Von der umfallenden Statue erschlagen: LANGE SCHATTEN von Louise Penny

IMG_9861Neben Chief Inspector Armand Gamache und seiner Ehefrau Reine-Marie logiert eine Großfamile im feinen Hotel „Manoir Bellechasse“ in den Wälder Quebecs.

Während die Gamaches an diesem idyllischen Ort ihren 35. Hochzeitstag geniessen wollen, scheinen sich die Mitglieder  der Finneys/Morrows-Sippe daran zu erfreuen, ihre lieben Verwandten zu beleidigen, Missverständnisse zu provozieren und sich andererseits so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Der Chief Inspector betrachtet jenes Treiben distanziert, bis ein Mitglied der Sippe unter einer neu aufgestellten, dann nachts vom Sockel gekippten Statue des verstorbenen Patriarchen zu Tode kommt.

Vorbei ist es für die Gamaches mit der geruhsamen Erholung rund um ihr Ehejubiläum. Die Spürnase beginnt mit der örtlichen Polizei sowie Mitgliedern seines Teams nach dem Mörder zu suchen. Verdächtig ist jeder des Finney/Morrow-Clans: zwei Brüder und eine Schwester der Toten, deren Ehepartner, die Mutter, der Stiefvater, möglicherweise auch Bean, Kind der einen Schwester, Nichte oder Neffe – ihre/seine Mutter hat das Geschlecht des inzwischen zehnjährigen Kindes bisher keinem verraten. Auch einige Angestellte des Hotels benehmen sich verdächtig.

Auf die Familie bezogen stellt Gamache sich die Frage „Wer profitiert von dem Tod?“, muss aber bald erkennen, dass die Frage besser heißen müsste: „Wer profitiert nicht von dem Tod?“ Das aber ist nur ein Aspekt bei der Suche nach Mörder oder Mörderin.

Das große Rätsel ist, wer die tonnenschwere Statue vom Sockel geschoben und auf die Tote gekippt hat. Denn auf dem Marmorsockel gibt es nicht einen einzigen Kratzer, der nach solch einem Kraftakt zu sehen sein müsste.

Wer diesen vierten Fall Gamaches mit höchster Aufmerksamkeit liest, erkennt „Tschechows Gewehr“ bereits als Gamasche seien ersten Espresso im Manoir trinken will. Es ist nur ein scheinbar unbedeutender Hinweis, eine kleine Zutat, die auf die richtige Fährte nach der Methode des Statue-vom-Sockel-Kippens nicht aber unbedingt zu Mörder/Mörderin führt. Auch der Chief Inspector erkennt nicht sogleich den Fingerzeig. Vielmehr sucht er das Motiv in den Wirren der Familienzwistigkeiten und Missgunst, dem Buhlen um die Gunst der Mutter, Witwe des als Statue Dargestellten. Eine Konstellation, die sich über Jahrzehnte aufgebaut und gefestigt hat. Lange Schatten aus der Vergangenheit liegen über der Familie und die Schatten der Gegenwart sind nicht geringer.

Aber vom WER zurück zum WIE: Gamache, ausgestattet mit dem Spürsinn eines Maigrets, nähert sich über das WIE dem WER. Auch wenn er dabei von fast jedem Mitglied der Familie der Toten beleidigt wird, anfangs sogar für den Mörder gehalten wird. So wie die Anwendung des Mordwerkzeugs ein in der Kriminalliteratur ein bisher einmaliges Ereignis ist, so ist die Enthüllung der Familiengeheimnisse der Morrows der wahre Schatz dieses Falles.

Zurück bleiben die „Geschenke“ des statuierten Patriarchen an seine Kinder,

für die Tochter: „In einem Schraubenladen bekommst du keine Milch“, für den Sohn:“Benutze niemals die erste Kabine in einer öffentlichen Toilette“. Den Sinn der Worte hatten sie verstanden, den Sinn des „Geschenks“ jedoch nicht.

Gut, dass Gamache im Verlauf der Geschichte „Dinge sah, die gar nicht da waren, und Worte hörte, die nicht gesprochen wurden“. Mit diesen Fähigkeiten analysiert er die Morrows und das Verhältnis der Einzelnen zueinander. Das macht Lange Schatten lesenswert. Wer hat nun die Statue vom Sockel geschubst? – ach, das ist fast nebensächlich. Das WIE ist bedeutend und es herauszufinden kein Zuckerschlecken für den Chief Inspector.

– – – O – – –

Louise Penny: Lange Schatten – Der vierte Fall für Gamache , Kampa Verlag (2020), Übersetzung von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, Originaltitel: The Murder Stone (UK, 2008)

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