STONEBURNER von William Gay, dem Mann, der die Gänsefüsschen mit Füßen tritt

Ein Noir mit viel direkter Rede, aber ohne Gänsefüsschen. Unkonventionelle Schreibe von einem, der das Schreiben nie studierte, aber es versteht, vom Leben zu erzählen. Das Leben ist für Vietnamveteranen, wie er einer war, mitunter beschissen. Aber auch Leute, die vor Schönheit strotzen – so eine ist Cathy Meecham – oder Ex-Sheriff Cap Holder, dessen Heldentaten in Hollywood verfilmt wurden und der lange vermögend auf der Sonnenseite des Lebens gelebt und nicht nur Cathy geliebt hat, haben so ihre Probleme.

Holders Schatz verschwindet mit einem Koffer voller 100-Dollar-Noten. Doppelter Verlust für den Ex-Sheriff, der normalerweise bekommt, was er haben will und seinen Besitz mit allen Mittel verteidigt. Bisher jedenfalls. Doch die neue Situation ist anders. So gibt er Schüffler Stoneburner den Auftrag, sich auf die Suche zu machen und ihm die Schöne und die Scheine wieder zurückzubringen. Nun sollte man wissen, dass der Privatdetektiv nicht der Burner ist, wie es sein Name vermuten lässt. Vielmehr ist er ein verbrauchter Typ, der gerade ohne großen Elan versucht, sich in der Pampa am Tennessee River eine Hütte zubauen, nachdem er von Memphis dorthin gezogen ist.

Thibodeaux hat sich Koffer und Cathy gekrallt. Ist zunächst in einer Art Road-Movie mit den beiden unterwegs, verprasst zusammen mit Cathy einen Großteil des Geldes. Ein paar Tage darf er es – und sie – genießen, nicht immer ohne Komplikationen. Jedoch einfacher als die letzten Jahre nach seiner Rückkehr aus Vietnam und ohne Perspektive auf ein normales Leben. Aber die Flucht vor Cap Holder beinhaltet auch nur eine Perspektive, die nicht glücklich macht.

Und so ist es, wie ich auf irgendeinem Sheet des Polar Verlags gelesen habe:

Allmählich verknüpfen sich die Einzelereignisse zu einem Strang, und Thibodeaux beschlich der Gedanke, dass die Sache vielleicht für ihn eine Nummer zu groß war, dass er sich auf etwas eingelassen hatte, ohne zu wissen, was.

Am Ende zieht Stoneburner weiter. Nicht in die untergehende Sonne, sondern vorbei an einem riesigen Autoschrottplatz. Irgendwann hält er an. Ich pinkelte und zündete mir eine Zigarette an. (Achtung: Denk‘ an den ersten Satz und die Gänsefüsschen). Dann kommt der letzte Satz. Der Horizont an dem sich Himmel und Highway begegneten, zog mich an, sanft, aber stetig, als wäre ich mit unsichtbaren Drähten daran gebunden, und so stieg ich in den Wagen und fuhr weiter.

Stoneburner – hard-boiled und abgestumpft – hat’s hinter sich.

Empfehlung: LESEN!

– – – O – – –

William Gay: Stoneburner, erschienen 2020 im Polar Verlag, übersetzt von Sven Koch, herausgegeben und mit einem Nachwort von Jürgen Ruckh,

Originaltitel: Stoneburner (USA 2017)

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Eine Antwort zu STONEBURNER von William Gay, dem Mann, der die Gänsefüsschen mit Füßen tritt

  1. krimiautorenaz schreibt:

    Auf den Punkt gebrachte Besprechung des posthum erschienenen Romans dieses bisher sträflich vernachlässigten Noir-Autors.

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