Hallie Rubenhold: THE FIVE – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden

Dem Mann, genannt Jack the Ripper, der 1888 in London fünf Frauen ermordet haben soll, sind in Sach- und Kriminalliteratur unzählige „Denkmale“ gesetzt.

Die fünf ermordeten Frauen wurden bisher zumeist als nebensächlich erachtet, zumeist als obdachlose Prostituierte gerade einmal mit ihrem Namen erwähnt und dargestellt.

Hallie Rubenhold berichtet über das Leben dieser Frauen und die Welt in der sie lebten, recherchiert aus verschiedensten Quellen von Polizei, Gericht und der Presse.

Im Vorwort erklärt die Autorin Situation in jenem Jahr, als in London anlässlich des 50jährigen Thronjubiläums von Queen Victoria rauschende Feste gefeiert wurden und die feine Gesellschaft einen Sommer in Saus und Braus verbrachte. Auf der anderen Seite lebten in London Tausende von Obdachlosen, die am Trafalgar Square und anderen Plätzen der Stadt, in Parks oder finsteren Ecken nächtigten. Die Armen, die in verlausten Wohnheimen für eine Nacht unterkamen hatten es auch nicht besser, zudem waren die Armenhäuser überfüllt, die Bewohner zumeist schikaniert, die Bewohnerinnen noch mehr. Letztere wurden oftmals von den Aufsichtspersonen misshandelt und missbraucht.

Arbeiter, die für sich und ihre Familie ein kleines Zimmer in einem der versifften, von Schimmel befallenen Wohnhäuser in den Armenvierteln leisten konnten, waren dagegen verhältnimäßig gut dran – trotz der Kloaken, die zwischen den Häusern standen, trotz Hungern, Krankheiten und Frieren im Winter. Wer zu diesem Klientel gehörte, gehörte zu denen, die kaum von Politik, den Reichen und der Mittelschicht wahrgenommen wurde. Aber zur Mittelschicht zu gehören, bedeutete nicht, eine Garantie für lebenslangen Wohlstand zu haben. Der Verlust des Arbeitsplatzes, konnte den Beginn eine Abwärtsspirale über eine Wohnung im Armenviertel bis hin zur Obdachlosigkeit in Gang setzen, häufig verbunden mit dem Versuch, die Sorgen in Alkohol zu ertränken, was den sozialen Abstieg nur beschleunigte. Frauen, die sich von ihrem Mann getrennt hatten oder von ihm verlassen worden waren, erging es noch schlechter. Ein Teil von ihnen verdiente sich ein paar Schillinge durch Prostitution, bei weitem aber nicht alle. Trotzdem war es die einfachste Lösung, bei Morden an obdachlosen Frauen zu unterstellen, dass diese der Prostitution nachgegangen waren – so auch bei den Morden von dem Mann, der als Jack the Ripper bezeichnet wurde.

Zu einfach, diese Erklärung. So mein Fazit bereits nach dem Hauptkapitel „Polly“, in dem das Leben von Mary Ann „Polly“ Nichols, Tochter eines Schmieds, von der Geburt bis zur Ermordung beschrieben wird. Ein Werdegang, der in armen aber ehrbaren Verhältnissen begann, trotz tragischer Ereignisse in der Familie relativ konstant blieb. Pollys Geschichte zeigt sogar einen sozialen Aufstieg, indem sie, inzwischen verheiratet, in eine Art Sozialwohnung des Philanthropen Peabody umzieht. Doch dann kommt der soziale Abstieg, mehr und mehr begleitet von Alkoholkonsum. Einige Male gibt es Anzeichen, dass sich Polly doch dieser Abwärtsschraube entziehen kann, aber dann wird sie mit aufgeschlitzter Kehle gefunden.

Mit Ermordung enden 1888 auch die Leben von Annie, Elizabeth, Kate und Mary Jane, Taten einer Person, deren Identität nie geklärt wurde, auch wenn es zum Beispiel Püstow und Schachner in „Jack the Ripper – Anatomie einer Legende“ mit umfangreichen Recherchen versucht haben.

In The Five, spielt die Fragestellung „Wer war Jack the Ripper?“ keine Rolle. Hier wird der soziale Kontext der Zeit zu den Frauen und deren Möglichkeiten darin zu überleben verknüpft. Es ist eine Sichtweise, die scheinbar unabhängig von der Person des Serienmörders ist, aber doch damit in Zusammenhang zu sozialen Konflikten, der Lebenssituation in den Armenvierteln Londons und dem Frauenbild der damaligen Zeit steht.

Hallie Rubenholds umfangreiches Recherchieren, das durch die Angabe der Quellen am Ende des Buches dokumentiert wird, führt zu einem Sittengemälde eines bedrückenden Teils von London. Eine realistische Darstellung von Verhältnissen, wie sie in Romanen von Charles Dickens, der einige Jahre zuvor in ähnlichen Verhältnissen dort gelebt hat, beschrieben wurden.

In The Guardian wurde es in einem Satz zusammengefasst:

Hallie Rubenhold: THE FIVE – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden. Erschienen bei Nagel & Kimche (2020), übersetzt von Susanne Höbel

Titel der englischen Originalausgabe: THE FIVE. The untold lives of the women killed by Jack the Ripper (UK, 2019)

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3 Antworten zu Hallie Rubenhold: THE FIVE – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden

  1. karu02 schreibt:

    Von dieser Seite werden die Kriminalfälle selten beleuchtet, oder? Guck mal bitte auf die Überschrift und ganz unten auch noch, muss es nicht wurden heißen statt worden?

  2. Stefan Heidsiek schreibt:

    Das Buch ist bei mir auch ganz fest eingeplant. Kann Dir in dem Zusammenhang übrigens Pützows „Jack the Ripper“ Werk nur ans Herz legen. Meines Erachtens der beste Titel, der sich mit dem berühmten Mörder im East End befasst.

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