Du sollst keinen Rauch in eine Schlangenhöhle blasen. TAYLOR BROWN: MAYBELLINE

50er Jahre, letztes Jahrhundert, Rory Docherty ist aus dem Koreakrieg heimgekehrt. Ein Bein hat er dort gelassen.

Zurück in den Appalachen im Staate N.C. „arbeitet“ er als Runner für einen Bootlegger, liefert schwarzgebrannten Whisky mit seinem dafür flott gemachten 40er Ford vom Berg mit den vielen versteckten Destillen in die Bordelle, Bars, Spelunken und an andere Kunden im Tal. Rory fährt für Eustache, der über ein Imperium illegaler Destillen und deren Betreiber herrscht, wohnt bei seiner Großmutter, einer Ex-Hure und Wunderheilerin.

Ein hartes Leben für den Kriegsveteranen, immer auf der Flucht vor Bundesagenten, ständig im Clinch mit Konkurrenten Eustaches und deren Clans. Sie wollen Rory ans Leder, mit allen Tricks und Mitteln. Gut, dass in Rorys Holzbein eine Pistole versteckt ist.

Er hat genug Probleme: Seine Mutter ist nach einem grausamen Erlebnis in der Klapse, sie spricht nicht mehr seit dem Tag. Verliebt sich im Tal in die Tochter eines seltsamen Predigers. Granny May ist gegen die Beziehung, sie hält nichts von Kirche und Gott, hat aber noch einen anderen Grund, und der rührt von dem Ereignis, das für den Zustand von Rorys Mutter verantwortlich ist. Doch statt sie diesen ihrem Enkel zu offenbaren, sammelt sie Kräuter und Wurzeln, mixt daraus Tees, Salben und andere Wundermittel, verhökert sie heute an die Frauen, deren Männer sie einst im Bett hatte.

Fernab jeglicher Idylle menschlicher Zufriedenheit aber doch in einer scheinbar beschaulichen Landschaft am Fuße des Howl Mountain lebt dieses ungleiche Paar: Granny May, die alles, was dort für sie zu erleben war, erlebt hat. Enkel Rory geprägt vom Einsatz in Korea, mit Holzbein gehandicapt, im Schritt nur noch Fetzen. Auf der Suche nach Anerkennung, Glück und einer Erklärung für das Schicksal seiner Mutter, Rachegedanken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht dazugehören zu den Bürgern in der Stadt, den Holzfällern, den Arbeiterinnen in den Textilfabriken im Tal. Es bleibt der Platz am Howl Mountain, wo Granny den Enkel vor der Wahrheit aus der Vergangenheit schützen will.

Taylor Brown erzählt die Geschichte zunächst mit der Langsamkeit einer brennenden Zündschnur in Slow Motion. Und das ist auch gut so, um das Leben von Granny Maybelline und Rory als Runner mit „abben“ Bein in seinem 40er Ford-Coupé zu verstehen. Die Welt in den Appalachen zu erfühlen, in denen Menschen von regierungsfinanzierten Banden aus ihren Häusern in den Tälern vertrieben wurden, um diese zu fluten. Doch dann beginnt die Flamme die Zündschnur in Echtzeit zu fressen und es knallt dort, wo es nicht zu erwarten ist.

Ein Roman, geprägt von Charakteren wie Rory und Granny May, dem sehr speziellen 40er Ford, von Howl Mountain und dessen Herrscher, den Menschen der Straße, die „End-of-the-Road“ heißt, illegal gebranntem Whisky, Erlebnissen aus dem Koreakrieg und einem Leben, abgekapselt vom Rest der Welt. Große Bandbreite, auf das Ende fokussiert.

Hartes Leben dort, ein Leseerlebnis hier.

– – – O – – –

Taylor Brown: Maybelline, übersetzt von Susanna Mende, herausgegeben von Jürgen Ruckh, mit einem Nachwort von Kirsten Reimers. Deutsche Erstausgabe: Polar Verlag (2021). Originaltitel: Gods of Howl Mountain (2018)

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2 Antworten zu Du sollst keinen Rauch in eine Schlangenhöhle blasen. TAYLOR BROWN: MAYBELLINE

  1. Stefan Heidsiek schreibt:

    Auch hier wieder erfolgreich den Mund wässrig gemacht. Aber das Buch wandert Ende des Monats ohnehin ins Regal. 🙂

  2. crimenoir schreibt:

    Ui, ui, noch ein genial klingender Krimi aus dem Hause Polar. Nach „Tin Men“ und „Der Bruch“ ist die Versuchung erneut groß.

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