Regina Nössler: Die Putzhilfe

IMG_9527Mit ihr stimmt etwas nicht“. Damit ist Franziska gemeint, die ihr anscheinend wohlsituiertes Zuhause nahe Münster und den Job als promovierte Soziologin an der Uni verlässt. Sie bricht alle Verbindungen ab, fährt nach Berlin, steigt aus ihrem bisherigen Leben aus.

Die Gründe? Zunächst unklar, dann scheinbar im Verlauf des Buches erkennbar werdend, zum Schluss doch ganz anders.

Franziska, die sich in einer versifften Wohnung in Neukölln einmietet, nennt sich fortan Marie, lebt vom Ersparten und trifft durch Zufall auf eine gutsituierte Professorenwitwe, von der sie überredet wird, in deren Haushalt als Putzhilfe zu arbeiten. Aber auch mit der „stimmt etwas nicht“. Franziska – nein, nennen wir sie Marie – findet dort eine versteckte Pistole. Und auch bei Sina, der Fastsechszehnjährigen, „stimmt etwas nicht“. Sina, von der Marie zusammengeschlagen wird, die zusammen mit ihrer Mutter, einem kleinen Bruder und Bobby in verwahrlosten Verhältnissen aufwächst. Sina, mit der sich Marie anfreundet.

Marie, die als Franziska von ihrem Mann psychisch und physisch gepeinigt wurde, Probleme mit ihren spießigen Nachbarn hatte, offensichtlich mit gutem Verhältnis zu Kolleginnen und Kollegen in der Uni, die sich eine grandiose Karriere als Wissenschaftlerin erhoffte, ist froh, Geld als Putzhilfe verdienen zu können. Die Vergangenheit ist passé, wird verdrängt – bis sie wieder eingeholt wird von ihr.

Die Frage, die sich beim Lesen stellt, ist: „Warum stimmt etwas nicht mit Franziska-Marie, der Witwe aus Dahlem und Sina, der Fastsechszehnjährigen?“

Regina Nössler führt uns zu einer Wahrheit, die die Protagonistinnen zu verdrängen suchen, die es ihnen jedoch notwendig erscheinen lässt, davor zu fliehen. Franziska mit neuer Identität nach Berlin, die Witwe im Schutz einer Pistole und Sina in eine Welt wie sie ihr gefällt.

Doch bis wir die Wahrheit erfahren, begeben wir uns als Leserinnen und Leser in Spekulationen, die sich zumeist als falsch erweisen. Wir meinen Gründe und Handlungsweisen zu verstehen, scheitern damit jedoch immer wieder. Regina Nössler zeichnet ihre Charaktere vielschichtig und ausgiebig, aber wir erkennen sie nur scheibchenweise oder bruchstückhaft. Und auch am Schluss ist nicht völlig erkennbar, ob wir alles das, was wir über die drei erfahren haben, richtig deuten.

Dieser Thriller zeigt, wie wir uns in unseren erlernten Denkmustern und Erfahrungen verfangen und irren können. Eine spannende Lektüre, die sich abhebt von den üblichen Strukturen und Abläufen dieses „Genres“.

– – – O – – –

Regina Nössler: Die Putzhilfe, erschienen im konkursbuch Verlag (2019)

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