Georges Simenon: Maigrets Memoiren

IMG_9454Dies ist keiner der üblichen „Maigret-Kriminalromane“, sondern eine amüsante „Abrechnung“ des Kommissars mit seinem Schöpfer. In Maigrets Memoiren beschreibt der echte Maigret, wie Simenon den wahren Kommissar in einen fiktiven verwandelt hat, zudem erfahren die Leser, was Maigret in seiner Kindheit und Jugend bis zum Kennenlernen seiner späteren Frau, Madame Maigret, erlebt hat.

 

So ergreift – das ist der etwas umformulierte Titel des ersten Kapitels – Maigret zunächst endlich und ungeniert die Gelegenheit, seine Beziehungen zu einem gewissen Simenon zu erläutern, der zu jener Zeit Groschenromane verfasste und sich von einem echten Kommissar für sein Werk inspirieren lassen wollte.

Wie bei Memoiren üblich erzählt Maigret seine Geschichte in Ich-Form. Er drückt darin aus, dass er nicht immer einverstanden ist, was der Schriftsteller aus seiner Person und seinem Handeln gemacht hat, zitiert dabei auch Simenon, der erklärt: „Mir ist durchaus bewußt, dass diese Bücher vor sachlichen Ungenauigkeiten nur so strotzen. Unnütz, sie alle aufzuzählen. Sie sollen aber wissen, dass sie alle gewollt sind…“. Und als wichtigsten Satz dieser und weiterer Treffen, den Simenon „noch oft mit einer nahezu sadistischen Befriedigung wiederholt hat“, hat sich der Held der vielen Romane eingeprägt: „Die Wahrheit wirkt niemals wahr.“

Simenon versteigt sich sogar in Sätze, die den Kommissar sprachlos machen: „Etwas echter zu machen, als es ist, das ist die ganze Kunst. Und genau das habe ich getan, sie echter gemacht.“

An dieser Aussage hat der wahre Kommissar erheblich zu knabbern und es ist kein Wunder, dass er versucht, einiges richtig zu stellen. Die Vereinfachung der Fiktion im Verhältnis zur Realität betrachtet Simenon als Mittel, Leser nicht mit zu vielen Handelnden zu überfordern. Ob ein Kommissar nur an einem Ort oder einer Region ermittelt – so wie im wirklichen Leben – oder in einem Fall durch ein ganzes Land reist – wie im Roman -, mit „solchen formalen Petitessen“, dass so etwas nicht sein kann, sollen die Leser nicht verwirrt werden.

(An dieser Stelle sei eingefügt, dass sich so manche/r angehende oder noch erfolglose Kriminalschriftsteller/in an den Auffassungen Simenons durchaus orientieren sollte.)

Nun denn: Maigret muss sich im wirklichen Leben von seinen Zeitgenossen durch die Brille des Schriftstellers betrachten lassen. Das ist nicht immer einfach für ihn, denn als den Helden, der aus ihm gemacht wurde, empfindet er sich nicht. Auch die Kollegen sind nicht angetan von der Darstellung des Kommissars und dem Unterschied zwischen seiner fiktiven und ihrer Arbeitswelt.

Maigret erzählt aber auch von dem, was nicht bei Simenon zu lesen ist: von seiner Kindheit, der Jugend bis zum Erwachsenwerden und seinem Eintritt in den Polizeidienst. Vom Verlust der Mutter, der Entfremdung vom Vater, dem Aufwachsen bei einer Tante, schließlich dem Kennenlernen jener jungen Frau, die er heiratet.

Gut, dass wir diese Wahrheiten von Maigret erfahren. Amüsant, dass Georges Simenon mit zwinkerndem Auge uns lesen lässt.

Treffend zusammengefasst von Georg Hensel auf der hinteren Umschlagseite des Taschenbuchs: „In Maigrets Memoiren hat sich Simenon zu einer realen Erinnerung seines fiktiven Kommissars Maigret gemacht. Er hat Schöpfer und Geschöpf, Realität und Fiktion vertauscht.“

— O —

Georges Simenon: Maigrets Memoiren (in der Ausgabe der Atlantik Bücher erschienen 2019 im Hoffmann und Campe Verlag, übersetzt von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands)

Originaltitel: Les mémoires de Maigret (Frankreich 1951, 35. Maigret-Roman)

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