Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette

Maigret und Pietr der Lette gilt bekanntlich als der erste wirkliche Maigret-Roman, der erste von 74 weiteren sowie 28 Erzählungen.

Ohne lange Vorgeschichte taucht der erste Tote auf: Pietr der Lette – oder ist er es nicht? Die Ankunft des international bekannten und gesuchten Kriminellen mit dem Étoile du Nord am Gare du Nord war der Sûreté Paris von Interpol und nationalen Polizeibehörden benachbarter Länder avisiert worden. Ein Besuch, um einen großen Deal einzufädeln.

Eine präzise Personenbeschreibung hatte der internationale Erkennungsdienst aus Kopenhagen nach Paris telegrafiert. Maigret erwartet den Kapitalverbrecher beim Eintreffen des Ètoile du Nord und sieht ihn aus dem Zug aussteigen, identifiziert ihn. Zeitgleich erfährt der Kommissar von Eisenbahnern, dass in einer Toilette des Zuges eine Leiche gefunden wurde. Maigret erkennt in ihr einen Mann, der genau so aussieht wie derjenige, der gerade den Bahnsteig als Pietr der Lette verlassen hat. Nur ist der Tote im Gegensatz zur lebenden Version schäbig gekleidet.

Das Rätselraten beginnt für den Kommissar von der Ersten Mobilen Brigade. Wer ist der „echte“ Pietr der beiden gleich aussehenden Personen, wer der andere – und somit wer hat wen ermordet?

In weiten Teilen ist der Roman ein Road Movie. Nicht im heutigen Sinne mit spektakulären Verfolgungsjagden auf der Straße, per Flugzeug oder zu Wasser. Maigret verfolgt die Spur und den „überlebenden“ Letten per Eisenbahn, fährt mit ihm gar im selben Zugabteil, läuft ihm zu Fuß in Paris hinterher. Zwar läuft es nicht nach dem Motto „Leichen pflastern seinen Weg“, jedoch tauchen, nachdem Maigret angeschossen wird und darunter im weiteren Verlauf darunter leiden muss, doch einige auf. Darunter ein Kollege Maigrets und der Geschäftspartner von Pietr.

Gegen Ende sitzt der Kommissar mit einem Verbrecher in einem Hotelzimmer und erfährt die Zusammenhänge und das Motiv für den Mord im Étoile du Nord. Am Ende noch ein Schuss und dann ist Schluss.

Simenon stellt in diesem Roman den Pfeife rauchenden, Bullerofen liebenden Kommissar vor, der schlechtes Wetter hasst – und davon gibt es in diesem Buch recht viel. Maigret ist 45 Jahre alt, groß und mächtig mit seinen imposanten Schultern. Wird er angerempelt, schwankt er ebenso wenig wie eine Mauer. Bekleidet mit einem dicken schwarzen Mantel – jedenfalls bei miesem Wetter – eine Melone auf dem Kopf und eine schlecht gebundene Krawatte. Sein Zuhause ist kleinbürgerlich mit Frau am Herd und – wichtig – Ofen im Wohnzimmer. Fixiert ist Maigret einzig und allein auf seinen Beruf, Privatleben nebensächlich. Damit ist die Grundlage für die Figur Maigrets gelegt, die im Laufe der nächsten 74 Romane nur deutlich an Gewicht zulegt, mit sich mit einer altersmäßigen Steigerung von 10 Jahren in dieser Hinsicht nur unwesentlich vom ersten Fall unterscheidet.

Bei der Ermittlung geht der Kommissar häufig intuitiv vor, mit eigenen Theorie, der vom Riss: „In jedem Übeltäter, in jedem Gauner steckt ein Mensch, doch auch und vor allem ein Spieler, ein Gegner, und er ist es, dem die Aufmerksamkeit der Polizei gilt, er ist es, den sie im Allgemeinen bekämpft.“

90 Jahre nach Erscheinen des Romans noch immer lesenswert und ein guter Einstieg in die Welt von Jules-Amédée-François Maigret.

– – – O – – –

Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette, erstmals erschienen 1931. In der vorliegenden Ausgabe des Kampa Verlags 2019 in der Übersetzung von Susanne Röckel veröffentlicht. Mit einem ausführlichen Nachwort von Tobias Gohlis

In Deutsch zuerst 1935 mit dem Titel „Nordexpress“ erschienen, 1959 mit dem Titel „Maigret und die Zwillinge“, 1978 erstmals unter dem aktuellen Titel im Diogenes Verlag

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