Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

Ein schöner Titel für eine schmutzige Geschichte

IMG_9382Der Engel hat gebrannt und steckt in einer Fuge über dem schwelenden Brand eines aufgegebenen Kohlebergwerks. Ein Toter Teenager in einer verlassenen Gegend in einer Bergbauregion im westlichen Pennsylvanien. Camino Truly heisst die Tote, stammt aus einer in der Gegend bekannten, berüchtigten und zerstrittenen Familie voller Loser. Camino war die Ausnahme: hübsch, intelligent, wollte raus aus dem Milieu, abhauen, Psychologie studieren.

Ermordet von wem? Das ist die Frage, die sich die örtliche Polizeichefin, Chief Carnahan stellt, eine 50-Jährige Single-Frau, hart im Denken, flapsig im Ausdruck, zuweilen unkonventionell im Umgang mit ihren Mitmenschen und den kriminellen Klienten und deren Angehörige. Zudem gezeichnet durch die Ermordung ihrer Mutter zu einer Zeit, in der Carnahan ein junges Mädchen war. Traumatisiert auch durch ihren Vornamen, den die schönheitsbesessene Mutter ihr gab: Dove, der bekannten Haarshampoo- und Deo-Marke.

Zusammen mit ihrem Kollegen von der Kriminalpolizei, dem State Trooper Nolan, wühlt sie sich durch die verzweigte Truly-Famile, holt hier und da Informationen zusammen, sogar von ihrer eigenen Großmutter und deren Mitbewohnerinnen eines Altenheims.

Für die Trulys steht der Mörder schnell fest. Caminos Freund soll es getan haben. Und wie die Familie so agiert, erscheint Selbstjustiz als probates Mittel, den von ihnen auserkorenen Mörder zu richten. Gut, das es Chief Carnahan gibt, die diesen Plan vereitelt. Nicht, ohne einige Blessuren von ihrem Eingreifen mitzunehmen.

Letztlich findet die Polizeichefin in diesem Gemenge von Streitereien, Inzest und Verwirrungen heraus, wer für den Mord an Camino verantwortlich ist.

Chief Carnahan malt hier ein Soziogramm der Trulys, die eine Familie darstellen, wie sie kaputter nicht sein kann. Perspektivlos leben sie in einer einstmals lebendigen Gegend stolzer Coalminers, nun gibt es nichts mehr, was Wohlstand und Glück verspricht. Die Trulys sind eine Art Totholz, die dahinvegetieren, deren einziger Lebensinhalt scheint zu sein, sich gegenseitig und anderen das Leben schwer zu machen.

Dazu beschreibt Tawni O’Dell das Schicksal von Dove, ihrer Schwester und dem vom Stiefvater misshandelten Bruder, der mit seiner Vergangenheit abschließen will. Eine Geschichte, die gar nicht so weit von denen der Trulys entfernt ist.

O’Dell hat mit den Carnahans und den Trulys markante Charaktere erschaffen, von denen jeder einen großen Rucksack mit alten Erinnerungen und trüben Erlebnissen mit sich herumträgt, die Alpträume hervorrufen. Chief Carnahans Rucksack ist einer der schwersten.

Eine stimmige Story mit begeisterndem Inhalt und Handlung. Bisher einer der besten Kriminalromane des Jahres, die ich gelesen habe.

– – – O – – –

Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen. Originaltitel: Angels Burning (USA, 2016), deutsche Übersetzung von Daisy Dunkel, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag (2019)

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Eine Antwort zu Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

  1. karu02 schreibt:

    Danke für den Tipp, ich sammle für die langen dunklen Winterabende.

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