Benjamin Whitmer: FLUCHT

IMG_9800Direktor Jugg glaubt nicht an die dritte Gnade, und wie er es sieht, ist Gefängnis schon die zweite. Als an Silvester 1968 zwölf seiner Klienten aus Old Lonesome Prison ausbrechen, ist klar, was am Ende sein wird. Das elende Kaff mit dem Knast liegt übrigens irgendwo in der Pampa am östlichen Fuß der Rocky Mountains.

Es gibt drei Sorte von Menschen dort: Knastis, Leute, die sie mit Mitteln jeder Art beaufsichtigen und disziplinieren oder es getan haben, bevor sie in Rente gingen, und ein kleiner Rest inklusive alter, abgehängter Vietnamveteranen, die aber auch von der Gnade Juggs leben wie alle in Old Lonesome. Alle, die draußen sind mit einer Knarre in Griffweite.

Wer sich wie die zwölf Ausbrecher im Schneetreiben Jugg und seiner Truppe entziehen will, hat schlechte Karten, sozusagen „Scheiße in der einen Hand und Wünsche in der anderen, schau mal, welche früher voll ist“. Wünsche, die unerfüllbar sind. Aber nicht nur für die, die es geschafft haben, aus Old Lonesome rauszukommen, die sich ein paar Knarren greifen, von Wärtern und von denen, auf die sie treffen bei ihrem Unternehmen treffen. Unerfüllte Wünsche auch bei den Jägern, die auf der Strecke bleiben oder die bei der Jagd alles verkacken wie der Fährtenleser, einem der Jäger. Der heißt Jim, ist bei Jugg in Ungnade gefallen, strampelt, um bei seinem Chef wieder ein Bein auf die Erde zu kriegen, hat zwar wenig Grips im Kopf, aber noch einen Rest an Moral. Suchtrupps ziehen mit Hunden los, um die Geflohenen tot oder lebendig zurückzubringen, pushen sich mit Dexedrin, den „Marschpilllen“ mit denen sie den Zwölf hinterherhecheln wie damals auf der Jagd nach Vietcongs – angefeuert von dem nach Babypulver stinkenden Jugg, der per Radiobotschaften seine Jungs und die Bevölkerung auf dem Laufenden hält, Teilerfolge verkündet, wenn mal wieder ein Treffer gelandet ist.

Alles geschieht unter den Augen von zwei Journalisten, die auf eine Sensationsstory aus sind, damit ihren Kopf aus der Erfolgslosigkeit und dem Hungertuch befreien wollen. Die die Jagd erleben und vor Ekel und Abscheu in den Schnee kotzen.

Die Ausbrecher, sie wollen sich der Willkür ihrer Peiniger, genannt Wärter, entziehen. Bei Jugg gibt es eigentlich nur Frieden im Old Lonesome, denn „mehr als ein Häftling hat das gelernt, während er in Handschellen die Treppen heruntergekegelt wurde“. DAS, dass es zwecklos ist eine Gang gründen zu wollen oder eine Massenvergewaltigung anzuzetteln. Und wer abhaut, der soll die Finale Lektion erhalten.

Unter ihnen ist Mopar, der einfuhr, weil er außerhalb des Knasts einen der übelsten Wärter und Fremdgeher abgeknallt hat – aus Liebe zu dessen Frau Molly. Während alle entweder auf der Jagd oder auf der Flucht sind, gibt es eine, die zu Mopar hält. Seine Cousine Dayton Horn, Außenseiterin in der Gegend. Sie will Mopars Leben retten, wo gemäß Juggs Verständnis von Recht und Ordnung es nichts zu retten gibt.

Der Ausbruch endet so, wie es zu erwarten war. Ohne den Ritt der Ausbrecher in die untergehende Sonne Colorados am Fuße der Rocky Mountains in die ewige Freiheit.

Benjamin Whitmer beschreibt das Drama aus den verschiedenen Perspektiven wie denen von Mopar, von Jim dem Fährtenleser, der Cousine Mopars, den Zeitungsleuten. Beschreibt, wie Moral auf der Strecke bleibt, und die Aussichtslosigkeit Armut, Hass und Neid, Suff, Rassismus, Vietnam-Traumata und Ungerechtigkeit in ein normales Leben umzutauschen.

Ein Noir mit jeder Menge Action, der so der Übersetzer Alf Mayer im Nachwort,“innerhalb von 15 Stunden spielt, weiter als acht Meilen kommt keiner von ihnen. Und keiner überlebt.“ Keiner der ein Dutzend Ausbrecher.

Für Freunde des Noirs und eine actionreichen Flucht.

– – – O – – –

Benjamin Whitmer: Flucht, 2020 erschienen im Polar Verlag, herausgegeben von Wolfgang Franßen, übersetzt aus dem Amerikanischen von Alf Mayer, zudem mit einem lesenswerten Nachwort von Alf Mayer zum Thema Ausbrecherromane und -filme und über das Ausbrechen an sich. Originaltitel: ESCAPE (2018)

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