Norbert Sahrhage: Der Mordfall Franziska Spiegel

img_6080FAKTEN: Wenige Monate vor Ende des II.Weltkriegs wird am Rande eines westfälischen Dorfs eine Jüdin von jungen SS-Leuten erschossen. Nach Kriegsende werden die Ermittlungen in diesem Fall wieder aufgenommen, nachdem während des Kriegs kein Interesse an der Suche nach den Tätern bestand. 1949 wird der Fall von der Staatsanwaltschaft endgültig mit der Begründung eingestellt, dass „keine Möglichkeit mehr bestehe, die SS-Männer ….zu ermitteln.“

FIKTION: Basierend auf den Fakten hat Norbert Sahrhage einen Kriminalroman geschrieben, wie durch Denuzierung die SS auf die Jüdin aufmerksam geworden und ermordet hat. Wie „Ermittlungen“ während der Krieges dazu durchgeführt und Ermittlungen danach torpediert wurden.

Drei Jahre nach Kriegsende nimmt sich Kriminalinspektor Zöllner dieses Falles an. Zöllner ist selbst ein Opfer der Nazis. Seinen Job als Polizist hatte er verloren, da er mit einer Jüdin verheiratet war, die damals rechtzeitig mit ihren Eltern Deutschland verlassen hat und seit der Zeit getrennt von Zöllner in England lebt. Aus dieser persönlichen Situation heraus hat Zöllner besonderes Interesse, den Mord an Franziska Spiegel aufzuklären. Dabei stößt er – in der Zeit nach dem Krieg sehr realitätsnah – auf alte Nazis, die längst entnazifiziert zumeist in guten Positionen gesellschaftlich und beruflich wieder Fuß gefasst haben. Während der Ermittlungen nähert sich Zöllner Tätern und Mittätern, die nicht davor zurückschrecken einen weiteren Mord zu begehen, damit die Schuldigen nicht gefunden werden. Ob nun durch Schützen oder Schweigen, Zöllner stößt an Grenzen – und siehe oben und man ahnt es schon: Beweise sind schwerlich zu erbringen.

Suhrhage schildert in diesem Krimi ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte, in der es einer erheblichen Anzahl von Nazi gelungen ist, durch alte Seilschaften, die braune Vergangenheit und ihre Verbrechen vergessen zu lassen. Dies ist ein Stück Zeitgeschichte, nüchtern und schnörkellos präsentiert, basierend auf der Ermordung von Franziska Spiegel. Nebenbei werden Details aus der Zeit nach der Währungsreform erzählt, die mir teilweise und vielen Jüngeren überwiegend nicht bekannt waren. Vom Käfer mit der zweigeteilten Heckscheibe und den Winkern statt Blinkern werden sicherlich auch jüngere Leute gehört oder gelesen haben. Für mich, der ich noch mit 1- und 2-Markscheinen bezahlt habe, war es aber nicht bekannt, dass es auch Scheine im Wert von 10 und 20 Pfennig gab. So hat der Norbert Suhrhage viele Kleinigkeiten aus dieser Zeit erwähnt ohne das eigentliche Thema aus den Augen zu verlieren: Die skandalöse Integration der braunen Verbrecher in den entstehenden neuen Staat.

Lesenswert, weil „Der Mordfall Franziska Spiegel“ spannend erzählt wird. Und weil der Roman einen guten Einblick in die Verhältnisse jener Zeit gibt.

— O —

Veröffentlicht im Pendragon Verlag (2016)

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