protagonistin geschaffen hat, für die die Fähigkeiten von Blinden so ausgiebig und gut recherchiert darstellt werden, dass manche Szenen nahezu unglaubwürdig erscheinen. Aber dazu später.

Neben dem Leben und Wirken Aarons kommen Spannung und Action in diesem Thriller nicht zu kurz. Die Actionszenen sollte man sich bei geschlossenen Augen vorlesen und als Film vor dem geistigen Auge ablaufen lassen, um sie ausgiebig zu genießen. In diesen rasanten, plastisch erscheinenden Szenen bricht im Thrillerautor der Drehbuchautor durch. Und das ist gut so, weil hiermit dynamische Höhepunkte aufgebaut werden, die sich dann immer wieder abwechseln mit ruhigen Phasen: Aarons Erinnerungen an die Situation in Barcelona, die Katastrophe, bei der sie erblindete, den verletzten Kameraden zurückließ – und die Frage nach dem Warum? An ihr unbändiges Streben, ihr Handicap so gut wie möglich zu eliminieren, die Hilfe ihres Vaters bei diesen Anstrengungen, den Mut, den er ihr gab. Und immer wieder denkt Aaron darüber nach, warum Holm, der Widersacher von damals sie noch immer verfolgt, bis es zu einem ENDGÜLTIGen Zusammentreffen der beiden hochintelligenten Antipoden kommt. Zunächst wieder in Form begeisternder Actionszenen, dann wie ein Kammerspiel als Dialog zwischen Aaron und Holm über das wahre Motiv Holms, die blinde Polizistin zu vernichten. Sie philosophieren über die Inhalte des Bushidos und die Verhaltensweisen der Samurai-Krieger und deren Kodex.

Aaron lebt nach den Prinzipien des Bushidos, nur so konnte sie mit ungeheurer Selbstdisziplin die Fähigkeiten erwerben, die sie benötigt, um Holm Paroli bieten zu können. Und das ist mehr als riechen und fühlen können, mehr als Braille lesen können, höchst sensibel im Umgang mit anderen Menschen sind. Dazu gehört eine Ortungstechnik, sich wie eine Fledermaus durch Schall räumlich zu orientieren. Dazu körperliche und mentale Fitness, wie sie kaum ein Mensch erreichen kann. Nach Anweisung abenteuerlich anmutende riskante Überholmanöver beim Autofahren zu überstehen.

Und so übersteigen einige Sequenzen in den Actionszenen die Möglichkeiten blinder Menschen. Und das ist auch OK und in einem Thriller nicht anders zu erwarten. Wenngleich Andreas Pflüger im Buch Beispiele aufführt, was Nichtsehende vermögen. „Andy Holzer zum Beispiel klettert die Eiger-Nordwand als Seilführer, natürlich kennt Frau Aaron ihn. Oder Zoltan Torey. Der konnte ein Differenzialgetriebe zerlegen und es Rädchen für Rädchen wieder zusammensetzen“ Von weiteren Fähigkeiten schreibt Pflüger in seinem Nachwort, auch dass Kerstin Müller-Klein ihr Leben so bewältigt, „dass es meiner Aaron nahe kommt.“

Aaron, „die einzige blinde Fallanalytikerin und Vernehmungsspezialistin Deutschlands“, ist demnach die Summe vieler Möglichkeiten, verbunden mit der Fantasie des Autors. So trifft sie Jahre nach Barcelona und ihrer Erblindung zunächst auf einen Gefängnisinsassen, dem sie zuvor schon einmal begegnet war. Aber das ist nur der Anfang eines spannenden und durch die Person Aaron höchst interessanten Thrillers, der für sie mit dem schlimmsten Tag ihres Lebens endet.

Faszinierend!

Im Mai 2016 ist ENDGÜLTIG zum dritten Mal in der KrimiZEIT-Bestenliste aufgeführt. Das Buch ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

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4 Antworten zu Andreas Pflüger: Endgültig

  1. karu02 schreibt:

    Danke fürs Vor-Lesen. Eine blinde Kommissarin hatte ich bisher noch nicht. Das kommt auf meine Liste.

  2. Pingback: ENDGÜLTIG – eine Lesung von Andreas Pflüger | KrimiLese

  3. karu02 schreibt:

    So, ich habe es ausgelesen. Ob ein Buch wirklich spannend ist, erkenne ich daran, dass ich es nicht aus der Hand legen möchte und an vielen Stellen innerlich zittere. Das kam schon lange nicht mehr vor. Die etwas unwahrscheinlichen Stellen wie die Unterwasser-Sequenz registriere ich zwar, macht aber nichts, es dient der Spannung. Nach der Lektüre habe ich sogleich versucht, mich schnalzend mit geschlossenen Augen zu bewegen. Hm, ich glaube, das muss man eine Weile üben…
    Danke noch mal für den Tipp. Sein Debüt ist offenbar schon vergriffen, hätte ich auch gerne gelesen. Es wird aber wohl neu aufgelegt?!

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