Unschuldig schuldig – Liza Cody: Miss Terry

20170105_154130Nita Tehri kann gar nicht anders als gesetzestreu und redlich zu leben. Und doch wird die junge Lehrerin, Engländerin per Geburt mit indischen Wurzeln, verdächtigt, einen toten Säugling in einen Müllcontainer gegenüber ihrem Haus geworfen zu haben. Rufmord an einer jungen Frau, gleichermaßen betrieben von Nachbarn und Polizei.

Verdacht und Vorverurteilung durch die Ermittler, die es sich einfach machen und nur auf die Übereinstimmung der Hautfarbe von totem Säugling und der sich ihrer Umgebung und den damit verbundenen Konventionen zwanghaft anpassenden Lehrerin fokussiert sind.

Damit wird Nita zum Opfer ihrer Umgebung und der Verhältnisse. Während sie noch an die Gültigkeit von Gesetz und Regeln glaubt, gerät sie immer mehr in Schwierigkeiten. Mit ihrem Verhalten, „beweist“ sie in den Augen der Polizei, dass sie schuldig ist. Der Weg, den Miss Terry – so wird sie von ihrer Umgebung genannt – in ihrem Leben gegangen ist, war nie einfach. So hat sie sich von ihrem Elternhaus getrennt, nachdem sie sich weigerte den Mann zu heiraten, der sie vergewaltigt hatte. Vater und männliche Familienangehörige sind deshalb auf der Suche nach ihr, um sie zu töten. Jetzt diese Unterstellung. Nita Tehri wird von der Schulleitung beurlaubt. Alles, was sie anfängt, verschlimmert ihre Situation. Ein zufälliges Treffen mit einem Nachbarn endet beinahe mit einer Vergewaltigung, ein Betrüger bringt sie um ihr letztes Geld, das Haus, in dem sie lebt, wird angezündet. Die, die sie töten wollen, kommen ihr immer näher. Es ist zum Verzweifeln – nicht nur für Miss Terri.

Auch der Leser verzweifelt, weil er diese liebenswerte und brave Person retten möchte, sich jedoch nicht in die Welt von Liza Codys Fiktion beamen kann. Es ist so empörend zu sehen, welches Leid dieses zarte Nitalein ertragen muss. Das Hoffen so unermesslich, dass sich das Schicksal zum Guten wendet.

Liza Cody schafft es, diese Gefühle beim Lesen zu wecken, die Gesellschaft zu zeigen, wie sie sich häufig darstellt: durch Vereinfachung und Ausgrenzung zu agieren, solange es sich um das Schicksal anderer handelt. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto gelungener erscheint mir Miss Terry.

— O —

Originaltitel: Miss Terry (UK 2012), dt. 2016 (Übersetzung: Grundmann und Laudan) erschienen als Hardcover bei Ariadne (Argument Verlag), als E-Book bei CulturBooks.

Weitere Titel von Liza Cody:

Lady Bag   (erschienen bei Ariadne und CulturBooks)

sowie die Eva-Wylie-Trilogie (erschienen bei Ariadne):

  • Was sie nicht umbringt
  • Eva sieht rot
  • Eva langt zu
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2 Antworten zu Unschuldig schuldig – Liza Cody: Miss Terry

  1. Mageia schreibt:

    Ist das nicht vollkommen unrealistisch? Sich auf die „Übereinstimmung der Hautfarbe “ zu verlassen? Ein einfacher Gentest und die Sache ist aus der Welt.

  2. Philipp Elph schreibt:

    Liebe Mageia, um den „Realismus“ in diesem Roman verstehen zu können, muss man das Buch lesen. Zum einen machen es sich die Ermittler verdammt einfach (sie haben keinen Zweifel an Miss Terrys Schuld), zum anderen ist Miss Terry zu einem Zeitpunkt, als sie noch nicht weiß, was ihr vorgeworfen wird, der Ansicht, dass sie nicht zu einer DNA-Probe gezwungen werden kann – mit der sie sich später einverstanden erklärt, aber da…….(Das will ich nicht verraten). Durch die Positionen der Protagonisten erscheint der Roman „verdammt realistisch“.

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