Stephan Lucas: Täter und Opfer

In diesem Buch werden wahre Verbrechen aus dem Blickwinkel der Opfer beschrieben. Stephan Lucas‘ These ist dazu: „In allen Fällen wurde von den späteren Opfern eine rote Linie überschritten, und das Verhängnis nahm seinen Lauf.“ In meinen Augen eine nicht immer zutreffende Meinung!

Im ersten dargestellten Fall trifft sie zu: Ein Autofahrer provoziert einen anderen, von dem er dann verfolgt wird. Die Angelegenheit eskaliert so, dass der Provozierte seinem „Gegner“ irreparable Gehirnschäden schwerster Art zufügt. Hätte die Provokation nicht stattgefunden, wäre die rote Linie vom späteren Opfer nicht überschritten worden, wäre es zu diesem Fall vermutlich nicht gekommen. Ein klarer Fall, der die Lucas’sche These stützt.

In einem weiteren Fall, Missbrauch eines Kleinkindes im Kindergarten, sehe ich das Übertreten der roten Linie dagegen nicht. Den Eltern Arglosigkeit oder Sorglosigkeit vorzuwerfen, halte ich für nicht gerechtfertigt.

Kurios auch die Sicht des Autors, die er im Nachwort schildert – eine eigene Erfahrung. Auf der Suche nach seinem Auto nach einer Party, begegnet er zwei dubiosen Typen. Beim zweiten Zusammentreffen wird er von ihnen „angemacht“. Letztlich kommt es zu keiner Straftat. Lucas ist allerdings der Ansicht, er habe die rote Linie in dem Moment überschritten, in dem er nicht mehr genau wusste, wo er sein Auto geparkt hatte. Aus meiner Sicht sieht es so aus, dass der Fachanwalt für Strafrecht seine These so hingebogen hat, dass sie passend erscheinen soll.

Ausgehend von diesen Fällen überlege ich mir nun, was die Opfer, die sich unter #Me Too sehen, von dieser These halten.

Für mich ist die allgemeine Anwendung dieser Mitbeteiligung der Opfer an einer Tat durch eine aktive Initialisierung so nicht nachvollziehbar. Und ob Arglosigkeit bewirkt, eine rote Linie zu überschreiten, bezweifele ich aus Opfersicht ebenso. Aus der Sicht eines Strafverteidigers – Lucas rühmt sich, in den zurückliegenden 25 Jahren in weit mehr als 4.000 Fällen die Verteidigung übernommen zu haben und sagt: „In fast allen Fällen zeigte sich, dass die Opfer zu Beginn arglos, sorglos oder gedankenlos handelten“ – mag das so sein.

Abgesehen davon gibt Stephan Lucas tiefe Einblicke in den Ablauf von ersten Anzeichen für ein bevorstehendes Verbrechen und die Verfahren, die bei Polizei und Staatsanwaltschaft anlaufen, wenn eine Straftat dann passiert ist.

Dennoch ist das Buch wertvoll, weil es die Leserschaft sensibilisiert, rote Linien zu erkennen und ein Überschreiten zu vermeiden. So erfährt man wie Risiken, Opfer einer Straftat zu werden, minimiert werden können.

– – – O – – –

Stephan Lucas: Täter und Opfer, erschienen im Droemer Verlag (2022)

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