Vom Leben und Schlafen eines Todesbeschleunigers. TAHAR BEN JELLOUN: SCHLAFLOS

Schlaflos ist ein origineller Roman – und da in ihm gemordet wird, ist er vom Verlag als Kriminalroman ausgelobt worden. Das ist auch gut so. Krimifans finden hier etwas Neues und können sich mit der Frage beschäftigen, ob man mit gutem Gewissen töten kann. Denn das gelingt dem Killer, der sich nicht als solcher sondern als „Todesbeschleuniger“ sieht.

Wer ist der Todesbeschleuniger? Ein Drehbuchautor, der hier überwiegend in Marokko agiert und ein großes Problem hat: Schlaflosigkeit. Nur wenn er jemanden getötet hat, kann er einige Zeit gut schlafen. Er erkennt dieses Phänomen, nachdem er seine todkranke Mutter mit einem Kissen erstickt hat. Aber es dauert nicht lange und die Schlaflosigkeit ist zurück.

Da hilft nur eins: weiter „Schlafkreditpunkte“ sammeln, indem er zunächst das Ableben kranker Zeitgenossen beschleunigt. Dabei kann die Phase guten Schlafes nach einem Gnadenakt verlängert werden, je böser und oder krimineller das Opfer ist. So kommt es, dass sich der Protagonist spezialisiert, auf einen Henker, auf einen reichen Banker, der sein Vermögen auf brutale Weise erworben hat, und andere üble Gestalten.

Damit wird der Todesbeschleuniger auf der Suche nach Schlaf jemand, der Böses in Marokko auslöscht. Eine Moral ohne Moral.

Ob Tahar Ben Jelloun ein Zeichen setzen will, indem Schlaflos durch das Töten von Bösewichten eine politische Wende nimmt – wie Estelle Surbranche es im Nachwort formuliert -, kann jeder Leser für sich entscheiden. Klar ist jedoch, dass das Buch vor schwarzen Humor strotzt und eine Geschichte erzählt, die neu für mich ist und auch für die meisten Leser sein wird.

Eine gelungene Abwechselung zu den Standardschemata üblicher Kriminalliteratur und daher eine erfrischende Lektüre, lesenswert.

– – – O – – –

Tahar Ben Jelloun: Schlaflos, erschienen im Polar Verlag (2021), übersetzt von Christiane Kaiser, herausgegeben von Wolfgang Franßen

Originaltitel: L’insomniaque (Frankreich, 2019)

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3 Antworten zu Vom Leben und Schlafen eines Todesbeschleunigers. TAHAR BEN JELLOUN: SCHLAFLOS

  1. Stefan Heidsiek schreibt:

    Über diese Rezension freue ich mich besonders, denn ich war noch unschlüssig beim Kauf. Jetzt werde ich wohl zuschlagen. Danke!

  2. Petra Wiemann schreibt:

    Das klingt ja interessant!

  3. krimiautorenaz schreibt:

    Ein weiteres Highlight aus dem Polar Verlag.

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