Jeffery Deaver: DER BÖSE HIRTE

Colter Shaw ist ein professioneller Prämienjäger, ein intelligenter Typ, der Risiken in Prozenten abcheckt, Kampfsport erprobt ist und von seinem Vater mit vielen Fähigkeiten zum Überleben mit und ohne Waffe sowie eigenen Lebensweisheiten vertraut gemacht wurde. Er unterscheidet sich von skupellosen Kopfgeldjägern. Colter ist ein Typ, der reflektiert und mit Empathie.

So kommt es, dass er bei der Suche nach zwei jungen Männern , die eines Hassverbrechens beschuldigt werden, seinen eigentlichen Job beiseite schiebt, als einer von ihnen, Adam Harper, ohne Not – der Prämienjäger hat ihn gestellt und will ihn vor einem korrupten Sheriff und dessen Scharfschützen schützen – zu einer Klippe läuft und in den Tod springt.

Es ist die Frage nach dem „Warum“, der Colter Shaw nachgeht. Sie führt zur OSIRIS – STIFTUNG. Wo das Gestern der Schlüssel zu einem besseren Heute und einem perfektem Morgen ist. Die Stiftung wirbt damit, Menschen aus ihrer Ausweglosigkeit bei Niedergeschlagenheit, Ängsten und Trauer zu helfen und das Leben auf fundamentale neue Weise mit Freude, Zufriedenheit und Sorgenfreiheit anzugehen. Es ist nicht viel, was im World Wide Web über die Organisation zu finden ist. Colter Shaw meldet sich unter einem Pseudonym zu einem teuren Kurs an, er will wissen, was Adam Harper in den Tod getrieben hat.

Schon beim Eintreffen erkennt Shaw, dass es sich bei der Stiftung um eine Sekte handelt, mit Meister Eli an der Spitze, einem Manipulator übelster Sorte, der an Charles Mason erinnert. Die Methode der Heilung ist der Mentizid, einfach ausgedrückt: Gehirnwäsche. Dazu gehören die Diskurse vom Meister persönlich, in dem er von sich und seinen Gottes gleichen Eingebungen verkündet, mit der er seinen Seminarteilnehmern und Jüngern vom ewigen Leben vorgaukelt, und dass der Tod ein Trugschluss sei.

Er erzählt vom Gestern – Heute – Morgen und Das Beste kommt noch, wird dabei frenetisch beklatscht von den Zuhörern, die die beiden Phrasen mantraartig skandierend gemeinsam dutzende Male wiederholen.

Dieses Szenario erlebt Colter Shaw, nachdem er herausgefunden hat, dass es aus dem Gelände der „Stiftung“ nahezu keine Fluchtmöglichkeit gibt und die Anlage von einer Vielzahl von Wärtern kontrolliert wird.

Shaw ist gefangen und es erweist sich als nahezu ausichtslos, das heraus zu finden, weshalb er in dieses Camp gekommen ist.

Was er dabei erlebt, entspricht über weite Teile des Buches – zumindest ab der Mitte – einem riesigen Showdown mit zahlreichen Ups und Downs, in denen der Held – so muss es wohl sein – bis an den Abgrund des Todes geht, dabei Meister Eli und seine Helfer entlarvt.

Einiges in diesem „Sektenroman“ mag klischeehaft erscheinen, andererseits wissen wir um das Treiben perverser, hochkrimineller „böser Hirten“, ihre Brutalität und Gier.

„Der böse Hirte“ ist ein Thriller voller Spannung, gut recherchiert und mit vortrefflich gestalteten Charakteren auf den Seiten des Bösen und des Guten, wobei nicht immer von Anfang zu durchschauen ist, wer wozu gehört.

Ein aufregender Plot. Und wenn „Das Beste kommt noch“ einmal lösgelöst von dem Versprechen des Meister Eli gesehen wird: Das Beste, ein weiterer Colter-Shaw-Thriller, könnte, ja sollte nach dem cliffhängerartigen Ende noch kommen.

– – – O – – –

Jeffery Deaver: DER BÖSE HIRTE, erschienen bei BLANVALET (2022), übersetzt von Thomas Haufschild

Originaltitel: The Goodbye Man (USA, 2020)

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3 Antworten zu Jeffery Deaver: DER BÖSE HIRTE

  1. Micha schreibt:

    Klingt interessant. Den Hauptprotagonisten kenne ich noch gar nicht. Leider hat die Lyncolm Rhyme Reihe für mich immer mehr an Interesse verloren. Ich fand damals, das Deaver zum Finale hin immer noch auf Kosten der Glaubwürdigkeit einen draufsetzen wollte und bin dann von ihm abgesprungen
    Richtig empfehlenswert fand ich später noch Die Tränen des Teufels, mit einem Handschriftenexperten als Protagonisten. Ist aber auch schon was her

  2. Philipp Elph schreibt:

    Hallo Micha,
    „Der böse Hirte“ ist der erste Thriller von Jeffery Deaver, den ich gelesen habe. Macht Lust auf weitere Bücher des Autors.
    Lyncolm Rhyme kenne ich nur aus der Fernsehserie, die aber mit der gedruckten Reihe wohl nicht viel zu tun hat.
    Demnächst werde ich den ersten Band der Colter-Shaw-Reihe lesen.
    Und danke für den Tipp „Die Tränen des Teufels“.

    • Micha schreibt:

      Gerne. Würde mich freuen wenn Deaver wieder zu alter Form zurück fände, Zweifel das aber ein wenig an. Ich würde echt die Sachen um die Jahrtausendwende empfehlen, habe den damaligen VÖ’s richtig entgegengefiebert. Letzter Tanz war auch klasse.
      Vielen Dank für deine tolle Seite, gefällt mir sehr. Weiter so

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