Florian Schwiecker/Michael Tsokos: Die 7. Zeugin

Sonntagmorgen beim Bäcker. Ein Radfahrer kommt an. Schlägt einen scheinbar zufällig vor dem Laden stehenden Polizisten nieder, entwendet ihm die Waffe, geht in den Laden, erschießt einen Kunden, zwei weitere schießt er an, wartet, dass der Polizist wieder zu sich kommt, lässt sich ohne Gegenwehr von diesem festnehmen.

Nikloas Nölting, Vater einer kleinen Tochter und unauffälliger Sachgebietsleiter für Stadtentwicklung in Nauen, ist der Mörder, wird ins Gefängnis gebracht.

Die Frau des Mörders bittet den Strafverteidiger Rocco Eberhardt, ihren Mann zu verteidigen.

Gegenüber seinem Verteidiger schweigt Nölting, ebenso vor Gericht. Ein Motiv für die Tat ist nicht ersichtlich, sie erscheint sinnlos. „Der Killer-Beamte“ titelt die Boulevard-Presse.

Erberhardt fragt sich im Stillen: Was ist dein Geheimnis? Warum hast du das getan? Ob du es mir verrätst oder nicht, ich werde es herausbekommen. Und der clevere Rechtsanwalt findet es zusammen mit dem Rechtsmediziner Jarmer heraus. Doch zunächst werden die Zeugen vor Gericht befragt. Der erste, der zweite, bis zum sechsten. Dann tritt die 7. Zeugin auf, deren Aussage Anlass für die Wende im Prozess wird. Aufbauend auf dieser Befragung und dem Ergebnis plädiert Rocco Eberhardt dafür, seinen Klienten zu bestrafen – aber wie? Ein interessantes Urteil wird gefällt.

Das Autorenduo Florian Schwiecker und Michael Tsokos gibt hier nicht nur einen Einblick in die Psyche des Täters sowie möglichen Manipulationen bei der Stadtentwicklung. Viel bedeutender sind die Kenntnisse der beiden über die Strafprozessordnung bei solch einem Kapitalverbrechen, die sie ihren Lesern vermitteln. Dazu gehört als Höhepunkt das, was in der Rechtssprechung als Rechtsfolgelösung bezeichnet wird.

Dieser, als Justiz-Krimi bezeichnete Kriminalroman bietet alles, was das Herz eines Krimifans erfreut: Spannung durch die Suche nach dem Motiv inklusive kleinen Sidesteps ins Milieu von Clankriminalität, die Psychokomponente des Täters sowie den Ablauf des Prozesses mit den Antipoden des aufstrebenden Strafverteidigers auf der einen und dem Karriere geilen Oberstaatsanwalt auf der anderen Seite. Mögen die beiden Letztgenannten bekannte Klischees bedienen, so ist es aus eigener Erfahrung als ehemaliger Schöffe vor einem vergleichbaren Gericht durchaus möglich, auf Charaktere dieser Art zu treffen.

Schwiecker und Tsokos liefern mit Die 7. Zeugin ein interessantes, mehrschichtiges Werk, das den Untertitel Justiz-Krimi zu Recht trägt.

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Florian Schwiecker, Michael Tsokos: Die 7. Zeugin, erschienen 2021 im Knaur Verlag

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