Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo: Der freie Hund

IMG_9766Mit Commissario Antonio Morello weht ein frischer Wind in Venedig, fegt über die von Bunetti-Patina überzogene Stadt. Morello ist neu in der Lagunenstadt, aus Sizilien dorthin versetzt, weil er der Mafia durch eine Reihe von Verhaftungen mächtig auf die Füße getreten ist. In der Heimat der Cosa Nostra und verbrüderter  und/oder konkurrierender Familien steht er auf der Todesliste ganz oben. Zu seinem Schutz wird er nach Venedig versetzt, angeblich der schönsten Stadt der Welt.

Die Stadt, die Morello wegen der Menge an Touristen und der riesigen Kreuzfahrtschiffe, die sich durch die Lagune zwängen und die Luft verpesten, hasst. Zudem stinkt das Wasser der Kanäle, mit dem er schon am ersten Tag und vor seinem Dienstbeginn Bekanntschaft macht, als er einen Taschendieb durch einen Sprung in die trübe Brühe stellt.

Kein guter Anfang für den sizilianischen Commissario, der als neuer Leiter des Kommissariats für Gewaltverbrechen überwiegend auf Ablehnung seiner Mitarbeiter stößt. Dem einen hat er den Posten weggeschnappt, die anderen halten nichts von „Süditalienern“, sei es , dass sie an der Arbeitsmoral jener Fremden zweifeln, sei es, dass sie mutmaßen, dass der Neue irgendetwas – was auch immer – mit der Mafia zu tun hat und deshalb zwangsversetzt wurde.

Als dann der Anführer einer Gruppe junger Leute, die gegen den regen Verkehr der Kreuzfahrtschiffe protestieren ermordet wird, sind Morellos Fähigkeiten gefragt. Allerdings setzt er sie nicht im Sinne seiner Vorgesetzten ein. Zu einfach erscheint dem Commissario der Versuch von oben, den Fall im Sinne von Politik und der reichen Familie des Toten zu lösen. Die Familie profitiert vom Geschäft mit den Kreuzfahrtschiffen und Morello vermutet, dass der Arm der Cosa Nostra bis nach Venedig reicht und die Finger in einigen Geschäften stecken, die die Münder der Familie auf Sizilien füttern.

Der freie Hund“ – so wird Antonio Morello in der Presse wegen seines bissigen Vorgehens genannt – lässt sich nicht an die Kette legen und macht das, womit er sich seinen Namen verdient hat: er geht auf die Jagd nach dem wahren Täter. Nach der ursprünglichen Ablehnung durch Mitglieder seines Teams kann er nacheinander jeden von seinen Fähigkeiten überzeugen, wird letztlich anerkannt von allen.

Und sein Hass auf Venedig? Der wird ihm genommen von einer Mitbewohnerin des Hauses, einer netten Architekturstudentin, die ihn mit den Schönheiten von Venedig, mit Palladios Kirchen und den Gemälden der berühmten italienischen Maler – und auch mit ihrer eigenen – bekannt macht. Ein Seitenstrang des Romans, in dem Moretto auch erzählt, wie sich die Mafia seit Garibaldi entwickelt hat, wie sie mit der Politik Italiens verbandelt ist, sie oftmals lenkt.

Mit den Rufen der Gegner der Kreuzfahrtschiffe in Venedig „ No grandi navi!“, dem Hass des Commissarios auf die 30 Millionen ständig fotografierende und Kitsch kaufende Touristen pro Jahr in der Stadt mit den stinkenden Kanälen sieht es fast so aus wie die Fortsetzung von Donna Leons Brunetti-Romanen – wenn der freie Hund nicht wäre. Das distinguierte Umfeld des durch fast 30 Folgen inzwischen verblassten Brunettis fehlt hier völlig. Morellos Ärmel erscheinen aufgekrempelt, er kann sich nicht auf die Unterstützung der feinen venezianischen Gesellschaft setzen. Sein Helfer ist der geläuterte Taschendieb, den er an seinem ersten Arbeitstag in Venedig erwischt hat. Als der Mord am jungen Aktivistenführer und einige andere Verbrechen geklärt sind, sind 17 Tage vergangen. Commissario Antonio Morello sieht Venedig mit etwas anderen Augen als während seiner ersten Woche dort. Als Leser wünscht man sich, mehr vom freien Hund zu lesen. Und wünscht ihm, dass er das Trauma um den Verlust seiner Frau überwindet. Aber wie das so ist mit derartigen Hunden, sie sind unberechenbar, heute hier, morgen an einem anderen Ort. Und deshalb die Bitte an Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo: Erzählt mehr von Moretto- wo auch immer es sein mag.

– – – O – – –

Wolfgang Schorlau, Claudio Caiolo: Der freie Hund, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (2020)

Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.