Jock Serong: Fischzug

p1030764Wenn du deine Karriere so richtig verkackt hast, weil du als Verteidiger in einem Gerichtsprozess dem Richter deftig ans Bein gepinkelt hast, als Folge davon für ein paar Tage bei Gericht nicht mehr zugelassen bist und dazu einige Nächte in einer Zelle über dein Benehmen nachdenken sollst, dann scheint dein Ende gekommen zu sein.

(Ich entschuldige mich an dieser Stelle für die Ausdrucksweise, aber als Leser empfinde ich die Eingangsszene dieses Kriminalromans so drastisch, dass Worte wirken müssen.)

Es ist Rechtsanwalt Charlie Jardim, der ausgerastet ist und nun auf der Straße steht, zumal seine Beziehung zu einer erfolgreichen Kollegin gerade in die Brüche geht. Aus dieser miesen Situation wird Charlie unverhofft von einem Staatsanwalt befreit, der ihm einen Job als Assistent der Staatsanwaltschaft anbietet. Dazu soll der junge Anwalt vier Autostunden westlich von Melbourne helfen, ein mysteriöses Verbrechen aufzuklären, bei dem ein Fischerboot auf offener See verbrannte und ebenso der Fischer, getötet durch einen Kopfschuss. Zudem bekommt Charlie die Aufgabe zu klären, ob die Aussage des Bruders des Toten den Tatsachen entspricht, die dieser der Polizei gegenüber gemacht hat.

Nun ist die kleine Küstenstadt im australischen Bundesstaat Victoria, in dem die mutmaßlichen Mörder und Zündler und die Familie des Opfers leben, nicht gerade aufgeschlossen gegenüber Fremden wie Charlie. Misstrauen und Verschwiegenheit der Einwohner von Dauphin prägen das Verhältnis zum Anwalt. Nicht verwunderlich, da die Akteure in diesem Verbrechen durch illegalen Handel mit seltenem Meeresgetier und speziellen Kurierdiensten verbandelt sind.

So hat Patrick, der Bruder des Toten, gar kein Interesse, die Wahrheit zu sagen: Sein Leben in Dauphin ist geprägt durch die Abhängigkeit von Kumpanen und deren Dominanz in der Stadt.

Er stand auf, ging ein paar Schritte vom Feuer weg, drehte sich um und pinkelte auf einen Strandhaferbusch“ ist neben einer Szene, in der Charlie verprügelt wird , nahezu die Action-reichste Angelegenheit dieses Kriminalromans, der von der Zähigkeit Charlies Ermittlungsarbeit, dem Misstrauen der Einheimischen und der Angst Patricks, vor den Folgen einer richtigen Aussage geprägt ist.

Bis zu dem Punkt an dem das Verfahren über den Mord beginnt, ist Fischzug ein düsterer Roman, der in einem scheinbar intakten Kleinstadtmilieu spielt, in das trotz großem Bemühens kaum von außen einzudringen ist. Er zeigt die Verwerfungen in einer solchen Gemeinschaft, deren Mitglieder wenig Gemeinsamkeiten haben, deren Zusammenleben zumeist nur durch fatale Abhängigkeiten geprägt ist. Ein Leben ohne Illusionen mit wenig Perspektiven für die wenig Privilegierten. Ein klare Rollenverteilung, an der die Underdogs kein Interesse an Veränderungen haben, vor Angst, dieses Ungleichgewicht zwischen ihnen und den Platzhirschen könnte sich noch mehr zu ihrem Nachteil verschieben.

Wird im folgenden Mordprozess so ein armer Wicht wie Patrick als Zeuge verhört, gerät er zum Spielball taktischer Spielchen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung und vom armen Wicht zum unzuverlässigen Trottel.

Vielleicht wäre es einfacher, eigene Wege zu beschreiten, um mit diesem Scheiß fertig zu werden. Vielleicht können wir irgendwann mal diesen ganzen Quatsch von Meineid und Schwurgericht und so weiter einfach beiseite lassen“, bemerkt Patrick bereits vor Beginn des Prozesses. Und Charlie denkt darüber danach: „Man muß schon (als Staatsanwalt oder Verteidiger) fanatisch an dieses System glauben, um die Argumentation mit soviel Sorgfalt aufzubauen, ohne dem Hochmut u verfallen, den eigenen Argumenten zu glauben.“

Ein Fischzug, der es in sich hat und für Patrick in einer nicht zu erwartenden Weise ausgeht. Groß gegen Klein in der Provinz des australischen Victorias, Hochmut der Justiz und zwischendrin ein Anwalt, der nicht weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist.  Ein Kriminalroman, der nicht einfach weggelegt und vergessen werden kann.

— O —

Jack Serong: Fischzug (Polar Verlag, 2018, Übersetzung: Robert Brack)

Originaltitel: Quota, 2014 (Australien)

— O —

Jock Serong, Anwalt und Autor, lebt mit seiner Familie an der Südwestküste Victorias, dort wo der Krimi geographisch angesiedelt ist.

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Eine Antwort zu Jock Serong: Fischzug

  1. krimiautorenaz schreibt:

    Bin angefixt!
    Robert Brack, Autor des grandiosen Thrillers ‚Das Gangsterbüro‘ aus dem Jahr 1995, ist bekanntlich auch als Übersetzer grosse Klasse (Robert B. Parker, Jerry Oster).

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