Bert Lingnau: Singende Barsche – Lustige und bewegende Kriminalfälle aus Mecklenburg und Vorpommern

Es ist schon seltsam, welche großen und kleinen Verbrechen sich im Laufe von 800 Jahren an Mecklenburgs und Vorpommerns Ostseeküste und deren Hinterland ereignet haben. Vom Hinterwäldler bis zum dänischen König reicht die Palette von Tätern und Opfern, wobei der hochherrschaftliche Dänenkönig entführt wurde und als Opfer zu gelten hat. Schlitzohrigkeit, Geldgier und Schulden aber auch persönliche „Animositäten“ waren oftmals Ausgangspunkt für kriminelle Taten.

Tragische Fälle

Einerseits erzählt Bert Lingnau von Morden, bei denen Mitleid mit dem Mörder empfunden wird, oder Opfern, die als Hexe verbrannt wurden, zudem Fälle, in denen Angeklagte verleumdet wurden und das Gericht nach dem Motto „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ urteilte. Na ja, und wie zu DDR-Zeiten Ermittlungen gegen einen mutmaßlichen Kriminellen, der nebenbei der Stasi zuarbeitete, von seinen Kumpanen vorgegangen wurde, ist vorstellbar, gehört aber auch in die zeitliche Bandbreite dieses Büchleins, ebenso wie die Tragik an der deutsch-deutschen Grenze oder dem Erschießen eines US-Spions in der DDR.

Humorvolle Anekdoten

Von den meisten der 62 Fälle wird jedoch anekdotenhaft mit einer herrlichen Prise Humor erzählt, teils auch in lokalem Platt. Von Gaunern in Person von Notar oder „ehrbarem“ Kaufmann ist zu lesen, vom Schafdieb – und selbstverständlich von familiärem Stress mit der Schwiegermutter oder zwischen Eheleuten, der nicht selten in Tötungsdelikten endete. Von amüsanten Geschichten bis solchen mit schwarzem Humor ist alles dabei, manchmal empfindet man auch Schadenfreude.

Arten der Rechtsprechung

Impliziert ist in der Gesamtheit der Geschichten die Entwicklung der Rechtsprechung. Waren es Fürsten oder Herzöge, die einst Recht sprachen, oder Kaiser und Papst, die sich in die Rechtsprechung einschalteten, reicht die Palette bis zur heutigen Art der Prozessführung. Immer wieder kam es aber auch zu Urteilen, die ohne Beweise erfolgten oder zum Verdecken von kriminellen Handlungen, indem Täter nicht verfolgt oder freigesprochen wurden. Häufig werden hierbei Ausschnitte aus Quellen der jeweiligen Zeit zum speziellen Fall zitiert – kursiv innerhalb der Geschichte gesetzt. Zudem ist am Ende des Buches ein umfangreiches Quellenverzeichnis angehängt, das allerdings nicht auf den jeweiligen Fall verweist, auf den sich die Quelle bezieht.

Regionale Aufteilung

Singende Barsche ist in vier Kapitel unterteilt, die sich auf die Regionen beziehen, in denen die Verbrechen verübt wurden: Westmecklenburg, Rostock und Umgebung, Mecklenburgische Seenplatte sowie Vorpommern. Eine Landkarte mit den Tatorten der Kriminalfälle beschließt das Buch. So ist es möglich, einzelne Orte zu besuchen, Gedenksteine zu betrachten und sich noch einmal mit der Geschichte, deren Tragik oder Komik zu beschäftigen.

Was bleibt

Die Titel gebende Story Singende Barsche und die anderen 61 Fälle sind ein interessantes Stück Zeitgeschichte und vor allem eine abwechslungsreiche, oftmals auch spannende Sammlung von auf Fakten basierenden Erzählungen aus dem Nordosten Deutschlands.

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Bert Lingnau: Singende Barsche, erschienen im Klatschmohn Verlag (2022)

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