Das Leben ist (k)ein Paradies – Hazel Frost: Last Shot

IMG_9383Deftig und skurril, brutal und rasant, voller einprägsamer Bilder, noir, mit oralem und vaginalem Geschlechtsverkehr.

Kein Thriller, der in eine einzige Schublade passt, eine gelungene Komposition voller Vielfalt.

Dabei fängt es ganz einfach an: Dreifachmord an einem russischen Kriminellen – Puffbetreiber in Berlin, auch auf weiterem kriminellen Terrain agierend – und dessen Zwillingstöchtern auf einem ablegenen Parkplatz im Voralpenland. Glück hat Sohn Dima, der war mal Pinkeln als seine Familienmitglieder erschossen werden. Als er zum Auto zurückkommt sieht er das Dilemma, ein weiteres Familienmitglied, die sechsjährige Mathilda ist verschwunden, jedenfalls findet Dima die Kleine weder tot noch lebendig.

Dima verlässt den Tatort, flieht und findet dabei eine Mitfahrgelegenheit in einem alten Cadillac, darin eine aufgemotzte alte Puffmutter mit ihrem von Drogen zermürbten Lover und einem schweigsamen Fahrer. Dass es einen guten Grund für die Insassen des Oldtimers gibt, in dieser Gegend herum zu kutschieren erschließt sich erst später. Aber es sind nicht die einzigen Lebenden, die dieses Szenario bereichern. Ein Rettungssanitäter – Diabetiker, der mit einem geklauten Rettungswagen auf Urlaubsfahrt ist – trifft auf eine taffe Ex-Nutte mit Mordwaffe, die ein ganz besonderes Verhältnis zu Dima, den Getöteten und dem kleinen Mädchen hat. November nennt sie sich und wie es zu dem Namen kam, ist eine interessante Geschichte. November kapert sich den Rettungswagen samt Sanitäter und macht im Folgenden die Gegend zwischen den Bergen und München unsicher.

Und „last but not least“ bereichert auch noch ein seltsames Kommissar-Pärchen diesen Thriller. Er, mit einprägsamen Namen Horst Horst, BKA-Beamter, sie eine Ex-Kommissarin, die zuvor aus einer „Geschlossenen“ ausgebrochen ist und sich bei ihrem alten Arbeitgeber eine Waffe besorgt hat. Nun ist sie mit Burnout und Horst Horst auf Mörderjagd, wobei der Kommissar mit gleichem Vor- und Familiennamen die kleine Mathida lebend im Auto der drei Toten findet, sie an sich nimmt und – aus gutem Grund, wie sich später herausstellt – unter seine Fittiche nimmt, sie nicht wieder hergeben will.

Es beginnt in der Art eines actionreichen Roadmovies eine wilde Jagd gen München, Rettungswagen, Cadillac und Horst Horsts schwachmotorisiertes Töftöf – und wieder retour. Dass die Fahrt nicht jeder ohne Blessuren überlebt, wenn er denn überhaupt überlebt, erscheint selbstverständlich und muss nicht weiter erklärt werden.

Dann ist die Story zu Ende. Scheinbar.

Es folgt auf rund 50 Seiten eine Art Prequel, betitelt DAVOR. Darin wird beschrieben, wie es zu den Ereignissen auf dem einsamen Parkplatz gekommen ist. Wie das Leben von Dima mit dem dem seines Vaters Youri und das beider mit dem Novembers zusammenhängt, welche Rolle Mathilda dabei spielt. Was Horst Horst mit Mathilda verbindet. Youri als Patriarch und erfinderischen Edelbordell-Betreiber, November als Edelhure mit dem Makel behaftet, von Dima ein Kind zu bekommen: Mathilda.

Nach dem Prequel folgt noch das DANACH. Das Ende der Reise für November, das Ende der Dienstreise für Horst Horst und dessen Outing. Und Jahre später: Das Glück der Überlebenden, wobei zu sagen ist, dass nicht viele es genießen können.

Was nach dem Lesen bleibt: DURCHATMEN nach dieser rasanten Story, die so anders ist als so vieles, was unter dem Begriff Thriller ausgelobt wird. Auch wenn Rache Motiv für einige unnatürliche Todesfälle in Hazel Frosts „Last Shot“ ist, es ist nicht das allein Prägende. Die Typen, ob im Cadillac, Horst Horst oder die im hier nicht näher beschriebenen Edelpuff, sind es, die das Buch so lesenswert machen. Ebenso wie das Aufeinandertreffen der verschiedenen Gruppierungen zwischen first und last shot.

— O —

Hazel Frost: Last Shot, erschienen 2019 als Droemer Taschenbuch

(und wem die Brille von Hazel Frost auf deren Foto bekannt vorkommt, dem sei gesagt, dass Katja Bohnet die gleiche besitzt – aber das ist inzwischen kein Geheimis mehr)

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3 Antworten zu Das Leben ist (k)ein Paradies – Hazel Frost: Last Shot

  1. Dunkles Schaf schreibt:

    Oh, den Titel hab ich zwar schon auf meiner Wunschliste, aber jetzt muss ich mir den unbedingt holen. Die Rezension härt sich ja nach einem sehr außergewöhnlichem Thriller an! Danke fürs „vor-lesen“ und hier vorstellen.

  2. Pingback: Made in Germany: Last Shot – Hazel Frost | Die dunklen Felle

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