Louise Penny: Das Dorf in den roten Wäldern – Der erste Fall für Gamache

 

Lage und Ermittlungsansatz

IMG_9602Ein Mord, begangen an einer ehemaligen Dorfschullehrerin Jane Neal, führt Chief Inspector Armand Gamache von der Sûreté du Québec in das kleine, von Wäldern umgebene Dorf Three Pines. Die alte Dame wurde von dem Pfeil eines Bogenschützens durchbohrt. Das geschieht zuweilen zu dieser herbstlichen Jahreszeit, in der Jäger aus der Gegend und den Städten wie Montreal und Québec ihrer Jagdleidenschaft nachgehen. Nur zweifelt Gamache daran, ob die Erklärung, es sei ein Jagdunfall gewesen, nicht zu einfach ist, zumal es zweierlei Bogenschützen und das dazu gehörige Gerät gibt: Jäger und Sportschützen. Und die Anzahl der Sportschützen vor Ort ist groß. So konzentriert sich die Ermittlung zunächst darauf, ob ein Recurve- oder ein Compoundbogen als Tatwaffe eingesetzt wurde und wie die Pfeilspitze ausgesehen haben könnte, sowie auf die Suche nach Personen, die über das betreffende Equipment verfügen, die Fähigkeit besitzen, damit umzugehen, und ein Motiv haben.

Somit fast das klassische Dreigespann von Motiv/Mittel/Gelegenheit auf der Suche nach dem Täter im Kriminalroman.

Chief Inspector Armand Gamache – Held einer neuen Krimireihe

Anders als Georges Simenons Kommissar Maigret, der die Fälle nahezu im Alleingang löst, verfügt der kanadische Chief Inspector über zwei bewährte Kollegen und eine neue, junge Mitarbeiterin, die stets im falschen Moment das Falsche tut und die Ermittlungen damit für das eingespielte Team erschwert. Ähnlich wie der ältere Maigret verfügt Gamache über einen großen Schatz an Erfahrung und Einfühlungsvermögen, gepaart mit einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, wobei für Gamache von großer Bedeutung ist, welche Entscheidungen seine Gesprächspartner treffen. Während die Ermittlungsmethoden der beiden ähnlich sind, unterscheiden sie sich jedoch erheblich in ihrem Verhalten. Mit markanten Requisiten wie Pfeife, Melone und Mantel ist der bilingualen Kanadier nicht ausgestattet, er stellt sich als Normalo dar.

Three Pines und seine Bewohner

Das kleine idyllische Dorf hat alles was es braucht und interessant macht. Es liegt abgeschieden in den kanadischen Wäldern und wer einmal dort hinkommt, lernt es schnell lieben: Das Bistro mit ein paar Zimmern zum Übernachten, geführt von einem sympathischen Schwulenpärchen, einer Buchhandlung mit einer farbigen Inhaberin, einem mäßig erfolgreichen Malerehepaar – allesamt Aussteiger aus einer hektischen, moralisierenden Welt. Hier hat die pensionierte Lehrerin in Frieden gelebt, geachtet von Generationen ehemaliger Schüler, befreundet mit den Bistrobetreibern, der Buchhändlerin und besonders der Malerin Clara. Aber auch verbunden mit der resoluten Chefin der Freiwilligen Feuerwehr und dem reichen Erben einer ehemaligen Mühle, dessen Mutter kürzlich verstorben ist. Ein Teil der Erwähnten könnten ein Motiv für den Mord haben, andere Dorfbewohner sind ebenfalls nicht unverdächtig. Und dann ist da noch die einzige Verwandte der Ermordeten, eine Nichte, Maklerin in der nahe Stadt mit nichtsnutziger Familie.

Warum wurde Jane Neal ermordet?

