Georges Simenon: Maigret im Haus des Richters

Was macht ein Kommissar, wenn er sieht, dass ein pensionierter Richter eine Leiche aus dem Haus schafft? Einfache Antwort: festnehmen, verhören bis der Mörder-Richter gesteht. Viel zu einfach für Maigret.

IMG_9398

Maigret, dem eine neugierige Alte von einer Leiche im Hause des Richters in dem kleinen Kaff am Atlantik berichtet, lässt sich Zeit. Raucht, isst, trinkt im Hause des Richters, plaudert mit ihm – und der Richter gesteht. Allerdings einen Mord, der 15 Jahre zurück liegt. Der alte Mord hat nur indirekt etwas mit dem neuen zu tun, wobei das Motiv zunächst völlig unklar ist, somit auch eine eindeutige Spur zu jemanden, der den zunächst Unbekannten erschlagen hat, den der Richter Richtung Atlantik verschwinden lassen möchte.

Der Tote wurde in einem nachts abgeschlossenen Teil des Hauses gefunden, in dem der Richter seine kranke Tochter einschließt, einer Nymphomanin, angeblich Schlafwandlerin, von „Anfällen“ heimgesucht. Als Maigret ihr Zimmer betritt, erkennt der Kommissar, dass ein Liebhaber das Fenster im Nebenraum als Zutritt für die Besuche der jungen Frau nutzt. Der Mann, der die Bedürfnisse der Tochter befriedigt, ist bald identifiziert jedoch verschwunden.

Auch in diesem abgelegenen Ort geht alles mit rechten Dingen zu: Gerichtsmediziner und viele Gendarmen tun ihre Arbeit, letztlich ist Maigret jedoch allein, einzig Inspektor Méjat aus der nahen Kleinstadt Luçon, in die der Kommissar vor einiger Zeit aus Paris zwangsversetzt wurde, ist bei ihm. Und ohne den üppigen Unterstützerstab, der Maigret in Paris zur Seite gestanden hätte, ist es für den Pfeifenraucher nicht einfach, den Mörder zu finden – denn wie schon erwähnt: es fehlt zunächst das Motiv. Um dieses zu erkennen, bedarf es der Fähigkeiten und der Inspiration Maigrets, oder wie er es nennt, „dieses Etwas, sich in seiner Haut wohlzufühlen“. Zu diesem Zweck bringt er den Verdächtigen ins Rathaus, in dem für die Vernehmungen ein Büro zur Verfügung gestellt wurde, allerdings nicht ohne vorher einige Speisen und alkoholischen Getränke sowie Zigaretten eingekauft zu haben. Der Verdächtige soll sich, ebenso wie der Kommissar wohlfühlen.

Im Rathaus angekommen, bietet Maigret seinem Gast zunächst eine Zigarette an, bittet ihn, zu trinken, bietet Essen an. Dann erst fragt der gewiefte Ermittler: „Was haben Sie mir zu erzählen?“ Simenon beschreibt die Situation mit den Worten „So wurde das Liedchen angestimmt, wie am Quai des Orfèvres (Anmerkung: Maigrets ehemaliger Arbeitsplatz in Paris) sagte“. Dieses „Liedchen“ wird geschickt von Maigret gesungen und dirigiert, bis er im Abgesang – oder sollte ich es das „Große Finale“ bezeichnen – den Mörder des Toten im Haus des Richters identifiziert und die anderen Verdächtigen so entlasten kann, dass es für ein Pärchen noch zu einem Happyend kommt. Eine große Oper mit leisen Tönen und einem Maigret, der seine Partitur hervorragend beherrscht. Ein feines Stück Kriminalliteratur, fast 80 Jahre alt und immer noch ein Lesegenuss.

— O —

Georges Simenon: Maigret im Haus des Richters (In der Übersetzung von Thomas Bodmer 2019 in der Reihe Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag erschienen), Original: La Maison de juge (Frankreich, 1942)

Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Georges Simenon: Maigret im Haus des Richters

  1. krimiautorenaz schreibt:

    Glänzend übersetzt durch den langjährigen Diogenes- und Haffmans-Lektor.

  2. Pingback: Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet | KrimiLese

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.