Ab ins Bordell oder in den Tod? – Sam Hawken: Vermisst

Marina, die siebzehnjährige Stieftochter von Witwer Jack aus Laredo (Texas), verschwindet zusammen mit ihrer Cousine Patricia nach einem Konzert im mexikanischen Nuevo Laredo. Jack, der für Marina und deren Schwester Lidia nach dem Tod seiner Frau und Mutter der Kinder liebevoll sorgt, wollte die ältere der beiden Geschwister nicht über die Grenze, nicht zum Konzert lassen.

Nuevo Laredo ist ein gefährliches Pflaster, die Stadt wird beherrscht von Drogenkartellen und korrupten Polizisten.

Die Kartelle bieten Polizisten, die sie kaufen wollen, genau zwei Optionen: plata o plomo. Silber oder Blei.“

Von Marina und ihrer Cousine verliert sich nach dem Konzert die Spur. Jack und sein mexikanischer Schwager Bernhardo, Vater Patricias, melden die Töchter als vermisst und haben Glück, dass sie dabei an einen der wenigen nicht korrumpierbaren Polizisten Gonzalo Soler geraten.

Kein ungewöhnlicher Fall für den Polizisten, schließlich verschwinden häufig Mädchen, tauchen dann in Bordellen auf – oder nie wieder.

Nur wird die gesamte Polizei inklusive Soler wegen Korrumptionsvorwürfen suspendiert und die Armee übernimmt die Aufgaben, primär aber, um das Treiben der Narcos zu unterbinden, nicht um ein paar vermisste Mädchen zu suchen.

Diese Aufgabe übernimmt Jack, heuert zur Unterstützung den suspendierten Soler an, der sich in der Stadt und im Milieu bestens auskennt. So kommen Jack und der Ex-Polizist Entführern und Hintermännern näher. Das bedeutet, dass sie in der Umgebung, in die sie geraten, mit allen Mittel kämpfen müssen.

Was kommt dabei heraus? Tote, wenig Wahrheit, wenig Erkenntnisse. Kein „Alles wird wieder gut“ nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Ein Kriminalroman, der mich zunächst sprachlos gemacht hat, beim dem ich mir überlegt habe, was in Jacks Situation getan hätte. Resignieren und die eigene Ohnmacht anerkennen oder den Jack spielen.

Sam Hawken hat mit Jack und dessen Handeln aufgezeigt, welches Chaos in Nuevo Laredo unter der Dominanz der Drogenkartelle und einer überwiegend korrupten Polizei herrscht. Dabei steht Nuevo Laredo nur als ein Beispiel für das Leben in Teilen von Mittel- und Südamerika, so wie es auch Don Winslow in seiner „Kartell-Saga“ beschrieben hat, bei Hawken jedoch aus der Sicht der Opfer. Eine düster Geschichte, großartig erzählt, mit Hassgefühlen über die Verhältnisse dort mitzuerleb/sen.

– – – O – – –

Sam Hawken: Vermisst, erschienen im Polar Verlag (2020), übersetzt von Karen Witthuhn, herausgegeben von Wolfgang Franßen. Originaltitel: Missing (2014)

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