Jürgen Heimbach: Vorboten

Ein Krimi, der gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg erzählt, in dem bereits die Vorboten auf die Ära des Nationalsozialismus in Deutschland zu erkennen sind.

Der Lehrersohn Wieland Göth kehrt aus dem 1.Weltkrieg zurück nach Rombelsheim, einem kleinen – fiktiven – Dorf irgendwo in Rheinhessen. Im Dorf herrscht Unverständnis über die Rückkehr, da Göth nie so recht Teil der Dorfgemeinschaft war. Man misstraut ihm, hält ihn für einen Spitzel der französischen Besatzer. Dabei ist der Außenseiter nur zu einem besonderen Zweck zurückgekommen. Er ist wieder da, um einen Mann zu töten.

Die Dörfler haben indes nur ein Ziel: sich von den Besatzern und deren „Negersoldaten“ zu befreien und somit Deutschland wieder erblühen zu lassen. Angeleitet werden sie vom Grafen, einem Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft. In nächtlichen Aktionen und geheimen Treffen werden Vorbereitungen getroffen, während öffentlich der Hass gegen Besatzer und Nicht-Deutsche inklusive der jüdischen Bevölkerung verbreitet wird. So wird ein Russe, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, gesucht, der Wieland Göths Schwester ermordet haben soll. Die Leiche der jungen Frau wurde nicht gefunden, der Russe jedoch zum Mörder gestempelt, auf Plakaten wird eine Belohnung zur Ergreifung des mutmaßlichen Mörders ausgelobt.

In diesem „Mikrokosmos“ von Rombelsheim mit seinen wenigen Hundert Bewohnern ist zu erkennen, worauf sich das Reich nach der Niederlage im Krieg vorbereitet. Nationales Gedankengut wird genährt durch den Hass auf alles Fremdländische, gleich ob alte Kriegsgegner, Juden oder andere. Dazu kommt der Schmach, den Friedensvertrag von Versailles ertragen zu müssen. Hunger und Armut durch Arbeitslosigkeit kommen hinzu. Das alles in der Hoffnung auf die Verbesseung der Lebensverhältnisse. Da trifft es sich gut, dass der Graf den Rombelsheimer Arbeit gibt. Seine Ideen für ein neues freies, nationales Deutschland werden so gern von der Bevölkerung aufgenommen. Dass die Rombelsheimer nur Werkzeug des Grafen sind erkennen sie nicht. Und nach Grafens Wunsch soll Wieland dieses Unternehmen unterstützen. Doch der Heimkehrer hat andere Pläne.

Die Beschreibung des dörflichen Lebens in der Provinz nach dem Krieg, in der das Leben dort nur langsam wieder in Gang kommt, nachdem viele männliche Bewohner gefallen oder schwer verletzt und traumatisiert heimgekehrt sind, vermittelt im Kleinen einen Eindruck, wie es damals der ländlichen Bevölkerung ergangen ist.

Die Sichtweise auf das „Große und Ganze“ wird dagegen vom Grafen und dessen Berater beigesteuert, in der die diversen Interessen unterschiedlicher Gruppierungen und Verbände dargestellt werden, die bereits die Gefahr erkennen lassen, in welche Richtung sich politische und gesellschaftliche Kräfte zunächst aus einem Nationalismus hin zum 3.Reich entwickeln. Die Vorboten der großen Katastrophe die zu Nationalsozialismus Holocaust und 2.Weltkrieg führten. So tritt in diesem als Kriminalroman bezeichnetem Buch der Kriminalfall in den Hintergrund.

Die Entwicklung der Vorboten – wie es zum 2.Weltkrieg kam – ist das eigentliche Thema von Jürgen Heimbachs neuestem Roman. Er behandelt damit ein Thema, was bei vielen meiner Zeitgenossen – der Nachkriegsgeneration – in der Schule nicht oder nur in geringem Umfang behandelt wurde. Ich erinnere mich, dass in meiner Gymnasialzeit in den 60ern zwar mehrmals die griechische und römische Geschichte im Unterricht ausführlich behandelt wurden. Das Geschehen der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts floss in den Geschichtsunterricht meiner Erinnerung nach dagegen nur kurz und oberflächlich ein. Nun ist es ja nicht so, dass bei mir nicht inzwischen das Wissen über jene Zeit gewachsen ist, dennoch ist dieses Buch Anlass, die Lücke zu füllen. Es würde mich freuen, wenn es Jürgen Heimbach gelingt, auch vielen anderen Lesern den Anstoß dazu zu geben.

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Jürgen Heimbach: Vorboten, erschienen im Unions-Verlag (2021), mit einem 10seitigen Nachwort des Autors über die historischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe.

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Weitere Besprechungen von Romane Jürgen Heimbachs, veröffentlicht auf dieser Seite:

Heimbach, Jürgen – Die Rote Hand (2019), ausgezeichnet mit dem Glauser-Preis 2020 als „Bester Kriminalroman des Jahres“

Heimbach, Jürgen – Offene Wunden (2016). Dieser Roman ist der letzte Teil eine Trilogie um den Kommissar Paul Koch im Mainz der Zeit nach dem 2.Weltkrieg. Unter Trümmern und Alte Feinde sind die ersten beiden Bände

Mehr über den Autor und seine Bücher auf https://www.juergen-heimbach.de/

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