James von Leyden: Die Vermissten von Tanger

Vorwort: Dies ist eine stellenweise arg konstruierte Story, jedoch ist sie es wert, erzählt und vor allem auch gelesen zu werden. Denn sie handelt von Flüchtlingen aus Ländern südlich der Sahara, die in Marokko versuchen, nach Europa zu gelangen. Mit dieser Geschichte ist das Verhalten der EU verknüpft, die afrikanische Anrainerstaaten des Mittelmeers mit Geld „unterstützen“, um den Strom der Subsahara-Afrikaner nach Europa zu stoppen. Aus den Medien kennen wir die Ereignisse am Grenzzaun bei Ceuta von der spanischen Seite. Darüber hinaus gibt es andere Methoden, afrikanische Migranten von Europa fernzuhalten. Eine besonders verachtenswerte, perfide Praktik stellt die Basis zu diesem Krimi dar.

Die Story: Bei der Ermittlung gegen chinesische Schmuggler gefälschter Medikamente verschwindet der Sonderermittler Abdou im Containerhafen von Tanger. Sein Kollege, Karim Belkacem, macht sich auf die Suche nach seinem Freund, kommt dabei auf seltsame Vorgänge mit Kriminellen und Polizisten vor Ort, bei denen Karim nicht sicher ist, ob sie mehr den Kriminellen dienen als dem Gesetz. Hilfe bekommt er von einem zwielichtigen Alten, von dem er auch nicht weiß, ob der nicht nur ihm, sondern auch anderen als Informant dient. Und letztlich kommt ihm auch noch seine Adoptivschwesterschwester zu Hilfe, die sich auf einer Polizeiakademie in der Ausbildung befindet. Auf der anderen Seite lernt Karim Josef kennen, einen Flüchtenden aus der Subsaharazone, dessen Ziel Europa ist.

Karim erlebt die marokkanische Seite des Grenzzauns zu Ceuta mit einer Aktion der marokkanischen Polizei, gemäß den Abmachungen mit der EU, die Flucht über den Zaun zu stoppen. Es sind grausame Bilder, die sich beim Lesen im Hirn des Lesers festsetzen, genau wie die Bilder, auf die zunächst Abdou bei seinen Ermittlungen gestoßen ist und dann auch Karim erleben muss.

Ein marokkanisches Sprichwort, beschreibt das Bemühen Karims trefflich, das Verschwinden seines Kollegen zu klären: „Suche nie nach Dattel auf einem Olivenbaum“. Bis allerdings die Oliven gefunden und Karim die „Ernte“ einfahren kann, dauert es.

Zurück bleibt eine nahezu unglaubliche Geschichte, die alles überbietet, was wir bisher vom Leid derjenigen kennen, die ihr Heil in der Flucht und in Europa suchen. Nimmt man den Inhalt als Fakten, so ist es James von Leyden gelungen, ein bedrückendes Bild von den Versuchen zu zeigen, die Flucht über das Mittelmeer zu verhindern.

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James von Leyden: Die Vermissten von Tanger. Erschienen bei Heyne (2021), übersetzt von Jens Plassmann

Originaltitel: Last Boat from Tangier (GB, 2020)

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