Ein seltsamer „Maigret“! – – Georges Simenon: Maigret und die Affäre Saint-Fiacre

Während der Frühmesse zu Allerseelen wird in der Kirche von Saint-Fiacre ein Verbrechen geschehen.“.

Das Schreiben war bei der Polizei in der benachbarten Stadt eingegangen, von dort wurde es an die Direktion der Pariser Polizei gesandt, wo es schließlich auf Maigrets Schreibtisch landete.

Eine vage Nachricht, von niemanden ernst genommen. Dennoch entscheidet sich Maigret zu Allerseelen in das genannte Dorf zu fahren und die Geschehnisse bei der Frühmesse zu beobachten.

Ob es die Neugier ist , die den Kommissar dorthin treibt, oder die Verbundenheit zu Saint-Fiacre, wo er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte, der Ort im dem sein Vater Schlossverwalter war, es bleibt ungeklärt.

Zur Frühmesse trifft er auf eine alte Bekannte. Es ist die Gräfin, die er als Kind bewunderte. Nun ist sie in den 60ern, die Schönheit ist verblasst. Und Maigret erlebt, dass die Dame nach der Messe mit ihrem Messbuch in den Händen ihren Betstuhl nicht mehr lebend verlässt.

Kein Blut ist vergossen, keine Wunde zu sehen und der hinzugezogene Arzt erklärt, dass die schwer herzkranke Frau eines natürlichen Tods gestorben sei.

In Kenntnis der Ankündigung eines Verbrechens zweifelt Maigret den Befund an und findet im Messbuch der Toten schließlich ein Indiz, das offensichtlich den Tod verursacht hat. Aber wer hatte es der Gräfin in der Absicht, dass dieses den Tod herbeiführt, dort hinein lanciert? Der junge Liebhaber der Gräfin, der als ihr Privatsekretär Einblicke in das schwindende Vermögen hat und möglicherweise für den Ruin verantwortlich ist? Oder der nichtsnutzige junge Graf, der seine Mutter gerade um 40.000 Franc anbetteln wollte, um einen fälligen Kredit zu tilgen? Dann sind da auch noch der derzeitige Verwalter und dessen Sohn, letzterer ein ehemaliger Geliebter der Toten. Zudem verhält sich der Priester eigenartig.

Maigret stellt fest, dass sich vieles verändert hat, seit er vor vielen Jahren von Saint-Fiacre nach Paris zog, seit ein neuer Verwalter in sein Elternhaus einzog. Immer wieder erinnert sich der Kommissar an seine Kindheit, sein Leben im einfachen Verwalterhaus, das jetzt aufs Feinste herausgeputzt ist, während das Vermögen der Schlossherrin dramatisch geschrumpft ist.

Das Schloss – soviel steht fest – steht vor dem Ruin, aber was ist nun das eigentliche Verbrechen?

Und mit dieser Frage und dem weiteren Verhalten Maigrets beginnt in diesem Roman spätestens jetzt ein seltsamer Ablauf der Handlung: Maigret zieht sich in die passive Rolle des Beobachters zurück und verfolgt aus dieser Perspektive die Entlarvung des Verbrechens.

Für die Aufklärung sorgt der junge Graf der Arzt, Priester, Schlossverwalter und Sohn, den letzten Liebhaber der Gräfin nebst dessen Anwalt zu einem Abendessen einlädt, an dem auch Maigret teilnimmt.

Der junge Graf prophezeit, dass der Mörder Mitternacht nicht mehr erleben werde, und legt einen Revolver auf den Tisch. Während des Essens spricht er über die Motive, die der eine oder andere Gast hatte, die Gräfin zu ermorden – und dann greift eine dieser Personen zum Revolver und schießt ……..

Damit ist das Verbrechen aufgeklärt und der Verbrecher enttarnt, auch wenn er versucht hat, seine Tat einem anderen anzuhängen.

Wie bereits genannt, ein seltsamer und ungewöhnlicher Maigret-Band, weil:

  • Maigret das Verbrechen letztlich nicht aufklärt bzw. es von einer anderen Person aufklären lässt,
  • nicht aufgeklärt wird, von wem das Indiz im Messbuch stammt, das zum Tod der Gräfin geführt hat,
  • Maigret immer wieder in seine Kindheit und Erlebnisse aus jener Zeit abtaucht, der Roman quasi auf zwei zeitlichen Ebenen abläuft, einerseits Parallelen, andererseits die Unterschiede zwischen dem Damals und dem Jetzt aufzeigt,
  • es vermutlich der an Spannung ärmste Fall dieser Reihe ist.

Trotzdem:

  • ein lesenswertes Büchlein, interessant durch die Rolle, die Maigret hierin spielt.

— O —

Georges Simenon: Maigret und die Affäre von Saint-Fiacre, Übersetzung: Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung, erschienen im Kampa Verlag 2021.

Titel der Originalausgabe von 1932: L’affaire Saint-Fiacre, erstmals in deutscher Übersetzung erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (1958)

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Eine Antwort zu Ein seltsamer „Maigret“! – – Georges Simenon: Maigret und die Affäre Saint-Fiacre

  1. Stefan Heidsiek schreibt:

    Ah, Maigret geht immer!

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