J. Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste

P1030809Whodunit? Es ist eine seltsame und inhomogene Gesellschaft, die sich zur Hetzjagd auf einen Hirsch auf dem Landsitz von Lord Aveling trifft. Zwölf Personen waren eingeladen, aber einer der Gäste, die mysteriöse Witwe Nadine Leveridge, schleppt noch eine dreizehnte an, die sie am Zielbahnhof aus lauter Barmherzigkeit aufsammelt, da sich dieser ebenso mysteriöse Reisende beim Sprung vom Zug verletzt hat. Als die Gruppe auf dem Landgut ankommt, sind bereits einige Gäste da, andere kommen mit späteren Zügen. Ein Maler, ein Journalist, ein Politiker, eine Krimiautorin und ein Wurstfabrikant mit Frau und Tochter versammeln sich so am Tag vor der Jagd, dazu noch einige andere, feine Leute und undurchschaubare Individuen, von denen keiner so recht weiß, warum sie eingeladen wurden. Während des Abends und in der Nacht kommt es bereits zu zunächst unerklärlichen Zwischenfällen. Am nächsten Tag kehrt ein Mitglied der Jagdgesellschaft nicht wieder lebend von der Hetzjagd auf das Gut zurück. Es war dasjenige, das als 13. Gast am Vortag eintraf und dem 13. trifft in der Regel das Unglück.

Doch bis dahin lernen wir einen Teil der Gäste ausführlich kennen. Unterschiedliche Charaktere, von denen keiner die volle Sympathie des Lesers erheischen kann. Personen, die sich gegenseitig misstrauisch beäugen. Ein verarmter Gastgeber, der für künftige Vorhaben einen Sponsoren sucht. Ein Journalist, der in Klatschspalten zynische Artikel schreibt. Die schöne Witwe, die mit ihrem Mitbringsel anbandelt. Alle scheinen eine dunkle Seite zu haben, dazu schwirren noch etliche Hausangestellte durch den Roman – und die sind auch nicht besser.

In dieser Gemengelage ist es kein Wunder, dass nicht jeder überlebt und der Autor lässt den Lesern Zeit, viel Zeit zum Spekulieren. Es ist jedoch ein sinnloses Unterfangen, das Rätsel des Whodunits frühzeitig zu lösen, und mühselig, sich zu dem Punkt zu lesen, an dem aus den Charakterisierungen der Beteiligten Motive für die verschiedenen Taten und auch den Mord sichtbar werden.

Dieser Roman, 1936 veröffentlicht und zur damals beliebten Kategorie der Landhauskrimis zählend, ist im „Goldenen Zeitalter der britschen Kriminalliteratur“ erschienen. Dorothy L. Sayers hielt Joseph Jefferson Farjeon für „unübertroffen in der gruseligen Darstellung mysteriöser Abenteuer“.

Was aber fehlt ist die dominierende Persönlichkeit unter den 13 Gästen samt Gastgeber, Personal und dem Kriminalinspektor Kendall. Es gibt keine Miss Marple oder Hercule Poirot, keinen Lord Peter Wimsey wie bei Farjeons Zeitgenossinnen Christie und Sayers, nichts Herausragendes oder besonders Erwähnenswertes. Dreizehn Gäste ist eine Story mit interessanten Charakterisierungen ohne spezielle Höhepunkte. Wie ein alkoholfreies Bier, das keinen Rausch erzeugt, so ist dieser Kriminalroman spannungsfrei und wenig anregend.

— O —

J. Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste (Originaltitel: Thirteen Guests, erschienen 1936), deutsche Übersetzung von Eike Schönfeld, veröffentlicht 2019 bei Klett-Cotta)

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