Peter Jackob: Am Limit

VORWORT: Als Wiesbadener sitze ich hier mit sauertöpferischer Miene vor Schack Bekkers fünftem Fall, in dem Wiesbaden und deren Bewohner mal wieder ihr Fett abbekommen. Die echten Meenzer werden dagegen von diesen Einlassungen begeistert sein. Aber jene, die von mir aus gesehen auf der anderen Seite des großen Flusses leben, können sich bekanntlich für wesentlich Geringeres erfreuen: ihren Fasching. Und wenn bei einer platten Büttenrede der Redner zwischen den Reimen lauthals flatuliert (für die Meenzer verständlich ausgedrückt: einen Furz krachen lässt), dann geraten meine Freunde aus Rhoihesse eh aus dem Häuschen.

20181031_135629Soviel zum Verständnis, wie ich an die Besprechung von Peter Jackobs neuesten Krimi herangehe, dessen Ende ich hier schon mal verrate:

Die Bösen werden geschnappt, Bekkers Liebste und Kollegin Erna ist schwanger und dem Schwängerer gelingt es doch noch nach einer langen Phase des Zauderns kurz vor Rosenmontag just für diesen Tag ein Lokal zu finden, um mit 60 Freunden seinen 60. zu feiern.

 

Jetzt aber:

Schnell wird beim Lesen klar, dass es sich um Doping und kriminelle Machenschaften im Umfeld dieser leistungssteigernden Methode handelt.

Zunächst wird bei einem Einbruch die Leiche eines jungen künftigen Superläufers aus der Mainzer Rechtsmedizin gestohlen. Das große afrikanische Talent war just zu der Zeit nach Mainz gekommen, als ein Kongress über Doping stattfinden sollte, fiel beim Training tot um, die Leiche kam zur Obduktion in die Rechtsmedizin. Aber bevor nach der Todesursache geforscht werden konnte, war das Kühlfach B 221 (die Bakerstreet und Sherlock Holmes lassen grüßen), in dem der Tote lag, leer.

Schack Bekker und seine Kollegin/Mutter seines künftigen Kindes stehen vor einem Rätsel. Zum Glück hat Hütchen-Jürgen, Kleinkrimineller-Obdachloser-Bekannter von Schack, in der Nacht des Einbruchs die Augen offen und gibt dem Kommissar einen Hinweis auf die Leichen-Entführer. Aber diese Erkenntnis bringt die Ermittlungen nicht so recht weiter, denn das Auto und mit ihm einer der „Entführer“ geht in die Luft, kurz bevor Bekker es inspizieren will.

Der nächste Tote – somit schon die Nummer 3 – läßt nicht lange auf sich warten. Es ist ein Wissenschaftler, der auf dem (Anti-)Dopingkongress einen, so hatte er sich einige Zeit zuvor geäußert, Vortrag brisanten Inhalts halten wollte.

Allmählich wird es für Bekker und seine Crew klar, dass es sich um spektakuläre Dinge im Umfeld des Dopings handeln muss, die dazu führen, dass soviel Arbeit auf den Kommissar zukommt,  er sich somit kaum um die Planung der Feier zu seinem 60. kümmern kann. Ihm rauscht der Kopf trotz Gauloises, Espesso, Bier und Wein, weil er zunächst nicht erkennt, wer zu den Guten, wer zu den Bösen gehört, ahnt nur, dass etliche der Kongressteilnehmer die Nummer 4 in der Liste der Toten sein können. Und wie es sich für einen guten Kriminalroman gehört, kommt es zum filmreifen Showdown an einer der spektakulärsten Stellen in Mainz: dem Hohen Dom und speziell dem Westturm. Dabei kann unser Held Schack Bekker seine ganze Erfahrung und die Intuition ausspielen, die ihn so einmalig machen. Und ein paar Tage später und nachdem Freundin Erna ihm vom positiven Ergebnis des Schwangerschaftstest erzählt hat, feiert Schack mit all seinen Freunden am Rosenmontag seinen 60. Gebutstag. Wie es bei Mainzern so üblich ist, wird dabei mal wieder über Wiesbaden und die Wiesbadener geätzt.

Daraus ist zu erkennen, dass es sich um einen echten Meenzer Krimi handelt, mit viel Lokalkolorit. Wir begleiten Bekker dabei durch die alten und schmalen Gassen der Mainzer Altstadt, steigen die Treppe im Frankfurter Hof hoch, essen bei FischJackob in der Fischtorgasse ein Fischbrötchen, gehen mit ihm zu seiner Wohnung in die Fischgasse.

EINSCHUB: Für einen Wiesbadener wie ich es bin und der sich ab und zu inkognito in die Mainzer Altstadt wagt, das Auto mit dem WI weit weg geparkt, eine hübsche Szenerie für einen Krimi.

Andererseits ist dieser fünfte Fall, bei dem Schack Bekker im Schatten des Doms ermittelt, ein Plot aus der großen Welt des Dopings, über synthetische Steroide, die sich schwer nachweisen lassen und deren Geschichte angefangen hat mit der BALCO-Affäre. Forscher-Eitelkeit und Liebschaften unter den Wissenschaftlern und die Erkenntnis aus Kleists „Der zerbrochene Krug“, dass jedwedes Übel ein Zwilling ist, treibt die Handlung. Diese Erkenntnis des Schack Bekkers zeigt, dass er nicht nur der zuweilen schrullige, in Mainz und Erna verliebte alternde Kommissar ist, sondern auch in der Welt der Literatur zu Hause ist, durchaus mit einer gehörigen Portion Intellekt ausgestattet, sodass Plattitüden wie bei schlechten Büttenreden nicht vorkommen.

Wenn mich denn beim nächsten Fall für Schack Bekker jemand fragt: „Wolle mer’n eroilasse?“, werde ich die Frage natürlich mit „Eroi mit’m!“ antworten.

Ein amüsanter Krimi zu einem brisanten Thema!

— O —

Peter Jackob: Am Limit, erschienen 2018 im Societäts Verlag

— O —

Weitere Schack-Bekker-Krimis, besprochen auf KrimiLese:

Schotten dicht (2014)

Verschossen (2016)

Andere:

Jackob, Peter – Das Geheimnis von Compton Lodge – Ein Sherlock Holmes Roman (2012)

Jackob, Peter – Kilju (2014)

 

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