Marcus Schwarz: Wenn Insekten über Leichen gehen

Halb Sachbuch, halb True Crime

IMG_9802Als forensischer Entomologe beschäftigt sich Marcus Schwarz mit Insekten auf, in und unter Leichen. Auch mit diesen kleinen Tierchen, wenn sie sich in der Umgebung einer solchen aufhalten oder sich beim Erscheinen des Wissenschaftlers vom Institut der Rechtsmedizin in Leipzig von ihrem Fress- oder Eierablageplatz davon machen. Über die Insekten und wie diese bei zur Klärung von Verbrechen beitragen sowie einiges andere, was den Entomologen so umtreibt, berichtet er in diesem Buch.

Der „Sachbuch-Teil“

Schwarz erzählt zunächst, wie er während des Studiums der Forstwissenschaften das Interesse für die Rechtsmedizin und die forensische Entomologie entdeckt hat, wie er in diesen Beruf einstieg, was diese Wissenschaftler zur Klärung natürlicher und unnatürlicher Todesfällen beitragen können. So finden wir hier die Beschreibung der Zerfallsprozesse des Leichnams, die Marcus Schwarz zunächst an einem toten Wildschwein erforschte. Das geschah weitaus weniger aufwendig als auf der berühmten Bodyfarm in Knoxville (Tennessee) aber ebenso eindrucksvoll und mit beachtlichen Ergebnissen.

Seit Simon Becketts „Die Chemie des Todes“ wissen wir: „Der menschliche Körper beginnt fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen.“ Schwarz bestätigt diese Aussage weitgehend, differenziert und korrigiert jedoch die „Erkenntnisse“ des forensischen Anthropologen David Hunter in jenem Kriminalroman. Was so alles am Fundort einer Leiche passiert – sei es chemisch, physikalisch oder durch „entomologische Prozesse“ -, was Kriminaltechniker, Ermittler und andere „Aufklärer“ dort tun, erfahren die Leser und Leserinnen, bevor Marcus Schwarz zu den Herzstücken des Sachbuch-Teils kommt.

Es sind die Kapitel „Die wunderbare Welt der Fliegen“ und „Käfer die krabbelnden Ermittler“. Darin werden die Arten verschiedener Fliegen und Käfer, die sich im Umfeld und an Leichen ansiedeln, ausführlich beschrieben. Kenntnisse der Lebensweise, den verschiedenen Stadien der Metamorphose und Fortpflanzung der verschiedenen Arten ermöglichen heute Aussagen zu treffen über Todeszeitpunkt, den Ort, an dem der Tod eingetreten ist, Fundort und noch einige Parameter, die in Verbindung mit der Todesursache stehen. Zuweilen sind diese gespickt mit anekdotenartigen, kurzweiligen Erlebnissen des Autors.

Der „True Crime-Teil“

In diesem Teil plaudert Marcus Schwarz von Fällen, an denen er bei der Ermittlung zu Liegezeit einer Leiche und der Todesart mitgewirkt hat. Zumeist sind es Storys aus Leipzig und Umgebung, die tatsächlich passiert, aber weitgehend anonymisiert sind. Dabei auch Fälle, die unter hohem medialen Interesse wie die Leipziger Stückelmorde gelöst wurden und dadurch erkennbar sind.

Dabei werden nicht nur die Erfolge des Entomologen aufgeführt. Der Autor zeigt überwiegend ein ganzheitliches Bild der Ermittlungen. Diese Darstellungen ohne die fachlichen Scheuklappen sind erfreulich, weil sie zeigen, wie viele Disziplinen für den Erfolg derartiger Ermittlungen notwendig sind.

Nun hat Marcus Schwarz vermutlich auf Grund seines jungen Alters nicht die Menge an interessanten Fällen, die ein ganzes Buch füllen könnten, und so gibt es einen dritten, nicht minder interessanten Teil. Ich nenne ihn „Zugabe“.

Die Zugabe

Nach aufregenden, spektakulären und unspektakulären „True Crime“-Fällen, wird es wieder sachlich, denn das, was im ersten Teil des Buches geschrieben ist, ist noch nicht alles, was zur forensischen Entomologie oder angrenzender Gebiete gesagt werden kann. Leichenfraß geschieht auch durch Vögel, Säugetiere, Wespen und weitere Krabbeltiere, die hier mit ihrer Mitwirkung vorgestellt werden.

Zum Schluss gibt es dann noch einen Leitfaden mit einer Checkliste für alle, die am Fundort einer Leiche oder an der Stelle, an der ein Mord geschah arbeiten. Besonders um sicherzustellen, dass der Entomologe optimale Arbeit leisten kann. Aber Marcus Schwarz ist dabei nicht so vermessen, nur andere in die Pflicht zu nehmen, Leitfaden und Liste gelten auch für ihn.

Fazit

Der noch recht junge aber bereits sehr erfahrene forensische Entomologe Marcus Schwarz hat bereits viel erlebt in seinem Beruf. Darüber berichtet er, indem er von interessanten Fällen erzählt, an denen er gearbeitet hat. Genau so bedeutend sind für Interessierte an dieser Materie Kenntnis über die Grundlagen dessen Arbeit: die Fauna, die an einer Leiche mitwirkt, und die dabei verlaufende Prozesse. Diese Grundlagen werden auf verständliche Weise und mit dem notwendigen wissenschaftlichen Ernst dargestellt.

Beide Teile werden vom Autor zu einem ausgewogenen Sach-/“True Crime“- Buch verknüpft.

– – – O – – –

Marcus Schwarz: Wenn Insekten über Leichen gehen, erschienen im Droemer Verlag (2020)

– – – O – – –

Apropos: Rothalsige Silphen, sie werden im Buch ausführlich beschrieben, diese kleinen Käfer, die sich von Kot, Aas und verfaulenden Pflanzen ernähren. In die Kriminalliteratur wurden sie 2013 von Jörg Maurer eingeführt. In Unterholz verrichten sie ihre Arbeit als „Knöcherlputzer“ an einer …… (ratet mal woran).

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Eine Antwort zu Marcus Schwarz: Wenn Insekten über Leichen gehen

  1. karu02 schreibt:

    Klingt interessant – aber nun ja, ob das gerade das richtige Thema ist.

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