Max Annas: Morduntersuchungskommission

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Max Annas widmet diesen Roman Manuel Diogo, einem jungen Vertragsarbeiter aus Mosambik, der zu DDR-Zeiten, 1986, von Neonazis auf eine unvorstellbare Weise ermordet wurde. Nachdem Diogo von seinen Mördern zusammengeschlagen wurde, hatten diese ihn an einen Strick gebunden und aus dem Fenster des fahrenden Zuges gehängt. Leichenteile wurde auf etlichen Kilometern neben den Gleisen gefunden.Weil im System der DDR derartig brutale Taten nach Auffassung ihrer Führer nicht stattfinden konnten, wurde der Vorfall wie circa 800 weitere rassistische Vorfälle gegen ausländische Vertragsarbeiter von den Behörden nicht verfolgt, dieser Fall nie aufgeklärt.

In Morduntersuchungskommission stellt Max Annas einen fiktiven Fall dar, der in seiner Ausführung und der „Bearbeitung“ durch die MUK dem realen sehr nahe kommt. Tenor ist, dass in der DDR bestimmte Morde nicht vorstellbar sind, einmal abgesehen davon, wenn jemand bei totalem Kontrollverlust – aber das war dann ein Einzelfall – ein Verbrechen begeht. Solch ein ungewöhnlicher Fall kann selbst in einem heilen und gut funktionierenden Staat nicht vermieden werden.

Im Roman ist es allerdings so, dass, nachdem die Ermittlung an das Ministerium für Staatssicherheit von der MUK abgetreten wurde, ein Oberleutnant der Morduntersuchungskommission daran interessiert ist, die Wahrheit herauszufinden. Was dabei im Hintergrund läuft, ist vorstellbar: er wird beobachtet. Letztlich erleidet auch Otto, so sein Name, einen Kontrollverlust.

Was will Max Annas mit dieser Geschichte erzählen, von dem wir actionreiche Krimis wie „Die Farm“ und „Die Mauer“ kennen und der mit „Finsterwalde“ ein dystopisches Szenario dargestellt hat, wie es bei bestimmter politischer Entwicklung in vorstellbar ist – eine Fiktion, die niemals Realität werden darf?

Es ist die „Aufarbeitung“ verschwiegener Verbrechen in der DDR, mehr noch allerdings ein Hinweis auf die Funktionsweise des Regimes in Bezug auf „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Ein Ansatz zur „Erinnerungskultur“, die sich ebenso wie die Aufarbeitung der weitaus größeren, zahlreicheren Verbrechen des III. Reichs erst mit jahrzehntelanger Verzögerung spärlich entwickelt.

So trägt Max Annas mit diesem Roman dazu bei, Sichtweise und Handeln eines Staates zu beschreiben, in dem seine Mitglieder nach den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral und Ethik“ stets charakterfest gute Taten für den Sozialismus vollbringen sowie sauber und anständig leben.


Morduntersuchungskommission ist somit ein historischer Roman, basierend auf einem tatsächlichen Ereignis. Somit ein Stück unserer Geschichte. Ein Roman mit einer kriminellen Handlung, ohne Effekt heischende und  Action getriebene Szenen erzählt. 

Danke, Max Annas, für diese Erinnerung.

— O —

Max Annas: Morduntersuchungskommission, erschienen im Rowohlt Verlag, 2019

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