Die Tote war nicht nur Lehrerin in Three Pines. Sie liebte und pflegte auch ihren Garten, insbesondere die Rosen. Sie malte, aber niemand, selbst ihre besten Freunde, sahen jemals ein Bild von ihr. Auch sonst war sie sehr geheimnisvoll. Niemand hatte jemals ihr Wohnzimmer betreten. Überraschend für ihre Umgebung war es, als Jane ein Bild zu einer Ausstellung des lokalen Künstlervereins einreichte, das von der Jury zwiespältig aufgenommen und schließlich akzeptiert wurde. Aber wie könnte solch ein Bild, das den Umzug am letzten Tag des Jahrmarkts in Three Pines zeigt, Auslöser für einen Mord sein? Wo oder was ist das Motiv? Oder war es doch ein Jagdunfall. Gamache sucht mit seinem Team an allen Ecken des Dorfes, setzt sich auf eine Bank am Dorfanger – kein großer Unterschied zu einer Midsomer-Szenerie – und beobachtet, was die Bewohner für Entscheidungen treffen. Letztlich hilft ihm seine Vorgehensweise, auch wenn er den Fall nicht auf der Bank, sondern an einem anderen Platz, an dem sich Jane Neal häufig aufhielt, lösen kann. Und die Neue im Team, die mit ihren falschen Verhalten in kritischen Situationen, gibt ihm den entscheidenden Tipp.

Louise Penny, die Story und die Chief Inspector Armand Gamache Reihe

Die 1958 in Toronto geborene Journalistin hat sich seit 2005 zu einer erfolgreichen Kriminalschriftstellerin entwickelt. Inzwischen sind 14 Bände mit und um Armand Gamache erschienen, vier davon wurden bereits bei Limes und Blanvalet vor einigen Jahren veröffentlicht. Seit 2019 gibt der Kampa Verlag die Reihe heraus, von der inzwischen die ersten vier und die Bände Nr. 13 und 14 erschienen sind.

Louise Penny hat mit Armand Gamache einen interessanten Charakter entworfen, der durch Beobachtung und Deduktion Fälle, wie diesen Mord an der ehemaligen Lehrerin, unprätentiös löst. Durch geschickte Wendungen und großen Einfallsreichtum ist es Louise Penny gelungen, einen interessanten und spannungsreichen Kriminalroman zu schreiben, der angenehm zu lesen ist. Es ist kein schriller Roman mit einem dramatischen Showdown zum Schluss, vielmehr ein Krimi zum Genießen und oftmals durch subtilen Humor und Ironie auch zum Schmunzeln – eine feiner Stoff.

Eine Melange aus Inspector Barnabys Midsomer und Kommissar Maigret, angesiedelt in der kanadischen Provinz Québec.

– – – O – – –

Louise Penny: Das Dorf in den roten Wäldern – Der erste Fall für Gamache, Kampa Verlag (2019), Übersetzung von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck,

Originaltitel: Still Life (London, 2005). Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 im Limes Verlag unter dem Titel Denn alle tragen Schuld

Inzwischen sind bei Kampa bereits sechs Romane der Reihe erschienen: Hier

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6 Antworten zu Louise Penny: Das Dorf in den roten Wäldern – Der erste Fall für Gamache

  1. karu02 schreibt:

    Steht schon auf meiner Liste. Danke.

  2. die Tipperin schreibt:

    Ich bin ja irgendwo bei Fall 13 oder so eingestiegen, ohne zu wissen das es der 13.fall ist.. Und das Thema (Drogenschmuggel) war nicht so meins. Aber das Dörfchen und die Bewohner sind toll.

    • Philipp Elph schreibt:

      Ja, ich habe mir vorgenommen, chronologisch vorzugehen. Das geht zur Zeit von 1-4, danach hat der Kampa zunächst die Fälle 13 und 14 veröffentlicht. Drogenschmuggel ist m.E. nicht einzigartig, der hier besprochene Fall dagegen wie beschrieben einzigartig – so noch nicht anderswo gelesen.

      • die Tipperin schreibt:

        Das klingt gut für Fall 1! Ich hatte vom Kampa Verlag so ein süßes Paket bekommen ohne Vorwissen, und hab mich dann gleich reingestürzt.. Chronologisch ist ja fast immer besser.. Aber so richtig gestört hat es dann auch nicht.

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