Liza Cody: Ballade einer vergessenen Toten

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Wäre dies eine simple Von-Lumpen-zu-Luxus-Geschichte, so würde sie einem Muster folgen. Die Lumpen kommen vor. Sie sind keine Metapher. …. Aber es gab keinen dramaturgischen Aschenputteleffekt.“

So verläuft die Geschichte von Elly, die ihre glücklose Biografin Amy schreiben möchte. Aber es hätte eine Aschenputtel-Geschichte sein können. Die eines kleinen elfjährigen Mädchen Elly, das nichts hat als eine kranke, hilflose Mutter auf Drogen, eine Gitarre und dem Talent zu einer erfolgreichen Songwriterin, einem zerlumpten Individuum, das den Lebensunterhalt durch Straßenmusik am Tag und in der Nacht verdient.

Es erscheint zunächst als glücklicher Umstand, dass Elly „entdeckt“ wird und von ihrer Entdeckerin, der Chefin einer alternden erfolglosen Band von „Sisters“ mit dem Namen SisterHood unter die Fittiche genommen wird. Elly entfaltet zwischen diesen gar nicht zusammenpassenden Bandmitgliedern ihr Genie, erhält von ihrem kriminellen Manager einen Vertrag ohne Rechte, wird abgezockt ohne auf irgendeine Weise von ihren riesigen Erfolgen zu profitieren – außer satt zu werden, ein Dach über dem Kopf zu haben, und als Krönung für einen Hund sorgen zu dürfen. Dieses „Glück“ währt nicht lange, Elly verschwindet eines Tages, wird arg zerstümmelt tot aufgefunden.

Das ist die Geschichte, die für geniale Songwriterin mit dem Tod endet, ohne jemals in der Nähe von Luxus gewesen zu sein.

25 Jahre später werden ihre Songs immer noch im Radio gespielt und als Amy einen davon hört, sich an Elly erinnert, kommt ihr die Idee, über das Mädchen und ihre kurze Karriere eine Biographie zu schreiben. Sie wühlt sich durch Zeitungsartikel aus der alten Zeit, sucht die damaligen Bandmitglieder, den Manager und dessen Umfeld, Bekannte und Nachbarn von Elly. Bei den einen erfährt sie einiges, andere lassen sie abblitzen. Amy hört vieles aber nichts Wesentliches. Die Profiteure von Ellys Erfolg halten sich bedeckt, Geheimnisse um ihren Erfolg bleiben verborgen. Andere strotzen von Neid oder wissen wirklich nichts. Amy leistet eine detektivische Arbeit, obwohl sie gar keine Detektivin sein will. Zehn Verdächtige präsentiert sie sich. Kommt auch damit nicht weiter. Die zahllosen Versuche, die Wahrheit über Elly zu erfahren, wie sie wirklich gelebt und empfunden hat, wie sie verschwunden ist und ermordet wurde, enden in ebenso zahllosen Schnipseln, deren Inhalte sie einem Literaturagenten immer wieder andient. Immer wieder in der Hoffnung, eine Biografie über den ehemaligen Star veröffentlichen zu können. Eine Aufgabe, die der von Sisyphus gleichkommt.

In dem, was Amy aus Ellys Leben erfährt, können wir ableiten, mit welcher Grausamkeit das Musikbusiness in den 80ern lief. Ausbeutung und Zerstörung der Kühe, die gemolken wurden durch das Management. Missgunst in Kollegenkreisen. Fans, die von allen Übeln nichts ahnen.(Gut, dass heute alles besser, transparenter ist.)

Elly war wie ein Stein in einer Scheinwelt aus Zucker, ein Fremdkörper, der dort fehl am Platz war. Was mit einem solchen Objekt geschieht, selbst wenn es glitzert wie ein Diamant, ist klar: Es wird aussortiert, weggeschmissen.

Diese Verlogenheit beschreibt Liza Cody auf begeisternde Art, zeigt die dunklen Seiten der Player in diesem Spiel und viele Verlierer.

— O —

Liza Cody: Ballade einer vergessenen Toten

Originaltitel: Ballad of a Dead Nobody (2011), deutsche Übersetzung von Martin Grundmann, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag, 2019

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2 Antworten zu Liza Cody: Ballade einer vergessenen Toten

  1. krimiautorenaz schreibt:

    Lisa Cody ist eine tolle Autorin, ohne jegliche Sentimentalität befasst sie sich mit sozialen Aussenseiterinnen und gibt ihnen eine wichtige Stimme. Vor allem die Eva Wylie-Trilogie und ‚Gimme more‘ haben einen unwiderstehlichen Sog auf mich ausgeübt. ‚Ballade einer vergessenen Toten‘ liegt auf meinem Stapel ungelesener Bücher – jedoch nicht mehr lange.

    • Philipp Elph schreibt:

      Seit ich vor mehr als 20 Jahren die Eva-Wylie-Bände gelesen habe, bin ich von Liza Codys Romanen begeistert.

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