Michael Tsokos: Schwimmen Tote immer oben?

IMG_9452Dramaturgische Effekte in Filmen, zuweilen auch übermenschliche Fähigkeiten von Rechtsmedizinern in Krimis sowie Fehler führen zu falschen Annahmen der Zuschauer oder Leser. Der bekannte Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos stellt in diesem Buch 30 Irrtümer in Kapitelüberschriften als These vor, um sie dann zu widerlegen.

Der Titel dieses unterhaltsamen Sachbuchs beinhaltet bereits den ersten Irrtum: die mit Kopf nach oben schwimmende Leiche, deren Darstellung lediglich der Dramaturgie geschuldet ist. Warum Tote im Wasser mit dem Gesicht nach unten im Wasser „schwimmen“, zumeist unter Wasser, beschreibt Tsokos plausibel. Der richtige Sachverhalt ist weitgehend bekannt, zumal viele, in Seen und Bädern Ertrunkene vom Grund des Gewässers geborgen werden müssen. Anderen Irrtümern sind jedoch die meisten von uns erlegen, zum Beispiel, dass Erwürgen eine schnelle und effektive Mordmethode sei. Dank Professor Tsokos weiß ich nun, dass ich mich für eine andere Mordart entscheiden würde, wenn ich denn in die Verlegenheit käme, jemanden umzubringen. Erschießen käme in die engere Wahl. Allerdings irren die Krimifans sich, wenn sie denken, dass Rechtsmediziner Einschuss und Ausschuss einfach zu unterscheiden können und sogar das verwendete Kaliber erkennen können. Die Aufklärung derartiger Irrtümer ist äußerst interessant und zeigt, dass Rechtsmediziner nicht immer die geniale Allzweckwaffe bei der Aufklärung von Tötungsdelikten sind.

Zudem weist der Autor darauf hin, dass in der Rechtsmedizin zahlreiche Personen unterschiedliche Arbeiten verrichten und nicht – wie in Fernsehfilmen und Kriminalromanen vorgegaukelt – zum Beispiel die Mannschaft nur aus Professor Börne und Alberich besteht oder bei Simon Beckett der forensische Anthropologe David Hunter die Morde im Alleingang aufklärt. Wer das glaubt, scheint doch sehr naiv zu sein, trotzdem sind Hinweise darauf ebenso wie die Tatsache, dass Rechtsmediziner keine Universalgenies sind, wert, erwähnt zu werden.

Neben durchschaubaren Tricks der Filmemacher und Krimiautoren, plakativ und mit hohem Wiedererkennungswert vereinfachend Szenarien fern der Realität darzustellen, gibt es auch Dinge und Ereignisse, die nur wenigen bekannt sind. So schreibt Tsokos, dass eine Obduktion vollständig durchgeführt werden muss und nicht mit der Feststellung der Todesursache beendet wird. Ein Irrtum ist auch, dass ein ein verlässliches Phantombild eines mutmaßlich Tatverdächtigen auf der Basis der DNA-Analyse angefertigt werden kann. Und von dem Irrtum in Bezug auf die kataleptische Totenstarre oder den Fakt selbst, hatte ich noch nie gehört oder gelesen.

So lassen sich die Irrtümer, die hier widerlegt werden, in drei Gruppen aufteilen:

  1. Nicht der Realität entsprechende Szenen, die von (Drehbuch-)Autoren bewusst geschrieben werden, sei es um die Dramaturgie zu steigern, Handlungen zu vereinfachen oder liebgewonnene Protagonisten richtig und stets in Szene zu setzen.
  2. Irrtümer, die auf überbrachten Vorurteilen oder auf Unkenntnis beruhen,wobei gewisse Erscheinungen wie die kataleptische Totenstarre auch unter Wissenschaftlern umstritten war.
  3. Fehler, die durch Nachlässigkeit oder Unkenntnis der Berichtenden – seien es Autoren mit Fiktivem oder Journalisten mit Realem – verbreitet werden. Es ist schon übel, wenn die Pistole zum Revolver wird, Faustfeuerwaffen als Handfeuerwaffen bezeichnet werden.

Mit diesem breiten Spektrum hilft Michael Tsokos, dass wir uns beim Lesen oder Ansehen von Krimis, aber auch sonst im Leben „keinen Bären aufbinden“ lassen. Je nach Belieben können die einzelnen Kapitel unabhängig voneinander gelesen werden und so mancher „Aha-Effekt“ wird sich dabei einstellen. Für alle, die an der Arbeit der Rechtsmediziner im Fiktiven und Realen Interesse haben, ist Tsokos‘ neues Buch eine gute Ergänzung des bisherigen Wissensstands seiner Leser.

Als Fazit zitiere ich aus meiner Besprechung von Michael Tsokos‘ „Sind Tote immer leichenblass?“ Michael Tsokos‘ „Sind Tote immer leichenblass?“:

  • Die Arbeit der Rechtsmediziner unterscheidet sich erheblich von den fiktionalen Darstellungen
  • Dramaturgische Effekte und Spannungsbögen erfordern andere Handlungsabläufe als in der Rechtsmedizin ethisch, gesetzlich und praktisch üblich oder vorgeschrieben
  • Rechtsmediziner sind auch ganz normale Menschen – meistens jedenfalls.

— O —

Michael Tsokos: Schwimmen Tote immer oben?, erschienen 2019 im DROEMER VERLAG

 

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