Franziska Franke: SHERLOCK HOLMES und das Orakel der Runen

Wie und wo hat Sherlock Holmes in der Zeit nach seinem angeblichen Tod an den Schweizer Reichbachfällen bis zu seinem neuerlichen Auftauchen gelebt, was hat er in dieser Zeit bis zu seiner „Wiederauferstehung“ durch Arthur Conan Doyle getrieben?

Einen glaubwürdigen Aufschluss darüber geben die Aufzeichnungen des englischen Buchhändlers David Tristam, die vor einiger Zeit beim Entrümpeln eines Dachbodens in Florenz gefunden wurden.

Im vorliegenden 11. Band dieser Funde stellt Franziska Franke Sherlock Holmes‘ Reise nach Norwegen vor, bei der er das Verschwinden einer Stabkirche aufklären soll. Begleitet wird er von David Tristam, der ihn dabei unterstützt und als Chronist der Ereignisse den Part übernimmt, der bei Arthur Conan Doyle Dr. John H. Watson vorbehalten ist.

So reisen die beiden Engländer – wobei Sherlock Holmes zu jener Zeit unter dem Decknamen Sven Sigerson als Amerikaner mit norwegischen Wurzeln auftritt – per Postschiff zunächst in die alte Hansestadt Bergen, von dort mit ihrem kirchlichen Auftraggeber aus dem Bistum Nidaros mit kleineren Schiffen durch immer kleiner werdende Fjorde in die Provinz Trondheim, in der in einer spärlich besiedelten Gegend die Kirche verschwunden ist.

Mysteriös ist nicht nur das Verschwinden der Holzkirche sondern auch eine darin befindliche, bisher nicht gedeutete Runeninschrift. Weder der Pastor, zu dessen Sprengel die Kirche gehörte, noch ein Dorfschullehrer, der sich recht gut mit der Runenschrift auskennt, können den Inhalt übersetzen, von dem Sherlock annimmt, dass er etwas mit dem Verschwinden der Stabkirche zu tun haben könnte. Auch eine eine beschwerliche Wanderung, noch weiter weg von den kleinen Siedlungen zu einer alten Frau, die sich mit Mystizismen auskennt und mit einem Runenorakel die Seele Sherlocks ergründen will – sehr zum Unwillen des Ermittlers – bringt keine Aufklärung, lediglich einen weiteren Tipp, wer mit dem Verschwinden der Kirche in Verbindung stehen könnte. So taucht der Gedanke auf, Anhänger heidnischer Götter könnten dafür verantwortlich sein.

Sherlock Holmes löst auch diesen Fall, der jedoch im Laufe der Ermittlungen nahezu in den Hintergrund gerät, da der Pfarrer vom Turm seiner Hauptkirche stürzt. Mord oder Suizid, das ist die Frage, ebenso die nach einer möglichen Verknüpfung des ungewöhnlichen Todesfalls mit dem Verschwinden der Kirche. Als dann noch das Archiv der Pfarre in Brand gerät und der Auftraggeber der beiden Ermittler mit einem Kopfschuss tot aufgefunden wird, hat der Chronist David Tristam erhebliche Schwierigkeiten, Erklärungen für irgendeines der Ereignisse zu finden. Sherlock Holmes dagegen läuft zur Hochform auf, verschwindet ein ums andere Mal zu Alleingängen. Und siehe da, dank seiner unermesslichen Intelligenz löst er Knoten um Knoten, dröselt Verzwicktes und Verwobenes auf. Und es ist so oft wie im wahren Leben ….. – aber das sollte in diesem Fall selbst erlesen werden.

Franziska Frankes Sherlock Holmes gibt sich große Mühe, in der Welt recht zurückhaltender und dem Meisterdetektiv gegenüber äußerst skeptischer Bewohner der abgelegenen Gegend, die Hinweise zu erkennen, die dazu führen, die verschiedenen Verbrechen aufzuklären. Ohne Rücksicht auf die Unbequemlichkeiten und Strapazen beim Reisen auf schwankenden Schiffen, ungefederten Karren oder dünnsohligem Schuhwerk auf steinigen Wegen. Der Geist Artur Conan Doyles schwebt über diesem Pastiche, hat die Autorin zu einer interessanten Handlung inspiriert, die dem genialen Helden an Spannung und Erzählweise gerecht wird. Sherlock Holmes wird diese Reise nicht vergessen, wurde er doch mit einem handgefertigten Utensil in norwegischer Tradition von der Frau ausgestattet, die für einige Ereignisse dieser Geschichte mit verantwortlich ist.

Fazit: Ein Sherlock Holmes in guter Verfassung nach seinem scheinbaren Tod an den Reichenbachfällen. Ein Chronist, der zuweilen an den Alleingängen des Meisters und schaukeligen Schiffspassagen verzweifelt. Täter, Opfer und Unbeteiligte mit schwierig zu durchschauendem Charakter. Ein Norwegen, wie es sich zu jener Zeit gezeigt hat, gut recherchiert und belegt von der Autorin. Dazu die Spannung und Vorgehensweise, die ein Sherlockianer von seinem Helden erwartet und für neugierige Krimifans, die zu intensiverer Beschäftigung mit dem Werk Arthur Conan Doyles sowie den Romanen und Geschichten seiner „Pastichecheure“, insbesondere Franziska Franke, führen können.

Franziska Franke: Sherlock Holmes und das Orakel der Runen, erschienen bei KBV (2021)

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Mehr über Franziska Franke auf der Website der Autorin: https://krimiautorin-franziska-franke.de/

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