Liza Cody: Gimme more

IMG_9801Spätestens Liza Cody hat mir vor fast 20 Jahren die Augen geöffnet und gezeigt, dass das Musikgeschäft hinter und abseits der Bühnen gar nicht glamourös ist, sondern geprägt durch wilde Geschäftsgebaren der Macher in den Plattenfirmen und anderen obskuren Beratern, Agenten sowie sonstiger Entourage, deren einziges Ziel es ist, sich auf Kosten der Stars und Sternchen inklusive Textern und Komponisten zu bereichern.

Als Gimme More im Jahr 2000 veröffentlich wurde – in Deutschland erstmals 2003 – war es genau so aktuell wie heute. Und wer sich bei den Klassikern unter den Komponisten auskennt weiß, dass die Situation vor Hunderten von Jahren wohl nicht viel anders war.

Mit der erneuten Veröffentlichung dieses Titels werden wir daran erinnert oder eingeführt in die Welt, in der Popstars et al. unmündige Marionetten einer Welt sind, für die sie zu gut, zu naiv, ihr einfach nicht gewachsen sind – die meisten jedenfalls. Es soll andererseits ja auch Bosse und Manager geben, die sich nahezu uneigennützig für Wohl und Wohlstand ihrer singenden und musizierenden Geschäftspartner einsetzen.

Faire Geschäftspartner erlebt Birdie Walker nicht. 25 Jahre nach dem Tod ihres Gatten Jack, inzwischen eine Popikone wie Elvis, ist Birdie verarmt, weil alle Rechte von Jacks Hits und ihrer Mitwirkung anderen gehören. Die Riesengewinne sind über dubiose Firmenverflechtungen in andere Kanäle geflossen. Lediglich Schulden sind übriggeblieben, Resultat von Verträgen mit denen sie und Jack ausgetrickst wurden. Und ein bisschen Ruhm der gealterten Schönheit, allerdings zweifelhafter, denn nicht ihr Teil am Erfolg von Jacks Superhits ist in Erinnerung – wird sogar angezweifelt. Heute steht sie in dem Ruf, sich zu Unrecht an den Erfolgen Jacks bereichern zu wollen. Als Hexe von den Medien dargestellt, die Jack in den Tod getrieben hat.

Nun aber wollen einige Leute aus dem Musikbusiness noch einmal dick Kohle schaufeln auf Kosten von Jack und Birdie. Das „Jubiläum“ von Jacks 25. Todestages soll ausgeschlachtet werden durch einige Projekte, die wiederum nur den alten „Freunden und Förderern“ den Profit bringen sollen. Doch dazu brauchen sie Birdie, von der sie vermuten, dass sie im Besitz von diversem Material aus alten Zeiten inklusive unveröffentlichter Titel ist.

Wie das Netzwerk um die Witwe herum gesponnen wird, wie die Spinnen versuchen, sie mit allen Mitteln anzulocken, wie Birdie wagt, der Übermacht Paroli zu bieten, das erzählt Liza Cody in diesem Roman. Dabei verknüpft sie die Erinnerungen Birdies an die Zeit mit Jack und des Glamours mit der Geschichte, wie sie gelinkt und geneppt wurden, bis in Birdies trostlose Gegenwart. Doch heute, 25 Jahre nach dem Abtreten Jacks, kämpft sie noch einmal – für sich und somit auch für Jack. Die fetten Säcke und Pfeffersäcke, oben Spinnen genannt, erkennen dabei eins nicht: die Cleverness der Witwe, die sich bis dato zur Kleinkriminellen entwickelt hat, aber es jetzt mit den Großkriminellen aufnimmt.

Die Frage zu stellen, ob die Handlung ausreicht, den Roman einen Krimi zu nennen ist müßig. Ob nun Krimi oder nicht, die Story ist genial. Einfallsreich von Liza Cody erzählt, Fiktion zumeist verdammt nahe an der Realität, und in die deutsche Sprache übertragen von Pieke Biermann, der die Übersetzung in einer bestechenden Form gelungen ist.

Es lebe Birdie und die Erinnerung an Jack!

– – – O – – –

Liza Cody: Gimme more, erschienen in der Reihe Ariadne im Argument Verlag (2020), herausgegeben von Else Laudan, übersetzt von Pieke Biermann. Pieke Biermanns Übersetzung erschien zuerst 2003 im Unionsverlag

Titel der Originalausgabe: Gimme More (2000)

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