Simon Beckett: Die ewigen Toten

P1030775Mit den ersten Seiten beginnt mein Spekulieren, wer denn Mörder oder Mörderin ist. Der mit den verstörenden eisblauen Porzellanaugen? Der junge Mann mit Kapuze, der immer irgendwo auftaucht? Oder der schnöselige arrogante junge Taphonom? Vielleicht auch die alte Krankenschwester, die daheim ihren nicht mehr ansprechbaren Sohn pflegt? Oder doch noch eine andere Person aus dem näheren Umfeld des forensischen Anthropologen Dr. David Hunter?

Beim 6. Fall Hunters ist die Spekulation bereits zur Routine geworden. Neu ist das Setting: Das St. Jude im Norden Londons, ein Lost Place, ein vor Jahren geschlossenes Krankenhaus, eine Ruine, in dem nur noch Drogendealer und ihre Kunden verkehren. Kurz bevor der riesige Krankenhauskomplex abgerissen werden soll, wird auf einem düsteren Dachboden eine mumifizierte weibliche Leiche gefunden. Ein gruseliger Fund mit aufgerissener Bauchdecke, darin das Skelett eines Fötus. Bei der Begehung des Auffindeorts bricht ein Rechtsmediziner durch den morschen Fußboden und stürzt in einen zugemauerten Raum, in dem zwei weitere Leichen liegen. Das ist das Ausgangsszenario, in dem Hunter sich bewegt, der allerdings sich nur mit der Mumie und ihrem Fötus beschäftigen darf, während die beiden anderen Toten einem Taphonom zugeteilt werden. Danach erleben wir Hunter wie er sich seiner Arbeit widmet und Erkenntnisse zu Zeitpunkt des Todes und dessen Art gewinnt.

Es ist der Griff in die forensisch-anthropologische Mottenkiste. Altbekanntes was wir aus True Crime Storys von Michael Tsokos oder Mark Benecke kennen und ebenso aus vorhergehenden Romanen mit unserem Helden – auch die spontane menschliche Selbstentzündung, der Dochteffekt (aus dem 2. David-Hunter-Krimi Kalte Asche), wird noch einmal kurz angesprochen -, wird ein weiteres Mal erzählt.

Doch neben diesen populärwissenschaftlichen Strang erlebt Hunter im Umfeld die Dinge, die die Handlung Lösung vorantreiben. Die Suche nach dem Motiv für die Morde und der Mittel, die dabei eingesetzt wurden, führen unseren Helden auf den richtigen Weg. Dabei wird er mit einem dieser Mittel konfrontiert, gerät – wiederum kein Novum in den Thrillern dieser Reihe – in höchste Gefahr.

Dass seine alte Bedrohung Grace ein weiteres Mal auftaucht, sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Aber da ist ja noch Rachel, seine neue Liebe. Letztere sei Hunter gegönnt, muss er sich am Ende noch mit einem Überlebensschuld-Syndrom herumschlagen.

So möchte man Hunter zurufen „Schuster bleib bei Deinen Leisten“ oder im Klartext „Hunter bleib bei deinen Knochen, Gewebe und den Verwesungsprozessen“. Andererseits wäre das dann keinen Thriller von Simon Beckett wert. Das wäre jedoch schade, denn irgendwann wird es auch im 6. Fall für Dr. David Hunter spannend.

Zudem gibt es einen forensischen und medizinischen Erkenntnisgewinn, denn zuvor kannte ich Begriffe wie Taphonomie und Stasis nicht. Danke Dr. Hunter – oder Simon Beckett – für diese Lektionen.

Trotz aller Nörgelei wie „aus der forensisch-anthropologische Mottenkiste“ etc.: Ich habe diesen Thriller gern gelesen.

— O —

Simon Beckett: Die ewigen Toten, erschienen bei Wunderlich, 2019, Übersetzung: Karen Wiihuhn und Sabine Längsfeld, Originaltitel: The Scent of Death ( UK, 2019)

— O—

Die David-Hunter-Reihe:

  1. Die Chemie des Todes

  2. Kalte Asche

  3. Leichenblässe

  4. Verwesung

  5. Totenfang

  6.  Die ewigen Toten

Andere Bücher von Simon Beckett sh. unter Rezensionen

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