MARIO LIMA: DIE MAUERN VON PORTO – Ein Fall für Inspektor Fonseca

Der Ort und die Lage. In Portos Altstadt werden nach einem Brand zwei skelettierte Leichen gefunden, die jahrelang in einer Mansarde eingemauert waren. Das Haus war seit Jahren unbewohnt. Inspektor Fonseca und sein Team der Mordkommission der Polícia Judiciária ermitteln. Aber nachdem keine Personen mehr aufzufinden sind, die der Polizei Hinweise auf das Verschwinden der beiden Ermordeten – einer Frau und einem etwa dreizehnjähriges Mädchen – geben können oder wollen, werden die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Der Grund ist einfach und für Portugal spezifisch: Mord verjährt in diesem Land nach 15 Jahren und diese Morde liegen nach ersten Erkenntnissen 22 Jahre zurück.

Die, die wissen, was damals geschah, melden sich nicht. Sie haben ihre Gründe oder schweigen aus Angst. Als in diesem Umfeld ein weiterer Mord geschieht, ist es wiederum Fonsecas Gruppe, die nach dem Täter sucht und schließlich Erfolg hat.

Das Personal. Der vorliegende Kriminalroman ist der dritte Fall für Chefinspektor Fonseca, der allerdings hier weitgehend im Hintergrund bleibt, immer zur Stelle ist, wenn er die Erfahrung aus langer Polizeiarbeit, den Umgang mit Gesetz, Anwälten und Tätern einbringen kann. Neben Inspektor Pinto und der „Inspektorin im Praktikum“ Ana Christina Santos ergänzen einige andere Polizisten das Team. Neu im Team ist Teresa, genannt Tété. Sie hat sich gerade von Lissabon, wo sie im Korruptionskommissariat gearbeitet hat, nach Porto zu den Mordermittlern versetzten lassen, ist frisch geschieden, musste mit neun Jahren zusammen mit ihren Eltern als portugiesenstämmig fliehen, als das Land von Portugal 1975 in die Unabhängigkeit geschickt wurde. Tété ist auf Seite der Polizei die Hauptperson in diesem Roman.

Márcia und der ehrenwerte Senhor Cláudio sind die, die etwas wissen, aber sich nicht bei Fonseca, Tété und Co. melden. Márcia sorgt sich in der Fundação Esperança – Stiftung „Hoffnung“ – um Junkies, hat früher oft die Bewohner des Hauses besucht, in dem die Skelette gefunden wurden. Cláudio ist ihr Onkel, der hochangesehene Leiter der Stiftung, ein Mann, der zur High Society der Stadt gehört. Auch er kennt sich aus im Haus mit den Skeletten, sorgt sich um seinen exzellenten Ruf. Márcia muss dagegen diverse Ängste mit Pillen verdrängen, denn was sie weiß und noch im Laufe der Handlung erfährt, kann sie in üble Bedrängnis bringen.

Mord verjährt nach 15 Jahren – Schuld verjährt nicht. Neben der Frage nach dem „Whodunit?“ ist die Verjährung von Straftaten in Portugal ein zentrales Thema dieses Krimis. Mario Lima erzählt hier von dem für Portugal spezifischen Strafrecht, was die Verjährung von Straftaten betrifft. Danach verjährt dort ein Verbrechen nach der Zeit, die als Höchststrafmaß festgesetzt werden kann. Bei Korruption ist dieses Maß zwei Jahre. Damit verjähren solche Taten nach zwei Jahren. Und wer sich einen guten Anwalt leisten kann, der braucht eine Verurteilung nicht zu befürchten, denn ein gewiefter Verteidiger kann ein Verfahren über mehr als zwei Jahre hinziehen. Geschickt gemacht für Leute, die Geld haben. Und da die Höchststrafe für Mord 15 Jahre beträgt, ist selbstverständlich eine 22 Jahre zurückliegende Tat verjährt. So jedenfalls diesem Krimi zu entnehmen. Dass mit neuen, modernen Analysenmethoden nach noch längerer Zeit Mörder überführt und verurteilt werden können, in Portugal jedoch nicht, frustriert Fonseca und alle, die an dem Fall der skelettierten Toten arbeiten, insbesondere Tété und die gerade an der Polizeiakademie über moderne Nachweismethoden ausgebildete Ana Christina. Damit verbunden ist zu Fonsecas Leidwesen auch, dass sich eine Zweiklassengesellschaft um die Rechtssprechung herum gebildet hat: Diejenigen, die Geld haben, kommen durch ausgefuchte Anwälte davon, die Kleinen können der Strafe nicht entgehen.

Glaubwürdigkeit. In einem Interview von Leserkanone.de sagt Mario Lima: „Die Geschichte, die ich erzähle, soll glaubwürdig sein“. So liest sie sich auch. Teamarbeit ohne spektakuläre Alleingänge Einzelner bei der Polizei. Kein abenteuerlicher Showdown gegen Ende der Story. Daraus ergibt sich ein auf vielen Seiten wenig spannungsreicher Kriminalroman, der jedoch sowohl kritisch gegenüber dem Rechtssystem in Portugal ist, aber auch die teilweise Morbidität des ältesten Teils Portos dem Bairro da Sé aufzeigt, eine realistische Beschreibung des Lokalkolorits abseits der Romantik von unkritischen Reiseführern oder daraus entnommenen Beschreibungen für Regionalkrimis.

Die drei Hauptcharaktere. Besonders Tété und Márcia werden präzise charakterisiert. Bei Tété ist es die Vergangenheit mit der Flucht aus Angola und dem Leid ihrer Familie, die sich gar nicht als Portugiesen empfindet, noch nie in Portugal war. Mit einer daraus erwachsenen Empathie kann sie sich Márcia als einzige aus dem Team der Mordkommission nähern. Márcia, die tragische Figur, die zu leiden hat durch das, was sie weiß, und sich vor dem fürchtet, was ihr angetan werden kann. Der Charakter Cláudios bleibt dagegen eher blass. Der eines scheinbaren ehrenhaften Bürger Portos mit einigen Flecken auf der feinen Kleidung. Alle anderen Figuren bleiben im Hintergrund. Sie tun ihre Arbeit. Sollte es einen weiteren Fall für Fonseca ohne sie geben, würde ich sie nicht vermissen. Fonseca, der, alte Hase weiß, wie die Dinge in Portugal laufen, und so jemanden braucht die Reihe.

Fazit. Ein Kriminalroman mit Einblicken in das Porto und Portugal von heute. Angenehm zu lesen, unterhaltsam, mit interessanten Aspekten, jedoch ohne große Spannungselemente. Wenn Glaubwürdigkeit zu Lasten der Spannung geht, wünsche ich mir als hartgesottener Krimifan jedoch Stückchen weniger Glaubwürdigkeit.

– – – O – – –

Mario Lima: Die Mauern von Porto, erschienen im Wilhelm Heyne Verlag (2021), dritter Band der „Fonseca-Reihe“

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Eine Antwort zu MARIO LIMA: DIE MAUERN VON PORTO – Ein Fall für Inspektor Fonseca

  1. Stefan Heidsiek schreibt:

    Wohl kein Krimi für mich, aber dennoch gut zu wissen, dass es dort draußen auch Genrevertreter aus Portugal gibt. Das Land hat man ja in diesem Zusammenhang in der Regel eher wenig auf dem Schirm. Danke für die ausführliche, tolle Rezension!

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