LOUISE PENNY: HEIMLICHE FÄHRTEN – Der sechste Fall für Gamache

Der „sechste Fall für Gamache“ ist einer der interessantesten Romane der Gamache-Reihe, auch der bisher komplexeste von 14, in deutscher Übersetzung erschienen Bänden (von 17 von Louise Penny bisher publizierten).

Interessant ist der Kriminalroman deshalb, da er sich auch mit der Geschichte Québecs beschäftigt, komplex, weil Gamache einerseits hilft, den Mord an einem Hobby-Archäologe aufzuklären, andererseits der Mord an einem Eremiten (Band 5) noch einmal ausführlich behandelt wird, bei dem Oliver, der Betreiber einer Pension in Three Pine, als Mörder identifiziert und verurteilt wurde – möglicherweise zu Unrecht. Zudem spielt sich in den Köpfen von Gamache und Beauvoir ab, was während des Einsatzes geschah, den vier ihrer Kollegen nicht überlebten. Ein Ereignis, dass nicht in einem Buch der Reihe beschrieben wurde, in einigen Folgebänden jedoch immer wieder aufpoppt.

Es ist daher ratsam, zumindest den 5. Band der Reihe zu lesen, bevor mit dem 6.Fall begonnen wird.

Im Hauptstrang des Romans erzählt Louise Penny die Geschichte von der Suche nach dem Mörder von Augustin Renaud, jenem Hobby-Archäologen, der zwanghaft nach dem Grab von Québecs Gründer Samuel de Champlain sucht und über viele Jahre unauthorisierte Grabungen innerhalb der Stadt durchgeführt hat, inzwischen als Spinner galt. Er wurde im Haus der ehrwürdigen Lit and His ermordet, dem Haus der Literary and Historical Society, in deren Bibliothek Gamache in die Historie Québecs abtaucht. Der Superintendent befindet sich zur Zeit nach den Ereignissen des missglückten Einsatzes in Rekonvaleszenz, wird jedoch nach der Entdeckung des Toten von verschiedenen Seiten zur Aufklärung des Verbrechens gebeten – was er auch tut.

Die Lit and His ist der Ort im überwiegend frankophonen Québec, an dem die Tradition der englischsprachigen Minderheit ihre Sprache und Kultur pflegt.

Die Spannungen zwischen den Anglos – von den Frankophonen als Quadratschädel bezeichnet – und der Mehrheit – von den Anglos Froschfresser genannt – existieren auch über 400 Jahre nach Gründung der Stadt noch immer. Dennoch erscheint es seltsam, dass Renaud gerade an dieser Stelle nach dem Sarg des französischen Gründers der Stadt gesucht hat. Was es mit dem nie gefundenen Sarg Champlain auf sich hat, welche Interessen zum Auffinden oder Nicht-Finden von verschiedenen Seiten bestehen, befeuert die Suche nach dem Motiv. Schließlich findet Gamache mit Hilfe eines Indizes den Grund für den Mord und den Auslöser, weshalb um Champlain sich Legenden gebildet haben und einiges über Jahrhunderte vertuscht wurde. (Fein recherchiert von Louise Penny!).

Klappt man am Ende das Buch zu, ergibt sich folgendes Fazit:

  1. In Three Pines ist die Welt wieder in Ordnung
  2. Was wirklich geschehen ist beim missglückten Einsatz, weshalb Gamache die Lage falsch einschätzte, was sonst dabei noch geschah und auch verhindert werden konnte, wird Stück für Stück geklärt
  3. Selbstverständlich wird der Mord am Hobby-Archäologe aufgeklärt, wobei von der Gründung Québecs über die Schlacht britischer gegen französische Truppen auf der Abraham-Ebene um die Vorherrschaft im künftigen Kanada bis hin zu den heutigen Animositäten zwischen Anglos und Frankophonen ein zeitlich breiter Bogen gespannt wird.

Es mag nicht jedem Leser gelingen, sich durch die drei Stränge des Krimis mit Genuss zu lavieren. Wer sich jedoch die Zeit nimmt und die Art, wie Marie Louise Gamache denken und agieren lässt, kennt und mag, wird mit einer herrlichen Lektüre belohnt.

– – – O – – –

Louise Penny: Heimliche Fährten – Der sechste Fall für Gamache, erschienen im Kampa Verlag (2020), übersetzt von Sepp Leeb

Originaltitel: Bury Your Dead (USA, 2010)

– – – O – – –

Weitere Rezensionen der Armand-Gamache-Reihe auf KrimiLese:

Band 1:  Das Dorf in den roten Wäldern

Band 4: Lange Schatten

Band 5: Wenn die Blätter sich rot färben

Band 7: Bei Sonnenaufgang

Band 8: Unter dem Ahorn

Band 9: Der vermisste Weihnachtsgast

Band 10: Wo die Spuren aufhören

Band 11: Totes Laub

– – – O – – –

Links für Interessierte

Samuel de Champlain

Schlacht auf der Abraham-Ebene

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2 Antworten zu LOUISE PENNY: HEIMLICHE FÄHRTEN – Der sechste Fall für Gamache

  1. karu02 schreibt:

    Ich stimme zu, bei diesem Band habe ich viel gelernt und wurde gleichzeitig spannend unterhalten und abgelenkt von eigenen Sorgen. Mehr kann man von einer Autorin nicht erwarten.

  2. Philipp Elph schreibt:

    Einer der besten Krimis der Reihe.

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