Javier Cercas: Terra Alta

Das ist die Geschichte von Melchor Marin, der auf wundersame Weise vom Kriminellen zum Polizisten mutiert. Es ist auch eine vom einem grausamen Mord an einem alten Unternehmerehepaar und zudem die Geschichte einer Rache.

Als der junge Melchor im Knast sitzt, wird seine Mutter, inzwischen eine ältliche Hure, ermordet. Nach seiner Entlassung gelingt es ihm, durch gefälschte Papiere in den Polizeidienst einzutreten. Nach einigen Jahren tötet er beim Einsatz einige islamistische Terroristen und wird zum Schutz vor deren Gesinnungsgenossen von Barcelona in die Provinz nach Terra Alta geschickt.

Dort findet er eine neue Heimat, gründet eine Familie und scheint glücklich zu sein. Nur der ungeklärte Mord an seiner Mutter macht ihm nach wie vor zu schaffen. Er will den Mord aufklären, den Mörder finden, sich letztlich für dessen Tat rächen. Ein Vorhaben, das zum Scheitern verurteilt scheint.

Doch in Terra Alta einer kleinen Verbandsgemeinde in der Provinz Tarragona, in der normalerweise nichts Bedeutendes passiert, was die Polizei fordern könnte, geschieht ein grausames Verbrechen im Haus des reichsten Unternehmers der Gegend. Der uralte Patriarch und Fimeninhaber Adell sowie dessen Frau werden ermordet, nachdem sie aufs Übelste gefoltert wurden. Zudem wird die Haushälterin erschossen aufgefunden.

Adell, ein Wohltäter seinen Mitarbeitern oder ein Despot für jene und besonders seinem Schwiegersohn gegenüber? Ein vielschichtiges Bild ergibt sich bei den Ermittlungen. Melchor versucht, sich dieses Bild zu erstellen, aber alle Ansätze führen ihn und seine Kollegen zu keinem Ergebnis – und so wird die Arbeit an diesem Fall auf Geheiß der Vorgesetzten eingestellt.

Doch genau wie im Fall des Mordes an seiner Mutter Melchor nicht aufgeben will, die Wahrheit zu erfahren, führt er auch seine Ermittlungen zu den Adll-Morden ohne Wissen der Vorgesetzten und entgegen jegliche Order fort

Was dabei herauskommt ist die Geschichte einer Rache.

Mit Olga, seiner Frau, diskutiert Melchor, ob ein falscher Böser ein echter Guter sein kann. Wie es ist, wenn die Polizei bei den Ermittlungen nicht weiter kommt, ob dann Selbstjustiz ein Mittel ist, Gerechtigkeit zu erlangen.

Javier Cercas geht in Terra Alta dieser Frage nach, erzählt dabei die Entwicklung von Melchor Marin vom Kriminellen zum Polizisten, zum nachdenklichen Ermittler mit der Selbstbeauftragung, seine eigene Familiengeschichte und die der Adells aufzuklären.

Spannend geschrieben, aber die Antwort auf die Frage nach der Legitimation für Selbstjustiz bleibt offen. Denn wie ein weiser Mann dem jungen Melchor im Gefängnis sagt: „Die eine Hälfte des Buches liefert der Autor, die andere du“.

So ist der Leser dieses Buches gefordert zu liefern. Und das ist der interessanteste Aspekt der Lektüre.

– – – O – – –

Javier Cercas: Terra Alta, erschienen bei S. Fischer (2021), übersetzt von Susanne Lange. Originaltitel: Terra Alta (Spanien, 2019)

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Eine Antwort zu Javier Cercas: Terra Alta

  1. Stefan Heidsiek schreibt:

    Einmal mehr eine schöne Besprechung! Cercas müsste ich auch mal langsam lesen. Werde dann wohl aber erstmal mit „Outlaws“ anfangen. Das subbt schon ewig hier rum. 😉

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