ELEMENTAR, MEIN LIEBER WATSON – Neue Fälle für Sherlock Holmes

Holmes-Pastiches von Autoren und Autorinnen der Gegenwart sind zwar nicht ungewöhnlich. Mit internationalen erfolgreichen wie Anthony Horowitz, Stephen King, Anne Perry und Alan Bradley sowie den bekannten deutschen Krimischriftstellern Peter Jackob und Klaus-Peter Walter jedoch etwas Besonderes.

Ob die neuen Fälle als gelungen bezeichnet werden können, hängt wesentlich davon ab, von welcher Seite Leser und Leserinnen sich der Anthologie nähern.

Liebhaber Anthony Horowitz’scher Werke, darunter auch zwei Holmes-Romane, werden begeistert sein, hier eine gelungene Geschichte von drei Einbrüchen in benachbarte Häuser lesen zu können, aus denen lediglich jeweils eine wertlose Königin Victoria-Statuette mitgenommen wurde. Sie gipfelt darin, dass der mutmaßliche Täter beim letzten Einbruch erschossen wird – bevor SH sich des Falles annimmt. Gut gemacht von Horowitz, sprachlich – möglicherweise durch die Übersetzung entstanden – teilweise gekonnt in der Diktion von Sir Arthur Ignatius Conan Doyle formuliert, dann wieder in die Trivialität gegenwärtiger deutscher Umgangssprache verfallend. Trotzdem lesenswert dank des ungewöhnlichen Verlaufs.

In Der Fall des Doktors gibt Stephen King Holmes Begleiter Watson die Gelegenheit, von einem – Watson vermutet: dem einzigen – Fall zu erzählen, den der Doktor und nicht Sherlock Holmes bei ihren gemeinsamen Ermittlungen gelöst hat. Mit dabei ist Inspektor Lestrade, der um Hilfe bei der Klärung eines Mordes bittet, bei dem es sich um ein „locked-room mystery“ zu handeln scheint. Fein gemacht vom Meister der Horror-Romane, allerdings ein Kurzkrimi, der bereits 1993 in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Ein kleines Werkstück Kings, das die düstere Stimmung im Umfeld der bevorstehenden Tat eindrucksvoll zeichnet.

Von den beiden deutschen Autoren räumt diese Anthologie mit Das Geheimnis von Compton Lodge Peter Jackob den vom Seitenumfang größeren Teil ein. Eine der spannendsten Storys darin. Sie beginnt damit, dass Watson im Fieberdelirium zu fantasieren scheint und Holmes versucht, aus den Traumfetzen seines Freundes zu ergründen, was diesen während seiner Krankheit so beschäftigte. Schwierig, denn Watson kann sich nicht an irgendetwas aus diesen Träumen erinnern, als er wieder zu Sinnen kommt. So bleibt es an Sherlock Holmes, Watson wie einen Blinden in dessen Vergangenheit und nach Compton Lodge zu führen. Hier erweist sich das deduktive Vorgehen des Detektivs als unerlässlich, wobei dies zeitweise geprägt ist von dessen Überheblichkeit gegenüber Freund und Lesern. Die Genialität bei der Schnittmengen scheinbar auseinander liegender Ereignisse von ihm erkannt und die richtigen Schlüsse gezogen werden, wird von Peter Jackob so dargestellt, wie es Sir Arthur 1887 beginnend mit A Study in Scarlet seinem Helden Sherlock Holmes angedichtet hat. Somit ein gelungener Pastiche, der neben denen von Horowitz und King in dieser Anthologie glänzt.

Bleiben noch drei Beiträge in diesem Buch:


Anne Perry ist mit einer braven Geschichte Die Mitternachtsglocke vertreten, in der es ums Erben geht. Holmes ist darin gefordert, Gut und Böse richtig zuzuordnen – und es gelingt ihm auf routinierte Weise. Wer Anne Perry Romane liebt, wird auch mit der Mitternachtsglocke zufrieden sein: solide geschrieben und den damaligen Zeitgeist treffend beschreibend.

Anders dagegen Verkleidung schadet nicht von Alan Bradley, eine Story, die sich von meisten anderen, hier versammelten unterscheidet. Wer die Bedeutung des Titels beim Lesen sogleich erfasst, wird sich im weiteren Verlauf köstlich amüsieren. Das ist das Entscheidenende daran.

Zum Schluss ein paar Zeilen zu Sherlock Holmes und der Arpaganthropos von Klaus-Peter Walter. Es ist die Geschichte, bei der von den meisten Lesern zunächst wohl gegoogelt werden muss, wer oder was sich hinter dem Begriff „Arpaganthropos“ verbirgt, der uns dann in die Welt griechischer Sagen führt. Mit großer Fantasie erzählt Walter, was Watson im griechischen Inselreich widerfährt und welcher Hilfsmittel sich Holmes bedient. Fantasy statt Crime, aber warum nicht. Holmes-Pastiches scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Es muss nicht immer nahe den liebgewonnenen Beziehungen zu den historischen Originalen erzählt werden. Und so passt sich auch dieses kleine Werk in die Reihe der unzähligen Pastiches ein, auch wenn es in dieser Anthologie aus dem Rahmen fällt.

Elementar, mein lieber Watson zeigt die Bandbreite der Möglichkeiten Zugaben zum Doyle’schen SH-Kanon zu schreiben, zeigt auch das Spektrum von Autoren und Autorinnen, die dazu beitragen.

– – – O – – –

Elementar, mein lieber Watson, zusammengestellt von Daniel Kampa, erschienen im Kampa Verlag (2020) mit einem Nachweis der Autoren und Übersetzer am Ende des Buches

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