Gary Victor: Im Namen des Katers

p1030765Wer den haitianischen Inspektor Dieuswalwe Azèmar bereits aus einem der drei zuvor erschienenen Kriminalromane kennt, weiß es: Der Inspektor trinkt literweise aromatisierten Zuckerrohrschnaps namens Soro, holt sich ab und zu mal eine Nutte ins Bett, hat es auch mal mit der Frau des Vorgesetzten getrieben. Ständig steht er kurz vor dem Rauswurf aus dem Polizeidienst. Zwar ist er der beste Polizist des Landes, richtet aber auch Gangster, die in dem korrupten Land von jedem korrumpierbaren Richter freigesprochen würden, vorzugsweise durch Kopfschuss. Nachzuweisen sind ihm die Hinrichtungen nicht so recht. Und deshalb überlebt er im Job.  Abgesehen von einigen Nuancen wie den Verhältnissen in Haiti, mit denen Dieuswalwe Azémar leben muss, würde er sich nicht wesentlich von anderen kaputten Cops der Kriminalliteratur-Szene unterscheiden, wenn da nicht seine Nähe zu den Voodoo-Geistern, den bösen wie den Schutzgeistern, Hexern und Voodoopriestern wäre. Das gibt dem Anhänger des Spiritismus ein Alleinstellungsmerkmal und ich folge ihm gern bei der Lösung seiner mysteriösen oder kurios erscheinenden Fälle.

In Im Namen des Katers arbeitet er anfangs an einem Fall, der aus unserer Sicht wohl „typisch haitianisch“ erscheint. Annähernd 30 Freunde des Zuckerrohrschnapses wurden bisher von einem Serienmörder, dem Katzenfressermörder, erledigt. Die Katzenfresser holten sich den letzten Kick, indem sie den Genuss des Kleren – so heißt das Getränk auf Haiti – mit dem Verzehr von Katzenfleisch noch erhöhen, der unbekannte Mörder mag das offenbar nicht. Zudem wird Dieuswalwe von seinem Chef dazu ermutigt, in privater Mission einer älteren Dame deren verschwundenen schwarzen Kater wieder zurück zu bringen. Der Kater scheint ein ganz besonderes Tier zu sein. In ihm soll der Geist und somit die Kraft und die Unverletzbarkeit von Georges stecken, dem toten Bruders der Besitzerin.

Dass der Inspektor einen von einem Hexer im Arm eingenähten Schutzgeist mit sich herumschleppt, komplettiert das Okkulte in diesem Roman, der häufig dominiert wird von tatsächlichen oder vermeintlichen guten und bösen Geistern.

Mehrmals geht es dabei um Dieuswalwe Azèmars Leben, besonders aber, als er an einem Kleren-Wetttrinken teilnehmen muss, bei dem unser Held als Sieger hervorgeht. Allerdings überlebt eine größere Anzahl der Anwesenden den Wettbewerb nicht – und das liegt nicht am Alkohol. Azémar ist mit an dem Massaker beteiligt, aber es ist nicht der erste und einzige blutige Zwischenfall auf seinem Weg zur Wiederbeschaffung des wertvollen Katers, von dem wir lange Zeit nicht wissen, ob es Georges ist, welches Geheimnis das Katzenvieh mit sich herumträgt.

Inspektor Dieuswalwe Azèmar schlägt sich auch dieses mal wieder wacker durch den Sumpf der Korruption und kriminellen Netzwerke in denen neben den Kriminellen jeglicher Coleur Politiker und hohe Polizeibeamte zu unangemessenem Reichtum kommen, von dem auch die kleineren „legalen Banditen“ – Polizisten und Beamte – ihr Stück abbekommen können. Der Inspektor gehört nicht zu Profiteuren dieser korrupten Gesellschaft. Er streicht am Ende den Finderlohn für Kater Georges ein, ganz legal.

Es ist immer wieder erfrischend, die Abenteuer von Gary Victors Helden zu erleben, die in einer uns so fremden Welt spielen, von Victor klar mit dem ganzen Schmutz der Verhältnisse in Politik und Wirtschaft zu Lasten der Bevölkerung dargestellt.

— O —

Gary Victor: Im Namen des Katers, 2019 erschienen bei Litradukt, Übersetzung aus dem Französischen von Peter Trier,

Originaltitel: Wap konn Georges (2018, Haiti)

— O —

Weitere Romane der „Inspektor Dieuswalwe Azèmar-Reihe“:

Schweinezeiten (2009, dt. 2013)

Soro (2011, dt.2015)

Suff und Sühne (2013, dt. 2017)

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2 Antworten zu Gary Victor: Im Namen des Katers

  1. Gunnar schreibt:

    Oh, neuer Stoff aus Haiti. Hatte ich tatsächlich noch nicht mitbekommen. Danke für die Besprechung.

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