Der Sommer, in dem Océane 15 wurde — Éric Plamondon: TAQAWAN

Vorbemerkung: In letzter Zeit erhalte ich Information über Unterdrückung und Entrechtung indogener Völker und Missbrauch ihrer Frauen durch Weiße überwiegend aus Kriminalromanen. Kürzlich in „Am Roten Fluß“ von Marcie Rendon (erschienen bei Argument-Ariadne). Aktuell und hier beschrieben: Éric Plamondons „Taqawan“. Eine weitere Veröffentlichung ist für das Frühjahr 2021 vom Pendragon Verlag angekündigt: Frostmond von Frauke Buchholz. Offenbar bietet die Plattform „Kriminalliteratur“ eine größere Chance zur Verbreitung von Fakten zu Suppression und Entziehung von Lebensgrundlage und -raum der First Nations als andere, übliche Nachrichten oder Berichte in den Medien.

– – Ein Armutszeugnis für die üblichen Informationsquellen – –

Am Tag als Océane 15 Jahre alt wird, erlebt sie, wie Hunderte von bewaffneten Männern – überwiegend Polizisten – gegen die Indianer im Reservat vorgehen, mit grober Gewalt deren Netze für den Lachsfang konfiszieren. Lachsfang, Lebensgrundlage der Mi’gmaq. An diesem Tag wird Océane zudem von drei Polizisten der Sûreté du Québec, die an der Aktion beteiligt sind, vergewaltigt. Frei nach dem Motto:

„In Quebec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen.“

Es sind nicht nur die Verbrechen an den Indianern und dem Mädchen, von denen hier erzählt wird, passiert am Geburtstag von Océane. Éric Plamondon verknüpft die Ereignisse der Razzia vom 11. Oktober 1981 und der folgenden Tage mit der Geschichte der französischen Kolonialisierung in Nordamerika und dem Schicksal der Mi’gmaqs. Die Entwicklung von „Ureinwohnern“ Amerikas, zu „Wilden“ und schließlich zu einer der „First Nations“, der gnädigerweise ein Reservat von 40 Quadratkilometern zur Verfügung gestellt wurde, ihrer Lebensgrundlagen und den letzten Quellen ihrer Nahrungsbeschaffung, dem Lachsfang, beraubt wurde.

Nach den Vergewaltigungen wird Ocèane von einem Ex-Ranger, der nach der großen Razzia resigniert und seinen Dienst im Reservat quittiert, gefunden. Zusammen mit einem alten Indianer bringt er das Mädchen wieder auf die Beine. Océanes Geschichte endet Jahre später, als sie einen Hochschulabschluss in Jura hat. Die Geschichte der Unterdrückung indigener Völker ist damit noch lange nicht zu Ende geschrieben. Zu der Zeit erfährt die junge Frau von der Oka-Krise.

Ein minimaler Handlungsfaden erzählt die Kriminalgeschichte in dieser denkwürdigen Abhandlung über die Mi’gmags und an ihnen die Entrechtung indigener Völker.

Eine Leseempfehlung für alle Krimiliebhaber, die über den Horizont von Mord und anderer „krimineller Fiktion“ auf Bezüge zur Realität hinausblicken möchten . In diesem Fall einer, deren wir uns gar nicht so bewusst sind, die uns selten auf den Tabletts von Tagesschau, Weltspiegel, Zeitungen & Co präsentiert werden.

– – – O – – –

Éric Plamondon: Taqawan, übersetzt von Anne Thomas, erschienen im Lenos Verlag (2020), Originaltitel: Taqawan (2018)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Der Sommer, in dem Océane 15 wurde — Éric Plamondon: TAQAWAN

  1. Stefan Heidsiek schreibt:

    Jetzt hast du mich doch sehr neugierig gemacht. Habe den Titel sogleich auf den Merkzettel gepackt.

    Über „Frostmond“ habe ich die Tage erst mit Günther am Telefon gesprochen. Schon erschreckend, wie wenig diesem Thema da in der kanadischen Öffentlichkeit Beachtung gezollt wurde bzw. immer noch wird. Und du hast vollkommen Recht: Der Kriminalroman ist ein perfektes Vehikel um auch solche unbequemen Themen auf direkterem Wege in die Gesellschaft zu transportieren.

    Wünsche Dir ein schönes WE & bleib gesund
    LG aus der kriminellen Gasse
    Stefan

    • Philipp Elph schreibt:

      Lieber Stefan, danke für Deinen Kommentar.
      Immer wieder fällt mir auf, dass Kriminalliteratur bildet – in einigen Fällen zumindest, in denen die Handlung zu bestimmten Themen verortet ist. Oftmals wird auch nur ein Anstoß gegeben, sich mit der Geschichte näher zu beschäftigen – aber immerhin. Zwei Beispiele habe ich hier parat:
      Jürgen Heimbachs „Rote Hand“ ( https://krimilese.wordpress.com/2019/02/11/juergen-heimbach-die-rote-hand/), eine Anregung, sich mit der Zeit der Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens und deren Begleitumständen zu beschäftigen.
      Sowie „Totengruft“ von Susanne Kronenberg ( https://krimilese.wordpress.com/2014/07/14/susanne-kronenberg-totengruft/ ), in dem bei einem Toten das Foto von Toni Sender gefunden wird, einer Politikerin, Gewerkschaftlerin, bis 1933 Mitglied des Deutschen Reichstages, Kämpferin gegen Nationalismus und Stalinismus. Eine der ersten Frauen, die sich in dieser Zeit politisch und gesellschaftlich in so hohem Maße für eine bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Arbeiter eingesetzt, die für die Demokratie in Deutschland gekämpft hat und schließlich 1933 als Jüdin dem Naziregime gerade noch entfliehen konnte. Später hat Toni Sender bei den Vereinten Nationen weiter für Arbeiter- Frauen- und Menschenrechte gekämpft.
      Es gibt zahlreiche weiter Beispiele wie die „Aufarbeitung“ von Kriminalfällen in der DDR durch Max Annas.
      „Krimi kann bilden“ ist keine leere Floskel.

      • Stefan Heidsiek schreibt:

        Ja, das ist de facto so. Die richtig guten Krimis regen mich in der Regel immer zu Recherche an, wie das überhaupt für jegliche Literatur der Fall ist. Aktuell lese ich Kevin Majors „Caribou“ und ertappe mich dabei, mich näher in der Geschichte Neufundlands zu vertiefen. 😉 – Ein Alleinstellungsmerkmal des Spannungsromans kann dann auch noch der Lokalkolorit sein, denn wenn man wissen will, wie es um einen Gesellschaft in einem jeweiligen Land bestellt ist, welche Missstände es gibt und wie die Menschen dort überhaupt ticken, kann in der Regel ein Krimi aus dem jeweiligen Land äußerst erhellend sein. Auch weil der Cop oder Privatdetektiv eben Zugang zu allen Schichten hat. – Heimbach müsste ich eigentlich auch mal wieder lesen. Ach, man hat einfach zu viele Bücher für zu wenig Lebenszeit. 😉 – Schönen Sonntag wünsch ich Dir!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.