Eine Leiche zum Sonnenaufgang: LOUISE PENNY – BEI SONNENAUFGANG

Nach einer Party bei Clara Morrow, die damit die Eröffnung der Einzelausstellung ihrer Gemälde in Montreals berühmten Musée d’art contemporain in ihrem Haus in Three Pines feierte, wird am Morgen danach eine Frauenleiche im Garten gefunden. Neben den wichtigsten Leuten aus dem kleinen Kaff im Québecer Land, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist, waren viele Teilnehmer der Vernissage beim kostenlosen Essen und Trinken dabei: Künstler, Galeristen, Kunsthändler, Kritiker – darunter wohl auch die Tote, die ehemalige Kunstkritikerin Lillian Dyson, einst berüchtigt für vernichtende Kritiken, übelste Verrisse, wegen denen Maler und Malerinnen an sich und ihrer Kunst zumeist so verzweifelten, dass sie nie wieder Pinsel und Farbe in die Hand nahmen. Auch Clara hatte zu Beginn ihrer Karriere eine fürchterliche Abfuhr von Lillian Dyson erhalten – zu einer Zeit, als die beiden noch engste Freundinnen waren. Clara fand damals einen anderen Weg für ihre Malerei, der jetzt zu diesem unglaublichen Erfolg führte.

Wie üblich, wenn in dieser Gegend ein Mord verübt wird, ist es die Aufgabe von Chief Inspector der Sûreté du Québec, Armand Gamache, und dessen Team, dieses Kapitalverbrechen aufzuklären. Viele der anwesenden Partygäste und auch Clara Morrow, so Gamaches erste Feststellung, könnten ein Motiv für den Mord haben. Einige der Anwesenden der Party, auf der Lillian Dyson aber offenbar gar nicht aufgetaucht ist, könnten durch einen Verriss der Kritikerin irgendwann einmal beleidigt worden sein. Das Zitat aus einer dieser Kritiken ist vielen in der Kunstszene noch in Erinnerung:

Er ist ein Naturtalent. Er bringt Kunst hervor, als wär’s ein Stoffwechselprodukt.“

Immer wieder taucht es auf in den Gesprächen, die Gamache und seine Kollegen führen. Und immer wieder wird gerätselt, wem diese Kritik galt.

Dabei lernt der Chief Inspector die Kunstszene mit ihren Hauptakteueren kennen: Galeristen und Kunsthändler auf der Jagd nach Künstlern, mit denen sie eigenes Ansehen und Reichtum steigern können, immer in der Angst lebend, ein Genie nicht zu erkennen. Künstlerinnen und Künstler, mit gewaltigen Ego und Ehrgeiz. Sie wollen Ruhm, wollen Anerkennung. Das ist ihr Problem, nicht das Talent sondern das Ego. Mittendrin Lillian Dyson als Kritikerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, andere zu vernichten.

Neben dieser Welt der malenden Zunft und ihrer möglichen Profiteure führen die Ermittlungen zu den Anonymen Alkoholiker, deren Mitglied Lilian Dyson seit einiger Zeit war, zu sonderbaren Konstellationen zwischen einzelnen Mitglieder, von denen Gamasche erfährt, wie das Verhältnis von Betroffenen zu ihren Paten ist und wer sich im Kreis der AA aufhält.

So verlagern sich die Recherche-Arbeiten von Three Pines nach Québec und Montreal, wobei auch deutlich wird, dass nur jemand, der den Weg in das kleine Dorf kennt – oder jemanden kennt, der ihn kennt – den Mord verübt haben kann,, außer Dorfbewohnern wir Clara natürlich. Das schränkt jedoch den Täterkreis nicht wesentlich ein, zumal nicht feststeht, was Lillian Dyson in bei der Party wollte.

Und so beschäftigt sich der Chief Inspector mit der Frage, ob aus einem schlechten Menschen wie der Kritikerin ein guter werden kann, oder anders: kann sich ein Mensch ändern? Kann sich jemand, der sich über das Unglück anderer freut, der dieses Unglück sogar selbst herbeigeführt hat, ändern und die Opfer ehrlich um Entschuldigung bitten? Mit dieser schwierigen Frage muss sich das Ermittlerteam beschäftigen.

Zudem muss es in der Vergangenheit graben, nach dem Künstler, der Kunst hervorbrachte, als wär’s ein Stoffwechselprodukt (vulgo: Scheiße), oder dessen Talent mit einem ähnlichen Verriss zerstört wurde.

Letztlich kann Gamache Three Pines zufrieden verlassen. Frieden kehrt in die Abgeschiedenheit der Wälder wieder ein – bis zum nächsten Mord, bei dem der Chief Inspector der Sûreté du Québec erneut auf die alten Bekannten Gabri und Oliver, Clara und Peter, Myrna und die Dichterin Ruth, treffen wird. Kurzzeitig wird die Welt in Three Pines wieder in Ordnung sein, aber der nächste Mord geschieht dort bestimmt!

Louise Pennys Setting mit Three Pines und deren inzwischen von vielen Leserinnen und Lesern liebgewonnenen Bewohnern spielt in diesem siebten Fall für Gamache nur eine untergeordnete Rolle. Die Intrigen in der Kunstszene und die Beziehungen innerhalb der Anonymen Alkoholiker sowie die Frage, ob oder wieweit sich ein Mensch ändern kann, bestimmen den Inhalt. So wird „Bei Sonnenaufgang“ nicht das Lokalkolorit bedient, ein Thema, über das inzwischen ausgiebig in der Reihe der Gamache-Fälle erzählt wurde. Diese Öffnung tut der Serie gut und erhält sie lesenswert.

– – – O – – –

Louise Penny: Bei Sonnenaufgang. Der siebte Fall für Gamache

Übersetzung: Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, erschienen im Kampa Verlag (2021)

Originaltitel: A Trick of the Light (USA, 2011)

– – – O – – –

Bereits auf KrimiLese besprochen:

Das Dorf in den roten Wäldern. Der 1. Fall für Gamache

Lange Schatten. Der 4. Fall für Gamache

Wenn die Blätter sich rot färben. Der 5. Fall für Gamache

Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.